Chapter 40
Section 40
„Sieh, fieb! bu gefcheites Vürſchchen!“ Tagte fie fro ladjenb, „du bijt Heute gefommen unb madjt bir gleidj ben Rebel zu nutze, mid) nodj vor Nacht heimzuſuchen; das hätte ich bir nidjt einmal zugetraut!“ — „Nein,“ ermiberte id) zur Erde blidenb, „ih bin geitern gefommen und wohne beim Schulmeilter, weil Anna Tran? ijt. Unter diefen Umſtänden fann idj jedenfalls nicht zu Euch fommen!" Judith ſchwieg eine Weile, die Arme über einander geſchlagen unb [ab mid Hug unb durchdringend an, daß mein Blid in die Höhe ges zogen unb auf bem ihrigen gerichtet wurde.
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„Das wäre allerdings nod) geldjeiter, als wie ih es meinte, fagte fie enblid), „wenn e8 bir nur etwas helfen würde! Dod weil unjer armes Schätzchen fran? ijt, fo will idj billig fein und unfere Uebereintunft abändern. Der Nebel wird (id) wenigſtens eine Woche lang täglich mehrere Stunden auf bie felbe Weife zeigen. Wenn du, jeden Tag zu mir fommit, fo will ih di für die 9tadjt deiner Pflicht entbinden und dir zugleich verjpredhen, bid) nie zu liebfofem und bid) felbit zurecht zu weilen, wenn bu e8 thun mollteit; nur mußt bu mir jedesmal auf ein und dieſelbe Frage ein einziges Wörtchen antworten, ohne zu lügen! „Weldje Frage?" fagteih. „Das wirft bu [don ſehen!“ ermiberte fie; , omm, ich babe [djone Aepfel!“
Sie ging mir voran zu einem Baume, deſſen Aeſte und Blätter edler gebaut ſchienen, als die der übrigen, ſtieg auf einer Leiter einige Sproſſen Dinan unb brach einige [dn ge- formte und gefärbte Uepfel. Einen davon ber nod im feuchten Dufte glänzte, bip fie mit ihren weißen Zähnen ent- zwei, gab mir die abgebijjene Hälfte und fing an bie andere zu eifem. Ih aß bie meinige ebenfalls unb rajd; fie mar von ber felteniten Friihe und Gewürzigkeit, und id) konnte faum erwarten, bi3 fie e8 mit dem zweiten Apfel ebenjo madjte. Als wir drei Früchte fo gegeflen, war mein Mund fo füß er» frifcht, daß ih mid) zwingen mußte, Judith nicht zu küſſen und bie Süße von ihrem Munde nodj dazu zu nehmen. Cie fab es, lachte und [pradj: „Run fage: bin id) bir lieb?" Sie blidte mich dabei felt an, unb id) Tonnte, obgleich idj jetzt leb⸗ haft und beitimmt an Anna badjte, nicht anders und fagte Sa! Zufrieden fagte Judith: „Dies jolljt bu mir jeden Tag fagen!"
Hierauf fing fie an zu plaudern unb fagte: „Weißt bu eigentlih, wie e8 mit bem guten Kinde fteht?" Mes ich er-
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widerte, daß ich allerdings nicht Flug daraus würde, fuhr fie fort: „Man fagt, daß das arme Mädchen [feit einiger Zeit merfwürdige Träume und Ahnungen babe, daß fie ſchon ein “ paar Dinge vorausgefagt, bie wirklich eingetroffen, daß manchmal im Zraume, wie im Wadjen fie plóglidj eine Art 3Borjtellung und Ahnung von bem befomme, was entfernte PBerjonen, die ihr lieb find, jet thun oder laffen oder wie fie fid) befinden, baB fie jebt ganz fromm fei und endlich auf ber Bruft leide! Sd) glaube dergleihen Gadjen nicht, aber fran! ijt fie gewiß, unb ih mün|de ihr aufrihtig alles Gute, denn fie ift mir auch lieb um deinetwillen. — Aber alle müffen leiden, was ihnen bejtimmt ijt!^ fegte fie nachdenklich Hinzu.
