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Gesammelte Werke

Chapter 55

Section 55

Beil das Wetter fo [d)ón mar und bie Alte es verlangte, um vor ihren Nachbaren zu triumphieren, wurde bie Dede des Wagens niedergelaflen, al8 wir wegfuhren, unb fie fdjmentte ihr Zud) au8 bem offenen Yenfter unter Abſchiedsgrüßen und Giüdwün|den. Agnes aber feufzte Dabei verjtohlen und atmete erft etwas freier, al8 wir vor bem Thore waren. Ohne ber Vorfälle der lebten Nacht mit einem Worte zu gedenken, fing fie an zu plaudern. Ich mußte berichten, wie bie heutige Luſtbarkeit fid) veranlaßt habe, wer draußen zu treffen fei und wann wir wieder zurüdtehrten? denn fie wagte noch nidi, offen vorauszufeßen, wie fie hoffte, daß fie nicht mit mir, fondern mit 298 heimfahren werde. Ich wußte nodj weniger einen Aufſchluß zu erteilen unb [pradj bie allgemeine Bermu- fung aus, e$ werde die ganze Gefellihaft aujammen aufs brechen, und wenn e8 auf mi anfomme, fo gehe man heute überhaupt noch nidt heim!
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Da fei fie aud) dabei, fagte fie fajt fo fröhlid), wie wenn e8 ibr Grnít wäre. Als wir [don das weiße Landhaus in einiger Entfernung glänzen fahen, geriet Agnes au[8 neue in Bewegung; fie murbe rot und blaß, und ba fi) zur Geite der Straße auf einem Leinen Hügel eine Kapelle zeigte, per» langte fie auszufteigen.
Sie eilte, ihr Silbergemand zufammenfafjend, den Stufen- meg Dinan und ging in das Kirchlein; ber Sut[der nahm feinen Hut ab, ftellte ihn neben fi) auf den Bod, bekreuzte fid) und betete, bie fromme Muße benugenb, ein Vaterunfer. Go blieb mir nidjt$ übrig, als verlegen unter bie Sapellen- tbür zu treten und zu warten, bis die unerwartete Zwiſchen⸗ handlung vorüber war. An einem der Thürpfoften fab id) ein gedrudtes Gebet Hinter Glas gefaßt aufgehängt, welches ungefähr folgende Ueberfchrift trug: Gebet zur allerlieblichiten, allerjeligiten und allerhoffnungsreichiten Heiligen Zungfrau Maria, der gnadenreihen und Dilfefpenbenben Yürbitterin Mutter Gottes. Approbiert unb zum mirfjamen Gebraudje empfohlen für bedrängte weibliche Herzen burdj den hoch— mürbigien Herrn Biſchof u. f. f. Dazu mar nod) eine Ge- braudjsamveijung gefügt, wie viele Ave und andere Sprüche berzufagen ſeien. Dasfelbe Gebet lag auf Pappe gezogen auf einigen alten Holzbänfen umher. Sonft zeigte ba8 Innere ber Sapelle nichts, als einen einfadjen Altar, ber mit einer verblichenen peildjenjatbigen Dede bebangen war. Das Altar bild zeigte den englijdjen Grup, von rober Hand gemalt, und pot demfelben ftand nod) eim Kleines Marienbildhen im ftarren Reifröckchen von Seide unb Metallflittern in allen Yarben. Rings um den Altar hingen an der Wand geopferte Herzen von Wachs, in allen Größen und auf bie mannigfaltigfte Weife verziert; im einen (taf ein feidenes Blümchen, im andern eine Flamme von Rauſchgold, das dritte burdjbobrte ein Pfeil.
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Wieder ein anderes war ganz in rote Geibenláppdjen gemideli und mit Goldfaden ummunden, und eines war gar mit großen Stecknadeln befegt mie ein SRabelfifjen, wohl zur Schilderung ber jdjmergfiden Bein feiner Spenderin; dagegen [den ein mit grüner Farbe und vielen roten Röschen bemaltes Herz von der zur Zufriedenheit gelungenen Heilung Kunde zu geben.
