Chapter 41
Section 41
Do bald darauf deutete er mir an, baB alle Fäden ber eurvpäiſchen Politik in feiner Hand zufammenliefen und daß ein Tag, eine Stunde des Nachlaſſens in feiner angeitrengten Geiltesarbeit, die feinen Körper aufzureiben drohe, fid aljo- bald burd) eine allgemeine Verwirrung ber öffentlihen Ange
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legenheiten bemerflih made, daß eine fonfuje und ängitliche Summer des Sournal des Débats jedesmal bedeute, bap Er unpáBlid oder abgefpannt und fein Rat ausgeblieben fei. Ich [ab meinen Lehrer ernitbaft an; er madjte ein unbefangenes und ernfthaftes Geficht, bie gebogene Nafe ftand wie immer mitten darin, darunter der mohlgepflegte Schnurrbart, und über die Augen flog aud) nidjt das leifefte ungewiſſe Zuden.
Mein Eritaunen gewann nicht Zeit, fid) aufzuhellen, in. “dem ich ferner erfuhr, daß Römer, während er der verborgene Mittelpunft aller Staatsregierung, zugleih das Dpfer uner- borter Tyranneien unb Mißhandlungen war. Er, ber vor aller Augen auf dem mädhtigiten Throne Europas hätte figen jollen von mehr als Eines Rechtes wegen, wurde burdj einen geheimnisvollen Zwang gleid einem gebannten Dämon in Berborgenbeit und Armut gehalten, daß er fein Glied ohne ben ®illen feiner Tyrannen rühren fonnte, während fie ibm täglich gerade joviel von feinem Genius abzapften, als fie zu ihrer fleinliden Weltbeforgung gebraudjten. Yreilich, wäre er zu feinem Recht unb zu feiner Freiheit gefommen, [o würde im felben Augenblide die Mäufewirtfhaft aufgehört haben und em freies, lidjte$ unb glüdliches Zeitalter angebrochen jein. Allein die winzigen Dofen feines Geiltes, melde nun [o tropfenweife verwendet würden, fammelten fid bod) langfam zu einem allmádjtigen Meere, indem e8 ihre Art jei, daß feine bapon wieder vergehen oder aufgehoben werden fünne, und in jenem allbezwingenden Meere merde fein 99efen gu feinem Rechte fommen und die Welt erlöfen, daher er gerne feine lorperlidje Perſon molle verſchmachten laſſen.
„Hören Sie dieſen verfluchten Hahn krähen?“ rief er, „dies iſt nur ein Mittel von tauſenden, die ſie zu meiner Qual anwenden; ſie wiſſen, daß der Hahnenſchrei mein ganzes Nervenſyſtem erſchüttert und mid) zu jedem Nachdenken untaug-
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lich madjt; deshalb hält man überall Hähne in meiner Nähe und läßt fie [pielen, jobald man die verlangten Sepelden von mir bat, damit dag Räderwerk meines Geiftes für ben übrigen Tag Still ftebe! Glauben Sie wohl, daß dies Haus bier ganz mit verborgenen Röhren durchzogen ijt, daß man jedes Wort bört, was wir [predjen, unb alles fieht, was mir thun?“
Ich jab mid im Zimmer um und verfudte einige Ein- wendungen zu machen, melde jebod) durch feine ftechenden, geheimnisvollen und wichtigen Blide und Worte unterdrüdt wurden. So lange id) mit ibm fprad, befand id) mid) in ber munberliden Stimmung, im meldjer ein Knabe halbgläubig das Märchen eines Erwachſenen anhört, melder ibm lieb iit unb feiner Achtung genießt; war id) aber allem, jo mußte ich mir geftehen, daß ich das Beite, mas ich bisher gelernt, aus der Hand des Wahnfinns empfangen habe. Dieſer Gedanke empörte mid) und ich begriff nicht, wie jemand wahnfinnig fein fönne Eine gemijje Unbarmberzigkeit erfüllte mid, ih nabm mir vor, mit Einem klaren Worte die ganze unfinnige Volle gewiß zu zeritreuen; ftand ich aber bem Wahnfinne gegenüber, [o mußte id) feine Stärke und Undurddringlichkeit [ogleid) fühlen und froh fein, menn id) Worte fand, welche, auf bie perirrteu Gedanken eingehend, dem Leidenden burdj Mitteilung einige Grleidjterung gemähren fonnten. Denn daß er mirflid) un- glüdlih unb leibenb war und alle eingebildeten Qualen aud) fühlte, fonnte id) nicht perfennen.
