Chapter 57
Section 57
„Ale guten Leute follen leben!” rief fie und tranf, als bie Gläfer zufammen flangen, das ihrige abermals auf einen Zug leer und feßte hinzu: „Ei wie lieb ijf biejer Wein! ber ift aud) ein guter Geijt!"
Das gefiel und ausnehmend wohl; bie vier Sänger huben ohne Berabredung allfogleih mit voller Kraft an: „Am Rhein, am Rhein, ba madjfen unfre Reben." Kaum mat das ehrliche Zrinflied verflungen, fo fangen fie, auf eine ernit gehaltene Weiſe übergebenb, obgleich nicht im fchleppenden Tempo, das andere ſchöne Lied von Claudius:
Der 9menjd) lebt und beftehet Nur eine fleine Zeit,
Und alle Welt vergehet
Mit ihrer Herrlichkeit u. f. w.
Als bann die Motette mit dem ſchwungvollen Halleluja Amen flog und bei und eine plögliche Stille eintrat, hörte man aus ben übrigen Räumen her, wie au8 der $yerme, ba8 Geräufh ber fummenden Stimmen, durdeinander tönender Lieder und einer Zangmufif, welche dunkel fortrollende ons maffe übrigens in jeder Paufe hörbar wurde, bie wir madjten. Sn diefem Uugenblide aber madjte uns die Gadje durch ben
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Kontraft einen feierfidjen Ginbrud; e8 mar, wie wenn wir ben Lärmen der Welt raufhen hörten, während mir in traulicher SBejdjaulidjfeit in unſerem Morten» und Drangenwäldchen faßen. Wir horchten eine Weile mit Behagen auf das munberlidje Zofen und gerieten dann in ein unterhaltlides Geſpräch, in meldjem mir die Köpfe über dem Tifche zujammenjtedten und jeder eine beitere oder traurige Geſchichte ober Erinnerung zum Vorſchein brachte, bejonber3 aber ber Gottesmadher eine Menge anmutiger Schwäne von ber Mutter Gottes zu erzählen mußte, wie fie einmal einen Kongreß ihrer Bertreterinnen an den berühmteften Wallfahrtsorten der Welt peranjtaltet babe und wie e8 ba zugegangen und ein großer Zwiſt entitanden fei, wie nidjt anber8 móglid, wo fo viele Yrauenzimmer zu» jammen kämen; was fie alle8 auf der Hin» und Nüdreife er» lebt und verrichtet hätten; mie die eine als große Fürſtin mit per|djmenberijdjer Pracht, die andere aber wie ein jchäbiger Filz gereiff [ei und in den Herbergen, wo fie übernachtet, ihre Engel in den Hübhnerftall gejperrt und am Morgen aud wie Hühner abgezählt babe, ob feiner fehl. So jeien aud) zwei andere große rauen, bie zum Stongreß reilten, bie Mutter Gottes von Gzenftohau in Polen unb die Maria zu den Ein» fiedeln, mit ihrem Gefolge bei einem Wirtshaufe zufammen getroffen und hätten im Garten ba8 Mittageffen eingenommen. Als nun eine Schüffel mit Leipziger Serdjen, worauf eine ge bratene Schnepfe gelegen, aufgetragen worden, habe bie Polafın bie Schüffel fofort an fidj genommen und gelprodjen: So viel fie wiſſe, fei fie bie vornehmfte Berfon am Tiſche und gebübre ihr Biemit das Stördjlein, das ba obenauf liege! Denn wegen be8 langen Gdjnabel8 babe fie die Schnepfe für einen jungen Gtordj gehalten, biejelbe aud) mit ber Gabel angeitoden und auf ihren Zeller getban. Die Schweizerin hingegen, über folde Anmaßung entrüftet, habe nur: „Swips!“ gemadjt, und
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die gebratene Schnepfe fei lebendig und gefiedert vom Teller auf und davon geflogen. Inzwiſchen babe die Maria von Einfiedeln die Schüffel am fih genommen und ſämtliche Serdjen auf ihren und ber Shrigen Zeller geftreift, bie Frau von Gaenitodau aber „Zirili" gepfiffen unb bie Lerchen feien eben[o, wie vorhin bie Schnepfe, aufgeflattert und fingenb im der Höhe verfhmunden, unb [omit hätten fid) bie Herrſchaften gegenfeitig aus Eiferfuht das Mittageflen verborben und fid) nachher mit einer diden Mil begnügen müflen, mozu bie Shwarzbraunen Gefichter beider Damen [fid po[fierlid per. zogen haben.
