Chapter 59
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füllen? Ich Tann Ihnen jagen, e8 ijt mir zu Mute wie einem, ber einen Diamant, den ein Dummkopf meggemorfen bat, liegen fibt und nun fürchtet, es möchte ihn ein anderer finden, ch’ er felbjt zur Stelle ijt!"
Ich mußte innerlih lächeln über dies trefflide Stückchen Beltlauf, das fid) fo artig felbjt berichtigte, wenn Reinholds Pläne gelangen. Gern fagte ih ihm zu, feine Wünfche zu erfüllen, fo gut id) e8 verftände, unb er eilte nad) der weiter nötigen Verabredung in Hoffnung davon.
Mir fonnte für den leeren oben Tag der Auftrag nur willlommen fein, jo neu e8 mir mar, eine Art Suppelei zu betreiben. „Nachdem du fajt zwei Tage lang das Dintange ftellte Schäßchen eines Son Juans gebütet haft,“ fagte idj mir, ,fannjt bu Dies Altweibergefhäft bir aud) nod) gefallen lajjen, es paßt zum anbern, audj zu bem gefeblten Duell!"
Mit anbredfenber Dämmerung begab idj mich auf bem Weg und jtand alsbald vor ber Stubenthüre ber Frauen, bie in tiefiter Stille faßen; denn fein Laut war zu vernehmen. Erft auf ein Anflopfen hörte ich ein mattes „herein!“ und als id eintrat, fab id) in dem Dalbbunfen Gemade nur die Frau Mutter in ihrem Lehnſeſſel, den Kopf in beide Hände geftügt Auf bem Tiſche vor ihr fag ein Heine füjtdjen. Mich er. lennenb fagte fie mit Beiferer Stimme nichts, als: „Ein ſchönes Feſt für uns! Eine ſchöne Naht unb ein fehöner Tag!"
„Ja,“ antwortete ich fleinlaut, „es war etwas verhert und ijt mandem munberlidj gegangen!"
Sie [djmieg eine fleine Weile unb fuhr dann geläufiger fort: „Eine ſchöne Wunderlichkeitt Wenn ich den Kopf vor die Thüre jtrede, fo zeigen bie Nachbarn mit Fingern auf mid! Eine Gevatterin nad) der andern, bie fid) ſonſt nie feben laffen, ijt heute eingedrungen, um fid an ber Schande zu meiden! $a ſchleppt man das Kind zwei Nächte herum unb [didt e$
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mir betrunfen nad) Haus und burdj frembe Leute! Und ber hübſche reiche Bewerber, bieler Herr Lys, bat natürlich genug an der Aufführung, fagt ab und madt fi davon! Da feben Sie, was wir alles erlebt haben!“
Sie z0g einen Brief hervor, ber unter bem Käftcdhen lag, und entfaltete ihn; e8 mar aber zu bunfel, um lefen zu können. „Ich will Licht Holen!” fagte fie, ging müde und perbrojjen hinaus und febrie mit einem befcheidenen Küchenlämpchen zu- rüd, ba e8 nicht bie Mühe wert fchien, Einem von der ſchnöden Gejelljidjaft ein befferes Licht vorzufegen. Ich las den kurzen Brief, worin 298 mit wenigen Zeilen angeigte, bab er auf un» beftimmte Zeit, vielleicht für immer abreijen müjje für gute Freundſchaft, Die er genoffen, herzlich dankte, Glüd unb Wohl⸗ ergehen wünſchte und die Tochter bat, ein Fleines Andenken freundlid anzunehmen. Als id) das gelefen, öffnete bie betrübte Frau das Käftchen, in meldjem eine aiemlid) fojtbare Uhr mit feiner Kette glängte.
