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Gesammelte Werke

Chapter 50

Section 50

Wir gingen nun zu dritt vom nördlichen Zeile der Stadt an den Weſtrand hinüber, um da allmählich am Ufer des füd- wärts Derfommenben Fluſſes eine bebaglidje Ruheſtatt aufaus fuden. Unterwegs famen wir an dem Haufe vorbei, darin ih wohnte. „Halt!" fagte Eriffon, al8 mir andere vorüber: geben wollten, „wir wollen bei diefem aud) nod) ſchnell nad». fehen, was er fdjajft! Die untergebenbe Sonne, bie ihm grad in fein unprattifches Fenſter [djaut, wird ihm zu Hilfe kommen, daß mir mwenigftens etwas Yarbe vor Mugen haben!" Zögernd
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unb bod) nicht ungern ging idj voran, ba8 Zimmer zu öffnen, unb [fab allerdings meine ungebeuerliden Scildereien im Abendrote ftehen gleich einer brennenden Stadt, fo daß mir alle drei body auffadjten. Da waren zwei große Kartons, eine altbeutíd)e Auerochjenjagd in einem von Yormen ange füllten gewaltigen Bergthale, unb ein germanifcher Eichenwald mit Steinmälern, Heldengräbern und Jpferaltürem. Ich Hatte bie beiden Gadjen mit großer Scilffeder auf bie müdtige Papierflähen gezeihnet unb marfig fchraffiert, aud) breite Gdjattenmajjen mit grauer Waſſerfarbe angelegt, darauf bie Kartons mit Leimmafjer überzogen unb auf biejem Grund fodann mit Delfarben Iuftig herumgemirtidhaftet in ber Weile, daß in den helldunkeln burdjfidtigen Teilen überall bie Schilf⸗ febergeid)nung burdjblidte, Nicht eine einzige Raturftudie hatte id dazu benußt, jonbern im meinem ungezügelten Schaffens- drang ben erjten und legten Strich frei erfunden, unb ba dieſe Art von Arbeit eben fo leicht als fröhlich vor fid) ging, |o fahen die zwei farbigen ftarton8 nad) etwas aus, ohne bab viel davon au jagen war. Denn ob id) audj imjtande ge weſen müre, [olde Bilder wirklich auszuführen, Tonnte man zunädjft nicht wiſſen. Die acht Zoll großen Figuren hatte id) mir burdj einen jungen Landsmann hineinzeichnen lajjen, ber al8 Schüler auf bie Afademie ging und ſchon fed zu ſtizzieren verjtand. Cie waren aber nod) ungefärbt und trieben fid) einftweilen ala weiße Gejpeniter in den Wäldern herum. Hinter diefen Fahnen, von melden bie eine Zuliffenartig halb Hinter ber andern verborgen ftand, ragte an der Band eine dritte über fie hinaus, in gleidjer Weife angelegt, aber nod) ohne Farben. Eine von gewaltigen breiten Linden um. gebene fleine Stadt baute fidj zwifchen den Stämmen und aus den Wipfeln heraus an einer Berglehne Dinan, dicht gedrängt mit zahlreihen Türmen, Giebelhäufern, Wimpergen, Zinnen
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unb Erkern. Dan [jab im bie engen, frummen und mit Treppen verbundenen Gajfen hinein, auf feine Pläße, wo Brunnen jtanben, unb burdj bie Glodenjtuben des Münſters Binburdj, Hinter welchen bie hellen Sommermolfen zogen, wie auch Hinter ben offenen Zrinflauben, die fidj in die Luft hinaus profilierten und Gejellihaften Heiner Männlein meiner eigenen Arbeit beherbergten. Ich Hatte bie merkwürdige Stadt mit Hilfe eines arditeftonifhen Sammelwerkes zufammengebaut und bie Yormen ber romanijdjen und gothifchen Bauftile in bunter Gruppierung und lleberireibung fo gehäuft, mie faum jemals vorfam, unb dabei die Entitehungsweife chronologiſch angedeutet, indem die Burg und die untern Teile der Kirche ba8 höchſte Alter in der Bauart zeigten. Der Dbodjgerüdte Horizont zog fid) nod) über die Linden weg und ſchloß ein weites Gelände ab, das Meierhöfe, Mühlen, Gehölze und in einem düſtern Schattenwinfel das Hochgericht umzirkte Born jolíte au8 dem offenen Thore eine mittelalterliche Hochzeit über die eyallbrüde fommen und fid) mit einem einziehenden Yähnlein bewaffneter Stadtfnechte kreuzen. Dies Figurengemwimmel fügte ih mit erflärenden Worten Hinzu, ba einftweilen bloß ber Plag dazu offen mar.
