NOL
Gesammelte Werke

Chapter 45

Section 45

qe
— 100 —
wer nicht berufen jei, bie behre Ylamme des Genius nicht in fid trage, wie 3. 3B. ber arme Schlangenfpeijer, der vorhin ba gefehen worden. Die andern aber [d)reiten fühn Dinburd) und gelangen raſch zu Wohlitand unb Ehre, [o daß e8 nod) bie Beicheideneren unter ihnen feien, welchen bald ber Berfaufs- preis eines einzigen Werfes bie aufgemenbeten Koften erjebe, den Wertbetrag einer Wiefe, eines Weinberges oder Aderjtüdes erreiche!
Wie e8 das Schickſal des guten Landvolkes ijt, daß es in feiner Gläubigleit immer wieder den großen Worten zuver- ſichtlicher Menſchen unterliegt, |o wurden aud die Männer burd) meine Reden unfidjer, wenn nicht etwa gar gelangmeilt. C$ fand abermals eine kurze Paufe jtatt, während welcher da8 Gehörte lafonijd) beräufpert wurde, worauf ber Dbmann unperjeben8 fagte, er wolle gemürtigen, ob ber Oheim als Vormund auf feinem Antrage beharre; denn am Ende liege e8 in deifen Befugnis und [ei er audj der Mann dazu, ein maßgebendes Wort zu ſprechen. Der Dheim betätigte nodj. mals feine Meinung mit dem Beifügen: Fort müffe tdj, bas fei notwendig; allein weder fei vorgefehen worden, nod) eigne id) mid) dazu, wie die Dinge Ständen, ohne Mittel auf die Banderihaft zu gehen und ohne weiteres fofort mein Brot zu fuhen Wären die Mittel nit da und id) überhaupt ganz verwailt und ohne Freunde, fo würde ich mid), bas traue er mir zu, friihen Mutes dem Schidfal unterziehen, ohne Rot aber zwinge man au fo etwas einen unvorbereiteten Süng» ling nidt.
Auf die Umfrage des Vorſitzenden ermiberten bie anbern Vorſteher, fie hätten ihre Anſicht nad) ihrem Gadjveritanbe ge äußert und fühlten fich nicht gedrungen, einen befondern Wider: ſtand zu leijten, zumalen man gern auf Begabung, Fleiß und tugendhafte Führung des in 9tebe jtebenben Herren Bögtlings
— 101 —
vertrauen wolle, ber freilih, menm er bie Pforte des Wohl ergehen zu burdjjdjreiten gebenfe, fid) vor der Hand abge mwöhnen müjje, gleidj vom befferen Wein zu trinfen, mo er abfite. Während ich diefe Anbeutung verfchludte, wurde über bie
Herausgabe des Fleinen Bogtgutes Beſchluß gefaßt, derjelbe zu Protokoll gebradjt unb von meinem Dheim mit unterfchrieben.
Die Gdjirmíabe, in mwelder die Wertiäriften der unter Bormundihaft Stehenden aufbewahrt wurden, befand ſich anderer Glejdjüfte wegen bereit zur Stelle und die Behörde erflärte, e8 fei am beiten, bas Stüd jegt gleich herauszunehmen, fo [fei man diefer Angelegenheit Hoffentlih für immer ent. hoben.
Der bölzerne, mit drei Schlöffern verjebene Sajten wurde auf den Tiſch geftellt und geöffnet, indem der SBorfigenbe, ber Sädelmeifter und der Schreiber, jeder einen Schlüffel aus ber Zajdje sog, in das entípredjenbe Loch ſteckte und bebüdjtig umbrebte. Ser Dedel ging auf unb ba lag nun an einem Häuflein das Vermögen der Witwen und Waifen, gleid) einer Heinen Schafherde in der Ede zufammengedrängt, wie e8 das Tragen und Rütteln des Kaftens gefügt hatte. „Es ijt ſchon viel Gdjidjal burd) diefe Lade gegangen!" fagte der Schreiber, al3 er die Ueberfchriften der perjdjiebenen Pakete zu Iefen bes gann; e8 bezogen fid). nicht alle auf Frauen und Minderjährige, audj bie Bermögensteile von gefangenen, verſchwenderiſchen oder geiſteskranken Männern waren dabei. Endlich ftieß er auf ein Heine Weſen, las „Lee, Heinrich, Stubolfen fel.” unb reichte e8 bem Vorſitzenden. Diefer enthüllte ein gebräuntes altes Pergament, an welchem ein halbzerbrödeltes Siegel von grauem Wachſe Ding. Er legte fein meſſingenes Brillengefdirr um das Hanpt und entfaltete das ehrwürdige Schriftitüd, das» felbe weit von fi) abhaltend. „Dem Landjchreiber, der bie
— 102 —
Gült ausgefertigt Bat, thun bie Zähne audj nicht mehr weh!” bemertte er, ,fie ijf von Martini 1539 datiert, ein gutes altes Wertitüd.” Zugleich richtete er einen ernften Blid auf mid, der ibm jebod) burdj die Brille, bie nur zum Lefen gut war, ganz nebelbaft erjdjeinen. mußte.
