Chapter 4
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zu ermitteln, inwiefern jenes Gefeg nur ber Ausdrud eines (don in der Menſchheit vorhandenen und erfannten Bedürfniſſes fei; denn ih fab, bag e8 nur von einem beitimmten Zeile ber Menſchen rein und ungigennügig befolgt wurde, von ben. jenigen nämlih, melde ihre natürlichen Gemütsanlagen dazu trieben. Die andern, welche ihr urfprünglies Rachegefühl überwanden unb auf das PBergeltungsreht mit Mühe ver. zihteten, (dienen mir oft dadurch mehr Vorteil über ihren Feind zu gewinnen, als fid) mit dem Begriffe der reinen Selbſtentãußerung vertrug; weil zufolge ber tiefen Vernunft und. Klugheit, bie zugleich im Verzeihen liegt, der Widerſacher allein e8 ijt, welcher fid) in feiner unfrudjtbaren Wut aufreibt und pernidjte. Dies Verzeihen ijf e8 audj, was in großen, geſchichtlichen Kämpfen bie Ueberlegenheit des Gieger8, nachdem er einen Handel männlich aus$ge[odjten bat, vermehrt unb be. urfunbet, daß diefelbe aud) moralijd) eine reif gewordene iit. €o ijt das Schonen unb Aufrichten des gebeugten Gegners mehr Gade der allgemeinen Weltweisheit; das eigentliche Lieben aber bes Seindes in voller Blüte und fo lange er uns Schaden aufügt habe idj nirgends gefehen.
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Viertes Aapitel. Lob Gottes snb der Mutter. Mom geten.
Sm Berlaufe der eriten Schuljahre fand ich nun häufige Gelegenheit, meinen Verkehr mit Gott zu erweitern, da die kleinen Erlebniſſe ſich vermehrten. Sch Hatte mich bald in den Beltlauf ergeben und that, wie die andern Kinder, mas id) nicht Taffen fonnte. Dadurch mar ich abwechſelnd zufrieden unb geriet in Bedrängnis, mie e8 das "Wohlverhalten oder bie Bernadjläffigung meiner Pflichten nebit allerhand kindiſchem Unfuge mit fid) brachten. Sm jeder üblen Lage aber rief id) Gott an unb beiete in meinem Innern in wenigen wohlge- lebten Worten, menm die Srijió gu reifen begann, um eine günftige Cntídeibung und um Rettung aus der Gefahr, und ih muß au meiner Schande geitehen, daß idj immer entweder das Unmöglihe oder das lingeredjte verlangte. Dft war e$ der Fall, daß meine Sünden überfehen wurden; und alsbann ließ id e8 nidjt an herzlichen Dankgebeten aus dem Stegreife fehlen, welche um fo vergnüglider waren, al8 mir ber Sinu für die SBerbientDeit der Strafe fo lange verſchloſſen blieb, bis id bewußte Fehler beging. So bejtanb der Stoff meiner Anrufungen aus ber munberlidjiten Miſchung; das eine Mal
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bat ih um bie gelungene Probe eines jchwierigen Rechen- erempel8 oder daß, der Borgefekte für einen Tintenfler in meinem Hefte mit Blindheit gefchlagen werde; ba8 andere Mal, ein zweiter Joſua, um Stillſtand der Sonne, wenn id) mid) zu verjpäten drohte, ober aud) um Erlangung eines fremden lederen Backwerkes. Als die Jungfrau, welche ich die meiße Volle nannte, einft für lange Zeit perreijte und eines Abends bei uns Abſchied nahm, während idj idjon in meinem Betichen lag, jebod) alles hörte, bat ich meinen Bimmlijden Bater in fehnlichen Ausdrüden, er möchte bewirken, daß fie mid) Hinter meinen Borhängen nicht vergefle und nod) einmal tüdjtig küſſe. Ich fchlief über der fteten Wiederholung des gleichen furgen Sabes endlid ein und weiß zur Stunde nod) nicht, ob meine Bitte in Erfüllung gegangen tit.
