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Gesammelte Werke

Chapter 37

Section 37

Keller I. 37
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füßte und dann von fid) jtieß, indem fie leife fagte: „Nun pad’ bid, e8 ijt jeg. Seit, daß bu Beim kommſt!“ Beſchämt juchte id meinen Hut und eilte davon, daß fie laut [adjte unb mir faum nadjfommen fonnte um mir bie Hausthüre aufgumadjen. „Halt, flüfterte fie, als ih davon laufen wollte, ,geb' ba oben durd den Baumgarten hinaus und ein wenig ums Dorf herum!” unb fie fam mit mir durd) ben Garten in ihrem leichten Gemwande, obgleich es regnete und jtürmte, was vom Himmel herunter modjte. Am Gatter jtanb fie jtill und fagte: „Hör einmal! ich fehe nie einen Dann in meinem Haufe und du bijt ber erjte, den id) feit langer Zeit gefüpt! Ich habe Quit, bir nun erjt recht treu zu bleiben, frage mid) nidjt marum, id) muß etwas probieren für bie lange Zeit und e8 madt mir Spaß. Dafür verlange ih aber, daß du jedesmal zu mir kommſt, wenn du im Dorfe bijt, in der Nacht und heimlich; am Tage und vor den Leuten wollen mir thun, als ob wir und faum anfehen möchten. Ich veriprede bir, daß es bid) nie gereuen fol. (8 wird in der Welt nicht [o gehen, wie bu e8 benfjt unb vielleiht aud) mit Anna mid; bas alles wirſt du [don feben; ich fage dir nur, daß bu fpäter [rob fein follft, wenn bu zu mir gefommen bij!" — „Wie komme ijj wieder!" rief ich etwas heftig — „Bit! nicht fo Laut,“ fagte fie; bann jab fie mir ernitbaft in bie Augen, daß id) irog Sturm und Dunkelheit bie ihrigen glänzen ſah, und fuhr fort: „Wenn bu mir nicht heilig und auf deine Ehre perjpridjit, daß bu wiederfommen willſt, [o nehm’ ich bid) fogleich wieder mit, nehme di zu mir ind Belt und du mußt bei mir ſchlafen! Das ſchwör ich bei Gott!"
Es lam mir gar nidt in den Sinn, über diefe Drohung zu lachen oder diefelbe zu peradjten; vielmehr verſprach ich, fo ſchnell ich fonnte, in Judiths Hand, daß ich wieder kommen mwollte, und eilte davon,
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Sch lief zu, ohne zu willen wohin; denn ber ſtrömende Regen that mir mobl; jo mar idj bald aus dem Dorfe und auf eine Höhe gefommen, auf welcher ich meiter ging. Der Morgen graute und warf ein ſchwaches Licht in das Unmeltter; id) madjte mir die bitterften Vorwürfe und fühlte mid) ganz zerknirſcht, und als id) plöglih zu meinen Füßen den feinen See unb des Schulmeiſters Haus erblidte, kaum erkennbar duch ben grauen Schleier be8 Regens und der Dämmerung, ba [anf ich erjchöpft auf den Boden und brad) gar jämmerlih in Thränen aus.
