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Gesammelte Werke

Chapter 56

Section 56

Die etwas überrafchte Gejellichaft zügerte ein paar Ge. funben; da [jegte Lys ritterlih ein Goldſtück und gewann. Rofalie zahlte ibm bie Hälfte und warf die andere in eine geleerte Zuckerſchale, bie gerade zur Hand mar.
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„Schönften Sjanf, Herr Qp8! mer ſetzt meiter?" fagte fie fróblid) unb Dulbpoll.
Gin älterer Mann, ben fie mit „brav, Herr beim!" an. redete, jepte ein Zweiguldenftüd unb gewann aud) Sie legte ‚einen Gulden in die Schale und gab ihm den andern, jamt feinem Einfat. Drei oder vier Damen, Dieburdj ermutigt, magten gleichzeitig ein Guldenjtüd unb verloren; Rofalie warf ladjenb für jede einen Balben Gulden in das Gefäß. Die Frauen zu rüdjem, wie er fagte, legte Lys abermals einen Louisd'or hin, worauf einige Herren fid) mit doppelten Thaler» jtüden einjtellten unb aud) die rauen fid) wieder mit einzelnen halben, ja ganzen Gulden Berpormagten. Das Gewinnen und Berlieren wechjelte ziemlich) gleihmäßig, aber ſtets fiel etwas in bie Suderbüdjje, unb wenn aud) langjam mud ber Pens fionsfonds, mie Rofalie es nannte, bod) fidjtbarlid) an.
Doch 295 rief jegt: „Das geht zu ſachte voran!” unb fepte pier Goldjtüde, ben Reſt des Bargeldes, das er in feiner Börfe trug. „Schönen San? abermals!" fagte Nofalie, als fie ge mann und die Hälfte in die Schale warf. Es mar nicht redjt eriihtlih, ob Lys fid mit ihr freute; bod) ergriff er einen Stuhl und feßte fid der fchönen Frau gegenüber, indem er rief: „Rod immer beffer muß e3 fommen!“ Er pflegte niemals auszugeben, ohne eine größere Summe Geldes in Noten bei fid zu fragen, einer langjährigen NReifegemohnheit zufolge. Auch jebt Bielt er die Brieftafche in feinen Gemánbern irgendwo verforgt, aog fie hervor und legte eine Note von hundert rheir nifhen Gulden Bin, dann, als er fie verlor, die zweite, dritte u. j. m. bi8 zur zehnten, welches bie lepte mar. Der ganze Vorgang, Zug um Zug, dauerte nicht länger, als zwei Minuten, fo daß Rofalie mit einem einzigen ftrahlenden Blicke und einem einzigen Lächeln, daß fie fajt ohne zu atmen auf Lyſen geridjtet hielt, ausreichte von ber erjten bis zur legten
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Rote, welche fie ohne Abzug einer Hälfte vorweg in bie Scale warf. Die bligartige Schnelligkeit, mit welcher ber Zufall fpielte, verlieh der Scene eine eigentümlidje Anmut und bradjte den Ginbrud bervor, wie wenn bie rofige Banfhalterin mehr al8 Brot ejjem könnte, b. D. geheimnisvoller Künfte mächtig wäre.
„Wir haben genug!" rief fie, „taufend Gulden ohne bas Bare! Mehr als fünfhundert Gulden foll ein fo junger Burſch im Jahr nicht peribum. Alſo fónnen wir ihn zwei Sabre duchbringen und wollen das Geld beim Bankier Binterlegen Morgen aber foll er porerjt nad) Haufe reifen!"
