Chapter 38
Section 38
er ed veritand, wo nicht felbit ein Künftler mar. Keller IL 2
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Dies bejtätigte fid) audj, al8 er mid) auf meine Haupt- fehler aufmerkſam madte, die Studie, meldje ich gerade vor hatte, mit der Natur verglid) und mir an lebterer felbjt bas Weſentliche Hervorhob und mich e8 [eben lefrte. Ich fühlte mid überglüdlih und hielt mich ganz ftill, wie jemand, der fi vergnüglid eine Wohlthat erzeigen läßt, al8 er einige £aubpartieen auf meinem Papiere mit ihrem Borbilde zufammen- hielt, Licht und Formen flar madjte und auf dem Rande des Blatte8 mit wenigen mühlofen Meijterftrihen das beritellte, was ich vergeblich geſucht hatte.
Gr blieb wohl eine halbe Stunde bei mir, bann fagte er: „Sie haben vorhin den wackern Haberfaat genannt; mifjen Sie, daß id) vor fiebzehn Jahren aud) ein dienjtbarer Geijt in feinem verwünſchten Klofter mar? Ich habe mich aber bei- zeiten au8 dem Staube gemadjt und bin feither immer in Stalien und Frankreich gemejen. Ich bin Landfchafter, heiße 9tómer, und gebenfe midj eine Zeit lang in meiner Heimat aufzuhalten. Es ſoll mid) freuen, wenn id) Ihnen etwas nadj- helfen Tann; idj habe mandje Sachen bei mir, be[uden Sie mid einmal ober fommen Sie gleidj mit mir nad) Haufe, wenn’3 Ihnen recht ijt!"
Ich padte eilig zufammen und begleitete in feierlidher Stimmung den Mann und mit nicht geringem Stolze. Syd) batte oft von ibm fprechen gehört; denn er war eine bec großen Sagen des Nefeltoriums, und Meiſter Haberfaat that fij nicht wenig darauf zu gut, wenn e$ hieß, fein ehemaliger Schüler Römer [ei ein berühmter Aquarellift in Rom unb verfaufe feine Arbeiten nur an Fürjten und Engländer. Auf dem Wege, [o lange wir nod) im freien waren, zeigte mir Römer allerlei gute Dinge in der Natur. Aufmerkſam begeiftert [ab id) Hin, wo er mit der Hand fein wegjtreihend hindeutete; ih war erjtaunt, zu entbeden, daß idj eigentlih, fo gut id)
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erjt kürzlich nod) zu jeben geglaubt, nodj gar nidis gefehen batte, unb ich ftaunte nod) mehr, das Bedeutende unb Gebr. reihe nun meijten8 in Grjdjinungen zu finden, die ich vorher entweder überjebeu, oder wenig beadjtet. Jedoch freute id) mich, leidlih zu verftehen, was mein Begleiter jemeilig meinte, unb mit ihm einen kräftigen und doch Klaren Schatten, einen milden Ton oder eine zierlihe Ausladung eines Baumes zu fehen, und nadjbem ich erit einige Male mit ihm fpaziert, hatte id) mich bald gewöhnt, bie ganze landfhaftlihe Natur nicht mehr als etwas rund in [fid Beltehendes, fjondern nur als Gin gemaltes Bilder- und Studienfabinett, als efma8 bloß vom richtigen Standpunkte aus Sichtbares zu betrachten unb in technifhen Ausdrücden au beurteilen.