Es regnete immerfort auf mid) nieder, die Winditöße fuhren und pfffen durch die Luft und heulten erbärmlid in ben Bäumen, id) meinte dazu mie ein Kind; gehöriger Weiſe madjte ih niemandem Vorwürfe, al8 mir felbit, und dachte nicht daran, ber Judith irgend eine Schuld beigumeljen. Ich fühlte mein Weſen in zwei Teile gefpalten und hätte mid) vor Anna bei ber Judith und vor Syubitb bei der Anna verbergen mögen. Über idj gelobte, nie wieder zu jener zu gehen und mein Gelöbnis zu bredden; denn id) empfand ein grengenloje8 Mitleid mit Unna, bie ich in der grauen feuchten Tiefe zu meinen Yüßen jebt fo ſtill fchlafen mußte. Endlich raffte ich mid auf und ftieg wieder ind Dorf hinunter; der 9taud) itieg aus ben Schorniteinen und frod) in munberliden Fetzen durch ben Regen; etwas gefaßter [aun ich darüber nad), was id) im Haufe des Dheims über mein nádjtlidjes Ausbleiben vorgeben wolle, etwa id) hätte mid) verirrt unb [ei die ganze Nacht umbergeftreift. Dies mar feit den kritiſchen Sinderjahren das erftemal, roo id) zu einem Zwecke wieder lügen mußte; mehrere Sabre binburdj Hatte ich nicht mehr gewußt, was Lügen fei, und diefe Entdedung madjte mir vollends zu Mute, als ob id) aus einem fhönen Garten hinausgejtoßen würde, in meldjem id) eine Zeitlang zu Gajt gemelen.
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Seller IL
Gottfried Keller's
Gefammelte Werfe.
Ld " Zweiter and.
Berlin.
Berlag von Wilhelm Herp. Befferige Buanblung,) 1892.
Der grüne Heinrich).
Roman
von
Gottfried Keller. S Dritter Band.
Behnte Auflage.
Berlin. Berlag von Wilhelm Herg. (Befferfe Vuqhandlung.) 1892. ,
fjudjbruderel von Guftao Schade (Otto Brande) in Berlin N.
Inhalt bes dritten Suubes.
Crfte8 Kapitel. Arbeit unb Beihaulihlt . . . . . .
Zweites Kapitel. Gin Bunder und ein wirklider Meifter. . .
Drittes Kapitel.
Fünftes Kapitel. Thorheit be8 Meifters und des Schülers
Leiden unb Leben . . Giebente8 Kapitel.
Annas Tod und Begräbnis. . . . . .
Auch Subib geb . ...
Das Bergamentlein . » .. 2 000.
Gedjíte8 Kapitel.
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93
Der Shäbel .
Die Maler
Fremde Liebeshändel .
Wiederum Faftnacht
Das Narrengefeht .
Der Grillenfang .
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Fünfzehntes Kapitel.
Wo
Dritter Band,
Erftes Kapitel. Arbeit und Befhanlichkeit.
Ich ſchlief feit und traumlos bis zum Mittag; als id) ermadjie, wehte nod) immer der warme Sübmind und e$ regnete fort. Ich [ab aus bem Fenſter unb erblidte dag Thal auf und nieder, wie Hunderte von Männern am Waffer arbei- teten, um bie Wehren unb Dämme berzuftellen, ba in ben Bergen aller Schnee ſchmelzen mußte und eine große Flut zu erwarten war. Das Flüßchen rauſchte ſchon ſtark unb grau gelblich daher; für unfer Haus war gar Feine Gefahr, ba e$ an einem fider abgedämmten Seitenarme lag, ber die Mühle trieb; bodj waren alle Mannzperjonen fort, um die Wiefen zu fügen, und id) ſaß mit ben $yrauenaleuten allein zu Zifche. 9tadjber ging id) aud) Hinaus und jab die Männer ebenfo rüjtig und entſchloſſen bei ber Urbeit, als fie geftern bie Freude angefaßt Hatten. Sie fchafften in Erde, Holz und Steinen, ftanben bis über die Kniee in Schlamm und Waller, ſchwangen Yerte und trugen Faſchinen und Ballen umber, und wenn fo adj Mann unter einem jdjmeren langen Baume einher gingen, fonnte man glauben, fie hielten wieder einen Aufzug; bod der Unterſchied mar gegen geitern, daß man feine Tabaks⸗
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pfeifen fab. Ich fonnte nicht viel helfen unb mar ben Leuten eher im Wege; nachdem ich daher eine Strecke weit bas Waſſer hinaufgeſchlendert, ferte idj oben burdj dag Dorf zurüd und fab auf diefem Gange die Thätigkeit auf allen ihren gewohnten Degen. Wer nidjt am Waſſer be[düftigt mar, der fuhr ins Holz, um bie dortige Arbeit nod) jchnell abzuthun, und auf einem Ader fab id einen Mann jo ruhig und aufmerkſam pflügen, aí8 ob e$ weder ber Nachtag eines Feſtes, nod) eine Gefahr im Lande wäre. Ih ſchämte mid, allein fo müßig und zwecklos imbergugeben, und um nur etwas Entſchiedenes zu hun, entſchloß ich mich, jogleid) nadj ber Stadt zurüdzu- fehren. Zwar Hatte id) leider nicht viel zu verfäumen und meine ungeleitete baltlofe Arbeit bot mir in biejem Augenblide gar feine lodende Zufludt, ja fie fam mir ſchal und nichtig vor; ba aber der 9tadjmittag ſchon vorgerüdt mar unb id) duch Kot unb Regen in bie Nacht hinein wandern mußte, jo ließ eine ascetiihe Laune mir diefen Gang als eine Wohlthat ericheinen, und id madjte mid) troß aller Ginreben meiner Ber- wandten ungeſäumt auf den Weg.
