Chapter 58
Section 58
„SH fage noch einmal,” ermiberte $53, fi Balb nad) mir ummenbenb, „Du verjtebjt das nit! Und das ijt in meinen Augen bie bete Entfehuldigung für deine unziemlichen Reden. Kun, bu Zugenbbelb! Haft du jemals etwas anderes gethan, ala was du nicht laſſen fonntejt? Du thuſt e$ jept nicht, und wirft e8 noch weniger thun, wenn bu erit einmal etwas erfebit!"
„Ich hoffe menigiten8, daß id) zu jeder Zeit das laffen lann, was fchleht und verwerflih ijt, fobald id) e8 nur als ſolches erkenne!”
„Du wirft jederzeit,“ fagte 995 bierauf Taltblütig, indem
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et fid) wieder vorwärts wandte, „Du wirft jederzeit bas laſſen, was dir nicht angenehm ijt!"
Ungeduldig wollte ih ihn nochmals unterbrechen; allein er übertönte mid und fuhr fort: „Gerätit bu einjt zwifchen zwei Weiber, fo mirjt bu mabr[djinlid) beiden nachlaufen, wenn bir beide angenehm find, das ijt einfacher, als fidj für Eine zu entjdjülieBen! Und vielleiht wirft du redt Haben! Was mid) betrifft, [o mijje: bas Auge ijt der Urheber und der Erhalter ober SBernidjter der Liebe, ih fann mir por. nehmen, treu zu fein, das Auge nimmt fid) nichts vor, bas gebordjt ber Kette der ewigen Naturgefege. Luther Bat nur als S9tormalmen[d) ge[prodjen, wenn er fagte, er fónne fein Weib anjeben, ohne ihrer zu begebren! Erſt burd) eim Weib von folder Reinheit von allem eigenfinnigen, frünfliden unb abjonberlidjen SBeimerfe, burd) ein Weib von fo unvermüjtlicher GejunbDeit, Heiterkeit, Güte und Klugheit, wie diefe Rofalie, lónnte ich für immer gefejfeli werden. Wie bejdjümt fehe id) nun ein, meld’ eine vergänglihe Spezialität ih in jener Agnes mir zu verbinden im Begriffe war! Du aber ſchäme dich ebenfalls, als ein leered Schema in ber Welt herum zu laufen, mie ein Schatten ohne Körper! Gudje, bag bu endlich einen Inhalt, eine ausfüllende Leibenfchaft befommft anftatt andern mit deinem Wortgeflingel beſchwerlich zu fallen!“
Mehrfach beleidigt ſchwieg id) einige Minuten. Ohne es zu willen, batte Lys mit ben zwei Weibern, bie er mir in Ausficht ftellte, etwas Wahres getroffen, infofern ih ja nod als Halbes Kind ſchon auf ähnlichen Wegen geirrt war. Und bod) wollte id) mich nicht mit ihm vergleichen lajjen; ber genoffene Wein, die mehr als vierundzwanzigjtündige mannigfache Auf: regung thaten aud) das Ihrige, meine Streitluft zu entflammen, unb id) begann daher wieder mit entjdjiebenet Stimme: „Rad deiner vorhinigen Yeußerung zu urteilen, bift bu alfo nicht fehr
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willens, bem Mädchen die Hoffnungen, die bu ihr leichtfinniger Weiſe erregt, zu erfüllen?“
„SH babe feine Hoffnungen gemadj," fagte Lys, „ich bin frei und Herr meines Willens, gegen jedes Srauenzimmer fowohl, wie gegen alle Welt! Wenn ich übrigens für das gute Kind etwas thun fann, [o werde ich ihr ein wahrer unb uneigennüßiger Freund fein, ohne Siererei und ohne Phraſen! Und zum legtenmal gefagt: Kümmere bid) nidi um meine Liebſchaften oder Nichtliebfchaften, ich meije e8 burdjaus ab!"
„Ich werde midj aber barum fümmern!" rief ih, ,ent- mweder follit du einmal Treu und Ehre Halten, ober idj will ed bir in bie Seele hinein bemeifen, bap du unrecht thuft! Das kommt aber nur von bem trojtlofen Atheismus! Wo fein Gott ijt, ba ijt fein Salz unb Fein alt!"
