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Gesammelte Werke

Chapter 7

Section 7

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Sanbleute jtanben nidjt etwa über ben Zatholifchen, als Bin: megiebenb über verdummte Menſchen, fondern fie glaubten alle Mährchen derfelben getreulih mit, nur bielten fie den Inhalt für übel unb verwerflih, und fie ladjten nicht über den Katholicismus, fondern fie fürdhteten fid) vor demfelben, als vor einer unbeimlidn Heidnifhen Gad. Eben fo wenig, als e8 ihnen möglid) war, fid) unter einem Freigeiſte einen Menſchen vorzujtellen, weldher mirflid) in feinem Innern nichts glaube, fo wenig waren [ie imitande, von jemandem anzu- nehmen, daß er zu vieles glaube; ihr Maß beitand einzig darin, Rd) nur zu denjenigen geglaubten Dingen zu befennen, melde vom Guten und nit vom Böfen jeten.
Der Mann der Frau Margret, Bater Jakoblein genannt, von ihr fdjledjtbin Vater, war fünfzehn Jahre älter als fie, und näherte fid) ben Achtzigen. Gr bejaB eine fait ebenfo lebhafte Ginbilbungsfraft, wie feine Frau, dabei reichten feine Erinnerungen nod) tiefer in bie Sagenmwelt der Vergangenheit zurüd; bodj faßte er alles von einer fpaßhaften Seite auf, ba er von jeher ein fpaßhaftes unb aiemlid) unniüges Männ- lein gewefen war, und fo mußte er ebenjo viel Lächerlidhen Spuf und verdrehte Menſchengeſchichten zu erzählen, als feine grau ernfthafte und jchredlihe In feine frühſte Jugend waren noch bie legten. Herenprogelie gefallen, unb er bejdjrieb mit Humor aus ber mündlichen Ueberlieferung gefchöpfte Hexenſabbathe und Banlette ganz genau fo, wie man fie nod) ın den altenmäßigen Geſchichten jener Prozeſſe, in bem meit- laufigen 9Inflagen und erzwungenen Gejtändniffen liejt. Dieſes Gebiet fagte ihm befonders zu, unb er perfidjerte feierlidh von einigen feltfamen Berfonen, daß fie febr wohl auf bem Beſen⸗ itiele zu reiten verftänden, verſprach aud) von einem Tage zum andern, fo lange er lebte, von einem Herenmeilter feiner Belanntichaft bie Salbe herbeizufhaffen, mit meldjer bie Beſen
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bejiridjen würden, um darauf aus bem Gdjorniteime fahren zu können. Diefed gebieb mir immer zum größten Jubel, bejonber8 menn er mir bie projeltierte Fahrt bei ſchönem Wetter, wo ih dann vorn auf dem Stiele figen follte, von ihm feitgehalten, mit Iujtigen 9tusfidjten au8malte. Er nannte mir mandjen ſchönen Kirfhbaum auf einer Höhe, oder einen trefflihen Bflaumenbaum aus feiner Belanntichaft, bei welchem Halt gemadjt und gena[djt, ober einen delifaten Grbbeeridjlag in biejem oder jenem Walde, wo tapfer geihmauft merben folle, indeffen der Befen an eine Tanne gebunden würde. Auch benadjbarte Jahrmärkte wollten wir bejuden und in bie per|djiebenen Schaubuden, ohne Eintrittsgeld, durch das Dad eindringen. Bei einem befreundeten Pfarrherrn auf einem Dorfe müßten wir freilih, wenn mir ander von feinen be rühmten Würſten etwas zu beißen befommen wollten, ben Beſen im Holze verjtedlen und vorgeben, wir feien zu Yuß gefommen, um bei bem herrlichen Wetter den Heren Pfarrer ein bißchen heimzufudhen; hingegen bei einer reichen Herenwirtin in einem andern Dorfe müßten wir fef zum Gdjornitein Bineinfabren, damit fie, in der töridhten Meinung, ein paar angebenba hoffnungsvoller Herer bei fidj zu jehen, uns mit ihren por trefflihen Pfannkuchen mit Sped und mit frijdjem Honig ohne Rückhalt bemirte. Daß unterwegs auf hohen Bäumen und Felſen Einfiht im die feltenjten Bogelneiter genommen unb ba8 Zauglidjjte von jungen Vögeln ausgeſucht würde, verftand fid) von ſelbſt. Wie alles ohne Schaden zu unternehmen fei, dafür Hatte er bereits eine Auskunft und fannte die Formel, mit melder der Teufel nuch beenbigtem Vergnügen, um feinen Teil gebrad)t würde.