Dann malte fie jid) und uns bie Erfennungsfcene aus, welche zwifchen der abgebrannten Mutter und bem unverhofft mit Hilfe erfcheinenden Sohne ftattfinden werde; fie befchrieb nochmals, wie der blühende Junge, fern von der Heimat, mitten im Subel eines Maskenfeſtes von der Schreckenskunde überfallen, verzmeifelt bageitanben unb mit ben bitteren Thränen gefämpft babe. Sie mar in ihrer Freude jebt fo ſchön, daß fie den Höhepunft rmeiblidjen Reizes erreichte und einen Ab» glanz ihrer Schönheit auf Lyſens Gefidjt warf, als fie ihm über ben Tiſch meg die Hand bot, bie feinige drüdte und herzlich fchüttelte, indem fie fagte: „Freuen Sie fid) nicht audj an dem bißchen Sonnenfdein, das wir Ihnen danten? Dhne Shren rafhen Edelmut wäre ja nidjt jo bald geholfen! Sie follen auch unfer Vorfteher fein und mid Heut Abend zu Tiſch führen!“
Bei diefen Worten jchienen ihre Gebanfen eine andere Richtung zu nehmen; fie erhob fid, bat um Entſchuldigung und zog fid zurüd. Gleih darauf eilte aud) Lys burd) bie gleihe Thüre fort, als ob er etwas Bergefjenes zu [agen hätte. E3 dauerte eine halbe Stunde, bis Rofalie an Erifjons Arm wieder erſchien, um an der Spitze ihrer luſtigen Hausbeſatzung
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zu Tiſch zu geben. Lys fam nidjt wieder; man hörte er [ei it da3 Waldlager hinüber, ba8 er aud) noch babe in feiner Luſtbarkeit fehen und ſtudieren wollen.
Bas inzwiſchen vorgefallen, wurde fpäter ziemlid im Zufammenhange denjenigen befannt, die von ben Dingen in diefer ober jener Weife berührt waren. Lys batte mit ftür= mifhen Schritten, mit plögliher Entichloffenheit bie Verſchwun⸗ dene verfolgt und in einem einfamen Zimmer erreicht, mo fie mit einem andern als ibm eine furge Smiejpradje zu halten dachte. Ihre beiden Hände ergreifend, erklärte er feine erníte und heilige Liebe und forderte fein Lebensglüd und [eine Ruhe von ihr, die einzig fie ibm geben fónne. Sie fei das Weib der Weiber, die göttliche Frau, bie immer nur Ein Mal in der Welt fei, fhön und Hell und heiter, wie ber Stern ber Benus, Hug unb gütig und nur fid) felber gleidj Er wife jet, warum er fid in Srrjal unb Wankelmut umge- trieben, indem er ba8 Beite geahnt und gefudjt, aber nicht habe finden können; -aber nun babe er audj bie unerbittliche Pfliht und dag unveräußerlihe Recht, e$ zu erringen. Seine Rückſicht dürfe ihn hindern, in fo entjdjeibenber Stunde ben Schritt über bie ſchwanke, fdjmale Brüde zum Dafein zu thun und ihr das ungeteilte und ganze, von feinem Zufälligfeiten getrübte Leben anzubieten, ein Leben, ba8 bie Notwendigfeit, nicht bie eiferne, fondern die goldene, jelbit fein würde. Denn e8 fei nicht möglich, daß irgend ein Lebendiger fie fo zu kennen unb zu würdigen vermöge, wie er, das fühle er untrüglich unb glühend, mie ein lohendes euer, eine Glut, bie zugleich ein Licht, dag Licht des Urteils fei, das gegenfeitig fein müſſe.
Und was folder großen Worte mehr fein modjten, ibm felbft ungewohnt; denn er foll dabei [0 gut und begeiftert, ja DinreiBenb ausgefehen haben, daß e3 Rofalien unmöglich war, den Ueberfall mit einer [djalfBaften oder verlegenden Wendung
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abzumeifen, obgleich fie ſich ſchon burdj ben Anzug, in welchen er heute in ihrem Haufe erfdjienen, unangenehm betroffen fand.
