Chapter 6
Section 6
Dort Hatte Grau Margret diejenigen Gegenftände zujam- mengehäuft und als Zierrat angebracht, meldje ihr in ihrem Handel und Wandel am beiten gefallen, unb fie nahm feinen Anftand, etwas für fid aufzubewahren, menn e8 ihr Intereſſe ewedie. An den Wänden Bingen alte Qeiligenbilber auf
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Golbgrunb unb in ben Yenjtern gemalte Scheiben, und allen diefen Dingen fchrieb fie irgend eine merkwürdige Geſchichte oder fogar geheime Kräfte zu, was ihr diefelben Heilig unb unveräußerlih madjte, fo fehr aud) Kenner fid) mandjmal be. mübten, bie wirklich wertvollen Denkmäler ihrer Unwiſſenheit zu entreißen. In einer Truhe von Ebenholz bemabrie fie goldene Schaumünzen, feltene Thalerjtüde, Yiligranarbeiten un? andere köſtliche Spielereien, für melde fie eine große Vorliebe trug und bie fie nur wieder veräußerte, wenn ein befondere Gewinn fid damit verband. Endlid mar auf einem Wand- geitelle eine beträchtlihde Zahl unförmlidher alter Bücher auf gejpeichert, meldje fie mit großem Eifer zufammen zu fudhen pflegte. Es waren verichiedene Bibeln, alte Kosmographieen mit zahllofen Holzichnitten, fabelgefpicte Reifebeihreibungen, vorzüglich Furiofe Mythologieen aus dem vorigen Jahrhundert mit großen zufammengefalteten Kupferſtichen, welche vielfach zer: fnittert und zerriffen waren; fie nannte diefe naiv geſchriebenen Werte ſchlechtweg Heiden- oder audj Gogenbüdjer. Werner Diei fie eine reihe Sammlung folder Volksſchriften, welche Nachricht gaben von einem fünften Goangelijten, von ben Sugendjahren Jeſu, noch unbefannten Abenteuern desfelben in ber Wüſte, von einer Auffindung feines wohl erhaltenen Leichnams net Dofumenten, von ber Erſcheinung und ben Belenntnilfen eine in ber Hölle leibenben Freigeiſtes; einige Chroniken, Kräuter⸗ bücher unb Prophezeiungen vervolljtändigten diefe Sammlung. Für Frau Margret hatte ohne Unterfchied alles, mas gebrudi war, mie die mündlichen lleberlieferungen des Bolfes, eine ge wiſſe Wahrheit, unb die ganze Welt in allen ihren Gpiege lungen, das fernite ſowohl, wie ihr eigene8 Leben, waren ihr gleid wunderbar und bedeutungsvoll; fie trug nod) den unge brochenen Aberglauben vergangener Zeiten an fid) ohne Be: feinerung und Schliff. Mit neugieriger Liebe erfaßte fie alle
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und nahm e$ als bare Münze, was ihrer mogenben Phan⸗ tafie dargeboten wurde, unb fie befleidete e2 alsbald mit ben ſinnlich greifbaren Formen der Volkstümlichkeit, welche maffiven metallenen Gefäßen gleichen, die trog ihres hohen Alters burd) ben täten Gebraudj immer glänzend geblieben find. Alle bie Bötter und Gogen der alten unb jegigen heidnifchen Völker befchäftigten fie burdj ihre Gefdjidte und ihr Außeres Aus- feben in den Abbildungen, Bauptíádjli aud) daher, daß fie diefelben für wirkliche lebendige Wefen hielt, welche durd) ben wahren Gott befämpft und ausgerottet würden; das Spufen unb Umgehen joídjer halb überwundenen idjlimmen Käuze war ihr ebenfo ſchauerlich anziehend, mie das grauenvolle Treiben eines Atheiſten, unter welchem fie nicht? anderes peritanb unb perjteben fonnte, al8 einen Menjchen, welcher feiner Ueber⸗ zeugung von bem Daſein Gottes zum Zrog dasſelbe hart- nüdig und mutmillig leugne. Die großen Affen unb Wald- teufel ber füblidjen Zonen, von denen fie in ihren alten Reije- büchern las, die fabelbaften Meermänner und Meerweibdhen marem nicht? anderes, als ganze gottlofe, nun vertierte Bölfer oder fold einzelne ®ottesleugner, meldje in Diejem jammer- vollen Zuftande, halb reuevoll, halb troßig, Zeugnis gaben von dem Zorne Gottes und fidj zugleich allerlei mutwillige Nede- reien mit den Menſchen erlaubten.
