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Gesammelte Werke

Chapter 5

Section 5

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m unb Bernadjymalen meinenb unb zitternd in der Hand gehalten, mie wenn e8 ein feurig Eifen wär. Zwaren Bat ber Mahler behauptet, er fonne den Gdjebel aufmenbieg malen, weil folder zu denen allereriten Elementen feiner Kunſt ge: böre, habe e8 aber nicht zugegeben, fintemal Madame gefchrieben bat: „Was das Kind leidet,’ bas leiden aud) mir, und ijt uns in feinem Leiden ſelbſt Gelegenheit aur Buße gegeben, jo mit für ihn's thun Tönnen; derohalb breden Em. Wohlehrwürden in Nichts ab, Euere Fürforge und Education betreffend. Wenn das Zöchterlein dereinft, mie id) zum allmädtigen und barm- herzigen Gott verhoffe, bier oder dort erleuchtet und gerettet fegn wird, fo wird es ohnzweifelhaft fid) höchlich erfreuen, ein gutes Theil feiner Buße jdjon mit feiner Berftodtheit abge- tan zu haben, meldje über ihn’3 zu verhängen, ber unerforſch⸗ life Meifter beliebt hat!" Dieſe tapferen Worte vor Augen, babe ih audj diefe Gelegenheit für bienlid) erachtet, der Kleinen mit dem Schedel eine ernithafte Buße anzuthun. Man bat übrigens einen Kleinen leichten Kindsſchedel gebraudjet, biemeill ber Mahler fidj beſchwehret, daß ber große Mannsfchedel zu unfórmlidj fepe für die Heinen Händlein, in Betracht feiner Kunft-Regula und bat fie denfelben nachher lieber gehalten; audj bat ihr ber Mahler ein weißes Röslein dazugeitedt, was ih wohl leiden mochte, weil e8 als ein gute8 Symbolum gelten kann.“
„Habe bent plöglich ein Contreordre erhalten in Betreff be$ Tableau unb foll nun felbiges nicht nad) ber Stadt spe- diren, fonbern bier behalten. Es ijt Schad um bie brave Arbeit, fo ber Mahler gemadjt bat, weil er ganz charmiret war von ber Anmuth des Kinds. Qütl ich e8 früher gemubt, io Bát ber Mann für diefen Sojtenaufmanb mein eigen Con- terfey auf das Tuch mahlen fónnen, wenn die ſchönen Victualien nebit Lohn einmal brauff geben follen.“
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„& it mir fernerer Befelh zu Qanben gefommen, mit aller weltlichen Instruction abaubtedjen, befonder8 mit bem Sranzöfifhen, ba ſolches nicht mehr nöthig erachtet werde, jo mie aud) meine Gemahlin ben linterridjt auf dem Spinett ſiſtiren folle, ma8 ber Seinen leid zu tun fcheinet. Bielmehr [oll ich fie fortan al8 ein einfaches Pflegefind tractiren und allein fürforgen, daß fie fein öffentlich Aergerniß gebe."
„Vorgeitern ijt uns die Kleine Meret desertiret und Haben wir große Angſt empfunden, bis daß fie heute Mittag um 12 Uhr zu obrift auf dem Buchenloo ausgejpüret wurde, mo fie entfleibet auf ihrem Bußhabit an der Sonne jap, und fid baB mürmete. Sie hatt’ ihr Haar ganz aufgeflodhten und ein Kränzlein von Buchenlaub darauff gefeßet, [o wie ein dito Scherpen um den Leib gebenft, audj ein Quantum fchöner Erdbeeren vor jid) liegen gehabt, von denen fie ganz voll und rundlih gegefjen war. Als fie unfer anfihtig ward, mollte fie wiederum SteiBaus nemen, fchämete fid) aber ihrer Blöße und wollte ihr Habitlein überziehen, babero wir fie glüdlid attrapiret. Sie ij nun franf und fcheinet confuse zu feyn, ba fie feine vernünftige Antwort giebet."