„Sit dies reihe Geſchenk,“ rief fie, „nicht ein Beweis, wie ernft er gefinnt war, da er fid) fogar jegt nod) fo edel benimmt, teoß ber Schmad) bie man ihm angethan?“
„Sie irren fi!” fagte ih; „niemand Hat fid) etwas vor- zuwerfen, am allerwenigften ba8 gute Fräulein! 298 hat Ihre Tochter von Anfang an figen laffen und ijf einer andern Schönheit nadjgelaufen; und weil er von dieſer zurüdgemiefen mwurbe, denn e8 ijt Zurz gejagt bie nunmehrige Braut feines Sreundes Erikſon, bat er fid von bier entfernt. Ich weiß beitimmt, daß er für Ihr Kind verloren war, ch’ basjelbe aus Kummer und Aufregung unmohl wurde. Und es ijt mabrideinlid ein Glüd für das Fräulein, nad meiner Mei- nung fogar gewiß!"
Die Frau fab mi groß an; aus bem Hintergrunde bes fhmalen aber tiefen Zimmerd ertönte ein jtöhnender Laut.
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Grit jept gemabrte id, daß Agnes in einem Winkel neben bem Dfen fa&. Ihr Haar mar aufgelölt, aber nicht mieber ge flochten worden unb bebedte bas Geſicht unb bie Hälfte ber gebeugten Geſtalt. UWeberdies Hatte fie ein Zudj um Kopf und Schultern geworfen und in das Geliht gezogen; das legtere brüdte fie, vom Zimmer abgewendet, an die Wand und verharrte jo ohne Bewegung.
„Sie getraut fidj nit mehr am Fenſter zu figen!" fagte die Mutter.
Ich ging Bin, fie zu begrüßen und ihr die Hand zu reihen; allein fie wendete fid) nod) tiefer ab und begann leije in fi hinein zu weinen. Verlegen ging id) zum Tiſche zurüd, unb ba ich von meinen eigenen Abenteuern moralijdj geſchwächt tar, jo famen mir felbjt Thränen in bie Augen. Das rührte Binwieder die Witwe, daß aud) fie anfing, wobei ftd) ihr Ges fidt fo ſtark verzerrte, wie man e8 nur an flennenden feinen Kindern fiebt. Es war ein gana merfmürbiger, unbehaglicher 9(nblid, über meldjem fid) meine Augen fchnell trodineten. ber aud) bei der rau mar der Gemwitterfhauer mie bei Kindern rajd) zu Ende und mit ganz veränderter Stimme lud fie mid) erjt jet zum Gigen ein. Zugleich fragte fie, wer eigentlich ber Fremde gemwefen, ber Agneſen in der Frühe heimbegleitet babe? Ob der bie Unglücksgeſchichte nicht noch weiter pers breiten werde? SKeineswegs, antwortete ich; denn das [ei ein gutbeitellter braver SRen[d); und ich fäumte num nicht, mit am» fcheinend gleihgültigen Worten und mit der nötigen Borficht diejenige Befchreibung des Gottesmachers und feiner Berhält- niffe anzubringen, die feinen Wünſchen entipredhen modhte. Kur bei der Schilderung der Tante und ihrer Ausftattungs« ſucht, melde e8 einer dereinitigen Frau des Neffen fait un» möglih made, außer ihrer Berfon etwas im Haufe unterzu- jtellen, zu legen, aufguídjid)ten oder zu Hängen, wurde mein
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Vortrag belebter, weil er mid) felber belujtigte. Uebrigens, Ihloß id), werde Herr Reinhold mit der Erlaubnis der rauen heute Abend feinen Beſuch abitatten, um ber Anftandapflicht zu genügen unb fidj nad) dem Befinden des erkrankten Fräuleins zu erkundigen, und weil er wille, daß id) die Ehre hätte, tm Haufe eingeführt zu fein, fo babe er mid erjudjt, bie Gr- [aubni8 auszumirken und ihn alsdann vorzuftellen. Diefe böflihe Ankündigung gab der Frau einen Zeil ihres Selbft- vertrauen zurüd.
„Kind!“ rief fie auffabrenb, „hörft du? Wir bekommen Beſuch; geh’ zieh bid) an, made dein Haar auf, du fiehit ja aus wie eine Here!”
