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Gesammelte Werke

Chapter 46

Section 46

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ihn beiradjtenb das myſteriöſe Gefiht nun voll und rubig zeigte, ba8 er vorhin nur mie einen 3Blig Batte aufleudhten ge- feben. Das Antlig, fait herzförmig, endigte in ein feines Meines Sinn und [dien eher wie eine Miniatur auf weißes Elfenbein gemalt als aus Fleiſch und Blut zu Dejteben; nur ber Mund war rötlid wie ein gefchloffenes Roſenknöſpchen, ba8 viel fleiner erjdjien, al8 die großen dunkeln 9fugen, und alles die umgab fremdartig eine Hülle von Batiftleinwand. Endlih wandte fie fid) wieder ab und feßte ihr 9tab in Gang; aber als ob fie fpürte, daß die Augen des Nachbars an ihr hängen blieben, erhob fie fid) und ging nad) ber bämmernden Tiefe des Zimmers. Dort öffnete fie die Thüre unb [ditt einen von ber Abendfonne durchleuchteten Korridor entlang, bi8 fie in ber jenfeitigen Dämmerung wie ein Geijt verſchwand.
Hiemit Löften fid) aud) feine vorhinigen Pläne und Luft- fhlöffer in nichts auf und Mlbertus hatte fie in diefem Augen blide (don fo vollitändig vergeifen, als ob ftatt einiger Mi- nuten Hundert Syabre verfloffen wären. Er jtanb und ftarrte hinüber, mo ber Abendſchein im Hintergrunde allmählich ver- blid und bie Dämmerung das Zimmer füllte, bi8 e8 völlig dunfel war, wie bie Stube, in meldjr er jelber meilte. Nur ber Blick jener geheimnisupllen Augen leudjtete nod) in feinem Gebirne fort und amar aud) während des nächtlichen Schlafes bi8 ber Morgenitern am Himmel glänzte, befjen Licht feine Augenlider berührt haben mochte; denn er jab e8 unmittelbar, als er au[madjte. Ihm hatte [oeben geträumt, er fige tief verborgen in dem Gartenfäldhen der Cornelia zwiſchen diefer unb ber unbefannten Spinnerin, die jebod) wie jene feine an. getraute rau fei, und von beiden werde er geliebfojt, während er um jede von ihnen einen Arm gejdjungen hielt. Das [dien ihm eine febr annehmbare und preiswürdige Sadjlage zu fein, unb er hielt fid) dabei fo till mie die Luft und bie
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reglofen Jasmingebüſche, als plóglid) bie Unbelannte jid) er» bob unb ibm mit einem unaus[predjlid) [ieblidjen Blicke zu- winkte, ihr au folgen. Allein die Cornelia umflammerte ihn jo feit, daß er fid) nicht zu bewegen vermodjte unb [eben mußte, wie jene burdj einen unendlich langen Baumgang fortichwebte, ein helles Licht in ber Hand ftagenb, welches im Borübereilen einen Baum nad) dem andern beglänzte und wieder im Sun: fein Tieß. Zuletzt per[djmanb fie im ber blauen tad, in ber bas Licht allein hängen blieb unb daB eben ber SRorgenitern oder Zuzifer mar, den er beim Grmadjen erblidtee Boll uner- tráglider Sehnſucht mochte er faum die [djidíidje Zeit ab» warten, um fi endlich näher nad) ber Unbelannten zu er. fundigen und einen Zugang zu ihr zu finden. Sonderbarer Weiſe ergriff er zu allererft den Schlüffel des cornelianifchen Nachbarpförtchens, ídjlüpfte Dinburd) unb made den dortigen rauen einen SRorgenbejud. Er traf fie am Baden einiger Koffer, ba fie auf adjt oder vierzehn Tage nad) einem Tleinen Badeort reifen wollten und bie alte Mietkutfche, bie fie jährlich dahin bradjte, ſchon erwarteten. Als