„Mit dem Meretlein gehet es wiederum beſſer, jebod) ift fie mehr und mehr verändert unb wird des Günalijen bumm und ftumm. Die Consultation des berbeygeruffenen Medici verlautet dahin, daß fie irt» ober blödfinnig werde und mum. mehr der medicinischen Behandlung anheim zu ftellen fey; et offerirte fi aud zu derfelbigen und hat verheißen, das Kind wieder auf bie Beine zu bringen, wenn e8 in feinem Haufe placiret würde. Ich merke aber jdjon, daß ed bem Monsieur Chirurgo nur um bie gute Pension benebft denen Präsenten von Madame zu thun fepe, unb berichtete derohalb, was ih für gut befunden, nemlich bap ber Herr feinen Plan nunmehr an ein Ende zu führen jcheine mit feiner Creatur
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unb daß Menſchenhände hieran Nichts changiren módjten unb dürften, mie e3 in Wirklichkeit aud) ijt."
Nach Ueberfhlagung von fünf bis ſechs Monaten heißt es weiter:
„Es fcheinet diefes Find in feinem blöden Zuftande einer treffliden Gefunbbeit zu genießen unb hat gang muntere rothe Baden befommen. Hält fij nun den ganzen Tag in ben Bohnen auf, wo man fie nicht fiehet und meiter nicht um fie befümbert, zumalen fie weiter fein Aergernuß giebet."
„Das Meretlein hat fid) in Mitten des Bohnenplap einen feinen. Salon arrangiret, jo man entdedet, und bat dorten artlihe Visites acceptiret von denen Bauernlindern, melde ijme Obſt und andere Victualia zugefchleppet, jo fie gar zierlid) vergraben unb in Borrath gehalten Bat. Daſelbſt hat man aud) jenen Heinen Kindsfchedel begraben gefunden, meldjer längft abhanden gefommen unb dahero dem Küfter nicht resti- tuiret werden fonnte. Dergleichen auch bie Spagen und andere Bögel Herbeygezogen und zahm gemadjt, daß bie den Bohnen viel Abbruch getban und ich jedoch nidjt mehr in bie Bohnen- ftauden fchießen fónnen, von wegen der Heinen Inſaß. Item Dat fie mit einer giftigen Schlangen ihr Spiel gehabt, melde durch ben Hag gebrochen und fid) bei ihr eingeniftet; in summa, man bat fie wieder ins Haus nemen und inne behalten müffen.”
„Die toten Baden find wiederum von ihr gewidhen und behauptet ber Chirurgus, fie werde e8 nicht mehr lang prä- stiaren. Habe audj [djon an die Eltern gefchrieben."
„Heut vor Tag [don muß das arme Meretlein aus feinem Bettlein entfommen, in die Bohnen hinauß gefchlichen und dort verjdjiebem feyn; denn wir haben fie allbort für todt gefunden in einem Grüblein, fo fie in den Erdboden hinein gewühlet, al$ ob fie hineinfchlüpfen wollen. Sie ijt ganz ge- jtabet gemefen und ihr Haar fo mie ihr Hemdlein feucht und
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idmer vom Thau, als meíder audj in lauteren Tropfen auf ihren fait röthlihen Wänglein gelegen, nidjt anders, benn auf einem Abpfelbluſt. Und haben wir einen heftigen Schreden befommen und bin id) in große Berlegenbeit und Confusion gerathen den heutigen Zag, dieweill die Herridaft "aus ber Stadt angelanget, juit wie meine Ehefrau verreifet ift nad) K., um allda einige8 Confect und Provision einzufaufen, damit die Herrſchaften boffidjit zu tractiren. Wußte derohalb nicht, wo mir der Kopf gejtanben unb war ein großes Rennen und Laufen, und jollten bie Mägde das Leichlein wachen und an- fleiben, unb zugleid für ein guten Imbiß forgen. Gnblid Habe ih den grünen Schinken braten lafjen, [o meine rau vor adj Tagen in Eifig geleget, und Bat ber Syafob drei Stüd von denen zahmen Forellen gefangen, meldje nod) Hin und mieber an der Garten fommen, obgleih man bie felige (?!) Meret nidt mehr zum Waſſer hinauf gelaffen. Habe zum Glüd mit bielen Speißen noch ziemliche Ehre eingeleget und haben die felbigen der Madame mohl geihmedet. Sit eine große Trau- rigfeit gewefen und haben wir mehr denn zwei Stunden in Gebeth und Todesbetrachtungen verbradyt, be8gleidjen in melan- kolischen Reden von der unglüdfeligen SrantBaftigleit bes verftorbenen Mägdleins, da wir nun annemen müflen zu unferem vermehrten Troſt, daß jelbe in einer fatalen Dispo- sition be8 Blutes und Gehirns ihren Urfprung gehabt. Daneben haben wir aud) von den fonjtigen großen Gaben be? Kindes geredet und von feinen oftmaligen flugen und an muthigen Einfällen und. Impromptus und Alles nidjt zufam- menreimen Tonnen in unferer irdiſchen Kurzfichtigfeit. Morgens am Bormittag wird man dem Kind ein Gbrijtlid) Begräbnig geben und ijt bie Präsenz ber fürnehmen Eltern dazu fomm- lid, anfonften die Bauren fid) widerfagen mógten."