Agnes fag wie ein Samerab zwiſchen uns, einen Arm auf dem Zijd und die Wange auf die Hand geitüßt. Sie fonnte aber midj red Aug daraus werden, mie alle bie heiligen Marienfrauen, die bod) nur eins unb basjelbe feien, als fo viele unterfchiedene Berfonen herumreifen, fi verfammeln und fogar befriegen können, und fie gab ihrem Zweifel un- verhohlenen Ausdrud.
Der Winzer legte den Finger an bie Naſe und fagte nadjbenflid: „Das ijt eben das Myſterium, das Geheimnis, ba8 wir mit unjerm Berftande nicht zu erflären vermögen.”
Allein der Bergkönig, der in fremdartigen Dingen um fo beredter mar, je meniger er mit feiner Freuztragungsgruppe von Raphael berühmten Bilde wegkommen Tonnte, ergriff das Wort unb fagte: „Die Sache bedeutet nad) meiner Anſicht bie ungeheuere Allgemeinheit, Allgegenwart, Zeilbarkeit und Bandlungsfähigteit ber Himmelskönigin; fie ijt alles in allem, wie bie Natur felbjt, und jteht diefer ſchon als Frau am nüdjten aud in Hinfiht ber unaufhörlichen Veränderlichkeit, mie fie denn audj außerdem in allen möglichen Gejtalten aufs zutreten liebt und fogar als ftreitbarer Golbat gefehen worden it. Hierin gerade mag fie einen Zug ihres Geſchlechtes be
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währen, wenigitens ber vorzüglicheren Mitglieder desfelben, nämlid) einen gemifjen Hang Mannskleider anzuziehen." Einer der Glasmaler lachte bei biejen Worten: „Mir fällt ein drolliges Beifpiel folder Verkleidungskunſt ein,” fagte er und erzählte: „In meiner Baterjtadt, in welcher befonders im Herbit große Märkte jtattfinden, waren wir Gajfenbuben ſcharen⸗ weile dahinter ber, auf diefen Märkten die Häufig auf bie Erde rollenden Aepfel, Birnen, Pflaumen und andere Früchte, wenn fie umgeladen und aus$gemeljen wurden, zu bafdhen und [olde audj vom Haufen wegzuftipiken. Da lief dann immer ein Junge zwijchen uns mit, ben feiner fannte, ber aber immer zuvorderit unb am behendelten von allen mar, fih die Zajdjen füllte, verfhwand und bald wieder erjdjien um fie abermals zu füllen. Auch wenn ber neue Wein von den Bauern in die Stadt geführt und vor ben Bürgerhäufern abgezapft wurde und wir mit langen hohlen Scilfrohren unter die Wagen Bodten, die Röhrchen heimlich in bie untergeftellten Bütten und Kübel jtedten, um den von ben Küfern beim Abmeſſen einitmeilen dorthin gegofjenen überfhüffigen Moft aufaujaugen, war ber unbefannte Junge bei ber Hand, fehludte den Wein aber nicht Hinunter, wie wir thaten, jonbern ließ das vollge- fogene Rohr weislih in eine Flaſche ablaufen, die er in feiner Sade verborgen trug. Der Serl war nicht größer, aber etwas ſtärker als mir, batte ein fonderbares ältliches Geſicht, aber eine belle SKinderftimme, und als mir ibn einmal drohend fragten, mie er eigentlidh heiße, nannte er fid) furgmeg Jochel Klein. Run, bieler Jochel mar ein fünjtlifer Gaffenjunge, nümlid) eine Mein gemadjfene arme Witwe aus der Borftadt, die nicht zu beißen und zu brechen Hatte und von der Rot und ihrem Genie gebrungen bie Kleider eines verftorbenen zwölfjährigen Sohnes anzog, den Zopf ab[d)nitt unb fid jo zu gemijjen Stunden auf die Straße wagte und fid) unter bie
