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Gesammelte Werke

Chapter 39

Section 39

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Benn Sie einjt getrennt von Yhrer Heimat unb allem, mas Ihnen lieb ijt, in der Fremde umberfchmweifen und Sie haben viel gejeben und viel erfahren, haben Kummer und Gorge, find mobi gar elenb und verlaffen: fo wird e8 Ihnen des Nachts unfehlbar träumen, daß Sie fid) Ihrer Heimat nähern; Sie feben fie glänzen und leuchten in den ſchönſten Yarben; bolde, feine unb liebe Gejtalten treten Ihnen entgegen; ba entdeden Sie ploglid, daß Sie zerfetzt, nadt und jtaubbebedt einhergehen; eine namenlofe Scham und Angſt faßt Sie, Sie ſuchen fid) zu bededen, zu verbergen und erwaden in Schweiß gebadet. Dies ijt, fo lange e8 Menſchen gibt, der Traum des fummervollen umbergeworfenen Mannes, und fo bat Homer jene Lage aus dem tiefiten und ewigen Weſen ber Menjchheit herausgenommen!”
Inzwiſchen war e8 gut, daß das Antereffe Römers, bin. fihtlih des Kopierens feiner Sammlungen, jih mit bem meinigen vereinigte; denn als idj nun, gemäß feiner Auffor- derung, mich wieder vor die Natur Dinfepte, erwies es fid, daß id) Gefahr lief, meine ganze Kopierfertigfeit und mein italienifhes Wiſſen zu einer mwunderlihen Fiktion merden zu jeben. Es fojtete mid) die. größte Beharrlichfeit und Mühe, ein nur zum zehnten Teile fo anjtändiges Blatt zumege zu bringen, al3 meine Kopieen waren; die erjten Verſuche mißlangen faft gánglidj, und Römer fagte fhadenfroh: „Sa, mein Lieber, das geht nicht fo raj! Ich babe e8 wohl gebadjt, bab es fo fommen würde; nun heißt e8 auf eigenen Füßen jteben, oder vielmehr mit eigenen Augen fehen! Eine gute Studie leiblid) fopieren, will nicht fo viel heißen! Glauben Sie denn, man läßt fid ohne weiteres für andere bie Sonne auf ben Budel zünden?” u. f. f. Nun begann ber ganze Krieg bes dabel8 gegen das Bemühen, demfelben zunorzufommen und ibm boshafte Streiche zu fpielen, von neuem; Römer ging mit
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hinaus und malte felbft, fo daß er mich immer unter feinen Augen hatte. Es war bier nicht geraten, die Thorheiten und laufen zu wiederholen, die id) unter Herrn Qaberjaat ge fpielt batte, da Römer duch Steine unb Bäume zu [eben ſchien und jedem Stride anmerkte, ob derfelbe gemifjenbaft fei oder nit. Er [af es jedem Aſte an, ob er zu bid oder zu dünn jei, und menn idj meinte, ber Aſt fonnte ja am Ende fo gemadjfen fein, fo fagte er: „Laſſen Sie das gut fein! Die Natur ijt vernünftig und zuverläflig; übrigens kennen wir ſolche Fineſſen wohl! Sie find nicht ber erfte Herenmeifter, welcher ber Ratur unb feinem Lehrer ein € für ein U madjen will!“
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Drittes Kapitel,
Weil ic bie mir burd) ben Aufenhalt Römers zugemefiene Zeit wohl benugen mußte, [o Zonnte ih nicht daran denken, das Dorf zu befudjn, obſchon ich verfdhiedene Grüße unb Zeihen von daher erhalten Hatte. Um fo fleißiger badjte ich an Anna, wenn ich arbeitete und die grünen Bäume leife um mid) raufhten. Sch freute mid) für fie meines Lernens und daß ich in diefem Jahre fo reid) an Erfahruug geworden gegen da3 frühere Jahr; id) hoffte einigen wirflihen Wert baburd) erhalten zu Haben, der in ihren Augen für mid) ſpräche unb in ihrem Haufe die Hoffnung begründe, bie ich felbft für mid) zu hegen mir erlaubte.
