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Gesammelte Werke

Chapter 36

Section 36

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in diefem Vorwurfe lag, fo entbrannten bie drei llebrigen ibrerjeit8 im Zorne, fchalten ben SKonfervativen einen Ber: lannber und fuchten ibm zu bemeifen, daß er ohne den 9tabi- kalismus gar feinen Wein zu riechen befäme, weder guten, nod) ſchlechten; daß er felbit als fonfervativer Varteibedienter völlig überflüffig wäre und von feinen Zöpfen den Schub unter ben Rüden erhielte ftatt des ftärfenden Weinchens ber Profelyten- belohnung. Dies führte zu einem bitigen Gefechte, worin bie Herren gegenfeitig ihre Grunbjáge, Thatſachen und Partei- führer herunter machten und dag in Ausdrüden, Bergleihungen unb Wendungen, Schlag auf Schlag, mie fie Fein bramatijdjet Dichter für feine Volksſcenen treffender und eigentümlicher er- finden Fönnte; nicht einmal nachzuſchreiben wären fie, fo leicht unb bligähnlih entfprangen bie Wite aus den VBorausfegungen, melde bald wahr und richtig, bald boslid) erjonnen, bod) immer fi auf bie VBerhältniffe und Berfonen gründeten. Ein Zeitartilel ober eine Rede wäre zwar aus diefem Turnier nicht zu ſchöpfen gemefen; bod) fonnte man fehen, meld) eine ganz vertrafte Kritik bas Voll auf feine Weife führt, unb wie febr fi) derjenige trügt, welcher, von der Tribüne herunter zu zweifelhaften Zwecken das ,biebere, gute Volt" anrufend, ein allzu wohlmollendes und naive Pathos vorausfeßt. Selbſt Aeußerlichkeiten, Angewöhnungen und lorperlide Gebrechen, wurden in einen folden Zufammenhang mit den Worten und Handlungen hervorragender Männer gebradjt, daß die lebten nur eine notwendige Yolge ber erjten zu fein fdjienen. und man glaubte, in den ungelefrten, aber phantafiereihen Volksleuten bie boftrinüriten Phyfiognomiften vor fid) zu feben. Mancher angefebene Mann ward Bier zu einem ládjerliden oder um. heimlichen Bopanz umgefchaffen, daß er leibhaft zu fehen mar, und ſelbſt die Verteidigung desfelben hätte etwas Demütigendes für ihn gehabt, wenn er fie gehört hätte.
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Wie in einer ganz anderen Welt war id) Bier, ala be bem Gdjulmeijfer; unb bod) fühlte ich mid) gleid) zu Haufe uud ſchlürfte bie ftarfen und rüdfichtslofen Redensarten, bie [potti[djen und wilden Einfälle ebenfo anbüdjtig ein, mie bie gewählten ruhigen Worte von Annas Vater. Ich ſchien mir bor ein “anderer und bier ein anderer und doch immer der gleihe zu fein. Sd freute mid, daß mein Leben eine Seite um Die andere vor mir aufthat, und war ftolz darauf, indem idj mir einbildete, daß diefe Iuftigen Männer mid) ihrer Geſellſchaft würdig adjteten und ihre Witze vor mir nicht zurüdhielten. Mit Vergnügen badjte ih an den Gdjulmeijter und wie id) fürder ernithaft und anftändig mit ihm Ddisputieren wolle, während ih bod) nodj von etwas anderem wüßte; Denn es [dien mir nun darauf anzufommen, nirgends ausgefchloffen zu fein und alles zu überfehen.