Während ich ungläubig den Kopf idjüttelte, burdjfubr mid) bod) ein leichter Schauer, und ein jeltjamer Schleier ber Fremd⸗ artigfeit legte fid) um Annas Geftalt, meldje meinem inneren Auge por[djmebte. Und faft in bemjelben 9(ugenblide mar e$ mir aud), als ob fie mid) jegt [eben müſſe, wie ich periraulid) bei ber Judith jtanb; ich erſchrak darüber unb jab mid) um. Der Rebel [ojte fidj auf, ſchon [ab man burd) feine filbernen Flöre ben blauen Himmel, einzelne Gonnenjirablen fielen fhimmernd auf die feuchten Zweige und beglänzten die Tropfen, welche ſich fallend ablöften; ſchon fab man den blauen Schatten eines Mannes porübergeben, und endlid drang die Klarheit überall dur, umgab uns und warf, wie wir waren, unfer beider Gdjlagidjatten auf den matt bejonnten Grasboden.
Ich eilte davon und hörte in dem Haufe meines Oheims bie Beitätigung deifen, ma8 mir Sudith mitgeteilt; wohl auf- gehoben in bem lebendigen Haufe und beruhigt burd) das ver- traulihe Geſpräch, lächelte ih wieder ungläubig und war froh, in meinen jungen Bettern Genofjen zu finden, meldje fih aud) nicht viel aus dergleihen madjten. Doc blieb immer eine gemifchte Empfindung in mir zurüd, da jdon die Neigung zu
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folden Erſcheinungen, ber 9(n[prud) darauf mir beinahe eine Anmaßung zu fein [dien, bie ich ber guten Anna zwar feineswegs, aber bod) einem mir fremden und nicht millfom. menen Weſen guredjnen fonnte, in meldjem ich fie jegt befangen fab. So trat id) ihr, als ich abends zurüdfehrte, mit einer gewiſſen Scheu entgegen, meldje jedoch durch ihre Iieblidje Gegen- wart bald wieder zeritreut wurde; und als fie nun felbit, im Gegenwart ihres Vaters, leife anfing, von einem Ztaume zu ſprechen, den fie vor einigen Tagen geträumt, und id) baber fab, daß fie willens fei, mid) in das vermeintliche Geheimnis zu ziehen, glaubte ich unvermweilt an die Sache, ehrte fie und fand fie nur um fo liebenswürdiger, je mehr id) vorhin daran gezweifelt.
Als ich mid) allein befand, dachte ih mehr darüber nad) unb erinnerte mich, von ſolchen Berichten gelejen zu haben, mo, ohne etwas Wunderbares und llebernatürlidje$ anzunehmen, auf nodj unerforfchte Gebiete und Fähigkeiten der Natur felbit bingewiefen wurde, fomwie ich überhaupt bei reiffifer Belrad- tung mod) mandjes verborgene Band und Gefeg moglid) halten mußte, wenn ich meine größte Möglichkeit, ben lieben Gott, nicht zu febr bloßitellen unb in eine öde Einſamkeit bannen wollte.
Ich lag im Bette, al8 mir diefe Gedanken flar murben unb id ber Unfchuld und Nedlichlet Annas gebadjte, als welche bod) aud) zu berüdjidjtigen wären; unb nidj fo bald befiel mich biefe Vorſtellung, fo ftredte ih mid) anjtánbig aus, freuste die Hände zierlid über ber Bruſt unb nahm fo eine höchſt gemáblte unb ideale Stellung ein, um mit Ehren zu bejteben, wenn Annas Geifterauge mid etma unbe» mußt erbliden jollte. Allein das Einfchlafen bradjte mich bald aus diefer ungewohnten Lage und id) fand mid) am Morgen zu meinem Berdruffe in der bebaglidjiten und trivialiten Yıgur von ber Welt.
