Chapter 52
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Jetzt öffneten fid) die Thüren, und die Trompeter und Pauker, meldje Hangvoll erjdjienen, verbargen mit ihren Reihen ben hinter ihnen anjdjmellenben Zug, fo daß man erwartung3»
voll harrte, bi$ fie vorgefchritten der reichen Entfaltung Raum Keller IL
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gaben. Shnen folgten zwei Sugfübrer mit bem Nürnberger Wappen, bem Syungfernabler auf ben weiß unb roten Nöden, unb hinter diefen ſchritt ſchlank unb zierlih einher, einen mächtigen Laubfranz auf dem Haupte, den goldenen Stab in ber Hand, ber Yührer ber jtattlidjen Zunft ber Meifterfänger. Alle befrüngt, ging bie gute Schar berjelben daher mit ihrer Sprudtafel, voran bie manberlujtige Sugend in kurzer Tracht, welcher die Alten folgten, ben ehrwürdigen Hans Sachs um- gebend, der fid) im bunfelfarbigen Pelzmantel wie ein wohl gelungenes Leben mit dem Sonnenjdein ewiger Jugend um das weiße Haupt barjtellte.
Aber das bürgerlihe Lied war bagumal fo rei und überquellend, daß es jede Meifterfchaft begleitete und Haupt» fählih aud) unter bem Banner der nun folgenden Baderzunft hinter Schermeffer und Bartbeden berging.e Ba war Hans Rofenblüth, ber Schnepperer, ber viel gemanberte Schalks⸗ und Wappendichter, ein frummbudfiger munterer Gefell. mit einer großen Klyftierfprige im Arm. Mit langen Schritten folgte diefem ber hochbeinige Hans tyolg von Worms, der berühmte Barbier und Dichter der Faſtnachtsſpiele und Schwänfe und al$ [older GenoB des Rofenblüth und Borzünder des Hans Sachs. Zwei Bartfherer und ein Gdubmader pflegten fo ba8 junge Schoß ber beutjdjen Bühne,
Liederreih waren alle die anderen Fünfte, bie nun folgten in ihren bejtimmten Yarben an Kleid und Banner, die Schäffler und Brauer, bie Mebger in rot und ſchwarzem mit Yuchspelz verbrämten Zunftgewande, die bedjigrauen und weißen Bäder, bie Wachözieher lieblid) in grün, weiß unb rot unb bie be rühmten Lebküchler hellbraun und dunfelrot geffeibet; bie un⸗ ſterblichen Schufter ſchwarz und grün, mie Peh und Hoffnung, buntflidig die Schneider. Mit ben Damalt- und Teppichwirkern eridienen ſchon namhafte Meifter des höheren Gewerbes;
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denn fie brachten bie fürftlihen Teppiche und Tücher hervor, mit denen bie Häufer ber Kaufherren und Patrizier geſchmückt waren.
Alle jet er[djeinenben Zünfte waren ausgefüllt von einer wahren Republik fraftvoller, erfindungsreiher Handmerks- und funjhnánner. Die Tüchtigkeit teilte fid) unter bie Gefellen, melde mandjn berufenen Burſchen aufzumeifen Hatten, wie unter bie Meifter. Schon bie Dreher zeigten als Genoffen Hieronymus Gärtner, welcher mit finblider Andacht, als ein Berflein zum Preife Gottes, aus einem Gtüddjen Holz eine Kirſche ſchnitzte, bie auf dem Stiele ſchwankte, und eine fliege, bie darauf faß, jo zart, bag bie Flügel und bie Füße fid) be- megten, menn man [ie anhauchte, — ber aber zugleidh ein er- fahrener Meifter in Waſſerwerken unb kunſtreichen Brunnen mar.
Aus ber müren Fülle von Erfheinungen, deren fait jede ihre anmutige Legende hatte, leben jet nody mandje in meinem Gebüdjtnijje, unb bod) find e8 wenige im Vergleich zum Ganzen. Unter den Hufihmieden, rot unb ſchwarz gefleibet wie Teuer und Kohle, ging SXeijter SReldjior, ber die großen eifernen Schlangengeſchütze aus freier Hand [d)miebete; unter den Büchfen- machern ber erfindungsreihe Gejelle Hans Danner, ber. [don dazumal von den Metallen Späne trieb, als hätte er weiches Holz unter den Händen, und fein Bruder Leonhard, ber Gr. finder von mauerjtürzenden Brechſchrauben. Da ging aud) Meister Wolff Danner, ber Erfinder des Feuerſteinſchloſſes, und neben ihm Böheim, ber Meifter der Geſchützgießer, welche ihre gleißenden, wohlverzierten Gefhügröhren, Kanonen, Meben und Karthaunen burdj alle Welt berühmt madjten.
