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Gesammelte Werke

Chapter 49

Section 49

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junger Herr von Girebjam, der Mann zeigt fie uns nod, wenn wir ſchön bitten! Wber wahr ijt e8, lieber $98, bei Shnen fiebt8 aus, mie im Arbeitszimmer eines großen Publi- ziften oder eine8 Minifters!"
Etwas düſter lächelnd perjepte der andere, er fei nicht aufgelegt, feine Arbeiten heute nod) zu jeben; [dn zum dritten Male müſſe ber Burſche die Paletten unverrichteter Dinge abends mieder abjeten, und unter joldjen Umftänden (fei e8 wohl pergeiblidj, daß er nicht gern ins Atelier hinüber gebe, ſei es allein oder mit Fremden. Wirklich erteilte er dem Diener, als ber mit dem Kaffeebrett erſchien, den Auf: trag. Brett und Geſchirr aber glänzten, mit Ausnahme ber hinefifhen Taffen, in ſchwerem Silber und waren in bem nüchternen neugriedjijdjen Stile früherer Jahrzehnte gearbeitet, ein Zeugnis, daß Eltern und Familie des Niederländer von ber Erde verſchwunden waren und er al8 allein Uebriggeblie- bener das Erbftüd mit fid) führte, um einen lebten Schimmer des verlorenen Vaterhauſes um fi) zu Haben. Bei einer fpäteren Gelegenheit behauptete Eriffon vertraulid, $298 bes wahre in feinem Schreibtifhe aud) das golbbe[d)lagene Kirchen» bud) feiner Mutter auf.
Das braune Getrünle war das feinfte, was id) in meinen einfachen Verhältniſſen bis anhin genofjen; allein das Unge— wohnte, ein fo fojtbare8 tyamiliengerüte bei einem fahrenden Künjtler in täglihem Gebraudde zu finden, [djüdjterte mid) etwas ein, und als 298, meine abermals berumfchweifenden Blicke bemerfenb, mich anredete: „Run, Herr Lehmann, Tönnen Sie fih noch nit mit dem unmalerifhen Anblid meiner Wohnung befreunben?" reizte mid) ba8 Vergeſſen ober Richt beachten meines Namens, [omie die Weigerung, feine Arbeiten zu zeigen, zu einem feinen Ausfalle. Die Art feiner Ein-
richtung, verfeßte ich, werde vielleicht mit einem andern Velen Keller IL 10
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zufammenhängen, das id) jeit einiger Zeit beobachtet babe, nämlih die munderlihe Manier, in welcher die verſchiedenen Künfte ihre technifhe Ausdrucksweiſe vertaujdjen. So hätte ih fürglidj bie Sritif einer Symphonie gelefen, worin nur von der Wärme des Solorites, Berteilung des Lichtes, von bem tiefen Schlagfchatten der Bälle, vom verfhmimmenden Horizonte der begleitenden Stimmen, vom durchſichtigen Hell» dunkel ber Mittelpartieen, von ben gemwagten Konturen bes Schlußſatzes u. dgl. die Rede fei, fo daß man durchaus bie Rezenfion eines Bildes zu Iefen glaube; gleid) darauf hätte ih den rbetorijden Bortrag eines Naturforfchers, ber bem tierijden SBerbauungsprogeB beichrieb, mit einer gewaltigen Symphonie, ja mit einem Gejange der göttlihen Komödie vergleichen hören, während an einem andern Zijdje des öffent- lihen Lokales einige Maler die neue biltorifde Kompofitior be8 berühmten Akademiedirektors befprodhen unb von ber Llogijdjen Anordnung, ber [djneibenben Gpradje, ber bialef. tijden Auseinanderhaltung ber begriffliden Gegenfähe, ber polemijden Technik bei einem dennoch Barmonijden Aus⸗ flingen ber Stepfis in der bejahenden Tendenz des Gejamt- ione8 zu reden gewußt hätten, fura, e8 [deine feiner Sunft mehr mobi in ihrer Haut zu fein und jede im $abitus ber andern einberziehen zu wollen. Wahrſcheinlich handle e8 fid) um da3 Ermitteln und Seititellen eines neuen Inhaltes für fämtlihe Wiſſenſchaften und Künfte, wobei man fid) beeilen müffe, nicht zu Turz zu fommen.