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Buben mijdje. Als fie ihre Kunft auf bie Gpige trieb, murbe fie entbedt. Auf dem Käſemarkt, mo die $üjebünbler ihren Verkehr Dielten, Hatte fie beobadjtet, wie diefe Männer mit boblen Käsftechern au8 den großen Schweizerfäfen zum Behufe be8 Koſtens ihrer Qualität runde Stäbdhen oder Zäpfchen berausitahen, davon ein Endchen fäuberli vorn abbradjen, koſteten, und ba8 Zäpfchen im übrigen wieder in das Loch ftedten, daß ber Käfe wieder ganz mar. Alſo verjah fie fi mit einem gewöhnliden Ragel, ftrid um die Käfe herum und erfpähte die Stellen, mo eine zarte Sreislinie ein foldhes Stäbchen angeigte. Dann jtedte fie im geeigneten Momente den Nagel hinein und 30g e$ heraus, und oftmals trug fie wohl ein halbes Pfund trefflihen Käfes nad) Haus. Endlich aber, ba die SKäfehändler überall auf ihren Borteil erpichter nnd unbulbjamer find, al3 andere StaufDerren, urbe fie ers mijdt und ber Polizei übergeben und bei dieſer Gelegenheit ihr wahrer Stand entbedt. Man nannte fie aber den Syodjd Klein, fo lang fie lebte."
Agnes ergögte fid) an ber einfachen und harmloſen Lift ber amen Frau und bedauerte nur den jchledhten Ausgang. Der andere Glasmaler Hingegen meldete fid) aud) mit einer Verfleibungsgeihichte eines Weibes, die aber grauslidjer jei, ala die von dem meibliden Gajjenjungen.
„SB ijt aber eine alte Gejdjidjte aus bem fechzehnten Sahrhundert,” jagte er; „im Jahre 1560 ober 62 laut ber Chronik gefhah e8 in ber Stadt Nimmwegen, im Geldernichen gelegen, bap der Cdjar[ridjter nah dem Städtlein Grave an ber Maas, auf ber brabantifhen Grenze, berufen wurde, um brei Miffethäter zu ridjten. Der Nachrichter von SRimmegen lag aber franf und ſchwach im Bett, weil ihm fein eigener Knecht mit einem vergifteten Süppchen vergeben hatte, um feine Stelle zu befommen. Denn, jagt ber EChronift, es ijt fein Amt fo
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elend, daß nicht einer ba wäre, ber es auf Koften feiner Seele erhafchen móodjte. Der Meifter berichtete alfo an den Nat zu Grape, er könne nicht fommen, werde aber feine Frau firads an ben Gdjar[ridter von Arnheim fenden, mit bem er einen Bertrag zu gegenfeitiger Aushilfe gefchloffen babe, unb es werbe derjelbe rechtzeitig fid) Stellen unb zu Gebote fein. Der Frau befahl er, fid) unverweilt nad) Arnheim zu begeben und den dortigen Gejdjü[tefreunb in Kenntnis zu fegen. Doch bie Grau, ein wohlgewachſenes, ſchönes und freddes Weib, war geizig und wollte den Lohn eines fo einträglichen Geſchäftes nicht fahren laffen. Statt nah Arnheim zu gehen, zog fie heimlich die Stleider ihres Mannes an, nachdem fie Hemd und Wams ber Brujt wegen erweitert hatte, ſetzte feinen Federhut auf ben fchnell geihorenen Kopf, gürtete das breite Richtſchwert um und madte fidj bei Nacht und Nebel auf den Weg nad) Grave, wo fie zur rechten Stunde eintraf nnb fid) bei bem Burgermeijter meldete. Ihm fiel zwar ihr glattes Gejidjt unb bie junge belle Stimme auf, und er fragte, ob fie ober piel. mehr er, ber angeblide Scharfrichter, aud) bie Hinreichende Kraft unb llebung zu bem vorhabenden Werke beſitze? Aber fie verficherte mit frechen Worten, daß fie das Spiel genugfam fenne und e8 ſchon manchmal getrieben habe. Sie griff aud) gleih nad) bem Stride, an welchem ber erjte ber armen Sünder binausgeführt wurde, und febte ſich fo in ben Beſitz desfelben. Als e8 aber jo weit gelommen, daß der Mann auf bem Stuble faß und fie ihm bie Augen verband, ward er etwas unrubig; fie büdte fid) tiefer über ibn ber, um zu feben, ob bie Binde überall gut ſchließe, unb fo fpürte er ihre weiche Brut an feinem Kopfe. Sogleih fd)rie er, e8 fei ein Weib ba! Gr molle aber nicht von einem folchen, fondern von einem ordent⸗ [iden 9tadjridjter getötet werden, ba8 fei fein Recht! Der arme Menſch Hoffte burd) den Umstand einen Auffchub zu gewinnen.
