Chapter 43
Section 43
Wie dies abjtoBenbe falte Gefühl meinen ganzen Körper burdjriejelte, Tieß e8 mir nun aud) plóglid das Geſicht ber Reiche fo jeelenlos unb abmejenb erjdjeinen, bag mir beinahe der erſchreckte Ausruf entfuhr: „Was Hab id mit bir zu Ihaffen?” als aus dem Saale Ber die Drgel in milden unb bod) Träftigen Tönen erffang, welche nur mandmal in leid- vollem Zittern jdjmanften, dann aber wieder zu harmoniſcher Kraft fid) ermannten. (G3 mar ber Schulmeifter, welder in biejer Morgenfrühe feinen Schmerz unb feine Klagen durch bie Melodie eines alten Liedes zum Lob der Unſterblichkeit zu
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lindern fudje. Ich Iaufchte ber Melodie; fie begmang meine körperlichen Schreden, ihre geheimnisvollen Töne öffneten Die unjterblidje Geijtermelt und ich glaubte derfelben durch ein neue8 Gelöbnis mit ber Entjhlafenen um fo fiderer anzuge- hören. Das [dien mir wiederum ein bedeutungsvoller und feierliher Vorgang zu fein.
Aber augleid) wurde mir nun ber Aufenthalt in der Gotenfammer zumider und idj mar froh, mit dem Gedanken ber lIniterblidjfeit hinaus zu lommen ins lebendige Grüne. Es eridien an diefem Tage ein Schreinergefell aus bem Dorfe, um Bier den Sarg zu madjen. Der Schulmeifter hatte vor Zahren [don eigenhändig eine faubere Tanne gefällt und zu feinem Sarge beitimmt. Diefelbe lag in Bretter gejágt hinter dem Haufe, durd) ba8 Vordach geihütt, unb Hatte immer zu einer Ruhebank gedient, auf welcher ber Schulmeifter zu lefen und feine Tochter als. Kind zu fpielen pflegte. Es zeigte fid) nun, daß bie obere ſchlankere Hälfte des Baumes ben fchmalen Totenſchrein Annas abgeben Tönne, ohne ben zufünftigen Sarg be8 Vaters zu beeinträdtigen; bie moblge- irodneten Bretter wurden abgehoben und eines nad) bem ane deren entzwei gejchnitten. Der Schulmeifter vermochte aber nicht lange dabei zu fein, und felbit die rauen im Haufe flagten über den Ton der Säge. Der Schreiner unb id) trugen daher die Bretter und das Werkzeug in den leichten Nachen und fuhren an eine entlegene Stelle des Ufers, mo das Flüßchen aus dem Gehölze heroortritt und in den See mündet. Sunge Buchen bilden dort am Waſſer eine lichte Vorhalle, und indem der Schreiner einige der Bretter mitteljt Schraub- zwingen an ben Gtümmdjen befeftigte, ftellte er eine armed mäßige Hobelbant her, über welcher bie Qaubfronen ber Buchen fid) wölbten. Zuerjt mußte ber Boden be8 Sarges aufammen gefügt unb geleimt werden. Syd) madjte aus ben erjten Hobel»
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fpänen und aus Heilig ein Feuer und fepte bie Leimpfanne darauf, in melde idj mit der Hand aus dem Bade Waſſer träufelte, indefjen der Schreiner rüjtig darauf [o8 fägte und Dobelte. Während bie gerollten Späne fid) mit dem fallenden Laube permijdjten unb bie Bretter glatt wurden, made id) bie nähere Belanntichaft des jungen Gefellen. Es war ein Rorddeutfher von der ferníten Dftfee, groß und (dan! ge wachen, mit fübnen unb ſchön gejchnittenen Gefichtszügen, bellblauen aber feurigen Augen und mit ftarlem goldenem Haar, meldje8 man immer über die freie Stirne zurüdgeftrichen und Binten in einen Schopf gebunden zu [eben glaubte, fo