„Vortrefflich!“ fagte 998, „eine gedachte Staffage, bas it das Leichtefte unb Duftigfte, was e8 giebt! Uebrigens glübt Ihre Stadt in ber verfluchten Himbeerbrühe diefes Abendrotes wie da3 brennende Troja! Dod füllt mir ein: Sie müſſen alles aufgetürmte Mauerwerk aus roten Sandftein beitehen lajfen, ba8 wird den folojjalen Bäumen gegenüber und in Vers bindung mit den meißglänzenden Wolken einen eigentümlichen Effekt madjen! Doch was haben wir hier mieber?"
Er meinte einen gegen die Wand Iehnenden fleineren Sarton, ber fid) grau in grau als eine Darftellung meiner Heimatögegend zur Zeit der Bölferwanderung auswies. Weber
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bie befannten Landformen zogen fid) Urmälder neben und über: einander bin, zwiſchen deren Furchen ein ferner Heerbann fid) bewegte; auf einer Berghöhe raudjte ein römiſcher Wachtturm. Doch Schon batte Lys einen zweiten Entwurf umgedreht, eine fozufagen geologifhe Qanb[djaft. Durch neuere Gebirgsarten, die fid) [djulgeredjt unterfcheiden lajjen, iit ein Tronenartiges Urgebirge gebrochen, weldhes mit jenem zujammen bod) eine malerijde Linie zu bilden ſucht. Kein Baum oder Straud) belebt die harte öde Wildnis; nur daB Tagesliht bringt einige Leben, dad mit dem dunfeln Schatten einer über bem bodjten Gipfel rubenben Wetternadt ringt. Im Geltein aber . beihäftigt fi) Mofes auf den Befehl Gottes mit ber Qerrid- tung der Tafeln für die zehn Gebote, die zum zweiten Male aufgefd)rieben werben follen, nadjbem bie eritn Tafeln zar brochen worden.
Hinter dem riefigen Manne, der in tiefem Ernſte über ben Zafeln niet, fteht auf einem Granitftüd, ohne baB er es ahnt, das präftabilierte Jeſuskind, unbefleibet, und fchaut, bie Händchen auf dem Rüden, bem gewaltigen Steinmegen ebenjo ernſthaft au. Sch Hatte, weil es fid) nur um einen erjten Entwurf handelte, die Yiguren [elbjt erjdjaffen, fo gut id) es permodjt, was fie der Epoche ber Grbrepolutionen nod) näher rüdie. Da der Mofes mit den Strabhlenhörnern und bas Kind mit ber Glorie verfehen waren, fo erfannte Lys zu meiner Genugthuung fofort den Gegenftand, rief aber gleid) darauf: „Da ijt ber Schlüffel! Wir haben aljo einen Spiri- fualijten vor uns, einen, ber die Welt aus dem Nichts hervor- bringt! Sie glauben wahrſcheinlich heftig an Gott?"
„Merdings,” fagte ich, neugierig zu wifjen, wo er Din: auswolle ; Grifjon aber unterbrad) uns, indem er zu Lys ge wendet jagte: „Lieber Freund! Plagen Sie fid doch nicht immer mit der Ausreutung des lieben Gottes! Sie madjen
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e8 fid wahrhaftig faurer, als ber ärgite Yanatifer mit ber Ginpfíangung bea[elben!"