Auh in bem Gefpenfterwefen war er ſehr erfahren; bod aud) bier verdrehte fid) ihm alles zum Quftigen. Die Angft, mweldhe er bei [einen Abenteuern empfunden, war immer eine
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bodjt komiſche unb endete öfter mit einem pfiffigen Streiche, melden er ben Quälgeiſtern gelpielt haben wollte.
Auf Diefe Weife ergänzte er trefflih das phantaftifche Weſen feiner Yrau, und idj Hatte fo die Gelegenheit, unmit- telbar aus ber Quelle zu fdjopfen, was man fonit ben Kin⸗ dern ber Gebilbeten in eigenen Märchenbüchern zuredht madjt. Wenn ber Stoff aud) nicht fo unverfärglid mar, mie in biefen, und nicht für eine fo unfdjulbige finbltdje Moral bered)net, fo enthielt er nichtsdeſtoweniger immer eine menfhlihe Wahr- bet und machte, befonders ba in dem vielfältigen Sammel- frame der Frau Margret eine reiche Yundgrube die finnliche Anſchauung vervollitändigte, meine Einbildungskraft freilich etwas frühreif und für ftarfe Ginbrüde empfänglidh, etwa wie die Kinder des Volkes [rif an bie früftigen Getränke ber Crmadjjenen gewöhnt werden. Denn mas id) hörte, beichränfte ih nicht allein auf diefe überfinnliche Fabelwelt; fondern bie Leute bejpradjen audj auf die leidenfchaftlichite Weile ihre eigenen und fremde Gdjidjale, und bauptfähli das lange Leben der Frau Margret und ihres Mannes mar reidj an erniten unb beitern Ge[djidjten, an Beifpielen der Geredjtigfeit und Ungerechtigkeit, der Gefahr, Not, Berwidelung und Be- freiung; Hunger, Krieg und Aufruhr Hatten fie gefehen; jebod) ihr eigenes Verhältnis zu einander war fo fonderbar von Veibenidja[ten bewegt, und e8 traten jo urſprünglich dämo— niſche Gewalten der 3Renjdennatur darin zu Tage, daß id) mit kindlich erftauntem Auge in bie wilde Ylamme jab und (don tiefe Eindrüde empfing.
Während nämlid die Frau Margret die bewegende und erhaltende Kraft in ihrem Haushalte war, den Grund zum jegigen Wohlitand gelegt Hatte und jederzeit das Heft in den Händen Diet, war ibr Mann einer von denjenigen, weldje nihts Eigenes gelernt haben mod) thun fónnen und daher
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darauf angewieſen find, mehr ben Handlanger einer tbatftüi tigen rau zu machen und auf eine müßige Weile unter bem Schilde ihres NRegimentes ein ruhmlofes Dafein zu führen. Als die Frau, befonders in frühern Jahren, durch fede Be nugung ber Zeitläufe und originelle Handſtreiche in wörtlichem Sinne Gold zufammenhäufte, fpielte er nur die Rolle eines bienfibaren Hausfoboldes, welcher, menn er feine Handleiftungen gethan Hatte, mit dem, was ibm die Frau gab, fid) gütlich that unb dazu allerhand Späße trieb, melde münniglid e gögten. Sein unmännlicdher Mangel an Rat und YZuverläffig- feit, die Erfahrung, daß fie in fritijdjem Fällen nie einen kräftigen Schuß in ihm fand, lieben Frau Margret auch feine | fonftigen Leiftungen überfehen und erflärten die unbefangene Art, mit welder fie ihn ohne weiteres von ber Mitherrſchaft über die Geldtruhe ausídjlog. G8 Hatte aud) lange Zeit feines von beiden ein Arges dabei, bis einige Dhrenbläſer, morunter aud) jener rünfejüdjfige Schneider, bem Wanne das Demütigende feiner Lage vorhielten und ihn aufhetzten, enblid eine Teilung des Ermworbenen und vollitändige Mitberrichaft zu verlangen.