urgermanijd (ab er aus. Seine Bewegungen bei der Arbeit marem elegant und dabei Hatte fein Wejen bod) etwas Sind» liches. Wir wurden bald vertraut, unb er erzählte mir von feiner Heimat, von den alten Städten im Norden, vom Meere unb von der mádjtigen Hanfa. Wohl unterrichtet, erzählte er mir von der Vergangenheit, den Sitten unb Gebräuden jener Ceelüjten; id) fab den langen und Bartnüdigen Kampf ber Städte mit ben Geerüubern, ben PBitalienbrüdern, und mie Klaus Gtürgenbeder mit vielen Gefellen von ben Hamburgern getöpft wurde; dann jab idj wieder, wie am eriten Mai aus den Thoren von Straljund der jüngite Ratsherr mit einem glänzenden Sugendgefolge im Waffenſchmuck zog und in ben prädtigen Buchenwäldern zum Maigrafen gefrönt wurde mit einer grünen Laubfrone, und mie er abends mit einer [d)onen Maigräfin tangte. Auch bejdrieb er die Wohnungen und Trachten norbijdjer Bauern, von den Hinterpommern bis zu den tüchtigen riefen, bei melden nodj Spuren männlichen Freiheitſinnes zu finden; idj fab ihre Hochzeiten und Leichen» begüngnijje, bis der Geſelle enblidj aud) von ber reiheit deutfcher Nation redete unb mie bald die ftattliche Republik eingeführt werden müßte. Ich ſchnitzte unterdeſſen nad) feiner
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Anleitung eine Anzahl Hölzerner Nägel; er aber führte ſchon mit dem Doppelhobel bie fepten Stöße über die Bretter, ferne Späne löften fid) gleidj zarten glänzenden Seidenbändern und mit einem hell fingenden Tone, weldher unter den Bäumen ein ſeltſames Lied war. Die Qerbitjonne [djien warn und lieblidh drein, glänzte [rei auf dem Waffer und verlor fid) im blauen Duft ber Waldnacht, an deren Eingang wir und angefiedelt. Sept bauten wir bie glatten weißen Bretter gujammen, Die Hammerſchläge hallten wieder burdj den Wald, daß bie Vögel überrajdjt aufflogen und erjdjredt über ben Geejpiegel ftreiften, und bald jtanb der fertige Sarg in feiner Einfachheit vor ung, (dan! und ebenmäßig, der Dedel ſchön gemolbt. Der Schreiner bobelte mit wenigen Zügen eine [djmale zierliche Hohlkehle um die Kanten, und idj fab verwundert, mie bie Linien fid) fpielend bem meidjen Holze eindrüdten; dann 309 er zwei Stüde Bimsſtein Hervor und rieb fie aneinander, indem er fie über den Sarg hielt und das meiße Pulver über benjelben verbreitete, id) mußte lachen, als er bie Stüde gerade jo gewandt bandhabte und abflopfte, wie ich bei meiner Mutter geleben, menn fie zwei Zuderjdhollen über einem Kuchen rieb. ALS er aber den Sarg vollends mit dem Steine ab[djliff, wurde berjelbe jo weiß, mie Schnee, unb laum ber leifefte rötliche $aud) des Tannenholzes ſchimmerte nod) durch, wie bei einer Apfelblüte. Er fab fo meit ſchöner und edler aus, al8 wenn er bemalt, vergoldet ober gar mit Erz befchlagen gemefen wäre. Am Haupte hatte der Schreiner der Sitte gemäß eine Deffnung mit einem Schieber angebradjt, durch meldje man das Geſicht jeben fonnte, bi8 der Sarg perjenft wurde; e8 galt nun nod) eine Glasſcheibe eingujegen, meldje man vergeljen, unb id) fuhr nad) bem Haufe, um eine foldde zu Holen. Ich mußte fdjon, daß auf einem Schranke ein alter Feiner Rahmen lag, aus meldem das Bild lange verfhmunden. Ich nahm das per.