„Ruhig, Indifferentift!” verſetzte Lys unb fuhr fort: „Da haben mir e8 aljo! Sie wollen fid) nicht auf bie Natur, fondern allein auf den Geijt perlajfen, weil der Geijt Wunder thut und nicht arbeitet! Der Spiritualismus ijt diejenige Arbeits» fheu, welde au8 Mangel an Einſicht und Gleichgewicht ber Erfahrung hervorgeht unb ben Fleiß des wirklichen Lebens durd) Bunderthätigfeit erjegen, aus Steinen Brot madjen mill, an» ftatt zu adern, zu füen, bas Wachstum ber Aehren abgu. warten, zu fchneiden, zu drefchen, mablen und baden. Das Herausſpinnen einer fingierten, fünjtfiden, allegorifhen Welt aus ber Erfindungstraft, mit Umgehung ber guten Natur, ijt eben nichts anderes, als jene Arbeitzicheu; und wenn Roman⸗ tifer und Mlegoriften aller Art den ganzen Zag fchreiben, dichten, malen und operieren, fo ijt dies alles nur Zrügbeit gegenüber derjenigen Thätigfeit, welche nichts anderes ijt, ala das notwendige und gejeplidje Wachſtum der Dinge. Alles Schaffen aus bem Rotwendigen heraus ij Leben und Mühe, bie fid) felbjt verzehren, wie im üben das Vergehen [djon herannaht; dies Erblühen ijf bie wahre Arbeit unb der wahre Fleiß; fogar eine fimple Roſe muß vom Morgen bis zum Abend tapfer dabei fein mit ihrem ganzen Korpus und hat zum Lohne das Wellen. Dafür ijt fie aber eine wahrhaftige 8tofe geweſen!“
Da id ihn nur Balb perjtanb, indem idj bod) glaubte, gearbeitet zu haben, fo fagte idj ibm Dies.
„Das geht fo au," antwortete er: „Die geognoftifche Landſchaft, bie Ste darftellen wollen, haben Sie nie gefehen und werben fie, ich will wetten, aud) niemals fehen. Sabin. ein ſetzen Sie zwei Figuren, mit denen Sie teils bie Schöp- fungsgefhichte und den Schöpfer feiern, teild aber ironifieren;
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bas iff ein gutes Gpigramm, aber feine Malerei; und endlid) fönnten Sie, wie man mohl fiebt, die Figuren, menigitens jebt, gar nicht ſelbſt ausführen, ihnen folglich nicht diejenige Bedeutung geben, die Sie fid) geijfreid) denken; folglidy jtehn Sie mit dem ganzen Handel in der Luft; es ift ein Spiel unb feine Arbeit! Nun aber genug hiervon, und laffen Sie fid) jagen, daß ich meine Predigt nicht gegen Sie, jonbern gegen die ganze Gattung richte; denn an fidj betradjtet, madjen mir Shre Gadjen ſchon deswegen Vergnügen, weil fie einen Kon» traft zu den meinigen bilden. Wir find allzumal bualijtijdje Tröpfe, wir mögen e8 anfangen, wie wir wollen. Was haben Sie hier für einen Schädel, der mar nie präpariert, kommt alfo au8 der Erde?“
Er deutete auf den Schädel des Albertus Zwiehan, ber in einer Gde am Boden lag.
„Der gehörte aud) einem Dualiſten an in gewiſſem Sinne,” ermiberte id) und erzählte, indem mit fortgingen, mit einigen Worten die Gelchichte von den zwei Weibern, amijdjen denen jener Bins unb hergezogen worden. „Ih fag! e8 ja!" ladjte £58, „nehmen wir uns in adıt, daß wir nicht zwiſcher zwei Stühle fallen!" .
Wir blieben bis tief in die 9Radjt alle drei bei einander und verabredeten, una öfter zu treffen; mas denn aud) gefdjab, fo daß wir bald gute Yreunde und überall zufammen gefehen wurden.