Sie entzog ihm erjchredt die Hände, trat zurüd unb rief: „Beſter Herr Lys! id) veritehe von Ihren geheimnisvollen Neben nur foviel, daß das Licht, das gegenfeitige Urteil, von dem Sie [predjen, uns gänzlich fehlt. Ich bin nicht das Weib der Weiber, behüte mid) Gott davor, da müßte id) ja bie Summe aller Sdjmadjbeit fein! Sdj bin ein einfadhes be- ſchränktes Weſen und kann gunádji feine Spur einer Neigung zu Ihnen entdeden, und Sie fonnen mid) eben fo menig fennen, da Sie mid) vor nod) nicht vierundzwanzig Stunden zum eriten Mal geſehen haben!“
Er unterbrady fie jedoch, fudjte wieder ihre Hände zu faffen und fuhr fort: er fenne fie wohl, famt ihrer Bergangen- beit und Zukunft. Eben daß fie in Demut und Berfennung babin gelebt, [ei da8 Wahrzeidhen ihrer Beltimmung, fiegreidh zur Klarheit und aum Glanze ihres Rechtes zu Iommen! Das jei ja bas Zieffinnige in fo vielen Göttes- unb Menſchenſagen, daß die Himmliihde Güte und Schönheit in Dunkelheit unb Dienftbarfeit niedergeitiegen und aus ber rührenden lim. fenntnis ihrer felbit zum Bewußtſein gerufen morben feien, das Wefenhafte fid) aus dem Staube des Unweſentlichen babe befreien müſſen.
Plöglih flug fie die Hände zufammen und rief mit flagenbem Tone: „Himmel, meld) ein Unglüd! Hätt id bas nur vor adj Tagen gemußt — jebt ijt e8 wieder einmal zu ipát! Sch bin verlobt, raten Sie, mit mem?"
„Mit Grifjon!" verfeßte er mit einiger Heftigfeit. „Ich habe mit? halb gedaht! Über das thut nichts! bie echten Schickſalswandlungen gehen über bergleidjen hinweg, wie ein Morgenmwind über dad Gras! Bor dem Entſchluſſe von heute muß ber verjährte Willen von gejtern verbleichen.“
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„Nein!“ ermwiderte fie mit Kopfichütteln und fcheinbar trauriger Berlegenheit, „ich gehöre zu bem Gefchledhte derer, die Wort Halten; id) kann nicht anders, id) gehöre zum Graſe!“
Sie ſchwieg einen Augenblick, wie um ſich zu beſinnen, während er mit dringlichen Reden wieder begann; doch ſie unterbrach ihn abermals, als ob fie einen guten Gedanken ge= funden hötte.
„Ich babe gehört ober gelefen von ausgezeichneten Grauen, welche mit unbedeutenden Männern friedlich gelebt, inbejjen fie aber mit höchſt bedeutenden Geijtern eine Seelenfreundichaft gepflegt haben, wozu jebod) für den Anfang eine beträchtliche Entfernung gehört, bi8 das beruhigende Alter die rechte Weihe bringt. Sole Frauen, wenn fie genugfam Kinder geboren und wohl erzogen baben, follen alsdann nicht felten zum höchſten Berftändnis jener Geijter fid) empor[djmingen, ba e8 ihnen nicht mehr an Zeit gebridjt, ben großen Dingen nad) zuleben. Run fehen Sie, wie fhön wir e8 bod) nod) eim. richten fonnten, wenn wir nur wollten. Sollte wirklich etwas fo Außerordentlihes in mir fein, wie Sie mid) bald glauben maden, fo Tann idj ja einftweilen meinen unbebeutenben Grifjon heiraten, Sie entfernen fi für ein paar Jahrzehnte — "
Sie [djmieg nidt ohne Beforgnis, al8 Lys mit einem ſchmerzlichen Seufzer auf einen Stuhl ſank und por fid) nieder fab. Er merkte erjt jebt, daß bie reigenbe Yrau ihr Spiel trieb, unb ba er zugleih fein Kleid gemwahrte, modjte er ber bedenflihen Lage inne werden, in die feine Schwäde ihn ge führt, vielleiht aud) zum eriten Mal ihn die Empfindung von ber bunfeln leeren Stelle in feinem fonit jo reichen Wefen überjdjatten.
Ungehört auf ben meidjn Zeppidjen des fleinen Zimmers
mar Grifjon [don vor einigen Minuten eingetreten und Hinter Keller IL 15
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bem Freunde geftanden, und Rofalie hatte ihre ſchalkiſchen Reden in feiner Gegenwart gehalten, bie fie mit feinem Zwinkern ihrer Augen verriet.