293 lachte laut auf, ba er antwortete: „Run dein Gott fei gelobt! dacht id) doch, daß bu fchließli nod) in biejen Hafen ber Glüdfeligfeit einlaufen würdeſt! Sch bitte bid) aber jebt, grüner $einridj, laß ben lieben Gott au8 bem Spiele, ber bat bier ganz unb gar nichts zu [djaffen! Ich verfichere bid, id) würde mit ibm, wie ohne ihn ganz ber gleidje fein! Das büngt nidt von meinem Glauben, fondern von meinen Augen, von meinem Hirn, von meinem ganzen forperlidjen Weſen ab!"
„Jedenfalls von deinem Herzen!” rief ih zornig und außer mir; „ja, fagen wir e8 nur heraus, nicht dein Kopf, fondern dein Herz fennt feinen Gott! Dein Glauben oder vielmehr Nichtglauben ijt dein Charakter!”
„Run hab’ ich genug!" donnerte 998. mit Starker Stimme und kehrte fid) ftehen bleibend gegen mid); „obgleich e8 ein Unfinn ijt, den du ſprichſt, ber an fid) nicht befhimpfen Tann, fo weiß id, wie du e8 meinjt; denn ich fenne bieje unver
fhämte Sprache der Hirnfpinner und Yanatifer, bie idj bir 10*
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nie zugetraut Hätte! Sogleich nimm zurüd, was du gejagt haft! Sch laffe nicht ungeitraft meinen Charakter antaften!”
„Nichts nehm id) zurüd! Nun wollen wir feben, wie weit deine gottlofe Tollbeit bid) führt!" Dies fagte ich mit wilder Streitluft; Lys aber antwortete mit bitterer verdruß- voller Stimme: „Genug des Sceltens! Du bift von mir ge fordert! Und zwar mit Zagesanbrud) halte bid) bereit, einmal mit der Waffe in ber Hand für deinen Gott einguiteben, für den du fo weidlih au fehimpfen weißt. Sorge für deinen Beiftand, ber meinige wird in zwei Stunden ba und ba zu finden fein, um alles übrige zu bejorgem." Er bezeichnete einen Drt, wo vorausſichtlich die ganze 9tadjt ber SBerfebr bes Feſtes mit feinen 9tadjflángen fortbauerte. Dann manbte er fid und ging mit raſchen Schritten vorwärts, ba ber Weg beffer geworden. Ich felber [prang auf die Straße hinüber, die während unfere8 Streites längſt leer und ftill geworden. Das mar nun das Ende des jchönen $yejte8! Der Mond warf meinen eigenen Schatten vor mir ber, als ich mitten auf ber Straße ging, und id) [ab die Zipfel meiner Rarrenlappe deutlih auf berjelben abgegeid)net. Allein das half nichts; bas Licht der Vernunft war erlofchen; ich eilte meines Weges, um für den Zweilampf meine Helferöhelfer zu fuchen.