Eines Tages wurde id) zur Strafe über bie Mittagzeit in der Schule zurückbehalten und eingeſchloſſen, ſo daß ich crit auf ben Abend zu eſſen bekam. Das mar das erſte Mal, wo ich den Hunger kennen und zugleich die Ermahnungen meiner Mutter verſtehen lernte, welche mir Gott vorzüglich als den Erhalter und Ernährer jeglicher Kreatur anpries und als den Schöpfer unſers ſchmackhaften Hausbrotes darſtellte, ber Bitte gemäß: Gieb und heut unfer tägliches Brot! Ueberhaupt gewann idj für bie Rahrungsdinge Intereffe und manche Ein- fiht in bie Beichaffenheit derfelben, indem ich fait ausſchließ⸗ lid) den Berfehr von frauen mit anjab, deifen Hauptinhalt ber Erwerb unb. die Beiprehung von Lebensmitteln mar. Auf meinen Wanderungen burdj dad Haus drang id) allmäh- ih tiefer in den Haushalt ber Mitbewohner ein und ließ midj oft aus ihren Schüffeln bewirten, unb unbanfbarer Weiſe (dmedten mir die Speilen überall bejjer, als bei meiner Mutter. Jede Hausfrau verleiht, aud) wenn bie Mezepte ganz die gleichen find, bod) ihren Gpeijen burdj bie Zubereitung
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. einen befondern Geihmad, welcher ihrem Charakter entſpricht. Durch eine fleine Bevorzugung eines Gewürzes ober eines Krautes, durch größere Fettigkeit ober Trodenheit, Weichheit ober Härte, befommen alle ihre Speifen einen beitimmten Charakter, welcher das genäfdige ober nüchterne, weichliche ober fpröde, Bipige ober falte, bas verſchwenderiſche ober geizige Weſen der Köchin aus[prijt, unb man erfennt ficher bie Hausfrau aus ben wenigen Hauptfpeifen des Bürgerjtandes ; ich meinerfeits, ala ein frübzeitiger Kenner, Habe aus einer bloßen Fleiſchbrũhe ben Inſtinkt gefhöpft, mie ih mif zu ber Meifterin derfelben zu verhalten Babe. Die Speifen meiner Mutter Hingegen ermangelten, fo zu fagen, aller unb jeder Befonderheit. Ihre Suppe mar nicht feit unb nicht mager, ber Kaffee nicht ſtark und nicht ſchwach, fie verwendete fein Salzkorn zu viel und feines Dat je gefehlt; fie fodite ſchlecht unb recht, ohne Manieriertheit, wie die Künftler fagen, in ben reinjten Verhältniffen; man fonnte von iren; Seifen eine große Menge genießen, one fi den Magen zu verderben. Sie ſchien mit ihrer weifen und maßvollen Hand, am Herde jtehend, iüglifj das Gprüdjmort zu verlörpern: Der Menſch ipt, um zu leben, unb lebt nicht, um zu effen! Xie unb in feiner Seife mar ein Ueberfluß zu bemerken und ebenfo wenig ein Mangel. Diefe nüdjterne Mittelitraße Iangmweilte mid, ber id meinen Gaumen bann und mann anderswo bedeutend reigte, und idj begann, über ihre Mahlzeiten eine [djavfe Kritik zu üben, fobald idj fatt und bie legte Gabel voll vertilgt war. Da idj mit meiner Mutter immer allein bei Zijde jag und fie lieber auf Gefprüd) und Unterhaltung badjte, als auf ein genaues Erziehungsfgitem, fo wies fie mid nicht fury unb ſtrafend zur Ruhe, fondern miberlegte mid) mit SBerebjamteit und jtellte mir hauptfählih vor, auf Menſchenſchickſale und Lebensläufe übergehend, mie id} vielleicht eines Tages frob
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fein mürbe, an ihrem Zifche zu figen und zu eſſen; dann werde fie aber nicht mehr da fein. Obgleich ih bagumal nicht redjt einjab, wie das zugehen follte, jo wurde id) bod) jedesmal gerührt und von einem geheimen Grauen ergriffen und [o für einmal geihlagen. Machte fie alsdann aud) nod) auf bie Undankbarkeit aufmerfjam, meldje ich gegen Gott be- ging, indem id) feine guten Gaben tabelte, jo Dütete id) mid) mit einer heiligen Scheu, ben allmädtigen Geber ferner zu beleidigen nnb verſank in Nachdenken über feine trefflihen und wunderbaren Eigenfchaften.