Sd. verihwieg Römer Tollbeit lange gegen jedermann und [elbjt gegen meine Mutter, weil ich meine eigene Ehre dabei beteiligt glaubte, wenn ein fo trefflicder Lehrer unb $ünjtler al$ verrüdt erſchien, und weil e$ mir miberjtrebte, den ſchlimmen Gerüchten, bie über ihn im Umlauf waren, entgegen zu fommen. Sod) verlodte mich einjt ein gar zu lächerliches Borlommnis zum Plaudern. Nachdem er nämlich
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öfter bedeutungsvoll bald von den Bourbonen, bald von den Rapoleoniden, bald von den Habsburgern gelprodjen, ereignete e8 fid, daß eine Königin-Mutter aus irgend einem monardis- iden Staate, eine alte Frau mit vielen Dienern und Schad)- teln, einige Tage lid) im unferer Stadt aufhiel. Sogleid) geriet Römer in große Aufregung, lenkte auf Spaziergängen unjern ®eg an dem Gafthofe vorbei, mo fie logierte, ging in das Haus, als ob er mit ber Dame, bie er al8 fehr intrigant und ſeinetwegen Dergefommen [djilberte, wichtige Unterredungen hätte, und ließ mid lange unten warten. Doch bemerfte id) an bem Dufte, ben er zurüdbradhte, daß er fid) lebiglid) in ber Kutſcherſtube aufgehalten und dort wohl eine Snoblaudj- mwurft nebit einem Glaje Wein zu fid) genommen haben mußte. Diefe Rarrenpofien, von einem Manne mit fo edlem und ernftem Aeußern getrieben, empörten mich um fo mehr, als fie mit einer lächerlichen Lijtigleit verbunden waren. Ich begann daher, mid) zu Haufe unb aud) anderwärt3 über bie Ange- legenheit zu äußern und erfuhr nun mit SSermunberung, daß Nömers ſeltſames Weſen wohl befannt war, aber jtatt Mit- leiden und hilfreiche Teilnahme zu erregen, als eine Art bös⸗ willigen Lafters, als wiſſentliche Verlogenheit betrachtet wurde, darauf berechnet, bie Menfchen zu betrügen und auf ihre Kojten etwas Falſches vorguítellen. Irgend eine im fernen Auslande begangene Verlegung ber Befcheidenheit ober guten Sitte ober eine eingegangene Schuld, die er nicht Löfen fonnte, mußte mit dem Beginne der Krankheit zufammengefallen fein, ohne daß man dahinter fommen fonnte was e3 eigentlich) gemefen. Der Betroffene, ber die Kenntnis davon in geheimer Weiſe unterhielt und von Zeit zu Seit erneuerte, wollte bodj ben Anfchein eines nad)fragenben Berfolgerd nicht auf fid) nehmen und mußte den Kranken auf eine Art zu ifolieren, daß fait nijt von ber Gade gejprodjen wurde und jener jelbjt feine
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Ich dagegen, teil weil id) aulegt aud) gegen Römer ein- genommen war unb ihn für eine Art Schmwindler hielt, teils weil idj meine Mutter zur Herausgabe der Summe beredet, und endlih aus Unverjtand und Berblendung, Hatte nichts einzuwenden und empfand eher eine Genugthuung, mid für alle Unbill zu räden. Als daher die Mutter ein Billet an ihn jchrieb unb ich einfah, daß er, wenn er entidjlofjen war, das Geld zu behalten, die Mahnung einer in feinen Augen gewöhnlihen rau nicht beachten werde, lajfierte idj das Schreiben meiner Mutter, welche obnebie8 verlegen war, an einen jo anfehnlihen und fremdartigen Mann zu [dretben, und entwarf ein anderes, welches, id) muß e8 zu meiner Schande geftehen, höchſt zweckmäßig eingerichtet war. In bof. lier Gpradje berechnete id) feine firen Sdeeen, feinen Stolz und fein Chrgefühl, und indem bas be[djeibene Billet erft zu einer Bitterfeit wurde, wenn e8 unberüdjidjtigt blieb, war es, menn Römer alles das verfadjen follte, ſchließlich fo befchaffen, daß er doch nicht lachen, fonbern fi durchſchaut [eben fonnte. Sp viel braudjte e8 inbejjen gar nit; denn al8 wir das Machwerk Hinfchidten, Tehrte der Bote augenblidlid) mit bem Gelbe zurüd. Sch mar etwas bejdjümt; bod) jpradje mir jebt alle8 Gute von ibm, er jei bod) nicht fo übel u. j. f., nur weil er uns das elende Häufchen Silber herausgegeben.