Die Zunft der Schmwertfeger und Waffenſchmiede allein umfaßte eine gegliederte Welt Tunftreiher Metallarbeiter. Der Schwertfeger, ber Haubenfhmied, ber Harniſchmacher, jeder von biejen bradjte ben Teil ber friegerijdjen Nüftung, der feinem Ramen entſprach, zur größten Gebiegenbeit unb bewährte
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darin ein nadjbaltiges Stünjtlerbajein. Wunderbar löfte fid) bie jtrenge Einteilung im bie Freiheit unb Vielſeitigkeit auf, mit welcher bie fchlihten Zunftmänner mieber zu ben widtigiten Thaten und Erfindungen vorjdjritten und alle wieder alles fonnten, oft ohne des Lefens und Schreibens mádjtig zu fern. So ber Schloſſer Hans Bullmann, der Berfertiger großer Uhr⸗ werke mit Blanetenfgitemen, unb ber Bervolllommner derjelben, Andreas Heinlein, roeldjer aud) fo Meine Uhren zuwege bradıte, daß fie im Knopfe ber Spazierjtöde Platz hatten; aud) Peter Hele, ber eigentliche Erfinder der Taſchenuhren, ging bier unter bem handfelten Ramen eines. Gdjlofjermeijtera.
Roh jeb' id) audj unter ben Holzfchneidern ein Kleines Männchen in einem Mänteldden von fagenpela, den Hieronymus Röſch, den Sagenfreunb, in bejjem jtiler Arbeitzitube überall jene [pinnenben Tiere faßen. Und gleidj hinter bem grau. Ihwarzen ftagenmánndjen erblide ich bie lichte Erfcheinung der Silberfhmiede in himmelblauem und rofenrotem Gewande mit weißem Ueberwurf, und bie Golb[djmiebe, hochrot gefleibet mit ſchwarz bamajtenem, retdj mit Gold gejtidtem Mantel Silberne Bildtafeln und goldgetriebene Schalen wurden ihnen vorangetragen; die plajtijdje Kunſt ladjte bier in filberner Wiege und bie neugeborene Supferjtecherei hatte Bier ihren metallifden Urfprung, getrennt von dem Holzſchnitt, welder mit der ſchwärzlichen Buchdruckerei wandelte.
Roc febe ih audj einen feinen Mann, deſſen Legende mid) bejonber8 rührte, unter den Supfertreibern, ben Gebajtian Zindenaft, ber feine Tupfernen Gefäße und Schalen fo ſchön und fojtbar arbeitete, daß ber ftaijer ihm dag Vorrecht verlieh, fie zu vergolden, was jonjt Feiner durfte. Welch' ein ſchönes Berhältnis zwifchen bem Werkmann und bem oberjten Haupte der Station, diefe Befugnis, ein geringes Metall um der edeln Form willen zum Golbrange zu erheben!
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Gleich neben biefem fah ich ben Zeit Stoß, einen Mann von feltfamfter Mifhung. Er ſchnitt aus Holz fo Bolbe SRarienbilber und Engel und befleidete fie fo lieblich mit Farben, gülbenem Haar unb Ebelfteinen, daß damalige Dichter begeiftert jeine Were befangen. Dazu mar er ein mäßiger unb ftiller Mann, der feinen Wein tranf und fleißig feiner Arbeit oblag, immer neue fromme Bilder für bie Altäre erichaffend. ber be8 Nachts madjte er eifrig faljdje Wertpapiere, um fein Gut zu mehren, und als er ertappt wurde, burdjitadj man ibm öffentlih mit einem glühenden Gijen beide Wangen. Weit entfernt, von folder Gdjmad) gebrodhen zu werden, erreichte er in aller Gemädlichkeit ein Alter von fünfundneungig Jahren und fchnitt nebenbei NRelieffarten von Landfchaften mit Städten, Gebirgen und Ylüffen; aud) malte er und ftad) in Kupfer.