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SH raffte mid) Haftig zufammen, und mie man be$ Morgens Geſicht und Hände wäſcht, fo wuſch ich gewiſſermaßen Geſicht und Hände meiner Seele und nahm. ein zufammenge- faßtes und forgfältiges Wefen an, [udje meine Gebanfen zu beberríden unb in jedem Augenblide klar und rein zu fein. So erſchien ih vor Anna, mo mir ein jold) gereinigtes unb fefttägliche8 Dafein leicht wurde, indem in ihrer Gegenwart eigentlich fein anderes möglich war. Der Morgen nahm wieder feinen Berlauf wie geftern, der Rebel jtanb dicht vor ben Tenftern und [dien mid hinaus zu rufen. Wenn mid) jebt eine Unruhe befiel, Judith aufzufuchen, fo war dies weniger eine maploje Unbeftändigfeit und Schwäche, als eine gutmütige Dankbarkeit, bie id) fühlte und bie mid) drängte, der reigenben Frau für ihre Neigung freundlich zu fein; denn nad) ber un vorbereiteten und unveritellten Sreude, in melcher ich fie geitern überrajdjt, durfte ich mir nun wirflich einbilben, bap fie mir berzlih gut war. Und ich glaubte ihr unbebenflid) jagen zu fónnen, daß fie mir lieb jei, indem ich fonderbarer Weife da» dur gar feinen Abbruch meiner Gefühle für Anna wahrnahm und e8 mir nicht bewußt war, daß ich mit biefer Verficherung fait nur das Verlangen ausſprach, ihr reiht heftig um den $al8 zu fallen. Zudem betrachtete ich meinen Beſuch als eine gute Gelegenheit, mid) zu Beberridjen und in der gefährlichiten Umgebung bod) immer fo zu fein, daß mid) ein verräterifcher Traum zeigen durfte.
Unter folden Sophismen machte ich mid) auf, nicht ohne einen ängitlihen Blid auf Anna zu werfen, an welcher id) aber feinen Schatten eines Zweifels entdedte Draußen zögerte id) wieder, fand aber den Weg unbeirtt zu Judiths Garten. Sie jelbit mußte ih exjt eine Weile fuchen, weil fie, mich gleich am Eingange fehend, fid) verbarg, in den Nebelwolken hin und ber ſchlüpfte unb baburd) jelbjt irre wurde, fo daß fie zulekt
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ſtill ſtand und mir [eife rief, bis ich fie fand. Wir madjten beide ummillfürlid) eine Bewegung, uns in den Arm zu fallen, hielten ung aber zurüd und gaben uns nur die Hand. Sie fammelte immer nodj Dbit ein, aber nur bie edleren Arten, welde an fíeinen Bäumen wuchſen; das übrige verkaufte fie unb ließ e8 von den Käufern felbit vom Baume nehmen. Sd half ihr einen Korb voll bredjen und jfieg auf einige Bäume, mo fie nicht bingelangen fonnte. Aus Mutmwillen ftieg id) aud) in bie oberjte Krone eines hohen Apfelbaumes hinauf, daß id) im Nebel per|djmanb. Sie fragte mid) unten ob idj fie lieb hätte, und idj antwortete gleihfam aus den Wolfen mein Ja. Da rief fie ſchmeichelnd: „Ad, das ijt ein fchönes Lied, Das hör’ id gern! Komm herunter, bu junger Vogel, der [o artig ſingt!“
So brachten wir alle Tage eine Stunde zu, eh' ich zu meinem Dheim ging; wir ſprachen dabei über dies und jenes, ich erzählte viel von Anna und ſie mußte alles anhören und that es mit großer Geduld, nur damit ich da bliebe. Denn während ich in Anna den beſſeren und geiſtigeren Teil meiner ſelbſt liebte, ſuchte Judith wieder etwas Beſſeres in meiner Jugend, als ihr die Welt bisher geboten; und doch ſah ſie wohl, daß ſie nur meine ſinnliche Hälfte anlockte; und wenn ſie auch ahnte, daß mein Herz mehr dabei war, als ich ſelbſt wußte, ſo hütete ſie ſich wohl, es merken zu laſſen und ließ mich ihre tägliche Frage in dem guten Glauben beantworten, daß es nicht ſoviel auf ſich hätte.