Aber Agnes regte fidj nicht, unb aud) als die Mutter hinging und fie fanft rüttelte, wehrte fie ab und bat wimmernd, fie ruhig zu lajjen, ober ba8 Herz bredje ihr entzwei. In ihrer Verzweiflung begann jene den Tiſch zu deden und ben Thee zu bereiten; fie holte ein paar Gdjüljeln mit lalten Speifen und eine Torte herbei und [jepte alles auf den Tiſch. Schon für gejtern Abend, flagte fie, habe fie ein Dütchen des feinjten Thees gefauft und etwas zum Knuſpern bereit gehalten, da fie auf bie frübzeitigere Rückkunft der jungen Leutchen gehofft habe; jept möge die Kleine Mahlzeit uns bod) nod) bem er» marteten Beſuch zu Ehren nüplid) werden; verdorben [ei nichts.
Wir ſaßen und das Waller fodjte in bem blanfen wenig gebraudjten Theekeſſelchen [eit geraumer Zeit, und nod) meldete fij fein SBejud), weil es überhaupt nod) zu früh mar. Die gute Frau wurde ungeduldig; fie fing am zu zweifeln, ob Reinhold wirfli kommen werde; ich [udjte fie zu beruhigen unb wir warteten wieder eine gute Weile. Endlich wurde fie Warten [att und madjte ben Thee fertig; mir tranfen eine Taffe, aBen etwas Weniges unb harrten wieder, plauderten mit zeritreuten Worten unb Gedanken, bis bie ermüdete Frau über
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meiner Einfilbigfeit einnidte. So trat jet eine tiefe Stille ein, unb nad einiger Zeit merkte ih an ben janften regelmäßigen Atemzügen, bie id) vom Dfenwinkel her vernabm, daß aud) Agnes ſchlummerte. Da ich jelbjt keineswegs genug geldjfafen Hatte, fielen mir die Yugen ebenfalls zu unb id) fchlief zur Gefellichaft mit, während die Feine Lampe das Zimmer jdjmad) erleuchtete.
Wir modjten ein Gtünbdjen einträhtig geſchlummert haben, ala wir burd) eine volltönige aber fanfte Muſik gewedt wurden und gleichzeitig das Fenſter von rotem Glanze erhellt fahen. Die überra[djte Witwe und id) eilten zum Fenſter. Auf dem Tleinen Plage jtanben adjt Mufizierende vor einigen Mufil pulten, vier Knaben bielten brennende Yadeln empor und am Eingange des Platzes gingen zwei Polizeimänner auf und ab, welche die rajd) fidj fammelnden Zuhörer in Drbnung bielten. Zu ben Geigern batte Reinhold nod) einige Bläfer mit Horn, Hoboen unb Flöte angemorben; er felbit ſaß auf einem Feld⸗ ſtühlchen und handhabte das Bioloncell.
„Jeſus Maria! was ijt bas?" ſagte die erſtaunte Mutter Agneſens.
„Zünden Sie Lichter an!“ erwiderte ich; „das iſt eben der Herr Reinhold mit ſeinen Freunden, der Ihrer Tochter eine Serenade bringt! Ihr gilt die Muſik, um ihr vor der Welt und dieſer Stadt eine Ehre zu erweiſen!“
Ich öffnete einen Flügel des Fenſters, indeſſen die Frau näch ihren Staatsleuchtern eilte und die roſenroten Kerzen ent⸗ flammte, welche jetzt trefflich zu ſtatten kamen. Das Adagio aus einem ältern Italiener floß mit dem lauen frühzeitigen Lenzhauche gar prächtig herein.