„Ich ſehe [djon," rief 9858 mit Laden, „wir miüffen bod) nod) Hinüber gehen, bamit Sie fehen, daß wir wenigftens nod) mit Farben malen!”
Er ging voran und öffnete bie Thüre zu einer Reihe von Räumen, in melden je eines feiner Bilder, an denen er arbeitete, ganz allein und in der beiten Beleuchtung aufgeitellt
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war, fo daß ber Blid durch nichts anderes abgezogen und aer» ftreut murbe. Die [pátere Nachmittagsſonne, bie auf ben Wolken draußen, auf der meiten Landfchaft unb ben tempel- artigen Gebäuden lag, ließ bie an fih ſchon leuchtenden Bilder dur ihren bereinfallenden Reflex nodj verflärter erfcheinen, fo daß fie in der Stille des Raumes einen feltíam feierlichen Ginbrud madjten. Das erjte war ein Salomo mit der Königin von Saba, ein Mann von eigentümlicher Schönheit, der fomobl das hohe Lied gedidhtet ala gejchrieben haben mußte: Alles ijt eitel unter der Sonne! Die Königin war als Weib, mas er al8 Mann und beide, in reihe Gewänder gehüllt, jaBen allein unb einfam fid) gegenüber und fchienen, bie glühenden Augen eines auf das andere geheftet, in heißem, fait feinbIidjen Worts fpiele fid das Nätfel ihres Weſens, der Weisheit und des Glückes Herausloden zu wollen. Das Merkwürdige dabei mar, das der [djóne König in feinen Gefichtözügen ein per. ſchönter und ibealifierter $98 zu fein dien. Sm Zimmer war fonft nichts, als eine flache blanfgepugte Meſſingſchüſſel von alter Arbeit mit einigen Drangen, die zufällig auf einem &dtijddjen ftehen modjte. Die Yiguren des Bildes waren von halber Lebensgröße.
Das Bild im nächſten Raume jtellte Hamlet den Dänen bar, aber nidjt nad) einer Szene be8 Trauerfpieles, fondern als da8 von einem guten Sünftler gemalte Bildnis gedacht, als das Porträt des in feine Staatsgewänder gefleideten nod) ganz jungen unb blühenden Prinzen, um deflen Stirn, Augen und Mund jebodj [don das verfchleierte Schidfal der Zukunft fchwebte. Diefer Hamlet erinnerte ebenfalla. an den Maler felbft, aber mit fo großer Sunjt verhüllt, daß man nicht mußte, woran es lag. In einer Ede des Zimmers lehnte ein Schwert mit rei in Stahl und Silber gearbeitetem Korbe, welches offenbar zum Modell gedient Hatte ober nod) diente. Dieſer
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vereinzelte Gegenítanb erhöhte nod) den Ginbrud ber Ginjam. feit unb fanften Trauer, ber von des Bildes itillem Leuchten ausftrömte. Sym übrigen batte das Sniejtüd bie polle Lebens⸗ größe.
