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Gesammelte Werke

Chapter 51

Section 51

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preiſes verlange. Beſorgt, fie möchte ihre tyorberung abermals erhöhen, beeilte fid) Eridfon, bie Börfe zu ziehen und bie Golb. füde binzulegen, indes bie Dame das einfadje Landichäftlein immer aufmerffamer betradjtete und die ſchönen Augen in bem fonnigen Gefilbdjen fpazieren gehen ließ, mie menn fie Land und Meer des Golfes von Neapel vor fid) hätte. Dann blickte fie mie verídjüd)tert zu dem Reden empor und begann wieder: Se mehr fie das Bild anfehe, bejto beſſer gefalle e8 ihr, unb fie müfje nun bie volle Summe dafür fordern!
Seufzend bot er drei Bierteile, um wenigſtens efma8 -zu reiten. Allein fie ſcheute fid) Feineswegs, auf ihrer Wortbrüchig⸗ feit zu beharren, und erflärte, das Bild Tieber behalten, als e8 unter dem Werte bingeben zu wollen. „In diefem Falle wäre e8 lieblo8 von mir," verfeßte Grifjon, „mein Kleines Wert einer jo guten Stelle zu berauben: aud) habe id) feine weitere llrjadje mehr, auf einem Handel zu beitehen, ber mir feinen Geminn bringt!"
Er ſtrich biemit fein Geld wieder ein unb madjte Anftalt, fuf zu entfernen. Doch die Schöne, den Blid auf bas Bild- hen gerichtet, bat ihn mit einiger Perlegenheit, nod) einen Augenblid zu verziehen. Grit jegt bot fie ibm einen Stuhl an, um Zeit zu gewinnen, ihre Genugthuung für den ſolchem Manne angetbanen Affront vollitändig zu machen. Endlich befann fie fid auf den ſchicklichſten Ausweg und fragte Gridjon mit böfliden Worten, ob fie ein Gegenjtüd zu dem Bilde bei ibm beftellen dürfe, das ebenfo freundlich und friedlich auf das Auge wirke, fo daß fie fozufagen für jedes Auge einen [oldjen Ruhepunkl Hätte, wenn fie an ihrem Schreibtifhe ſäße, über welchem fie die Bildchen aufzuhängen gebenfe. Dieſer optifche Unfinn ermedte eine vergnüglidhe innere Heiterfeit des Malers, und obgleich er hergelommen mar, um eine Berminderung jtatt Vermehrung der Arbeit zu erzielen, bejabte er natürlich bie Frage
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im verbindlider Weife, worauf aber bie Witwe plöglih bie Unterhaltung abbrad) unb den Maler mit gerjtreutem Weſen entließ.
Diefen bisherigen Berlauf Hatte uns Eriffon am Abend des gleihen Tages als hübſches Abenteuer felbjt erzählt; in der folgenden Zeit aber fam er nit mehr darauf zurüd, fondern beobadjtete über den Gegenitand ein forgfältiges Schweigen. Bir errieten troßdem an einem Zeichen, mie e8 jtand, al8 er eines Tages, von bem fertiggemotbenemn zweiten Bildchen [predjenb, nicht vermeiden Tonnte, der BBeitellerin zu erwähnen, und fie dabei unvorfidhtig bei ihrem Taufnamen Rofalie nannte. Wir andere fahen uns [djmeigenb an; denn wir mochten ibn al8 aufrichtige Freunde, die ihm verdienter- maßen zugethan waren, auf feinen Wegen nicht jtoren.