"Run geihah e8 aber, daß in dem Maße, als ich ibn deutlicher erjaBte unb fein Wefen mir unentbebrlidjer und er» fprießlicher wurde, mein Umgang mit Gott fid) verfhämt zu verjjleiern begann, und als meine Gebete einen gemiljen Sinn erhielten, mid eine madjjenbe Scheu beihlih, fie [aut Dergufagen. Meine Mutter war eine einfahen und nüchternen Gemüte8 und nichts weniger, als das, was man eine warm anbüdjtige Yrau nennt, fonbern fchlehthin gottes[ürd)fig. Ihr Gott mar midj ber Befriediger und Grfüller einer Menge bunfler und drangvoller Herzensbedürfniffe, jonbern flar und einfach ber vorforgende und erhaltende Vater, die Vorſehung. Ihr gewöhnliches Wort war: Wer Gott vergißt, den vergibt er aud; von der inbrünftigen Gottesliebe dagegen hörte id) fie nie reden. Defto eifriger aber hielt fie darauf; e8 murde ihr in unferer Berlaffenheit für bie lange und dunfle Zukunft ene Qauptíade, ba& Gott der Ernährer und Beſchützer mir immer vor Augen fei, und fie legte mit anbauernder Sorge den Grund zu einem lebendigen Gottvertrauen in mid).
Infolge diefes rührenden Beſtrebens unb auf das Zu- reben einer nichtsnußigen Heuchlerin wollte fie eines Sonntags, als mit uns eben zu Zijdj gelebt hatten, das Tifchgebet einführen; welches bis dahin nicht üblich gemejen im unferm
Haufe, und fagte mir zu biefem Amede ein Tleines altes Volksgebet vor, mit ber Aufforderung, es jegt und in Zukunft nadjaubeten. Uber wie erjtaunte fie, als ih nur die erften Worte troden hervorbrachte und bann ploglid) veritummte und nicht weiter Tonnte!
Das Elfen dampfte auf dem Tiſche, e8 mar ganz [tul in der Stube, bie Mutter wartete, aber idj bradjte feinen Saut Deroor. Sie mieberholte ihr Berlangen, aber ohne Erfolg; id) blieb jtumm und niedergefchlagen und fie ließ e8 für Dies- mal bemenben, ba fie mein Benehmen für eine gewöhnliche Kinderlaune hielt. Am folgenden Tage wiederholte fid ber Auftritt und fie murbe nun ernſtlich befümmert und jagte: „Warum willft Du nidt beten? Schämft Du Sij?" Das war nun amar ber Yall, id) vermodte e8 aber nidjf zu be jahen, weil, menn id) e$ gethan, e8 doch nicht wahr gemejen wäre in bem Sinne, wie fie e8 perjtanb. Der gebedte Tiſch fam mir vor wie ein Dpfermahl, und das Händefalten nebft dem feierlichen Beten vor den duftenden Schüffeln wurde zu einer Geremonie, meldje mir aljobalb unbefieglih wideritand. Es mar nidt Scham vor der Welt, wie e8 der Prieiter zu nennen pflegt; denn mie jollte ih midj vor ber einzigen Mutter (dümen, vor melder ich bei ihrer Milde nichts zu ver. bergen gewohnt mat? Es war Scham vor mir felber; idh fonnte mid) felbit nicht fpredjen hören, unb habe e8 audj nie mehr dazu gebradjt, in der fiefíten Einſamkeit und Verborgen⸗ heit laut zu beten.
„Nun ſollſt Du nicht eſſen, bis Du gebetet haſt!“ ſagte die Mutter, und ich ſtand auf und ging vom Tiſche weg in eine Ecke, wo ich in große Traurigkeit verfiel, die mit einigem Trotze vermiſcht war. Meine Mutter aber blieb ſitzen und that ſo, als ob ſie eſſen würde, obgleich ſie es nicht konnte, und es trat eine Art düſtrer Spannung zwiſchen uns ein, wie
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id) fie nod) nie gefühlt batte unb die mir das Herz beflemmte. Sie ging Ichweigend ab und zu und räumte den Tiih ab; als jebod) die Stunde nahte, mo ich wieder zur Schule geben follte, Dradjte fie mein Gfjen, indem fie fid) die Augen wiſchte, ala ob ein Stäubdhen darin wäre, wieder herein und fagte: „Da lannít Du efien, Du eigenfinniges inb!" worauf id) meinerjeit8 unter einem Ausbrudhe von Schluchzen und Thränen mid binfegte und es mir tapfer [djmeden ließ, fobald bie heftige Bewegung nachließ. Auf bem Wege zur Schule ließ id e8 nit an einem vergnügten Danffeufzer fehlen für bie gludliche Befreiung und Berföhnung.
