Chapter 54
Section 54
Ihr Geſicht war blübenb gerötet von Erregung und Hoff- nung, als fie mit jo rübmlidjem Erfolge, nadjbem der Kaifer fie an Gidingen, biefer an Griffon feierlich abgegeben Hatte, von legterem an ihren Tag zurüdgeführt wurde. Allein der Geliebte batte nidjt8 von allem gefehen und nahm aud) ihre Jtüdfebr nicht wahr. Roſalie hatte fid) während der Seit ihres breiten Federhutes entledigt und denjelben Lyſen zum Halten gegeben; und mie fie nun mit freiem Kopfe dajaß und ihr ambrofifches Haar mit den meißen Fingern ordnete, wirkte ihre Schönheit mit erneuter Bethörung auf ihn ein.
Seht erblapte Agnes, wendete fid) zu mir und bat mid), ibm zu jagen, fie wünfhe nad) Haufe gebradt zu merben. Cogleid) eilte er herbei, beforgte den warmen Mantel des Mädchens und ihre Meberfhuhe und als fie gut verhüllt war, führte er fie, mich hinzuwinkend, in den Hof, legte ihren Arm in den meinigen und erjudjte mid), indem er fid) von Agnes in freundlich väterlicher Weife verabfchiedete, feine Fleine Schuß» befoblene recht jorgjam und mader nad) Haufe zu geleiten.
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Sugleid) verjdjmanb er, nadjbem er uns beiden bie Hände gebrüdt, wieder in ber Menge, welche bie breite Treppe auf unb nieder ftieg.
Da ftanden wir nun auf der Straße; der Wagen, wel- cher Agnefen mit ihrem Liebesentfchluffe Dergebradjt, war nicht zu finden, und nachdem fie traurig an das erleucdhtete Haus, in welchem e3 fang und Eang, hinaufgefehen, fehrte fie ihm nodj trauriger den Süden und trat, von mir geführt, den Rückweg burdj bie jtillen Gajfen an, in denen der Morgen zu dämmern begann.
Sie hielt bas Köpfchen tiefgelenft; in der Hand trug fie unbewußt den großen Hausfchlüffel, ein altes Stüd Arbeit, welches ihr Lys in der Zerftreuung anjtatt mir zugeſteckt Hatte. Sie trug ben Schlüſſel felt umfchloffen in bem dunflen Ge fühle, daß Lys ihr das falte, rojtige Eifen gegeben; e8 war bod) etwas, das von ibm fam, fonjt batte er Heute nicht viel an fie gewendet. An bem Feſtmahle Hatte fie beinahe nichts genoſſen, und das Wenige, mit bem fie feither etwa ihre Lippen erfrifht, war von mir beforgt worden.
Als wir vor dem Haufe angelangt, jtanb fie ſchweigend unb rührte fid) nicht, obgleich id) fie wiederholt fragte, ob id) bie Glode ziehen oder vielmehr mit bem zierlihen Meerfräulein des Thürflopfer® Lärm machen folle, und erjt ala idj ben Schlüffel in ihrer Hand entbedte, aufſchloß und fie bat, Din. einzugehen, legte fie langfam beide Arme mir um den Hals und fing an, etit mie im Traume zu jtöhnen, dann mit den Thränen zu ringen, die nicht fließen wollten. — Ihr Mantel fan? von den Schultern; idj wollte ihn aufhalten, umfing fie aber ftatt deffen brüderlih und [ireidjelte ihr den Kopf und den Hals, denn den Wangen fonnte id) nicht beifommen. n ber feinen Gilberbrujt, bie an mir lag, fühlte und hörte ih, die Seufzer fid) Heraufarbeiten und das Herz flopfen; e3