Wenn nun am Abend das Teuer praffelte, bie Töpfe bampften, der Tiſch mit ben foliden vollstümlichen Ledereien bebedt wurde und Frau Margret behagli und anjebnlid) auf ihrem zierlich eingelegten Stuble ſaß, jo begann fid) nad) und nad) eine ganz andere Anhängerfhaft und Gefellichaft einzu- finden, als bie ben Zag über in dem Gewölbe zu [eben ge weſen. Es waren dies arme Frauen und Männer, melde, teils durch ben Duft des gaftlihen Zifches, teild durch bie belebte Tinterhaltung von höheren Dingen angezogen, bier
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mannigfade Erholung von ben Mühen des Tages [udjten unb fanden. Mit Ausnahme einiger weniger heuchleriſcher Schma- roger hatten ſonſt alle ein aufrichtiges Bedürfnis, fij durch Gefprähe unb Belehrungen über das, was ihnen nidjt alltäg- lid) war, zu erwärmen unb bejonber8 in beireff des SReligiojen unb Wunderbaren eine gewürztere Rahrung zu ſuchen, als bie Öffentlichen Kulturzuftände ihnen barbotem. Nichtbefriedigung des Gemütes, ungelöjchter Durft nad) Wahrheit und Erkenntnis, erlebte &djidjale, hervorgerufen durch bie verfuchte Befriedigung folder unruhigen Triebe in der jinnlihen Welt, führten dieſe Leute bier zufammen und überdies nod) in mandjerlei feltiame Sekten hinein, von deren innerem Leben und Treiben fid) Frau Margret fleißig Bericht eritatten Tieß; denn fie jelbjt mar zu weltlih und bequem, als daß fie jo weit gegangen wäre, ber- gleihen mitzumachen. Vielmehr tadelte fie mit [djarfen Worten die Kopfhänger und wurde ſarkaſtiſch unb bitter, wenn fie allzu myſtiſchen Unrat merkte. Sie bedurfte das Wunderbare und Gebeunni$polle, aber in ber Sinnenmwelt, in Leben und Schid- fal, in der äußern medjjepollen Erſcheinung; von inneren Seelenwundern, bevorzugten Stimmungen, Auserwählten u. b. g. mode fie nidjt8 hören und fangelte ihre Gäfte tüdjtig herunter, wenn fie mit [olden Dingen auftreten wollten. Außer daf Gott al$ ber kunſt- und finnreihde Schöpfer al ber wunder: baren Dinge unb Vorkommniſſe für [te eriftierte, mar er ihr vorzüglich in Einer Richtung nod) merfs unb preismwürdig: nümlidj als ber treue Beiltänder ber klugen und rübrigen Leute, welche, mit nicht unb weniger als nichts anfangend, ihr Glüd in der Welt jelbjt madjen und e8 zu etwas Ordent⸗ lidem bringen. Deshalb fand fie ihre größte Freude an jungen Leuten, meídje fid) aus einer dunklen bürftigen 9(bfunft heraus dur Talent, Sparſamkeit und Klugheit in eine gute Stellung gearbeitet hatten und wohl gar hohe SBroteftion genoffen. Das
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Heranwachſen bes Wohlftandes [older Schützlinge war ifr mie eine eigene Sache angelegen, unb menn biefelben endlich dahin gediehen waren, einen beſcheidenen Aufwand mit gutem Ge wiſſen geltend zu madjen, fo fühlte fie felbit bie größte Genug- thuung, ijrerfeit8 reichlich beizufteuern unb fid) des Glanaes mitzufreuen. Sie war von Grund aus wohlthätig unb gab immer mit offenen Händen, den Armen nnb arm Bleibenden im gewöhnlichen abgeteilten Maße, denjenigen aber, bei welchen Hab unb But anfchlug, mit wahrer Verfhwendung für ihre Berhältnifie. Es lag meiſtens ganz in ber atur folder Émporlómmlinge, neben ihren andermweitigen größeren Be ziehumgen auch bie Gunft biejer feltiamen Frau forglid) zu pflegen, bis fie burdj einen jüngern Nachwuchs endlich per. drängt wurden, unb fo fand man mid felten biefen ober jenen feingelleideten und vornehm ausfehenden Mann unter den armen Gläubigen, ber burd) fein gemeflenes Betragen diefelben verfhüchterte und unbebaglid) madjte. Auch nahmen fie wohl, menn er abmefenb war, Beranlafiung, der Frau Welifinn und Luft an irdifcher Herrlichkert vorzuwerfen, mas dann jedesmal lebhafte Erörterungen und Gtreitreben hervorrief.