Zwiehan mit feinen tragen mad) der fpinnenden Stadjbarin begann, hielt Cornelia ein Heines Weilchen mit ihrer Arbeit inne und jab. dem Frager, an einem Koffer Inieend, ftubig ins Geliht. „Das wird wohl bie Afra Zigonia Mayluft fein!” fagte fie weniger erftaunt als überrajdjt; denn [djon früher hatte fie fid) gewundert, daß er die munberlid fchöne Perſon noch nicht zu fennen [djien. Wie fie aber bemerkte, daß er die gehörten Namensworte mit glänzenden Augen wiederholte, unterbrad fie ihn mit der plöß- Ihen Einladung, fie und die Mutter nad) dem Kurorte zn begleiten. Wenn er fij für das $yrauengimmer interelliere, fügte fie errötend Hinzu, werde man ihm unterwegs weiteres mitteilen können, unb überdies werde basjelbe, jo viel man
wiffe, in wenigen Tagen aud) in das Bad kommen, um mit Keller I 8
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Freunden zufammen zu treffen. Da babe er dann bie beite Gelegenheit, die Schöne in freiem Berfehre zu feben und kennen zu lernen. Unverzüglih rannte Albertus in feine Behaufung zurüd, einige® Gepäd zu Holen, und eine Stunde fpäter ſaß et bei den zwei Frauen im Reiſewagen und vernahm nun, daß die Fräulein Afra Zigonia Mayluft eigentlid nicht in unferer Stadt gebürtig jei, fondern nur als eine vermaifte Verwandte fidj [eit einiger Zeit in dem betreffenden Nachbar⸗ baufe aufhalte und im übrigen für eine Fromme unb Heilige gelte, ja [ogar bereits halb unb Balb ber evangelifchen Brüder- . gemeinde, die man bie Herrenhuter nenne, angehören folle. Cornelia unb ihre Mutter betradhteten hierauf Herrn Zmwiehan genau, um bie abjdjredenbe Wirkung zu gemabren, melde fie von bielen Thatſachen erhofften. Aber er jdjaute nur um fo träumerifcher vor fid Din, in füßen Gedanken verloren; was er vernommen, ſchien ibm vielmehr bie verlodende Ausſicht zu eröffnen, fidj an irgend einer unbefannten Glüdfeligfeit be teiligen zu Tonnen. In bem Badeort angelangt, zogen ibn daher feine Freundinnen, um ibm zu zerjtreuen, ſogleich in einen Kreis luſtiger Badegälte, von welchen getrennt eine kleine Gruppe einfach gelleibeter Männer und rauen der Gejund- heit pflegte. Immer wurde er andere Wege geführt, als bie- jenigen, auf melden diefe Stillen in gemäßigten Ge[prádjen Iuftwandelten, und jo fam e8, daß als eines Abends bie ſo⸗ genannte Afra Sigonia in der That angefommen war, er die⸗ felbe erjt entdedte, al8 fie am andern Morgen früh mit zweien von den religiöfen Perſonen in einen Neifewagen ſtieg. Er batte faum nod) bie gemejjene aber innige Freundlichkeit ge- feben, mit meldjer die Surüdbleibenben bie im Reiſekleider ges Düllte Geftalt umgaben und begleitet hatten, ala ber Wagen aud) ſchon davon rollte und bald aus bem Gejidjte ver[d)ranb, während jene Surüdbleibenben mit andädhtig aufriebener Miene
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an ihm vorübergingen wie Leute, bie eine ihnen am Herzen liegende unb teure Gadje wohl verridtet haben. „Run ift das liebe Kind gut aufgehoben!” hörte er jagen, „nun geht fie ihrem Heil entgegen und wird bald in den Gärten Des Harn wandeln!“