„Seit dreihundert Syabren," fuhr er fort, ,ijt biefer ehr- würdige Brief von Geſchlecht zu Gejdjledjt gegangen unb hat immer fünf von hundert Zinfen getragen!"
„Wenn mir fie nur Hätten,” warf mein Dheim Iadjenb ein, um die abermal8 auf mid) geridjtete Aufmerffamleit zu jtören; „mein Neffe befitt das Brieflein ja erit feit etwa zehn Sahren, unb vor nicht vierzig Jahren nod) gehörte es bem Klofter, deffen Abt es zur Zeit der Revolution verkaufte. Mann kann überhaupt nit auf fofdje 99eije rechnen; es iit ebenjo unrichtig, wie wenn man immer jagt, bieje drei Greiſe find zufammen 270 Sabre ober jene zwei Eheleuthen 160 Jahre alt! Sein, jene Greije find alle drei zufammen nur meungig Sabre alt, Mann und Frau adjfgig, da e8 genau biejelben Sabre find, die fie verlebt Haben. So verthut der junge Künftler Hier nicht die Zinfen von- drei Sahrhunderten, wenn et das Brieflein verfauft, fondern nur den einfadhen Betrag besfelben i"
Das mußten bie Männer freilid) mobI; weil aber jeder von ihnen auf feinem Hofe folde uralte unablöglihe Schuld- verpflihtungen Hatte und fidj felbit als den SBegabler aller ber ewigen Zinſen betrachtete, jo Bielten fie bie nehmende Hand ber wechjelnden Gläubiger für etwas ebenfo Unſterbliches und legten dem betreffenden Snftrumente einen geheimnisvoll höhern Wert bei, als ihm zufam. So fiel enblidj bas Wichtigkeit» gefühl der Verhandlung aud) auf mid) nieder und beengte mir den Sinn. Ich jab mid al8 Gegenjtanb ernfter Anrede und rechtlichen Verfahrens, leidend und verantwortli zugleich,
— 103 —
ohne daß ich etmas begangen hatte ober zu begehen millens war, nad) meiner Anſicht, und ftrebte mit verdoppeltem Eifer, aus der unfreien Lage hinauszukommen. „Sie willen den Teufel, was Freiheit heißt!" fingt der Student von ben Philiftern, nicht merfenb, daß er felber erjt auf dem Wege tit, e8 zu lernen.
