NOL
Gesammelte Werke

Chapter 35

Section 35

Snbem idj fie [0 gemaltjam an mid) gedrüdt und geküßt und fie in der Verwirrung dies ermibert, hatten wir ben Becher unſerer unfchuldigen Luft zu fehr geneigt; fein Trank über. ſchüttete uns mit plößlicher Kälte und das fait feindliche Fühlen bes Körpers riß ung vollends aus dem Himmel. Diefe Folgen
— 2896 —
einer fo un[djulbigen unb herzlichen Aufwallung zwifchen zwei jungen Leutdhen, welche einft als Kinder ſchon genau dasſelbe gethban ohne alle Belümmernis, würden vielen nárrijd) vor» fommen; und aber bünlte bie Gadje nicht fpaßhaft, unb wir faßen mit mirfíijem Grame an bem Wafler, dad um feinen Grab reiner war, al$ Annas Seele. Den wahren Grund der ſchreckhaften Begebenheit ahnte ich gar nicht; denn ich) mußte nicht, daß in jenem Alter das rote Blut weifer fei, al8 ber Geift, unb fih von felbft aurüdbümme, menn e8 in ungehörige Wellen gefhlagen worden. Anna hingegen modte fid) Daupt- fählih vorwerfen, daß fie nun bod für ihr Nachgeben dem Feſte beigumohnen, beitraft und ihre eigene Art und Weiſe gröbli und rob geitört worden [ei
Ein gewaltiges 9taujden in den Baumkronen rings umber medie uns aus ber melandolifhen SBerfenfung, Die eigentlih fon wieder an eine andere Art von ſchönem Glüd jtreifte; denn meiner Erinnerung find bie legten Augenblide, ehe uns ber ftarfe Gübrminb mad) raufchte, nicht weniger lieb unb fojtbar, al3 jener Ritt auf ber Höhe und durch ben Tannenwald. Auch Anna [dien fid zufriedener zu fühlen; als mir uns erhoben, lächelte fie flüchtig gegen mein eigenes verfhmwindendes Bild im Waffer; bod) [dienen ihre anmutig entjdjiebenen Bewegungen zu fagen: Wage e8 ferner nidt, mid) zu berühren!
Die Pferde hatten längſt zu trinfen aufgehört unb ftanden verwundert in der engen Wildnis, mo fie zwiſchen Steinen unb Wafler beinahe feinen Raum fanden, fid) zu regen; id legte ihnen das Gebig an, bob Anna auf den Schimmel und denfelben führend, [udte id auf bem fchmalen, oft vom Flüßchen beeintrádjtigten Pfade fo gut als möglich vorwärts zu dringen, während der Braune geduldig unb ireulid) nadj. folgte. Wir gelangten aud) mohlbehalten auf bie Wiefen und
— 897 —
endlich unter bie Bäume vor bem alten Pfarrhaufe. Kein 3Renjd) war daheim, jelbjt ber Dheim unb feine rau waren auf den Abend fortgegangen und alles til um das Haus. Dieweil Anna [ogleid) hinein eilte, zog ich den Schimmel in den Stall, jattelte ihn ab und ſteckte ihm fein Heu vor. Dann ging id hinauf, um für den Braunen etwas Brot zu bolen, ba id) auf ijm noch bem Schaufpiele zugueilen gebadjte. Auch for» dere mid) Anna gleich dazu auf, ala id) in die Stube fam. Sie mar fon umgefleidet unb flocdht eben ihr Haar etwas baftig in feine gewohnten Zöpfe; über biejer Beihäftigung von mir betroffen, errötete fie auf3 neue unb wurde verlegen.
S0 ging hinab, den Braunen zu füttern, und während ij ijm das Brot vorfhnitt unb ein Stüd um das andere in bas Maul jtedte, ftand Anna an bem offenen enter, ihr Haar vollends aufbindend unb fchaute mir zu. Die gemäd- lije Beihäftigung unferer Hände in ber Stille, bie über bem Gehöfte Ingerte, erfüllte uns mit einer tiefen und von Grund aus glüdlichen Ruhe, und wir hätten Jahre lang jo verharren mögen; mandmal big id) felbit ein Stüd von bem Brote, ehe ich e& dem Pferde gab, worauf fih Anna ebenfalls Brot aus dem Schranke holte und am $yenjter ab. Darüber mußten wir lachen, unb mie uns das trodene Brot fo wohl [djmedte nad) dem feftlihen und geräuſchvollen Mahle, jo ſchien aud) die jegige Art unferes Sujammenleben8 das redjte Fahrwaſſer zu fein, in welches wir nad) dem Heinen Sturme eingelaufen unb in meldjem wir bleiben follten. Anna gab ihre Zufrieden- heit audj baburd) zu erkennen, daß fie das Fenſter nicht per» le, bis id) weggeritten mar.