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Bwölftes Kapitel, Sremde Liebeshändel,
Die räumlide Entfernung unferer Heimatlande unterein- ander, indem fie im äußerjten Rorden, Welten und Süden be8 ehemaligen Reichſsrandes liegen, verband uns mehr, al8 daß fie uns trennte. Alle drei von einem gleichen inneren Zuge ber gemeinfamen Abftammung befeelt und an den großen Binnenherd ber Völkerfamilie gefommen, befanden wir uns in ber Lage weitläufiger Bettern, bie im Gedränge eines gaftfreien Haufes unbeadjtet die Köpfe zufammenfteden unb fi) Lob ober Tadel deifen was ihnen gefiel oder mißfiel gegenfeitig anver- - trauen. Wir batten freilid ſchon ein und anderes Borurteil mitgebradt, ohne unfere Schuld. (8 mar jene Seil, ba Deutfchland von feinen dreißig oder vierzig Inhabern fo eng. finnig und ungeſchickt verwaltet wurde, daß Scharen von Ber- triebenen jenjeit8 der Grenzen umberzogen und die Fremden im Gdjmáben und Schelten gegen ihr Baterland formlid) unterridhteten. Sie ſetzten Gpottmorte im Umlauf, meldje ben Nachbaren bisher unbelfannt geme[en waren und nur aus bem Snnern be8 gefcholtenen Landes fommen fonnten, und da bie Gaben ber Selbitironie, deren llebertteibung das „Phänomen
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am Ende mar, außerhalb Deutihlands nur ſpärlich verftanden unb geſchätzt werden, fo nahm ber fremde das Unweſen zuletzt für bare Münze unb lernte e8 felbftändig gebraudjen oder mißbraudhen, zumal man fih mit foldem Thun foórmlid) eine ſchmeicheln fonnte bei den Unglüdlichen, bie in ihrer Weltun⸗ kenntnis hievon Hilfe und Beiltand erwarteten. Jeder von uns batte dergleihen gehört und in [id aufgenommen. WMit der Zeit aber führte uns da8 vertraute Geſpräch zu der Ber- ftändigung, daB die Ausgewanderten und bie Daheimgeblie- benen jederzeit verfchiedene Leute feien, und daß, um ben Gba. raliter eines Volkes recht zu Yennen, man basjelbe bei fid) und an feinem Herd auf[udjen müjje. Es fei gebulbiger und barum aud) befier, al8 die Ausgeſchiedenen, und jtebe daher nicht unter, fondern über ihnen, frog be8 gegenteiligen Anſcheines, den e8 [djfieblid) immer zu vernichten wiſſe.
Waren mir nun bierüber beruhigt, fo plagte uns mieder ein anderes llebef, nämlid ber Gegenjag zwifhen ben Süb- [iden und NRördliden. Bei Bölferfamilien und Gpradjge uojfenjdjaften, weldhe aujammen ein Ganzes bilden follen, iit e8 ein wahres Glüd, wenn fie einander etwas aufzurüden und zu fticheln haben; denn wie durch alle Welt und Natur bindet aud) ba die Berfchiedenheit und Mannigfaltigfeit, und das Un» gleihe und bodj Verwandte hält bejjer zufammen. Das aber, was wir bie orbs und Südländer fid) vormwerfen hörten, war gröblich beleidigend und lieblog, indem bieje jenen Herz unb Gemüt, jene diefen Geift unb Beritand ab[pradjen, und [o uns begründet die Tradition mar, gab e$ nur wenige tüchtige Per- fonen beider Hälften, welche nicht daran glaubten. der jeden- falls zeigten nur wenige den Mut, die ſchlendrianiſchen Reden folder Art zu unterbredjem, wenn fie unter den Sybrigen waren. Um für unfer Bedürfnis den vermißten idealen Zuſtand Der. zuftellen, gaben wir uns das Wort, jedesmal wenn ber Fall
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eintrat als Unparteiiſche aufzutreten, ob mir einzeln oder im Kompagnie zugegen feien, und für den, wie wir glaubten, mißbandelten Teil einzuftehen. — Sumeilen gelang e8 uns, einige Berblüffung zu erregen oder gar eine wohlmollende Bendung hervorzurufen; andere Male dagegen murden mir felbft ba oder dorthin flajfifigiert und je nad) unferer Herkunft al8 einfältige Biederleute und Gemütsdufeler oder al8 über. fritifche, geijtreide Hungerſchlucker bezeichnet. Weil das aber und leine8meg8 unglüdli machte, vielmehr unfere Heiterkeit mwachrief, fo wurde menigftens ber [djneibenbe Ton ber Unter- haltung gemildert und ein leibliher Ausgleich zu ftande gebradjt.