„Kind!“ flüſterte die Mutter dem aufhorchenden Mädchen . zu, „wie haben ein Ständchen, mir haben ein Ständchen. Komm, ſieh nur hinaus!“ Ich hörte ihre Stimme zum erſten mal ſo herzlich erfreut und wirklich beſeelt zu dem Finde reden,
Keller IL
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fo erlöfend wirkte ber muſikaliſche Vorgang aud) auf fie, unb Agnes wandte ihr bleiches Gefidjt itumm nah bem $yeniter. Dann erhob fie fih langfam und ging heran. So wie fie aber bie vielen Gefichter auf der Straße und unter allen Nach⸗ barfenitern im Fackellichte erblidte, floh fie wieder nad) ihrem Site, legte bie gefalteten Hände in den Schoß und neigte das Haupt leije zur Seite, um feinen Ton ber. fdjónen Mufil au verlieren. So blieb fie, bi8 bie drei Stüde, melde bie Männer aufführten, zu Ende waren und bie Muſik mit einer melobijd) beitern, fajt reigenartigen Wendung geſchloſſen Hatte, bie Muji- fanten aufbradjen und [till hinmweggingen, während das Bolt auf der Gaffe lauten Beifall klatſchte. Auch die fauberen Käjt- den unb Yutterale, in welchen fie ihre Synitrumente trugen, erhöhten beim Publitum den Eindrud des Außergewöhnlichen und Vornehmen; die Leute betrachteten, indem fie fid) Iangjam zeritreuten, neugierig das merkwürdige Haus, und bie am Fenſter ftehende Yrau genoß alles bis zum legten Momente; jelbit das Forttragen ber Pulte bünfte ihr das Feierlichſte unb Großartigjte, was fie erleben konnte.
Als fie enblid) das Yenfter zumachte unb fid) ummandte, ftand Reinhold in der Stube und begrüßte fie ehrerbietig, und id nannte zugleich feinen Namen. Dann entjchuldigte er fid) wegen der freiheit, bie er fid) genommen, eine fo aufdring- lide Störung zu bringen, welche fie ber allgemeinen Karnevals⸗ ſtimmung zu gut halten wolle; unb fie ermwiderte ihm mit großen Komplimenten und Dankſagungen, wobei fie in einen [o glüdjelig fingenben Ton geriet, daß e8 beinahe Hang, wie wenn einer in Flageolettönen auf ber Geige jpielen würde. Plöglih unterbrad) fie fid), um die Tochter herbei zu rufen, bie ihr ungebührlich lang im Winkel zu fäumen ſchien. Dieſe war aber unbemerkt hinausgeſchlüpft unb lam jebt wieder herein. Sie hatte über ihr Morgenkleid, in meldjem fie den Tag über
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getrauert, einen weißen Shawl geídjlagen. und bie Enden auf den Rüden gebunden. Das jdjmarge Haar Hatte fie einfad) zufammengefaßt und im Raden in einen mädhtigen Knoten ge» ſchlungen, alles in einer Minute und mabridjeinlid) ohne in den Spiegel zu jeben. In Haltung und Gefihtsausdrud ſchien fie um zehn Sabre älter; ſelbſt die Mutter fab fie mit großen Augen an, wie wenn fie einen Geift erblidte. Aufrechten Ganges trat Agnes dem Gottesmacher entgegen, richtete mit ruhigem Grnjte die Augen auf ihn und gab ibm die Hand. Wäre fie in Samt und Seide gehüllt gemejen, fo hätte fie ben Blid Reinholds nidjt fo bannen können, wie [te jegt mit ihrer einfachen Erſcheinung that, und ich felbjt mußte [ogleid) denen: Gott [ei Dank, bag Lys fort ijt und fie nicht mehr fieht, ſonſt ginge das Unheil von neuem an!