Doch als ein ganzer und klaſſiſcher Genoß frat nun unter dem [djlidjten Ramen eines Gelb» und Rotgießers Peter Bilder einher mit feinen fünf Söhnen, die Hantierer in glänzendem Grae. Er fab aus mit feinem kräftig gelodten Bart, der runden Filzmütze und feinem Schurzfell mie ber madere Hephäftos felber. Sein freundlich großes Auge per. fündete, daß es ihm gelang, fid) im Sebaldusgrabe ein uns vergängliches Denkmal zu fegen, reidj an Arbeit vieler Sabre und bejdjienen vom Abglanz griechiſchen Lebens, ein Wohnſitz vieler Bildmwerke, bie im lichten Raume den jilbernen Sarg des Heiligen hüten. So wohnte ber Meifter felbit mit feinen fünf Söhnen famt ihren Weibern und Kindern in Einem Haufe unb derfelben Werfitatt, im Glanz neuer Werke.
Einer, ber mir nicht viel weniger gefiel, war im Zuge der Maurer und Zimmerleute Georg Weber, groß unb [tart heran [dreitenb, zu deſſen grauem Kleide e8 einer Unzahl von Ellen Tuches bedurfte. Der mar freilih ein Wäldervertilger;
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denn mit feinen Werfleuten, bie er alle fo groß und ftark auß- fudjte, wie er felber war, mit biejer Rieſenſchaft arbeitete er mädjtig in Bäumen und Ballen, finnreih und Tünftlid, unb fand nicht feinesgleihen. Er mar jedod ein trogiger Bolls- mann und machte im Bauernfrieg den Bauern Gefhüte aus grünen Waldbäumen. Er follte deshalb zu Dinkelsbühl ge töpft werden; allein der Rat von Nürnberg Iöfte ihn wegen feiner Kunft unb Nüglichfet aus und ernannte ihn zum Stadtzimmermeifter. Gr baute nit nur ſchönes und feites Sparren- und Balkenwerk, fondern audj Mühl unb Hebe ma[dinen und gemaltige lafttragende Wagen, und fand für jedes Hindernis, jede Gewichtmaſſe einen Anſchlag unter feiner Starten firnídjale. Bei alledem fonnte er weder lefen nod) ſchreiben.
So folgten ſich, da man eine ganze Zeit zuſammen faßte, Scharen von ausdrucksvollen Geſtalten, bie alle im Leben ges itanden Hatten, bis dieſer ‚Teil des Zuges mit der Zunft ber Maler und Bildhauer und ber Erjcheinung Albredt Dürers abídjfog. Unmittelbar voran ging ihm ber Gbelfnabe mit bem SOappen[djilbe, ber in blauem Felde drei filberne Schildchen zeigt und von Marimilian dem großen Meijter für bie ganze Künftlerihaft gegeben worden ijt. Dürer felbit ſchritt zwiſchen feinem Lehrer Wohlgemuth und Adam Kraft; die eigenen hellen 9tingelloden des Daritellers fielen nad) beiden Seiten gleid) gefcheitelt ganz fo auf bie breiten mit Pelz bebedtten Schultern, wie im befannten Selbftbildnis, unb mit anmutiger Geſchick⸗ lichleit trug ber gejdymeibige Mann bie feierlihe Würde, bie auf ibm Taftete.
Nachdem nun, was eine Stadt baut und ziert, vorange- gangen, trat gemwilfermaßen die Stadt felbft auf. Bon zwei bärtigen Hellebardieren begleitet, wurde ihr das große Banner vorgetragen. Hod trug der kecke Fähndrich die wallende
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Fahne, im üppig geſchlitzten Kleide, bie Linke Fauſt ftattlich im bie Seite geitemmt. Alsdann fam ber Stadihauptmann, kie geriſch prüdjtig in rot unb ſchwarz gefleidet, mit bem Bruſt⸗ harniſch angetban und ben Kopf mit breitem von $yebern mwogenden Baretthute bebedt. Ihm folgten Bürgermeilter, Syndilus und Ratsherren, unter ihnen mandy ein im meiten Reich angejehener und erfprießliher Mann, und enblid) bie feftlichen Reihen der Gejdjledjter. Seide, Gold und Syumelen glänzten bier in ſchwerem Ueberfluß. Die Yaufmännifchen Patrizier, deren Güter auf allen Meeren ſchwammen, die zu= gleid) in ſtreitbarer Haltung mit dem felbjtgegofienen Geſchütze die Stadt verteidigten und an den Reichskriegen teilnahmen, übertrafen den mittleren Adel an Pracht und Reichtum mie in Gemeinfinn und fittlihder Würde. Ihre Frauen und Töchter raujdjien mie große lebende Blumen einher, einige mit gol- Denen Neben unb Häubchen um die ſchön gezöpften Haare, andere mit febermallenben Hüten, bieje den Hals mit feinften innen. umjdjfoijen, jene bie entblößten Schultern mit köſtlichem Rauchwerk eingerafmt. Inmitten diefer glänzenden Reihen gingen einige venetianifche Herren und Maler, ala Gülte ge: badji, poeti] in ihre welſchen, purpurnen oder fchmarzen Mäntel gebüllt. Dieſe Gejtalten Ienften die Phantafie auf die $agunenjtabt unb von ba in bie Weite an alle Küjten des Mittelmeeres.