Gogleidj ſchwoll ihm der Kamm gewaltig und er drobte, die ſchlimmen Natgeber hinter fi), der bej|türgtem Frau mit den Gerichten, menn [ie nicht feinen Anteil an dem „gemein- Ihaftlih erworbenen” Gute herausgäbe. Sie fühlte wohl, daß e8 mehr um einen gewaltfamen Raub, als um ein ebr. liches Rechthalten zu thun fei, und jträubte ſich mit aller Kraft Dagegen, zumal fie mußte, daß fie nad) mie vor die einzig erhaltende Kraft im Haufe fein würde Sie hatte aber die Gefege gegen fid, da diefe nicht auf eine Ausſcheidung ber beitragenden Kräfte eingehen konnten, und zudem gab ber Mann vor, fi allerlei mutmwilliger Anlagen bedienend, fid nad) gefhehener Teilung von ihr trennen zu wollen, fo daß
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fie betánbt unb beſchwatzt wurde unb, Trank und halb bemußt- 08, bie Hälfte von allem SSefige herausgab. Er nähete [o- glei} feine ſchimmernden Goldſtücke, je nad) ber Art, in lange, wurftartige Beutel, legte diefelben in einen Koffer, ben er am Boden feitnagelte, fette fi darauf und fchlug feinen Helfers- heifern, welche aud) ihren Anteil zu erfchnappen gehofft hatten, ein €dnippdjen. Im übrigen blieb er bei feiner Frau unb lebte nad) mie vor bei und von ihr, inbem er nur dann zu feinem Schatze griff, menn er eine Privatliebhaberei befriedigen mollte. Sie erholte ih indeflen wieder und hatte nad) einiger Jet ihren eigenen Schaf wieder vervoliftändigt und mit ben Jahren verboppelt; aber ihr einziger Gedanke war feit jenem Lage der Teilung, mit der Zeit wieder in ben Belib des Ent- riffenen zu gelangen, und das mar nur möglich burd) den Tod ihres Mannes. Daher ging ihr jedesmal ein Stich dur das Herz, wenn er ein Glolbftüd umwechſelte, unb fte barıte unverwandt auf feinen Tod. Gr bingegen wartete edenfo ſehnlich auf den ihrigen, um Herr und Meifter des ganzen Bermögend zu werden und in voller Unabhängigkeit den Reit feines langen Lebens zuzubringen. Dieſes grauens bafte Verhältnis Bätte man freilich auf ben erſten Bid nicht geahnt; bewn fie lebten zufammen mie zwei gute alte Qeutdjen und nannten fid) nur Bater unb Mutter. — Snsbefonbere blieb bie SRargret in allem Einzelnen auch gegen ihn bie gute und freigebige Frau, bie fie fonft war, unb fie hätte vielleicht ohne ben vierzigjährigen Lebensgenoſſen und fein fpaßhaftes Umher⸗ treiben nicht einen Tag leben können; aud) ihm mar es mitte leweile wohl genug unb er beforgte mit humoriftifcher Ge idaftigleit bie Küche, während fie im Kreife ihrer fhwärme- riſchen Genoffen bie überfüllte Bhantafie entzügelte.
Doch in jeber Jahreszeit einmal, wenn in ber Natur die großen Veränderungen geídjabem unb bie alten Menfchen
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an bie fdjnelle Bergänglichkeit ihres Lebens erinnerten und ihre förperlichen Gebrechen fühlbarer wurden, ermadjte, meijtens in bunflen fchlaflofen Nächten, ein entfeglicher Streit zwiſchen ihnen, daß fie aufredjt in ihrem breiten altertümlihen Bette faßen, unter dem Einen buntbemalten Himmel und bis zum Morgengrauen, bei geöffneten Fenſtern fid) bie tödlihen Be— leidigungen und Zankworte zufchleuderten, bab bie jtillen Gaffen davon mieberballten. — Sie warfen ftd bie Bergehungen einer fern abliegenden, ſinnlich burdjlebten Jugend vor und riefen Dinge burd) bie lautlofe Stadjt aus, melde lange vor der Wende diefes Jahrhunderts, in Bergen und Gefilden ge fhehen, wo feitdem ganze dichte Wälder entweder gewachſen oder verjdjmunben, und deren Teilnehmer längſt in ihren Gräbern vermodert waren.