=
Delntes Kapitel. Der Schädel,
Das alte Pergament war nun an emen Sammler. folcher Gtüde mit einigem Vorteil verkauft worden und die Zeit ge fonunen, wo die Abreiſe mwirflih vor der Thüre ftand. Am legten Tage des Monats April, weldher auf den Sonnabend fiel, padte idj bie mitzuführenden Habſeligkeiten zufammen, was in unjerer Wohnſtube einen niegefehenen Auftritt gab und meine Mutter in Aufregung fegte. Eine große Mappe mit den zweifelhaften Früchten meiner bisherigen Thätigkeit lehnte ſchon in Wachstuch gewidelt an der Wand, zu einigem Troſte menigiten8 von bedeutendem Gewicht; mitten im Gemadje aber Itand der geöffnete Koffer, eine Heine Arche von Tannenholz. Auf dem Boden berjelben Hatte ich bereits eingefchichtet, was id an Büchern mitnehmen wollte, unb mit ihnen aud) ein feites Berließ für einen Totenſchädel gebaut, damit er fidjer auf dem Grunde verwahrt fei. Diefer Schädel diente feit einiger Zeit zur Zierde meiner 9[rbeit8fammer, forie audj zum angehenden Studium der menſchlichen Geftalt, bas für einmal freilich gleih mit dem Unterkiefer ein Ende genommen hatte, jo daß ich vorläufig bloß bie verſchiedenen Kopfknochen zu bes
— 105 —
nennen mußte. Ich Hatte ben lleberrejt in ber Ede eines Friedhofes bemerkt, wo ihn der Zotengrüber feiner Wohler- baltenheit wegen bingelegt haben modjte; denn e8 war der Schädel eines jungen Mannes und wies nod) alle Zähne auf. In ber Nähe lag ein befeitigter alter Grabitein, ber vor un« gefähr achtzig Sahren errichtet worden mit der Inſchrift auf einen bagumal verjtorbenen Albertus Zwiehan. Obgleich e$ keineswegs erwiefen war, daß der Schädel diefem Zwiehan angehört hatte, nahm idj das bod) für ein Faktum, weil fid laut der handſchriftlichen Familienchronik eines benachbarten Haufes bie munderlidjite Heine Gefhichte mit jenem Samen verband.
Es handelt fid, fo viel entwirrbar ijt um ben Baſtard⸗ fohn eines Zwiehans, ber lange Sahre in Afien augebradjt batte und dort verftorben war. Die holländifche Perſon, mit weldder er den Sohn gegeugt, befaß aber von einem ver» Ihollenen Menſchen noch einen anderen unehelichen Smaben, Ramens Hieronymus, ben fie mehr liebte, al8 den jungen Zwiehan, aus Liebe zu ihr und von ihr überredet, adoptierte er dieſen andern Knaben in rechtlicher Form an Kindesitatt, während er binmieber verabfäumte, das Weib nadjirüglid) zu ebeliden und jein eigenes Kind zu Ehren zu ziehen. Der aboptierte Baftard aber entfernte fid), ala er größer geworden, aus dem Haufe und perjdjoll gleich feinem eigenen natürlichen Bater fpurlos, und als endlich ber alte Smieban unb feine Beihälterin bald mad) einander das Zeitliche fegneten, befand fid) der erblos gebliebene Sohn Albertus allein bei dem berrenlofen Haufe unb Gute und zögerte nicht, fid auf ge ſchickte Weife an Stelle des allein erbberedhtigten Aboptivfohnes zu legen, von bem erworbenen Vermögen des Alten znfammen- jura[fem, ma8 er fonnte, unb bie afiatiihe Kolonie rajd) zu verlaffen, um bie alte Heimat feines Baters aufau|udjen.
— 106 —
Da er einft geträumt hatte, fein Halbbruber fei im Meere - untergegangen, unb feit an feine Träume glaubte, fo that er alles dies nicht gerade mit böſem Gewiſſen, obgleid) er ſchlau genug war, in ber alten 3Baterjtabt, bie ihn nod) nie gejeben, fein eigenes Dafein zu verſchweigen und fid auf Grund ber mitgebradjten Papiere für den andern auszugeben. Er kaufte fid) ein geräumige Haus mit einem ftillen freundlichen Garten, in meldem er gar anjtánbig auf und nieder [pagierte. Hier wurde er [reilidj von ben Nachbarn neugierig beobadjtet, aber