Eine zweite breite Reihe von Trompetern unb Paukern, überragt vom Doppelaar, führte endlich fchmetternd ba8 Neid) heran, mit allem, mas e8 an Tapferkeit und Glanz um den Kaiſer zu ſcharen Hatte. Einen Haufen Landsknechte mit feinem robuften Hauptmann gab fogleih ein lebendiges Bild jener Kriegszeit und ihres unruhigen, wilden und fingluftigen Bollstumes. Durch den Wald von adtzehn Schuh langen Spießen, unter bem fie einhermarfdhierten, ſah der innere Blid
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Berg unb Thal, Wälder unb Felder, Burgen unb Veſten, deutſches und welſches Land fid ausbreiten, nad)bem bie mauer- umſchloſſene reich gebaute Stadt fid) vorhin fund getban. Die Schar der Kriegsgefellen, au8 bem jungen Volke und einiger älteren Schnapphähnen bejtebenb, hatte fid) fo eifrig in Tradı, Sitten und Lieder des geſchichtlichen Vorbildes eingelebt, baf von biejem Feſte ber fid) eine eigene Landsknechtkultur in Wort und Bild auftbat unb bie bloßen fonnverbrannten &aden der Schwartenhälfe, ihre zerſchnittenen Baufchlleider und Zurzen Schwerter nod) lange Bin überall zu jehen waren.
Run murbe e8 aber wieder feierlicher und ftiller. Bier Gbelfnaben mit den Wappenſchilden von Burgund, Holland, Flandern unb Defterreih, dann vier Ritter mit den Bannern von Steyer, Tirol, Habsburg und mit bem Faiferlihen Paniere traten auf, dann ein Schmertträger und zwei Qerolbe. Nach der Flamberge tragenden Leibwache des Kaiſers fam eine Schar Gbelfnaben in kurzen goldftoffenen Wämfern, goldene Polale tragenb, bem faijerliden Mundfchen? vorauf, und ebenfo gingen Jäger und Falkoniere dem LDberjägermeifter vorauf. Tadelträger mit vergittertem Geſicht umgaben den faijer. Rod und Hermelinmantel von ſchwarzdurchwirktem Golditoff, einen goldenen Bruftharnifch tragend, auf bem Barett den königlichen Reif, ging Marimilian I. beroijd) daher, das Angeiiht auf das Heldenmütige, Stitterbajte und Sinnreiche geridjtet. So fonnte man [jelbjt von dem lebenden Sonterfei jagen. Denn e3 batte fid) für bas Bild des Kaifers ein junger Waler von ben ferniten Grenzen be8 ehemaligen Reiches gefunden, ber in Haltung und Angeliht ohne alle Zuthat wie dazu geichaffen war.
Unmittelbar binter dem Kaifer ging fein Iuftiger Nat Kunz von ber Nofen, aber nicht gleid) einem Narren, fondern mie ein Muger und mwehrbarer Held launiger Weisheit. Gr
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war ganz in rofenroten Samt gefleidet, knapp am Leibe, bod) mit weiten ausgezadten Dberärmeln. Auf bem Kopfe trug er ein azurblaues Hütchen mit einem Sranze von je einer 9toje und einer goldenen Schelle; an der Hüfte indelfen Ding an rofen- farbenem Gehänge ein breites, langes Schlachtſchwert von gutem Stahl. Wie fein Held und Kaifer war er nicht fomohl ein Dichter, ala felbit ein Gedicht.