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Die barmbergigen Brüder waren burd) bie Bolitit wieder rüftig und munter geworden und hatten bie Flaſchen neu füllen laffen, obgleid) Mitternacht lange vorüber, als Judith plötzlich aufbrad unb fagte: „Frauen und junge Knaben gehören mum nah Haufe! Wollt ihr nicht mitfommen, Better, da wir den gleichen Weg haben?" Ich fagte Ja, bod) müßte id) erft nad) meinen Verwandten fehen, meldje wabr[djeinfid) audj mitfommen würden. „Die werden wohl ſchon fort fein," ermiberte fie, „denn e$ ijt fpät: menn id) nicht darauf gerechnet hätte, baf ij mit end) geben lónnte, jo wäre ih auch längſt fort." „Oho!“ riefen bie Becher, „als ob mir nidjt aud) da wären! Wir alle begleiten euch! Das foll nicht gefagt fein, daß bie Judith nicht Begleiter zur Auswahl Habe!" Sie erhoben fid) und forgten, nod) den frifhen Wein unterzubringen, während Subib mir minfte und auf dem Flur angefommen [agte: „Diefe vier Heiden wollen mir ſchön anführen!" Auf ber Straße fab id, daß der Saal, wo meine Vettern und Bafen fid) aufgehalten, ſchon dunkel war, und mehrere Qeute bejtátigten ihre Heimkehr. So mußte id der Judith folgen, als fie
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mich burdj eim dunkles GeitengáBdjen ins freie unb durd) einige Feldwege auf die Landitraße führte, baB wir einen Borfprung gewannen und bie vier Männer hinter uns rufen hörten. Indem wir eilenb weiter fchritten, gingen wir um einige Spannen entfernt neben einander Ber; id) hielt mid) fpröde zurüd, während mein Ohr Leinen Ton ihres feiten und bod) leichten Schrittes verlor und begierig das leije Raufchen ihres Kleides vernahm. Die Naht mar dunkel, aber das Frauenhafte, Sichere und bie Yülle ihres Weſens wirkte aus allen Umriffen ihrer Gejtalt wie berau[djenb auf mich, baf id) alle Augenblicke hinüberfchielen mußte, gleich einem angftvollen Wanderer, dem ein Feldgeſpenſt zur Seite geht. Und wie ber Wanderer mitten in feiner Angſt fein chriſtliches Bewußtſein mad) ruft zum Schuße gegen den unheimlichen Begleiter, trug id während des verlodenden Ganges einen geiftlihen Hochmut ber Sprödigkeit unb ber Unfehlbarfeit in mir. Judith [prad) von den Männern und lachte über fie, erzählte mir unbefangen bie Summbeiten, bie ber eine ihr gemadjt, und fragte mid, ob Luna nid eine alte Mondgöttin wäre? Wenigitens Habe fie da8 immer vermutet, wenn fie jenes Lied in einem Bude gelefen; e8 babe aud) gut für ben Schlingel gepaft. Dann fragte fie mid) plöglih, marum idj fo ftolz geworden fei unb fie fo lange nie mehr angefehen, viel weniger befudjt habe? Sd mollte mid) damit entjdjulbigen, daß fie feinen Verkehr mit dem Haufe meines Dheims pflege und ich baber [djidlidjex Weiſe aud) nicht veranlaßt fei, fie zu feben.