Bon diefem Raume ging e8 enblid) in ben lebten Din: über, der jdjon ein Saal zu nennen mar. Gleich ben übrigen Bildern, bereit3 mit dem [djmeren Schmudrahmen verfehen, ftand bier die größte Kompofition, deren Veranlaſſung bie Bibelmorte gegeben: Wohl dem, ber nicht figet auf ber Bank ber Spötter! Auf einer halbfreisförmigen Steinbant in einer römifhen Billa, unter einem Rebendache, faßen vier bis fünf Männer in ber Tracht des adjtgebnten Jahrhunderts, einen SRarmortijd vor fid, auf welchem Champagnerwein in hoben venetianifchen Gläfern perlte. Bor bem Tijche, mit dem Rüden gegen den Beſchauer gewendet, ſaß cinzeln ein üppig ge mwachfenes junges Mädchen feitlih geld)müdt, welches eine Laute ftimmt, und während fie mit beiden Händen damit be ihäftigt ij, aus einem Glafe trinkt, das ihr der nädjite ber Männer, ein faum neunzehnjähriger Süngling, an den Mund hielt. Diefer fab beim läfligen Hinhalten des Glafes nidt auf das Mädchen, fondern firierte den Beſchauer, indeffen er fi zu gleicher Zeit an einen filberbaarigen Greis mit rotftdjem Geſicht lebnte. Der Greiz ſah ebenfalls auf ben Beichauer und ſchlug dazu ſpöttiſch mutmillig ein Schnippcdhen mit ber einen Hand, während die andere fidj gegen den Tiſch ftemmte. Er blinzelte ganz verzwidt freunblid) mit den Augen unb zeigte allen Mutwillen eine8. Reunzehnjährigen, indeifen der Junge, mit trogig Schönen Lippen, mattglühenden [djmargen Augen und unbändigen Haaren, deren Ebenholzſchwärze burdj ben per. wiſchten Puder glängzte, bie Erfahrungen eines Greifes in jid) zu tragen ſchien. Auf der Mitte der Bank, deren hohe, aierlidj gemeißelte Lehne man burdj die Lücken bemerkte, jaB ein aus⸗
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gemadjter Ziaugenidjtà unb Hanswurſt, welcher mit offenbarem Hohne, bie 9taje verziehend, aus bem Bilde fab und feinen Hohn baburd) nod) beleibigenber madjte, daß er fid) burdj eine vor ben Mund gehaltene 9toje dag 9(njeben gab, als wolle er benfelben gutmütig verhehlen. Auf dieſen folgte eim ſtattlicher Mann in Uniform; biejer blidte ruhig, faft ſchwermütig, aber bod) mit mitleidigem Spotte drein, und enblid ſchloß ben Halbkreis, bem Jüngling gegenüber, ein Abbe in feidener Coutane, welcher, wie eben eri aufmerfjam gemadt, einen forídjenben jtedjenben Blid auf ben Beichauer richtete, während er eine Priſe zur Rafe führte und in diefem Geſchäft einen Augenblid anbielt, fo febr Ichien ihn die Lächerlichkeit, Hohlheit oder Unlauterfeit des Beſchauers zu frappieren und zu böfen Witzen aufzufordern. So waren alle Blide, mit Ausnahme ders jenigen des Mädchens, auf den gerichtet, ber vor das Bild trat, und fie fdjienen mit unabmehrbarem SDurdjbringen jede Selbit- táujdjung, Halbheit, Schwärmerei, jede verborgene Schwäche, jede unbemußte oder bemußte Heuchelei aus ibm herauszufifchen. Auf ihren eigenen Stirnen, um ihre Mundwinkel ruhte zwar unvere fennbare Hoffnungglofigfeit; aber trof ber Bläffe, bie ohne den rötlichen Greis alle überzog, ftedten fie in einer unverwüftlichen Gefundheit, wie die Fiſche im Waffer, und der Betrachter, der feiner nidjt ganz bewußt war, befand fid) fo übel unter diefen Bliden, daß man eher verjudjt mar auszurufen: Weh dem, ber vor der Bank der Spötter fteht!
Waren nun Abſicht und Wirkung dieſes Bildes vernei- nenber Natur, fo war dagegen die Ausführung mit dem wärmften Leben getrünft. Jeder Kopf zeigte eine inhaltvolle mirflidje Berfönlichkeit und war für fid) eine ganze tragildje Welt ober eine Komödie und nebit den feinen arbeitlojen Händen vortrefflid beleuchtet und gemalt. Die geiticdten Kleider bet wunderlihen Herren, die altrömiſche Zradjt des
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Weibes, ihr blenbenber Naden, bie Korallenſchnur barum, bie ſchwarzen Zöpfe unb Loden, bie Bildhauerarbeit an bem alten Marmortifche, felbit ber glänzende Sand des Bodens, in melden fid) der Zub bes Mädchens drückte, biefe Knöchel im blaßroten Geiben[djub; alles dies mat fo breit und fidher unb bod) ohne Manier und Unbejcheidenheit, fondern aus bem naivften Weſen berausgemalt, daß der Widerſpruch amijdgen bem freudigen Giang unb dem kritiſchen Gegenitand des Bildes bie fonder- barfte Wirkung hervorrief. Lys nannte dies Bild feine „bobe Kommiffion”, den Ausfhuß ber Gadjveritánbigen, vor melden er fid) fefbjt zumeilen mit bangem Herzen jtelle; aud führte er ela einen armen Sünder, deſſen Wohlmeisheit und Sal bung nicht aus bem lauterjten Himmel zu ftammen fdhien, vor die Leinwand und beobadjtete bie verlegenen Gefichter, bie er ſchnitt.
