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Gesammelte Werke

Chapter 48

Section 48

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da augleid) die Kirchenglocken einfielen und eine um die andere raſch zufammenflangen, jo blieb jenes Wort das legte zwifchen uns ge|prodjene; denn die Minute war ba, wo id) aufzubredhen hatte. Ich fprang auf, nahm Mantel und Taſche und gab der Mutter bie Hand zum Lebewohl. Unter der Stubenthüre, als fie mich begleiten wollte, drängte ich fie fanft zurüd, zog bie Thüre zu und eilte allein auf bie Boft, von wo id) bald darauf in einem der fehweren mit fünf Pferden beipannten Eilmagen faß, bie jeden Morgen im Trabe die fteilen, ſchlecht gepflajterten Gaffen ber Bergitadt Hinunter raffelten.
Etwa fünf Stunden fpäter fuhr idj über eine lange hölzerne Brüde. Als id) mid) aus bem Gdjlage bog, lab id) einen Starten Strom unter mir daher ziehen, deilen am fich Hargrünes Waller, das junge Buchenlaub, das bie Uferhänge bededte, ſowie die tiefe Bläue des Maihimmels vermifcht wider itrahlend, in einem fo wunderbaren Blaugrün Beraufleudjtete, daß ber Anblid mid wie ein Zauber befiel und erft, als bte Erſcheinung ra[d) wieder verjdymanb und e$ hieß: „das war der Rhein!" mir ba8 Herz mit ftarken Schlägen podjte. Denn id befand mid) auf beutídjem Boden und hatte von jegt an das Recht und die Pflicht, bie Gpradje der Bücher zu reden, aus denen meine Jugend fi) herangebildet Hatte und meine liebiten Träume geftiegen waren. Daß e8 nicht in meinem Erinnern leben fonnte, id) fei nur von einem Gau des alten Alemanniens in den andern hinüber, aus dem alten Schwaben in da3 alte Schwaben gegangen, dafür Hatte ber Lauf ber Gejdjidjte geforgt, unb darum war mir das herrliche Funkeln ber grünblauen Flamme des 9tbeinma|jer8 wie der Geiftergruß eined geheimnisvollen Zauberreidhes gemejen, das id) betreten.
Sd) ſollte freilich auf unerwartete Weife aus ſolchen Träumen gemedt unb meine Weiterreiſe zur feltfamften Pöni- tengfabrt werden, bie je einer gemadjt. Denn bei ber erften
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Wechſelſtelle ber nadjbarlánbijdjen Poſt lag aud) bie Zollitätte mit bem fürftlihen Kronwappen, und während dag Gepäd ber übrigen Reiſenden faum geöffnet und leichthin geprüft wurde, erregte mein unförmlicher Koffer eine genauere Aufmerk⸗ famfeit ber Zollbeamten; was am gejtrigen Abend [o forglid eingepadt worden, mußte unbarmberzig herausgenommen und auseinander gelegt werden bis auf bie Bücher am Grunde, unb bie[e wurden erjt recht abgededt. So fam ber Schädel be8 armen Zwiehan zu Tage und ermedte wiederum eine Neu⸗ gierde anderer Art, fura, e8 wurde nicht gerubt, bis der ganze Inhalt meiner Kifte auf dem fremden Boden umher geftreut lag. Mit faltem Lächeln ſchauten fodann die martialifchen Grenzwächter zu, als id) haſtig und befümmert meine Habjfelig- leiten wieder in den Kaften warf unb prepte unb laum alles unterbringen fonnte, während bie übrigen Neifenden bereits im neuen Pojtwagen faßen und ber Wagenführer mid) zur Eile antrieb. Er half mir nod) den Dedel zudrüden und ſchließen, und als bie Bedienfteten das jdjmere Möbel mwegtrugen, lag rihtig der Schädel auf der leeren Stelle und war Hinter dem Koffer verjtedt, vergeilen worden. Er hätte aud) nit mehr Bla gefunden. So bob id) ihn denn auf, nahm ihn unter den Arm, trug ihn zum Wagen und hielt ihn auf ber ganzen Reife auf bem GdjoBe, in ein Zud) gemidelt, ba8 id) für etwaigen Nachtfroſt zum Schutze des Haljes mit mir führte, Eine Art natürlicher Pietät oder Gewiſſensfurcht hielt mid) ab, das unbequeme Weſen unterwegs auf gute Weife megaumerfen ober zurüd zu lajjen, nachdem id) e8 einmal zu leidjtiinnig vom Yriedhofe geraubt Hatte; mie ja aud) ber vermorrenite Menſch immer nod) Anlaf findet, mit einem Zuge der Menſchlich⸗ feit, wenn aud) nod) ſo wunderlid angewendet, fid) auszuweiſen.