Gelbit einer reihen Brauersfamilie entjprojjen, mar das junge Mädchen in Befolgung einer alten Hauspolitif bem Bräuherrn verbunden worden, ba die Grundlage des Haffifchen Rationalgeträntes an fi) von öffentliher Bedeutung und wichtig genug mar, derartige Ueberlieferungen zu tragen. Nachdem aber ber Träftige Bräuherr unverfehens von einem gefährliden tyieber dahin gerafft worden, jab fid) bie Witwe mit einem Sclage in volle Freiheit und Selbftändigkeit per» fegt, mit meldjer fid) das inzwiſchen gereifte Bemußtfein ber Berfon verband. Mit jener außergewöhnlichen Schönheit be gabt, bie ebenjo felten al8 bann aud) vollfommen eridjeint, von innen heraus zugleih von bem Bedürfnis Darmoni[djen Lebens bejeelt, hatte fie fi) aunddjjt mit den leichten unb bod) ftarfen Schranfen ruhiger Abfichtslofigfeit, ja Nefignation ums geben, "um jeder Neue bringenden llebereilung und Gemalt- famfeit aus dem Wege zu gehen, wahrſcheinlich aber doch mit bem Borbehalte entjdjiebener Wahl, fobald die redjte Stunde käme. Diefe war mit ber Erſcheinung Erikſons unvermutet
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ba; in Grfennung ober Ahnung berjelben hatte Rofalie den eriten Augenblick nicht verfcherzt, nachher aber mit aller 9tube unb Umficht fid) weiter benommen. Sie wußte Eriffon nad) und nad) Gelegenheit zu geben, mit allerlei Rat bei ihr zu erjdeinen; das gab jid) ungegmungen von jelbit, da fie in ber That begriffen mar, bie zufällige und bunte Art ihres Haus- rate8 unb Wohnfiges umzuwandeln, au vereinfachen unb bod) zu bereihern. Mit geheimer Yreude bemerkte fie bie ruhige Sicherheit in Eriffons Auskünften und Hilfeleiftungen, und wie er ganz an feiner Stelle fdjien, wenn er über Mittel unb Kaum in zwedmäßiger Weife verfügen fonnte. Daß er von guter Familie und Erziehung mar, blieb ihr nicht verborgen, fo weit fie da8 aus eigener Erfahrung zu beurteilen vermochte, unb fo ging fie Schritt für Schritt weiter in der Abficht ben Bären zu fangen, deifen Gefangene fie [don war. Sie 30g mehr Gäfte herbei, um ibn öfter einladen zu können und ihn bei Tifche zu fehen; aud) veranlaßte fie ihn, tyreunbe bei ihr einzuführen, fo daß ich ebenfalls ein oder zwei Mal in ihr Haus geriet, wobei e8 mir zu jtatten fam, daß idj nad) dem Wunſche meiner Mutter mid) immer nodj im Beſitze eines ge» ſchonten Sonntagsfleides befand. Unfern Freund Lys Din. gegen bradte er fein einziges Mal bin, bes perjdjlojjenen Albums wegen, wie er mir anvertraute, ma8 id) mit erniter Miene billigte. Ich glaube beinahe, daß idj eine Art phari» ſäiſcher Eitelfeit über meine Bevorzugung beherbergte und mir etwas darauf zu gut that, baj id) nod) nie burdj 9teidjtum, Freiheit, Weltkenntnis unb geeignete Perſönlichkeit in bie Lage gefommen war, bie eigene Tugend zu bewähren. Denn meine frühen judithifhen Abenteuer brachte ich keineswegs in Ans ſchlag; ich lebte auf jenem Punkte, wo man bie fogenannten Kindereien für geraume Zeit vergeljen und in felbitgerechter Härte alles verurteilt, was man nod) nicht erfahren Dat.
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Ws jet bas Künſtlerfeſt vorbereitet murbe, ftanben bie Gadjen zwiſchen 9tojalie unb Griffon jo, daß jene halbwegs al$ feine Partnerin daran teil nehmen fonnte, wie man etwa der Einladung zu einem Balle folgt.