„Ah was!" fagte fie, „ihr feib ja ebenfogut mein Vetter und könnt mid) von redjiámegen wohl Beim[udjen, wenn ihr wollt! Damals, wo ihr [o jung gemwefen, Habt ihr mid fo gern gehabt und ihr jeib mir immer ein wenig lieb; aber jett habt ihr ein Schätchen, in welches ihr verliebt feid, unb meint, feine andere Yrau mehr anfehen zu dürfen!” —
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„Ich ein Schätzchen?“ erwiderte ih, und als fie biefe Behauptung wiederholte und Anna nannte, leugnete ich bie Gadje auf das beſtimmteſte. Wir waren unverfehens beim Dorfe angefommen, in welchem mod viele Stimmen laut wurden und die jungen Leute über bie Gafje gingen; Judith wünſchte ihnen aus dem Wege zu geben, und obglei id) nun füglid) meine Straße hätte ziehen Tonnen, leitete id) Doch feinen Widerſtand und folgte ihr unwillkürlich, als fie mich bei ber Hand nahm und ami[den eden und Mauern burdj ein dunkles Virrfal führte, um ungefehen in ihr Haus zu gelangen. Sie hatte ihre Aeder verkauft unb mur einen ſchönen Baumgarten nádjft dem Haufe behalten, in meldjem fie ganz allein wohnte. Der genoffene Wein erhöhte die Aufregung, in welcher id) mid) befand, wie wir fo burd) bie engen Wege binfchlüpften, und als bei dem Haufe angelommen Judith fagte: „Kommt herein, ich will nodj einen Kaffee kochen!” unb ich Dineinging und fie bie Hausthüre feit Hinter uns verriegelte, ba klopfte mir ba$ Herz mit ungemijjer Furcht, während id) mid) über. mütig be8 Abenteuers freute und mich vermaß, dasjelbe zu meiner Ehre, aber verwegen zu beitehen. An Anna badjte id) gar nicht, mein wallendes Blut verfinfterte ihr Bild und Tief nur den Stern meiner Gitelfeit durchſchimmern; denn, genau erwogen, wollte ih nur um meiner felbft willen meine Stand» baftigfeit erproben. Doc darf ih mir geftehen, daß es im Grunde eine Art romantifhen Pflichtgefühls war, welches mid) antrieb, einer merkwürdigen Erfahrung auszuweichen. Auch verlor fid) bie unBeimlidje Aufregung, fobald Judith Licht an» gezündet und ein helles Feuer entflammt hatte. Ich jaB auf dem Herde und plauderte ganz vergnüglich mit ihr, und indem ih fortwährend in ihr vom euer beglänztes Geſicht fab, glaubte ich ftolz mit ber Gefahr fpielen zu können und tráumte mid in bie Lage der Dinge zurüd, wie idj vor zwei Jahren
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nod) ihr Haar aufs unb zugeflodten batte. Während der Kaffee fingend fodjte, ging fie in die Stube, um ihr Qal8tud) abzulegen und ihr Sonntagsfleid auszuziehen, und fam im weißen Untergewande zurüd, mit bloßen Armen, unb aus ber fchneeweißen Leinwand enthüllten fid) mit blenbenber Schönheit ihre Schultern. ^ Gogleidj warb ich wieder verwirrt, und erit allmählich, indem idj unverwandt fie anjdjaute, entwirrte fid) mein flimmernder Blick an der ruhigen Klarheit diefer tyormen. Ich batte fie ſchon als Knabe ein oder zweimal fo gefeben, wenn fie beim Anfleiden nicht jehr auf mich adjtele, und ob. gleich id) jebt anders fab, als damals, [djien bod) die gleiche Bormwurfslofigleit auf diefem Schnee zu ruhen; aud) bemegte f Sudith fo fiher und frei, daß diefe Sicherheit audj auf mid) überging. Sie trug den fertigen Kaffee in die Stube, legte fid) neben mid) und indem fie das Derbeigebolte Stirdjen- bud) aufſchlug, fagte fie: „Seht, id) Babe alle bie Bildchen noch, bie ihr mir gezeichnet habt!" Wir betrachteten bie finbijdjen Dinger, ein ums andere, unb bie unficheren Striche von ba- mals famen mir bodjt jeltfam vor, wie vergeljene Zeichen einer unabfehbar entſchwundenen Zeit. Ich erjtaunte vor diefen Abgründen ber SBergellenbeit, bie zwifchen bem furgen Sugendjahren liegen, unb betrachtete bie Blättchen fehr nad benfíid); aud) bie Handſchrift, womit id) die Sprüche Hinein- geíd)rieben, war eine ganz andere und nod) diejenige aus ber Schule. Die ängftlihen Züge fahen mid traurig an; Judith jab aud) eine Zeitlang jtil auf das gleihe Bildchen mit mir, bann jab fie mir plöglic dicht in die Augen, indem fie ihre Arme um meinen Hals legte, und [jagte: „Du bift immer noch der gleidje! An was denkſt du jegt?" — „Sch weiß nicht,“ ermiberte id); „weißt bu, fuhr fie fort, daß ich Dich gleich freffen möchte, wenn du fo ítubierit, ins Blaue hinaus!” und fie brüdte mid) enger an fi, während ich fagte: „Warum
