Chapter 42
Section 42
„D bätte ich den armen Mann pflegen können,” rief fie aus, „gewiß hätte idj ihn furiert! Ich Hätte ihn ausgeladt und ihm geſchmeichelt, bis er Hug geworden wäre!“
Dann Stand fie ſtill, ſah mid) an unb fagte: „Weißt bu wohl Heinrich, bab du allbereits ein Menfchenleben auf Deiner grünen Seele haft?"
Diefen Gedanken Hatte ih mir nod) nicht einmal Klar gemadjt, unb ich fagte betroffen: „So arg ijt e8 wohl midt! Sm fhlimmften Falle wäre e8 ein unglüdlider Zufall, ben id) herbeizuführen nie wähnen konnte!”
„Ja,“ erwiderte fie ſachte, „wenn du eine einfache, fogar grobe Forderung geitellt hättet! Durch deinen fauberen Höllen- zwang aber haſt bu ibm förmlih ben Sold) auf die Bruft
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gelegt, wie e8 audj ganz einer Zeit gemäß ijt, mo man fid) mit Worten und Brieflein tot ſticht! Ach, ber arme Mann! er war fo fleißig uud gab fid) Mühe, aus ber Patſche zu Tommen, und als er endli ein Röllden Geld erwarb, nimmt man e3 ibm weg! Es iff fo natürlid, den Lohn der Arbeit zu feiner Ernährung zu verwenden; aber da heißt e8: gieb erit zurüd, wenn bu geborgt haft, unb dann verBungere!"
Bir ſaßen beide eine Weile büfter und nachdenklich ba; dann fagte ih: „Das Hilft nichts, gefchehene Dinge find einmal nicht zu ändern. Die Gejdjidjte fol mir zur Warnung dienen; aber id) fann fie nicht ewig mit mir herumfdjleppen, und da id mein Unrecht einfehe unb bereue, fo mußt bu e8 mir enblid) verzeihen und mir bie Gewißheit geben, daß id) bes. wegen nicht haſſenswert unb garftig ausſehe!“
Ich merfte nämlich exit jepl, daß id) barum hergefommen unb allerdings bedürftig mar, burdj Mitteilung unb durch bie 3SBermittlung eines fremden Mundes bie Vertilgung eines brüdenben Gefühles ober Verzeihung zu erlangen, wenn id) mid) aud) gegen bes Sculmeilters chriſtliche Vermittlung fträubte. Aber Judith antwortete: „Daraus wird nidhts! Die Borwürfe deines Gewiſſens find ein ganz gefundes Brot für bid, und daran jolljt du bein Lebenlang Tauen, ohne baf id) bir bie Butter der Berzeihung darauf ftreihe! Dies könnte id) nid) einmal; denn was nicht zu ändern ijt, ijf. eben deswegen aud) nicht zu vergefjen, dünft mid, ich habe dies genugfam erfahren! llebrigen8 fühle ich leider nicht, daß bu mir irgend widerwärtig geworden wäreſt; wozu wäre man da, wenn man mit bie Menſchen, mie fie find, lieb haben müßte?“
Dieſe feltfame Aeußerung in Judiths Munde madjte mid) tief betroffen und verurfadhte mir ein langes Nadjlinnen; je länger id) fann, deito gemwiljer wurde e8 mir, dass Judith das Rechte getroffen, und id) gelangte zu einem Schluß, melder,
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inbem er zugleich zu einem Entſchluß wurde, námfid) das Be wußtfein des begangenen Unrechtes mie mehr vergefien und immer in feiner ganzen Friſche tragen zu wollen, mir Die einzig móglidje Ausgleihung zu fein ſchien.