Qeiber verfäumte ich, den Zert des Gebetes jelbit zu lefen, weil ih nur auf bie Beterin fehen mußte, bie in ihrem heidnifchen Göttergewande, den keuſchen Halbmond über der Stirne, auf ber Altarjtufe vor bem wächſernen Yrauenbilde Iniete, mit zitternden Lippen das Gebet von einem der Bapp- dedel ablas, dann die Hände faltete, zu dem Bilde aufblidte und bie vorgefchriebene Zahl der übrigen Sprüde, bie zum Glüde nidj groß war, leije murmelte oder [füjterte. In diefer großen Stille unb bei biejem Anblide fühlte ich bas Sneinander- mweben der Zeiten, und e8 war mir falt zu Mut, als lebte id vor zwei taufend Jahren und ftünde vor einem feinen Benus- tempel irgendwo in alter Landſchaft. Ich bünfte mid) jebod) unenblid) erhaben über die Scene, fo arfig fie war, und dankte meinem Schöpfer für das ftolze unb freie Gefühl, dag mid bejeelte.
Endlich [djien Agnes [fid der Hilfe der Himmelskönigin genug[am verjidjert zu Haben; fie erhob fi) mit einem Seufzer und ging nad) dem in meiner Nähe hängenden Weihkeſſel. Da fab fie mid) in der Thüre gelehnt, mie id) fie aufmerkſam betrachtete, und erinnerte fid) über meiner ganzen Haltung daran, daß id) ein Seger war. Aengſtlich tauchte fie den Wedel tief in den Keſſel, eilte mir damit entgegen und be|prengte mir bas Geficht über und über mit Wafler, indem fie mit bem Wedel viele Kreuze ſchlug. So hatte fie mich in weniger als zwölf Stunden zum zweiten Male burd)jnáBl, erſt mit ihren Zhränen unb nun mit bem Weihwaſſer, und idj rüdte bod
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den Hals etwas unbebaglid) ber unb Hin, da mir bie Feuchte in den Raden riefelte.e Das doppelt mythologifhe Gejdjop[ aber mar nun über bie ſchädliche Einwirkung meiner Keberei beruhigt; fie ergriff meinen Arm und ließ ftd) wieder in bie Kutſche bringen, deren Lenker feine geijtlidje Grquidung längft beendigt Hatte und zur Weiterfahrt bereit war. Er made ein furio8 lächelndes Geſicht gegen mid), weil er den Volks⸗ glauben natürlid) Tannte, ber an bem Heinen Gnadenörtchen baftete. Er ſelbſt modjte den weiblichen Liebesfegen nur mite genommen haben, wie ein berberer Trinfer etwa aus Berfehen ein Gläschen füßen Liqueurs ſchnappt, das gerade dafteht.
Der Landfig, bei dem wir anlangten, war [djon ziemlich belebt; in einem geräumigen Gartenlanb gelegen zeigte feine gemi[djte Bauart, daß er früher ben Sweden einer Gaftwirt- [Haft gedient und erſt feit neuerer Zeit und jept nod) in der Umwandlung aum Sommerhaus einer Yamilie begriffen mar, wo ein Pächter ober Wirtfchaftsführer zugleich für allerhand bausbálterijden Nuten ſorgte. So lam jegt vorzüglich ber gute 9tabm bei bem erquidlichen Sajfeetrinfen zu ftatten, welches Frau Rofalie für den Empfang der Gäſte veranítaltet hatte. Die Sonne ſchien fo warm, daß mehrere den Trank im Freien, vor ben Thüren der neueingericdhteten Gartenzimmer genoffen, mährend andere immenbig um die Kaminfeuer ober gar in einer alten Wirtsftube beim geheizten Dfen faßen.
«dj war nicht viel Teder als meine Schußbefohlene unb drang [jadjte mit ihr vor; bod) wurden wir bald von ber ſchönen Wirtin entdedt, die jept im ftattlihern Geibenfleibe fidj munter bewegte und Agneſen unverweilt ins Innere des Hauſes führte.