Als wir wiederholt von einem Bilde zum andern gingen, ih dazwiſchen audj bei diefem oder jenem allein auriidblieb, wußte ih nicht ein Wort zu dem Gejprádje beizutragen, fondern unterlag jdjmeigenb dem Eindrude, den ein [o entichiedenes Können auf den madjte, ber e8 nidjt überjab. Griffon da» gegen, meldjer ein fo beſchränktes unb bejdjeibene8 Arbeitsfeld beforgte, Hatte jo vieles geübt und gejehen, daß er fid) mit Leichtigkeit und Berftändnis ausſprechen fonnte. Er pflegte aud) zu fagen, er verftehe nun gerade genug von ber Runit, um ein anftändiger Liebhaber und Sammler zu fein, wenn bas Glüd ihn reich madjen wollte, und um diefen Preis würde er fofort feine Palette an den Nagel hängen. In der That wußte er Altes und Neues wohl zu beurteilen und zu würdigen, ungleih fo mandjen Künftlern, die alles Hafjen oder gering- ſchätzen ober einfach nicht verjtehen, was nidjt in ihrer 3tidj- tung liegt. Dieſe Ieibenidjaftlidje Beichränktheit ijt freilich für mande notwendig, wenn fie auf bem Punkte bebarren follen,
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bem fie allein gemadjjen find, meil Anſpruch unb Beſcheidung fid jelten glüdlid mijdjn. Auf jene Aeußerung ermiberte dann Lys zumeilen, e8 follte allerdings ab unb zu einer von ber Ausübung freiwillig zurüdireten, um der Sennerfchaft friſches Blut zuzuführen; bie Litteraten feien wohl nüglich für bas fogijde und Chronologiſche, dad Graphiſche und Bio» graphifche, für ba8 Eintragen des Feitgefehten; vor bem Gegen- wärtigen, fofern e8 al8 neu oder überrafchend erjdjeine, ftánben fie in der Regel unprobuftip unb ratlos, unb die eriten Stich⸗ worte müßten immer von den Künſtlerkreiſen ausgehen und feien daher meiften8 parteiiſch, welche SBarteilidjfeit von den Litteraten, nadjbem die erjte Kopflofigfeit überwunden, meiter ausgefponnen werde, bi8 ber Gegenftand der Vergangenheit angehöre und einer verjtändigen Regiftrierung fähig geworden. Es [fet ba8 ein verdrießliher Handel! Er habe Maler gefannt, die den verwichenen Raphael einen unangenehmen Kerl ge= holten und dabei auf ihre graufam Tritifche Ader fid) Wunder 18 eingebildet haben; hinwieder feien ihm Sollegien Iejenbe Profefforen vorgelommen, melde an älteren Bildern eine wirkliche metalliide SBergolbung nicht von gemaltem Golbe zu unterjdjeiben mußten unb in technifcher Hinficht überhaupt auf dem Standpunkte von Kindern und Wilden jtanden, die in einem gemalten Gefidjte ben Rafenfchatten für einen ſchwarzen Fleck anzufehen pflegen.