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mar wie da8 Murmeln eines verborgenen Quelld, ben man im Walde an der Erde liegend etwa zu hören bekommt. Ihr heißer Atem ftrömte in mein Ohr, e8 wurde mir zu Mute, al8 ob ich ein felig traurige Märchen, wie es in alten Liedern jteht, wirklich erlebte, und ich feufzte unwillfürlih audj. End» lid) fonnte ba8 ärmite Wefen zum Weinen fommen und es begann ein bitterlidje8 Schluchzen. Die flagenben Raturlaute, keineswegs ſchön aber unenblid) rührend, wie ber Kummer eined Kindes, drängten und braden [fid in ber feinen Kehle unb in der nädjiten Nähe meines Ohres. Sie warf den Kopf herum auf meine andere Schulter und ich legte meinen Kopf in abfichtslofer Bewegung aud) darauf, wie um ihren Schmerz zu bejtätigen. Da zeritadden ihr die Diftelblätter und Sted)- palmen an meiner Kappe Hals und Wange, fie fuhr zurüd, erwadhte und erkannte plóplidj, mit mem fie war. Hilflos ftand da8 doppelt getäufhhte Mädchen ba unb jab mweinend zur Seite. Ich gab ihr den Mantel auf den Arm, nur um fie mit etwas zu beichäftigen, führte fie fanft zur Treppe und ging dann hinaus, die Thüre zuzicehend. Alles war nod) jtill in dem Haufe, die Mutter [djien feit zu fchlafen und id) hörte nur, wie Agnes jtöhnend die Treppe Hinaufitieg und fid) wiederholt an den Stufen tief. Endlich ging id) meg unb febrte langfam in den Feſtſaal zurüd.
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Vierzehntes Kapitel.
Das Jarrengefecht.
Die Sonne ging eben auf, als idj im den Saal trat. Alle Frauen und älteren Leute waren [don meggegangen; die Menge ber jüngeren aber, von hödjfter Luft bewegt, mogte burdjeinanber und [djidte fidj an, eine Reihe von Wagen zu beiteigen, um unverzüglid), ohne auszuruhen, ind Qand Binaus- aufabren und das Gelage im ben (yoritbüujern und Wald- gärten fortzufegen, meldje an den Ufern des breiten Bergflufjes gelegen waren. .
Nofalie befaß in jener Gegend ein Landhaus und fie hatte bie fröhlihen Leute ber Mummerei eingeladen, fid) am Nahmittage dort einzufinden, bis wohin fie als bereite Birtin ebenfall3 da fein würde. Insbeſondere waren dazu nod) einige rauen gebeten und diefe hatten ausgemadt, da e8 einmal Faſching fei, in der alten Zradjt hinauszufahren; denn aud) fie wünſchten fo lang als möglich fid) des glänzenden Aus- nahmeguftandes zu erfreuen.
Eriffon mar in feine Wohnung gegangen, um fid) in feine gewohnten Kleider zu werfen, bie er nur etwas forgfältiger als fonft answählte. Da auch NRofalie fpäter in moderner
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Toilette erjdjier, mie fie ber Fahreszeit unb bem Tage einfad) angemefjen war, ließ jid) denken, daß bierin entweder eine Berjtändigung ftattgefunden oder ein übereinftimmendes Gefühl maltete, beides [djfid)te Anzeichen, die von ruhigen Beobadıtern nicht überfehen wurden.
Auch Lys war nad Haufe geeilt, bod) in entgegenge- feptem Sinne Er batte feiner Zeit zu Studien für das Bild mit bem Galomo verjudjsmeije ein altorientalifches Königs» foftum anfertigen Iajjen; ba8 lange Gewand mar von meibem feinem Battiftleinen in viele tyalten gelegt unb mit purpur= farbigen, blauen und goldenen Borten, Troddeln unb Franfen bejegt. Kopf und Fußbekleidung entfpradjen ebenfallá bem ungefähren vorderafiatifchen Stile des Altertums. Die betref» fende Studie Batte er in der Ausführung zwar nidjt benugl; lebt aber fchien ibm bas Kleid tauglich, um darin einen Scherz vorzubringen und am Hofe ber Liebesgöttin fid) als geitriger Jagdkönig im Qofgemanbe einzufinden. Dazu ließ er Haar und Bart mit Brenneifen und duftenden Delen formieren und fräufeln und legte fchließlih um die nadten Borderarme aben- teuerlihe Spangen und Ringe. Das alles befdhäftigte ihn reihlid bi8 zur Mitte des Tages, nachdem er in ber leiden- ſchaftlichen Verirrung, die ihn befallen, wenig genug geſchlafen haben mochte.