Eine unausſprechliche Vorſtellung überfiel ibn mit diefen Worten; er eilte beflemmten Herzens, feine Gönnerinnen auf- zuſuchen unb ſich nad) der Bedeutung des foeben erlebten Vor⸗ ganges zu erkundigen. Läcelnd teilten fie ihm mit, bie Neuigkeit werde jujt überall beſprochen: e8 heiße, die Afra Sigonia fei nad) Gadjjen verreijt, um in die Brüdergemeinde zu QerrnDut aufgenommen zu merben und dort ihr Leben zu verbringen. „Das ijf mein Traum!” fagte er fid; „fie wandelt mit dem Lichte burdj bie Naht in ben Morgenjtern Binein, aber ich lafie mid) nid zurüdhalten von dieſer Gornelia, fondern folge ihr diesmal nad!" Mit verjtellter Ruhe blieb er nod) ein paar Tage in dem Bade; bann aber begab er jid) ohne Abſchied eines frühen Morgens nah Haufe, übergab feine Bermögensangelegenheiten dem öffentlichen 9Rotarius, das Haus der Köchin, aud verjab er fid) mit Gelbmitteln unb verfhwand darauf aus der Stadt, feinem Traumbilde nachzu⸗ jagen. Da ibm aber die geographifhen Berhältniffe der abenblánbijden Welt nicht geläufig waren und er das Ziel feiner Reife niemandem verraten mochte, gelangte er erjt nad) einigen Srrfahrten in bie Gegend von Herrnhut. Er umkreiſte diefe Niederlaſſung der Gottfeligen immer näher, drang enblid) hinein und bewarb fih um die Aufnahme in ihre Gemein- ffaft. Weil er nun weder in feinem Aeußern nod) in feiner Sprade, weder in feinen DBliden nod) in feinen Bewegungen irgend eine Berwandtichaft oder Kenntnis deifen verriet, was e erlangen zu wollen vorgab, und ſich überhaupt als ein unbeholfener Himmelöbarbar barjtellte, [o wurde er befremblid)
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unb verbüdjig angefehen unb nad) einigen ragen mit einer Ablehnung entlaffen. Betrübt und unentſchloſſen jtanb er ba und batte jogar Thränen in den Augen wegen feiner vergeb- Iihen Reife, ala ein Chor lediger Frauen vorüberging, deren legte bie Afra Zigonia war, Als diefe ihn erblidte, fchien fie ihn au erfennen oder fid) zu befinnen, wo fie den Mann ſchon gefehen habe; denn fie ftand einen Augenblid jtill, ihn auf. merkſam beiradjtenb, was er fogleid) benußte, fid) ihr bemitig grüßend zu nähern und das Belenntnis zu ftammeln, daß er aus heftiger Liebe ihr gefolgt, aber mit feiner Bitte nm Auf- nahme aí8 Bruder abgemiefen fei. Eben jo betroffen als mit- leidig liebevoll, wie ihm jdjen, Tieß fie ihr Auge auf ihm ruhen, mie von einem inneren Lichte fanft erglänzend, und fagte bann mit leifer und bodj mobltónenber Stimme, ihm [jet mehr die Liebe zum Herrn und Erlöfer als irbidje Liebe von nöten; aber er folle nicht verjtoßen merben und möge einen oder zwei Tage nod) im Gajthaufe warten. Hierauf grüßte fie ihn mit mildem Ernte und ging ihren Schweitern nad. Schon am nüdjten Morgen wurde Albertus von einem ber Vorſteher aufgefuht und nochmals abgehört und geprüft. Sei e8 nun, daß er durd bie träumerifhfüße Hoffnung, Die ihn von neuem erfüllte, ein etwas anbádjtigere8 Ausſehen ge monnen, oder daß die Mayluftin einen fo bedeutenden Einfluß übte: er wurde auf Probe zugelaffen und der unteriten Klaſſe von SReulingen beigefellt, immerhin in der Meinung, daß er fid nad) Verlauf einiger Zeit dem Entſcheide des Loſes über feine endgültige Aufnahme zu unterwerfen habe, wie denn diefes Mittel in wichtigeren Angelegenheiten befanntlid) angewendet wurde, um dem unmittelbaren Stunbgeben des göttliden Willens Raum zu geitatten.