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In ber enijtebenben Berwirrung ſchrie er immer lauter, man [folle ihr bie Kleider berunterreißen, fo werde man fehen, daß es ein Weibsbhild (ei. Da die Gadje endlih bie Umſtehenden nidt unwahrſcheinlich dünkte, wurde einem Henkersknecht ge» boten, fid) zu überzeugen, und mit ber Schere, mit welder er foeben dem Uebelthäter das Haar abgenommen, [ditt er bem Weibe auf Bruft und Rüden Wams und Hemb auf und ftreifte e8 ihr von den Schultern, fo daß fie vor allem Volke mit entblößtem Dberförper bajtanb unb mit Schmady von ber Richt⸗ ftätte gejagt wurde. Die Verbrecher mußten wieder ins Ges fängni3 geführt werden; das aufgebrad)te Volk aber mollte bas Weib ins Wafler werfen und ließ fid nur mit Mühe daran verhindern. Dennoch jtürgten die Frauen unb Mägde aus ben Häufern, verfolgten die fliehende Scharfrichterin mit Sunfen und Bejenftielen bi8 vor die Stadt und zerbläuten ihr den glänzend weißen Rüden. So nahm bieje Verkleidung ein ſchlechtes Ende für bie verwegene Amazone Ms ihr Mann bald darauf ftarb, wurde wirfli ber falſche Knecht, der ihn vergiftete, an feiner Stelle 9Radjridjter zu Nimwegen, heiratete die Witwe, und batte bemnad) ber Genfer eine Frau, bie feiner wert mar."
Mit diefer berben Geſchichte batte unfer Geplauder die Grenze faft überjdjritten, die wir dem anmefenben Mädchen ſchuldig waren. Sie fhüttelte [dauernd den Kopf und fäumte nidi, ihr Glas ausautrinfen, als wir zuſammen anjtießen. Während der ganzen Unterhaltung batte jeder feinen langen Kelch feit in der Hand gehalten, damit er nicht umfalle und zu gelegentlihem Zufprud dem Munde móglidjit nah fei, und Agnes hatte in ihrer Unerfahrenheit unb im glüdlidhen Ber: geilen aller Rot uns getreulih nadjgeabmt. Als unwiljenden Sunggefellen war uns unbelfannt, wie man fid in foldem Galle mit einem meiblidjen Wefen zu benehmen hat, und füllten
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alle Gläſer, fo oft fie fid) leeren, uns ber madfenben Auf regung und röhlichleit des guten Kindes erfreuenb. Reinhold, ber GotteSmadjer, hatte während ber langen Plauderei von einem Binter der Agnes ftehenden Drangen- bäumdhen blühende Zweige gebrochen, fie zu einem Kränzlein verflodhten und drüdte ihr jebt dasfelbe auf den Kopf. Zus gleidj bat er fie, ihn mit einem Tänzchen zu beglüden, zu meldem einer oder zwei von ben andern auf[piefen follten. „Nein!“ rief fie, „zuerft will ich euch einmal einen Ländlertang allein vorführen, den ihr alle pier fpielen follt!