Oft drang id) auch in fie, mir von ihrem Leben zu et» zählen und marum fie [o einfam fei. Sie that e8 und id) hörte ihr begierig zu. Ihren verftorbenen Mann hatte fie als junges Mädchen geheiratet, weil er [djón und fraftooll ausge feben. Über es zeigte fidj, bap er dumm, fleinlid) und klatſch⸗ haft war und ein lächerlicher Topfguder, meldje Eigenfchaften
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fi alle Binter ber ſchweigſamen Blödigfeit des Freiers per» itedt batten. Sie fagte unbefangen, fein Tod fei ein großes Glüd gemejen. Nachher bewarben fid) nur jold Männer um fie, welde ihr Vermögen im Auge hatten und fidj fchnell anderswohin richteten, wenn fie ein paar hundert Gulden mehr verfpürten. Sie jab, wie blühende, kluge unb handliche Männer ganz windſchiefe und blafie Weibchen heirateten mit jpigigen Naſen und vielem Gelbe, weswegen fie fid) über alle [ujfig machte und fie ſchnöde behandelte „Uber ich muß felbit Buße tbun," fügte fie Hinzu, „warum hab’ ich einen fchönen Efel genommen!“
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Fünftes Kapitel. Thorheit des Meilters und bes Schllers.
Nach adjt Tagen lebrte id) zur Stadt zurüd und nahm meine Arbeit bei Römer wieder auf. Da e8 mit bem Zeichnen im Freien vorbei unb aud) nichts meiter zu fopierem mar, leitete mid) Römer an, au per|udjen, ob ih aus bem Gewon⸗ nenen ein Ganzes und Selbitändiges Deritellen fónne. Ich mußte unter meinen Studien ein Motiv fuchen und felbiges zu einem feinen Bilde ausdehnen und abgrenzen. „Da wir bier ohne alle Mittel find,” fagte er, „außer meiner eigenen Mappe, welche Sie mir diefen Winter hindurch in die Ihrige hinüberpinfeln würden, wenn ich e8 zugäbe, fo ijf e8 am beiten, wir madjen e8 fo; Sie find amar nodj zu jung dazu und werden nod) ein oder zwei Mal mit neuen Erfahrungen von vorn anfangen müflen, ehe Sie etwas PDauerhaftes maden. Indeſſen wollen wir immerhin per[udjen, ein Viereck fo auszufüllen, daß Sie e8 im Notfall verkaufen können!”
Mit ber erjten Probe ging e8 ganz orbentlid); ebenjo mit der zweiten und dritten. Die frifhe Luft, bie Einfachheit bes Gegenitandes unb Römers fihere Erfahrung lieben die Gründe fid) wie von felbjt aneinander fügen, das Licht wurde ohne
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Schwierigkeit verteilt unb jede Partie in Lit unb Schatten vernünftig und flar ausgefüllt, fo daß feine nichtsfagenden und verworrenen Stellen übrig blieben. Großes Vergnügen gewährte e8 mir, wenn id) einen oder einige Gegenftände, zu denen die vorliegenden Studien im Licht gehalten waren, in Schatten jegen mußte oder umgelehrt, wo dann burd) eigenes Nachdenken und Berechnung ein Neues und bod) einzig Not menbige8 bezwedt murbe, nad) bem Bedingungen ber Lokal farbe, ber Tageszeit, des blauen ober bemólften Himmels und ber benadjbarten Gegenftände, welche mehr oder weniger Licht unb Farbe zurückwerfen mußten. Gelang es mir, den mahr- ſcheinlichen Ton zu treffen, ber unter ähnlichen Verhältniffen über ber Natur felbjt geſchwebt hätte — was man gleich jab, indem ein wahrer Ton immer einen ganz eigentümlichen Zauber übt — fo beihlid mid) ein ſtolzes Gefühl, in mweldjem mir meine Grfabrung und das Weben ber Natur Gina zu fein ſchienen.