Der Herbit war gefommen, und als ich eines Mittags zum Eſſen nad Haufe ging und in unfere Stube trat, [ab ij auf dem Ruhbettchen einen ſchwarz feidenen Mantel liegen. Oreubig betroffen eilte id) auf benfefben zu, bob bas leichte angenehme Ding in die Höhe und unter[judjte e8 von allen Seiten. Ich eilte damit in die Küche, wo idj bie Mutter bes Ihäftigt fand, ein befleres Eſſen als gewöhnlich zu bereiten. Sie perlünbigte mir die Ankunft des Schulmeifters unb feiner
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Tochter, fügte aber fogleid) mit beforgtem Ernft bei, daß fie leider nicht zum Vergnügen gefommen wären, fondern um einen berühmten Arzt zu befudjen. Während die Mutter in die Stube ging und den Zijd) dedte, deutete fie mir mit einigen Worten an, daß fid) bei Anna feltfame und beängftigende An- zeichen eingejtellt hätten, ber Schulmeifter febr befümmert [ei und fie, bie Mutter, felbjt nicht minder; denn nad) der ganzen Erſcheinung des armen Mädchens könne es fid) ereignen, daß das zarte Weſen nicht alt werde.
Ich jab auf bem Ruhbette, hielt den Mantel feit in meinen Händen und hörte ganz verwundert auf bieje Worte, die mir fo unerwartet und fremd Hangen, daß fie mir mehr merk würdig a[8 erfchredend vorfamen. In diefem Augenblide ging die Thür auf, und bie ebenfo geliebten, ala wahrhaft geeDrten Gäſte traten herein. Ueberraſcht ftand ich auf unb ging ihnen entgegen, und erjt als idj Anna bie Hand geben wollte, fab id, daß ich immer nod) ihren Mantel hielt. Sie errötete und lächelte zugleich, während id) verlegen bajtaub; der Schulmeijter warf mir vor, daß idj mid) den ganzen Sommer über nie feben lajjen, unb fo vergaß ich über diefen Begrüßungen bie Mitteilung der Mutter, an melde mid) aud) nichts Auffallendes erinnerte. Grit al8 wir am Tiſche faßen, wurde id) burd) eine gewilfe vermehrte Liebe und Aufmerkſamkeit, mit meldjer meine Mutter Anna behandelte, gemabnt und glaubte jept nur zu feben, daß fie gegen früher fajt größer, aber aud) zugleich zarter und jdjmádjtiger erſchien; ihre Gefidhtöfarbe war mie burdjfitig geworden, und um ihre Augen, welche erhöht glänzten, bald in bem linblidjen Teuer früherer Tage, bald in einem träumerifchen tiefen Nachdenken, lag etwas Leidendes. Sie war heiter und |prad) ziemlich viel, während id) ſchwieg, hörte unb fie anſah; audj ber Schulmeifter war heiter unb ganz wie fonft; denn bei ben Gdjid[alen und Leiden, melde
uns Angehörige betreffen, benebmen wir uns nicht lamentabel, fondern faſt vom eriten Augendlide an mit der gleiden Ge faßtheit, mit dem gleihen Wechfel von Hoffnung, Furcht und Selbfttäufhung, wie die Betroffenen ſelbſt. Doch ermahnte er jebt feine Tochter, nicht zu viel zu ſprechen, und mid) fragte er, ob id) bie Urſache der Kleinen Reife ſchon Penne, und feßte Hinzu: „Sa, lieber Qeinrid! meine Anna ſcheint hanf werden zu wollen! Doc laßt uns den Mut nidj per. lieren! Der Arzt bat ja gefagt, daß vor der Hand nid viel zu fagen unb zu thun wäre. Er bat uns einige Verhaltung3- regeln gegeben und anbefohlen, ruhig zurüdzufehren und dort zu leben, anftatt bieber zu ziehen, da die dortige Luft ange mefjener fe. Für unfern Doktor will er und einen Brief mit: geben und von Zeit zu Zeit felbit Hinausfommen unb nad)» feben."
Sch wußte hierauf rein nichts zu ermibern, nod) meine Teilnahme zu bezeugen; vielmehr wurde idj ganz rot unb ſchämte mid nur, nidt aud) Frank zu fein. Anna hingegen fab mid) bei den Worten ihres Vaters lächelnd an, ala ob fie Mitleid mit mir hätte, fo peinfidje Dinge hören zu müffen.