Dann jtellten fie ftdj darüber zur 9tebe, melden Grund ba8 eine denn zu haben glaube, das andere überleben zu fónnen? und verfielen in einen elenden Wettjtreit, wer von ihnen wohl nodj bie Genugthuung haben werde, den anderen tot vor fid) zu fehen.
Wenn man am Tage darauf in ihr Haus kam, ſo wurde ber greuliche Streit vor jedem Eintretenden, ob fremd obe befannt, fortgeführt, bi& die rau erfhöpft war und in Weinen und Beten verfiel, indes ber Mann anjdjeinenb munterer wurde, Iuftige Weiſen pRff, fih einen Pfannkuchen buf und fortwährend irgend eine laufe dazu hermurmelte. Er fonnte auf Diele Weiſe einen ganzen Morgen hindurch nichts fagen, al& immer: Einundfunfzig! einundfunfzig! einundfunfzig! oder zur Ab» wechfelung einmal: Ich weiß nicht, ich glaube immer, bie alte Kunzin da drüben ift heute früh fpazieren geritten! fie Bat geitern einen neuen Beſen gelaujt! ih babe fo was im ber Luft flattern fehen, das faf ungefähr aus, mie ihr roter Unter- rod; fonderbar! Bm! einundfunfzig u. f. f. Dabei hatte «
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Gift und Tod im Herzen und mußte, daß feine Frau burd) ba8 Betragen doppelt litt; denn fie hatte feine Bosheit nod) Mutwillen, um den Kampf auf biefe Weife fortzufeßen. Was aber beide in biejem Zuftande jid) zu Leide taten, beitand dann gewöhnlich in einer verjchwenderifchen Freigebigkeit, womit fie alles befchenkten, was ihnen nahe fam, gleidjam als wollte eine3 vor des anderen Augen ben Belig aufzehren, mad) dem ein jedes trachtete.
Der Mann war gerade Tein gottlofer Menſch, fondern ließ, indem er in der gleichen wunderliden Art, wie an Ges fpenfter und Heren, fo aud an Gott und feinen Himmel glaubte, denfelben einen guten Mann fein und badje nicht im mindeiten daran, fid aud) um bie moraliihen Lehren zu be= fümmern, welde aus biejem Glauben entípringen follten; er a& und iranf, ladjte und fluchte und machte feine Schnurren, ohne je zu tradhten, fein Leben mit einem ernitern Grundjate in Einflang zu bringen. Über audj der Frau fiel es niemals ein, daß ihre Leidenfchaften mit bem religiöfen Gebahren im Widerſpruche fein fónnten, und fie zeichnete fid) vor ihren Ihmaufenden 9fbeptinnen darin aus, daß fie niemals dem Aus: brude bejjem, was fie bewegte, einen Zügel anlegte. Sie liebte und hate, fegnete und verwünſchte und gab fid unverhüllt und ungebemmt allen Regungen ihres Gemütes hin, ohne je an eine eigene mögliche Schuld zu denken, unb jid) unbefangener Weiſe ſtets auf Gott unb feinen mádjtigen Einfluß berufend.