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benn?" — „Ich weiß ſelbſt nicht redjt; aber es ijt fo lange weilig unter den Leuten, daß man oft froh ijt, menn man an etwas Anderes denken Tann; id) möchte dies audj gern, aber ih weiß nicht viel und benfe immer das gleiche, ob[djon mir etwa lInbelannte$ im Kopfe herumgeht; menn ih bid) nun fo jtaunen fehe, jo ijf es mir, al8 ob du gerade an das benfjt, woran idj audj gern finnen möchte, id meine immer, e3 müßte einem fo wohl fein, wenn man mit deinen geheimen Gedanken in die Weite fpazieren Tönnte!" So etwas hatte ih nod) niemals zu hören befommen; obgleich ich wohl einfah, bap bie Judith fih alzufehr zu meinen Gunsten täufchte, was meine inneren Gedanken betraf, und ich tief beſchämt er- rötete, daß ich glaubte, die Nöte meiner brennenden Wange müffe ihre weiße Schulter anglühen, an tvelder fie lag: fo [og ih bod Wort für Wort biejer füßeffen Schmeichelei begierig ein, und meine Augen ruhten dabei auf der Höhe ber Bruft, welche jtill und rein aus bem frifhen Linnen emporitieg und in unmittelbariter Nähe vor meinem $8lide glängte wie bie ewige Heimat des Glüdes. Judith wußte nicht, ober wenigftens nicht recht, daß e8 jebt an ihrer eigenen Bruſt till und Flug, traurig und doch glüdfelig zu fein mar. Ich fühlte mid) ganz außer der Zeit; wir waren gleich alt ober gleid) jung in diefem Augenblide, und mir ging e$ burdj das Herz, ala ob id) jegt die Ruhe vorausnähme für alles Leid und alle Mühe, bie nod) lommen follten. Ja diefer Augenblid [djien [o febr feine Recht fertigung in fidj felbit zu tragen, daß ih nicht einmal auf. ſchreckte, ala Syubitb, in bem Gefangbud) blätternd, ein zufammen- gefaltetes Blatt hervorzog, e8 aufmachte, mir vorhielt und id) nad langem Sinnen jenes be[djriebene und an Anna gerichtete Liebesbriefchen erfannte, das ich vor Sahren einjt den Wellen übergeben hatte „Leugneit du noch, dag bie8 gute Kind bein Schägchen fei? fagte fie, unb id leugnete e8 aus Mutwillen
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zum zweiten Male, das Blatt a[8 eine vergeflene Kinderei er» Märend.
In diefem Augenblide riefen Stimmen vor bem Haufe, melde wir als diejenigen ber vier Männer erfannten. So— gleich Löfchte fie das Licht aus, daß wir im Dunkeln faßen; bod) bie unten begehrten nichts deito minder Einlaß, indem fie riefen: „So madjt bod) auf, ſchöne Judith, und warte uns mit einer Zaffe heißen Kaffees auf! wir wollen uns ehrbar benehmen und nod) ein vernünftiges Wort [predjen! Aber macht auf, zum Lohn dafür, bag ihr uns fo angeführt Habt; es iit Faſtnacht und ihr dürft ohne Gefährde einmal die vier ruhm⸗ würdigiten Sumpane des Landes bewirten!“
Wir hielten uns aber ganz jtill; ſchwere Regentropfen ſchlugen an die Scheiben, es wetterleuchtete fogar unb in ber Ferne bonnerte e8, daß es lang, ala wäre e8 Mai oder Juni. Um Judith firre zu madjen, fangen die Männer mit heuchle⸗ riſcher Sorgfalt ein vierftimmiges Lied, jo [don fie konnten, und ihr übermadjter Zuftand gab ihren Stimmen mirflid) etras gerührt Bibrierendes. Als dies alles nichts Half, fingen fie am zu fludhen, und einer fletterte am Spalier zum Fenſter empor, um in bie dunfle Stube zu feben. Wir bemerlten mwohl feine [pipige Kapuze, bie er über den Kopf gezogen hatte; da erbellte mit einemmal ein 3Bfig bie Stube unb ber Späher fonnte Yudith ihres weißen Zeuges wegen erlemnen.