d) glaube, wenn Römer fidj eingebildet hätte, ein Ril- pferd ober ein Speiſeſchrank zu fein, fo wäre id) nidjt [o um. barmherzig und undankbar gegen ihn geme[en; da er aber ein großer Prophet fein wollte, fo fühlte ftd) meine eigene Eitelkeit dadurch verlegt und waffnete fid) mit den äußerlichen fchein- baren Gründen.
Nah einem Monate erhielt id) von Römer folgenden Brief au$ Paria: Ä
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Ich bin Ihnen eine Nachricht über mein Befinden ſchuldig, ba idj gern annehme, mid) Ihrer ferneren Teilnahme und Freundſchaft erfreuen zu dürfen. Bin id) Ihnen bod) meine endlihe Befreiung und Herrihaft ſchuldig. Durch Shre Bermittlung, indem Sie das Geld von mir zurüdverlangten (meldje8 ich nicht vergeffen. hatte, aber Ihnen in einem freieren Augenblide zurüdgeben wollte), bin idj endlich in den Palajt meiner Bäter eingezogen unb meiner wahren Beitimmung anheimgegeben! Aber e3 fojtete Mühſeligkeit. Sch gebadjte jene Summe zu meinem eriten Aufenthalte hier zu verwenden; da Sie aber felbige gurüdperlangten, fo blieb mir nad Abzug der Steijefojten nod) 1 Frank übrig, mit welchem ich von ber Poſt ging. Es regnete febr ſtark und verwandte idj daher den befagten Trank dazu, mad) bem Mont piété zu fahren und dorten meine Koffer zu verfeßen. Bald darauf jab ich mid) genötigt, meine Sammlungen einem Trödler für ein Zrinfgelb zu verkaufen, und erit jebt, als ih enblid) von aller angenommenen Künjtlermasfe und allem Kunftapparate glüdlid) befreit und Dungernb in den Straßen umberlief, ohne Obdach, ohne Kleider, doch jubelnd über meine Freiheit, da fanden mich treue Diener meines erlaudhten Haufes und führten mid im Triumph Beim! Über noch beobadjtet man mid) zuweilen und id) benuße eine günftige Gelegenheit, dies Zeichen zu fenden. Sie find mir wert geworden unb id) habe etwas Gutes mit Ihnen vor! Inzwiſchen nehmen Sie meinen San? für die günjtige Wendung, die Sie herbeigeführt! Möge alles Elend ber Erbe in Ihr Herz fahren, jugendlidher Held! Mögen Duns ger, Serbadjt unb Miktrauen Sie liebfojen unb die ſchlimme
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Erfahrung Ihr Ziff. und SSeltgenojfe fein! Ws aufmert- [ame Bagen fende id) Ihnen meine ewigen SSermün[djungen, mit denen id mich bi& auf weiteres Ihnen treulichſt em- pfehle!
«br mwohlgemogener Freund. Dies nur in Cile, ih bin zu febr be[dáftigt!"