Jede ber Gbebáliten Hatte eine zahlreiche Berwandtidaft blutarmer Leute, welche im Lande zerjtreut wohnten. Diele teilten unter fid die Hoffnung auf das gewidhtige Erbe um jo mehr, als Frau Margret, zufolge ihrer Bartnüdigen Ab- neigung gegen unperbejjerlid) arm 3Bleibenbe, ihnen nur ſpär⸗ fije Gaben von ihrem Ueberfluffe zukommen lie unb fie nur an Feiertagen gaftlich fpeifte und tränkte. Alsdann erjdjienen
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von beiden Seiten ber die alten Bettern unb Baſen, Schmeitern und Schwäger mit ausgehungerten langnafigen Töchtern und bleihen Söhnen, und trugen Sädlein und Körbe herbei, welche die fümmerliden Gaben ihrer Armut enthielten, um bie alten Iaunenhaften Leute für fid) zu gewinnen, und worin fte reichere Gegenjpenben nad Haufe zu tragen bofften. Diefe Sippſchaft mar fhroff in zwei Lager ge[djieben, die fidj in dem Streite, ber zwiſchen den Hauptperfonen Berrídjte, ebenfalls bem Hoff nungen auf ben früheren Tod des Gegner Dingaben, um einjt ein vergrößertes Erbe zu erhalten. Sie baßten unb be feindeten fid) eben fo ſtark unter einander, als bie Leiden- ſchaften Margrets und ihres Mannes bas Vorbild dazu ab. gaben, umb es entitand jedesmal, nadjbem bie zahlreihe Ge fellidjaft fid) an bem ungewohnten lleberfiujfe gejättigt unb | gewärmt hatte unb ber Uebermut ben anfängliden Zwang auflöfte, ein mächtiger Zank zwifchen beiden Parteien, baf fub bie Männer die übrig gebliebenen Schinken, ehe fie diejelben in ihre Reifefäde jtedten, um bie Köpfe fchlugen und bie armen Weiber fid) gegenfeitig unter die blaffen [pigigen Rafen ffimpften und über dem befriebigten Magen ein Herz voll Reid und Aerger auf den Heimweg trugen. Ihre Augen funtelten jtechend unter ben dürftig aufgepngten Sonntags: bauben hervor, wenn fie mit langen Schritten, bie pollge pfropften Bündel unter bem Arme, au& bem Thore zogen und fid) grollenb auf den Gdjeibemegen trennten, um ben entlegenen Hütten zugueilen.
Goldjermeije ging e8 viele Jahre, bis bie alte Fran Margret mit dem Sterben ben Anfang madte unb in jene fabelbafte 9teid) der Geijter und Gefpeniter jelber Dinüberging. Sie hinterließ unermarteter Weife ein Teſtament, welches einen eanzelnen jungen Bann zum alleinigen Erben einfebte; es war ber legte und jüngite jener Günftlinge, an deren Gemwandtheit
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und Wohlergehen fie ihre Freude gehabt Hatte, und fie mar mit ber Heberzeugung gejtorben, daß ihr gutes Gold nidjt in ungeweihte Hände übergehe, jondern die Kraft und die Quit tüchtiger Leute fein werde. Bei ihrem Leichenbegängniffe fanden ih ſämtliche Verwandte beider Ehegatten ein, und e8 war ein großes Geheul und Gelärm, als fie fid) aljo getáujdt fanden. Sie vereinigten fid) in ihrem Sorne alle gegen ben glüdliden Erben, welcher ganz ruhig feine Habe einpadte, was irgend von Ruben mar, unb auf einen großen Wagen Id. Er überließ den armen Leuten nichts, als bie por. banbenen Borräte an Lebensmitteln unb bie gefammelten Selt- jamfeiten unb Bücher der Seligen, infofern fie nidjt von Gold, Silber ober [onitigem Gehalte waren. Drei Tage und drei Nächte blieb ber mebflagenbe Schwarm in dem Trauerhaufe, bi8 ber legte Knochen zerſchlagen und bejjen Mark mit dem legten Biffen Brot aufgetunft war. Sodann zerjtreuten fie fid) allmählich, ein jeder mit dem Andenken, ba8 er nod) erbeutet hatte. Der eine trug einen Bad Heiden- und Götzenbücher auf der Schulter, mit einem tüchtigen Stride zufammengebunden und mit einem Sceite gefnebelt, und unter dem Arme ein Sädlein geirodneter Pflaumen; ber andere hing ein Mutter⸗ gottesbild an feinem Stabe über den Rüden und wiegte auf dem Kopfe eine funjtreid) gefchnigte Lade, [febr geihidt mit Kartoffeln ange[üllt in allen ihren Fächern. agere lange Jungfrauen trugen zierliche altmobi[dje Weidenkörbe und bunt- bemalte Schadjteln, angefüllt mit fünftlihen Blumen und per: gilbtem Ylitterfram; Kinder (djleppten wächſerne Engel in den Armen ober trugen hinejifhe Srüge in den Händen; e8 war, als fähe man eine Schar Bilderftürmer aus einer geplünderten sche fommen. Doch gebad)te ein jeber feine Beute als ein werte 9(ngebenfen an die Berjtorbene aufzubewahren, fid)
ihlieglih an das genofjene Gute erinnernd, und zog mit Seller I. 6
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Wehmut feine Straße, inbejjen ber Haupterbe, neben feinem Wagen einherfchreitend, plóglid) halt machte, fid) befann, darauf die ganze Ladung einem Trödler verfaufte unb aud) nidt einen Nagel aufbewahrte. Dann ging er zu einem Goldſchmied unb verfaufte bemjelben die Schaumünzen, feldje und Ketten, und aog endlih mit rüftigen Schritten aus bem Thore, ohne fid; umzufehen, mit feiner biden Gelbfage und feinem Stabe Gr [dien froh au fein, eine perbrieplidje und langwierige An- gelegenheit erledigt zu ſehen.