Schon vor wemigftens ſechs Jahren hatte ich von einem Bolen, ber in unjerm Haufe ein eines Zimmer bewohnte, etwas fechten gelernt. Es mar einer jener ftattlihen, hochge— madjjenen Militärs, mie fie au8 der Revolution von 1831 als Flüchtlinge befannt geworden und feither ziemlich aus der Welt oder wenigftens aus ber Emigration per[d)munben find. Bon vornehmer Geburt und ein gemwefener Reiteroffizier, bradjte er fib geídjidt unb redlid burd) und fügte fid) in bie befcheidenfte Lebensart, in jede Arbeit, war immer heiter und liebenswürdig, ausgenommen, wenn er von den Gdjladjten unb bem Uinglüde
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feines Baterlandes, von feinem Haſſe gegen Rußland fprad). Obgleich gut katholiſch erzogen, rief er dann jedesmal voll Bitterfeit, e8 [ei fein Gott im Himmel, fonft Hätte er bie Polen nidt in die Hand des Ruſſen gegeben. Der mode mid) wohl leiden, und um mir irgend eine Freundlichkeit oder Wohlthat zu ermweifen und weil er gerade nichts anderes hatte, rubte er nicht, bi8 er mir einigen Unterricht in der Fechtkunſt geben fonnte. Aus eigener Tafche Faufte er zwei Stoßrapiere oder Fleurets, Drahtmasken und anderen Zubehör und ging mit mir fáglid) eine Stunde auf den großen Eitri unter bem Sade, wo er mid) dazu bradjte, eine eríte Schule notdürftig burdjgumadjen, und er that e8 mit foldjer Liebe und Ausdauer, al ob e8 fid um das Golbmaden handelte, bis ihn eine Schickſalswendung aus unferer Gegend hinwegführte. In ber Stadt, wo id) jebt lebte, Hatte ich bei jtubierenben Landsleuten, mit denen id) zumeilen verkehrte unb die fih Fechtapparate auf dem Zimmer hielten, mandymal wieder den einen ober anderen Gang verjudjt, ohne an etwas anderes, al8 an einen vorübergehenden Zeitvertreib zu benfen. Ginen oder zwei ber jungen Leute dachte ich jet fidjer nody an ihrem gemohnten Berfammlungsorte zu treffen, um ihren Beiftand in Anfprud) zu nehmen, und fand fie audj in der vermegenen Stimmung, melde der fpäten Stunde und meinen Wünſchen ent[prad). Sie begaben fi fofort dahin, wo die Bertrauten meines Gegners fie erwarteten.
Bald famen fie mit ber Verabredung zurüd, daß ber Duellhandel morgens um fed8 Uhr in Lyfens Wohnung vor fid) geben folle. Lys babe hervorgehoben, daß er ganz allein Darin Baufe unb alfo feine Zeugen au befürdjten feien; ferner fónne et, wenn er verwundet werde, fid) gleid in [eim eigenes Bett legen und in der Stille geheilt werden oder fterben, der Gegner aber mit aller Sicherheit und Muße abreifen. Treffe
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e3 aber midj, jo fónne id) dort an feiner Stelle mich zunächſt Binlegen, indeffen er fidj aus bem Gtaube made.
Für einen Arzt, bieß e8, fei aud ſchon geforgt, ebenjo für die Waffen, als meídje ich Stoßdegen oder fogenannte Barifer, die einzigen, bie idj etwas zu führen veritand, vorgefchlagen hatte, zumal id wußte, daß audj Lys damit umgehen fonnte.
Wie er den kurzen Reit der Nacht perbradjt, babe id) nie erfahren, was mid) betrifft, fo blieb id mit meinen Nat- gebern figen, ba wir fanden, dad gefährlihe Abenteuer [ei befier ala Schluß ber ganzen Feititrapaze au bejteben, mit ber e8 fo zu jagen in einem Binginge, als wenn idj nad) un- zureihender Ruhe, aus tiefem Gdjlafe gemedt und ohne Zu- fammenhang ber Gedanken fechten müßte. So fam idj nidt einmal dazu, den Anzug zu wechſeln, und wenn mid) ba8 Ge Ihid getroffen hätte, fo wäre ich in der Gejtalt eines erjtodjenen Karren mweggetragen worden.
Trotzdem überfiel mid) die Müdigkeit; id) ſchlummerte ein und lag zulegt mit dem Kopfe ſchlafend auf dem Tifche, während die andern mit ab» unb zugehenden 9Radjjüglern und Spät- lingen eine Bowle heißen Punſch tranfen. Auch ich ftürzte nod) ein Glas hinunter, als ich mit bem Morgengrauen auf. gerüttelt wurde, mich aber burd) den furgen Schlaf keineswegs erquidt ober ernüdjtert fand. Doc erinnere ih mid) mie aus einem Zraume, daß id) gleich den Zweien, bie mit mir famen, mit tiefem Grnjt dur die Straßen ging und in Lyſens ftille Wohnung trat, wo er mit zwei ober drei jungen Männern eben fo ernſt und kalt uns erwartete.