Als mir in feiner Wohnung anlangten, weldhe aus ein paar eleganten Zimmern in einem fchönen Haufe beitand, fete Römer fogleidy feine Mappen auf einen Stuhl vor das Sofa, bie& mid auf dieſes neben ihn figen und begann bie Sammlung feiner größten und wertvolliten Studien eine um die andere umgumenben und aufzuftelen. E83 maren alles umfangreiche Blätter aus Stalien, auf ſtarkes grobförniges Papier mit ?Rajjerfarben gemalt, bod) auf eine mir ganz neue Weiſe unb mit unbefannten fübnen und geiftreihen Ditteln, fo daß fie ebenfo viel Schmelz unb Duft, ala Klarheit und Kraft zeigten und vor allem aus in jedem Striche bemiefen, daß fie vor ber lebendigen Natur gemadjt waren. Sch mußte nicht, follte ich über bie glänzende und angenehm nahe tretende Meiſterſchaft der Behandlung oder über die Gegenftände mehr Freude empfinden, denn von den mächtigen dunflen Cypreſſen⸗ gruppen ber romijdjen 3Billen, von den ſchönen Sabinerbergen bis zu ben Nuinen von Pältum und dem leuchtenden Golf von Neapel, bis zu den Külten von Gicilien mit den zauber- haften hingehauchten, gedichteten Linien, tauchte Bild um Bild
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vor mir auf mit bem köſtlichen Merkzeichen des Tages, bes Drtes unb des Sonnenſcheins, unter meldem fie entitanden. Schöne Klöfter und Kaftelle glänzten in diefen Sonnenfdein an ſchönen Bergabhängen, Himmel und Meer rubtem in tiefer Bläue oder in beitrem Silberton unb in biejem babete fid) bie prächtige, edle Pflanzenwelt mit ihren klaſſiſch einfadyen unb do jo vollen Formen. Dazwijchen fangen und fangen bie italijden Namen, menn Römer bie Gegenftände benannte und Bemerkungen über ihre Natur und Lage madjte. Manchmal jab ich über die Blätter Hinaus im Zimmer umber, wo id) bier eine rote ifcherfappe aus Neapel, dort ein römiſches Taſchenmeſſer, eine Korallenſchnur oder einen filbernen Haar: pfeil erblidte; dann jab id) meinen neuen Beſchützer aufmertjam und von Grund aus mwohlmollend an, feine weiße Weite, ferne Manſchetten; und erjt, wenn er da8 Blatt ummandte, fuhr mein Blid wieder auf dasfelbe, um e8 nodj einmal zu über» fliegen, ehe das nüdjte erſchien.
As mir mit dieſer Mappe zu Ende waren, ließ mid) Nömer nod) flüchtig in einige andere bliden, von denen die eine einen Reichtum farbiger Details, die andere eine Unzahl Bleiftiftftudien, eine dritte lauter auf das Meer, Schiffahrt und Fiſcherei Bezüglides, eine vierte enblid) verjchiedene Phänomene unb Yarbenwunder, mie die blaue Grotte, außer: gewöhnliche Wolkenerſcheinungen, Veſuvausbrüche, glübende Lavabäche u. ſ. w. enthielten. Dann zeigte er mir noch im andern Zimmer ſeine gegenwärtige Arbeit, ein größeres Bild auf einer Staffelei, welches den Garten ber Billa d'Eſte por. ftellte. Dunkle Riefencgpreffen ragten aus flatternden Reben und Qorbeerbüjdjen, aus Marmorbrunnen unb blumigen Ges ländern, an melden eine einzige Figur, Arioft, lehnte, in Ihwarzem ritterliden Kleide, ben Degen an der Seite. Sm Mittelgrunde zogen fid) Häufer und Bäume von Tivoli Din,
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von Duft umhüllt, unb darüber hinweg dehnte fid) das weite Feld vom Purpur des Abends übergofien, in welchem am äußerften Horizonte bie Peterskuppel auftaudjte.
„Genug für Beute!" fagte Römer, „Tommen Sie öfter zu mir, alle Tage, wenn Sie Luft haben; bringen Sie mir ihre Gadjen mit, vielleiht fann idj Ihnen dies und Jenes zum Kopieren mitgeben, damit Sie eine leichtere und zweckmäßigere Technik erlangen!“
Mit der banfbarjten Berehrung verab[djiebete id) mid) unb [prang mehr, als ich ging, nad Haufe. Dort erzählte id) meiner Mutter das glüdlidje Abenteuer mit den beredteiten Worten und verfehlte nit, den fremden Herrn unb Künitler mit allem Glanz auszuftatten, defjen ich habhaft war; ich freute mid), ihr endlich ein Beifpiel rühmlihen Gelingens als einen Zrojt für meine eigene Zukunft vorführen zu können, befonders ba ja Römer ebenfalls aus Herrn Haberſaats Tümmerlicher Pflanzihule hervorgegangen war. Allein die fünfzehn in der weiten Ferne augebradjten. Jahre, welche zu biejem Gelingen gebraudt worden, leucdhteten meiner Mutter nicht jonberlid) ein; aud) hielt fie dafür, daß es nod) gar nidjt ausgemacht wäre, ob der Fremde fid) mirflid) wohl befinde, indem er als folcher fo einfam und unbefannt in feiner Heimat angefommen fei. Ich batte aber ein anderweitige geheimes Zeichen von ber Richtigkeit meiner Hoffnungen, nämlid das plögliche Erfcheinen Römers unmittelbar, nadjbem ich gebetet hatte, da ich unge: achtet meines unfirdjlidjen Rebellentums nod) immer ein richtiger Myitofoph mar, fobald e$ fid um mein perjönlihes Wohl oder Weh handelte.