„Aber nürri[der $taua," fagte er, indem er jenem bie Hand auf die Schulter legte, „wer wird denn feinen Kame— raben bie Bräute wegſchnappen?“
$98 [djnellte fid) berum und fprang auf. Zur Rechten jab er bie rau, zur Linken den Rorbländer ftehen, bie fid) zulädhelten.
„Da!“ fagte er mit Lippen, bie nidt nur von Reue und Berlegenheit, fondern aud) ein wenig von Herzenstrauer per. bittert [djienen, „da hab’ id'8 nun! das ijt bie tyoIge, fobalb man fid) einmal felbit 5ingibt. Nun er[abr id, mie e8 thut, wenn einer in die Verbannung gebt. Ih wünſch' Gud) übrigens Glíüd!" damit wandte er fid) raſch unb ging fort!
Als e8 fpäter zur Tafel ging, welde zu einem mehr traulihen ala prunfenben Sable gerüftet war, unb Lys nicht wieder erſchien, fiel mir abermals die Gorge für bie gute Agnes anbeim. Sie hatte lautlos neben mir jtebenb dem Spiele zugefhaut, dann während ber langen Baufe meinen Arm ergriffen und war mit mir Derumgegangen, obne ein Wort zu jagen. Sch batte nod) in Feiner Weiſe mit ihr über ihre Sadje und ihren Zuftand zu reden gewagt und fühlte aud) fein Bedürfnis ober Geſchick dazu; aber id) fpürte wohl, wie e8 in ihrem Buſen fortwährend arbeitete, zornige und wehmütige Seufzer fid) befämpften unb mit einander gerbrüdt unb binuntergepreßt wurden.
Ich begleitete fie an den Tiſch und fam an ihre Seite zu fiten. Als jet Erilfon eine furge Rede hielt, das Gr. eignis ber Verlobung verfündigte unb die Bitte beifügte, die fröhliche Gefelihaft möchte fein Glück bei diefer guten. Ge legenheit mit feiern helfen, hörte ih, wie Agnes mitten im
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Geräuſch ber allgemeinen Ueberrafhung, des Gläſerklingens unb Hocrufens tief aufatmete. Wie von einer Qajt befreit, [ab fie einige Minuten in fi gekehrt; bodj ba Lys nidjt wieder zum Vorſchein fam, half ihr ja alles nichts; fein Ab- fall trat burdj ben Borgang, ben fie ahnte, nur um fo heller ins Licht, und ihre einfadje Seele war nicht geartet, auf fein SRiBgefd)id neue Pläne zu gründen. Doch begmang fie ihren Kummer und hielt tapfer aus, ohne nad) Haufe zu begehren. Sie folgte mir fogar, al8 ih fie zum Anfchluffe einlud, ba fid alle von ihren Bläßen erhoben, um an ber bräutlichen Wirtin glüdwünfhend und grüßend vorüberzuziehen.
Rofalie war aunádjt von ihren Verwandten umgeben, meldje von der unerwarteten Berlobung nicht [onberlid) erfreut fhienen und ziemlich ernithafte Gefid)ter madjten; denn bie Huge Frau hatte den Tag benußt, fie in bie Falle zu Ioden und fie zu zwingen, ihrem Berlobungsfeite in ehrbarer Weife beizumohnen, ohne daß fie, ſchon der Menge ber Güjte wegen, den geringiten 99iberitanb zu leilten permodjten mit unmwill- fommenen Warnungen ober 9tat(djfágen. Um fo lieblid) bei terer nahm fid) bie Sufriebene unter den verdroffenen Bettern und Bafen aus.
Nun mar e8 aber ein ergreifender Anblid, wie in der bunten Reihe der vielgeftaltigen Gäfte aud) die Agnes heran- trat unb das verlafjene Weib dem fiegreichen feinen Gruß bar» bradjte. Sie beugte Hd) nieder unb füfte ber Braut bie Hand, wie ba8 demütige Unglüd dem Glüde. Nofalie fab fie be troffen an und drüdte ihr dann teilnehmend die Hand. Sie hatte bas Mädchen ganz vergeilen, wie fie in diefem Augenblick aud) den ſchlimmen 258 fchon vergeffen, und man konnte bemerken, daß fie fid) irgend etwas vornahm; allein bie nächite Gefunbe entführte ihr ba8 meiter eilende Trauerweien unb gab fie felbft ihrer glüdjeligen Zeritreuung zurüd.