„Diefes ijt ber allermunberbarite und fchredhaftefte Tag
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gemejen, met nur allein, feit wir mit diefer unfeligen Creatur zn ſchaffen, fonbern ber mir überhaupt in meiner rubjamen Existenz aufgejtopen ijt. Denn als die Stunde gelommen und e8 zehn Uhr gejdjlagen, haben wir uns hinter bem Leich- lein ber in Bewegung gejeget und nadj dem Gottesader be. geben, inbejjen ber Gigrijt die Kleine Gloden geläutet, was er aber nit mit jehrem Fleiße gethan, biemeil es fait erbürmlid) geflungen und das Geläute zu Halbpart vom jtarfen Winde perjdjlungen worden, der unmirjd gemebet bat. Und war aud) der Himmel ganz dunkel und ſchwül, forie der Kirchhof von Menfchen entblößet außer unferer Heinen Compagnie, her- gegen außerhalb denen Mauren die ganze Baurfame vereiniget und Bat neugierig die Köpfe herüber geredet. Wie man aber fo eben dad Zobtenbüumleim in das Grab hinunter fenfen wollen, bat man ein feltiamen Schrei gehört aus bem Todten- bäumlein hervor, fo daß Wir auf dag Qeftigite erfchroden find unb der Todtengräber auf und davon gelprungen ijt Der Chirurgus aber, tweldjer aud) herzugeloffen, hat [djleunigit ben Dedel losgemacht unb abgehebt, unb hat fid das Tödlein als lebendig aufgeridjtet unb ift ganz bebenbe aus dem Gräblein gefrodjen und bat uns angeblidet. Und wie im felbigen Moment die Strahlen Phöbi jeltfam und jtechend burd) die Bolten gedrungen, fo bat e8 in feinem gelbliden Brokat unb mit dem gligrigen Srönlein ausgefehen, wie ein Feyen⸗ ober Koboltskind. Die Yrau Mama ijt alfobald in eine ftarfe Ohnmacht verfallen und der Herr v. M. meinenb zur Erde ge- jtürzet. Ich fefbjt Habe mich vor VBerwunderung und Schreden nicht gerühret unb in biejem Moment ſteif an ein Herenthum geglaubt. Das Mägdlein aber hat fidj bald ermannt und ijt über den Kirchhof davon und zum Dorf hinaus gegmirbelt, rie eine Kat, daß alle Leute voll Entjegen heimgeflohen find und ihre Thüren verriegelt haben. Zu felbiger Zeit it jujt
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bie Schulzeit aus geweſen unb ift ber Kinderhaufen auf bi GaB gefommen, unb als das Fleine Zeugs bie Gadje geleber, hat man bie Kinder nicht halten Tönnen, fondern ijt eine große Gdjaar dem Leichlein nadjgelaufen und bat e$ verfolget und Hintendrein ijt nod) ber Schulmeiiter mit bem Bakel gelprungen. Es Bat aber immer ein zwanzig Schritt Borfprung gehabt und nicht eher Halt gemadjt, ala bis e8 auf bem Buchenloo ange fommen unb leblo8 umgefallen ijt, worauf die Kinder um das— felbige Berumgefrabbelt und e3 vergeblich gejtreidjelt und. cares- siret haben. Dieſes Alles haben mir nad ber Hand afahren, weil wir mit großer Roth in das Pfarrhaus uns salviret und in tiefer desolation verharret find, bis man das Leichlein wiederum gebradjt Bat. Man Hat e8 auf ein Matraz gelegt und ijt bie Herrſchaft darauf verreifet mit Hinterlaffung einer Heinen Steintafell, worein Nichts al8 das Yamilienwappen und Sahrzahl gehauen ijt. Nunmehr liegt das Kind wieder für tobt und gelrauen wir uns nicht, zu Bett zu gehen aus Furcht. Der Medicus fige aber bey ibm und meint nun, e8 fei endlih zur Ruh gefommen."