Es ij merfwürdig, daß bie Menſchen immer nur große Summbeiten, bie fie begangen, nidj glauben vergefien zu können, fid) bei deren Erinnerung vor den Kopf fchlagen und fein Hehl daraus madjn, aum Feihen, daß fie nun flüger geworden; begangenes Unrecht aber madjen fie fi weiß, all- mählich vergeflen zu fónnen, mübrenb e8 in ber That midt fo ijt, fchon deswegen, weil das linredjt mit der Dummheit nahe verwandt und ähnliher Natur ij. Sa, badjte i, [o unpergeiblid) mir meine Summbeiten find, wird e8 aud) mein linredjt fein! Was id) an Römer getban, merbe id von nun an nie mehr vergejfen und, wenn id) unjterblid bin, im bie Unfterblichfeit hinübernehmen, denn e8 gehört zu meiner Berfon, zu meiner Geſchichte, zu meinem Wefen, fonjt wäre e8 nicht geihehen! Meine einzige Sorge wird fein, nod) jopiel Rechtes zu thun, daß mein Dafein erträglich bleibt!
Ich [prang auf und verkündete der Judith diefe Ausfüh- rung und Anwendung ihrer einfachen Worte; denn e8 dünkte mir ein wichtiges Ereignis, fo für immer auf das Bergefien einer llebeltbat zu verzihten. Judith zog mid) nieder und fagte mir ins Ohr: „Sa, [o wird es fein; bu bijt jebt er» madjen und haft in diefem Handel fon deine moralifche Sungfernjdjaft verloren! Run kannſt bu bid in adjt nehmen, Bürſchchen, daß es nicht fo fort geht!” Der drollige Ausdrud, den fie gebrauchte, jtellte mir bie Gadje nod) in ein neues unb lächerlich deutliches Licht, daß id) einen großen 9lerger empfand und tid) einen aus$ge[udjten Narren, Laffen und aufs geblähten Popanz ſchalt, der fid) fo blinbling8 habe über. tölpeln lajjen. Judith lachte unb rief: ,S enfe daran, wenn
man am geldeiteiten zu fein glaubt, fo fommt man am eheiten al8 ein Gjel zum Vorſchein!“ — „Du braudjft nit zu lachen!“ ermiberte id) ürgerlidj, „ich babe bir joeben, ala id fam, aud) einen Zort angetban; id) habe gefürdjtet, baB bu vielleicht einen fremden Mann bei dir haben könnteſt!“
Sie gab mir ſogleich eine Obrfeige, bod) mie e8 mir fhien, mehr aus Vergnügen, ald aus Zorn und fagte: „Du bijt ein recht unverſchämter Gefell und glaubjt wohl, du braudjt deine [djünblidjen Gedanken nur einzugeitehen, um von mir abjolviert zu fein! Freilich find es nur bie bejd)yrünften und vernagelten Leute, melde nie etwas eingeftehen wollen; aber bie übrigen madjen deswegen damit aud) nidjt alles gut! Zur Strafe gebjt bu mir jebt glei zum Tempel Hinaus und madjt, daß du nad) Haufe fommit! in ber Fünftigen Nadt bar[jt bu bid) mieber zeigen!" |
Ich begab mid nun, fo oft e$ anging, des Nachts zu ihr; fie bradte ben Tag meijten8 allein und einfam zu, während idy entweder weite Streifzüge unternahm, um zu zeichnen, ober in des Schulmeiiter8 Haus, als in einer Schule des Leidens, mid) ftill und gemeſſen halten mußte. So hatten wir in Diefen Nächten vollauf zu plaudern und faßen oft ftundenlang am offenen Fenſter, mo der Glanz des nächtlichen Himmels über der fommerliden Welt lag; oder wir madjten dasſelbe au, ſchloſſen bie Läden und ſetzten uns an ben Tiſch unb [afen zufammen. Ich hatte ihr im Herbit auf ihr 3er. langen nad) einem Buche eine deutſche Ueberfegung des rajenben Roland zurüdgelaffen, melden id [jelbjt nod) nicht näher lannie; Judith batte aber den Winter über oft darin gelejen und prie8 mir jebt dad Bud als das allerihönfte in der Belt au. Judith zmweifelte nit mehr an Annas baldigen Tod und fagte mir dies unverhohlen, obgleidj id) e8 nicht gu» geben wollte; burd) diefen Gegenjtanb unb meine Seridjte von