„Die Góütteriradjt," fagte fie, „will fidj bod) nicht redt für unfer Klima jchidlen, befonders für uns Frauen! Gehen wir hinein, wo e8 ein Feuer giebt! Auch der König von
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Babylon ober Rinive, Herr Lys, ijf drinnen, denn er miürbe bier erfrieren.”
293 batte e$ in ber That mit feinen bloßen Armen und im Battifthabit nidjt im Freien ausgehalten unb faß nidt eben in befter Laune an einem großen Dfen; auch ber Kaffee, für und andere gut genug, vermodte nicht, die Sorgen zu zeritreuen, bie auf feiner Stirne lagerten. Die Alltagstradt, in welcher er unerwartet nit nur rau Venus, fondern aud) Erikſon angetroffen, hatte diefe Sorgen heraufbeſchworen, und mehr nod) bie rüftige Thätigleit des guten Freundes, ben man bald ein Faß des beiten Bieres über den Hof rollen, bald einige Brote zerichneiden ober fonjt etwas Hantieren (ab, als ftände er ba im Tagelohn. Der AUnblid Agnejens mar bem düftern Aſſyrer unter foldjen Umftänden nid) unmillfommen. Gr bot ihr fofort freundli den Arm als einer [djidTidjen Er- gänzung für bie Zeit ber Ginjamleit oder Abweſenheit Rofaliens, meldje fi vor dem Haufe aufhielt, um nit nur bie vom Walde Derbeifommenben Feitgenoffen, fondern aud) ver[djiebene ihr verwandte und befreundete Perfonen zu empfangen; denn aud) ſolche Hatte fie in der Schnelligkeit berbeirufen laſſen. Gerade die ungewohnte Heftigfeit der Leidenfchaft, bie Lys be» fallen, Bieb ihn audj, wie einen Kriegshelden im Felde, eine verdoppelte Wachſamkeit üben; er fonnte jept eine gefährliche Erfältung ober gar tötlihe Krankheit nicht brauchen und mußte bie Thorheit feiner Síeibung burdj vorfidtige Zurüdhaltung gut maden; und da diente ibm nun die filberne Diana, deren Gemänder er ja gefauft hatte, trefflih zur Verhüllung feiner Lage.
So war fie jet an feiner Seite, in ber. Heimat ihrer Liebe, und [djien zu ihrem Rechte zu fommen. Aber fie zeigte feinen Triumph, feine lleberbebung, fondern atmete nur etwas rubiger auf, bie innere Glut bis auf weiteres verjchließend;
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denn fie hatte in furger Zeit zu Schlimmes erfahren, um es ſchon vergefien zu können. Sie ging vielmehr mit gejammeltem Grnjte am Arme des ſchönen Großkönigs dur die Zimmer, ber fi) [djergenb für den alten Nimrod ausgab und behauptete, er babe mit befanntem Zägerglüd die Göttin der Jagd jelbit gefangen. Erſt al8 fie an einem großen Spiegel vorüber- gingen, erkannte fie deutlicher feine veränderte, glänzende Tracht und Gejtalt, fab fidj felber daneben und bie Blide der An⸗ mejenben, meldje daß eigentlich leuchtende. Paar mit Berwunde- rung verfolgten. Da überflog eine leichte Heitere Nöte das weiße Geſicht; allein fie hielt fid) tapfer zuſammen und berabrte ba$ gleihmütige Ausfehen, obſchon fie vielleiht die einzige Perfon im Haufe mar, auf welche Lufens auffälliger Put in bem verführerifhen Sinne wirkte, wie feine Verirrung e$ wollte.