Auf einem anderen Wege wandelte $98, um feine Feſt⸗ gefährtin zu holen. Sn einem altertümlidjen Zeile der inneren Stadt, auf einem feinen Geitenplage ftand ein fdjmales8 Haus von geſchwärztem Baditein erbaut und nur drei Stodiwerfe bod), jedes nur von der Breite eines einzigen, freilih anſehn⸗ lien Fenſters. Nicht nur die Fenſter waren reih in ihrer Einfafjung gegliedert, fondern in bie Höhe laufend unter fid) mit Sierrat verbunden, der wiederum verdunfelte Mauergemälde einfaßte..e Go bildete das Haus einen Heinen Turm oder piel mehr ein ſchlankes Monument, wie etwa Künjtler vergangener Sabrhunderte mit bejonberer Liebe für fid) felber erbaut haben. Ueber ber Hausthüre reichte ein Marienbild von ſchwarzem Marmor, das auf einem vergoldeten Halbmonde ftand, bis zum eriten Stockwerke, und an der Thüre glänzte nod) der urfprüng- lie Thürflopfer, ber ein kühn fid Hinausbiegendes Meer: weibchen darftelte _ Das untere Gemälde über bem erſten Fenſter enthielt den Perſeus, wie er bie Andromeda von bem Drachen befreit, dasjenige über dem zweiten Fenſter den Kampf bes beiligen Georg, der bie Igbijdje Königstodhter au8 ber Gemalt des Lindwurmes erlöft, und auf bie [pige Giebelmauer war der Engel Michael gemalt, ber zu guniten der Yungfrau über ber Hausthüre ebenfalls eim Ungeheuer mit der Lanze nieberjtieb. Bor vielen Syabren, als [olde Denkmäler, mie bie8 zierlihe Häuschen peradjtet und niedergeriffen ober übers tündjt wurden, Hatte ein einer Baumeifter dasfelbe für wenig Geld an fi gebradt, forgli erhalten und feinem Sohne binterlafien, ber ein mittelmäßiger Bildnismaler und zugleich ein Grjagmann in des Königs Qartídjiergarbe gewefen, ba er
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ein ftaitfider Mann mar. Die Witwe diejes malenden Hart- ſchiers lebte mit ihrer Zodjter in dem alten Haufe von einem Heinen Witwengehalt und einer gewiflen Summe, melde ihr jährlich dafür bezahlt wurde, daß fie ohne höhere Bewilligung das Haus nicht verfaufte, nodj an der Façade etwas zeritören oder ändern ließ.
Die Tochter, Agnes geheißen, mar das Urbild jener lebten Seidjnung in bem Album des fdjonbeit2lunbigen Lys, ber erit ba8 Haus unb jobann, das Innere deöfelben bejdjauenb, aud) das Juwel entbedt ‚hatte, ben das Käſtchen umfchloß; bie Mutter war nit nur bie Hüterin ber Schönheit von Kind und Haus, fondern aud) ihrer eigenen, fomweit fie nod) in einem lebens- großen Bildniffe von der Hand ihres toten Eheherrn erglänzte. Bon einem hoben Samme überragt, zu jeder Seite dex Stirn drei quer liegende Loden, beherrichte fie im Schimmer ihres Brautitandes ba8 Gemach, unb vor dem Bilde ftanden jeder- zeit zwei rofenrote Wachskerzen, bie nod) nie gebrannt hatten. Trotz der flachen und ſchwächlichen Malerei madjte fidj bie ehemalige Schönheit geltend; e8 war dabei nicht zu erkennen, ob eine gewiſſe Geelenlofigfeit mehr von bem Ungeſchick bes Malers ober bem Weſen ber Frau Derrübrte; dennoch regierte fie mit bem Bilde nodj immer das Haus unb Dbraudjte bloß einen Blid darauf zu werfen im VBorübergehen, um die Schönheit ber Tochter fid) nidjt über den Kopf wachſen zu laſſen. Diele Blicke wiederholten fid) während des Tages eben|o regelmäßig, wie das Eintauden ihrer Yingerfpigen in das Weihwaſſer⸗ Zeffelchen neben ber Gtubentbüre. Bon ber Seele aber, bie in ber Reihenfolge des Werben ihr ohne Aufenthalt entihlüpft, war ein Teil in der Tochter wieder zum Vorſchein gefommen, freilich fo ſchwank, ſtill und elementarifd), mie bas Leibliche, in dem fie wohnte.