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jenem Sranfenlager wurden wir trübfelig unb düſter, jebes auf feine Weife, und menn mir nun im Arioſt lafen, jo ver- gaben wir alle Zrübjal und tauchten ung in eine frifche glänzende Welt. Judith hatte das Buch erit ganz volkstümlich als etwas Gedrudtes genommen, mie e8 mar, ohne über feinen Urſprung und ſeine Bedeutung zu grübeln; als wir aber jetzt zufammen darin laſen, verlangte fie manches zu wiſſen, unb id mußte ihr, fo gut ich fonnte, einen Begriff geben von ber Entjtehungsmweife unb ber Geltung eines foldjen Werkes, von dem Wollen und ben bemwußten Abſichten des Dichters, unb ich erzählte, foviel id) mußte, von Arioft. Run wurde fie erjt redjt fröhlid, nannte ihn einen Mugen und weilen Mann und [a$ bie Gefänge mit verdoppelter Luft, ba fie wußte, daß biejen fo beiteren und fo tieflinnigen Wechfelgefhichten eine Dettere Abſicht zu Grunde lag, ein Wollen, Schaffen und Geitalten, eine Einfiht und ein Wiflen, das ihr in feiner Neuheit wie ein Stern aus dunkler Nacht erglángte. Wenn bie in Schön= heit leuchtenden Geſchöpfe raftlos an uns vorüberzogen, von Täufhung zu Täufhung, und leidenfchaftlich fid) jagend und hafchend, immer eins bem anderen entſchwand und ein Drittes bervortrat, ober wenn fie in furgen Augenbliden beitraft und trauernd rubten von ihrer Qeiben(dja[t, oder vielmehr fidj tiefer in biejefbe hinein zu ruhen ſchienen an Haren Gemwäljern, unter wundervollen Bäumen, fo rief Judith: „D fluger Mann! Ya, fo gebt e8 zu, fo find bie Menfchen und ihr Leben, jo find wir felbjt, wir Karren!”
Rod mehr glaubte ich felbft der Gegenftand eined poe» tiſchen Scherzes zu fein, menn idj mid) neben einem Weibe fab, meldjes ganz wie jene Fabelweſen auf der Stufe der voll- entfalteten Kraft und Schönheit ftill zu ftehen und dazu an- getban ſchien, unabläffig die Leidenfchaft fahrender Helden zu erregen. An ihrer ganzen Gejtalt hatte jeder Zug ein fieg-
veidje8 feites Geprüge, und bie Faltenlagen ihrer einfachen 9leiber waren immer [o fhmud und jtatili, daß man burd) fit Dinburdj in der Aufregung wohl goldene Spangen oder gar ſchimmernde Waffenftüde zu ahnen glaubte Entblößte jebed) bas üppige Gebidjt feine Frauen von Schmud und Kleidung unb bradte ihre bloßgegebene Schönheit in offene Bedrängnis oder in eine mutmillig verführerifche Lage, während idj mid) nur durd) einen dünnen Yaden von der blühendften Wirklichkeit gejdjieben jab, fo mar e8 mir vollends, ala wäre ich ein thörichter Fabelheld und das Spiel» zeug eined ausgelaffenen Dichters. Nicht nur das platonijdje Pflicht- unb Treuegefühl gegen das von chriſtlichen Gebeten umgebene Leidensbett eines zarten Wefens, jonbern aud) bie Furt, ſchlechtweg burdj Annas krankhafte Träume verraten zu werden, legten ein Band um bie verlangenden Sinne, während Judith aus Rüdficht für Anna und mid) und aus bem Bedürfniffe fid) beberrid)te, in bem zierlih platonifhen Weſen ber Jugend nodj etwas mit zu leben. Unfere Hände bewegten fid mandmal unwillkürlich nad) den Schultern ober ben Hüften des anderen, um fid barum zu legen, tappten aber auf balbem Wege in der Quft und endigten mit einem zag⸗ haften abgebrodjenen Wangenſtreicheln, [o daß wir närrifcher- weife zwei jungen Sagen glidjen, roeldje mit den Pfötchen nadjeinanber auslangen, eleftrijd) zitternd und unjdlüjfig, ob fie [pielen oder fid) aergaujem jollen.
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Stebentes Kapitel. Annas God und fegarabuis.