Hiervon jagte idj aber nidjt8 au meiner Mutter; denn erjten8 war zwiſchen uns nicht herkömmlich, bab man viel von ſolchen Dingen [pradj; unb dann baute bie Mutter wohl feit auf bie Hilfe Gottes, aber e8 würde ihr nicht gefallen
haben, wenn ih mid) eines fo merkwürdigen unb theatra» lijdjen Falles gerühmt hätte. Sie war froh, menm Gott das Brot nicht ausgehen ließ und für ſchwere Leiden, für $yálle auf Leben und Tod feine Hilfe in SSereit[djaft hielt, und fie hätte mich mabr[djeinfid) aiemlidj ironi[d) zurechtgewieſen; bejto mehr beichäftigte ich mich ben Abend Binburd mit bem Vor⸗ falle und muß geiteben, daß id dabei bodj eine zgmeifelhafte Empfindung batte. Ich fonnte die Borjtellung eines langen Drahtes nicht unterdrüden, an meldjem der fremde Mann auf mein Gebet herbeigezogen fei, während, gegenüber diefem lächer- lidjen Bilde, mir ein Zufall modj weniger munden wollte, ba ih mir fein Ausbleiben nun gar nit mehr benlen mode. Seither babe idj mich gewöhnt, bergleihen Glüdsfälle, fo wie ihr Gegenteil, wenn ih nämlidy ein unangenehmes Gr» eignis al8 bie Strafe für einen unmittelbar vorhergegangenen, bemubten Fehler anzufehen mid) immer wieder getrieben fühle, al3 vollendete Thatfachen einzutragen und Gott dafür dankbar zu fein, ohne mir des genaueren einzubilden, e8 fei unmittel⸗ bar und in$bejonbere für mid) gejdjeben. Doc Tann ich mid) bei jeder Gelegenheit, wo ich mir nicht zu Helfen weiß, nicht enthalten, von neuem durch Gebet fole Löjungen anzuftreben unb für bie Anrechtweifungen des Gdjidjal8 einen Grund in meinen Fehlern zu ſuchen und Beſſerung au geloben.
Xd wartete ungeduldig einen Tag und ging dann am darauf folgenden mit einer ganzen Lajt meiner bisherigen Arbeiten zu Römer. Er empfing mid) freunblid) zuvorfommend und Dbejab bie Saden mit aufmerffamer Teilnahme Dabei gab er mir fortwährend guten Nat, und als wir zu Ende waren, fagte er, idj müßte vor allem die iungeldjidte alte Manier, dad Material zu behandeln, aufgeben, denn damit liebe fid gar nichts mehr ausrichten. Nach ber Satur. follte ich fleißig vor ber Hand mit einem weichen Blei zeichnen unb
für das Haus anfangen, feine Weife einzuüben, mobei er mir gerne bebilflih fein wolle. Auch fuchte er mir aus feinen Mappen einige einfadje Studien in Bleiftift [omie in Yarben, welche ich zur Probe fopieren follte und als ich Hierauf mid) enpfehlen wollte, jagte er: „D! bleiben Sie nod) ein Stündchen bier, Sie werden den Vormittag bod) nichts mehr madjen Iónnen; [eben Sie mir ein menig zu und plaudern mir ein bißchen!” Mit Bergnügen that id) dies, hörte auf feine Be merfungen, die er über fein Berfahren madjte unb jab aum erjtenmal die einfache, freie und fichere Art, mit der ein Künftler arbeitet. Es ging mir ein neues Licht auf und es dünkte mid), wenn id) mid) felbjt auf meine bisherige Art arbeitend vot» itellte, ala ob ih bis heute nur Strümpfe gejtridt oder etwas Aehnliches gethan hätte.