Bon ihrer Freude an gebeiblidem Erwerb und emfiger Thätigleit modjte e8 aud) fommen, daß mehrere Sdjadjerjuben in den Kreis ihrer Wohlgelittenen aufgenommen waren. Die Unermüdlichlett unb ftätige Aufmerkſamkeit diefer Menfchen, melde öfter bei ihr verkehrten und ihre ſchweren Laſten ab- ftellten, volle Gelbbeutel aus unfcheinbarer Hülle hervorzogen und ihr zum Aufbewahren anvertrauten, ohne irgend ein Wort oder eine Schrift zu mechfeln, ihre billige Gutmütigfeit und neugierige Beicheidenheit neben ber unberüdbaren Pfiffigkeit im Handeln, ihre ftrengen Relionsgebräuche unb biblijdje Ab- itammung, fogar ihre feindliche Stellung zum Gbrijtentum unb
die groben Bergehungen ihrer Boreltern madjten bieje vielge- Keller L 5
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plagten unb veradhteten Leute der guten Frau höchſt intereffant unb gern gefehen, wenn fie fid) bei den abendlichen Zufammen- fünften vorfanden, am Herde der Frau Margret Kaffee kochten oder fid einen Fiſch buken. Wenn bie fromm chriſtlichen Frauen ihnen [djonenb vorbielten, wie e8 nod) nicht gar zu lange ber fei, daß die Juden doch fchlimme Käuze gemejen, Ehriftenfinder geraubt und getötet. und Brunnen vergiftet hätten, ober wenn Margret behauptete, der ewige Jude Ahaz- verus bätte vor zwölf Zahren einmal im ſchwarzen Bären übernachtet, unb fie hätte jelbjt zwei Stunden vor dem Haufe gepaßt, um ibn abreifen zu fehen, jebod) vergeblid, ba er ſchon vor Zagesanbrud) weiter gemanbert fei, dann lädhelten bie Juden gar gutmütig unb fein, und ließen fi nift aus ihrer guten Laune bringen. | |
Da fie jedoch ebenfalls Gott fürdteten unb eine ſcharf ausgeprägte Religion Hatten, jo ‚gehörten fie mod) eher im diefen Kreis, al8 man zwei weitere Berfonen darin vermutet hätte, welche allerdings irgend anderswo zu juchen waren, ala gerade bier; unb bod) [dienen fie eine Art unentbehrlichen Salzes für bie munberlide Mifhung zu fein.
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Stebentes Kapitel. Sortfehung der dran Margret.