„Die verwünſchte Here fig ganz aufreht und munter am Tiſch!“ rief er gedämpft hinunter; ein anderer fagte: „Laß mid einmal fehen!" Doc mwährend fie fi) ablöften unb bie Stube wieder finjter war, huſchte Judith ſchnell zu ihrem Bett, nahm die weiße Dede desfelben und warf fie über den Stuhl, worauf fie mid) leis mad) bem Bett Binzog, meldes8 man vom Fenſter aus nicht fehen konnte. WS jet ein zweiter, nod) ftärferer Blit die Stube ganz Mar madjte, fagte der Mann,
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welcher bie Augen mie eine Doppelbüchſe auf den Stuhl ge richtet Hatte: „Sie ijt e$ nicht, e8 ijf nur ein weißes Tuch; das SKaffeegeihirr fteht auf dem Tiſch und das Kirchenbuch liegt dabei. Der Himmelteufel ijt am Ende frömmer, al8 man glaubt!“
Judith aber flüfterte mir ins Ohr: „Der Schelm hätte bid) jet ganz gewiß erblickt, wenn mir figen geblieben wären!”
Dod die gewaltigen Regengüffe, Bli und Donner, bie nun Dereinbradjen, vertrieben den Späher vom Fenſter; mir hörten, wie fie ihre Kutten fchüttelten und auseinander fprangen, um im Dorfe ein Unterfommen zu ſuchen, da fie alle weit von Haufe waren. Als mir nichts mehr von ihnen hörten, faßen wir nodj eine Weile ganz [till auf dem Belte unb lauſchten auf da8 Gewitter, welches das Häuschen erzittern machte, fo daß ih mein eigenes leifes Zittern nicht recht davon unterfcheiden fonnte. Ich umfaßte Judith, um nur dies bes Hemmende Zittern zu unterbrechen, und küßte fie auf ben Mund; fie küßte mid) wieder, fejf und warm; bod) bann Löfte fie meine Arme von ihrem Hals unb jagte: „Süd iji Glüd und e$ giebt nur ein Glück; aber id) fann dich nicht länger bier be- halten, wenn du mir nicht geftehen willit, daß bu und des Schulmeifters Tochter einander gern gehabt! Denn nur das Lügen madjt alles ſchlimm!“
Ohne Rückhalt begann ich nun, ihr die ganze Gedichte zu erzählen von Anfang bis zu Ende, alles was je zwiſchen Anna vorgefallen, und verband die beredte Schilderung ihres Weſens mit berjeniget der Gefühle, die id) für fie empfand. Sc erzählte aud) genau bie Geſchichte des heutigen Tages und flagte der Judith meine Bein in betreff der Sprödigfeit unb Scheune, welche immer wieder zwifchen ung traten. Nachdem ih lange fo erzählt und geflagt, antwortete fie auf meine Klagen nicht, [onbern fragte mid: „Und was denkſt bu bit
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jebt eigentfidj darunter, daß bu bei mir Dijt?" Ganz verwirrt unb beihämt ſchwieg id) unb ſuchte ein Wort; dann fagte ih endlich zaghaft: „du Haft mid) ja mitgenommen!" — „Sa,“ erwiderte fie, „aber müreft bu mit jeder anderen hübjchen Yrau ebenfo gegangen, die dich gelodt hätte? Beſinne did) einmal hierauf!" Ich befann mi im der That und fagte dann ganz ent[djieben: Nein, mit gar feiner!" „Alſo bijt bu mir aud) ein bißchen gut?" fuhr fie fort. Jetzt geriet ih in bie größte Berlegenbeit; denn bie Frage zu bejaben, fühlte id) nun deutlich, würde bie erfte eigentliche Untreue geweſen fein, und bod), ala ih per[udjte, ehrlich nachzudenken, vermodte ich nodj weniger ein nein hervorzubringen. Endlich