Sn bem Haufe aber blieb der alte Mann allein und einfam zurüd mit dem zuſammengeſchmolzenen Reſte jener früheren Zeilung. Gr lebte nod) drei Jahre und ftarb gerade
an dem Tage, wo das legte Goldſtück gemedjfelt werden mußte. |
Bis dahin vertrieb er jid) bie Zeit damit, daß er fid) vornahm und ausmalte, wie er im Senfeits feine Yrau baranguieren
wolle, wenn fie da „mit ihren verrüdten Ideen herumfchlampe‘, -
und meldje Gtreidje er ihr angelidjt8 ber Apoftel und Propheten [pielen würde, daß bie alten Gefellen was zu lachen befümen. Auh an mandjen Toten feiner Belanntichaft erinnerte er [uj und freute fi) auf die Wiederbelebung verjährten Unfuges beim
Wiederfehen. Ih hörte ihn immer nur in fol Iuftiger Ad
vom zufünftigen Leben fpredhen. Er war nun blind und bald neungig Sabre alt, unb wenn er von Schmerzen, Trübfal und Schwäche heimgefucht, traurig und flagenb wurbe, fo jprad er nichts pon diefen Dingen, fondern rief immer, man [ole bie Menfchen tot[djlagen, ehe fie fo alt und elenb würden. Gnblid ging er aus, wie ein Licht, deſſen legter Tropfen Del aufgezehrt ijt, ſchon vergeſſen von ber Welt, und ich, als ein Berangemadjjener Menſch, mar vielleicht der einzige Be
fannte früherer Tage, welcher bem zufammengefallenen Reiten —
Aſche zu Grabe folgte. tot.
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Adıtes Kapitel. Aiuderserbreden,
Gleid bem Ehorus in ben Schaufpielen der Alten hatte ih von meiner frübiten Jugend an das Leben und bie Gr. eigniffe in biejem nadjbatliden Haufe betrachtet und war ein allezeit aufmerfjamer Teilnehmer. Ich ging ab unb zu, fehte mid) in eine Ede ober ftand mitten unter den Handelnden und Lärmenden, wenn etwas vorfiel. Ich Holte bie Bücher hervor und verlangte, weilen ich von ben Sehenswürdigkeiten beburfte, oder fpielte mit den Gdjmudjadjen ber rau Margret. Alle die mannigfaltigen Berfonen, weldhe in ba8 Haus lamen, fannten midj, und jeder war freundlich gegen mid), weil biefea meiner Beſchützerin fo bebagte. Ich aber madjte nicht viele orte, fondern gab adit, daß nichts von ben gefchehenden Dingen meinen Augen und Uhren entging. Wit all diefen Eindrüden beladen, zog id dann über bie Gaffe wieder nad) Haufe und fpann in ber Stille unferer Stube den Stoff zu großen träumerifhen Geweben aus, wozu bie erregte Phan⸗ tafie den Cin[djlag gab. Sie verflodhten [ifj mir mit bem wirflihen Leben, dab id) fie faum von bem[efben unterfcheiden