Grjt fpäter erfuhr id, da Römer in einem franzöfifchen Irrenhauſe verfhollen fei. Wie e$ dazu fam, wird in obigem Briefe ziemlich klar. Meine Mutter, welcher ich alles verheblte, fonnte feine Schuld treffen, al8 diejenige aller rauen, welde aus Gorge für ihre Angehörigen engherzig und rückſichtslos gegen alle Welt werden. Ich Hingegen, ber ich gerade zu diefer Zeit mich gut und ftrebfam glaubte, fab nun ein, meldje Teu- felet ich begangen Batte. Ich log, verleumdete, beirog oder ſtahl nicht, wie ich e8 als Kind getban, aber idj war undanl- bar, ungeredjf unb Dartfergig unter dem Scheine des äußeren 9tedjtes. Sch mochte mir lange jagen, daß jene Forderung ja nur eine einfadje Bitte um das Geliehene geweſen fei, mie fie alle Welt ver[udjt, und daß weder meine Sutter, nod id) je gemaltjam darauf beitanden hätten; id) mochte mir lange fagen, daß Erfahrung ben 9Reijter made und man audj dieſe Art Unrecht, ala die häufigite und am leichteiten zu begehende, am beiten burdj ein Erlebnis recht einjehen und vermeiden lerne; modte id) mid) aud) überreden, daß Stónter8 Weſen und Schidfal mein Verhalten hervorgerufen unb aud) ohne dDiefen Vorgang feine Erfüllung erreiht hätte: alles dies Din. berie nicht, daß id) mir doch bie bitterften Vorwürfe machen mußte unb mid) jchämte, jo oft Römers Geftalt vor meinen Sinn trat. Wenn ih aud) die Welt permün[djte, melde ber. gleihen Handlungen ala Hug und redjt anerkennt (denn bie rehtlihften Leute Hatten uns zu ber Wiedererlangung ber
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Summe beglückwünſcht), jo fiel bod) alle Schuld wieder auf mid) allein zurüd, wenn id) an die Anfertigung jenes Billetz dachte, welches id) ohne bie mindeite Mühe gefchrieben unb gleihfam aus bem Aermel gejchüttelt Datte. Ich mar bald achtzehn Jahre alt und entdedte jet erft, wie ruhig und un befangen id) feit den Smabenjünben und Krifen yelebt, ſechs [ange Sabre! Und nun ploplid) bieje Unthat! Wenn id) ſchließlich bebadjte, mie ich jenes unverhoffte Erſcheinen Römers al8 eine höhere Fügung angejehen, [o wußte ich nidjt, follte ich lachen ober meinen über ben Dank, den ich dafür gefpendet. Den unbeimlihen Brief wagte idj nicht zu verbrennen und fürdtete midj ihn aufzubewahren; bald begrub ich ibn unter entlegenem Gerümpel, bald zog ich ihn hervor unb legte ihn zu meinen liebiten Papieren, unb nod) jet, fo oft ih ihn finde, verändere id) feinen Ort und bringe ihn anderswo Din, fo daß er auf jteter Wanderjchaft ijt.
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Zechſtes fapttel. Leiden uud Zebes.
Diefe Demütigung traf mid) um fo [türfer, al8 id), in Annas Träumen und Ahnungen rein unb gut zu er[djeinen, den Winter über ein puritanifches Welen angenommen baite und nidt nur meine äußerlihe Haltung, fondern aud) meine Gedanken forgfältig übermad)te unb mid) beitrebte mie ein Glas zu fein, ba8 man jeden Augenblid durchſchauen dürfe. Welche Siererei unb Selbftgefälligkeit dabei thätig war, wurde mir jept exit bei biefer gewaltfamen Störung deutlid), und meine Selbftanklage wurde nodj durch das Gefühl ber Starrbeit und Eitelkeit verbittert.
Unna Hatte "während des Winters ftreng das Zimmer hüten müſſen und wurde im Frühling beitlägerig. Der arme Gdjulmeijter fam in die Stadt, um meine Mutter abztıholen; er meinte, al3 er in die Stube trat. Wir ſchloſſen al[o unfere Wohnung zu und fuhren mit ibm Hinaus, mo meine Sutter wie ein halbes Meerwunder empfangen und geehrt wurde. Sie enthielt fid) jebod), alle die Drte, bie ihr teuer waren, aufgufudjen und ihre gealterten Belannten zu fehen, jonbern eilte, fid) bei bem kranken Sinbe einzurichten; erjt nad) und
nad) benugte fie günftige Yugenblide, unb e8 dauerte Monate lang, bi3 fie alle Jugendfreunde gefehen, obgleich die meijten in ber Nähe wohnten.