As id in fpäteren Jahren im Heimatdorfe auf $Befud) war, wurde ih an das Ereignis lebhaft erinnert burdj eine Gedichte, welche fid vor mehr als hundert Jahren mit einem Kinde dort zugetragen Hatte und einen tiefen Eindrud auf mich machte. In einer Ede ber Kirhhofmauer war eine Fleine fteinerne Tafel eingelajfen, melde nichts als ein Halbverwit- terte® Wappen und bie Jahrzahl 1718 trug. Die Leute nannten diejen Bla das Grab des Hexenkindes und erzählten allerlei abenteuerlihe und fabelhafte Geſchichten von bemjelben, mie es ein vornehmes Kind au8 ber Stadt, aber in das Pfarrhaus, in meldjem dazumal ein gottesfürdhtiger und jtrenger Mann wohnte, verbannt gemejen jei, um von feiner Gottlojig- let und unbegreijfid) frübzeitigen Qererei geheilt zu werben. Diefes [fei aber nicht gelungen; vorzüglich habe e8 nie dazu gebracht werden können, bie drei Namen ber höchſten Srei einigfeit auszuſprechen, und fei in diefer gottlofen Halsitarrig- let verblieben und elenbiglid) verjtorben. Es jei ein auber- ordentli feines und Fluges Mädchen in dem zarten Alter von Sieben Jahren und bejjenungeadjtet die allerärgite Here gemefen. Beſonders hätte e$ ermadjjene Mannsperjonen ver- führt - und es ihnen angelban, menm e$ fie nur angeblidt,
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daß felbe fid fterhli im dag Tleine Kind verliebt unb feinet- wegen böfe Händel angefangen häiten. Sodann hätte es feinen Unfug mit dem Geflügel getrieben und insbefondere alle Tauben des Dorfes auf ben Pfarrhof gelodt unb felbft ben frommen Herrn verhert, bab er diefelben öfter inbebaltem, | gebraten und zu feinem Schaden geſpeiſt habe. Selbſt bie ede im Waller habe e8 gebannt, indem e8 tagelang am Ufer ſaß und die alten Augen Forellen verblenbete, daß fie bei ihm vermeilten‘ und in großer Eitelkeit vor ihm berum. Ihmwänzelten, fid) in der Sonne fpiegelnd. Die alten Frauen pflegten diefe Sage als Schreckmännchen für bie Kinder zu gebrauchen, wenn fie nit fromm waren, und fügten mod viele feltfame und phantaftiihe Züge Hinzu. Im Pfarrhauje hingegen Bing wirklich ein altes dunfles Delgemälde, bas itis dieſes merkwürdigen Kindes enthaltend. —€5 war ein ^"auBerorbent[id) zartgebautes Mädchen in einem blaßgrünen Damaftlleide, deifen Saum in einem weiten Streije ftarrte unb bie Füßchen nicht fehen ließ. Um den fchlanfen feinen Leib war eine goldene Kette gefhlungen unb Bing vom bis auf bet Boden Berab. Auf dem Haupte trug e8 einen Tronen- artigen Kopfpug aus flimmernden Gold» und Gilberffittern, von [eibenen Schnüren und Berlen burdjffodjten. In feinen Händen hielt das Kind bem Totenfchädel eines andern Kindes unb eine weiße Roſe. Noch nie Babe ih aber ein [o ſchönes, liebliches und geiftreiches Kinderantlig gefehen, wie das blafie Gefidjt bieje8 Mädchens; e8 war eher jdjmal als rund, eine tiefe Trauer lag darin, die glänzenden dunkeln Augen fahen vol Schwermut und wie um Hilfe flehend auf den Belchauer, während um den gefchjloffenen Mund eine leije Spur von Schalfheit ober lächelnder Bitterfeit fdjmebte. Ein [d)meres Leiden ſchien dem ganzen Geſichte etwas Frühreifes umb Srauenhaftes zu verleihen und erregte in dem Belchauenden
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eine unwillkürliche Gebnujudjt, das Iebendige Kind zu fehen, ibm [dmeideln und es liebfofen zu dürfen. Es mar aud) der Grinnerung de3 alten Dorfes unbewußt lieb und mert, und in den Erzählungen und Sagen von ihm mar eben jo viel unmwillfürlihde Teilnahme als Abſcheu zu bemerken.