Mit dem Sonnenuntergange des zweiten Tages erreichte ih bas Ziel meiner Reife, bie große Hauptitadt, meld mit
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ihren Gteinmajjen und großen Baumgruppen auf einer weiten Ebene fid) bebnte. Meinen verhüllten Totenkopf in der Hand judjte ich bald das notierte Wirtshaus und durchwanderte [o einen guten Teil der Stadt. Da glühten im legten Abend- feine griedjijde Giebelfelber und gotifhe Türme; Säulen- reihen tauchten ihre gefhmüdten Häupter nod) in ben Rofen- glanz, belle gegoffene Grabilber, funfelneu, ſchimmerten aus dem Helldunfel der Dämmerung, mie wenn fie nod) bas warme Tageslicht von fid) gäben, inbeljem bemalte offene Hallen [don burdj Qaternenlidjt erleuchtet waren unb von gepußten Leuten - begangen wurden. Steinbilder ragten in langen Reihen von boben Sinnen in bie bdunfelblaue Luft, Paläfte, Theater, Kichen bildeten große Gefamtbilder in allen mögliden Bau- arten, neu und glänzend, und medjeltet mit dunflen Maſſen geihwärzter Kuppeln und Dächer der 9tat$» und Bürgerhäufer. Aus Kirchen und mächtigen Schenkhäufern erfholl Mulit, Ge läute, Drgel^ und Harfenfpiel; aus myſtiſch⸗verzierten Kapellen- thüren drangen ?9eibraudjmolfen auf bie Galfe; ſchöne unb fragenhafte Künftlergeitalten gingen [djarenmeije vorüber, Stu. denten in verfhnürten Röden und filbergeftidten Müten lamen daher, gepanzerte Neiter mit glänzenden Stahlhelmen ritten gemádjlid) und [tolg auf ihre Nachtwache, während Surtijanen mit blanfen Schultern nad) erhellten Tanzjälen zogen, von denen Pauken und Trompeten berabtönten. Alte bide Weiber verbeugten fi” vor dünnen ſchwarzen Prieſtern, bie aablteid) umbergingen; in offenen Hausfluren dagegen faßen mohlge- nährte Bürger hinter gebratenen jungen Gänfen und mädjtigen ftrügen; Wagen mit Mohren und Sägern fubren vorbei, Tura, id) hatte genug zu jehen, wohin id) fam, und wurbe darüber fo müde, daß id) froh war, als id) endli in bem mir angewiefenen Zimmer des Gafthofes Mantel und Totenkopf ablegen Tonnte.
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Eiftes Kapitel. Die Maler.
Gehe ih mit der Erinnerung meinem damaligen Wandel nadj, To geftaltet fidj derfelbe erft um die Zeit wieder etwas Deutlicher, wo ich gegen anderthalb Jahre am Mufenorte mehr oder weniger infognito augebradjt. Denn weder meine Bor- bereitung nod) meine Lebenskunde waren geeignet germejen, mein Thun und Laffen raſch in eine feite Yorm au leiten.