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Es waren dies zwei erklärte Atheiſten. Der eine, ein ſchlichter, einſilbiger Schreinersmann, welcher ſchon manches hundert Särge gefertigt und zugenagelt hatte, war ein braver Mann und verficherte dann und mann einmal mit dürren orten, er glaube ebenfo wenig an ein ewiges Leben, al8 man von Gott etwas willen fóune. Im übrigen hörte man nie eine free Rebe ober ein Gpottmort von ihm; er raudjte gemütlich fein Pfeifchen und ließ es über fidj ergeben, wenn bie Weiber mit fliegenden SBefebrungsreben über ihn herfuhren. Der andere war ein bejahrter Schneidersmann mit grauen Haaren und mutwilligem, unnüßem Herzen, ber jdn mehr al8 einen Ihlimmen Streich verübt haben mode. . Während jener fid) fill und leidend verhielt unb nur felten mit feinem bürren Glaubensbekenntniſſe Deroortrat, verfuhr biejer angriffsweife unb machte fi) ein Vergnügen daraus, bie gläubigen Seelen burdj derbe Zweifel unb Berleugnungen, robe Späße und Bro» fanationen zu verlegen unb zu er[djreden, als ein rechter Eulen- fpiegel bas einfältige Wort zu verbreben unb mit bid aufge ttagenem Humor in ben armen Leuten eine [ünbDafte Qadjluit
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ja reign. Gr Defob meber großen Beritand, mod) Pietät für irgend etwas, felbit für bie atur nicht, und [dien einzig ein perfönliches Bedürfnis zu haben, das Dafein Gottes zu leugnen ober toegaumünjdjen, indeffen der Schreiner fid) bloß nicht vid daraus machte, Hingegen auf feinen Wanderjahren die Welt aufmerfjam betrachtet hatte, fid) fortwährend nod) unterrichtete und von allerlei merfwürdigen Dingen mit Liebe zu fpredjen wußte, wenn er auftaute. Der Schneider fand nur Gefallen an 9tánfen und Schwänken und lärmenden Zäntereien mit den begeijterten ®eibern; aud) fein Verhalten zu den Suden, gegenüber demjenigen bes Gargmadjers, war bezeichnend. Während bieja wohlmollend und freundlich mit ihnen verfubr, als mit feines gleichen, nedte und quälte fie der Schneider, wo er nur fonnte, unb verfolgte fie mit echt chriſtlichem Webermute mit allen tri- vialen Syubeu[püBen, die ihm zu Gebote ftanben, fo daß bit armen Teufel mandjmal wirklich böfe wurden und bie Geſell⸗ ſchaft verließen. rau Margret pflegte alsdann auch unge bulbig zu werden und verwies den Dämon aus bem Haufe; aber er fand fidj balb wieder ein und wurde immer wieber gelitten, wenn er fein altes Weſen mit etwas Vorſicht und glatten Worten wieder begann. Es war, al$ wenn bie vie tebenben und disputierenden Genoffen feiner als eines lebendigen Erempel3 bes Atheisnus beburften, wie fie ibn verftanden; denn bie8 mar er am Ende aud), indem e8 fij, wicht unbeut lih erwies, daß er den Gedanken Gottes und be Unfterblid- feit mehr zu unterdrüden fudjte, weil er ihn in einem klein⸗ Iihen unb nußlojen Treiben beſchränkte und belüftigte, und als er fpäterhin jtatb, that er dies fo verzagt und zerfnirfät, beulend unb zähneflappend und nad; Gebet verlangend, daß die guten Leute einen glänzenden Triumph feierten, inbeffen ber Schreiner eben jo ruhig und unangefodjten feinen Iepten Sarg bobelte, melden er fich felbft beitimmte, mie einft feinen erſten.