ohne daß er e8 bemerkte, unb erſt nadjbem er fidj ordentlich eingerichtet hatte, begann bie Nachbarſchaft fidj zu beleben, wie wenn auf einer Inſel für die dorthin veridjlagenen Reifenden alímáblid) die Gingeborenen zum Vorſchein fommen. Surd) Geihäftsleute wurde e8 rudjbar, daß ber neue Ankömmling anjebnlide Bezüge und Geldanlagen made, melde auf ge regelten Berhältniffen beruhen. So murbe er denn auf der Straße hie unb da ſchon auiraulid) gegrüßt, und jenfeit8 ber Galje, welche er bewohnte, belebte fi mehr als ein Fenfter, wenn er fid) an dem feinigen bliden ließ, um nad) dem Better zu feben. Sn einem [djmalen Grler jaß den ganzen Tag, mit bem Otüden gegen bie Straße gewendet, ein junges trauen. zimmer am Gpinnrab, ohne umzufhauen, uub er fonnte ihr Geliht nie entbeden. So vergaffte er fi, da er [djon feines leiben[dja[tlidjen Urfprunges wegen verliebter Ratur war, einit- weilen in den zierliden Rüden der Spinnerin und in bie ammutig geneigte Haltung ihres Kopfes. Als er aber eines Tages, hierüber madjbenfenb, auf der andern Seite feines Haufes im Garten weilte, hörte er unper[eben8 von einer meibliden Stimme den Ramen Cornelia rufen, auf melden im SRadjbargarten eine andere Stimme antwortete. Dies wiederholte fid) mehrmal3 während ber nächſten Tage, fo dab (bertus Zmiehan ben Rüden der Spinnerin vergaß und
— 100 —
fid in ben ſchönen Namen ber unfidjtbaren Gornelia verliebte. Denn fie mar Hinter einer Wand von Jasminbüſchen pers borgen. Wie erftaunte er aber, als diefe plóplidj fid) aus. einanberbogen und eine weibliche Gejtalt auf das Zwiehanſche Gebiet herübertrat, durch ein bisher unbemerktes Gitterthürchen. Das Haus, zu meldem der jenfeitige Garten gehörte, lag nümlid) nicht an der gleiden Straße, fondern auf einer andern Seite des ganzen Straßenvierteld, und es Daftete an beiden Häufern von altersher ba8 Net des Durchganges durd) Gärten, Höfe und Haußflüre, zu gewiffen Srmeden und ZTageßzeiten.
Es mar ein nidjt eben fchönes, aber mit ladjenben Augen begabtes lánglidje8 Wefen, das vor bem Ueberraſchten ftanb und ibn von ber bejtebenben Servitut unterrichtete, als bie Stadjbarin feine Unwiſſenheit bemerfte. Auch er müſſe einen Schlüſſel zu bem Pförtchen befigen, fagte fie ibm; er holte einen Kalten mit allerlei alten Schlüffeln herbei und fand mit ihrer Hilfe richtig denjenigen heraus, melder in das Schloß papte. Wie fie [o mit fpiten weißen Fingern fi bemühte, betrachtete er mit Wohlgefallen den mägerlihen Wuchs, ber burd) febr Inappes Gewand faft einen Eindrud von gefchmei- biger Yülle madjte. Sept aber, indem fie ihn mit feinem 9tamen grüßte und ibm den ihrigen nannte, der auf jenes moblflingenbe Cornelia hinauslief, gab fie ihr Anliegen kund. Sie bean|prudjte Höflid das Recht, von bem reih mit Waſſer verjehenen Brunnen in feinem Hofe eine bewegliche Leitung mad) ihrer Waſchküche anzulegen, um für bie vorzunehmende große Halbjahrwäihe das Qauptelement zu gewinnen, gemäß dem verbrieften Herfommen. Da Albertus eben fo höflich bat, fi) ganz nad) Bequemlichkeit einzurichten, eilten alsbald auf ein Zeichen der Cornelia mehrere Wafchfrauen berbei mit hölzernen und bledhernen Rinnen und Röhren, fügten fie au»
— 108 —
fammen und ftellten einen fdjmebenben 9tquübuftum Bet, mil -
meldem fie mieber im Gebüjdje verfhwanden, aus bem fe Dervotgebrodjen waren. Auch bie Cornelia [djlüpfte Hindurd, nachdem fie fid) verneigt hatte, und Herr Zwiehan ftanb einfam an dem Gerinnjel feines ſchönen Brunnenwaſſers und wünſchte,
mit hinüber gehen zu lónnen. Am andern Tage jebod) e.