Bir jtanben alle im bem geräumigiten feiner Zimmer, vor dem Bilde mit ben Spöttern; bie Morgendämmerung ließ die au$ dem Dunkel Dervorleudjtenben Figuren wie belebt er- fheinen, als ob fie der Dinne gemwärtig wären, bie ba kommen follten.
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Sum wurden aus einem langen Siftchen zwei glänzend polierte breiedige unb nabeljpige Klingen, zwei mit Gilberbrabt überfponnene Griffe und zwei vergoldete halbkugelförmige Gloden zum Gdjuge ber Hand ausgepadt unb in einanderge- ſchraubt. Nachdem gefragt worden, ob feine Berfühnung oder anderweitige Berftändigung möglidh fei, und feiner von und beiben fidj gerührt hatte, gab man uns die Waffen in bie Hand und wies jedem feinen Pla an. Sd) warf einen Blid auf $93; er fah eben fo blaß und übermadjt aus, wie id) jelbft. Seber Zug von Wohlwollen oder freundfchaftlicher Ge- finnung war aus unfern Gefichtern ver[dmunben, während aud) der urfprünglide Zorn perraudjt war und nur die eritarrte Menſchenthorheit auf den Lippen fap. Da ftand ih nun mit dem Eifen in der Hand bereit, ba8 Blut eines Freundes zu vergießen, um ibm die Wahrheit meines Gottesglaubens zu bemeifen, und ber Freund bedurfte meines Blutes zur Bertei- digung ber moralifhen Ehre feiner Weltanſchauung, und jeder fatte fidj font für die Vernunft, Yreiheit und Menfchlichkeit jelbft gehalten. Eine unglüdlide Sekunde, unb ber gleipenbe Stahl war im ein warme Herz geglitten!
Aber zu einer heilfamen Ueberlegung mar feine Seit mehr. Das Zeichen wurde gegeben, wir machten mit den Degen ben
Ublidjen Grub und fepten uns in Bofitur, aber nidjt mie ge». übte Duellanten, fondern mehr mie etwas unfidere Schüler Unfere Hände zitterten fajt gleihmäßig, als mir bie Degen- ipißen fid um einander drehen ließen, um den Anfang zu finden, unb der erite Stoß, den id) that, mar audj ridjtig der erite Schulftoß, mie er der Nummer nah auf dem iyedjtjaale gezeigt wird. — 298 parierte ihn ebenjo [djulmápig, ba er ihn von tmeitem fommen fab; er ermiberie den Ausfall unb id) wies ihn etwas fchmerfälliger, aber mod) gerade zeitig genug ab. Ber liebe Gott, um ben wir uns ſchlugen, mochte willen,
wie ein Baar fo frieblidjer Fechter in eine fo gefährliche Lage geraten waren. Allein gefährlih war fie nichtsdeſtoweniger; denn mit bem Geräufch ber gleitenden Klingen wurde das Ge fecht belebter und rajdjer, fo daß fhon wegen der Notwehr bie Stöße zahlreicher und felter wurden. Da bligten plöglid Stahl und Gloden unjerer Waffen mit einem rötlihen Schimmer auf und gleichzeitig begann da Bild im Hintergrunde be8 Zimmers fadjte zu leuchten, beides vom Glühen einer Wolle, bie im Widerfcheine der anbredjenben Morgenröte jtanb. Lys warf unmillfürlid) einen Blick feitwärts auf fein Bild und [ab bie Blicke feiner Gadjperjtánbigen, wie er fie nannte, auf uns ge: ridjiet. Er ließ feinen Degen finfen, unb mir, ber id) eben wieder auszufallen im Begriffe war, wurde ein „Halt!” zugerufen. 298, ber im übrigen volllommen nüchtern geblieben, mar der Richtigkeit unferes Thuns durch ben Anblid zuerit inne geworden.