“ Die Gefellen gehorchten, nahmen bie Smftrumente aus den eyutteralen und itimmten fie wieder. Ich rüdte zur Seite, fie fpielten einen damals febr beliebten Volkstanz jener Gegend, und Agnes tanzte auf dem Tleinen Raume, ber zwifchen ben Bäumchen übrig war, mit aller Anmut bie langfame und eine gewiſſe Sehnfuht ausdrüdende Weile. Kaum mar ber lebte Takt verflungen, fo verlangte fie, indem fie fid) das ſchäumende Glas geben ließ und es mit dürftenden Lippen leerte, einen Balzer, den fie nod) allein tanzen molle. Die guten Sung: gejellen geigten fo fräftig fie permodjten, und Agnes drehte fi, die Hände in bie ſchlanken Hüften ftügenb, mit glänzenden Augen um fidj felber. Auf einmal griff fie mit den Armen in bie Luft, al$ ſuche fie jemanden, ftand jtil, nabm den Kranz vom Kopfe, befab ihn, feßte ihn mieber auf unb fing darauf an zu [djmanlen. Ich fprang jchnell Hinzu und führte fie zu ihrem Stuhle; die Muſiker hielten erfchredit inne, das arme Mädchen aber warf Kopf und Arme auf den Zijdj, da alle Gläfer umftürgten, unb begann überlaut mit berzzerreißen- bem Jammer zu weinen und nad) ihrer Mutter zu rufen. Sie meinte und rief jo burdjbringenb, daß andere Gájte bexbeifamen unb wir in der größten Beltürzung und Natlofigfeit herum» ftanden. Wir perjudjten fie aufguridjten; allem fie fan? uns
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aus ben Händen unb zu Boden, mo fie leidjenblaB mit zittern« den Lippen unb Händen außgeitredt lag und bald günglid) leblos ſchien, fo daß jept eine ängſtliche Stille eintrat.
Endlih mußten wir und entjdjliepen, ba8 arme reglofe Weſen mwegzutragen und im bewohnten oder zur Hilfe bereiten Teile des Haufes eine Stätte zu fuhen. Der Bergkönig faßte fie unter den Armen, der Gottesmader nahm die Süße unb fo trugen fie die leichte filberidjimmernbe Lajt forgfam davon. Sd) ging voraus und bie zwei Glasmaler folgten, ihre Biolinen unter dem Arm, bie fie einzupaden feine Zeit fanden unb. bod) nicht zurüdlaffen wollten, meil e8 gute Snftrumente waren.
Frau Rofalie war leider in Erikſons Begleitung ſchon nad der Stadt gefahren, ohne von irgenbmem Abſchied zu nehmen, damit nicht gegen ihren Willen ein Aufbruch ftattfände und die Luftbarkeit geitórt würde. Um fo willlommener mat die Hausmeifterin oder Bermalterin, die herbeifam und unjern Trauerzug in ihre eigene Wohnſtube leitete, wo bie Regungs- Iofe auf ein bequemes Ruhebett und einige Derbeigebolte Kiffen gelegt wurde.
„Es ift nidt fo ſchlimm,“ fagte die beratene Yrau, al fie unfern Gdjreden bemerkte, „das Fräulein wird einen 9taujd) haben, ba8 wird bald vorübergehen!"
„Kein, fie hat einen Kummer!” flüfterte id) ihr zu.
„Dann hat fie eben in ben Kummer hinein getrunken,“ perjegte fie; „wer gibt einem jungen Mädchen denn fo viel zu trinken?"