Allein das Vergnügen erwies fid) ſchwieriger, als umfang- und inhaltsreichere Sachen unternommen wurden und, burd) diefe Thätigkeit hervorgerufen, meine Erfindungsluft wieder auftaudjte und übermudjrte. Das gemidtige Wort Kompo- nieren ſummte mir mit prablerijdem Klang in den Ohren unb ich ließ, ala idj nun [ormlidje Skizzen entwarf, die zur Ausführung beftimmt waren, meinem Hange den Zügel [djieben. Ueberall fuchte ich poetijdje Winkel und Plätzchen, geiſtreiche Beziehungen und Bedeutungen anzubringen, meldje mit der et» forderlihen Ruhe und Ginfadjbeit in Widerfprud gerieten. Römer ließ mich eine foldhe Skizze unbeichnitten ausführen unb als das Machwerk mir felbft nicht behagen mollte, ohne bab id) wußte warum, zeigte er mir triumpbierenb, daß bie ted)» nifhen Mittel unb bie Raturwahrheiten im einzelnen der an«
ſpruchsvollen unb ge[udjten Kompofition wegen feine Wirkung Keller IL 4
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thun, zu feiner Geſamtwahrheit werden fönnten unb um meine hervorſtechende Zeichnung Bingen, wie bunte Slitter um ein Gerippe, ja daß fogar im einzelnen Feine [rijde Wahrheit möglich jei, aud) bei dem beiten Willen nicht, weil vor der überwiegenden Erfindung, vor dem anmaßenden Spiritualismus (mie er fi ausdrüdte) die Naturfrifche fid) fozufagen aus ber Pinfelipige in den Pinſelſtiel [probe zurückziehe.
„Es gibt allerdings," fagte Römer, „eine Richtung, deren Hauptgewicht auf der Erfindung, auf Koſten der unmittelbaren Wahrheit beruht. Solche Bilder fehen aber eher wie gejcdhrie- bene Gedichte, ald wie mirflidje Bilder aus, wie e8 ja aud) Gedichte gibt, welche mehr den Ginbrud einer Malerei madjen möchten, al8 eines geijtig tönenden Wortes. Wenn Sie in Rom wären und bie Arbeiten des alten Koch ober Reinhards fähen, jo würden Gie, Ihrer beutlidjen Neigung nad), ſich entzüdt den alten Käuzen anfchließen; e8 ijt aber gut, daß Sie nicht dort find, denn dies ij eine gefährlide Gadje für einen jungen Künſtler. (58 gehört dazu eine burdjaus ge- biegene faft wiſſenſchaftliche Bildung, eine ftrenge, fichere und feine Zeichnung, welche nod) mehr auf dem Studium der menfhlihen Gejtalt, al8 auf demjenigen der Bäume und Sträucher beruht, mit einem Wort: ein großer Stil, welcher nur in dem Werte einer ganzen reichen Erfahrung beitehen kann, um ben Glanz gemeiner Naturwahrheit vergefjen zu lajjen; und mit allem Diefem iit man erſt zu einer ewigen Sonderlinggitellung und Armut verdammt, und das mit Recht, denn bie ganze Art ift unberedjtigt und thöricht!"
Sd fügte mid) diefen Reden aber nit, weil ih ibm (don abgemerft batte, daß ba8 Erfinden nidt feine Stärfe war; denn fdjon mehr als ein Mal hatte er, meine Anord⸗ nungen forrigierenb, Lieblingsftellen in Bergzügen ober Wald⸗ gründen, bie id) recht bebeutjam glaubte, gar nicht einmal ge-
feben, indem er fie mit bem markigen Bleiftifte ſchonungslos überfchraffierte unb zu einem kräftigen aber nidjt2fagenben Grunbe ausglid. Wenn fie aud) ftórten, fo hätte er meiner Meinung nad wenigitens fie bemerken, mid) verjtehen und etwas darüber jagen müflen.