Zu diefen fo ganz entgegengefeßten Aufregungen der Zage und Nächte famen im Sommer nod) verjdjiebene Auftritte uz ländliden Yamilienleben, weldhe bei aller Einfachheit bod) ben gewaltigen Wechſel des Lebens und fein unaufhaltfames Bor- übergeben ins Licht ftellten. Der Haushalt des jungen Müllers ließ feine Heirat nicht länger auf[djieben, und e8 wurde al[o eine breitágige Hochzeit gefeiert, bei welcher die fpärlichen Ueberreite jtábtijdjen Gebraucdes, [o die Braut aus ihrem Haufe mitbradjte, gar jämmerlih bem lánbliden Pomp unterliegen mußten. Die Geigen fehmwiegen nicht während der Drei Tage; ih ging mehrmals Hin und fand Judith feitlih geſchmückt unter bem Gedränge der Güjte; ein und das andere Mal tanzte ich bejd)eiben unb mie ein Fremder mit ihr, unb aud) fie hielt fid) zurücd, obgleich wir während ber geräuſchvollen Nächte Gelegenheit genug hatten, uns unbemerkt nahe zu jet.
Kaum mar die Hochzeit vorüber, fo erkrankte bie Muhme, melde faum fünfzig Jahre alt mar, und jtarb in Zeit von drei Wochen. Sie war eine [tarfe Frau, daher ihre Todes» ,. Tranheit um fo gemaltjamer, und fie ftarb febr ungern. Sie
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litt beftig unb unruhig unb ergab fid) erft in den legten amei agen; und an dem Schreden, ber fid im Haufe verbreitete, fonnte man erit fehen, was fie allen gemejen. Aber mie nad bem Hinfinten eines guten Soldaten auf dem Felde der Ehre die Lücke ſchnell wieder ausgefüllt wird unb der Kampf rüjtig fortgeht, fo erwies jid) bie Art des Lebens und des Todes bieler tapfern Frau audj auf das ſchönſte baburd), daß bie Reihen ohne Lamentieren rajd) fid) ſchloſſen; bie Kinder teilten fi) in Arbeit unb Gorge und verjparten den be[djaulidjen Schmerz bis auf die Tage der Ruhe, mo man die Marfiteine des Lebens deutlicher ragen fieht. Nur ber Obeim äußerte erjt einige tiefere Klagen, faBte bieje aber bald im das Wort „meine felige Frau“ zufammen, dag er nun bei jeder Gelegen- heit anbradjte. An bem Leichenbegängnifie jab id Judith unter den fremden rauen. Sie trug ein jtädtifches ſchwarzes Kleid bis unter das Kinn gugefnopft, jab demütig auf ben Boden und ging bod) bod) einher.
So mar in furger Zeit bie Gejlalt des oheimlichen Hauſes verändert und durch bie verjchiedenen Vorgänge alles älter und ernfier geworden. Bon der traurigen Schaubühne ihres Sranfenbette$ [ab die arme Anna diefe Veränderungen, aber ſchon mehr als üauBerlid) getrennt von ben Greigniljen. Sie hatte eine geraume Zeit im gleihen Sujtanbe verharrt und alle Hofften, daß fie am Ende wieder aufleben würde Aber ba man e3 am menigiten dachte, erfchien eines Morgens im Herbfte ber Schulmeifter ſchwarz gelleibet bei bem beim, welcher ſelbſt nodj ſchwarz ging, und verkündete ihren Tod.
Sn einem Augenblide war nidi nur ba8 Haus von Klagen erfüllt, fondern aud) bie benadhbarte Mühle, und bie Borübergehenden verbreiteten ba8 Leid im ganzen Dorfe. Seit bald einem Syabre war der Gedanke an Annas Tod groß ge zogen worden, und bie Leute [djienen fid) ein rechtes Feſt ber
Klage unb des Bedauerns aufgejpart zu haben; denn für eine allgemeine Zotentrauer war biejer ammutige, fdjulblofe unb geehrte Gegen|tanb geeigneter, als bie eigenen Verluſte.