Inzwiſchen ertönte aus den entlegeneren Räumen des Haufes eine lodende Tanzmufil, wie e8 von dem jungen Bolfe unb ber Karnevaldzeit nicht ander zu erwarten mar. In einem ehemaligen Wirtſchaftsſaale war nodj die Kleine Tribüne der Spielleute vorhanden, mit bunten Zeppidjen behängt und mit Zopfpflanzen verziert worden. Auf diefem Geſtelle faßen pier mufizierende Kunftgefellen, die ihre Inſtrumente Herbei- gefhafft hatten, auf denen fie an mandjen Abenden zufammen zu fpielen pflegten, al8 unter fi verbundene, finnig lebende Leute. Sie wurden bie vier frommen Geiger genannt, weil fie teils aus Liebhaberei, teils audj um einen Tleinen Neben- gewinn zu erzielen, Sonntags auf dem Chore einer der vielen Kichen der Stadt mitjpielten. Ihr Hauptmann war ein hübſcher bräunlicher Rheinländer von etwas unterfeßter Geftalt, mit beitern Augen und treuherzigem Munde, ber von frausligem Barte umgeben war. Er hieß bei der Künftlerfhaft ber Gottes. madjer, weil er nicht nur filberne Kirchengeräte von guter Foru
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ſchmiedete, fondern aud) Kruzifire unb Muttergottesbilder fauber in Elfenbein fchnitt und zur tieferen Ausbildung in diefen Uebungen vom Rheine herübergelommen war. Ueberall mwohl- gelitten, bezeigte er Teineswegs eine fanatif—he Gefinnung und wußte eine Menge Iujtiger Pfaffenftüdlein zu erzählen. Der- geitalt fogierte er in dem katholiſchen Weſen wie in einer alten Gemohndeit, die nicht zu ändern ijt, dachte darüber niemals nad) und führte übrigens ftet ein Faß eigenen Weines aus der Heimat mit fid. das er [djleunigit zum Füllen fandte, wenn e3 leer gemorden.
Der Gotte8madjer banbbabte das Gello und zwar in ber Tracht eine8. Winzer aus bem Bacchuszuge: bie erjte SBioline (pielte ber [ange Bergfönig, ber feinen Bart bei Geite gelegt hatte unb nun als ein junger Bildhauer zum Vorſchein fam. Gr mobellierte, wie man fagte, feit zwei Sahren an einer Kreuztragung, fonnte aber nicht von einem befannten Haffifchen Vorbilde abfommen; dafür ftrih er um fo fertiger bie Geige. Die mittleren Spieler waren zwei Glasmaler; fie madjten an den Kirchenfenſtern die prächtigen Teppihmufter und anderes Beiwerk und lieben jid) nie einer ohne ben andern feben. Sie waren zu und aus bem Zug der Nürnberger Zünfte ber über gefommen, mo fie unter den Meijterfingern gegangen; id aber fannte die ganze Mufif vom Mittagstifche ber, ben id) in einer billigen Wirtſchaft aufgu[udjen gewohnt war. Biele gute Brüder löften fid) dort an den jtet8 vollbefeßten Tiſchen táglidj ab; aber die beiden Glasmaler waren bie Einzigen, welche ihr Geld in runblidjen wohlverſchnürten Lederbeuteldhen führten; denn fie freuten fidj ihres befcheidenen, aber fidjeren Erwerbes, lebten jparjam und verdienten jeden Sonntag einen Griragulben mit der Kirchenmuſik.
Sod) Heute thaten die Vier um ber (yreube willen ein Uebriges und Iodten mit recht mohlgezogenem Zone das Bolt
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aum Tanze. Bald drehte fi ein halbes Dutzend Paare bes quem[id) im weiten Raume, darunter Agnes mit Lys, in deſſen Arm fie mit ermadjenber Glüdfeligfeit dahin [d)mebte, zum eriten Male feit dem Beginne des ganzen Weite. Das Gebet in der Kapelle ſchien geholfen zu haben; freilich gehörten aud) fo fromme Spielleute dazu, und befonders der Gottesmacher, ber bie Gejtalt mit glänzenden Augen verfolgte, drüdte jedesmal, wenn fie in feine Nähe fam, den Eellobogen mit vollerer unb bod) weicher Kraft auf die Saiten und gab feinem Wohlge- fallen auf diefe Weife den zierlichiten Ausdrud. Ich jaB aus. rubend bei einem Krüglein frifchen Biere an einem Tiſchchen, beobadjtete ihn mit Vergnügen und begriff pollfommen, wie dem Arbeiter in Silber und Elfenbein das feine Weſen ein leuchten mußte.