Er mußte nun auf die rechte Art lefen, beten, fingen lernen, befcheiden, jtill und arbeitjam fein und vor allem über
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fein fündhaftes unb elendiges Weſen nadjbenfen; ba er aber pon alledem inwendig nichts fühlte und nur am bie, mie er glaubte, von ihm geliebte Afra dachte, fo wurde ihm bie Gadje febr ſchwierig und er verriet fidj táglid) mit barbarifchen Bliden und Worten. Die Geliebte befam er nur von weiten in den gottesbienjtlidjen Verfammlungen zu fehen, mo fie in ben 9teiben ber Unvermäblten faß, während er im Chore ber ledigen Mannsbilder feufate. Sie ſchien ihn aber jedesmal mit den Augen zu ſuchen und einen WAugenblid zu betrachten, ob er nod) da fei, immer mit jenem großen Stinderblid, ber ihn zum erſten Mal ſchon fo plöglih gerührt Hatte. Dann faBte er ſtets wieder Mut und fuhr in feinem Werke ber Heiligwerdung fort. G8 gelang aber jo fümmerlid, daß nad) Berfluß einiger Monate, bevor man weitere Mühen am ihn verwenden wollte, das Befragen des göttlichen Drakels wirfli” angeordnet murbe. Sn feierlidjer Berfammlung, in welcher eine Heine Zahl ähnlicher $yülle entjchieden werden follte, beim Schimmer geheimnisvoller Kerzen Tniete er abge» fondert auf dem Boden, während Gebet und Gejang den Raum erfüllte, bis er an die Urne geführt wurde und in tiefer Stille fein 208 308. Dasfelbe mar ibm günftig und enijdjieb für feinen Eintritt in eine etma8 vorgerüdtere Prüfungsflaffe. As er jebt wieder in den Reihen der Genoifen fab, mar er fo erfhüttert, daß er ba8 Singen und Beten verjGumte, welches abermals begann, da nun ein angejehener und pielgereijter Miſſionär an der Stelle Iniete, welche Albertus Zwiehan por» bin innegehabt. Bei diefem Milfionär handelte e8 fid) barum, ob er eine afrifanifhe Station mit höchſt ungefundem Klıma übernehmen dürfe, mie er durchaus begehrte, ober ob er [id mit einer gejünderen Quft begnügen folle, wie die Gemeinde feiner etwas erihöpften Kräfte wegen verlangte. Das Drafel ent[pradj feinem Begehren, worauf er an ben alten Ort zurüd«
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febrte unb abermals Dinfniete; bie Gejünge eridjallten von neuem unb Albertus Zmwiehahn, der fidj ingmijd)en etwas ge- fammelt, benugte bie madjjenbe Begeifterung, um ben Anblid ber Afra Sigonia Mayluft aufzufuchen, die er nod) nidt ge feben. Er fand fie nicht an ihrem gewohnten Plate, weil fie ftill an der Seite des Genbboten kniete, wo das herumfchweifende Auge Alberts fie unperjeben8 entbedte. Denn bei ihr handelte e8 fid barum, ob e8 im Willen der SBorjebung liege, daß fie jenen als Ehefrau in bie heiße unb raube Wüfte hinaus folgen folle, oder ob ihre Perfon nit vielmehr zu fein und zart, zu innerlid) und vornehm hiefür be[djaffem je. Aber aud) ihre Wünfche erfüllte ba8 Los, als fie zur Urne geführt wurde, und mie fie nun mit dem Grmáblten Hand in Hand aur fofortigen Berlobung ſchwebte, leuchteten ihre fonit fo ruhigen Augen beinah um ein Weniges zu warm und zu Dell für eine irdifhe Angelegenheit.
Mit offenem Munde und iofenbleid) fag Albertus, und nur feine Unfähigfeit, aud) nur aufzuatmen ober zu feufzen, verhinderte, daß er eine Aufmerffamkeit erregte. Nachdem alles porüber, fehlih er lautlos auf fein Lager und bradte eine ſchreckliche Nacht zu; feine ungeldjulte, unmilfende Selbitfucdht mwürgte ibm wie eine ringelnde Schlange fait ba8 Herz ab; dazwischen jab er immer die Afra mit dem Miflionär an ber Hand davon (djmeben. Das war alfo das Licht, welches fie in jenem trügerifden Traume in der Hand getragen hatte! Ganz abgemattet und niebergejdjlagen fam er andern Tages zum Vorſchein, [o daß er als zum Durchbruche reif erachtet murde. Um ihn in eine erfrifhende Bewegung unb Thätig- feit zu verjegen, wurde er zum dienenden Gehilfen eine andern Milfionsbeamten bejtimmt, meldher auf dem Punkte war, bie Riederlafjungen in Grönland, Labrador und der Kalmüdei zu bereijen. Ohne jegliden Widerjtand ließ er fi) dazu vorbe
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reiten unb fuhr mit feinem geiftlihen Seelenmeifter davon, ohne daß er bie Afra wieder zu jehen befommen hätte. Nur ein ſchön gebundenes, Tleines, dickes Büchlein hatte fie ihm zum Andenken gejenbet; e8 enthielt für jeden Tag im Jahr einen Sprud oder Gediht und überdies war ein Stäbchen von Elfenbein zum prophetiſchen Fmifchenftehen daran befejtigt. Mit bem Büchlein in der Hand (af er einige Monate fpäter eine Zage8 an einem grönländifchen Geejtranbe in ber Nähe von Gt. San; ſchwächlicher Sonnenfchein beleuchtete bie Ge. mwäljer, aus denen bie und da ein Seehund emportaudte. In biejer jhläfrigen Lage ftah er von ungefähr in das Bud); denn er war von der Arbeit im Magazin und Schreibitube ein wenig ermüdet, und träumte nod fo Hin, al8 er eine wunderliche Liederjtrophe las:
Sn einem Gärtlein, mo bu weißt,
Da blüht der Seelen Paradei3.