SH hielt mid) ganz ftill im Qintergrunbe; menn id) aud) bei freudigen Anläfjen laut wurde unb unmwillfürlid eine an= maßende Rolle fpielte, jo wußte id) dagegen, mo es traurig berging, mid) gar nicht vorzudrängen und geriet immer in Die Berlegenheit, für teilnahmlos und verhärtet angefehen zu werden, und dies um fo mehr, al8 mir von jeher nur bie aus Schuld oder Unreht entitandenen Mißſtimmungen, bie innere Berührung der Menfhen, nie aber ba8 unmittelbare Unglüd oder der Tod Thränen zu entloden vermodjten.
Set aber war ich erjtaunt über den frühen Tod und noch mehr darüber, daß dies arme tote Mädchen meine Ge- liebte war. Ich verfant in tiefes Nachdenken darüber, ohne Gdjreden ober heftigen Schmerz zu empfinden, obgleid) id) bas Greignis mit meinen Gedanken nad) allen Seiten durdfühlte. Nicht einmal die Erinnerung an Judith verurjad)te mir Un- tube. Nachdem ber Gdjulmeijter feine Anordnungen getroffen, wurde ich enblidj aus meiner Berborgenheit hervorgezogen, indem er mid) aufforderte, nunmehr mit ihm gurüdgugeben unb einige Zeit bei ihm zu wohnen. Wir madjten uns auf ben Weg, indeljen die übrigen Verwandten, bejonders bie nod) im Haufe lebenden Töchter verfpradhen, fogleid) nadjgufommen.
Auf dem Wege faBte ber Schulmeiiter fein Leid zufammen unb gab ihm durd die nochmalige Schilderung ber legten Naht und des Sterbens, das gegen Morgen eintraf, Worte. Ich hörte alles aufmerffam und jdjmeigenb an; die Nacht mar beängftigend und leidenvoll gemejen, ber Tod felbit aber fait unmerflid und fanft.
Meine Mutter und bie alte Katherine hatten bie Leiche [don gefdymüdt und in Annas Sümmerden gelegt. Da lag
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fie, nad) des Schulmeifter Willen, auf bem ſchönen Blumen- teppih, den fie einft für ihren Bater geftidt und man jebt über ihr [djmale8 Bettchen gebreitet hatte; denn nad) joldjem Dienite gebadjte der gute Dann bieje Dede immer zunädjft um fid zu haben, fo lange er nodj lebte. Ueber ihr an ber Band Hatte Katherine, deren Haar nun [don ganz ergraut war und die aufs Deftigite und zärtlichite Iamentierte, das Bild bingehängt, das idj einft von Anna gemadjt, unb gegenüber fab man immer nodj bie Landfchaft mit ber Heidenftube, meldje ih vor Jahren auf bie weiße Mauer gemalt. Die beiden Flügelthüren von Annas Schran? jtanben geöffnet und ihr un⸗ Thuldiges Eigentum trat zu Tage und verlieh ber jtillen Toten- fammer einen mohlthuenden Schein von Leben. Auch gejellte fij ber Schulmeifter zu den beiden Frauen, bie vor bem Schranke fih aufhielten, und Half ihnen, die zierlichſten unb erinnerungsreichiten Güdjeldjen, deren bie Selige von früher Kindheit an gefammelt, hervorziehen und befhauen. Dies ges währte ihm eine lindernde Zerftreuung, welche ihn bod) nidjt von bem Gegenftande feines Schmerzes abzog. Manches Dolte er fogar aus [einem eigenen Berwahrjam herbei, wie 3. 2. ein S8ünbeldjen Briefe, meldje das Kind aus Welſchland an ibn geſchrieben; bieje legte er, nebit den Antworten, bie er nun im Gdranfe vorfand, auf Annas fíeinen Tiſch, und ebenfo noch andere Gadjen, ihre Lieblingsbücher, angefangene und vollendete Arbeiten, einige Sleinode, jene filberne Brauts frone. Einiges wurde fogar ihr zur Seite auf den Zeppid) gelegt, fo daß bier unbewußt und gegen ben fjonjtigen Ges brauh von biejen einfahen Leuten eine Sitte alter Völker geübt wurde. Dabei fpradjem fie immer [o miteinander, als ob bie Tote e8 nod) hören könnte, und Feines mochte fi) gern aus der Kammer entfernen. : Indeſſen verweilte idj ruhig bei ber Leiche unb bejdjaute
fie mit unverwandten Bliden; aber idj ward durch das uns mittelbare Anfchauen des Todes nicht flüger au bem Ge heimnis desjelben, oder vielmehr nicht aufgeregter, al& vorhin. Anna lag da, nicht viel anders, als ich fie zuletzt geleDen, nur daß bie Augen geſchloſſen waren und das blütenmeipe Geſicht beitändig zu einem leifen Erröten bereit fdjien. Ihr Haar glänzte frijdj und golden, und ihre weißen Händchen lagen ge faltet auf dem weißen Kleide mit einer weißen 9toje. Ich fab alles wohl und empfand beinahe eine Art glüdlidjen Stolzes, in einer jo traurigen Lage zu fein unb eine fo poetifch ſchöne tote Sugendgeliebte vor mir zu jeben. .