Meinerſeits hatte idj gar nit geichlafen, fondern fuhr gleih in ber Morgenfrühe mit der Hauptſchar hinaus. Große Wagen mit Landstnechten beladen und von deren Spießen Itarrend raſſelten voraus und ihnen nad) eine lange Reihe von fyubrmerfen aller Art in die helle Morgenfonne Dinein, am Rande der ſchönen Buchenwälder, hoch auf den Uferhängen des Stromes, ber in glänzenden Bindungen um die Gefdjiebe- und Gebüjdinfeln raujchte.
Es mar ein milder Februartag unb der Himmel blau;
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bie Bäume wurden bald von der Sonne durdfchoflen, und wenn ihnen das Laub fehlte, fo glänzte das weiche Moos auf dem Boden und auf den Stämmen um fo grüner, und in ber Tiefe leuchtete das blaue Bergwaſſer.
Das bunte Volk ergoß fid) über eine malerijde Gruppe von Häufern, welde vom Walde umgeben auf ber Uferhöbe lag. Gin Forithof, ein altertümliches Wirtshaus und eine Mühle am [djüumenben Waldbach waren bald in ein gemein. fames Luftlager verwandelt und verbunden; bie jtilen Be wohner fahen fid) von dem berühmten Feſte gleidjjam in Berfon überrajdt unb umflungen und hatten genug zu thun mit Sehen und Hören, Bewundern und Belachen alles beffen, was fie in hundert Gejtalten fo ploglid) von allen Seiten umgab. Den Künftlern aber wedte die freie Natur, ber ermadjenbe Lenz ben Witz in ber tiefiten Seele; die friſche Luft Iegte bie be weglichiten Fühlfäden der Freude bloß, und menn die Luft ber entfhwundenen 9tadjt auf Verabredung und geplanter Ein- ridjtung berubte, fo lodte bie jepige Tagesluſt zufällig unb frei zum läfligen Pflüden, wie die Frucht am SBaume. Die dem pbantafierenden Fühlen und Genießen angemefjenen Kleider waren nun mie etwas Hergebradtes, ba8 ſchon nicht mehr anders fein Pann, unb in ihnen begingen die Glüdlichen taufend neue Gdjerge, Spiele und ZTorheiten von der geijtreidjiten wie von ber finblidjiten Art, oft plóglid) unterbrodjen burd) einen wohlflingenden, feiten Gejang, bier unter Bäumen, bort aus einer Gdjenf|tube ober aus dem Ringe von Landsknechten, meldje die Müllerstodhter umſtellt Hatten. Aber bei allem Selbitvergefjen blieb jeder, ma8 er mar, und huſchten bie ewigen Menfchlichleiten wie leife Schatten über bie froben Ge fidter. Der mürrifhe [dymollte ein menige8 bei Gelegenheit, der Mutwillige reizte den Uebelnehmer, der Sorglofe ben Zadel- füdjtigen zu einem Kleinen Gezänk; ber Gedrüdte dachte unver-
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ſehens einmal an feine Sorgen und that einen tieferen item. zug. Der Sparjame und Aengſtliche überzählte verjtohlen feine Barſchaft, und ber Leichtjinnige, der [djon fertig war, über- rajdjte und kränkte ihn burdj ein Darlehnsbegehren. Uber alles dies früujelte fidj im Fluge vorüber, mie ber Lufthaud) auf dem Glanze eines Waflerfpiegels.
