Chapter 60
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ein begonnener SBorbergrunb mit je einem vermitterten Yichten- baume zu beiden Seiten des Tünftigen Bildes, deſſen Idee ich damals vor Monaten aufgegeben und bie mir gänzlid aus ber Erinnerung gejdjmunben ijt. Um nur etwas zu thun und vielleiht meine Gebanfen zu beleben, madjte ih mich daran, ben einen der zwei mit Kohle entworfenen Bäume mit ber Schilffeder auszuführen, gemürtig, was dann meiter werden wollte. Aber faum hatte ich eine halbe Stunde gezeichnet und ein paar 9(ejte mit dem einförmigen Radelmerfe befleidet, fo verſank ich in eine tiefe Zeritreuung und jtridjelte gedankenlos Daneben, mie wenn man bie $yeber probiert. Un dieje Kribelei fegte fid) nad) unb nah ein unenblidje8 Gewebe von Feder⸗ ftrichen, welches ich jeden Tag in verlorenem Hinbrüten weiter fpann, jo oft id) zur Arbeit anheben wollte, bis bas Unweſen wie ein ungeheure graue Gpinnenneg den größten Teil der Fläche bedeckte. Betrachtete man jebodj das Wirrjal genauer, fo entbedte man ben löblichiten Zafammenhang und Fleiß darin, indem e8 in einem fortgeſetzten Zuge von Federſtrichen und Krümmungen, melde vielleicht taujenbe von Ellen ausmadten, ein Labyrinth bildete, dad vom Anfangspuntte bi8 zum Ende zu verfolgen mar. Zumeilen zeigte fid) eine neue Manier, gewiffermaßen eine neue Epoche der Arbeit; neue Mujter und Motive, oft zart und anmutig, tauchten auf, und menn bie Summe von Aufmerffamteit, Zweckmäßigkeit und Beharrlichkeit, melde zu der unfinnigen Moſaik erforberlid) mar, auf eine wirflide Arbeit verwendet worden wäre, jo hätte id) gemif etwas Sehenswertes liefern mülfen. Nur bier unb da zeigten fid) Hleinere oder größere Stodungen, gemilje Berfnotungen in ben Irrgängen meiner zeritreuten gramfeligen Seele, und bie forgfame Art, wie die $yeber fid) aus ber SBerlegenbeit zu ziehen gelucht, bewies, wie das träumende Bewußtfein in dem Rebe gefangen mat. So ging e8 Tage, Wochen binburdj, unb bie
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einzige Abwechslung, wenn id zu Haufe war, beftanb barin, — daß ich mit ber Stirne gegen das Fenſter geitüßt den Zug ber Wolfen verfolgte, ihre Bildung betrachtete und inbejjen mit ben Gedanken in der $yerne fehmeifte.
Go arbeitete idj eine Tages wieder mit eingelchlum- merter Seele, aber großem Scarfiinn an ber koloſſalen frigelei, als an bie Thüre geflopft wurde. Ich erſchrak unb fuhr zufammen; aber [don war e8 zu fpät, den Rahmen weg- zufhaffen. Reinhold und Agnes traten herein, und Taum hatten wir uns begrüßt, fo erſchien Grifjon mit feiner nun mehrigen Yrau NRofalie, und ich [ab mid) von Geräuſch, Leben und Schönheit mad) gerüttelt. Beide Paare hatten nämlich bie Hochzeit bereit3 Hinter fidj und in ber Stille abgetban, Reinhold aus Ungeduld, um feine Liebesbeute rafch zu bergen, Erikſon aber, weil die Verwandten Rofalieng und bie Geijt» lidjen erjt nachträglich Tonfeifionelle Schwierigkeiten zu maden perjudjten. Allein Rofalie war im geheimen und von einfluß- reidjet Seite gefördert [d)nell zu Grifjons Glaubenspartei übers getreten, behauptend, wie Paris feiner Zeit eine Meffe, fei ihr Gdjag eine Beichte wert und noch eher, unb die Trauung war alíjobalb gefolgt. „Wir find bemnad) [djon auf der Hochzeits⸗ reife!" ſchloß Grifjon feinen kurzen $Beridjt: „einjtweilen nur auf den Gajjen diefer Stadt, morgen aber auf ber Landftraße und bald, fo Hoff id, ídon im eigenen Schiff!"