Kun ging e$ diefem während ein paar Stunden nad Wunſch; bie frommen Geiger fpielten al8 Freiwillige nicht zu oft, fo daß niemand ermüdet wurde unb genugfam Zeit zu gerubiger Unterhaltung übrig blieb. Die Sonne ging dem Untergange entgegen und im Haufe begann e8 zu dämmern; Grifjon erfhien an allen Enden gleih einem Haushofmeifter und ließ die Lichter anzünden, aufhängen, Dinitellen, wie e8 geben wollte. Dann verfhmand er mieber, um in einem neueren Saale das einfache Abendeifen zu orönen, mit weldem bie frohfinnige Witwe ihre Eingeladenen bemwirten mollte: fo gut e8 fid) im ber Eile babe thun lajjen, teilte der Unermüd- lide entfuldigend mit, al8 ob es bereit3 feine eigene Ange- legenbeit wäre.
Lys inbejlem ging ab und zu, fid) anderwärts umgufeben; enblidj aber fam er nidj mehr aurüd. Wir Darrtem feiner beinah’ eine Stunde; Agnes verhielt fid) [d)meigenb unb gab mir faum eine Antwort, wenn idj das Wort an fie richtete; aud) mit andern wollte fie weder plaudern nod) tanzen. Zu⸗
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lebt, ba ich (ab, daß fie des Wartens müde mar unb wieder zu leiden begann, ſchlug id) ihr vor, in bie anderen Zeile des Haufes zu gehen und zu betrachten, was alles dort vorfide. Das nahm fie an und id) führte fie langſam durch verjdjiebene Räume, wo fid) überall einzelne Gejellihaften vergnügten, bis wir in ein Kabinet gelangten, in meldjem an zwei oder drei Heinen Tiſchen behaglich gefpielt wurde. An einem berjelben faß 298, ber Hausherrin gegenüber und zwiſchen zwei älteren Herren, und fpielte eine Partie Whiſt; denn die legterem ge hörten zu Roſaliens Berwandten, melden fie die Zeit fo ange nehm als möglich zu vertreiben wünſchte, unb natürlidh batte fi) Lys beeilt, das Dpfer mit ihr zu teilen. Er mar fo glüdlih und in feine 9age vertieft, daß er gar nicht bemerkte, wie mir dem Spiele zufchauten und fid nod) andere Zufchauer [ammelten.
Die Partie ging zu Ende; 9258 unb Rofalie hatten ben alten Herren einige Louisd'ors abgenommen, mas ben Unver⸗ beſſerlichen al8 ein günftiges Zeichen fo bewegte, daß er feine Freude nicht verbergen fonnte. Doc Nofalie nahm bie Karten zuſammen unb bat die Spieler, zu welchen audj bie von ben andern Tiſchen getreten waren, eine Fleine Rebe von ihr am. zubören.