Auch id) geriet eine Weile in einen folden Wollenſchatten. Sd war bem Mühlbache nad) tiefer in das Gehölz gegangen und mujdj mir das Geſicht mit den [rildjflaren Wellen; bann lebte ih mid) auf das Holzwerk einer Waſſerſchwelle unb über- badjte bie vergangene Nacht und das feltfame Abenteuer im Hausflur der Agnes. Das fanfte Raufchen des Waſſers brachte mid) in einen Halbihlummer, in meldjem meine Gedanken wie träumend in die Heimat wanderten; id) glaubte an der Seite ber toten Anna an bem ftilen Waldwaſſer zu figen in der Tracht des Tellenfpieles; dann [jab id mid an ihrer Seite burd) bie Abendlandfchaft reiten unb [jab alles mit rubigem Herzen wie eine Erſcheinuag peridjollener Tage, welche für fid) abgefdjloijen unb nidj mehr zu ändern ijt. Unverjehens aber verlor fidj und verblih das Bild vor der Gejtalt der Judith, mit ber ih burd) bie Naht wandelte; idj mar bei ihr im Haufe, während die barmbergigen Brüder e8 belagerten, id) fab fie in ihrem Baumgarten aus bem Herbitdufte hervortreten und enblid) auf dem Wagen der Auswanderer in die Yerne verſchwinden. Wo ijt fie? Was ijf aus ihr gemorben? rief e& in mir und das Heimweh nad ihr madjte mid) plößlich munter. Im belliten ZTagesliht jab idj fie vor mir ftehen und gehen, aber idj fab feine Erde unter ihren lieben Yüßen, unb es war mir, a[8 ob ih das Beſte, was id) je gehabt und nod) haben fónnte, gemaltjam und umnmieberbringlid) mit ihr verloren ‚hätte.
Ich dachte an bie Flucht ber rüuberijden Zeit, feufzte
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unb [düttelte Ieije ben Kopf, unb erſt jegt wurden burdj ben Klang ber Scellen meine Gebanfen ganz madj unb geordnet, daß ich endlich aud) ber Mutter gebadjte, freilich nur wie eines Selbjtverjtändliden unb Unverlierbaren, mie eines guten Haus brotes; denn daß ein foldhes eines Tages am eheften abhanden fommen fann, hatte idj nod) nicht erfahren. S.ennodj dachte id mit ziemlihem Grnjte an die Frau in der ftillen Stube; (don ging id) in meinem zweiundzwanzigſten Jahre, und nod) hatte ich ihr Feine flare Rechenſchaft ablegen können über ben Stand meiner irdischen Ausfihten, über bie tyrage des Yort- fommens in der Well. Raſch rüdte ich das Täſchchen herum, da3 an meinem Gurte hing unb neben dem Gdjnup[tudj und anderen Dingen einen Teil der lebten Barſchaft enthielt, bie ih nodj zu verzehren und bie mir die Mutter, wie bie früheren Summen, puünktlich und getreulid vor kurzer Seit gefendet hatte. Freilich nützte das Zählen jept nichts und idj [dob die Zajdje mieber zurück, verhehlte mir aber nidji, daß meine Meine Hausvorjehung zu Haufe die Teilnahme an bem Feſte nicht billigen werde. Das Narrenfleid Toftete zwar nicht viel und idj batte e8 aud) hauptſächlich aus bielem Grunde gewählt; bennodj fonnte bie Stunde fommen, wo ich ben befcheidenen Betrag bitter entbebren mußte. Doc jetzt veritanb id) bejjer al3 die Mutter, was nötig und eriprießlid war für einen jungen Gefellen, bejonber8 als ein frifches Lied aus bem Lager ber Freude herübertönte. Ich [djüttelte abermal8 den Kopf, daß bie Schellen flangen, jprang auf und eite davon.
Sd trieb mich vergnüglid) berum und machte allerlei Gänge in die Qanb[djaft hinein, bald mit andern, bald allein. Gegen Mittag lief ih bem ftattlichen Eriffon in bie Hände, ber eben au8 der Stadt geld)ritten Pam. Unſer erjte8 Geſpräch war das Benehmen unferes Freundes Lys. Erikſon zudte bie Achfel und fagte nicht viel, während id) mein Grjtaunen auss
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drüdte und viele Worte madjte, mie jener [o [hmählid handeln foune. Ich ergoB mich im [djürfjten Tadel und um fo lauter, al3 ich das dunfle Gefühl empfand, ich fei bei ber vermwirrten Umhalſung Agneſens in vermidjner Naht einer unerlaubten Anwandlung nur mit Rot entgangen. Meine Selbjtgeredhtig- feit jtanb ja auf feiten Füßen, weil ih burd) das ermadjte Andenten an Judith und ein jtarfe8 Heimweh nad ihr mid jet fier füblte. Und allerdings war e8 eigentümlid, daß Erlebniffe, bie in vergangenen Tagen gefährlid) und ungehörig für mid) gemefen, jeßt dazu dienen mußten, mid) gegen Ber» lodungen der heutigen Stunde zu fehüßen.