Sn bielem Uebergangsfchatten Berum[udjenb, fehe ih mid) eine Nachmittags bei guter Zeit die Palette reinigen und bie Pinfel ausmajdjen, mit denen idj den Kampf mit einem auf Hörenfagen begonnenen Delmalen führte Ich fehe mid) nod) den [djlidjten breitrandigen Hut ergreifen, ben id) längſt ftatt des jentimentalen Sammetbarrettes trug, und den Weg zu einem neuen Belannten antreten, um denſelben nod) bei der Arbeit zu finden und ibm eine ffüdjtige Weile zuzufchauen, ehe mir den verabredeten Gang ins Freie unternahmen. Ohne alle Empfehlungen angefommen und aud) ohne Mittel, mid) in die Werfitatt eines in der Wolle des Gelingen8 figenben Meifter3 einzudingen, mar id) darauf angewiejen, in den Vor⸗ bofen be8 Tempels zu ftehen unb ba oder dort burd) bie Bor»
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hänge zu guden, was immer feine Schwierigfeit hatte. V Denn von ben Cdjolaren, mie fie im Durchſchnitte find, mar nichts zu lernen, und fobald die jungen Leute burdj ben Verkauf eined Werkleins fid) al8 angehende Meifter betradjten lernten, wurden fie in der Mitteilung ihrer Kunftgeheimniffe zugelnöpft und einfilbig. Schon mar id) einmal zurüdigefchredit worden, als idj mid) auf ausbrüdlidje Einladung bin bei einem der» artigen ſchüchtern zum Beſuche meldete und er mi an ber Thüre mit ber Bodjmütigen Gntjdjulbigung abmwies, er halte joeben Konferenz mit feinem Litteraten, um „den Mann” für bie Beſprechung eines neuen Bildes zu inftruieren. Aud in der Sdealwelt ber Sunjt find Kümmel unb Salz reidjlider als Ambrofia, und menn die Leute wüßten, wie Hein und ordinär e8 in den Köpfen mander Maler, Dichter und Muſikanten ausfieht, [o würden fie einige dem Bölklein nur [djüblidje Vor⸗ urteile aufgeben.
Mein neuer Freund, Oskar Erilfon, war jedod) eine gerade und einfadje Natur. Mit feiner ganzen langen und breit» fhultrigen Gejtalt unb in feinem dichten Goldhaar, welches vom bod) einfallenden Lichte geftreift murbe, jaß er vor einem winzigen Bildchen, an dem er malte. Sonſt war außer einigen Cfiggenbüd)lein in dem geräumigen Zimmer nidjt$ zu erbliden, als ein paar Sagdflinten an der Wand, auf dem Boden aus- geſtreckte Waflerftiefel und auf bem Tiſche liegende Bulverhörner und Schrotbeutel neben einigen Büchern. Eine kurze Jäger: pfeife im Munde, rüdte die Hünengeitalt eben, al8 id) eintrat, mädjtige 9taudjmolfen ausjtoßend, auf bem Stuhle ftöhnend und brummend Hin und ber, jtand auf, [epte fid) wieder, warf bie Pfeife meg, daß das glimmende Kraut umher fuhr, zielte mit dem Pinfel unb rief in abgebrodjener Weife: „O beiliges Donnerwetter! Welcher Teufel mußte mir einblafen, ein Maler zu werden! Diefer verffudjte Alt! Da Hab’ ih zu viel Laub
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angebradjt, idj fann in meinem Leben nicht eine fo anfehnlidhe Maſſe Saumidjag zufammenbringen! Weldher Hafer hat mid) geitodjen, daß ich ein [o Tompliziertes Geſträuch wagte? D Gott, o Gott! wär’ id) mo der Pfeffer wächſt! ei, ei, ei, ei! Das üt eine faubere Gejdjidjte — menn idj nur diesmal noch aus der Tinte fomme!"
Plöglid fing er aus Verzweiflung machtvoll an zu fingen:
„D, wär’ id) auf der hohen Gee
Und fäße feft am Steuer!“ was ihm zum Durchbruch zu verhelfen fdjien; denn ber Binfel jaB jet an der rechten Stelle und arbeitete mehrere Minuten gemüdjlid) fort, inbejjen Eriffon die angefangene Melodie immer ruhiger und gedämpfter wiederholte und endlich ver. ftummte unb ftill weiter malte. Aber offenbar, um Gott nicht allzulange zu verfudden, fprang er unverfehens auf unb bes trachtete, einen Schritt zurücktretend, mit höchſter Zufriedenheit, den alten Deſſauermarſch pfeifend, fein Werl. Dann febte er das Gepfiffene in Worte um und fang, indem er ba8 Raud)- zeug wieder zuſammenſuchte: So leben mit, [o leben wir, fo leben wir alle Tage u. f. f., wobei er endlich meine Anmefen- beit entbedte.