„Heute bat der Medicus nad) unterfchiedlihen Experi- menten erflärt, daß das Kind wirklich tobt feye unb ijt e$ nun in ber Stille beigelegt worden unb nichts Weiteres arrı-
virt u. |. f."
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Sechſtes Kapitel.
Weiteres vom lichen Gott. Fran Margret un ihre Leute. .
Ich fann nidjf jagen, daß, nadjbem Gott einmal die be- itimmte unb nüchterne Gejtalt eines Ernährers unb Aushelfers für mid) gewonnen batte, er mein Herz in jenem Alter mit zartern Empfindungen oder tiefgebenben Gemütsfreuden er. füllte, zumal er aus dem glänzenden Gemanbe des Abendrotes fj verloren, um in viel [páterer Zeit e8 wieder aufzunehmen. Wenn meine Mutter von Gott und den heiligen Dingen fprad), io fuhr fie fort, vorzügli im alten Zejtamente zu verweilen, bei ber Geſchichte ber Kinder Sirael in ber Wülte, oder bei den Kornhändlern Joſephs unb feiner Brüder, bei der Wittme Dellrug und bergl. ober ausnahmsweiſe bei der Speifung ber fünftaufend Männer im neuen Teftamente. Alle diefe Ereignifie getielen ihr ausnehmend wohl unb fie trug mir dieſelben mit marmer SBerebjamleit vor, während leptere mehr einem pflicht⸗ gemäß frommen Erzählen Raum gab, wenn das bewegte und blutige Drama von Chriſti Leidensgeſchichte entmidelt wurde. So febr ich daher den lieben Gott refpektierte und in allen Fällen bedadhte, fo blieben mir bodj die Phantafie und bas Gemüt leer, fo lange id) Feine neue Nahrung jchöpfte, auper
den bisherigen Erfahrungen; unb menn ich feine Beranlafjung hatte, irgend einen angelegentlihen Gebetvortrag abaufajjen, fo mar mir Gott nadjgerabe eine farblofe und langmeilige Berfon, bie mich zu allerlei Grübeleien unb Sonderbarfeiten reizte zumal id) fie bei meinem vielen Alleinſein bod) nicht aus bem Sinne verlor.