Ich bemerkte wohl, daß Lys mit feinen Bildern in eigen- tümlidjer Weife burd) die Schule der großen Italiener hindurch⸗ gegangen fei, ohne fie im Unmöglichen gerade nadhymadjen zu wollen, erfuhr nun aber, er habe früher fid zum jtrengen deutfhen Zeichner ausgebildet, ber es im fidern Führen von Stift und Kohle fajt feinem berühmten Meifter gleichgethan unb bie Sarbe für ein mehr oder weniger notmwendiges Uebel gehalten Babe. Nach einem mehrjährigen Aufenthalt in Italien
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fei er gánglid) umgewandelt zurückgekommen, mit Geringfdjagung auf die frühere Weife berabfehend. Als bievon bie 9tebe war und Erikſon bedauerte, daß Lys die edle Kunſt ber deutfchen Zeihnung, die bod) in ihrer Art ein unerfehlihes Gut unb Wahrzeihen ber Nation fei, fo ganz beifeite werfe, ermiderk diefer: „Ei was! Wer einmal recht zu malen verjteht, konn etit recht zeichnen, und zwar alles ma8 er mill! Uebrigens übe id bas Ding mandmal nod, freilid nur zu meinem eigenen Spaß.“
Gr bolte ein ziemlid großes Album vom beiten Papier berbei, ba8 in Leder gebunden und mit einem ftählernen Schloſſe per[eben war. Mit bem Gdjlüjjelden, ba8 an feinem Uhrgehänge befeitigt, geöffnet, zeigte fid) Blatt um Blatt eine Welt von Schönheit und zugleih ber Berjpottung derjelben, wie fie nicht leicht wieder in joldjer Weife fid) zufammenfinden mag. Es war bie Ge[djidjte einer Reihe von Liebſchaften, welche er erlebt und in das Buch gezeichnet batte mit feinjtem Stifte und im folideiten deutſchen Stil, al8 ob Dürer und Holbein, Dverbed oder Cornelius ben Soefameron illujtriert unb bie Zeichnungen für den Grabftihel unmittelbar fertig gebradjt hätten. Eine [olde Geſchichte beitand je nad) ihrer Dauer au8 mehr ober weniger zahlreihen Blättern; jede ber gann mit bem Bildniskopfe des betreffenden Frauenzimmers unb einige Variationen desfelben in per|djiebener Auffaſſung; dann folgte bie ganze Figur, wie man wohl einer [djonen Berfon zum erften Mal auf dem Markte, in ber Kirche oder im öffentlihen Garten anfidhtig wird; dann entmwidelte fid) bie Bewegung und das Verhältnis zum Helden, immer 2958 felbit, bi8 zum Sieg unb Triumph ber Liebe, worauf ber Niedergang fid einleitete mit Gezänkfzenen, Wbenteuern der einjeitigen oder gegenfeitigen Untreue bi8 zur unvermeidlidden Trennung, bie entweder mit einer jähen Verſtoßung des [djeinbar zerfnirfchten
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Helden ober mit einer fomijden Gleidjgültigfeit beider Teile vor fid ging. In diefem Verlaufe glänzte befonders eine Anzahl Einzelfiguren von [dymollenben oder weinenden Schönen als wahre fleine Monumente des anmutig ftrengen Stiles. Eine entfeffelte Haarflechte, eine Berfchiebung ber Gewänder an Schulter ober Fuß erhöhte ftel8 den Ginbrud der Vewegtheit, wie das zerriffen flatternde Segel eines Fahrzeuges von über. itandenem Unwetter Kunde giebt. Es war nicht zu enticheiden, ob dieſe tragifhen Situationen eine andädjtig mitfühlende Hand geichildert, oder ob eine leife Ironie ihren Teil daran batte; unbeftritten dagegen jtrahlten bie weiblichen Ehren einiger Weſen, welche auf der Höhe ihres Triumphes in mytho- Iogiihen Geftaltungen verflärt wurden.
293 [dug [o unbefangen ein Blatt nad) dem andern um, al8 ob er ein Gdjmettering8bud) pormieje, und nannte nur zumeilen den Ramen einer ber Schönen: das ijt bie Thereja, das ijf bie Marietta, das war im Frascati, das in Florenz, das in Venedig!
Bir [djauten ebenfo erítaunt als fpradjo8 dem Ummenden ber Blätter zu, auf melden [o viel Schönheit und Talent vorüberſchwirrte, und nur Grifjon legte zuweilen die Hand auf ein Blatt, um dasfelbe einen Augenblick feſtzuhalten. „IH muß gejteben," fagte er enblidj, „es ijf mir nicht ganz be greiflih, wie man [o viel Genie unterdrüden ober höchſtens zu geheimen Allotria verwenden Tann! Wie viel Vergnügen vermöchten Sie zu verbreiten, menn Sie all dies Können einem ernften Zwecke zu gut fommen lieben!"