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Nachdem alle Güjte ihre Plähe wieder eingenommen und eine gleihmäßige, ſchließlich aud) von den bod) Iebeluftigen Vettern geteilte Heiterfeit fid eingeftellt, gab es bald eine neue Unterbredung. Die Kunde von bem Glückswechſel eines Ge nojjen war rajdj in ba8 große Luftlager im Walde gedrungen, wo bie unverwültlide Jugend nod) immer hauſte. So mar: fhierte denn jegt mit Trommel und Pfeife und fliegender Sahne ein Zug Landsknechte zur einen Thüre herein, während in der andern eine Schar Iuftiger Zunft und Handwerksgeſellen mit ihrer Muſik er[djien. Beide Parteien zogen um bie Tafel berum, mit Hütefhwingen unb [autem Zuruf, unb führten fid auf biedere Art zu einem Ehrentrunk eim. Die bisherige Drdnung ward baburd) aufgehoben und Eriffon batte jamt den Haußbedienten genug zu thun, den Zuwachs unterzubringen, der fo ziemlih alle Räume füllte. Doc ging alles mit frober unb guter Laune von ftatten, bie Denkwürdigkeit des Tages fteigerte fidj aujebenba.
Qj fragte Agnes, was fie vornehmen molle, ob fie nad) Haufe zu Lehren ober nod) zu bleiben münjdje? Mir wäre das eritere nidjt unmwilllommen geweſen; denn fo fieblid) und ebren- voll midj die fortgefegte Obhut eines fo unjdjulbig reigenben Geſchöpfes dünkte, empfand ih bod) nad) Art junger Deutid- gejellen den Wunſch, das bisher Berfäumte nadjgubolen und bie legten Stunden bod) nod) unter meinesgleichen, ein Freier unter Freien zu verbringen.
Agnes zögerte mit ihrem Entſchluſſe; fie (dauberte heimlich) vor dem Alleinfein in ihrem Haufe, wo fie Feines redjten Troſtes gemürtig war, unb modhte fid) aud ſträuben, die Stelle zu verlaffen, wo in jüngfter Zeit nod) der Geliebte gemeilt unb fie in neuer Hoffnung gelebt hatte. So führte id) fie einftweilen in den verfhiedenen Gemächern, zwiſchen den malerifchen Zecher⸗ gruppen herum, überall wo e$ etwas Merfwürdiges zu [eben
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gab, mie ber unermüblidje Einfall einzelner ober vieler e8 ſtets neu gebar.
Auf unferer Wanderung hörten wir einen mobltónenben vierftimmigen Gefang und gingen ibm nad. Am Ende eines ſchwacherleuchteten Flures fanden wir einen erferartigen Ausbau, ber wegen feiner Fenſter zu einer Heinen Drangerie diente; denn er war mit eta einem Dutzend Drangen-, Granate und Myrten⸗ bäumen befeßt, zwiſchen welche der Gottesmacher unb feine Leute ein Zijd)djen geftellt unb fid) niedergelaffen hatten. Ueber dem Eingange Ding ein altes eifernes Schentezeichen in Gejtalt eines PBentagramms ober Drudenfußes, das von ihnen in irgend einem Winkel aufgefunden unb Derbeigebradjt morben. Da faßen fie nun, ber rbeinijdje Winzer, ber Bergkönig und bie zwei glasmalenden Meifterfinger, und zeigten, daß fie im pier» ftimmigen Zufammenfingen nicht minder geübt waren, als im Saitenfpiel. Als mir vor ihrer Herberge ftanden und zubörten, nötigten fie uns fofort, bei ihnen Pla zu nehmen, indem fie zufammenrüdten und Stühle berbeiholten. Zu meiner 88er. munberung ließ Agnes fid) ba8 gern gefallen; ber Gejang ſchien ihr Herz anguloden, zu bejdjüffigen unb [till zu madjen. Um jene Zeit waren einige alte beutjdje Volkslieder auerjt