linjer Mittleramt wurde aber eines Tages überflüffig und zugleich [djonjten8 belohnt, al8 die ganze reich geartete Künſtler⸗ (daft, bie kommende Faſchingszeit zu feiern, fid) zufammenthat, um in einem großen Schau» unb Feſtzuge eim Bild unterges gangener Herrlichkeit au ſchaffen, nicht mit Leinwand, Binfel und Meißel, fondern mit Einfegung ber lebendigen Perfon. Es follte ba8 alte Nürnberg wieder aufermedt werden, mie e8 in beweglichen Menſchengeſtalten fidj barjtellen konnte und wie eB zu ber Zeit war, als ber lebte Ritter, Kaifer Marimilian I. in ibm Sefttage feierte und feinen Sohn Albredt Dürer mit Ehren und Wappen befíeibete, In einem einzelnen Kopfe ent» ftanben, wurde die Idee fogleih von adjtbunbert Männern und SZünglingen, Kunftbefliffenen aller Grade, aufgenommen und als tüdjtiger Handwerksſtoff ausgearbeitet und ausgefeilt, ala ob e$ gälte, ein Werk für bie Nachwelt zu ihaffen, und e$ erwuchs in ber fadjgeredjtem unb alljeitigen Borbereitung eine Luft und Gefelligfeit, melde mohl an Macht von ber Freude des Feſttages überboten murde, in ber Erinnerung jedoch ein lieblich Heller Zeil des Ganzen blieb.
Der Feſtzug zerfiel in drei Hauptzüge, von denen ber etjte bie nürnbergifche Bürger-, Kunſt- unb Gewerbswelt, der
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zweite den ftaijer mit ben Fürjten, Reichsrittern unb Kriegs» männern unb ber dritte einen alten. Mummenſchanz umfaßte, wie er von ber bedeutenden Reichsſtadt dem gefrönten Gait vorgeführt wurde. In diefem legten Zeile, welcher redjt eigent- [id) ein Traum im Traume genannt werden konnte, Hatten wir dreie unfern Standort gewählt, um ala verdoppelte Phantafie- gebilde im Schattenbilde ber Bergangenheit mitzuziehen.
Der Ernit und bie feierlihe Pracht, womit bie Unter- nehmung von vornherein angelegt war, hatten die Teilnahme des weiblichen Geſchlechts nicht ausgeſchloſſen; rauen, Töchter, Bräute der Künstler und deren yreundinnen aus den andern Ständen bereiteten demnach ihre feitliche Umkleidung vor, und e$ gehörte nicht zu den geringjten Vorfreuden der Männer, an ber Hand der alten Zradjtenbüdjer das wichtige Geſchäft zu leiten und darüber zu mwaden, daß bie Sammel- und Golb. ftoffe, bie ſchweren Brofate und die duftigen Flore für bie ſchlanken Gejtalten richtig augejdjnitten und zufammengefekt, die Haare in geboriger Weiſe geflochten oder ausgebreitet wurden, bie (yeberbüte, die Barette, Hauben und Häubchen aller Art Form und Stil befamen und gut faßen. Zu diefen Beglückten zählten fidj audj meine Freunde Grifjon unb Lys, von denen jeder in feiner Weife auf einem Liebeswege ging.
Sn die jährlihe Berlofung, welde mit der Gemülbeaus- ftelung verbunden war, batte Eriffon eines feiner Tleinen Bilder verfauft, und dasfelbe war von der Witwe eine8 großen SBierbrauer8 gewonnen worden, die nicht gerade im Rufe einer Kunftfreundin jtand, fondern mehr in Erfüllung einer Anſtands⸗ pflicht reicher Leute fid) an biejem Dingen beteiligte. Da e8 öfters vorfam, daß [o gewonnene Gegenjtände an zudringlidhe Händler verſchleudert wurden, fo fudjten bie Künftler ihr Wert in foldem Galle wieder zu erwerben, um ben Gewinn felbit zu machen. Auch Grifjon batte bei gebadjter Gelegenheit ben
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Berfuh gemagt unb gehofft, bas Bild um ermäßigten Preis an fid zu bringen, um e8 abermals zu verlaufen unb bet Mühfal der Erfindung und Ausführung eines neuen Werkleins für einmal entboben zu fein. Denn er war bejdjeiben und hielt nit dafür, daß das Beitehen der Welt von ber liner. Ihöpflichkeit feines Yleißes abhänge. Er ſuchte alfo bie Woh- nung ber Gewinnerin unverweilt auf und ftand bald auf dem Borfaale des Witwenſitzes, bejjen Stattlichfeit bas Gerücht von dem Reichtum des verjtorbenen Brauer zu beftätigen jchien. Eine alte Dienerin, meldjr er fein Anliegen mitteilen mußte, bradjte ihm ohne Zögern den Beriht, daß die Herrin das Bild mit Vergnügen abtrete, daß er aber ein ander Mal wieder voriprehen möge. Weit entfernt, über [joldje Willfährigfeit und Geringidjágung empfindlich zu fein, ging Griffon ein zweites und drittes Mal Hin, und erft jebt wurde er etwas betroffen unb erbojt, al8 bie Dienerin endlih funb that, bie bequeme Dame perfaufe dad Bild um ein Pierteil des angegebenen Wertes und beitimme dad Geld für die Armen; ber Herr Maler möge, um nicht fernere Mühe zu haben, e8 am anderen Tage beitimmt abholen und das Geld mitbringen. Er trojtete fid indeflen mit ber Ausfiht, nun jedenfall ein Bierteljahr nicht malen zu müſſen, und das Wetter ausfpähend, ob es gute Jagdtage per|predje, madjte er fid) zum vierten Male auf den Weg.