„SH will wetten”, unterbradj mid) Eriffon, daß er ba8 arme Ding heute figen läßt und nicht mitbringt. Wir follten ibm aber einen Streich [pielen, damit er zur Vernunft fommt. Nimm einen Wagen, fahre in die Stadt und fieh ein wenig zu! Findeſt du ben Tollkopf nicht zu Haufe, nodj bei bem Mädchen, [o bring’ dieſes ohne meitered mit und zwar in Rofaliens Namen und Auftrag, fo fann die Mutter nichts dagegen haben; ich werde das verantworten. Zu 298 wirft du nachher einfach jagen, daß bu für deine Pflicht gehalten, dem Gebote nadjgufommen, da er dir bie Schöne in leßter Nacht fo bebarrlid anvertraut.”
Sd fand diefen Einfall nur in der Ordnung und fuhr fogleih in die Stadt. Auf dem Wege begegnete idj 993, ber ganz allein in einer Kutſche fap, in einen warmen Mantel ge hüllt; bie fegeljórmige Königsmütze mit ihren Anhängfeln, der wunderlich gelodte ſchwarze Bart verrieten aber genugjam den feſtſchwärmenden Nachzügler.
„Wohin willſt bu?" rief er mir gu. „Sch fol”, er. miberte id, ,bid) auj[[uden und ſehen, daß bu das gute Mädchen Agnes mitbringft, im Sale bu es nicht ohnehin thun würdeſt! Dies [deint nun fo zu fein und idj mill fie
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holen, wenn du nichts dagegen Dajt, unb in deinem Ramen. Erikſons [dóne Witwe wünſcht es."
„Thu' das, mein Sohn!” fagte 998 mbglidjit gleidj. gültig, obſchon er fidjtlid) etwas überrafht war. Er büllte fid dichter in den Mantel, indem er feinem Kutfcher barſch befahl, weiter zu fahren, und ich bielt bald madjber vor Agnefens Wohnung. Das Pferdegetrampel und Rollen ber Näder ſowie bas ploglide Stillitehen widerhallte in unge wohnter Weiſe auf bem till entlegenen Plägchen, [o daß Agnes im felben Augenblide mit ftrahlenden Augen ans Fenſier fuhr. As fie mid) ausſteigen fab, verfchleierte fid ber Blick wieder, doch harrte fie nod) erwartungsvoll, als ich in bie Stube trat.
Shre Mutter war aud) da, befhaute mid) von allen Seiten, und indem fie fortfuhr, mit einer alten Straußenfeder ihren Wltar, bas darüber hängende Bild, bie Porzellantafjen und Prunkgläſer, aud) bie Wachslichter abzuftäuben und zu reinigen, fing fie an zu plaudern: „Ei, ba kommt ung ja aud) ein Stüd Karneval ins Haus, gelobt fei Maria! Welch' aller: Tiebfter arr ijt der Herr! Aber was Taufend habt ihr denn? was hat Herr Lys nur mit meiner Todhter angefangen? da fit fie den ganzen Morgen, iBt nichts, ſchläft nidjt, lacht nicht unb weint nit! Diez ijt mein Bild, Herr, mie id) vor zwanzig «abren gemefen bin! Doch Sie haben e8, glaub’ ih, aud) fhon gefehen! Dank unferm Herrn und Heiland, man darf e8 nod) beiradjten! Sagen Sie nur, was ijt e8 mil bem $inbe? Gewiß hat Herr 298 fie zurecht reifen müſſen, id) fag e8 immer, fie ijt noch zu dumm und ungebildet für ben feinen Herrn! Sie lernt nidjt8 und beträgt fidj unjdjidlid). Ja, ja, fie nur zu, Agnes! lernft du ba8 von mir? Siehſt du nidjt auf biejem Bild, meldjen Anftand id) hatte, als ich jung war? Gab id) nid aus, mie eine Gbelfrau ?"