Sch wagte daher au miber[predjen, [dob die Schuld auf die Waſſerfarben, in melden feine Kraft und Freiheit möglich fei, unb [pradj meine Sehnſucht aus nad) guter Leinwand und Delfarben, wo alles ſchon von ſelbſt eine re[peftable Geftalt und Haltung gewinnen würde. Hiermit griff ich aber meinen Lehrer in feiner Grijteng an, indem er glaubte und behauptete, daß bie ganze und volle Künftlerfhaft ftd) hinlänglich und vorzüglid nur burd) etwas weißes Papier unb einige englifche Farbentäfelchen bethätigen und zeigen könne. Er Hatte feine Bahn abgeſchloſſen und gebadjte nichts anderes mehr zu Ieijten, als er ſchon that; daher beleibigte ibn, wie id) nun zu er. fennen gab, daß idj das burdj ihn Gelernte nur als eine Staffel betrachte und bereit3 mid) darüber hinweg zu etwas Höheren berufen fühle. Er murbe um fo empfindlicher, als ih einen lebhaften und wiederholten Streit über diefen Gegen- ftand bartnädig aushielt, von meinen Hoffnungen nicht abließ unb feine Wus|prüdje menn fie ins allgemeine gingen, nicht mehr unbedingt annahm, vielmehr ungejdjeut beitritt. Hieran war bauptfählih ber Umſtand ſchuld, daß feine fonjtigen Ge: fpráde und Mitteilungen immer jonberbarer und auffallender geworden unb meine Adhtung vor feiner Urteilskraft geſchwächt hatten. Mandes fiel zufammen mit den bunflen Gerüdten, bie über ihn ergingen, fo daß id) eine Zeitlang in ber peine Iihften Spannung mid) befand, au8 einem geehrien und agus verläffigen Lehrer die ſeltſamſte und rätjelhaftelte Gejtalt fid) Beraus[djülen zu jeben.
Schon [feit einiger Zeit wurden feine 9feuBerungen über
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Menſchen und Berhältniffe immer härter und zugleidy bes jtimmter, indem fie fid) ausjdjlieBlider auf politifhe Dinge bezogen. Er ging alle Abende in einen Lejezirfel unjerer Stadt, las dort die franzöfiihen und englifhen Blätter und pflegte fid) vieles zu notieren, ſowie er aud) in feiner Woh⸗ nung allerlei geheimnisvolle Papierſchnitzel banbbabte und fid) oft über wichtigem Schreiben betreffen ließ. Borzüglid machte er fid mit bem Journal des Debats zu [daffen. Unſere Regierung nannte er einen Zrupp ungefdhidter Krähminkler, den großen Rat aber ein verächtliches Gefindel unb unfere beimifchen Zustände im ganzen dummes Zeug. Darüber ward ih ftugig und hielt mit meinen Zuftimmungen zurüd ober ver» teidigte unfere Berhältniffe und hielt ihn für einen mallon- tenten Menſchen, melden ber lange Aufenthalt in fremden großen Städten mit Beratung ber engen Heimat angefüllt babe. Er fprad oft von Louis Philipp und tadelte beijen Maßregeln und Schritte, wie einer, ber eine geheime Bor: ſchrift nit pünktlich befolgt fieht. Ginjt fam er ganz um wirſch nad) Haufe und beklagte fid) über eine Rebe, melde ber Minifter Thiers gehalten. „Mit diefem vertraten Kleinen Burſchen ijt nichts anzufangen!” rief er, indem er ein Zeitungs» egcerpt zerfnitterte, „ich hätte ihm Diefe eigenmädhtige Rafeweis- heit gar nicht angefehen! Ich glaubte in ihm den gelehrigiten meiner Schüler zu haben." „Zeichnet denn ber Herr Thiers audj Landſchaften?“ fragte ih, und Nömer ermiberte, indem er fid) bedeutungsvoll bie Hände rieb: „Das eben nicht! lajjen wir dag!”