So ſtürmiſch unb mühevoll diefer mar, legte ich bod) bie bedeutende Strede zurüd mie einen fonnigen Gartenpfad; denn in meinem Innern ermadjten alle Gedanken und fpielten fort unb fort mit dem Rätſel des Lebens, mie mit einer goldenen Kugel, und id) mar nicht wenig überrajdjt, mid) unverjehens in der Stadt zu befinden. Ws id vor unjer Haus fam, merlte ih an ben dunkeln Fenſtern, daß meine Mutter (don fhlief; mit einem heimkehrenden Qausgenofjen ſchlüpfte ich ins Haus und auf meine Kammer, und am Morgen that meine Mutter bie Augen weit auf, als fie mid) unerwartet gum Vor⸗ idein. fommen fah. |
Ich bemerkte fogleih, baB im unferer Stube eine Heine Beränderung vorgegangen war. Gin Lotterbetihen jtanb an
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ber Wand, welches bie Mutter billigen Preifes von einem Be fannien gefauft, ber e8 nicht mehr unterzubringen mußte; es xar von der größten Einfachheit, leicht gebaut und nur mit weiß und grünem Stroh überf[odjten unb bod) ein ganz artiges Möbel. Aber auf ihm lag ein anjehnlider Stoß Bücher, an bie fünfzig Bändchen, alle gleidj gebunden, mit roten Schildchen und goldenen Titeln auf bem Rüden verfehen und durch eine [tarte vielfahhe Schnur zufammengehalten. Es waren Goethes fämtlihe Werke, welche ein Zrödler, ber mid) mit alten Büchern und vergilbten Kupferblättern in ein vorzeitiges gelindes Schuldentum zu verloden pflegte, hergebracht Hatte, um fie mir aur Unfiht und zum Verkauf anzubieten. Bor einigen Jahren hatte ein deutſcher Schreinergefelle, weldher ut unferer Stube etwas zurecht hämmerte, dabei von ungefähr gefagt: „Der große Goethe ift geitotben," und dies Wort Hang mir immer wieder nad. Der unbelannte Tote fchritt fait durch alle Beihäftigungen und Anregungen und überall zog er at gefnüp[te Fäden an fi, deren Enden in feiner unfidhtbaren Hand verihwanden. Als ob ich jet alle diefe Fäden in dem ungeſchlachten Knoten der Schnur, meldje bie Bücher ummand, beifammen hätte, fiel ich über benjelben her unb begann haſtig ihn aufzulöfen, und als er enblidj aufging, da fielen bie goldenen Früchte des achtzigjährigen Lebens auf das jdjonjte auseinander, verbreiteten fi über das Stubbett und fielen über bejjen Rand auf ben Boden, daß ih alle Hände voll zu tbun Hatte, den Reichtum zufammenzubalten. Ich entfernte midj von jelber Stunde an nit mehr vom Lotterbetichen und [a8 vierzig Tage lang, inbeljen e8 nod einmal Winter und wieder Yrühling wurde; aber der weiße Schnee ging mir mie ein Traum vorüber, den ich unbeadjtet von der Seite glänzen fab. Ich griff zuerſt nad) allem, was fid) burdj den Drud als bramatijd) zeigte, dann las id) manches Gereimte, bann