Grit jept erröteten wir unb ftanden in Beſchämung und Berlegenheit, big uns bie wadere Frau fortichidte, nadjbem fie fi nod erfundigt Hatte, mo bie Erkrankte hingehöre. „Der Bagen ber Qerrídjaft," fagte fie, „wird mod) einmal heraus fommen, um eia nötig merbende Dienjte zu leiten; alfo werden wir für alles beforgt fein.” Reinhold anerbot fi und
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ließ e8 fid) nicht nehmen, im Haufe zu bleiben; er drang in mid, ibm den ferneren Schuß der Berlaffenen anheimzuftellen, und id) war e8 zufrieden, da er für einen moblbeidjajfenen braven Mann galt. Agnes ging aljo, um ifr Schidfal zu erfüllen, in ihrer Bewußtlofigkeit und überhaupt während des ganzen Feſtes von einer Hand in bie andere, wie ehemals eine im bie Sklaverei geratene Königstochter.
Ich trennte mid) von ben Geigern, die für Unterbringung ihrer Inſtrumente zu forgen hatten, und madjte mid) auf ben Weg. Uebrigens wurde fomohl hier al8 am Walde drüben allgemein aufgebroden, unb die Straße war von den Wagen ber Deunfebrenben bebedt. Da ich nicht gleich eine Unterkunft fand, z0g id) vor, au (yug zu gehen, unb um nidt von den Fuhrwerken, die im Trabe fuhren und fi jagten, gefährdet zu werden, betrat id) den Seitenpfad, ber fid) auf bem Wald⸗ boden längs der Straße bingog. Der abnehmende Mond er= hellte den Weg einigermaßen burd) die Bäume; immerhin be- hinderte da8 Geftrüppe des Unterholzes ba und dort Die Schritte und ich holte denn aud einen einfamen Wandler ein, ber fid) mit Weißdornruten und Brombeerftauden ärgerlich herumſchlug. Es mar 298, unter deſſen dunflem Mantel bas feine Leinwandkleid hervorſchimmerte unb an den Dorngeflecdhten hängen blieb.
Nachdem wir uns erkannt, erzählte ich das Borgefallene in einem Tone, ber ihn erraten ließ, wo id) hinauswollte 293, ber ein ausdauernder Trinfer war, aber alle SSetrunfen- heit fhon an Männern perabídjeute, empfand einen tiefen Verdruß und benugte benfelben überdies, weitere Borwürfe oder unliebe Bemerkungen abzuſchneiden. „Das ijt eine faubere Geſchichte!“ rief er, „find das nun euere Heldenthaten, ein un- erfahrenes Mädchen beraufcht zu madjen? Wahrhaftig, id) habe das arme Find guten Händen übergeben!"
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P llebergeben!" ermiberte ich gereizt; „verlafien, verraten milit bu jagen!" und id) übergop ihn mit einer Flut von Borwürfen, bie über meine Berechtigung weit hinaus gingen. „Iſt e8 denn fo ſchwer,“ ſchloß ich vorläufig, „feinen Neigungen einen feiten Halt zu geben und fid) mit einiger banfbaren Treue an einer fo reihen Gabe Gottes genügen zu laffen? Muß denn bie ganze Welt durch einander rennen und fid) überall ſelbſt im Lichte ftehen unb fid) betrüben?”
$58 Hatte fid) inbejjen von den Dornen losgewidelt. Da er fab, daß er mid) nicht einſchüchtern fonnte, ergab er fidj und fagte ruhig, indem wir einer Hinter dem andern weiter gingen: „Laß mich zufrieden, du verſtehſt das nicht!"
Aufbraufend antwortete ih: „Lange genug babe id) mir eingebildet, daß in deiner Sinnesart etwas liege, was id) mit meiner Crfahrung nicht überfehen und beurteilen Yonne! Sekt aber gewahre ich nur zu beutfid, daß e8 bie trivialjte Gelbjt. juht unb Rückſichtsloſigkeit iji, welche bid) beberrfcht, fo Leicht erfennbar, als verabfcheuungswert. D menn bu wüßteſt, wie tief bid) biefe Art entitellt und deinen Freunden weh thut, bu würdeſt [d)on au8 der gleichen Eigenliebe bid) ändern und ben häßlichen Makel von dir tBun!"