Tonnte id) bodj nicht anders und fagte: „Ja — aber bod) nicht fo, wie der Anna!" — „Wie denn?" IH umfchlang fie ungeftüm und indem ich fie jtreidelte und ihr auf alle Weiſe fchmeichelte, fuhr ich fort: „Siehit bu! für die Anna möchte idj alles Mögliche ertragen und jedem Winke gebordjen; ich möchte für fie ein braver und ebrenbafter Dann werden, an welchem alles dur und burd) rein und Mar ijt, daß fie mid) burdjdjauen dürfte wie einen Kryitall; nichts thun, ohne ihrer zu gedenken und im alle Ewigkeit mit ihrer Seele leben, audj menn ih von heute an fie nicht mehr fehen würde! Dies alles Tönnte idj für bid) nicht tbun! Und bod) liebe ih bid) von ganzem Herzen, umb wenn bu zum Beweis dafür verlangteft, id) follte mir von bir ein Meffer in die Bruſt ftoßen lajjen, [o würde ich in biejem Augenblide ganz jtill dazu Halten und mein Blut ruhig auf deinen Schoß fließen faffen!"
Ich erſchrak jogleid) über diefe Worte und entdedite au- gleidj, daß fie midjt8 weniger al8 übertrieben, fondern ganz ber Empfindung gemäß waren, bie ich von jeher für Syubitf unbemußt getragen.
Mit meinen Lieblofungen plöglic inne Baltenb, ließ id)
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bie Hand auf ihrer Wange liegen, unb in biefem Augenblide - fühlte idj eine Thräne darauf fallen. Zugleich feufzte fie und fagte: „Was thue idj mit deinem Blute! — D! nie hat ein Mann gemiünjdt, brav, klar unb lauter vor mir zu erjheinen, und bodj liebe id) bie Wahrheit mie mich felbjt!"
Betrübt jagte ih: „Aber id) fonnte bod) nicht dein ernit- bafter Liebhaber ober gar dein Mann fein?! — „D das weiß ih wohl und fällt mir audj gar nicht ein!" ermiberte fie, „ih mill bir aud) jagen, was bu von mir zu denken haft! Ich babe bid) zu mir gelodt, eritens, weil ich wieder einmal ein wenig füllen wollte, was ich auch gleich hernach thun will, bu bijt mir dazu gerade recht! Zweitens wollte id) di als ein hochmütiges Bürſchchen ein wenig in die Schule nehmen, und drittens madjt e8 mir Vergnügen, in Grmangelung eines anderen, den Mann zu lieben, der mod) im bir verborgen iit, wie idj bid) [don als Kind gern gefehen Babe." Mit biefen Worten padte fie mid) und fing an mid) zu füllen, daß e8 mir glutheiß wurde unb ih nur, um bie Glut zu kühlen, ihre feuchten Lippen feithalten und wieder küſſen mußte. Als id) Anna gelühbt, war e8 gemejen, al8 ob mein Mund eine wirt lide Roſe berührt hätte; jet aber füfte ich eben einen heißen, leibhaften Mund und der geheimnisvolle balſamiſche Atem aus den Inneren eines [djónen und ſtarken Weibes jtrömte in vollen Zügen in mich über. Diefer Unterfchied war jo Ipürbar, baB mitten im heftigen Küſſen Annas Stern aufging, eben als Zudith mehr mie für fid) flüfterte: „Denkſt du nun aud) an bein Gdjügden?" — „Ja,“ ermiberte ih, „und ich geh’ nun!” und wollte mid [os8madjen. „So geh'!“ fagte fie lädelnd, bod) Löfte fie ihre weichen bloßen Arme auf eine fo fonberbare Weife aus einander, daß e8 mir [djmeibenb meh that, mid) frei zu fühlen, und eben wieder im Begriffe war, in diefelben zu finfen, als fie aufiprang, mid) nod) einmal