„Sehen Sie, mie id) mid) plagen muß!" rief er, mir unbefangen die Hand fchüttelnd: „jeien Sie froh, daß Sie ein gelehrter Komponift und Sopfmaler find, ber nichts zu fönnen braudjt, mübrenb fo ein armer Teufel von Handels- maler nicht weiß, mo er bie Taufende von bargültigen Halb» tondjen, Sruderden und Lichtchen auftreiben fol, um feine fabinetsfähigen vierzig Duadratzoll nidjt allzu [djminbelBaft zu überſtreichen!“
Das mar durchaus nidjt ironijd) gemeint; vielmehr bes trachtete er feine Arbeit von neuem mit mißtrauifhen V ugen
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unb febte fid) wieder hin, um noch ein bißchen fein Heil zu verjudjen, indeffen ich ibm geſpannt zufchaute, mie er auf der großen Palette mit üngjtlidjer Borficht reine und fidere Tinten ausfonderte, miſchte und in ber befchriebenen Weiſe auffrug. Wie er fpäter, bei entwidelter Bertraulichleit, von jid) felbit behauptete, mar er nidjt etwa ein fdjledjter Maler (dazu war er allerdings zu geiftreich), fondern im mefentlihen Sinne ber trage gar feiner. Ein Kind ber nördlichen Gemüfjer, von der Grengmarf zwiſchen ben Deutichen und Gfanbinapiern Ber ftammend, Sohn eine8. in guten Umftänbden lebenden Seefahrts« mannes, hatte er in den erften Sugendjahren ein anmutiges Gejdjid bekundet, mit geranbtem Stifte zu flizzieren, was ibm vor bie Augen fam, und bauptfählid für das jährlide Schul- eramen prunfende Gdjaujtüde in [djmarger Kreide angefertigt. Durh den Einfluß eines jener verfümmerten SeidjenleBrer, welche die Dürftigkeit ihrer Eriftenz mit unverlieglicher Begeifte- rung zu verhüllen ober zu verbefjern trachten und überall mit unfeligem Aufſtacheln zur Hand find, war er vom freifinnigen Mut einer glücklichen Yamilie, fid) jelbjt nur halb bemußt, ber Kunſt augemenbet worden, nicht ohne daß jener Lehrer bierbei manches frü[lige Liebesmahl und audj flingenben Lohn für allerlei Rat und That zu genießen mußte. Die ungewöhnliche Laufbahn [dien aud dem hellen und fröhliden Sinn des Sünglings, feiner unbändig empormadjjenben Kraft eher zu entfprechen, aí8 ber Aufenthalt in ber väterlihen Gdjreibjtube. So murbe er denn, im Widerfpiel mit [o vielen andern Sünglingen in dbnlidger Lage, unter beiter Sujtimmung und Hoffnung, wohl ausgejtattet und empfohlen, zur Reife nad) ben berühmteiten Kunſtſchulen entlaffen, und fand bei ben nabm- bafteften Meijtern, welche ihre Werkitätten zu öffnen pflegten, willige Aufnahme. Im Anfange ging die Entwidelung ganz frijd und ohne Unterbrud) von jtatten, bejonber8 ba ber junge
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Mann, zwar nidjt übereifrig und mehr Iebensluftig, bod) feine mirflijen PBaufen in feinem Yleiße eintreten ließ und fomohl mit feiner prächtigen Gejtalt al8 feinem heiter froben Ernite eine Sierbe ber Atelierd bildete. Uber bie Yortfchritte gingen nur bis zu einer gemijlen Grenze unb jtanden dann uner» bittfid) ftill, auf geheimnisvolle Weife, da jedermann die ſchönſten Hoffnungen Begte und in der Führung be8 männlich ruhigen Scolaren feine Uenderung eingetreten mar. Erikſon ward des Phänomens zuerft inne, glaubte aber dagegen anfümpf[en, dasſelbe überwinden und befeitigen zu können. Cr veränderte ben Drt, verſuchte fid) auf allen Gebieten, wechſelte Meifter um Meifter — umfonft, er fühlte, daß ibm die Gewalt zur Erfindung fomohl mie zur Fülle der Ausführung abging, daß ibn ba8 innere Sehen auf einem deutlich erkennbaren Punkte verließ ober höchſtens fid) vereinzelt gleid) einem glücklichen Würfelfpiel einftellte, welches fid) nicht wiederholte, und [don batte er fidj entidjlofjen, ben befhämenden Kampf aufzugeben und heimzukehren, ala ibn bie Stadjridjt von bem Ruin des püterliden Haufes ereilte. Derfelbe war fo vollftändig und hoffnungslos, menigitet8 auf Jahre hinaus, daß die Heimkehr des Sohnes al8 eine Vermehrung des Uebel betradjtet unb beftimmt gemünjdjt wurde, er möge zufehen, wie er fid mit den Früchten feines bisher fo Löblichen Fleißes nun weiter helfe.