Reinhold aber betete mit ftummer Anfchauung fein eigenes Wert an; denn budftäblih zu fagen Hatte er bie gefnidte Blume aufgerichtet, daß fie wieder leben fonnte. Die Ehren, bie er ihr gegeben, leuchteten fo rein von ihrer Stirn und um bie Stillen bunfefu Augenfterne, daß er demütig betreten nicht zu Worte zu kommen wußte, aud) al8 mir nun am Tijche faßen und die Mutter neuen Thee madjte. Es ging etma8 verlegen und einfilbig zu, bis die Alte auf bie rheiniſche Heimat des Gajte8 zu reden fam, und ihn fragte, ob es wahr [ei, Daß fein Hiefiger Aufenthalt nicht mehr lange dauere und er dorthin zurüdtehre? Das lójte ihm die Zunge, indem er bartbat, wie Kirchen und Brälaten mit ihren Beitellungen feiner harrten und auf bie gemonnenen Sortfchritte in der Arbeit zählten. Dann freute er fi) des Qobe8 ber jdjónen Heimat. „Mein Haus,” fagte er, „liegt außerhalb des alten Städtchens am fonnigen Abhang, wo man den Rheingau hinauf und hinunter fhaut; Türme unb Yelfen ſchwimmen in bläulichem Dufte, dur welden das breite Waſſer zieht. Hinter bem
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Garten legt fid) ber Wein an ben auflteigenden Berg, unb oben fteht eine Kapelle unjerer lieben $yrau, bie weit über bas Land Hinfhaut und fid ins lebte Abendrot taudj. Dicht baneben babe id) ein fleine8 Lufthäuschen gebaut unb unter bemfelben ein fellerden in den Stein gehauen, mo ſtets ein Dutzend Flaſchen Haren Weines liegen. Wenn ih nun einen neuen Kelch fertig habe, fo jteige ich, eh’ id) bie innere Ver⸗ goldung anbringe, hier hinauf unb leere das Gefäß drei ober viermal auf ba8 Wohl aller Heiligen und aller froben Leute. Denn ih mill nur geíteben, meine Silberarbeit, etwas Muſik unb der Wein find meine einzige Freude gemejen und meine beiten Tage bie jonnigen iyetertage ber Mutter Gottes, wenn ich zu ihrem Preiſe in den benachbarten Kirchen fpielte, wäh. rend unten auf befränztem Altare meine Gefäße glänzten; unb id muß befennen, daß nadjer ein Räuſchchen an Deiterer Bfaffentafel mir ala ber Gipfel des Dafeins erfhien. Das wird freilich nicht mehr jo fein, ich weiß jeßt etwas Beſſeres — " Er jtodte bei biejem Worten, bie er mit wachfender Wärme geſprochen, ermannte fid) aber fogleich, erhob fid) vom Stuhle und wendete fid) an die Frauen: „Was [olI ich längere Umſchweife madjen? Ich bin bier, um dem Fräulein ein red» lies Herz anzubieten, mit allem Zubehör von Hand, Haus und Hof; fura, ih bin gefommen, einen Heiratsantrag zu machen! Ich bitte um gütiges Gehör und bitte, fofern meine Handlungsweife alfaurajd) und verwegen erfcheint, zu Debenfen, daß gerade jo[dje Yeltivitäten, wie die foeben beendigte, nicht felten mit derartig unvorgeſehenen Ereigniffen abſchließen!“ Die gute Witwe, an die äußerte Sparjamleit gewöhnt, batte foeben ein Gtüddjen Zuder, ber ihr wider Willen in bie Taſſe gefallen, mit bem Löffelchen herausgefiſcht und im ftillen auf bie Untertaffe gelegt, um zu retten, ma8 nod nidt ges Ihmolzen war. Sie ledte das Löffelchen ſchnell und zierlich
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ab und begann darauf, vor Vergnügen errötend, in ihren ſchönſten Tönen von der großen Ehre zu fingen, aber aud) von ber nötigen Bedenkzeit und Ueberlegung, bie man fid) ge Matter müſſe. Allein die Tochter unterbrad) fie, womöglich) nod) blaffer al3 bisher: „Nein, liebe Mama! Auf bie Frage bes Herrn Reinhold muß nad) allem, was wir erlebt und was er für mid) gefban, fogleich die Antwort folgen, und mit deiner Gr» laubnis jage ich ja! ich habe bas Mißgeſchick nicht verdient, daR S mid) betroffen; um fo williger muß ber San? für meinen Retter fein, der mich aus Berlaffenheit und Verachtung emporbebt!"