Nach dem Elfen verlangte der Schulmeifter, von meinen Beihäftigungen zu willen und etma8 zu feben; id) bradjte eine woblgefüllte Mappe berbei und erzählte von meinem Meifter; doch permeilte er nicht lang dabei, fondern machte fid) bereit, einige Gänge zu thun und Ginfüufe zu beforgen. Weine Mutter begleitete ihn und ich blieb allein mit Anna zurüd. Sie fuhr fort, meine Sachen aufmerfjam zu befchauen; auf bem Nuhbett [igenb, Tieß fie fid) alles von mir vorlegen und erflären. Während fie auf meine Landichaften fab, blidte ich auf fie nieder, mandjmal mußte idj mid) beugen, mandjmal hielten wir ein Blatt zujammen in den Händen lange Zeit,
bod) ereignete fid) jonft gar nichts Färtliches zwiſchen uns; Keller IL
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denn während fie für mid) nun wieder ein anderes Weſen mar und id mid) [djeute, fie nur von ferne zu verlegen, büufte fte alle Heußerungen der Yreude und ber Aufmerkſamkeit allein auf meine Arbeiten, und wollte fid nidj von denſelben trennen, während fie mich felbjt nur wenig anjab.
Plöglih fagte fie: „Unjere Tante im Pfarrhaus läßt dir jagen, bu folleit mit uns fogleich Hinausfahren, fonft jet fte böfe! Willft bu?" Ich ermiberte: „Sa, jegt fann id) ſchon!“ unb feßte Hinzu: „Was fehlt dir denn eigentlih!" „Ad, id) weiß e8 felbit nicht, ich bin immer müde und leide mandmal ein wenig; bie anderen madhen mehr daraus, als ich jelbjt!"
Meine Mutter und der Gdjulmeijter famen zurück; neben den frembartigen, pbarmageuti[djen Paketen, die er mit einem verjtohlenen Seufzer auf ben Tiſch legte, brachte er einige Geſchenke für Anna mit, gute Kleiderjtoffe, einen großen warmen Shaml und eine goldene Uhr, ala ob er mit diefen foftbaren und auf bie Dauer beredjneten Gadjen eine günftige Wendung des Gejd)d'e8 erzwingen wollte 908 Anna darüber erichraf, fagte er, fie Babe die Dinge [djon lange verdient und das bißhen Geld Hätte gar feinen Wert für ihn, wenn er nidi ihr eine Heine Freude baburd) verjdjajfen könnte.
Gr zeigte fid) zufrieden, daß idj mitfahre, meine Mutter jab e$ audj gern und legte mir einige Gadjen zurecht, indeflen id) ba8 Gefährt aus dem Gajtbaufe Bolte, mo es eingeftellt war. Anna jab allerliebft aus, als fie wohl vermummt und verjchleiert bem Schulmeifter zur Seite jap. Ih nahm ben Borderli und hatte das Leitfeil des gutgenábrten Pferdes er» griffen, das ſchon ungeduldig ſcharrte; bie Mutter madjte fid) nod) lange am Wagen zu [djaffen und wiederholte bem Schul- meilter ihre Anerbietungen zu jeglider Hilfe und wenn es notwendig würde, hinzuflommen und Anna zu pflegen; bie Nachbaren jtedten die Köpfe aus den Fenftern und vermehrten
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mein Selbjtbemußtfein, als id) enblid) mit meiner liebenswür⸗ digen und anmutigen Gefellihaft bie enge Straße entlang fuhr.