wieder hervorgezogen und von lebenden Komponiften fangbar gemadjt worden. Ebenfo murbe, was von Gidjenborf, Uhland, Kerner, Heine, ®ilhelm Müller im Tone jener Lieder vor» handen, von den Sangmeiftern in mehr oder minder ſchwer⸗ mütige Roten gelebt und eben als das Neuſte von der ge ſchulten Männerjugend gefungen eh’ e, teil zum zweiten Male, ind Bolt überging. Noch nie hatte Agnes dergleichen gehört. Soeben mar das Lied „Am Brunnen vor dem Thore, ba fteht ein Lindenbaum” zu Ende, und e8 fam „Es fiel ein 9teif in ber Qyrüblingénadjt". Alte Scheibelieder, Todeskund⸗ haften, Klagen um entſchwundenes Glüd, Lenzverheigungen,
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die Lieder vom 9Xüblrab und vom Tannenbaum, Uhlands „Nun, armes Herz vergiß ber Dual, mun muß fid) Alles Alles wenden”, eins nad) bem andern tam zum reinen und aus drudsvollen Vortrag, wobei der Gotte8madjer mit feinem hellen Tenor die Oberitimme führte, der Berglönig den Baß fang unb bie Glasmaler anbádjtig dazwiſchen mitliefen, zuverläjfig auf Ton unb Takt haltend.
Agnes laujdjte unpermanbt, und alles, was fie Dorte, [dien wie für fie gemadjt und aus ihrer eigenen Bruft zu fommen. Indem fie nad) jedem Liede erleidhternde Ateınzüge that, wurde fie zufehends ruhiger und freier. Ein fonniger Frohſinn ging um unfere Meine Balb verborgene Zafelrunbe; e8 war, wie wenn alle ftillihweigend fühlten, daß ein be drängtes Herz fid) entlajtete, obgleih eigentlih außer mir feiner etwas wußte. Jetzt trat noch ber herumftreifende Erikſon herzu, entbedie unjere Stieberlajjung und eilte, al8 er die Art berfelben erfannte, von bannen, um einige Ylafchen franzö- fiihen Schaummeines berbeizufchaffen, worauf er feinen vor» forglihen Rundgang im Dienjte ber Gebieterin des Haufes fortfebte.
Agnes und bie meilten von uns hatten nod) niemals Champagner gejeben, mod) weniger gelrunfen, unb [don bie nad damaliger Mode nod) ganz hohen Gläfer, in melden bie Berlen unaufhörlich jtiegen, erhöhten unfere Stimmung bis zur Feierlichkeit. Run kam Roſalie felbjt und Dradjte der Agnes einen Zeller füßes Backwerk und Früchte und empfahl uns, mit ber feinen Diana ja recht fröhlih und galant zu fein.
Das waren mir denn aud) in der beiten unb ziemlichiten Weiſe. Bor allen begeigte fid) der Gottesmacher aufmerkjam unb höflich gegen fie; aber aud) bie andern wurden ebenfo aufgeräumt, als fie in heiterer Ehrerbietung verbarrten, ftolz darauf, daß eine fo poetifch [djóne Erſcheinung wie fie 8 nannten,
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ihre Tleine Kompagnie zierte. Als alle auf ihr Wohl mit ihr anftießen, tran? fie den ſchlanken Kelh bis auf den Grund leer, oder vielmehr floß ihr die perlende Süße mie ein Sclänglein in den Mund, ohne daß fie e8 mußte; menigiten8 behauptete der Gottesmacher nachher, er Babe an ihrer weißen Kehle gejehen, wie e8 durcdhgefchlüpft jet. Run fing fie an zu zwitfchern und meinte, bier wäre e8 gut, e8 [ei ihr zu Mut, wie wenn jie aus winterlihem Schladerwetter in ein warmes Stübchen gelommen mwäre; aber fie wille ſchon was bas [ei, immer madjten einige gute Menfchen zufammen ein warmes Gtübdjn aus, aud) ohne Dfen, Dad und Fenſter!