Seine Gattin hatte ingmijdjen das andere Paar begrüßt und fid mit ber ganz glüdlidjen und mwohlausfehenden Agnes unterhalten. Erikſon aber jtanb vor der Staffelei und befdjaute höchſt verwundert meine neuejte Arbeit. Dann betradjtete er mid) mit Debenfliem Geſichte unb wie id) verlegen und rot mwurde, und fagte, erjt ben Kopf jchüttelnd, bann mit demfelben ſchalkhaft nidenb:
„Du haft, grüner Qeinrid, mit bielem bedeutenden Werte
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eine neue Phafe angetreten und begonnen, ein Problem zu löſen, welches von größtem Einfluffe auf die deutſche Kunjt- entwidlung fein Tann. Es mar in der That längſt nicht mehr auszuhalten, immer von ber freien und für fich bejtebenben Welt bes Schönen, welche burd) feine Realität, burd) Feine Tendenz getrübt werden dürfe, fprechen und raijonierem zu hören, während man mit der gröbiten Inkonſequenz bod) immer Menden, Tiere, Himmel, Sterne, Bald, Yeld unb Ylur unb lauter [olde trivial wirkliche Dinge zum Ausdrude ge» braudjte. Du baft bier einen gewaltigen Schritt vorwärts ge» than von nod) nicht au beftimmender Tragweite. Denn was iit bas Schöne? Eine reine dee, dargeitellt mit Zweckmäßig⸗ feit, Klarheit, gelungener Abfiht. Die Million Striche und Strichelchen, zart und geiftreich oder felt und marfig, mie fie find, in einer 2anb[djaft auf materielle Weiſe plaziert, würden allerdings ein fogenanntes Bild im alten Sinne ausmadjen und jo ber Dergebradjten gröblichiten Tendenz fröhnen! Wohlan! Du bait bid) kurz entſchloſſen und alles Gegenftändliche, ſchnöd Snhaltlide Hinausgeworfen! Dieſe fleißigen Schraffierungen find Schraffierungen an fid), in der volllommenen Freiheit des Schönen ſchwebend; dies ijt der Fleiß, die Zweckmäßigkeit, bie Klarheit an fid, in der reigenbjter Abſtraktion! Und diefe SBerfnotungen, aus denen bu bid) auf [o treffliche Weiſe ge: zogen haft, find fie nicht der triumpbierenbe Beweis, wie Logik unb funjtgeredjtigfeit erjt im Wefenlofen ihre ſchönſten Siege feiern, im Nichts fidj Leidenihaften und SBerfiniterungen ges bären und fie glänzend überwinden? Aus nichts hat Gott bie Welt geihaffen! Sie ijt ein franfbafter Abſceß diejes Nichtſes, ein Abfall Gottes von fid) jelbjt. Das Schöne, das Poetijche, das Göttliche beftebt eben darin, baB mir uns aus dieſem materiellen Geſchwür wieder ins Nichts rejorbieren, nur dies kann eine Kunft fein, aber audj eine redjte!"
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„Aber liebfter Mann, wo willft bu bin!” rief rau Griffon, bie aufmerfjam geworben fid) zu uns gewendet Datte. Der Got» tesmadjer jperrte Mund und Augen auf; denn bie ſchnurrigen Redensarten waren feinem einfachen Gemüt in Scherz und Ernſt unverſtändlich und fremd. Ich ſelbſt fühlte mich etwas erheitert burd) Erikſons Munterkeit, ftand jebod) verlegen am Fenſter.
„Aber mein Lob,” fuhr er feierlich fort, „muß ſogleich einen Tadel gebären oder vielmehr die Aufforderung zu weis terem energi[djen Fortſchritt! In diefem reformatorijdjen Ber- jud) liegt nod) immer ein Thema vor, meídje8 an etwas er- innert; aud) mirjt du nidjt umhin können, um bem berrlidhen Gewebe einen Ctügpunft zu geben, dasfelbe durch einige ver» längerte Fäden an den Aeſten biejer alten, vermwetterten, aber immer noch Träftigen Fichten zu befeftigen, fonft fürdjtet man jeden Augenblid e3 durch feine eigene Schwere berabfinfen zu feben. $ieburd) aber fnüpft e8 jid) wiederum an bie abſcheu⸗ lidjite Realität, an gewachſene Bäume mit Jahrringen! Rein, braver Qeinrid), nicht alſo! nicht Bier bleibe ftehen! die Striche, indem fie bald fternförmig, bald in ber Wellenlinie, bald máanbrijd, bald radial jid) geitalten, bilden ein nod) piel zu materielle Mufter, welches an Tapeten oder gedrudten Kattun erinnert. Wort damit! ange oben an der Ede an und [epe einzeln neben einander Strich für Strid, eine Zeile unter bie andere; von Zehn zu Zehn made burd) einen verlängerten Gtrid) eine Unterabteilung, von Hundert zu Hundert eine Ober- abteilung, von Zaujenb zu Taufend einen Abſchluß burd) einen bideren Sparren oder Sperrling. Solches Dezimaliyitem ijt volllommene Zweckmäßigkeit und Logik, das Hinfegen der ein» zelnen Strihe aber ber in vollenbeter Tendenzfreiheit, in reinem Dafein fid) ergebende Fleiß. Zugleich wird dadurch ein höherer Zweck erreidjt. Hier in biejem Verſuche zeigt fid) immer nod) ein gemwilfes Können; ein Uinerfahrener, Stidjtfünjtler hätte die