„Ich babe mid,” begann fie mit artiger S3ereb[amteit, „bisher arg gegen bie Kunft verfündigt, indem ich, obgleid) mit Glüdögütern gefegnet, jopiel wie nichts für fie getban babe! Ih bin um fo tiefer beſchämt, al8 es mir fo gut unter den Künitlern ergeht, und idj glaube aud) fhon meine Dank⸗ barkeit für bie ehrenvolle Anmwefenheit fo fröhlicher Mufenlinder am beiten einigermaßen abzutragen, wenn id) endlich beginne, etwas Nübliches zu thun. Run aber ijt e8 eine befannte Eigenfhaft der Proteftoren unb Gutesjtifter, daß fie für ihre Gadje ſtets Teilnehmer anmerben und móglidjjt ins Breite
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wirken müſſen, damit ba8 Gute um fo mehr Boden geminne, So bören Sie denn, werte Freunde! Am heutigen Nachmittage, als ih um das Haus herum ging, irgend einen Sienjtboten zu rufen, fand ich in einer verborgenen Ede des Gartens ben jüngíten und zierlichſten unferer Güjte, ben Sagen Gold des Herren SSergfonig8, ber am Zuge [o großmütig feine Schäße ausgeftreut Bat. Der noch nicht fiebzehn Fahre zählende Knabe jtanb bei feinem Genofjen, dem Pagen Silber, einen offenen Brief in ber Hand, bleid) und entfeßt und fchmere heiße Thränen in feinen bübfchen Augen zerdrüdend. In der offenen und teilnehmenden Stimmung, in der wir uns ja alle befinden, fonnte idj mid) nicht enthalten, Hinzuzutreten und mid) nad) ber Urſache foldjen Leidweſens freundlich zu erfunbigen. Da vernehme idj, daß ſchon in ben geitrigen Abendzeitungen bie Stadjridjt von einem großen Yeuer geitanden hat, welches [eit Tagen in ber fernen Baterjtadt des trauernden Knaben mwütet, während wir in unjerem Freudengedränge hiervon feine Ahnung hatten. Und Beute bringt der Gilberpage, ber in der Morgen- frühe ordentlich fhlafen gegangen ijt und mittags feinen Freund abholen wollte — denn beide find Zöglinge unferer Akademie unb arbeiten neben einander, Beute nachmittags bringt er jenen Brief hier hinaus, wo er den Freund aufge[udjt hat. In dem Briefe fteht, daß audj bie Straße, darin jener geboren und feine alternde Mutter wohnt, bereit8 in Afche liegt und Die Mutter ohne Obdach ift. Ich lajje burd) Herren Grifjon in der Eile weitere Nachfrage halten. Der blutjunge Menſch, un gewöhnlich begabt, ij in ungewohnt frühem Alter hierher ges fandt worden, um mit Hilfe einiger geringer Sparmittel fid) frühzeitig emporzubringen, ein Wagnis, meldes fid) bis jet durch den glüdlidjen Fleiß des Schülers zu rechtfertigen ſchien. Run ijt alles in Frage geítellt! Nicht nur find vielleicht bie Griftenzmittel dur; ba8 euer für immer verloren, jonbern
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ber arme Gefell faun im Augenblide nicht einmal hineilen und fein Mütterchen in dem Elend und Wirrfal auffuchen, weil er bie paar Thaler, die hiezu dienen würden, an die Koften dieſes Karnevals gewendet hat, überredet von andern, bie feine glüd- lide Snabengeftalt nicht entbehren modjten, und weil er ohne bie8 gerade einer Sendung von Haufe entgegen fab, bie nun nicht fommen fann. Und eben über feinen vermeintlichen Leichtſinn madjt er fid) die bitterften Borwürfe unb mill in Gelbítanflagen vergehen, wie menn er bas entjeglidje Feuer felber angezündet hätte! Ich babe ben unjefigen Bagen, dem das Goldausſtreuen jo ſchlecht befommen ijt, [ogleid) peram. laßt, nad) feiner Wohnung au geben unb feine Gaden zu paden; allein mid) bünft, man follte tradjten, daß er aud wieder fommen und weiter lernen Tann, fobald das Mütterchen verforgt und beruhigt ijt. Mit einem Wort: ih mödte für ben Unglücksvogel eine bejdjeibene Penfion ftiften, bie ein paar Jährchen Dinreidjt, unb Bier den Anfang madjen! Ich lege bie Karten aus, Halte Bank, wie ich e8 leider an Badeorten ge feben babe, als ich meine feligen Eltern dahin begleiten mußte. Wer verliert, muß es verfcherzen; wer gewinnt, legt bie Hälfte des Gewinnes in biefe Schale, bie den Benfionsfonds vorftellt! Spielen dürfen nur Richtlünftler, Herr 29s ift ausgenommen, der nicht von feiner Kunft lebt, wie ich höre!”
Rad) diefen Worten aog fie eine be[d)merte Börfe und legte fie vor fid) auf den Tifh. Dann miſchte Sie die Karten unb rief: „Alfo madjen Sie Ihr Spiel, Herren und Damen! Not oder Schwarz?"