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Diefer Art mar bie Berfammlung, meídje an vielen Abenden, zumal im Winter, bei Yrau Margret zu treffen war, und id) weiß nicht, wie e3 fam, daß ich mid) plößlih am Tage oft in bem furgmeiligen Gewölbe mitten unter den Gefchäftigen und am Abend zu den Füßen ber Frau fiken fand, melde mid in große Gunſt genommen hatte. Ich zeichnete mich durch meine große Aufmerkfamkeit aus, wenn die wunderbarften Dinge von der Welt zur Gpradje famen. Die tbeologi|den unb mora. liſchen Unterfuhungen veritand id) freifid) in den erjten Jahren nodj nicht, objdjon fie oft fiublid) genug waren; jedoch nahmen fie aud) Schon damals nicht zu viele Seit in Anſpruch, da fi bie Gejellidjaft immer bald genug auf bas Gebiet ber Begeben- beiten und finnlidjen Erfahrungen, und damit auf eine Art von uaturppilojopijdjem Feld hinüber verfügte, wo ich ebenfalls zu Haufe war. Wan fuchte vorzüglih bie Erfcheinungen bec Geifterwelt, jo wie bie Ahnungen, Träume u. f. m. in leben- digen Sujammenbang au bringen und drang mit neugierigem Sinne in bie geheimnisvollen Qolalitäten des geitirnten Himmels, in die Tiefe des Meers unb der feuerfpeienden Berge, von denen mam börte, unb alles wurde zuletzt auf die religiójeu Meinungen zurüdgeführt. 63 wurden Bücher von Hellfehenden, Berichte über merkwürdige Reifen durch perjdjiebene Himmels⸗ lorper und ähnliche Aufſchlüſſe gelefen, nachdem fie der Frau Margret zur Anihaffung empfohlen worden, und alsdann Darüber gefprodhen unb bie Phantafie mit ben kühnſten Ge. danken angefülll. Der eine ober andere fügte dann nod) auf- geihnappte SBeridjte aus ber Wiſſenſchaft Hinzu, voie er von dem Bedienten eines Sternguders gehört batte, daß man burd) defien Fernrohr lebendige Wejen im Monde und feurige Schiffe in ber Sonne fehen fünne Frau Margret hatte immer die lebenbigite Ginbilbungstraft unb bei ihr ging alles in Fleiſch und Blut über. Sie pflegte mehrmals in der Nacht aufzu-
fteben unb aus bem Fenſter zu [djauen, um nadjgujeben, was in der ftillen dunflen Welt vorging, unb immer entdedte fie einen verdädhtigen Stern, der nicht wie gewöhnlich au8jab, ein Meteor oder einen roten Schein, meld" allem fie gleid) einen Kamen zu geben wußte. Alles war ihr von Bedeutung und belebt; wenn die Sonne in ein Glas Wafler fhien unb burd) basjelbe auf den hellpolierten Tiſch, fo waren bie fieben fpielen- den Sarben für fie ein unmittelbarer Abglanz der Herrlichleiten, melde im Himmel felbjt fein follten. Sie fagte: Seht ihr denn nicht bie ſchönen Blumen unb Kränze, bie grünen Ge- länder unb bie roten Geibentüdjer? diefe goldenen Glöcklein und bieje filbernen Brunnen? und fo oft die Sonne in bie Stube fdjien, madjte fie das Erperiment, um ein wenig in ben Himmel zu fehen, mie fie meinte. Ihr Mann und der Schneider ladjten fie dann aus, und der erfte nannte fie eine phantaſtiſche Kub. Jedoch auf einem feiteren Boden ftand fie, wenn von Geiftererfheinungen die Rede mar, denn bier befaß fte unleng- bare Erfahrungen die Menge, meld fie fhon Schweiß genug gefoftet Hatten; und fajt alle andern mußten aud davon zu erzählen. Seit fie nidt mehr aus bem Haufe fam, waren freilich ihre Grlebnijje auf ein häufiges Boden und Rumoren in alten Wandſchränken unb etwa auf das Umberfchleichen eines fhmarzen Schafes in der nüdjtliden Straße befchräntt, wenn fie um Mitternadyt oder gegen Morgen ihre Su[peffionen aus bem Fenſter hielt. Auch gefhah es wohl, daß fie ein Meines Männchen vor ber Qaustbür entbedie, welches, während fie mit ſcharfen kritiſchen Augen dasjelbe beobadjtete, ploglid) in bie Höhe wuchs bis unter ihr Fenſter, daß fie basfelbe faum nod) aufdjlagen und fi ins Bett flüchten Tonnte Hingegen in ihrer Jugend war e8 lebhafter hergegangen, als fie, bejonbera nod) auf dem Lande, bei Tag und Naht burd) Feld und Wald an gehen batte. Da waren fop[[oje Männer ftundenmeit ihr