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Grufelei nicht zuftande gebradjt. Das Können aber ijt von zu leibhafter Schwere und verurfadht taufend Trübungen und Uns gleichheiten zwifchen ben Wollenden; e8 ruft bie tendenziöje Siti! hervor und fteht ber reinen Abfiht fort und fort feind- lich entgegen. Das moberne Epos zeigt uns die richtige Bahn! Sn ibm zeigen und begeifterte Seher, mie durch bünnere oder bidere Bände hindurch die unbefledte, unjdjulbige, himmliſch⸗ reine Abſicht geführt werden kann, ohne je auf bie finiteren Mächte irdiſchen Könnens zu ftoßen! ine goldfchnittheitere ewige Gleichheit herrſcht zwiſchen der Brüderſchaft der Wollenden. Mühelos und ohne Kummer teilen fie einige taujenb Zeilen in Ge[ánge und Strophen ab, unb wer faun erme[jen, wie nahe Die Zeit iji, wo audj die Dichtung bie zu ſchweren Wortzeilen mwegmwirft, zu jedem Dezimaligiten der leihtbefhmwingten Striche greift und mit der bildenden Kunft in einer identifchen äußern Form [jid vermählt?! Alsdann wird ber reine Schöpfer- und Dichtergeift, ber in jedem Bürger fchlummert, burdj feme Schranke mehr gehemmt, zu Tage treten, und wo fid) zwei Stäbtebemohner träfen, wäre ber Gruß hörbar: „Dichter?“ „Dichter!“ ober: „Künftler?” „Künftler!" Ein zufammenge febter Senat geprüfter SBud)binber und Rahmenvergolder würde in wöchentlichen olympifchen Spielen die Würde des Prachtein⸗ bandes und be8 goldenen Rahmens erteilen, nachdem fie fid) eiblid) verpflichtet, während ber Dauer ihres Richteramtes felbit feine Epen und feine Bilder zu madjen, und ganze Stoborten verbildeter Verleger würden die gefrönten Werke in jtünblid) erfolgenden Auflagen über ganz Deutfchland Bin fo tieffinnig verlegen, daß fie Fein Teufel wieder finden Könnte!“
„Mann, hör’ auf!" rief 9tojalie nochmals, ich fenne bid) nidt mehr!"
„Laßt e8 gut fein!” fagte Grilfon; „dieſes Geſchwätz fei für einmal mein gerübrter 9[bjdjieb von ber Kunft! Von nun
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an wollen mir bergleidjen Hinter uns werfen unb und eines wohlangewandten Lebens: befleißen!“
Dann nahm er mid) mit ern|terem Blicke bei der Hand, führte mid) Hinter die große Spinnwebe und fagte Teife: „Lys kommt nicht mehr zurüd; ich habe feine Bilder zufammenrollen, _ in Kiften paden und ibm in bie Heimat [djiden müſſen, ebenfo feine Bücher und Möbeln. Er hat mir gejd)rieben, er molle als Kandidat für bie S:eputiertenfammer feine Landes auf. treten und merbe nie mehr malen, weil man bie Augen dazu braudje, was id) nicht verfiehe. So fällt er aus einer Thorheit in bie andere, unb ich möchte weinen über ibn. Und num fomme ich daher und finde bid) an einem abenteuerlidjen Grillenfang ftehen, wie bie Welt noch feinem zweiten geboren Bat! Was foll das Gekritzel? Friſch, Halte bid) oben, mad) bidj heraus aus dem verfluhten Garne! Da ijt wenigſtens ein Qodj!" Mit diefen Worten jtieß ex die Fauſt burd) das Papier und riß e8 kreuz unb quer auseinander. Ich reichte ibm bant. bar bie Hand; denn feine Worte unb energiſche Bewegung bee mwiejen mir feine periteenbe Teilnahme.
Stadjbem wir Hinter ber Kuliſſe bervorgetreten und das Loch aud) von vorn betrachtet Hatten, wurde rajd) Abſchied ge» nommen, natürlih mit bem Vorbehalte dereinitigen Wieder⸗ fehens, obgleih ih von ben vier Berfonen feine einzige je wieder erblidt Babe. Eine Minute [püter war e8 wieder toten. jtil in meinem Gemade, und die meibgeitridjene Thüre, burd) melde bie (djónen rauen und Männer verjdymunben, flimmerte mir vor den Augen, wie eine Leinwand, von meldfer mit Einem Zuge ein Bild warmen Lebens weggewilcht worden ijt.