Die unvermeiblihe Alte führte ihn in ihr kleines Dienft« gemad) und ließ ihn ba ftehen, um das Kunſtwerkchen Herbeis zubolen. Diefes mar aber nirgends zu finden; immer mehr Bedienstete, Köchin, ftammermábdjen, Hausknecht und Kutjcher tannten umber und ſuchten in Küche, Seller, Kammern und Remifen. Endlih rief das Geräufh bie Witwe berbei, unb als fie, die nadj dem Tleinen Bildchen urteilend gewähnt hatte, einen ebenjo Kleinen und bdürftigen Urheber zu finden, nun ben
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müdjtigen Grif[on bajteben fah, deilen Goldhaar glänzend auf bie breiten Schultern fiel, geriet fie in die größte Berlegenbeit, zumal er, au8 einem ruhigen Lächeln ermadjenb, fie mit fejtem offenem Blicke betrachtete mie eine Erſcheinung. Sie mar aber aud) des längiten Anſchauens wert; von ber 9tojenfarbe ber Geſundheit und Lebensfrifhe überbaudyt, faum vierundzwanzig —. Sommer alt, vom reinften GbenmaB an Geftalt und Gliebern, mit braunem Seibenhaar unb braunen ladjenben Augen, Tonnte ihr Wefen kurz und gut al8 ein aphroditifches im beiten Sinne bezeichnet werden, ein [oldje8 nämlich, ba8 ber Eignerin wohl bewußt war und von ihr felbit barum mit edler Sitte ge- bütet wurde.
Um bie gegenfeitige SBermunberung und Berlegenheit zu enbigen, lud bie Errötende mit zurüdgelehrter GeijteBgegemvart ben Maler ein, in ba8 Zimmer zu treten, unb mie fie dort waren, entbedie er die Kleine Gemäldelifte, welche als Fuß—⸗ fchemel unter dem Arbeitstifhchen der Witwe ftand, von dieſer nicht beachtet ober vergefien.
„Hier ifs ja!" fagte Griffon und zog bas Kijtchen Der. vor. Es mar nod) nidjt einmal geöffnet worden; denn ber Dedel haftete noch leicht aufgefchraubt an bemjelben. Griffon madhte ihn mit wenig Mühe los, unb das Kleine Bild glänzte nun in feinem Rahmen, der nah einem alten reihen Mufter gearbeitet mar, mit aller Frifhe im Tageslichte. Inzwiſchen hatte bie junge Frau bie Lage der Dinge [djnell zu erfafjen gefuht und wünſchte vor allem der Beihämung zu entgehen, bie ihr bie nadläffige Art, eine Kunſtſache zu behandeln, au- ziehen fonnte. Bon neuem errötend, jagte fie, fie habe im ber That nit gewußt, um was es fidj handle; nun aber, obgleich fie feine Sennerin fei, fcheine ihr bod) bas Bilden von por. züglihem Werte und fie glaube, den Schöpfer besfelben zu beleidigen, wenn fie nicht mindeſtens bie Hälfte bes. Ankaufs⸗