Die eigentlihe Gejdjid)te mar nun die, daß das Tleine SRübdjen, einer abeligen, ftofgen unb höchſt orthoboren Familie angehörig, eine hartnädige Abneigung gegen Gebet und Gottes- dienft jeder Art zeigte, bie Gebetbücher zerriß, melde man ihm gab, im Bette den Kopf in die Dede hüllte, wenn man ibm vorbetete, und kläglich zu fchreien anfıng, wenn man e8 in die düftere, falte Kirhe brachte, wo es fid) vor bem ſchwarzen Manne auf der Kanzel zu fürdten vorgab. Es mar ein Kind aus einer unglüdlichen eriten Ehe und mochte fonft ſchon ein Stein des Anſtoßes fein. So beihloß man, als es du ^ feine Mittel- von der wnerflärlihen Unart abgebradjt werden fonnte, das Rind jenem megen feiner Strenggläubigfeit- be rühmten Pfarrherrn verjudjsmeije in Pflege zu geben. Wenn idon die Familie bie Sache als ein befrembdliches und ihrem 9tufe Unehre bringendes Unglüd auffapte, jo betradjtete ber dumpfe, harte Mann bdiefelbe vollends als eine unbeilvolle infernalifde Erſcheinung, welcher mit aller Kraft entgegen zu treten fei. Demgemäß nahm er feine Maßregeln, und ein altes vergilbtes „diarium“, von ihm berrührend und im Pfarrhaufe aufbewahrt, enthält einige Notizen, melde über fein Verfahren, fo mie bas weitere Schidfal des unglüdlichen Gefhöpfes binreihenden Aufſchluß geben. Folgende Stellen babe idj mir ihres feltfamen Inhaltes wegen abgefchrieben und will fie diefen Blättern einverleiben unb fo bie Grinne- tung an jenes Kind in, meinen eigenen Erinnerungen aufbe- wahren, da fie fonft verloren gehen müxbe.
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Jfünftes Kapitel. Das Meretlein.
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„Heute babe id) von ber hochgeborenen unb gottesfürchtigen . Grau von M. das [djulbenbe ftojtgelb für das erſte Duartal - richtig erhalten, aljogleid) quittiret unb Bericht erftattet. Ferner ber Meinen Meret (Emerentia) ihre wöchentlich zukommende Correction ertheilt und verfherpft, inbeme fie auf die Bant legte und mit einer neuen Ruthen zücdhtigte, nicht ohne Lamen- tiren und Geufgen zum Herren, daß Gr das traurige Werl zu einem guten Ende führen möge. Hat bie Kleine amare jämmerlid) gefchrieen und de» und mebmütbig um Pardon ge beten, aber nicht3 bejto weniger naher in ihrer Verſtocktheit verharret und das Liederbud) verſchmähet, jo ih ihr zum Lernen vorgehalten. Habe fie deromegen kürzlich verjchnauffen laſſen und dann in Arreft gebradjt in die dunkle Speckkammer, allo fie gewimmert und geflaget, dann aber jtill geworden ijt, bis fie urplöglih zu fingen und jubiliren angefangen, nidt anders, wie bie drey jeligen Männer um Feuerofen, und babe id zugehöret und erfennt, daß fie bie nämliche versificirten Pſalmen gefungen, jo fie fonften zu lernen refusirete, aber in fo unnüglider und roeltfidjer Weife, mie die thörichten unb
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einfältigen Ammen- und finbslteber haben; fo baf ich foldjes Gebahren für eine neue Schalfheit unb Mikbraud des Teufels zu nemen gezwungen warb.“
Serner:
„Sit ein höchſt lamentables Schreiben arriviret von Ma- dame, welche in Wahrheit eine fürtrefflihe und redjtgláubige Person ijt Sie bat befagten Brief mit ihren Thränen be neget und mir aud) die große Bekümmerniß Des Herren Ge- mahls vermeldet, daß e8 mit der Heinen Meret nicht befler geben will. Und ijf diefes gemißlih eine große Calamität, fo diefem hochanſehnlichen und berühmten Gejdjled)t zugeftoßen und möchte man der Meinung feyn, mit Respect zu jagen, bap fi bie Sünden des Herren Großpapa vüterlidjer Seits, welches ein gottlofer Wütherih und ſchlimmer Cavalier mare, an diefen armfeligen Gefhöpflein vermerken lafjen und reden. Habe mein Tractament mit ber einen changiret und mill nunmehr die Hungerfur probiren. Aud babe ih ein Rödlein von gtobem Gadtudj burdj meine Ehefrau felbiten anfertigen lafjen unb verbothen ber Meret ein ander Habit anzulegen, iintemal biefe Bußfleidung ihr am beiten conveniret. Berjtodt- beit auf dem gleihen Puncto." *
„Sahe mid) heute gezwungen, die fleine Demoiselle von allem SSerfebr und Unterhalt mit denen Baurenkindern abzu- iperren, meill fie mit felbigen in das Holz gelauffen, allda ge- babet im Holzweiher, ba8 Bußhemdlein, fo idj ihr ordiniret, an einen Baumaft gebenft hat und nadent davor geiprungen und getanzt unb aud) ihre Geipanen zu frechem Spott unb Unfug aufgereiget. Beträchtliche Correction."
„Haut ein großer Spectakel unb Berdruß. Same ein großer, ftarfer Schlingel, der junge Müllerhans, und richtete mir Händel an von wegen der Meret, melde er alltäglich
Ihreien und heulen zu hören vorgegeben, und disputirte id) Reller I. 4
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mit bemjelben, als aud) ber junge Gdjulmeijter, ber Tropf, beranfam und drohete, mid) zu verflagen, unb fiel über bie ihlimme Creatur ber, berzete unb füjjete fie ac. 2c. Ließ ben Gdjulmeijter alfogleid) arretiren unb zum Landvogt führen. Dem Müllerhbans muß id aud nodj beifommen, obgleid jelbiger reich und gemaltthätig ijt. Möchte bald felber glauben, was die Bauersleute fagen, daß das Kind eine Here fe, wenn biele Opinion nidjt der Vernunft widerfprädhe. Jeden Falls itedt ber Teufel in ihr unb Babe id). ein ſchlimmes Gtüd Arbeit übernommen.“
„Diefe ganze Woche Habe id) einen Mahler im Hanie tractiret, fo mir Madame überfendet, damit er das Portrait ber Fleinen Fräulein anfertigee Die bedrängte Familie will das Geſchöpfe nicht mehr zu fid) nemen und allein zum traurigen Angedenten unb zur bußfertigen 9tnjdjauung, aud) von wegen der großen Schönheit des Kindes, ein Conterfey behalten. Insbeſundere will ber Herr nicht von biejer Idee laſſen. Meine Ehefrau verabreiht dem Mahler alltäglid) zwei Schoppen Wein, woran er nicht genug zu haben fdheinet, ba er allabendli in den rothen Löwen gehet und dort mit dem Chirurgo fpielet. Sit ein hochfahrendes Subject unb fepe ihm daher öfter ein Schnepfen oder ein Hechtlein vor, wmweldhes in bem Quartal Conto ber Madame zu vermerken ijt. Wollte anfenglid) mit ber Seinen fein Weſen und Freundlichkeit treiben und bat fte fid fogleih an ihn attachiret, daher id) ihme bedeutet habe, mir in meinem Procedere nidjt zu interveniren. Wie man ber Kleinen ihr verwahrte Habit und Sonntagsitaat berfür- gehohlt unb angelegt benebit ber Schapell unb ber Gürtlen. fo Bat fie großen Plaisir gegeiget und zu tanzen begonnen. Dieſe ihre Freude iſt aber bald verbittert worden, als ich nach bem Befelch der Frau Mama 1 Todtenſchedel hohlen ließe un? in bie Hand zu tragen gab, welchen fie partout nicht nemen