Ich antwortete auf alles dies mit meiner Einladung, bie
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ih ſowohl in Lyfens als in tyrau 9tojalien$ Namen ausridjtete; audj bradjte ich einige Gründe vor, marum jener nicht jelbjt fommen könne, indes bie Mutter einmal über ba8 andere rief: „So mad)‘, jo mad’ Neſi! Jeſus Maria, wie reiche Leute find ba beifammen! Ein bißchen zu Klein, ein bißchen zu Hein ijt bie gnädige Yrau, fonjt aber reigenb! Run faunjt bu nad. holen, was bu gejtern eta verfäumt unb verbrodjen! Geb, Heide bid) an, llnbanfbare! mit den koſtbaren Gadjen, bie Herr $58 bir ge|denfi! Da liegt ber Halbmond am Boden! Aber auerjt muß idj bir dag Haar madjen, menn'8 ber Herr erlaubt!"
Agnes fehte fid) mitten in die Stube und ihre Wangen röteten fi) leife von wieder auffeimender Hoffnung. Die Mutter frifierte fie nun mit großer Geſchicklichkeit. Sie führte nidt ohne Anmut den Kamm, und als id) bie hochgewachſene rau Deiradjiete und die immer noch ſchönen Anlagen und Züge ihres Gefichtes jab, mußte id) gelteben, daß ihre Eitelkeit einjt berechtigt gemefen fei.
Agnes ſaß mit bloßem Halfe, von der Nacht der aufge- löſten Haare überfchattet, und es gewährte mir einen lieblich ruhevollen Anblid, mie die Mutter die langen Stränge kämmte, falbte und flodt und dabei weit zurüdtreten mußte. Sie [pradj fortwährend, indeffen wir andere [d)miegen und wohl wußten marum. Sch merkte aus allen den Reden, bab Agnes ihrer eigenen Mutter von dem linjterne ber 9tadjt nod) nichts am. vertraut hatte, und entnahm daraus, wie graujam bie Gadje fie mürgen mußte.
Endlih war das Haar ungefähr fo gemadjt wie e$ geftern gemwefen, und Agnes ging mit der Mutter nad) ihrem gemeinfamen Schlafzimmer, da8 Dianengewand wieder anzu» ziehen; jobalb fie aber damit nur einigermaßen zu Stande ge-
kommen, erfchienen fie wieder und vollendeten den Anzug in Keller 1. 14
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meiner Gegenwart, weil die Alte fid) unterhalten unb fo viel wie mbglid von bem Feſte, und wie alles verlaufen fei, et fahren wollte Dann aber bradte fie fchnell eine früffige Chofolade, ihre Lieblingsnahrung, deren Beitandteile nebit Ge bäd fie ſchon feit dem frühen Morgen in Bereitichaft gehalten für den erwarteten Beſuch des aſſyriſchen Königs.
Seht mußte das duftende Getränf ber genügfamen Frau zugleih das Mittagsmahl verfehen, und fie ließ es fid) eifrig fhmeden, denn fie hatte eine ausreihende Menge gebraut; aud) Agnes nahm zwei Taffen zu fid und aß ein gutes Stüd Kuchen, unb ich hielt pergnüglid) mit, obgleidj idj [djon Ver⸗ [djiebene8 genoffen batte. So erlebt ber Menſch manderla linterfunft in feinen Tagen; e8 ijf mir faum mehr glaublid, bap ich einjt in [older Zradjt, in einem [o kunſtreich zierlichen Baudenkmälchen, zwiſchen ber Diana unb der altem Sibylle geſeſſen und friedlih gefrühftüdt habe.