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bie Romane, dann die italienijdje Reife, und als fid) ber Strom hierauf in bie projaijdjen Gefilde des täglichen Fleißes, der Einzelmühe verlief, lieb ih das Weitere liegen und fing von vorn an und entdedte diesmal die ganzen Sternbilder in ihren fhönen Stellungen zu einander und dazwiſchen ein[ame ſeltſam glänzende Sterne, mie den Reineke Fuchs ober den Benvenuto Gellini. So Hatte ih noch einmal diefen Himmel durchſchweift unb vieles mieder doppelt gelefen und entdedte aulegt nod) einen ganz neuen hellen Stern: Dichtung und Wahrheit. Ich war eben mit diefem zu Ende, a[8 der Trödler bereintrat und fid) erfundigte, ob ich die Werke behalten wolle, da fid) jonjt ein anderweitiger Käufer gezeigt habe. Unter diefen Umftänden mußte der Schat bar bezahlt werden, was jept über meine Kräfte ging: die Mutter jab wohl, daß er mir etwas Wichtiges war, aber mein vierzigtägiges Liegen und Lefen madte fie unentfchloffen und darüber ergriff der Mann wieder feine Schnur, band die Bücher zufammen, ſchwang ben Pad auf ben Nüden und empfahl fid.
Es mar, als ob eine Schar glänzender und fingender Geijter bie Stube verließen, fo daß diefe auf einmal ſtill und leer ſchien; ich fprang auf, jab mid um, und würde mid) wie in einem Grabe gebünft haben, menu nicht die Stridnabeln meiner Mutter ein freundliches Gerüu[d) verurjadjt hätten. Sch madte mid ins Freie; bie alte Bergitadt, $yeljen, Wald, Fluß unb Gee unb das formenreihe Gebirge lagen im milden Schein der Märzionne, und indem meine Blicke alles umfapten, empfand ich ein reines unb nachhaltiges Vergnügen, bake id) früher nicht gefannt. (8 mar bie hingebende Liebe an alles Gewordene unb Beitehende, melde das Recht unb bie Beben- tung jegliden Dinges ehrt unb ben Zufammenhang und bie Tiefe der Welt empfindet. Diefe Liebe fteht höher als bas künſtleriſche Herausſtehlen des einzelnen zu eigennübigem Zwecke,
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welches aulegt immer zu Kleinlichkeit unb Laune führt; fie fteht audj Höher, al8 das Genießen unb Abjondern nad Stim⸗ mungen und romantiſchen Liebhabereien, und nur fie allein vermag eine gleihmäßige und dauernde Glut zu geben. Es lam mir nun alles unb immer neu, fhön und merkwürdig vor und id) begann, nidj nur bie $yorm, fondern aud) ben Inhalt, ba3 Wefen und bie Gefchichte der Dinge zu fehen und zu lieben. Obgleich ich nicht ſtraks mit einem folden fir und fertigen Bewußtfein herumlief, fo ent[prang ba8 nad) und nad) Erwachende doch burdaus$ aus jenen vierzig Tagen, ſowie deren Gejamteinbrude mod) folgende Grgebnijje ur[priinglid) zuzufchreiben find.