As Q98 mit gemanbten und angenehmen Sitten fid) fo
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weit eingeführt hatte, daß er jene Figur zeichnen durfte, zwar nicht in das bewußte Buch, fonbern vorerjt in größerer tyorm auf ein bejonderes Studienblatt, fand er weder ben Mut nod ben Anlaß, den gewohnten Cyklus durchzuführen, nnb es blieb bei dem einzigen Eintrag in das Album, ben er nad) ber Studie mit Liebe und Sorgfalt vornahm. Er verbradjte gu- teilen einen Abend bei den rauen, führte fie audj einmal in das Theater oder in einen Luſtgarten, unb wo fie erſchienen, erregte die feltene Erſcheinung der Agnes ein [o allgemeines unb augleidj reines Wohlgefallen, daß fid) feinerlet Nachrede oder Mißdeutung vernehmen lieb. Alle ihre ruhigen Bewe- gungen waren einfah und kurz nur auf den näditen Smed gerichtet und daher voll Anmut; ihre Augen glänzten, wenn fie von irgend einem Reiz angejprodjen wurde, mit ber treu. berzigen Unſchuld eines jungen Tieres, das mod) feine Miß— handlung erfahren hat, und fo fam es, dab 255, anjtatt eine feiner früheren Liebeleien anzufangen, unwilllürlih in einen ehrenhaften erniteren Berfehr Dineingeriet, der ibm zum bisher unbefannten Bedürfnis wurde. Seine Befangenheit mehrte fih, menn die Mutter in der Abficht, bie Bravheit des Kindes zu rühmen, in defien Abmefenheit erzählte, wie e3 nie imftande gemwefen jet, bie fleinjte Lüge aud) nur zum Scherz aufzubringen, unb [don in frühſten Jahren jede Mebertretung felbit angezeigt babe und zwar mit einer [oldjen Ruhe, menn nicht Reugierde, über den Erfolg, daß bie Strafe ala unmöglid ober über flüffig erſchien. Die Mutter konnte dann in ihrer WVeife, um nicht jelbjt für unflug zu gelten, bie Andeutung nicht unter lajjen, das Kind dürfte allerdings feines der getitreidjiten, dafür aber um fo ehrlider und vollfommen aufridtig fein. 298 wußte aber bereits, bap Agnes flüger war, als die Mutter, wenn deſſen aud) noch nidjt inne geworden; nidjt minder über- traf fie diefelbe an Gefhidlichkeit; denn er bemerkte, daß fie
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häusliche Geſchäfte raf unb geräufhlos bejorgte, ohne je etwas zu zerbrechen, während bie Mutter alles mit beträchtlichen Aufwand von Hin- und Hergehen, Neden und Klappern pere richtete und ihre Thaten nicht felten mit dem Slircen eines entzwei gegangenen Geſchirres ab[djlop. Alsdann pflegte bie Tochter eine erflärende oder tröftlide Bemerkung zu machen, meld bem graziöjeften Wite gleid) und bod) mit tiefem Ernſte rein [adjlid gemeint und gegeben mar. Allein welder Art ber Geijt ober bas Weſen diefes Gefchöpfes fei, blieb ibm unbefannt, unb wenn man ihn wegen feiner Entdedung be glückwünſchte und erklärte, bie Agnes werde das beite Maler» fraudjen abgeben, ba8 man finden fónne, (till, harmoniſch und eine unerſchöpfliche Quelle [djóner Bewegung, fo idjüttelte er den Kopf und meinte, er Tonne bod) nicht ein NRaturfpiel heiraten!
Dennoch jegte er feine Befuche in dem fd)fanfen Häuschen, brin das ſchlanke Wefen wohnte, fort und hütete fid) nur, etwas Berliebtes zu thun oder au jagen. Die Augen des Mädchens lamen ihm vor wie ein ftilles Wafler, das wohl widerſtandslos, aber aud) für einen guten Schwimmer nit gefahrlos iit, ba man nicht mijjen fann, meldje Pflanzen oder Ziere e8 in feiner Tiefe verbirgt. Bon ber unbeitimmten Bor- ftelfung (older Fährlichkeiten bebrüdt, geriet er in ungemobnte Sorgen und jtieß Die und ba einen Geufger aus, ohne e8 zu wilfen; diefe Seufzer aber entfadhten bie geheime Glut einer herzlichen Reigung, bie feit geraumer Zeit in dem faum fieb- zehnjährigen Mädchen entzündet war, zur lebendigen Ylamme. Sedermann fonnte das lieblidje Teuer fehen; aud) wir Freunde fahen e8, al8 298 bei den beiden rauen zumeilen eine fleine Abendbewirtung anjtellte und uns dazu einfub, um nicht allein dort zu fein und dod bas Haus nidj meiden zu müſſen. Wir fahen, wie fie ſtets bie Augen auf ihn richtete, fi traurig
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wegwendete und doch immer wieder näherte, während er fid zwang, e$ nicht zu bemerken, aber fihtlih fid) hundertmal zurücdhalten mußte, fie mit der zudenden Hand nicht zu be rühren. Gelang e8 ihr dagegen einmal, fid) fo zu Stellen, als ob fie feine trodene väterlihe Art verjtebe und mwürdige, und Dabei ein Y9eildjen die Hand auf feiner Schulter liegen zu lajjen oder gar fidj wie ein unbefangenes Kind einen Yugen- blid an ibn zu lehnen, fo leucdhtete das Glüd aus ihren Augen unb fie blieb den ganzen Mbend Bindurd zufrieden und ge nüg[am.