Ihienen abermals bie Wäſcherinnnen, bradjen die Wafferleitung
ab und machten einer großen jdjmeren Frau Bag, meldje fid | jebt burd) das Pförtchen arbeitete. Sie gewährte eine tröftlihe | Borftellung davon, wie jtattlih dünne (yrüulein8 mit ber Zeit
bei guter Rahrung werden können; denn fie gab fidj als bie Frau Mutter ber bewußten Cornelia zu erkennen, welche fi nicht getraue, ſchon wieder ben Herrn Nachbar mit einer Un- bequemlichkeit zu beläftigen. Es fei nämlich zweifelhaft, ob die Sonne ben ganzen Tag [djeine, und darum wünfchenswert, bie Wäſche in einem Mal zu trodnen, was hinwieber ermöglicht würde durch die Erlaubnis, einen Zeil derfelben in dem Zwie⸗ hanſchen Garten und Hof aufzuhängen. Es fei dies in früheren Jahren aud etwa gefchehen, obwohl nidjf zu einer Serpitut erwadfen, mie das Wafferleitungsredt, unb alfo komme fie ſelbſt pflihtihuldig um bie freunblide Bergünjtigung anzu- fragen. Mit großem Vergnügen entfpradj Albertus Zwiehan fofort bem Anſuchen, worauf bie Frau fi) banfenb zurüdzog und dafür das Fräulein an der Spike einiger Waſchkörbe aus ben Jasminbüſchen Hervortrat, fie jelbjt das auf eine Aurbel gewidelte Trodenfeil tragend. Diefes an den vorhandenen Pfoften, Hafen unb Baumäften anzubinden reichte jebod) ihre Körperlänge nicht überall aus, fo febr fie fid aud) auf bie Sehen jtellte, uud fo ergab e8 fi von felbft, daß Albertus aushalf und das Geil im Zickzack herum führte und feitmachte, Cornelia aber bas[elbe Hinter ibm ber trug unb abDajpelte. Sie bewegte fid) dabei mit viel Anmut unb Gieblidjfeit, und
— 109 —
ber junge Mann murbe darüber [o eifrig unb warm, daß er hie unb ba eine Lenfoje oder elfe zertrat. Als e8 nun ans Aufhängen ber ?9ájdj ging, blieb er in unmännlicher Weiſe im Garten unb war wiederum behilflich, die Körbe zu fchleppen und andere Handreihung zu thun. Das Fräulein bemerkte freunblid, daß fie ihre eigene und beite Leibgewandung Det» über gebradjt und bas ältere Zeug jenjeit8 gelaffen babe, um auf dem fremden Gebiete nicht allzu fchofel zu erfcheinen. Der ganze Raum füllte fidj aljo mit ihren Hemden, Strümpfen, Sufentüdjern unb Nachthäubchen, unb da eine frifche Brife aufging, begann bas blütenweiße Zeug fo mutwillig zu flattern, daß alle Hände zu thun befamen, ba8 Iuftige Segelmwerg feit zubalten.
In großer Aufregung zog er fidj nad) getbaner Arbeit in feine Zimmer zurüd, von deren Syenftern aus er unabläffig den inbaltreiden Garten bemadjte. Niemand war jept dort und alles jtill; nur die wie von Luftdämonen befeelten Weiber- hülſen fäufelten ſachte bin und her, bis ein Windftoß fie plöß- lid emporwirbelte, bie langen weißen Strümpfe gleich Geijter» beinen um fidj ſtießen und ſchon ein Losgeriffenes Häubchen wie ein einer Luftballon über ba8 Dad; megitieg. Da eilte Albertus Zwiehan bejorgt wieder hinunter, um zu retten, was ibm bereit näher zu liegen bünfte, al8 bie eigene Haut. Er ſchlug fid) tapfer mit dem Winde herum; allein die Strümpfe ſchlugen ibm an die Ohren, die Hemden flatterten um feinen Kopf und verhüllten ihm die Augen, und er wurde mit ber wilden Leinwand nicht fertig, bi8 bie ladjenben rauen herbei: lamen unb bie Wäſche zufammenrafften.