Run Schritt in Stahl gebüllt und waffenflirrend einher, mas von ber Lüneburger Heide bis zum alten Rom, von den Pyrenäen bis zur türfildjen Donau gefodjten unb geblutet hatte, die glänzende Führerſchaft des Reiches: der Grbjdjnf und Statthalter Siegmund von Ditricäftein unb der aum zeit weiligen Feldherrn gediehene Juriſt Ulrih von Schellenberg, Georg von Frundsberg, Grid) von Braunſchweig, Franz von Gidingen, das Freundespaar Roggendorf und Salm, Andreas von Sonnenburg, Rudolf von Anhalt und bie übrigen, jeder mit feinen Waffen- und Trophäenträgern, iüber|djattet von den Fahnen mit den Namen der Gdjladjten unb Belagerungen, begleitet von Scilden mit fühnen ober edellinnigen Wahl» ſprüchen. In diefem Aufzuge jab man vorzugsmeife ſchöne und Träftige Männergeitalten, ba Bier meijten8 ſolche ihren Pla genommen, die al8 die Schmiede ihres Glüdes fi) auf die Höhe des Lebens und Gelingens burdjgelámpft hatten unb in jeder Hinficht geeignet waren, ba8 Tüchtigſte vorzuftellen. Ich batte mid) an meinem nod) verborgenen Plate etwas por» gedrängt, um befjer fehen zu können, ma8 uns voranzog, und verſchlang alles mit den Augen, mie einer, der Das zmeite Gefiht Hat. Meine eigene Mitfpielerf haft ganz vergeljend erlabte ih midj an bem Anblid der Herrlichkeit; ala ob id) felbft ein Nachkomme der verjdjmunbenen Reichsgenoſſen mwäre, atmete id) voll ftolzer Freude, bie fid) womöglich nod) fteigerte, al$ nun unter den gelehrten Näten des Königs der berühmte
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Wilibald Pirfheimer auftrat, ber in dem fogenannten Gdjmaben- friege den nürnbergifchen Zuzug in ber Heerfolge Marimilians gegen die Schweizer geführt unb jenen Feldzug befchrieben Dat. Denn plöglih fiel mir nun ein, wie Diefer felbe Stitterfonig mit allen diefen Kriegsherren, al8 er mein Vaterland batte zum Reiche zurüdgwingen mollen, daß gegen meine Vorfahren aufgerichtete Reichsbanner hatte niederlaflen und ohne Erfolg abziehen müffen, in bie Klage ausbredhend, er könne bie Schweizer nit ohne Schweizer jdjíagen. So vermodite id) um fo ungelrübter, mid) allen nationalen Selbftzufriedenheiten hinzugeben und bebadjte nidjt, wie unabläflig die Eimer bes Geſchickes fteigen und fallen, und mie wenig, ma8 meine alten Eidgenofjen betraf, biefefbem eigentlid) trog ihrer Tapferkeit von allen ihren Nachbaren geliebt und gefchägt waren.
Ich Hätte aud) beinahe überfehen, daß ber [ange Pracht⸗ zug des legten Ritters zu Ende ging und, während bie Scharen der bisher Borübergezogenen im meiten Rundgange fid) Ereuzten, [don ber Mummenſchanz heranrauſchte, in meldem alles fid auftbat, was bie Künftlerfhaft an übermütigen Gonberlingen, ?Oigbolben, Lüdenbüßern und Kometennaturen vermodjte.
Auf einem ftörrifhen Eſel eröffnete der Mummereien- meifter den träumerifhen Zug, und Hinter ihm tanzten bie bunten Narren Gylyme, Pöck und Guggerillis, bie Zwerg⸗ ſchälke Metterfhi und Dumeindl und viele andere Narren baber, unter welche id) als ein ziemlich ftiller Narr zurüdge fhlüpft mar. Dann fam ber befränzte Thyrfusträger, welcher bie behaarte, gehörnte und gefhmänzte SRufifbanbe führte. Zn ihren Bodshäuten nad) ber eigenen Muſik Büpfenb unb Bopfenb bradjten diefe Gefellen eine uralte, feltjam ſchreiende und brummende Mufif hervor, bald in ber Dftave, bald in lauter Quinten pfeifend und fdjnurrenb, aus ber oberiten Höhe in bie unterjte Tiefe fpringend.