Raſch fopierte ich bie Blätter, bie 9tomer mir mitgab, mit aller Luft unb allem Gelingen, welde ein eriter Anlauf gibt, unb als id fie ihm brachte, fagte er: „Das geht ja vortreff⸗ lid, ganz gut!" An diefem Tage lub er mid) ein, da das Vetter ſehr ſchön war, einen Spaziergang mit ihm zu machen, und auf bielem verband er das, was ich in jeinem Haufe bereit8 eingejehen, mit ber lebendigen Natur, unb bagmijdjen ſprach er vertraulid über andere Dinge, Menſchen und Ber» hältniffe, welche porfamen, bald ſcharf fritijd), bald fcherzend, fo daß id mit einemmal einen zuverläffigen Lehrer und einen unterbaltenben unb umgänglichen Freund beſaß.
Bald fühlte ih das Bedürfnis, immer unb ganz in feiner Nähe zu fein, und machte daher immer häufiger von meiner Sreiheit, ihn au bejudjen, Gebraud), al8 er eines Tages, nach⸗ bem er grünbli unb fdjon etwas ftrenger eine "Arbeit durch⸗ gejehen, zu mir fagte: „Es würde gut für Sie fein, nod) eine Zeit ganz unter der Leitung eines Lehrers zu ſtehen; e8 würde mir auch zum Vergnügen und zur Grbeiterung gereidjen, Ihnen
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meine Dienfte anzubieten; ba aber meine Berhältnifje Leider nicht derart find, daß ich dies ganz ohne Gntjdjübigung thun fonnte, menigiten8 wenn e8 nicht durchaus fein muß, [o be- fpreden Sie fi mit Ihrer rau Mutter, ob Sie monatlid etwas daran wenden wollen. Sc bleibe jedenfalls einige Zeu bier und in einem balben Sabre Hoffe id) Sie fo weit zu bringen, daß Sie fpäter beffer vorbereitet und felbjt imftande, einigen Erwerb au finden, ihre Reifen antreten fónnten. Sie würden jeden Morgen um adj Uhr fommen und den ganzen Zag bei mir arbeiten.”
Sch wünſchte nichts Befferes zu thun und lief eiligit nad) Haufe, den Vorſchlag meiner Mutter zu Dinterbringen. Allein fie war nidjt fo eilig, wie ih, und ging, ba es fid) um Aus- gabe einer erfledlihen Summe handelte und id) felbit einen Teil des an Haberfaat Bezahlten für verlorenes Gelb hielt, erjt jenen vornehmen Herrn, bei dem fie fhon früher einmal gemejen, um Nat zu fragen; denn fie dachte, berjelbe werde jedenfalls willen, ob Römer wirklich der geadjtete und berühmte Sünjtler jei, für welchen id) ihn fo eifrig ausgab. Doch man zudte die Achfeln, gab zwar zu, daß er al8 ftünjtler talentvoll unb in der ferne renommiert fei; über feinen Charakter jebod) hüllte man fi ins Unflare, wollte nicht viel Gutes willen, ohne etwas Näheres angeben zu Fünnen, unb meinte jchließlich, wir follten ung in adjt nehmen. Sedenfalls fei bie Yorderung zu grob, unfere Stadt fei nit Nom oder Paris, aud) Dielte man dafür, e8 wäre geratener, die Mittel für meine Reifen aufzufparen und bieje deito früher anzuireten, mo idj bann ſelbſt (eben und Holen fönne, was Römer bejüfe.
Das Wett Reifen war nun ſchon wiederholt vorgekommen unb mat Dinreidjenb, meine Mutter zu bejtimmen, jeden Pfennig zur Austattung aufzubewahren. Daher teilte fie mir bie be benfliden Aeußerungen mit, ohne zu viel Gewicht auf bie ben
Charakter betreffenden zu legen, melde id) aud) mit Entrüftung zu nidjte madjte; denn id mar ſchon dagegen gewaffnet, indem ih aus verfchiedenen rätjelhaften Veuperungen Römers ent» nommen, daß er mit der Welt nicht zum beiten ſtehe unb viel Unrecht erlitten Habe. Sa, e8 Hatte fid) ſchon eine eigene Cpradje über diefen Punkt zwiſchen ung ausgebildet, indem ih mit ebrerbietiger Teilnahme feine Klagen entgegennahm unb fo ermiberte, aí8 ob ich ſelbſt fchon bie bitteriten Erfah» rungen gemadjt ober mwenigjtens zu fürchten hätte, welche id) aber fejten Yußes erwarten und bann augleid) mid) unb ibn tüdjen wollte Wenn Römer bierauf mid) zurechtwies unb er» innerte, daß ich bie Menfchen doch nicht beifer fennen merbe, al8 er, fo mußte ich dies annehmen und ließ mid) mit wichtiger Miene belehren, wie e8 anzufangen wäre, fid) gehörig zu Itellen, ohne daß ich eigentlich mußte, mirum e8 fid banbelte unb morin jene Erfahrungen denn beftänden.