Das Verhältnis begann für alle [djmierig und bedenklich zu werden, die Mutter ausgenommen, melde die Belebung ihres Hauſes angenehm empfand und nicht ameifelte, ba& Lys eines Tages mit einem erniten Untrage fi einitellen merbe, gerade weil er jo zurüdhaltend fei. Auch Grifjon míübte fid, anderweitig üt Anfprud) genommen, nicht jtarf um die Sache, und befonder8 wenn wir ba8 zierlide Haus gujammen per. ließen, ging er unvermeilt feine eigenen Wege, während id) mit Lys bald vor feine, bald vor meine Hausthüre zu wandeln und dort nod) jtunbenlange au verhandeln und zu ftreiten pflegte. Ich wagte gar nicht, ihn des Mädchens wegen offen zur Rede zu ftellen; denn er war bierin kurz abgebunden und itellte fid, je unentfhloffener er fid fühlte, um fo feiter ala einer, ber wilfe, was er thue unb zu thun Habe. Dafür nabm ih ben Umweg burdj metaphyfifhe Disputationen, weil id) bie Leichtfertigfeit, deren ich ihn mit aufridtigen Schmerzen bezüchtigte, mit der Gottlofigfeit zufammenwarf, melde er in fo fpäter Stunde ebenfo eifrig und nürrijd) verteidigte, wie ich fte unaufhörlih angriff. Wir ſprachen gumeilen jo lange und fo laut burd) die Stille der Nacht, bap die Scharwächter ber Stadt uns zur Schonung ber [djlafenben Bürger vermabnten. Plötzlich aber, zur Zeit ba das Künſtlerfeſt vorbereitet wurde,
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unterbrad) $923 einmal meine Nede, von ber er wohl merkte wo fie binauswollte, unb fünbigte mit ruhigen Worten an, daß er die Agnes al8 feine Feitgefährtin einladen unb auf ben Berlauf des Feſtes abjtelfen wolle, ob eine bleibende Ber- bindung zwiſchen ihnen fidj ergeben werde. Bei derartigen Anläffen fagte er, pflegen bie befangenen Menſchenkinder aus fid heraus au geben unb [djidjalefübiger zu fein, als in ge wöhnlichen Zagen. Auch für ihn ftehe bie Gadje jo, daß er einer zufälligen Entſcheidung bedürfe, indem die Saft des Wunſches und bie Beforgnis eines Yehltrittes fid) vollfommen bie Wage hielten.
Agnes blühte augenblidlih in neuer Hoffnung auf, als ber Geliebte ba8 Wort bes Heiles an fie richtete; denn fie hatte (don in ftiler Trauer dem Gedanken entjagt, im Glange jener Feitfreuden ihm audj nur nahe fein zu können. ber fie wollte das Heil nicht berufen und fügte fid) till unb demütig allen feinen Anordnungen, al3 er mit ben reihen Stoffen zu ihren Gewändern er[djien, melde die fdj[anfe Gejtalt um. fpannen, ihren Wuchs zum Ausdrucke rein geprägter Schönheit bringen follten. Aber während er ihre [djmargen Haarmwellen, bie für drei Mädchenköpfe ausgereicht hätten, vorprüfend burd) die Hände laufen Tieß unb in neue Lagen ordnete und fie lautlos ba$ Haupt dazu binhielt, beſchloß fie in diefem felben jungen Qaupte ſtumm und feierfid, nur banad) zu tradjten, wie fie ihn im rechten Augenblid in ihre Arme zwingen und ihr Leben unauflöglidd) mit bem feinigen verbinden möge. Der kühne Borfag konnte nur bie Ausgeburt des finblid) ein» faden aber in Aufregung geratenen Weſens fein.