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Mit goldenem umlaubtem Thyrſusſtabe ſchritt der An⸗ führer des Bacchuszuges vor. Ein Kranz blauer Trauben umſchattete feine glühende Stirn; von den Schultern flatterte unb mwallte eine feftliche Laſt buntgejtreifter Geibenbünber bis auf die Füße und verhüllte mebenb den [fdjlanfen Sörper. Nur die Yüße waren mit goldenen Sandalen befleidet. Halb mittelalterlih, Balb antif gefhürzte Winzer umſchwärmten bie biblifchen Kundfchafter aus bem gelobten Lande, weldhe an tief gebogener Stange die große Traube trugen, gefolgt von vier nod) Ternhafteren Männern, bie zwifchen vier aufrechten Fichten eine noch viel mädjtigere Traube daher bradjten. Alle übrige Zubehör eines bachhantifhen Getümmels mit Beden, Schalen und Gtüben zog und [dob den Wagen bes epheubefränzten Gottes, über dem fidj ein dunfelblauer Himmel von Trauben mwölbte.
Dem Triumphmagen der Benus, welcher fid) hierauf nabte, gingen als Diener be8 Mars zwei zarte in Landsknecht⸗ fradjt gefleidete Knaben mit Trommel und Pfeife voraus, bie geferbten Yederhüte auf dem Rüden tragenb, daß das bunte Gefieder auf bem Boden fchleifte. Mit fchelmifcher Teierlichkeit ließen fie ihren Kriegsmarſch ertönen, wobei die mehr fanfte ala ſchrille Flöte immer denfelben jehnfüdhtigen Gag mieder- holte. Könige mit Krone und Scepter, zerlumpte Bettler mit dem Schnappfad, Pfaffen unb Zuden, Zürfen und Mobhren, Sünglinge und Greife zogen den Wagen herbei. Die auf ihm rubenbe Venus war niemand anders als die ſchöne Rofalie, halb liegenb auf einem NRofenlager unter durchlichtiger Blumen- laube. Ihr leid mar von Purpurfeide, aber vom Schnitte eines patrizifchen Feſtkleides der damaligen Zeit, wie etwa Albrecht Dürer eine mythologiſche Geftalt zu zeichnen liebte. Der fchwere Stoff bildete fogar getreu den prächtigen gebrochenen Faltenwurf an ben weiten langen Aermeln und der foniglidjen
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Gdjleppe, und ein breiter Damenhut von Burpurfamt mit weißen Federn umjäumt, überfchattete magredjt bas Haupt, von einem goldenen Stern überjtrahlt. In der Hand Bielt fte eine goldene Weltkugel, auf welcher zwei mit den Flügeln jchla- gende und fid) fchnäbelnde Tauben japem. Unter ihren Gefan- genen gingen zu beiden Seiten des Wagens der heidniſche Philo- foph Ariftotele® unb ber djriitfie Dichter Dante AMligbieri, melde in ehrwürdigiter Haltung ihr zu bejonderem Schuß und Handreihung dienten. Sie aber [djaute dann und mann rüdwärts, da gleich Dinter ihrem Wagen der [tarfe Eriffon als wilder Mann einBerfam, der den Zug der Diana anführte, Lenden und Stirn in dichtes Eichenlaub gebüllt, ein Bärenfell um die Schultern gejdjlagen. Viele Jäger folgten ihm mit grünen Zweigen auf Hüten und Kappen, bie großen ifi. Bórner mit Laubwerk ummunden, das Jagdkleid mit Syltisfellen, Luchsköpfen, Rehfüßen unb Eberzähnen bejept. Einige führten 9tüben unb Windfpiele, einige mit Steigeifen am Gürtel trugen Gemsböde auf bem Stüden, andere Auerhähne und Bündel von (yajanen, und wieder andere auf Bahren Schwarzwild und Hirſche mit verfilberten Hauern, Gemweihen und Schalen. Dann trug eine Schar wilder Männer ein wanderndes Geholz belaubter Bäume verfchiebener Art, in melden Eichhörnchen fletterten und Vögel mijteten. Durch die Stämme Diefes Waldes fab man ſchon bie filberne Geitalt der Diana ſchim⸗ mern, der idjmalen Agnes, wie fie von $293 gekleidet und ge- Ihmüdt worden. Ihr Wagen mar von allem moglidjen Bilde bebedt und deffen Köpfe umkränzten ihn mit vergoldetem Horn und bunten Federn. Sie felbit faß mit Bogen und Pfeil auf einem Felſen, aus welchem ein Duell in ein Beden von Tropf- fteinen fprang; wilde Männer, Jäger und Nymphen mabten fi in buntem Gedränge, um aus hohler Hand ben Surit zu ftillen.