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geflene Glas, legte es vorfihtig in ben Nachen und fuhr zurüd. Der Gefelle ftreifte ein wenig im Gehölze umher und fuchte Hafelnüfje; ich probierte indeffen die Scheibe, und als id) fand, daß fie in bie Deffnung paßte, tauchte id) fie, ba fie ganz bejtaubt und verdunkelt war, in den Maren Bad unb mujd) ſie forgfältig, ohne fie an den Steinen zu zerbrehen. Dann bob id) fie empor und ließ das lautere Waſſer ablaufen, und indem id) das glänzende Glas Dod) gegen bie Sonne hielt unb durch dasſelbe ſchaute, erblidte ih das lieblichſte Wunder, bas ich je gefeben. Ich fab nämlich drei mufizierende Engellnaben; ber mittlere hielt ein Rotenblatt und fang, die beiden anderen fpielten auf altertümliden Geigen, und alle jdjauten freudig und andachtsvoll nad) oben; aber bie Erjcheinung war fo Iuffig und zart durdfidtig, daß ih nicht mußte, ob fie auf ben Gonnenjtrablen, im Glaje, oder nur in meiner Phantafie ſchwebte. Wenn id) die Scheibe bewegte, fo verſchwanden bie Engel auf Augenblide, bi8 ich fie plögli mit einer anderen Wendung wieder bemerfte. Ich habe feither erfahren, daß Rupferitihe oder Zeichnungen, meldje lange Jahre Dinter einem Glaje ungejtört liegen, während der dunklen Nächte Diefer Sabre jid) dem Glafe mitteilen und gleidjjam ihr Spiegelbild in bemjelben zurüdlafien. Ich ahnte jegt aud) etwas dergleichen, als ich bie Schraffterung alter Rupferftecherei und in dem Bilde die Art Ban Eyckſcher Engel erfannte. Eine Schrift war nicht zu fehen und aljo bas Blatt vielleiht ein feltener Probedruck gewefen. Jetzt aber galt mir bie fojtbare Scheibe als bie Ihönfte Gabe, melde id in den Sarg legen fonnte, und id) befeitigte fie felbjt an bem Dedel, ohne jemandem etma8 von dem Geheimnis zu jagen. Der Deutſche fam wieder herbei; wir fuchten die feinsten Hobeljpäne, unter meldje fid) mandjes rötlihe Laub mijdjte, zufammen und breiteten fie zum lebten
Bett in ben Sarg; bann jdjlofjen wir ihn zu, trugen ihn in Keller IL.
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ben Kahn unb ſchifften mit bem weißen Gerät über ben glän- zenden ftillen Gee, und bie Frauen mit bem Schulmeifter bradden in lautes Weinen aus, al8 fie und Deranfafren und landen fahen.
Am folgenden Tage wurde bie Aermfte in den Sarg ge legt, von allen Blumen umgeben, meldje in Haus und Garten augenDlidíidj blüheten; aber auf bie Wölbung des Garges wurde ein [djmerer Kranz von Myrtenzweigen und weißen Roſen gebreitet, weldhen die Jungfrauen aus ber Kirdhenge- meinde bradjten, und außerdem mod) jo viele einzelne Sträuße blaſſer Berbjtfidjer Blüten aller Art, daß die ganze Oberfläche davon bebedt wurde und nur die Glasſcheibe frei blieb, durch welche man das weiße zarte Geſicht der Leiche fab.