Sd entihloß mid) kurz und fagte zur Mutter, id) molle das Gold, weldes in meinem. ebemal8 geplünderten Spar» fäftchen übrig geblieben, für bie Gadje opfern. Hiergegen hatte fie nidi8 einzuwenden; id) nahm aljo bie Schaumünze und einige Dulaten, meldje dabei waren, unb trug alles zu einem Soldfhmied, welcher mir den Wert in Silber dafür bezahlte, bradjte ba8 Gelb zu Römer und fagte, das jei alles, was id) verwenden könnte und ich wünſchte menigiten8 pier Monate femmes lInterridjt$ dafür zu genießen. Zuvorkommend fagte er, ba8 [ei gar nidt fo genau zu nehmen! Da id) thue, mas if Tönne, mie e8 einem Kunſtjünger gezieme, jo molle er nicht zurüdbleiben und ebenfalls thun, was er fünne, fo lange er bier fei, und id) folle nur gleich morgen fommen und anfangen.
So ridjtete id) mid) mit großer Befriedigung bei ihm ein. Den eriten und zweiten Tag ging e8 nod) ziemlidy gemütlich zu; allein ſchon am dritten begann Römer einen ganz anderen
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Ton zu fingen, indem er urplötzlich höchſt frifijd) und ſtreng wurde, meine Arbeit erbarmungs3los herunter madjte und mir bewies, daß ih nicht nur noch nichts könne, fondern aud) läffig und unadtjam jei. Das fam mir höchſt wunderlid vor; ih nahm mid) ein wenig zufammen, was aber nicht viel Dank einbradjle; im Gegenteil wurde Römer immer jtrenger und ironijder in feinem Zabel, den er nicht in bie rückſichs⸗ volliten Ausdrüde faBte. Da nahm ich mich ernftlicher zu⸗ jammen, der Tadel wurde ebenfalls ernftlih und fajt rührend, bis ich enblid) mid) ganz zerfnirfht unb demütig daran machte, mir bei jedem Striche den Pla, mo er Bin follte, wohl befab, manchmal ihn zart und bedädtig hinſetzte, mandmal nad) furzem Erwägen plöglid) wie einen Würfel auf gut Glüd Hin- warf und endlich alles genau fo zu madjen fuchte, wie Römer e8 verlangte. So erreichte ih endlich etwelches Fahrwaſſer, auf meldjem ih ganz jtill dem Ziele einer leibfidjen Arbeit zu- fteuerte. Der Yuchs merkte aber meine Abſicht und erſchwerte mir unverjehens die Aufgaben, fo daß bie Rot von neuem anging und bie riti! meines Meifters fchöner blühte, denn je. Wiederum fteuerte id) enblid nad) vieler Mühe einer am. gehenden Zadellofigfeit entgegen und wurde nochmals durd) ein erſchwertes Ziel zurüdgeworfen, ftatt daß ih, mie id) ge» hofft, ein Weilchen auf den Lorbeeren einer erreichten Stufe ausruhen fonnte. So erhielt mid) Römer einige Monate in großer Unterwürfigfeit, wobei jebodj bie myſtiſchen Gejprüdje über die bitteren Erfahrungen und über dies und jenes fort. dauerten, und wenn bie Tagesarbeit gejchloffen war oder auf unjeren Spaziergängen blieb unfer Verkehr der alte. SDaburd) entjtanb eine feltfame Weife, indem Römer mitten in einer traulihen und tiefjinnigen Unterhaltung mid) jählings anbon- | nerte: „Was haben Sie da gemadjt! Was foll denn das jein! D Herr ejus! Haben Sie Ruß in den Augen?” fo baf id)
ploglid) till wurde und voll Ingrimm über ihn unb mid) felbft meine Arbeit mit verzweifelter Aufmerkſamkeit wieder aufnahm.