Mit Thränen der Nührung, bie ihr aus ben Augen quollen, ſchritt fie dicht an den glücklichen Freier heran, legte die Arme um feinen Hals und drüdte die jebnenb geöffneten Lippen, bie nod) nie gefüßt, auf die feinigen.
Er ſtreichelte mit fehüchterner Zärtlichkeit ihre Wangen, verwandte aber fein Auge von ihr. Grjtaunt und ratlos faf bie Witwe zu und Agnes rief: „Sei nur ruhig und zufrieden, Mutter! Geftern noch habe id) zur heiligften Sungfrau gebetet, fie módjte meinem Herzen geben, was ihm gebührt; heute hab ih ben ganzen Tag geglaubt, fie habe mich unerhört gelaljen, und jept halt’ ich es bodj im Arm, was mir gehört und mir beffer zum Qeile dient, al8 das was ih meinte!" .
Sept [dien mir der Zeitpunkt gefommen, mo ich mich ſchicklich als überflüffig entfernen Fonnte; denn ich wußte nicht, ro id) bin» bliden ſollte. Schnell gab ich allen bie Hand und eilte davon, ohne mid) halten zu laffen oder gehalten zu werden. Auf ber Straße fab ih nochmals an das Haus hinauf, wo das Mond» lit auf dem ſchwarzen Madonnenbilde über ber Hausthüre lag und den goldenen Halbmond fowie die Krone ſchwach beglängte.
„Himmel, meld katholiſche Wirtſchaft!“ fagte ich zu mir jelbft und fchüttelte den Kopf über das krauſe Leben. Beim Morgengrauen bieje8 Tages hatte id) den jpigigen Degen auf
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einen Gottesleugner gezüdt unb nun, ba e8 Nacht war, ladjte ich wieder über dieſe Heiligenanbeter.
Am nádjten Morgen war e$ mir weniger lädherig zu Mut, al8 e8 galt, bie unterbrodjene Arbeit wieder aufzunehmen. Während bie Künitlerihaft wohl in ihrer großen Mehrheit feit und unbefümmert auf der gewohnten Bahn weiter jchritt, fand ih midj un[djlüjfig, was aunádjjt zu thun fei. Ms id) mid umfab, hatte idj die Empfindung, als ob id) Monate lang nit in dem Zimmer gemejen, meine balbfertigen Saden Dentmäler einer verfchollenen Zeit wären. Eine8 nah bem andern zog idj hervor und alles bünfte mid) [djal und unnötig, mie eine bloße Liebhaberei. Sch grübelte und grübelte, fonnte aber bem grauen Weſen, das mid) bejdjlid, nit auf ben Grund fommen. Dazu fam das Gefühl der Vereinſamung; $58 mar fort und verloren, wahricheinlid audj für bie Kunit, ba er in legter Zeit Hatte burdjbliden laſſen, daß er bei ber eriten geringen Erſchütterung das Glas fallen lajjen werde. Aber audj Eriffon Hatte mir geitern in einem flüchtig ber Freude abgemonnenen Augenblid anvertraut, er beabjidhtige glei nad) der Hochzeit feine verzwidte SRaleret aͤn den Ragel zu hängen unb mit den großen Mitteln feiner Yrau das See» fahrtsgeſchäft feines heimatlihen Haufes wieder aufzunehmen und in Flor zu ſetzen. Die Zeit fei günjtig und in mäßiger Friſt wolle er jelbjt reich jeu. Und nun madelte id) auch und alle drei Peripherie-Germanen, bie wir uns im gewiſſen Sinne bejjer geidjienen hatten, als bie feite große Heerſchar be8 Binnenvolfes, fielen ab, wie Feilenſpäne, fuhren auseinander, um feiner den andern wahrjcheinlih jemals wieder zu jehen!
Fröſtelnd jchleppte ich, um eine Zuflucht zu fuchen, einen neuen faum angefangenen ftarton hervor, eine auf den Rahmen geipannte graue Bapierflähe von mindeſtens adjt Schuh Breite und entiprechender Höhe. Es mar nidjt$ darauf zu fehen, als