Da bad’t im Brunn’ ber heilig Geijt
Die Taubenflüglein filbermeiß.
Da riecht der himmlische Jasmin,
Die Seel fpazieret ſüß erbaut
Sn Bimmetrößlein ber und Din,
Da füpt der Bräutigam bie Braut.
Durch bie legteren Zeilen wurde er zuerft halb und dann ganz munter; plöglih [aD er den Garten Hinter [einem Haufe unb in bemjelben die ſchlanke 9tadjbarin Cornelia durch bie Jasminbüſche (djlüpfen, unb obgleidj bas Büchlein, das er in der Hand Dielt, ſchon feit mandjem Jahre gebrudt war, hielt er bod) ben Liedervers fogleih für eine unmittelbare Einge- bung oder vielmehr für einen burd) bie Afra wunderbar be wirkten Aufruf zur Heimkehr und Heirat mit der Cornelia, die ihm mit jedem Augenblide, den er darüber nadjbadjte, wieder wünſchenswerter erjdjien. Aber auch gegen Afra Zigonia empfand er, zum eriten Male feit dem Übenteuer be8 £08»
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ziehens, eim danfbares Wohlwollen, überzeugt, daß fie meifer fei, ala er, und ihn fchließlih auf den Weg geleitet babe, ben er nie hätte verlafien follen. Das fei der Sinn ihres Weg» ganges im Traume und des Lichtes, das fie ihm aufgeſteckt. Gr padte in ber 9tadjt feine Habfeligfeiten aufammen, lief feinen Vorgeſetzten davon, fuhr mit einem Walfiſchfänger füd- wärts und ftrebte unaufbaltiam der Heimat zu, mo er an feinem Haufe eine® Abends anídjellte, gerade als er bie einft mitgenommene Barſchaft gänzlid) aufgezehrt hatte; denn er war jebt [don im zehnten Monat von Haufe abmejenb. Er überlegte [oeben, ob er, bei anbredjenber Dämmerung, nod) heute durch das Gartenpförtdien geben und Die verlajjene Hreundin wohltbätig überrafchen folle, al8 bie Qaustbüre fid) öffnete und ein fremdartiger Menſch vor ibm ftand, ein blatter- natbiger, gelbbrauner Dann mit gebogener Rafe, ſtarkem Schnurrbarte und runden Augen, der als Haustracht türfifdje Bantoffeln an den Füßen und eine lang Berabbüngenbe rote Kappe auf dem Sopfe trug, mie fie in den Länderu bes mittel- ländifchen Meeres und meiterhin häufig bei Seeleuten gejehen wird. Der fragte nadj bem Begehren desjenigen, ber ge läutet habe.
„Sn mein Haus will ih!" antwortete diefer verwundert, „ich bin der Herr Hieronymus Zwiehan!“
„Der bin ich felbit," fagte jener barf unb ſchlug bie Thüre zu.