Das Begräbnis follte nom Haufe des Dheims aus Statt» finden, unb zu biejem Ende Bim mußte Anna erft über ben Berg getragen werden. Es erjchienen daher Jünglinge aus dem Dorfe, meldje bie Bahre abmedjjelnb auf ihre Schulter nahmen, unb unjer Meines Gefolge der nádjten Angehörigen begleitete den Zug. Auf der fonnigen Höhe des Berges wurde ein furzer Halt gemadt und bie Bahre auf bie Erde gefekt. Es mar jo jhön Hier oben! der Blick fehweifte über bie um- liegenden Thäler bis in bie blauen Berge, dad Land lag in glángenber $yarbenpradjt rings um und. Die pier Träftigen Sünglinge, welche die Bahre zulegt getragen, faßen rubend auf den ZTragewangen derfelben, bie Häupter auf ihre Hände geftügt, und ſchauten ſchweigend in alle vier Weltgegenden hinaus. Hoh am blauen Himmel zogen leuchtende Wolken und ſchienen über dem Blumenfarge einen Augenblid fil zu ftehen unb neugierig burd) das Fenſterchen zu guden, welches fait fdjalfDaft amijdjen ben Myrten und Rofen bervorfunkelte im Widerjheine der Wolfen. Wenn Anna jest bie Augen hätte aufſchlagen können, jo würde fie ohne Zweifel bie Engel
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gefeben und geglaubt haben, daß fie bod) im Himmel ſchwebten. Bir faBen, wie e8 fid) traf, umher unb mich rührte jegt eine große Traurigkeit, fo daß mir einige Thränen entfielen, als ih bebadjte, daß Anna nun zum legenmal und tot über biejen ſchönen Berg gebe.
As wir ins Dorf hinunter geitiegen, läutete die Toten⸗ glode zum erjtenmal; Kinder begleiteten uns in Scharen bis zum Haufe, wo man den Sarg unter bie Rußbäume vor bie Thür bDinftellte. Wehmütig gewährten die Verwandten der Toten das Gajtredjt bei biejer Iehten Einkehr, e8 waren nun laum anderthalb Fahre vergangen, feit jener fróblidje Feſtzug der Hirten fi) unter diefen jelben Bäumen bewegte unb mit bemunbernber Luft Annas damalige Erſcheinung begrüßte. Bald war ber Platz voll Menſchen, welche fid) Deranbrángten, um ber Seligen zum legtenmal ins Angefiht zu [djauen.
Run ging ber Leihenzug vor fi, der außerordentlich groß war; ber Gdjulmeijter, weldher bidjt Hinter dem Sarge ging, ſchluchzte fortwährend wie ein Kind. ch bereute jekt, feinen ſchwarzen ehrbaren Anzug zu befigen; denn ich ging unter meinen ſchwarz gefleideten Bettern in meinem grünen Habit, mie ein fremder Heide. Nachdem die Gemeinde den gewohnten Gottesbien|t beendigt und mit einem Choral be. fchlofien, fharte man fid) draußen um das Grab, mo die ganze Yugend, außergemöhnlicherweife, einen forgfältig eingeübten Srabgefang mit gemübigter Stimme fang. Jetzt mar der Sarg binabgelaffen; ber Totengräber reichte den Kranz unb bie Blumen herauf, daß man fie aufbewahre, unb ber arme Sarg ftanb mun blanf in ber feuchten Tief. Der Gelang dauerte fort, aber alle rauen (djludjaten. Der lebte Sonnen» ſtrahl leuchtete nun burdj bie Glasfcheibe in bas bleiche Geficht, das darunter lag; das Gefühl, das ich jebt empfand, mar fo
feltfam, daß ich es nicht anders, als mit dem fremden und e*
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falten Worte ,objeftip" benennen fann, welches bie Gelehr- jamfeit erfunden bat. Sch glaube, bie Glasſcheibe that es mir an, daB id das Gut, was fie verſchloß, glei einem hinter Glas und Rahmen gebradjten Teil meiner Erfahrung, meines Lebens, in gehobener und feierlicher Stimmung, aber in voll- fommener Ruhe begraben jab; nod) heute weiß id) nidht, mar es Gtürfe oder Schwäche, daß ich dies tragijdje unb feierliche Ereignis viel eher genoß, al8 erduldete unb midj beinahe be8 nun ernjt werdenden Wechſels des Lebens freute.