Go war denn fein Cntfdjlu& bald verändert. Mit unbe ſtechlich bebüdjtiger Selbſtkritik durchſuchte und perglid er das ganze Gebiet deffen, was in feinem Bermögen ftand, und ges langte nad) reiflihdem Nachdenken zu dem Ergebniffe, daß er mit Sicherheit und Berftändnis allereinfadjite Landſchaftsbilder im fIeinjten Maßftabe, belebt mit vorfichtig hingeſetzten Figürchen, alles dies mit einem gewillen Reiz ausgeführt, bervorbringen lóune. Ohne Zaudern madte er fi) daran und zwar mit reblidem und anftändigem Sinne Denn anjtatt mit leichter
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Arbeit auf falſche Gifefte unb irgend ein manieriert modiſches Gepinfel loszugehen, das fid) jo zu fagen von [elbjt bin. fchmiert (gerade das wäre für manden andern fo redjt ange zeigt gemefen), blieb er mie ein wahrer Gentleman den Grund- fügen einer ehrlichen Vorbereitung und Vollendung getreu, und hiermit erneuerte fid) bei jedem neuen Bildchen für ihn Arbeit und Mühe Glüdlicherweife gelang die Gadje. Gleich das erjte Produkt, das er ausjtellte, wurde rajd) verlauft, und es dauerte nicht lange, fo fudjten bie für feinere Kenner geltenden Sammler die fogenannten Erikſons zu guten Breifen zu er- werben.
Ein folder Eriffon enthielt etwa im Vordergrunde ein helles Sandbord, einige Zaunpfähle mit Kürbisranfen, im Mittelgrunde eine magere Birke, bann aber einen meiten flachen Horizont, defjen wenige Linien mit mweifer Berechnung angelegt unb in Verbindung mit der einfad) gehaltenen Quft bie Haupt- wirkung des Werkleins hervorbraditen.
Obgleich dergeitalt Eriffon al8 echter Künjtler augeleben wurde, verleitete ihn ba8 weder zur Selbſtüberſchätzung nod) zum Geiz; jobalb feinem Ausgabenbedürfniffe genügt war, warf er Pinfel und Palette bin. und ging in8 Gebirge, wo er fid) als Jagdgenoſſe fo einbeimi[d) gemadjt, daß er fogar zur Bärenjagd, wenn fi eine joldje auftbat, zugelafien wurde. Den größeren Teil be8 Jahres brachte er, fern von der Stadt, auf diefe Weife zu.
E3 gehörte nur zum Bilde des allgemeinen Lebens und feines Haushaltes, wenn ich jebt genötigt mar, bem maderen Gefellen, ber fid) felbjt nicht für einen Meijter hielt, bie Ges heimniffe des Handwerks abzulauſchen.
„Run i$ aber genug!" rief Grifjon ploglid, „auf bie Art kommen mir nit fort. lleberbie8 wollen mir im Bor» beigehen einen Sameraben abholen, bei bem Sie befjere8 fehen
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lonnen, heißt das, wenn mir Glüd haben! Kennen Sie Lys, den Niederländer?“
, Xur vom Hörenfagen,” verfegte id, „ift e8 ber Sonderling, von dem niemand weiß, was er malt? ber niemanden in feine Werkitatt läßt?”