Kur die Ruhe in der Bewegung hält die Welt unb madt den Mann; die Welt ijt innerlid ruhig und ftill, und fo muß e3 aud) der Mann fein, ber fie verjtehen und als ein wirfender Zeil von ihr fie widerfpiegeln mill. Ruhe zieht das Leben an, Unruhe verſcheucht es; Gott hält ſich mäuschenftill, barum bes wegt fid die Welt um ihn. Für den fünlterijdjen Menſchen nun märe dies [o anzumenden, daß er fidj eher leidend und zufehend verhalten und die Dinge an fid) vorüberziehen laſſen, al3 ihnen nadjagen fol; denn wer in einem feitlichen Zuge mitzieht, fann denfelben nicht fo bejchreiben, mie ber, welcher am Wege jtebt. Diefer ijt darum nicht überflüffig ober müßig, unb ber Seher ijt erjt das ganze Leben des Gejebenen, und wenn er ein redjter Geber ijj fo fommt ber Augenblid, wo er fid dem Zuge anſchließt mit feinem goldenen Spiegel, gleid) dem achten Könige im Macbeth, der in feinem Spiegel nod) viele Könige fehen ließ. Auch nicht ohne äußere That und Mühe ijt das Sehen des ruhig Leidenden, gleihwie ber Su» [dauer eine8 Yeitzuges genug Mühe hat, einen guten laf zu erringen ober zu behaupten. Dies ijt die Erhaltung der Freiheit und Unbeſcholtenheit unferer Augen.
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Ferner ging eine Ummandlung vor in meıner YIn[dauung pom Poetiſchen. Ich Hatte mir, ohne zu willen wann und wie, angemwöhnt, alles, mas ich in Leben und Sunjt als braud)- bar, gut und ſchön befand, poetifch zu nennen, und felbit die Gegenitände meines erwählten Berufes, Yarben wie Yormen nannte idj nicht maleriſch, ſondern immer poetijd, fo gut mie alle menfchliden Greigniffe, tweldje mid) anregend berübrten. Dies mar nun, wie ich glaube, ganz in der Ordnung, denn e8 ijt das gleiche Geſetz, meldje8 bie verjhhiedenen Dinge poetild) ober ber 9iber|piegelung ihres Dafeins mert madt; aber in Bezug auf mandjes, was ich bisher poetijd) nannte, lernte idj nun, daß bas Umbegreiflihe unb Unmöglidhe, das Übenteuerlihe unb Ueberſchwengliche nicht poetifch ijt und bap, wie dort bie Ruhe und Stille in der Bewegung, Hier nur Schlichtheit und Ehrlichkeit mitten in Glanz und Gejtalten berrihen müjfen, um etwas Poetifches oder, was glei be beutenb ijt, etwas Lebendiges und Bernünftiges bervorzu- bringen, mit Einem Wort, bap bie fogenannte Zweckloſigkeit ber Kunft nicht mit Grundlofigfeit verwechfelt werden darf. Dies ijt zwar eine alte Geſchichte, indem man fon im Ari— ftotele8 erjehen kann, daß feine jtofflihen Betrachtungen über die projaijdj-politijdje 9tebefunit zugleich bie beiten 9tecepte aud) für ben Dichter find.
Denn mie ed mir [djeint, geht alles richtige Beſtreben auf Vereinfahung, Zurüdführung und Bereinigung des ſchein⸗ bar Getrennten und Berjchiedenen auf Einen Lebensgrund, und in diefem Beitreben das Notwendige und Einfache mit Kraft und Yülle und in feinem ganzen Wejen darzuftellen, ijt unit; darum unterfcheiden fi die Künſtler nur baburdj von den anderen Menſchen, daß fie bas Wefentliche gleich jehen und es mit Fülle darzuftellen willen, während bie anderen dies wieder erkennen müllen und darüber erjtauneu, unb barum
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find aud) alle bie feine Meilter, zu deren Verſtändnis e$ einer befonderen Geſchmacksrichtung oder einer künſtlichen Schule bedarf.