Go lernte id) enblid) die wahre Arbeit und Mühe kennen, ohne daß fie mir läftig wurde, da fie in fich felbit den Lohn ber immer neuen Erholung und Berjüngung trägt, und id) fab mid in den Stand gefekt, eine große Studie Römers, welche [djon mehr ein Bild zu nennen mar, vornehmen zu dürfen und [o au fopieten, daß mein Lehrer erflärte, e8 fei nun genug in biejer Richtung, id) würde ihm fonjt feine ganzen Mappen nadzeidhnen; diefelben feien fein einziges Vermögen unb er miünjdje bei aller Freundſchaft doch nicht, eine förmliche Doublette in anderen Händen zu willen.
Dur bieje Beihäftigung war idj wunderlicher Weife im Süden weit mehr heimiſch geworden, al8 in meinem Bater- lanbe. Da bie Gadjen, nad) welchen ich arbeitete, alle unter freiem Himmel und fehr trefflih gemadjt waren, audj bie Cr. zählungen und Bemerkungen Römers fortwährend meine Arbeit begleiteten, jo perjtanb idj die [üblidje Sonne, jenen Himmel unb das Meer beinahe, wie wenn idj fie gefehen hätte.
Einen bejonberen Reiz gewährten mir die Trümmer grie chiſcher Baukunſt, meldje Tid) ba und dort fanden. Ich empfand wieder Poefie, menn ih) das fonnige Marmorgebälle eines dorifhen Tempel3 vom blauen Himmel abheben mußte. Die horizontalen Linien an 9[rdjitrap, Fries und Kranz, [omie die Kannelierungen der Säulen mußten mit der zarteften Genauig. feit, mit wahrer Andadıt, lei8 und bod) ficher und elegant hin gezogen werden; bie Gdjlagidjatten auf diefem goldenen edlen Geitein waren rein blau unb menn idj den Blid fortwährend auf dies Blau gerichtet batte, fo glaubte ich zulegt wirklich einen leibhaften Tempel zu (eben. Jede Lüde im Gebälte, durch welche der Himmel fchaute, jede Scharte an den Kanne
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lierungen mar mir heilig unb ich hielt genau ihre fíeinjten Formen feit.
Sm Nachlaſſe meines Vaters fand fid ein Wert über Architektur, in welchem die Gedichte und Erklärung ber alten Bauſtile nebjt guten Abbildungen mit allem Detail enthalten waren. Dies zog idj nun hervor und jtubierte e8 begierig, um bie Trümmer befjer zu verjtehen und ihren Wert ganz zu fennen. Auch erinnerte ich mich der italieni[djen Reife von Goethe, meídje ich gelejen; Römer erzählte mir viel von ben Menſchen und Sitten und der Vergangenheit Italiens. Er [a8 fait feine Bücher, als bie beutjdje Ueberjegung von Homer unb einen italienijdjen 9[riojt. Den Homer forderte er mid) auf zu leſen, unb ich ließ mir dies nicht zweimal jagen. Im Anfange wollte e8 nicht recht gehen, ich fand wohl alles [djon, aber ba8 Ginfadje und Koloffale war mir nodj zu ungewohnt und idj permodjte nid lange nad) einander auszuhalten. Aber Römer madjte mid) aufmerffam, mie Homer in jeder Be- megung und Stellung das einzig Nötige und 9Ingemeljene an- wende, wie jedes Gefäß und jede Kleidung, bie er beſchreibe, zugleid ba8 Geihmadvollite fei, was man fidj benfen könne, unb wie endlich jede Situation unb jeber moralifdje Konflikt bei ihm bei aller fajt finblidjen Einfachheit von ber gemüablteiten Poeſie geträntt fei. „Da verlangt man heutzutage immer nad) dem Ausgeſuchten, Sntereffanten und Pilanten und weiß in feiner Stumpfheit gar nicht, daß e$ gar nichts Ausgejuchteres, Pilantere8 und ewig Neues geben kann, als fo einen home riſchen Einfall in feiner einfahen Klafficität! Ic wünſche Ihnen nit, lieber Lee, daß Sie jemald die ausgejudhte pifante Wahrheit in der Lage des Odyſſeus, mo er nadt unb mit Schlamm bededt vor Naufifaa und ihren Gejpiefen er- fdeint, fo redit aus Erfahrung empfinden lernen! Wollen Sie willen, mie Died zugeht? Halten wir das Beifpiel einmal feſt! |