Es glänzte ein fonniger $erbjtnadjymittag auf bem Lande. Wir fuhren duch Dörfer und Felder, fahen bie Gehölze und Anhöhen im zarten Dufte liegen, hörten bie Sägerhörnden in der Ferne, begegneten überall zablreihen Fuhrwerke, welches den Herbitjegen einbradjte; bier madjten die Leute die Gefäße zur Weinleſe zurecht und bauten große Hufen, dort jtanbem fie reibenmeije auf den Aedern und hoben die Wurzelfrüchte aus; anber8mo wieder pflügten fie die Erde um unb bie ganze Familie war dabei verfammelt, von ber Qerbitionne hinaus» gelodt; überall war e8 lebendig und zufrieden bewegt. Die Luft mar fo mild, daß Anna ihren grünen Schleier zurüd- Ihlug und ihr Liebliches Geficht zeigte. Wir vergaßen alle drei, marum wir eigentlich auf diefen Wegen fuhren; ber Schul- meilter war gejprádjig und erzählte uns viele Gejdjid)ten von den Gegenden, burdj meldje wir famen, zeigte uns bie Woh- nungen, wo berühmte Männer hauften, deren wohlgeorbnete faubere Hofjtätten die weife Klugheit ihrer Befiger verfündeten. Da und dort wohnte eine hübſche Tochter ober deren zwei, von denen etwas zu erbliden wir im Borüberfahren uns bes mübten, und menn dies gelang, fo grüßte Anna mit bem befheidenen Anſtande derjenigen, welde jefbjt Blumen des Landes find.
Doch bunfelte e8 eine geraume Weile, ehe wir and Ziel gelangten, und mit ber Dunkelheit fiel e8 mir ploflid) ein, ba& idj Judith das SBer[predjen gegeben, fie jedesmal zu be- fuden, wenn id) ins Dorf füme. Unna hatte fd) wieber verhüllt, id faB nun neben ihr, da ber Gdjulmeijter, meldet bie Wege beffer fannte, bie Zügel genommen; und weil wir Der Dunkelheit wegen nun ſchweigſamer waren, fo Hatte ich
Zat, darüber nadjaubenfen, was id) thun mollte. ge
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Se untBunlider e$ mir [djien, mein Verſprechen au halten, je weniger ih das Weſen, weldjes idj mir zur Seite fühlte unb das fid nun fanft an mid) lehnte, aud) nur in Gedanken beleidigen modjte, bejto dringender ward auf der andern Seite bie llebergeugung, daß id) am Ende bod) mein Wort nicht brechen dürfe, ba mid) Judith nur im Bertrauen auf basjefbe in jener Nacht entlafjen, und idj zögerte nicht, mir einzubilden, daß ber Wortbruch fie fránfen und ihr weh thun würde. Ich mochte um alles in der Welt gerade vor ihr nicht unmännlich ala einer erjcheinen, weldher aus Furcht ein Verſprechen gäbe und aus Furcht dasfelbe brüdj. Da fand ih einen fehr Mugen Ausweg, wie id) badjte, ber mid) wenigftens vor mir felbft rechtfertigen jollte. Ich braudjte nur bei dem Schul» meijter zu wohnen, fo war ich nidht im Dorfe, unb wenn id am Tage diejes be|udjte, jo mußte id) Judith nicht fehen, welche fidj nur meinen nádjtlidjen und geheimen Beſuch während eined Aufenthaltes im Dorfe ausbedungen hatte.
Als wir daher in des Gdjulmeiiter8 Haus anfamen und dort bie Muhme mit einem Sohne unb zwei Töchtern vor. fanden, melde und erwarteten und mid mit dem Fuhrwerk gleih mitnehmen wollten, erflärte ich unverfehens, bier bleiben zu wollen, und die alte Katherine eilte, mir ein Unterfommen zu bereiten, indeffen Anna, bie ganz ermiübet unb angegriffen war und von Huſten befallen wurde, fid) fogleid) zu Bett be geben mußte. Sie führte mid) an einen artig eingerichteten Zijd, auf meldjem ihre Bücher unb Arbeitsfachen, aud) Bapier unb Gdreibgeug lagen, fete Licht darauf und fagte [ádjelnb: „Mein Bater bleibt alle Abend bei mir, bis ich eingefchlafen bin, und liejt mir mandmal etwas vor. Hier kannſt bu bid) vielleicht jo lange beichäftigen. Sieh, Hier made ich etwas für bid!" und fie zeigte mir eine Gtiderei zu einer Tleinen Mappe, melde fie nach jener Blumenzeihnung verfertigte, die —
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id vor mehreren Sahren in ber Weinlaube gemadjt unb ihr geihentt Batte. Das naive Bild Ding über ihrem Tiſche. Dann gab fie mir die Hand und fagte wehmütig leife unb bodj fo freundlih: „Gut Naht!" und ich fagte ebenfo leife Buf adt.