Sdj batte e8 weder mit dem menſchlichen Wort, nod) mit ber menjdjidjen Geftalt zu thun und fühlte mid) nur glücklich und zufrieden, daß ich auf das beicheidenite Gebiet mit meinen Fuß feßen Tonnte, auf den irdifchen Grund und Boden, auf bem fid) der Menſch bewegt, und jo in ber poe tijden Welt menigiten8 einen Zeppid)bemabrer abgeben durfte. Goethe Hatte ja viel und mit Liebe von landſchaftlichen Sachen gejprodjen, und durch diefe Brüde glaubte ich ohne Unbe— ſcheidenheit mid ein wenig mit feiner Welt verbinden zu fönnen.
Ich wollte fogleid) anfangen, num fo recht mit Liebe und Aufmerkſamkeit bie Dinge zu behandeln und mich ganz au bie Satur zu Halten, nichts Ueberflüffiges oder Müßiges zu machen unb mir bei jedem Striche ganz flar zu fein. Im Geijte jab id ſchon einen reihen Gdjag von Urbeiten vor mir, melde alle hübſch, wert- und gebaltooll ausfahen, angefüllt mit zarten und ſtarken Striden, von denen Feiner ohne Bedeutung war. Ich jekte mid) ins Freie, um das erite Blatt diefer vor» trefflihden Sammlung zu beginnen; aber nun ergab es fid, daß id) eben da fortfahren mußte, wo ich aulegt aufgehört batte, und daß ich durchaus nicht imftande mar, plóglid) etwas Neues zu Schaffen, weil id) dazu erit etwas Neues hätte fehen müfjen. Da mir aber nidjt Ein Blatt eines Meiſters gu Gebote ſtand und die prächtigen Blätter meiner Phantafie fogleih in nidts ji auflöften, wenn ih ben Stift auf bas Papier febte, jo bradjte id) ein trübfeliges Gefrigel zuftande, indem ich aus meiner alten Weiſe herauszukommen jud)te, welche ich veradjtete, während ich fie jept fogar nur perbarb. So quälte id) mid) mehrere Tage herum, in Gedanken immer eine gute unb [adj
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gemäße Arbeit febenb, aber ratlos mit ber Hand. G8 murbe mir Angſt unb bange, ich glaubte jegt fogleid) verzweifeln zu müflen, menn e$ mir nicht gelänge, und feufzend bat id) Gott, mir auß ber Klemme zu Helfen. Ich betete mod) mit ben gleichen Findlichen Worten, wie fhon vor zehn Fahren, immer ba$ gleiche wiederholend, fo daß es mir fefbjt auffiel, als ich balblaut vor mich Hin ffüjterie. Darüber nadjfimnenb bielt id) mit der hajtigen Arbeit inne und fab in Gedanken verloren auf ba8 Papier.
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Bweites Kapitel. Ein Munder und ein wirklidger Meiſter.
Da überjchattete fid) plöglich ber weiße Bogen auf meinen Snieen, ber vorher von der Sonne beglánat war; erſchrocken ſchaute ih um und fah einen anfehnlidhen, fremd gefleideten Mann Hinter mir jteben, elder den Schatten verurfadte. Er mar groß und jdjanf, Hatte ein bedeutfames und ernites Gejidjt mit einer ftark gebogenen Naſe und einem jorgfältig gebrebten Schnurrbart und trug febr feine Wäfche.
In hochdeutſcher Spradhe redete er mid) an: „Darf man mobi ein wenig ihre Arbeit befehen, junger Mann?" Halb ere freut und Halb verlegen bielt id) meine Zeichnung Hin, meldje er einige Augenblide aufmerffam befah; dann fragte er mid), ob id nod) mehr in meiner Mappe bei mir bätte unb ob id) mirflider Künjtler werden wollte. Ich trug allerdings immer einen Borrat des zulebt Gemadjten mit mir herum, wenn id) nad) ber Ratur zeichnete, um jedenfalls etwas zu tragen, wenn ih einen nnergiebigen Tag hatte; und während id) nun bie Gadjen nad und nad) bervorzog, erzählte ich fleißig und au» fraulid) meine bisherigen Künſtlerſchickſale; denn ich merkte fogleidj an der Art, mie der Fremde die Sachen anjab, daß