Ich hielt mid) im Haufe des Dheims auf und ging alle Tage an ben Gee Hinüber. Anna litt morgens und abends unb in ber Nacht am meijten; den Tag über ſchlummerte fie oder lag [djmeigenb im Bette, und ich fag an bem[elben, ohne viel zu willen, was ich fagen follte. Unſer Verhältnis trat äußerli zurüd vor bem ſchweren Leiden und der Trauer, melde die Zukunft nur Balb verhüllte Wenn id mandjmal ganz allein auf eine Biertelftunde bei ihr jap, fo bielt ich ihre Hand, während fie mich bald ernit, bald lächelnd anſah, ohne zu fprechen, ober höchſtens, um ein Glas oder fonjt einen Gegenflanb von mir zu verlangen. Auch Tieß fie fid) oft ihre Schächtelchen und fleinen Gdjüge auf das Bett bringen, framte diefelben aus, bis fie müde war, mo fie mid) dann alles wieder einpaden ließ. Dies erfüllte un8 beinahe mit einem ftillen Glüde, und wenn id) dann fortging, [o konnte id) nicht be greifen, wie und warum id Anna in Erwartung ſchmerzen⸗ voller Qualen zurüdließ.
Der Frühling blühte nun in aller 98radjt; aber das arme Kind fonnte faum und felten ans Fenſter gebradjt werden. Wir füllten daher bie Wohnjtube, in weldher ihr meißes Bett ſtand, mit Blumenjtöden und bauten vor bem Fenſter ein breites Gerüfte, um auf demjelben burd) größere Töpfe móglidjit einen Garten einguridjten. Wenn Anna an fonnigen Nadj- mittagen eine gute Stunde hatte und mir der warmen Mai» fonne das Fenſter öffneten, ber filberne See durch bie Roſen unb Dleanderblüten herein glänzte und Anna in ihrem weißen Krankenkleide dalag, jo [dien bier ein fanfter trauernber Kultus Des Todes begangen zu werben.
Manchmal aber murde Anna in folden Stunden ganz
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munter unb verhältnismäßig redfelig; wir febten uns dann um ihr Bett herum und führten ein gemüdjfides Geſpräch über Perfonen und Begebenheiten, bald heiterer Satur, und bald erniter, jo daß Anna Bericht erhielt von dem, was unfere Meine Welt bewegte. Eines Tages, al8 meine Mutter in bas Dorf gegangen war, fiel das Geſpräch auf mid) felbit, unb der Schulmeilter wie feine Tochter [dienen e8 auf diefem Gegenjtanbe jo moblmollenb feithalten zu wollen, daß id) mid) äußerft geſchmeichelt fühlte und aus behaglicher Dankbarleit die größte Aufrichtigkeit entgegen bradjte. Ich benugte ben Anlaß, mein Verhältnis zu dem unglüdliden Römer zu er. zählen, über meldhes ich feit jenem Briefe mit niemanden ge fprodjen, und id) brad) in die beftigiten Stlagen über den Bor» fall und mein Verhalten aus. Der Schulmeilter verjtand mid aber nicht redjt; denn er wollte midj beruhigen unb bie Gadje als nicht Balb fo ſchlimm daritellen, und mas darin nod ge= fehlt war, follte mid aufmerfjam madjen, daß mir eben allau- mal Sünder und der Barmherzigkeit des Erlöſers bedürftig fein. Das Wort Sünder war mir aber ein für allemal pet. haßt und lächerlih unb ebenjo die Barmherzigkeit; vielmehr wollte ih ganz unbarmherzig bie Gadje mit mir felbft aus- fechten und mid) verurteilen auf gut weltlich geridjtlidje Art und burdaus$ nicht auf geijtlidje Weife.