Meine Mutter und der Schulmeifter ſchienen ſtillſchweigend mir ein nahes Recht auf die Berjtorbene zuzugeftehen, al8 man verabredete, daß fortwährend jemand bei der Toten meilen unb ih die erjte Wade Halten follte, damit bie übrigen fid) in ihrer Erſchöpfung einitmeilen zurüdziehen und etwas erholen fonnten.
«dj blieb aber nidjt lange allein mit der Anna, da bald die Baſen aus dem Dorfe famen und nad) ihnen mande andere Mädchen und Frauen, denen ein fo rührendes Ereignis und eine jo berühmte Leihe wichtig genug waren, bie drän⸗ gendfte Arbeit liegen zu laffen und dem ehrfurchtsvollen Diente des Menfchengefchicdes nachzugehen. Die Kammer füllte fid) mit Frauensleuten, meldje erjt einer feierlich flüjternden Unter: haltung pflagen, bann aber in ein ziemliches Geplauder ge rieten. Sie ftanden dicht gedrängt um bie ſtille Anna berum, bie jungen mit ebrbar auf einander gelegten Händen, bte ältern mit untergefhlagenen Armen. Die Kammerthür jtand geöffnet für bie Ab- und Zugehenden und idj nahm die Gelegenheit wahr, mid) hinaus zu madjen und im Freien umber zu ſchlen⸗ dern, wo bie nad) dem Dorfe führenden Wege ungewöhnlich belebt waren.
Erſt nad) Mitternadht traf mich bie Neihe wieder, bie 2 otenmadje zu verjehen, welche wir feltjamer Weiſe nun einmal eingerichtet. Ich blieb nun bis zum Morgen in der Kammer; aber fo jchnell mir die Stunden vorübergingen, mie ein Angen- blid, fo wenig wüßte ich eigentlich zu fagen, was id) gedacht und empfunden. Es mar fo (till, daß id durd die Stille hindurch glaubte bas Rauſchen ber Emigfeit zu hören; das tote weiße Mädchen lag unbemweglid fort unb fort, bie farbigen Blumen des Teppichs aber jchienen zu madjjen in bem ſchwachen Lihte. Nun ging ber Morgenjtern auf und [piegelte fid) im See; id) löſchte bie Lampe ihm zu Ehren, damit er allein Annas Zotenlidt jei, ſaß nun im Dunkeln in meiner Ede unb [ab nad) und nad) bie Kammer fid) erhellen. Mit der Dämmerung, rmeldje in das reinſte goldene Morgenrot über. ging, Ihien e8 zu leben unb zu meben um die ftille Gejtalt, bis fie beutfid) im hellen Tage ba lag. Ich Hatte mid) er- hoben und vor ba8 Bett geitellt, und indem ihre Gelichtszüge flar wurden, nannte idj ihren Ramen, aber nur hauchend unb tonlos; es blieb totenjtill, und als ich augleid)j zaghaft ihre Hand berührte, 308 id) die meinige entjeßt zurüd, als ob id) an glübendes Gijen gelommen wäre; denn die Hand mart Falt wie ein Häuflein Fühler Ton.