Go gereidjte e8 mir eine Zeit lang zu nicht geringer Dual, daß idj eine krankhafte Verfuhung empfand, Gott derbe Spottnamen, jelbjt Schimpfworte anzuhängen, wie id) fie etwa auf ber Straße gehört hatte. Mit einer Art bebaglider und mutmillig zutsaulider Stimmung begann immer bieje Ber- ſuchung, bis idj nad) langem Kampfe nicht mehr miberjteben tonnte und im vollen Bewußtſein ber Blasphemie eines jener Worte bajtig ausſtieß, mit ber unmittelbaren Berficherung, daß e8 nicht gelten jolle, unb mit der Bitte um Verzeihung; bann fonnte id) nit umhin, e$ nod) einmal zu wiederholen, wie aud) bie reuevolle Genugthuung, und fo fort, bis bit jeltfame Aufregung vorüber mar. Vorzüglich vor bem Ein- ſchlafen pflegte mid) diefe Erſcheinung zu quälen, obgleid) fe nachher feine Unruhe ober lineinigfeit in mir gurüdlieg. Id habe fpäter gebadjt, daß e8 wohl ein unbewußtes Erperiment mit der Allgegenwart Gottes gemejen fei, welche ebenfalls arm. fing, mid) zu bejdjüffigen, und daß damals das dunkle Gefühl in mir lebendig geworden jei: Bor Gott könne Teine Minute unjere8 inneren Lebens verborgen und wirklich ftrafbar fein, fofern er das lebendige Weſen für ung fei, für das rir ihn halten.
Sndeilen Hatte ih eine Freundſchaft geichloffen, melde meiner ſuchenden Phantaſie zu Hilfe fam und mid) von biefen un[rudjtbaren Quälereien erlöfte, indem fie, bei der Einfachheit unb Nücdhternheit meiner Mutter, für mid) das wurde, mas [ponit jagenreidje GroBmütter und Ammen für bte jtoffbedürftigen Kinder find.
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Sn bem Haufe gegenüber befand fid) eine offene dunfle Halle, ganz mit Trödelktam angefüllt, Die Wände waren mit alten Seidengewändern, gewirkien Stoffen und Zeppidjen aller Art bebangen. Roſtige Waffen und Gerütidjaften, ſchwarze zerrifiene Delgemälde befleideten die Eingangspfoften und ver- breiteten fid) zu beiden Seiten an der Außenfeite des Haufes; auf einer Anzahl altmodiger Tiſche und Geräte ftand wunder» lidje8 Glasgefhirr und Porzellan aufgetürmt mit allerhand hölzernen und irdenen Figuren vermiſcht. In den tieferen Räumen waren Berge von Betten und Hausgeräten übereinander- geidjidjtet, und auf den Hocebenen und Abſätzen berjelben, mandmal auf einem gefährlichen einfamen Grate, jtand überall nodj eine fd)jnorfelpafte Uhr, ein Kruzifir ober ein wächjerner Engel und bergleidjen. Im tiefiten Qintergrunbe aber [fab jederzeit eine bejahrte, dide Frau in altertümlidher Tracht, in einem trüben Helldunfel, während ein nod) älteres, jpikiges, eisgraues Männchen mit Hilfe einiger lintergebenen in ber Halle berumbantierte und eine zahlreihe Menge Leute ab. fertigte, melde fortwährend ab und zu ging. Die Seele des Ge[djáfte8 war aber bie Yrau und von ihr aus gingen alle Befehle und Anordnungen, ungeadjtet fie fid) nie von ihrem Plate bewegte und man fie nod) weniger je auf einer Straße gejeben Hatte. Sie trug immer bloße Arme und hatte fchnee- weiße Hemdsärmel, auf eine künſtliche Weiſe gefältelt, wie man e3 fonft nirgends mehr jab und e8 vielleiht vor Hundert Zahren fdon fo getragen wurde. Es mar bie originellite Stau von ber Welt, weldhe vor vier Jahrzehnten mit ihrem Manne blutarm und unmiflend in bie Stabt gezogen, um ba ihr Brot zu [uden. Nachdem fie mit Zagelobn und faurer Arbeit eine Reihe von mühfeligen Jahren durcdhgefämpft hatte, gelang es ihr, einen Trödelfram zu errichten, und erwarb fid) mit ber Zeit durh Glüd und Gemanbtbeit in ihren linter-