Der Schieber murbe zugemadt; ber Totengräber und fein Gebilfe ftiegen Berau[ und bald war ber braune Hügel auf- gebaut. |
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Adıtes Kapitel. And 3ubitl geht,
Am anderen Tage, als ber Schulmeijter zu erfennen gab, daß er nun feinen Schmerz in der Ginjamfeit allein mit [einem Gott überwinden molle, (djidte id) mid) an, mit der Mutter nad) ber Stadt zurüd! zu ehren. Vorher ging id) zur Judith unb fand fie beichäftigt, ihre Bäume zu mujterm, ba die Zeit wieder gelommen mar, mo man ba8 Obſt einfammelte. Der Herbitnebel traf gerade heute zum erjtenmal ein und ver- ſchleierte ſchon den Baumgarten mit feinem filbernen Gewebe. Subitb war ernit unb etwas verlegen, als fie mid) jab, ba fie nit redjt wußte, wie fie fih au dem traurigen Erlebnis ftellen follte.
Ich fagte aber ernithaft, ich wäre gefommen, um Abſchied von ihr zu nehmen, und zwar für immer; denn id) könnte fie nun nie wieder jfeben. Sie erſchrak und rief lächelnd, das werde nicht [o unmiderruflich feititeben; fie mar bei diejem Lächeln jo erbleiht und bod) fo freunblid, bab ber Zauber mid) beinahe umkehrte, wie man einen Handſchuh umkehrt. Doc id begmang midj und fuhr fort: daß e8 ferner nidjt jo gehen fónne, daß id Anna von Kindheit auf gern gehabt,
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daß fie mich bis zu ihrem Tode wahrhaft geliebt unb meiner Treue verfichert germejen fei. Treue und Glauben müßten aber in ber Welt fein, an etwas Sicheres müßte man fid) halten, unb id) beiradjte e8 nicht nur für meine Pflicht, fon. dern audj al8 ein fchönes Glüd, in bem Andenken ber Ber- ftorbenen, im Hinblid auf unfere gemeinjame Unsterblichkeit, einen jo Maren und liebliden Stern für das ganze Leben zu haben, nad bem fid) alle meine Handlungen richten fonnten.
Ms Syubitb diefe Worte hörte, erſchrak fie nod) mehr und wurde zugleich [djymeralid) berührt. (68 waren wieder von ben Worten, von denen fte behauptete, daß niemals jemand zu ihr ſolche gejagt Babe. Heftig ging fie unter den Bäumen umber unb jagte dann: „Sch habe geglaubt, bab du mid) wenigitens aud) etwas liebteſt!“
„Gerade deswegen”, ermiberte ich, weil ih wohl fühle, daß ih an dir hange, muß ein Ende gemadjt werden!"
„Kein, gerade deswegen mußt du erjt anfangen, mid) recht unb ganz zu lieben!“
„Das wäre eine ſchöne Wirtfchaft!" rief ih, „was foll dann aus Anna werben?”
„Anna ijt tot!"
„Rein! Sie ift nicht tot, ich werde fie wiederfehen unb ih Tann bod) nicht einen ganzen Harem von rauen für bie Ewigkeit anfammeln!”
Bitter fadjenb Stand Zudith vor mir ftill und fagte:
„Das wäre allerdings fomijd! Uber wijjem mir denn, ob e8 eigentlich eine Ewigkeit gibt?"
„So oder fo," ermiberte ih, „gibt e8 eine, und wenn e8 nur diejenige des Gedantens unb der Wahrheit wäre! Sa, wenn das tote Mädchen für immer in das Nichts hingeſchwun⸗ ben unb fid) günglidj aufgelöft hätte, bis auf den Namen, jo wäre dies exjt ein rechter Grund, ber armen Abmejenden Treue
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und Glauben zu halten! Sch Babe es gelobt unb nichts [oll mid in meinem Vorſatz manfenb madjen!"