Roh einige Minuten ftanb Albertus, bis ihm einftel, er wolle den Notar aufjudjen, der wohl willen werde, von welchem Synjaljen fein Haus be[egt fei. Allein der öffentliche Schreiber, der an feinem Abendeſſen geltórt wurde, [ab ibm groß an und rief: ob er fidj endlich jebem Kaffe, nadjbem er fo lange nidjt8 von fi) habe hören laffen? (denn damals gab e8 nod) nicht bie vielen SBublifationgmittel, um einen unbe
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fannt Abweſenden aufzurufen). Im Haufe fige fein anderer, al3 der Adoptivſohn und einziger Erbe des verjtorbenen Zwiehan, oder wenigftend einer, ber fid) gleihmäßig dafür auögebe, mie Albertus, unb ganz die gleichen Schriften befike. Bereit3 babe bie Mamfell Cornelia Sosund-fo, bie man für die Berlobte des legterem gehalten, gerichtlich bezeugt, daß fie pon Albertus je[bjt auf bem Wege des Vertrauens das Ge heimnis erfahren habe, wie er nicht fein Halbbruder, ber er. trunfene Hieroymus, jonberm ber eigene natürlihe Sohn des alten Zwiehans fei. Auf diefes Zeugnis Hin habe man dem unvermutet angefommenen Hieronymus einjtweilen den Aufent- halt in dem Haufe geitattet; denn menm e8 fid) fo verbalte, fo fei nad) hieſigem Grbredjt nicht ber natürliche Sohn Albertug, londern ber Adoptivfohn rechtmäßiger Erbe unb jener fonne geben, mo er molle, das heißt, infofern er nicht etma wegen Fälſchung des Familienſtandes eingejperrt werde. Was er nun Dazu fage?
Albertus Hatte zwar wenig Urfahe mehr, auf feine Träume zu bauen; allein die grimmige Rotwendigfeit zwang ihn, Diesmal nod) den Hieronymus für ertrunfen zu halten; verwirrt und au[gebradjt ftotterte er, ba8 fei alles nidjt wahr und nidt mögli und werde jid) leidjt aufflären; aber der Rotar zudte die Achfeln und Tieß fid) faum herbei, dem Un⸗ glüdliden aus bem ihm anvertrauten Vermögen etwas Weniges an Gelb zu perabreidjen, damit er eine Herberge fudjen fonnte. Sn der That war ber per(djollen geweſene Bruder bald nad) ber Abreife des Albertus in Dftindien unverfehens erſchienen unb den Spuren be8 lepteren nach der Schweiz gefolgt. Wo er bie vielen Jahre fid) umgetrieben, wurde nie völlig Klar, unter ber Hand aber behauptet, er jei bei ben Piraten geweſen unb habe einen ordentlihen Beutel voll Dulaten zufammen- gerafft.
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Es fam nun gum gerichtlichen Austrag des Streites, melder von ben beiden Halbbrüdern unb Baftarden ber 9(bop- tivfohn des leihtjinnigen toten Vaters fei. Jeder von ihnen batte einen Advokaten, ber jid) um bie zu erhoffende Beute tüd)tig wehrte, und eine Zeit lang fchien bei der Entfernung des urſprünglichen Schauplaßes und dem Mangel an Zeugen der Kampf inne zu ſtehen, bis ber Advokat des Hironymus, nah Anleitung der Cornelia, einige ältere Männer herbei brachte, welche den alten Zwiehan in feinen jüngeren Jahren, vor der Zeit der Auswanderung, mod) wohl gekannt hatten. Diefe Männer bezeugten, daß Albertus der eigene Sohn bes Alten fein müffe, weil er demfelben ihrer beutfiden Erinnerung nad) fo ähnlich fehe, wie ein Ei bem andern, moburd ber Streit zu gunften des mabren Hieronymus ent[djieben und biejer in ba8 ganze Erbe, wie Albertus es bergeichleppt Hatte, eingejegt, der Ieptere aber wegen feines betrüglid)en Vorgebens, zwar mit Annahme mildernder Umstände, für ein Sahr ins Gefängnis geworfen wurde. So mar Mbertus Zwiehan um fein natürlidje8 9tedjt gefommen und [fab den Wbfommling eines toilb[remben Abenteurerg, ber felbjt ein ſolcher war, burd) die Schuld feiner leiblidjen Mutter in den Beſitz des ganzen von feinem Pater erworbenen Bermögens gebradjt, während et felbjt ein Bettler geworden. Cornelia dagegen, deren ſchön flingenber Rame einjt den einfältigen Albertus fo beſtochen batte, vermählte fid) unpergüglid) mit dem Piraten, deifen mangelhafte und rauhe Sitten fie nicht abjchrediten. Um den unglüdlidjen Albertus audj nad) Verbüßung feiner Strafe nod) weiter quälen zu fonnen, beredete fie ihren Mann, ihn um Gottesmwillen in da8 Haus aufzunehmen, mas aud) geldjab. Er mußte nun die Arbeit eines Knechtes oder eher einer Magd verridhten; denn er befaß zunächſt nicht einen Pfennig, mit weldhem er hätte verreifen ober ein Geſchäft beginnen können,