Einige Zage fpäter wurde er von ben Stadbarinnen förmli zum Kaffee eingeladen, um den Dank für feine Ge fälligfeit zu empfangen. Zum erjten Mal betrat er ben jen- feitigen Garten und fand den Tiſch in einem offenen Sälchen
— 110 —
gebedt, bas Hinter ber SyaSminmanb. verborgen war. Die alte und die junge Dame befliffen fi auf daB freunblidjite um ihn, und nachher mußte er nod) in ihre Wohnung hinauffteigen unb fid mit einem Heinen Nachtmahl bemirten lafien. Ratür- [id ermiberte er ſolche Höflichleiten und [ub die Nachbarinnen feinerfeit8 zu einer Gaftlichfeit ein, fo gut er biefe mit Hilfe einer alten Küchenmagd aufzubieten vermochte; fura es entitand ohne weiteren Verzug ein häufiger Verkehr, und das Fräulein fomohl wie Mbertus Zwiehan trugen ben Schlüffel zum Durch⸗ gangsthürchen beitändig bei fidj. Bald liep die Mutter ihre Tochter allein mit dem Fremden und fie verloren fid in Bun. dert traulide Geſpräche; Cornelia fragte mad) allem, was Albertus je erlebt oder ihn ſonſt betraf; er dagegen fühlte fidj burdj bieje Neugierde und Teilnahme geehrt und beglüdt und vertraute ihr alles, um ihre Sreundfchaft zu ermibern und ge» wiljermaßen fidj ganz hinzugeben, ohne allen Rüdhalt, fein Her- fommen, feinen Belibftand und fein letztes Geheimnis, das leßtere einzig mit der Abmweihung, daß fein per[djollener Halb⸗ bruder mirfíid) ertrunfen fei, ftatt nur in einem Traume.
Die neue Freundſchaft verfehlte nicht rudjbar und als eine bereits abgeſchloſſene ober wenigſtens bevoritebenbe Ver⸗ lobung angefehen zu werden. Das bewiefen bem Berliebten einige nicht unterjd)riebene Briefe, bie er nacheinander erhielt unb bie ihn vor der Verbindung warnten, melde er einzu» gehen im Begriffe ftebe.
Die beiden Frauenzimmer, hieß e8, feien nur ſcheinbar in guten Umjtänden; in Wirklichkeit hätten fie nidjt8 oder nicht viel mehr, al8 einen großen Fleiß im Geldborgen, daß fie allerdings aus bem Grunde verftänden. Sie wüßten e8 aller» wärts jo einzurichten, daß man nicht davon [predje, indem fie fi immer ebelbenfenbe unb verfchwiegene Opfer ausſuchten, aud) im Notfall bie und da etwas zurüdzahlten auf Koften
— 111 —
dritter Leute; allein bie Gadje fei bennod) ein Dffentlidjes Ge. heimnis unb man Ionne nidj zufehen, wie eim fo ausgezeid)- neter Mitbürger, bem bie beiten Häufer fidj aufthäten, in fein Berderben renne. Denn mo eine Untugend Haufe, [ei bie zweite und dritte nicht weit, und der Gelbmangel fei aller Sünden Angel. Mehr wolle man nidjt andeuten.
Als Albertus diefe Briefe gelejen, wurde er weder betrübt nodj zornig, fondern fröhlichen Herzens, weil er fie für Aus- fülfe des Neides hielt und als ein Zeichen betrachtete, daß er nur zuzugreifen braudje, ba eine Heirat in der öffentlichen Meinung für fo wahrjheinlid und nahe bevorftehend galt. Bon zärtlihem Mitleide bewegt wünſchte er einen angeblichen Rotitand der beiden Frauen als wirklich beitehend herbei, um ih als Hilfefpender recht weih in die Arme banfbarer Liebe betten zu können. Selbſt für den Sal, daß jene in der That etwas viel Geld braudjen follten, entwarf er fofort Pläne, feine Mittel nad NRotdurft zu vermehren; er hatte ja ohnedies bie Abfiht, feine Kenntnis der öftlihen Handelsbeziehungen zu verwerten unb mit aller Bequemlichfeit und Vorſicht ein Haus zu gründen unb eine feinen nod) jungen Jahren angemejjene Thätigkeit zu eröffnen. Bon ſolchen Gedanken getrieben [dyritt er aufgeregt iit feiner Wohnftube umher und arbeitete gleidj- mäßig den Geihäftsplan und das glänzende Bild der Zukunft aus bem Rohen heraus, mobei ihn immer wärmer das Gefühl eines einffuBreidjen Beſchützers und Retters, eines Beglüders und mächtigen Schöpfers auf[djmellte. Um auf diefen Wogen einen Augenblid auszuruhen, jtellte er fid) an ein Fenſter und fa zufällig, wie gegenüber die Spinnerin, bie er ganz ver» gefien, in ben Grfer trat und ebenfo zufällig ihn erblidte, ehe fie fid an ihr 9Rábdjen ſetzte. Schon batte fie mie gewöhnlich, ihm wieder ben Nüden zugefehrt, ber ihm fo wohl befannt mar, als fie nochmals umſchaute und mit einem langen 3Blid