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nehmungen einen behagliden Wohlitand, toelden fie auf bi eigentümlidjite Weife beberrjdjte. Sie fonnte nur ſchwierig Gedrudtes lejen, Hingegen weder ſchreiben nod) in arabiſchen Zahlen rechnen, welche legteren zu kennen ihr nie gelang; fondern ihre ganze Stedenfunit bejtanb in einer römifchen Eins, einer Fünf, einer Zehn und einer Hundert. Wie fıe bieje vier Ziffern in ihrer frühen Sugend, im einer entlegenen und vergejjenen Landesgegend überkommen batte, überliefert burd) einen Sahrtaufend alten Gebrauch, fo handhabte fie bie felben mit einer merkwürdigen Gemanbtbeit. Sie führte fem Buch unb befaß nichts Gejchriebenes, war aber jeden Augen blid imftande, ihren ganzen 9Berfebr, der ſich oft auf mehrere Taufende in lauter Kleinen Poſten belief, zu überjehen, indem fie mit großer Schnelligkeit das Tiſchblatt mitteljt einer Kreide, beren fie immer einige Endchen in ber Taſche führte, mi müdjtigen Säulen jener vier Ziffern bebedte. Hatte fie aus ihrem Gedächtniſſe alle Summen folchergeitalt aufgefegt, to erreichte fie ihren Zweck einfach baburd), daß fie mit bem naffen Finger eine Reihe um die andere ebenjo flinf wieder auslöfchte, als fie biefelben aufgelegt batte, und dabei zählend die Refultate zur Seite aufgeidjnete. So entjtanben neue fleinere Zahlen: gruppen, deren Bedeutung und Benennung niemand Tannte, als fie, da es immer nur bie gleichen vier nadten Ziffern waren unb für andere ausfahen, wie eine altheidnifche Zauber- ihrift. Dazu fam nod), daß e$ ihr nie gelingen wollte, mit Bleistift ober Feder ober aud) nur mit einem Griffel auf eine Sciefertafel das gleidje Berfahren vorzunehmen, indem [ie nicht nur räumlich einer ganzen Tifchplatte bedurfte, fondern aud) nur mitteljt ber weichen Kreide ihre marfigen Seiden zu bilden imftande war. Sie beklagte oft, daß fie fid) gar nichts | Firiertes aufbewahren lónne, war aber gerade baburd) zu ihrem außerorbentlihen Gedächtniſſe gelangt, aus welchen jene \
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mwimmelnden Zablenmaffen plötzlich geitalte unb Iebenpoll er⸗ dienen, um ebenfo raſch wieder zu verfchwinden. Das Ber- hältnis zwifchen Einnahme und Ausgabe madjte ihr nicht viel m ſchaffen; fie beftritt alle häuslichen Bebürfniffe unb fonftige Ausgaben vorweg aus dem gleihen Sädel, meldjer aud) ben Geſchäftsverkehr begründete, unb wenn eine überflüffige Summe Geldes bei einander war, jo wechſelte fie dieſes ſogleich in Gold um und verwahrte dasſelbe in ihrer Schaktruhe, wo es für immer liegen blieb, wenn nicht ein Teil davon für eine befondere Unternehmung ober für ein ausnahmsweiſes Darlehen herausgenommen wurde, ba fie jonft auf Zinfen fein Geld auslieh. Sie hatte befonders mit Landleuten von allen Seiten ber 3Berfebr, welche fidj ihre gerätſchaftlichen Bedürfniſſe bei ihr bolten, unb gab ihre Waren jedermann auf Borg, gewann oft viel dabei und verlor audj oft. So lam e$, daß eine Menge von Leuten von ihr abhängig waren oder in einem verbindlichen oder feindlihen Berhältniffe zu ihr jtanben, und daß fie beftändig von Nachſichtſuchenden oder Bezahlenden um- lagert war, weldhe ihr, zur Beberzigung oder al8 Dank, bie mannigfaltigiten Gaben barbradjten, nidjt ander, al3 einem Zandpfleger oder einer Aebtifjin. Feld⸗ und Baumfrücdhte jeder Art, SRild), Honig, Trauben, Schinten und Würſte wurden ihr in gemidtigen Körben zugetragen, und dieje Vorräte bildeten die Grundlage zu einem ftattlidjen Wohlleben, welches aljobalb begann, wenn das gerüujdjoolle Gewölbe geſchloſſen war unb in ber nod feltfiameren Wohnftube das häusliche Abendleben zur Geltung fam.