„Nichts!“ rief Judith, ,o bu nárrijder Gejell! Willit bu in ein Kloſter geben? Du fiebit mir barnadj aus? Aber wir wollen über diefe heikle Gadje nicht ferner ftreiten; ich babe nicht gewünſcht, daß bu nad der traurigen Begebenheit ſogleich zu mir kommeſt, und Babe bid) nicht erwartet. Geh’ mad) der Stadt und halte dich ein halbes Jahr jtill und ruhig, und bann mirjt bu ſchon fehen, was fid) ferner begeben wird!”
„Sch ſeh' es jebt ſchon,“ ermiberte id), „du wirft mid) nie wieder jeDen unb fprechen, dies ſchwöre ich hiermit bei Gott und allem, was Beilig ijt, bei dem befjeren Zeil meiner felbft und —“
„Halt inne!" rief Syubitb ängftlih und legte mir bie Hand auf den Mund; „du würdeſt e8 ficher nod) einmal be» reuen, bir jelbit eine fo graujame Schlinge gelegt zu haben! Welche Teufelei ftedt in den Köpfen diefer Menſchen! Und dazu behaupten fie und madjn fid) jelber weiß, daß fie nad) ihrem Herzen handeln. Fühlſt du denn gar nicht, daß ein Herz feine wahre Ehre nur darin finden fann, zu lieben, mo e8 geliebt wird, wenn e$ dies Tann? Du lannit e8 und thuft es heimlich bod), und ſomit wäre alles in der Ordnung! Sobald du mi nicht mehr leiden magit, jobalb bie Sahre uns fonft auseinander führen, ſollſt du mid) ganz und für immer verlaffen und vergeljen, id) mill dies über mid) nehmen; aber nur jeg verlaß mid) und zwinge dich nicht, mid) zu ver: lajfen; dies allein thut mir weh, und e8 würde mid) wahrhaft unglüdlih madjen, allein um unferer Dummheit willen nit einmal ein oder zwei Sabre noch glüdlich fein zu dürfen!”
„Diefe zwei Sabre,” fagte ih, ,müjjen und werden aud) fo vorübergehen, und gerade dann werden mir beide glüd» lier fein, wenn wir jet fdjeiben; e8 ijf nun gerade nod) bie
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Dódjite Zeit, e8 ohne fpätere Reue zu thun. Und wenn id) bir es deutfch Herausfagen foll, jo mijje, daß id) mir aud) bein Andenken, ma8 immer ein Andenken der Berirrung für mich fein wird, bod) nodj fo rein al8 möglich retten und et» Balten möchte, und das kann nur burd) ein raſches Scheiden in biejem Augenblide gefhehen. Du fagít und beflagit es, daß bu nie teil gehabt an der ebleren und höheren Hälfte ber Liebe! Welche beſſere Gelegenheit fannjt du ergreifen, als wenn bu aus Liebe mir freiwillig erleichterit, deiner mit Ach⸗ tung und Liebe zu gedenken und zugleich der Berftorbenen freu zu fein? Wirt bu dich dadurch nidjt an jener tieferen Art der Liebe beteiligen?”
„D alles Luft und Schall!" rief Judith, „ich habe nidjts gejagt, ih will nichts gelagt Haben! Sch mill nidjt Deine Achtung, idj will bid) felbjt haben, fo lange id) fann!"
Cie ſuchte meine beiden Hände zu fallen, ergriff diefelben, und während ich fie ihr vergeblich zu entziehen mid) bemühte, inbe8 fie mir ganz flehentli in die Augen jab, fubr fie mit leidenfhaftlidem Tone fort:
„O liebiter Heinrih! Geh’ nad) der Stadt, aber verſprich mir, bid) nicht felbit zu binden und zu zwingen durch foldhe ſchreckliche Schwüre und Gelübbe! Lab bi —" —
Sch wollte fie unterbredjen, aber fie verhinderte midj am Reden und überflügelte mid):