Plötzlich aber befam Anna, welche fid) bisher jtill pert. halten, aufgeregt burd) meine Erzählung und burdj mein Ge- baren, einen heftigen Anfall ihrer Strümpfe und Leiden, baB id das arme zarte Weſen zum erften Mal feiner ganzen hilf- Iofen Dual verfallen jab. Große Thränen, durh Rot unb Angſt erprept, rollten über ihre weißen Wangen, ohne daß fie biefelben aufhalten fonnte. Sie mar ganz durd) bie Bewe— gungen ihrer Leiden beſchäftigt, fo daß bald alle 9tüdfidjt und Haltung verfhmwinden mußten, und nur dann und manu richtete
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fie einen kurzen irrenden Blid auf mid, wie aus einer fremden Belt des Schmerzes heraus; zugleich ſchien fie dann eine zarte Scham zu üngitigen, [o maßlos vor mir leiden zu müllen; und id) muß befennen, daß meine Verlegenheit, fo gefund und ungeſchlacht vor bem Heiligtume diefer Marterjtätte zu Stehen, fait jo groß mar, als mein Mitleiden. MUeberzeugt, daß id) ihr baburd) wenigstens einige Befreiung verfchaffe, ließ ich fie in den Armen ihres Vaters und eilte beitürzt und beihämt davon, meine Mutter herbeizuholen.
Nachdem bieje mit einer Nichte fid) fortbegeben, um das kranke Kind zu pflegen, blieb ih ben Neit des Tages im Haufe des Dheims, mir Vorwürfe madjenb über mein plumpes Ungeldid. Nicht nur mein Unrecht gegen Römer, fondern jogar ba8 Belenntnis desfelben und feine heutigen Yolgen warfen einen gehäffigen Schein auf mich, und id) fühlte mid) gebannt in einer jener dunflen Stimmungen, wo einem ber Zweifel aufjteigt, ob man wirklich ein guter, zum Glüd be. ſtimmter Menſch fei? mo e8 fdjeint, ala ob nicht ſowohl eine Cdjledjtigleit des Herzens und des Charakters, als eine ge mile Schledhtigfeit des Kopfes, des Geſchickes einem anhafte, meldje nod) unglüdfidjer madjt, ala die entjdjiebene Teufelei. «dj fonnte nidjt einjchlafen vor bem Bedürfniffe, mid) zu äußern, ba ba8 immermübrenbe Verſchweigen rie bie miß- Iungene Aufrichtigfeit ba8 Gefühl des Unheimlichen nod) vers mebrt. Ich Stand nad) Mitternacht auf, fleibete mid) an und ſchlich mid) aus bem Haufe, um Judith aufzuſuchen. Linges fehen fam id) burdj Gärten unb eden, fand aber alles dunkel unb perjdjloffen bei ihr. Ich ftand einige Zeit unſchlüſſig vor bem Haufe; bod) fletterte ich zulegt am Spalier empor unb Hopfte zaghaft an das Fenſter; denn id) fürdtete mid), das fhöne und kluge Weib aus dem geheimnisvollen Schleier der
Nacht aufzufhreden. Sie hörte und erkannte mid) jogleid), Seller IL 5
jtand auf, aog fid leiht an unb ließ mid) zum Fenſter herein. Dann made fie Licht, Helle zu verbreiten, weil fie glaubte, id) fet in der Abficht gefommen, irgend einige Liebfofungen zu wagen. Aber fie mar [febr verwundert, al3 id) anfing, meine Gejchichten zu erzählen, erit bie gemaltfame Störung, welche ich Beute in bie jtille Sanfenjtube getragen, unb bann bie unglüdlihde Gelhichte mit Römer, beren ganzen Verlauf ih [djilberte. Nachdem ich meinen Zunftreihen Mahnbrief und den darauf erhaltenen Bariferbrief befchrieben, aus deffen In⸗ halt wir wohl Römer Schidfal ahnen fonnten, nur daß mir ftatt des Srrenhaufes gar ein Gefängnis vermuteten, rief Zudith: „Das ijt ja ganz ab[deufid! Schämft bu dich denn nit, bu Knirps?“ Und inbem fie zornig aufs und nieder» ging, malte fie recht genau aus, wie Römer fid) vielleicht er- holt hätte, wenn man ibm nidjt die Mittel zu feinem eriten Aufenthalte in Paris entzogen, mie ihn der Erhaltungstrieb vielleiht, ja fider eine Zeitlang Hätte Hug fein lafjem und hieraus unberechenbar eine befjere Wendung auf Diefe oder jene Weiſe möglid) geme[en.