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zur Seite gegangen unb näher gerüdt, je eifriger fie Delete; umgebende Bauern ftanden auf ihren ehemaligen Grundftüden und firedten ffebenb bie Hand nad ihr aus; Gehenkte raufchten von hohen Tannen hernieder mit [djredbarem Gebeul und liefen ihr nad, um in ben heilfamen S3ereidj einer guten Chriſtin zu fommen, unb fie [djilberte mit ergreifenden Worten ben pein- flier Zuftand, in bem fie fi befand, menn fie nicht unter- laffen fonnte, die unheimlichen Gefellen von der Seite angue ſchielen, während fie bod) mußte, baf diefes höchſt ſchädlich fet. Einige Male war fie audj ganz aufgefhmwollen auf der Seite, wo die Befpeniter gelaufen waren, und mußte den Doktor herbei- rufen. Ferner erzählte fie von ben Yauberein und böſen Künften, welche zur Zeit ihrer Jugend, gegen das Ende des porigen Sahrhunderts, nod) gäng und gäbe waren unter ben Bauern. Da waren in ihrer Heimat reiche gewaltige Bauern- familien, meldje alte Heidenbücher befaßen, mittelit deren fie den ſchlimmſten Unfug trieben. Daß fie mit offener Ylamme Löcher durh Strohbunde brennen fonnten, ohne bie[e zu zeritören, oder dad Waſſer bannen, ober ben Raud aus ben Gdjorn. iteinen in beliebiger Richtung auffteigen und poffierlihe Figuren bilden zu laſſen perjtanben, gehörte nur zu den unjdjulbigen Scherzen. Uber greulidj war ed, wenn fie ihre Feinde lang. (am töteten, indem fie für diefelben drei Rägel in einen Weiden⸗ baum ſchlugen unter den gehörigen Sprüchen (Margrets Vater fiechte ange Zeit infolge diefer freundfchaftlihen Manipulation, bis fie entbedt unb er burdj Kapuziner gerettet murbe), oder wenn fie den armen Leuten das Korn in ber Uehre verbrannten, um fie nadjber zu verhöhnen, wenn fie Dungerten und Rot litten. Man batte zwar bie Genugihuung, daß ber Teufel ben einen oder andern mit großem Aufwand abholte, menn er reif war; allein das geriet den gerechten Leuten felbit wieder zum Schreden, und e8 mar eben midjt angenehm, ben blutigen
Schnee und die gelaſſenen Haare auf bem Plate zu fehen, wie e8 der Erzählerin felbjt begegnet mar. Soldje Bauern Hatten Geld genug und maßen e8 bei Hochzeiten und Leichenfeiern einander in Scheffeln und Wannen zu. Die Hochzeiten waren dazumal noch febr großartig. Sie hatte ſelbſt nod) eine folde gejeben, wo fämtlihe Güjte, Männer unb Weiber, beritten waren und nahe an hundert SBferbe beijammen. Die Weiber trugen Kronen von Flittergold und feidene Kleider mit bte bis vier[ad) umgemunbenen Ketten von zufammengerollten Du- taten; aber der Teufel ritt unſichtbar mit, und e8 ging nad bem Nachteſſen nicht am ehrbariten au. Dieje Bauern hatten während einer großen Hungersnot in den fiehziger Jahren ihren Hauptipaß daran, mit zwölf Drefhern in weit geöffneten Scheunen zu breídjen, dazu einen blinden Geiger aufipielen zu lajjen, welcher auf einem großen Brote figen mußte, und nachher, wenn genug bungrige Bettler vor der Scheune verjammeli waren, bie grimmigen Hunde in den wehrlojen Haufen zu beten. Bemerfenswert war e$, daß ber Bollsglaube Diele reihen Dorftyrannen vielfad) bie verbauerten SRadjfommen der alten Zwingherren fein lieb, unter melden man alle ehemaligen Bewohner der vielen Burgen und Türme verftand, bie un Lande zerjtreut waren.
Ein anderes ergiebiges Feld für abenteuerlihe Kunden wor der Katholicismus mit feinen binterlajjenen leeren Klofter- räumen unb ben noch lebendigen Klöſtern, meldje etwa in ber fatholifch gebliebenen Nachbarſchaft fid) befanden. Dazu trugen bie Ordensgeiſtlichen der Ießtern vieles bei, befonders die fapu- ziner, welche fid) heute nod) mit den: Scharfrichtern freund- ſchaftlich in bie Arbeit teilen, bei den abergläubifchen refor mierten Bauern Teufelsbannerei und Sympatbie-fünfte zu treiber. In einigen abgelegenen Qanbes8gegenben herrſchte damals ein bemußtlofer verfommener Protejtantismus; die