„SH nehme meine Herausforderung aurüd," erklärte er mit ernftem, aber ruhigem Tone, „und mill ba8 Borgefallene vergeſſen, ohne daß Blut fließen ſoll!“
Er trat mir einen Schritt entgegen und bot mir die Hand. „Laß uns fchlafen geben, Heinrich Lee!" fagte er, „und aue gleid) Ieb’ wohl! Da ich einmal zur Abreiſe gerüjtet bin, fo will ich heute für einige Zeit fort."
Damit ging er, nadjbem er die Anmefenden gegrüßt, nad) feinem Schlafzimmer, und wir verließen und frog ber uner- warteten Ausföhnung ohne Freundlichkeit, weil wir ung eigentlich felbft beleidigt hatten und zur Stunde feiner mit fid) im reinen war. Die Zeugen und ber Arzt, meldje in den Verlauf ber Streitigfeit überhaupt keinen Haren Einblid Hatten, verab- fhiedeten fid) vor bem Haufe ftilfehmeigend und jeder ging feines Weges, ich überdies mit einem Gefühle, wie wenn id) von ber moralijden UWeberlegenheit eines Gegners, ben id) batte fchulmeiftern wollen, heimgeſchickt worden müre.
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Ms id meine Wohnung betrat, wurde id) von ben Wirts⸗ leuten, bie an ihrem Frühſtücke faßen, als ein ausdauernder fujtigmadjer begrüßt. Obſchon ich erjdjópft und müde mar, lonnte ich beinahe nicht einfchlafen, unb als es geichah, träumte mir, ich hätte den Freund tot geftochen, blutete aber ftatt feiner felbft und werde von meiner meinenben Mutter verbunden. Indeſſen würgte ih am einem geträumten Schlucdhgen herum, über welchem ih erwachte. Ich fand bie Augen unb bas Kiffen zwar troden,» badjte aber über die möglich geme[enen Folgen nad, bis ich endlich feiter einfchlief.
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Fünfzeiutes Kapitel. Der Grillenfang.
Ich Ichlief bis in den Nachmittag hinein, und als id) ere wachte, wußte ich nichts mit mir anzufangen; die Welt unb mein Kopf fchienen mir beide leer unb ausgeitorben. Ich badjie an das Ende des Kadettenfeites in meiner Knabenzeit, an dasjenige be8 Tellenpieles, und fagte mir: Wenn alle deine Freudenfeſte einen foldjen Ausgang nehmen, fo wird e$ beffer fein, du gehſt nicht mehr Hinzu, wo e8 dergleichen giebt. Sunüdjt las id) das Narrenkleid zufammen, das zerjtreut am Boden lag, und Bing e8 im Atelier als malerijdjen Gegenítanb an einen Nagel, und den Diltel- und Stechpalmenkranz legte id) um ben Zwiehansſchädel, den ih auf die Kommode des Heinen Schlafzimmers fete, um dergejtalt ein heilfames Memento zu errihten. Das Spielerifhe und Sierfüdjfige in ung bleibt in allem Glenbe und unter allen Geitalten lebendig, bis mir zerbrodhen find. Bielleiht ijf e8 ein Teil des Gewiſſens; denn wie ba8 Tier nicht lacht, fo [pielt der ganz Gewiſſenloſe nicht, e8 fei denn um Geminn.