$95 zudte die Achfeln: „Genie? Wo ijt e8? Das iit eben die Frage! Auch das mildeite Wefen dieſes Geſchlechtes muß fromm fein unb einfältig wie ein Kind, wenn e8 allein ijt und arbeitet. Mir fehlt vielleicht bie Frommheit oder
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Frommkeit; idj bin nie allein, fondern alle Hunde find bei mir, mit denen ich gebept bin!"
Wir veritanden diefe Worte, bie zudem im Widerfpruche mit der früheren Aeußerung jtanden, daß man alles fonne, nicht fonderli wohl, und ich felber wußte vollends nicht, was ih von der ganzen Gadje halten jollte. Ich fühlte mid zu dem bübfchen, ruhigen, ja erniten Manne hingezogen, während der Inhalt des Buches auf eine gewiſſe Art von Studjlofigfeit deutete, bie mancher wohl fid) felber verzeihen mag, aber nidt an einem ernfthaften Freunde liebt. (8 war etwas von jenem ſchrecklichen Prinzipe, ba8 bie beiden Gefdjledjter ala zwei fid) feindlih entgegenftehende Raturgemalten betradjtet, wo e8 heikt, Hammer oder Ambos fein, vernichten ober vernichtet werden, oder einfacher gefagt, wer fid) nicht wehrt, ben freffen bie Wölfe.
Inzwiſchen waren wir beim lebten der gezeichneten Blätter angelangt, auf welches nod) einige leere folgten, unb Lys wollte das Album rafdj zuſchlagen. Erikſon hielt ihn jebod) auf und verlangte das lebte Bild genauer zu jeben; denn alle bisher aufgetretenen Perfonen waren italienifhen Urfprungs, jene aber offenbar von beutjder Art. Der Kopf war nidi, wie bei den andern, zuerſt al8 Studie bejonber8 gezeichnet, fondern e8 erſchien gleidj, als ob das Haupt nicht wohl ab» zufondern wäre, bie ganze ftehende Figur des ſchlankſten jungen Mädchens, deilen in großen Zöpfen aufgewundene® Haar [o reih, daß das Haupt beinahe zu ſchwanken [djen, wie eine Nelke auf ihrem Stengel, obgleidj der fein gerundete Hals und Raden nur aus natürlicher Anmut fid) leife neigte. Außer zwei unſchuldigen großen Sternenaugen mar fajt Fein Inhalt im dem Gefidjt, deilen zarte Züge faum mil bem Gilberitifte leicht genug anzudeuten waren, den der Zeichner dazu gemählt batte. Deſto fidherer unb feiter, immer zwar mit zarter Hand,
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mudjs bie herb jungfräuliche Erſcheinung durch bie ftrengen Gewänderfalten ins Licht, an denen fein Strih zu viel unb feiner zu wenig war.
„Ei ber Zaujenb!" rief Griffon, „wo fteht biefe Blume?”
„Die jtebt bier in der Stadt!" per[epte Lys, „Ihr Könnt fie gelegentlich feben, wenn ihr brav feib!^
Ich jebod), gerührt von der elementarifchen Unſchuld des Gebildes, rief unbebadjt und flehentlih: „Der thun Sie aber fein Leid an, nidjt wahr?“ j „Dho“, fagte 958 Iadjenb, indem er mir auf die Schulter Hopfte, „was folff ich ihr denn zu leid thun?“
Auch Grifjon ladjte, und jomit brachen wir auf, unferen Abendgang in Begleitung des Niederländer anzutreten. Im Borübergehen fahen wir die drei jdjónen Bilder mieber auf; leuchten, id) für meine Berfon zum legten Male; denn ich befam fie fpäter nur in einer grauen Morgendämmerung nochmals zu Geficht, als id) faum darauf adjten konnte. Wo fie feither geblieben find, weiß ich nicht; fie find niemals an bie Deffent- lichkeit gelangt, und $58 felber bat fidj in der Folge durd) ein Schwanken feines Weſens von ber Kunft abgewendet. Wenn e8 Sterne giebt, wie gejagt wird, melde man einen Augen- blick lang deutlih Bat ſchwanken fehen, marum follte ein Ihwader Menſch nidjt von feiner Bahn abmeichen?