Einige Augenblide nadjber fam ber Schulmeilter herein und id) jab, daß er ein jdjón eingebundenes 9(nbadjtsbud) mitnahın, als er fi) wieder entfernte, um in Annas Zimmer zu geben. Ich Hingegen bejdjaute alle Sächelchen, weldhe auf dem Tiſche lagen, fpielte mit ihrer Schere und fonnte mit gar nicht ernftlich denken, daß irgend eine Gefahr für Anna jein follte.
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Da id in dem Haufe meines Liebchens zu Gafte mar, fo ermadjte ih am Morgen febr früh, noch ch’ eine Seele fid) regte. Ich machte das Fenſter auf unb fab lange auf ben See hinaus, deilen malbige Uferhöhen vom Morgenrote be glänzt lagen, inbejjen der [páte Mond nod) am Himmel ftanb und fidj ziemlich früftig im dunklen Waſſer fpiegelte. Sch fab ihn nad) unb nad) erbleihen vor der Sonne, meldje nun bie gelben Kronen der Bäume vergoldete und einen zarten Schimmer über ben erblauenden Gee warf. Zugleich aber begann bie Quft fid mieber zu verhüllen, ein leifer Nebel zog fid) erit wie ein Silberfchleier um alle Gegenjtände, und indem er ein glänzendes Bild um das andere auslöfchte, daß fid) rings ein Reigen von au[feudjtenbem Scheiden und Verſchwinden bewegte, wurde der Nebel ploglid) fo dicht, bab id) nur nod) bas Gürtdjen pot mir fehen Fonnte, und zulegt verhüllte er aud) diefes und drang feudjt an das $yenjter. Ich ſchloß bieje8 zu, trat aus der Sammer und fand bie alte Katherine in der Küche an bem traulichen hellen Teuer.
Ich plauberte lange mit ihr; fie ergoß fid) in zärtlichen
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Klagen über Annas bedenflihen Zuftand, berichtete mir, [eit wann derfelbe begonnen, ohne daß ich jedoch über feine eigent» Iihe Beichaffenheit Mar wurde, da fie jid) mandjer bunfeln und geheimnisvollen Anfpielung bebiente. Bann begann fie mit rübrender, aber ganz treffliher Beredfamfeit das Lob Annas zu verkünden und ihr bisheriges Leben zu bejchauen bis in bie Kinderjahre zurüd, und idj jab deutlih vor mir bas dreijährige &ngeldjen umber[pringen, in genau beſchriebener Kleidung, aber [reifidj aud) ein frühes und leidenvolles Sranfenlager, auf weldhes das f[eine Weſen dann Sabre lang gelegt wurde, fo daß id nun ein ſchlohweißes, Tänglichge- ftredites Leichnamchen erblidte, mit geduldigen, flugem unb immer lächelndem Angeſicht. Dod bas kranke Reis erbolte fidj, der wunderbare Ausdrud ber burd) bas Leiden bervorges bradjten frühen Weisheit verfhwand wieder in [eine unbe- fannte Heimat, und ein rofig unbefangenes Kind blühte, als ob nichts vorgefallen wäre, ber Zeit entgegen, wo ih es zuerit jab.