In meiner bunfel müßigen Lage mar mir ber Beſuch Neinholds des Winzer und Geigenfpielers millfommen, ber
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mid) auffuchte unb einen QiebeBbienjt von mir verlangte Er berichtete, daß ber hilflofe Zuftand Agnefens nod) ftundenlange gedauert und fie fid) erit gegen Morgen [omeit erholt Habe, daß bie Heimfhaffung möglich geworden unb zwar bereits bei Tageshelle. Wllein nadjteifige Gerüchte von einem fozufagen zudhtlofen Benehmen, von einer Berauſchung, in deren folge fie von einem reichen Bewerber fofort verlaflen und aufge gegeben worden fei, wären [djon vorausgedrungen, und als das Gefährt vor dem Haufe angefommen und das Mädchen, matt und niedergefchlagen, audgeftiegen fei, hätten fid) bie 9tadjbarfeniter geöffnet und die Leute mit fihtliher Verachtung oder menigiten8 Mibbilligung augeldjaut. Er felbit habe nebit einer Magd vom Landhaufe bie Arme begleitet, fid) aber na» türfidj fofort megbegeben, ohne mit in ba8 Haus zu treten. Aber aud) dies Erſcheinen eines neuen Beſchützers habe ben böfen Schein nod) verfchlimmert, und e8 liege wohl an ung, bie wir ba8 Unſrige beigetragen, den Leumund des un[djulbigen Weſens zu verteidigen. Er habe nun ben Plan gefaßt unb mit feinen Freunden verabredet, heute Abend unter dem Fenſter des geprüften Fräuleins eine ernjthafte und ebrbare Mufit, eine Serenade in würdigfter Yorm abzuhalten; um jede Stö- rung au vermeiden und das Anfehen ber Sadje zu erhöhen, fei [don die amtlihe Erlaubnis eingeholt. Nah Schluß ber Serenade aber gebenfe er ſtracks hinauf zu gehen unb ber Berlaffenen feierlich feine Hand anzutragen.
„Abſichtlich,“ fuhr er fort, „will ich von allem, was vor» ausgegangen, nidji8 willen, ma8 man aud) munfeln mag! Wie fie ift, in biejem Augenblide, mit ihrem Gefidjtdjen, ihrer - leidjten Gejtalt, mit ihrem ganzen Weſen und ihrem kleinen Gdjid[al gefüllt fie mir und bünft mid) unentbehrlih! Und wenn ich mid) irre, fo wird e8 nur in dem Sinne fein, daß fie mehr ijf, als ich geglaubt babe! Etwas warme Sonne,
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ein wenig Glüd, was man fo nennt, gleihfam ein Gläschen guten Rheinweins werden fie munter machen!”
„Und was foll idj Hiebei tBun?" fragte id) permunbert aber aud) mit Teilnahme, ba mir ba8 Vorhaben des gemüt- then Mannes ala die beite Hilfe in der Not erſchien.
„Was ih von Ihnen münídje," verſetzte er, „ilt, daß Sie gegen Abend in das fchmale Haus, in das Juwelenkäſtchen gehen und die Frauen [udjen Dingubalten, bamit fie es nidjt verlaffen und bod) von ber Muſik überrajdjt werden. Ferner [ollen Sie, wenn e8 nicht von felbft geichieht, das Gejprád) auf mid bringen, in nicht auffälliger 99eije, und mid) ein bipdjen anrühmen, das beißt, nicht meine Berfon, fondern meine Ber- hältniffe, ich will‘ fagen, meinen befcheidenen Wohlſtand, ber mir erlaubt, unbeforgt eine Frau heimzuführen. Ich wünfce, daß Sie das ganz beiläufig tDun, jebod) al8 von etwas Be— fanntem fozufagen außer Zweifel Stehendem ſprechen, fo daß bieje Borausfegung bereits vorhanden ijf, wenn ich fomme, unb ich nicht felbjt davon anfangen muß. Es ijt foldhes wichtig unb in dergleihen Berwidlungen meijten8 von entſcheidendem Einfluß. Und Sie werden nit lügen, fofern Sie nidjt etra au[[d)neiben, ich geb’ Ihnen mein Wort darauf! Etwas Grund- eigenthbum und mein Kunſterwerb reichen zu einem bürgerlichen, bod) Teineswegs Tnauferigen Leben bin, und für bie Sulunft ijt mir das Erbe einer alten Tante fider, bie mid) immer wegen des Heiraten plagt und eine Ausfteuer bereit hält, mie für eine einzige Tochte. Halt — dielen Umſtand fonnten Sie etwas ausmalen! Es ijt wirklih fomi|d), wie bie Gute immer nod) Einfäufe madjt, fobald fie etwas fieht, wovon fie benft, e$ wäre in meinem dereinjtigen Haushalt zu braudjen, und fo ftapelt fie in ihrem von alter8 ber angefüllten Haufe ftet8 neue Vorräte von Kleinen und großen Dingen auf. — Alfo reden Sie, fprehen Sie! wollen Sie meine Wünſche er»