„Dich láBt er fdjon hinein, weil idj Tein Maler bin! Sie vielleiht aud), weil Sie nod) nichts fónnen und e8 nod) unent[djieben ijt, ob Sie überhaupt je ein Maler fein werden! Ra, werden Sie nur nicht mauferig, etwas werden Sie jdjon mwerden und find e8 ja bereits. Lys hat’3 Gott fei San? nicht nötig, er ijt reidj und fann jdjon alles, was er mill, nur ijt e3 nit viel; denn er thut faft nichts. Am Ende ijf er aud) fein Maler, menigitena follte man feinen fo beißen, der nicht wirflid malt, er müßte denn Wbhaltungen haben, wie jener Leonardo, ber Thalerftüde an bie Domkuppel warf!"
Ich Half ibm raſch fein Zeug reinigen, ba8 er ftet3 in fo guter Ordnung hielt, daß er aud) jegt nachſah, mie id) es gemadjt. „Denn e8 ijt nicht gleichgültig,” fagte er, „ob man mit Mift malt, menn man bod) bie Abficht Hat, einen lauteren Zon zu treffen. Wer immer Dred in feinem Zeug bat, ober ba8 Unverträglide mijdjt, ijf wie ein Koch, der das Ratten⸗ gift ami[djen die Gewürze ftellt. Aber die Pinfel find rein, Gott fegne Sie! von diefem Punkte aus fann man Sie un- beſcholten nennen! Sie haben eine orbentfidje Mutter, oder ijt fie tot?"
Nachdem mir einige Straßen aurüdgelegt, betraten mir bie tieberlajjung des myſteriöſen Niederländers, meldje jo ges wählt mar, daß bie Fenfter be8 geräumigen, von ihm allein bewohnten Stockwerkes auf den freien Horizont und offenen Himmel binausgingen und von der Stadt [elbjt nichts zu feben mar, als ein paar edle Arditelturen und maſſige Baum- gruppen. Befand man jid) in biejer Gegend auf freier Erde,
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fo ſah man nur ben unfertigen Rand einer Stadt mit Bretter- mwänden, alten Baraden und Wirtſchaftlichkeiten verfegt; bie Fenſter des Herrn 9298, meld nichts als jene in einer Flut goldenen Lichtes ruhenden idenlen Gegenjtände zeigten, ſchienen daher mit forgfältigem Geſchmacke herausgefunden au fein. Wenigſtens wirkte die glänzende Durchſicht ber großen Fenſter burdj eine offenbar bewußte Einfachheit und Ruhe in der Aus- ftattung der Zimmer in doppeltem Maße.
Zu meiner Verwunderung hatte $93, der uns freundlich empfing, nichts Holländifches an fid), mie man fid) dieſes vor» zuftellen pflegt. Ein mittelgroßer ſchlanker Mann von vielleidht ahtundzwanzig Sahren, war er dunfel an Haar und Augen, letere von einem fait mefandjolijden Ausdrud gleih bem hübſch lächelnden Munde Noch mehr munberte id) mid), dag bas Zimmer, in meldjem mir uns befanden, feine Spur von funittbátigfeit verriet, vielmehr dem Aufenthalt eines Gelehrten oder Bolitifer3 glidj. Große mit Gardinen verhangene Regale bargen eine Menge Bücher, worunter, wie id) fpäter erfuhr, mande Raritäten und erfte Ausgaben. An den Wänden Bingen nicht etwa Bilder oder Studien, fondern Sanblarten, auf einem Tiſche lag ein Haufen Sournale per[djiebener Sprachen, unb an einem breiten Gdjreibtijdje ſchien Lys [oeben gearbeitet zu haben.
„SH bin mir nod) den Nachmittagskaffee fdjulbig," fagte er, al8 mir ung feptem, „halten bie Herren mit?"
„Da mir vermuten, er merbe nicht idjledjt fein, gewiß!” antwortete Grifjon für uns beide, und Lys flingelte einem jungen Menfchen, ber ihn bediente. Inzwiſchen [aD idj mid) immer nodj im Raume um, nidj eben im Beſitze des guten Tone.
„Der wundert fidj aud,” rief Eriffon, „mo die Staffe- leen und Bilder bieje8 Kunſttempels feien! Nur Geduld,