Endlih zeigte fid ber Schulmeifter, welcher, da feine Tochter nun des Morgens im Bette bleiben mußte und länger fchlief als fonft, jid des frühen Aufftehens audj nicht mehr freute und in feiner Zeiteinteilung ganz nad) derjenigen feines hanfen Kindes richtete. Nach einer guten Weile erſchien aud) Anna und nahm ihr befonders vorgefchriebenes Yrühftüd, in» befjen wir das gewöhnliche verzehrten. — C8 verbreitete fidj baburd) eine gemijje Wehmut über den Tiſch, meldje nad und nad in eine ernjte Beſchaulichkeit überging, ala wir drei fipen blieben und uns unterhielten. Der Schulmeifter nahm ein Bud, bie Nachfolge Ehrifti von Thomas a Kempis, unb las einige Seiten daraus vor, indeffen Anna ihre Stiderei vor» nahm. Dann Bob ihr Vater über das Gelefene ein Ge[prád) an und ſuchte mich an bemjelben zu beteiligen und nad ber
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herkömmlichen Weiſe meine Urteilsfraft zu prüfen, zu milberm unb zu gemeinfamer Erbauung auf einen belehrenden Ber- einigungspuntt zu lenfen. Aber ich batte burd) ben lebten Sommer bie Luft an folden Grorterungen fajt gänzlich ver- Loren, mein Blick war auf finnlidje Erſcheinung und Gejtalt gerichtet, und felbjt die rätjelhaften Betrachtungen über bie Erfahrungen, die ih mit Römer anitellte, gingen in einem durchaus weltlichen Sinne vor fidj. Außerdem fühlte ih, daß id nun die größte Rüdfiht auf Anna nehmen mußte, und als id) bemerkte, daß fie fogar froh fchien, mid) hier eingefangen und einem angehenden Belehrungswerfe preisgegeben zu jehen, hütete ih mich, einen Widerſpruch zu äußern, gab denjenigen Stellen, welde eine Wahrheit enthielten oder tief, ſchön und fraftvoll außsgedrüdt waren, meinen aujfridjtigen Beifall, oder ih überließ mid) einer reigenben Muße, die [djonen Yarben an Annas Geibenfnáuldjen be|djauenb.
Sie batte wohl au8gerubt und [djien ziemlid) munter zu fein, fo daß fein großer linterjdjieb gegen ihr früheres Weſen während des Tages bemerflih mar. Das machte mid [o frob, daß idj aufbrach, um am hellen Zage, vor Judith ficher, ins Pfarrhaus zu gelangen und von ba zurüdzufehren.
Als id in den dichten Nebel Hinausging, war id) febr guter Dinge und mußte ladyen über meine feltfame Liſt, zumal das verborgene Wandeln in der grau verbüllten Natur meinen Gang einem Gd)leidjmege nod) völlig dbnlid) machte. Ich ging über den Berg und gelangte bald zum Dorfe; doc verfehlte ich bier des Nebels wegen bie Stidjtung unb [ab mid) in ein 9teb von ſchmalen Garten» und Wiefenpfaden perjept, melde bald zu einem entlegenen Haufe, bald wieder gänzlih zum Dorfe Binausführten. Syd fonnte nicht vier Schritte weit jehen; Leute hörte ich immer, ohne fie zu erbfiden, aber zu- fälliger Weife traf id) niemanden auf meinen Wegen. Pa
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fam ich zu einem offenftehenden Pförthen und entídjlog mid hindurch zu geben und alle Gehöfte gerade zu burdjfreugen, um endlid) wieder auf die Hauptitraße zu fommen. Sch geriet in einen prüdjtigen großen Baumgarten, beljen Bäume alle voll ber fhönften reifen Früchte hingen. Man [ab aber immer nur einen Baum ganz deutlich, bie nädhjiten ſtanden fchon halb verjchleiert im Kreife umher, und dahinter [djlop fid) wieder die weiße Wand des Nebels. Plötzlich fag id) Judith mir ent» gegenfommen, melde einen großen Korb mit Aepfeln gefüllt in beiden Händen vor fidj her trug, daß von ber Fräftigen Zait bie Korbmweiden leije Inarıten. Das Einfammeln des Dbftes war fait bie einzige Arbeit, der fie fid) mit Liebe und Eifer Hingab. Sie hatte ihr Kleid des nafjen Grafe8 wegen etwas aufgefhürzt und zeigte die [d)oniten Füße; ihr Haar war von Feuchte jchwer und bie Wange von ber Herbftluft mit reinem Purpur geróte. So fam fie gerade auf mid) zu, auf ihren Korb blidend, [ab mid) plóglid), ſtellte erſt erbleidhend den Korb zur Erde und eilte dann mit den Zeichen ber berz- lichſten und aufridjtigiten tyreube herbei, fiel mir um den Hals und drüdte mir ein halbes Dutzend Küſſe auf die Lippen. Ich batte Mühe, dies nicht zu erwidern unb rang mich endlich von ihrer Bruſt los.