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Dreizehntes Kapitel, Wiederum Zaftuadt.
Das größte Theater ber Nefidenz mar in einen Saal umgewandelt und Hatte, voll erleuchtet, bereit8 bie beiden Körper des Feſtheeres, bie Darftellenden unb bie Zufchauer, in fid aufgenommen. Während auf den Galerien und in den Logenreihen die ſchauende Welt verfammelt harrte und einft» weilen fid) felbjt in ihrem Schmude betradjtete, jummten die Seitenfäle und Gänge dicht angefüllt von den fi} ordnenden Sünjtleridaren. Hier mogte e8 Dunbertfarbig und ſchimmernd durcheinander. Jeder mar für fid) eine inhaltvolle Erſcheinung unb Berfon, unb indem er felber etas Rechtem gleid) fab, ſchaute er freudig den 9Rádjjten, welcher in ber jchönen Tracht nun ebenfalls fo vorteilhaft unb Irá[tig eridhien, wie man gar nicht Hinter ibm geſucht hätte, trogbem der Kern ber Feſt⸗ gebenden nicht aus leeren $yiguranten und Qebemen(djen, fondern aus ſchwungvollen, vom Genius gehobenen Sünglingen und längft in gediegener Arbeit ausgereiften Männern beitanbd, melde einen rechtsgültigen Anſpruch befaßen, die bewährten Vorfahren darzuftellen. Außer den Malern unb Bildhauern gingen im Zuge Baumeifter, GragieBer, Glass unb Borzellan- maler, Holzſchneider, Kupferjtedher, Gteinaeid)jner, SRebailleure
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und viele andere Angehörige eines voll audgegliederten ftunft lebens. Sn ben Gießhäufern ftanden zwölf Ahnenbilder für den Königspalajt, foeben vollendet, jedes zwölf Fuß Dod) und im euer vergoldet. Fahlreihe Statuen von Landes» und Geijtesfür|ten eigener und fremder Nationalität, zu Roß und tup, ſamt den Bildwerfen ihrer Fußgeftelle, waren ſchon voll» endet unb in ber Welt zerftreut, riefenhafte Unternehmungen begonnen, und e8 ging in ben Feuerhäufern wohl [don fo gewaltfam und kraftvoll her, wie an jenem Gußofen zu Florenz, als Benvenuto feinen Perſeus goß. In Fresko und Wachs waren ſchon anabſehbare Wände bemalt; haushohe gemalte Fenſter wurden gebrannt und zuſammengeſetzt in einem Farben⸗ feuer, das der Auferſtehung einer untergegangenen Kunſt angemeſſen war, um fie würdig zu feiern. Was bie Gemälde- jammlungen an feltenen und unerjegbaren Gdjádgen auf ver. günglider Leinwand bemwahrten, wurde zur Erhaltung in bauernber Wiedergabe von geübten Arbeitern mit anſpruchloſem Fleiße auf Porzellantafeln und edle Gefäße übergetragen mit einer Kunſt, bie erſt feit wenig Jahren in joldjem Grade be. ſtand. Was nun der ganzen Trägerfhaft diefer Kunſtwelt, den großen und Fleineren Meiftern, den Gefellen und Schülern einen erhöhten Wert verlieh, ba8 mar ber reinere Abglanz ber eriten Sugendreife einer joldjen Epoche, deren ideale $yreubig. let im felben Zeitalter jelten miederfehrt, eher ſchon von bem leiten Schatten der $Berbilbung und Ausartung da und dort umfchwebt wird. Alle, aud) die bejahrteren, waren nod) jung, weil bie ganze Zeit jung und die Spuren eines bloßen Könnens ohne Gefühl nod) wenig aablreid) waren.