S^
EEE EEE EEE EEE EEE TEE TREE EEE M "'YÓ! ——,!'——Áa—ÉX-—————— 199n91t0u09001/1000091001191001101/10100109101/0110101(010101011000101010110001(0 0090 00110010 00 809400 00 0000 010€ E D a EU i E — —
p ARD o ——— — RD a 19110101601:1010110 (5011010110500 001(100010001016£09101(10 001101010 10011041 010041040 0404100 634 90 O 11 6 tt UO 0 00 0008 EEE
Stebzehntes Kapitel. Die barmherzigen rüber.
Gleid vor bem Dorfe fam ber Schulmeifter gefahren mit bem obeimlidm Ehepaar, denen id) fagte, daß Anna [djon zu Haufe fei; unb ein Stüd weiter ftieß ih auf bes Müllers Knecht, weldder deilen Pferd nah Haufe führte. Da idj ver nahm, daß [don alles bei ber Zwinguri verfammelt und dort ein großes Halloh fei, aud) der Weg dahin midjt mehr weit war, gab ich meinen Gaul aud dem Knecht und eilte zu Fuß weiter. Zur Bwinguri hatte man eine verfallene Burgruine beitimmt, melde auf dem höchſten Punkte einer Bergallmende íftebt unb eine meite Ausficht ins Gebirge hinüber gemährt. Die Trümmer waren durch einiges Stangen- und Breitergerüft [o befleibet, als ob fie eben im Aufbau ftatt im Berfalle wären, unb mit den Kränzen ber triumpbhierenden Tyrannei behangen. Die Sonne ging eben unter, als ih anfam und [ab, wie das Bolt das Gerüfte zufammen brad) unb mit den Kränzen auf einen gewaltigen Holz» unb NReifighaufen warf und dieſen an» zündete. Hier ging aud) bie Verberrlihung des Tell vor fid), ftatt vor feinem Haufe, bodj nidt mehr nadj der gefchriebenen Ordnung, fondern infolge einer allgemeinen Grfinbungeluit,
— 399 —
wie ber Augenblid fie in ben taufend Köpfen erweckte, unb ber Schluß der Handlung ging unbeftimmt in eine raufchende Sreudenfeier über. Die meggejagten Zwingherren mit ihrem Trofje waren wieder berangeihlihen und gingen um unter bem Bolfe als vergnügte Geſpenſter; fie ftellten die harmloſeſte Reaktion vor. Auf allen Hügeln und Bergen fahen mir jebt bie Faſtnachtsfeuer brennen und das unfrige flammte bereits in großem Umfange; mir flanden in einem Sreife hundertweiſe darum, und Tell, ber Schüb, zeigte fid) jebt aud) als einen guten Sänger, fogar als einen Propheten, indem er ein fräfs tiges Volkslied von ber Sempacherſchlacht vorfang, befjen Ehor- zeilen von allen wiederholt wurden. Wein war in Menge por» handen; es bildeten fid) mehrere Qieberfreije, ſchlichte, einftim- mige, melde alte Lieder fangen, wie vierftimmige Männerchöre mit neuen Liedern, gemifdjte Singſchulen von Mädchen unb Sünglingen, Kinderſcharen, alles fang, flang und wogte durch⸗ einander auf der Allmende, über meldje das Feuer einen röt- Iihen Schein verbreitete. Vom Gebirge berüber wehte immer ftärfer und wärmer ber Yöhn unb wälzte große Wollenzüge über den Himmel; je dunkler die Luft wurde, defto lauter ward bie Yrende, bie zunähft um Burgtrümmer und euer in einem großen Körper lagerte, dann die Halde hinab [jid in viele Gruppen und einzelne auflöfte, bie hier nod) im rötlidhen Scheine jtreiften, dort in der Dunkelheit jaudjatem. Noch weiterhin ſummte die Luft aus ben dunklen Gefilben und glänzte zuletzt wieder ſichtbar in ben zahlreihen Flammen am Horizonte. Der uralte gewaltige Frühlingshauch diefes Landes, ob|djon er Gefahr und Not bringen Tonnte, medie ein altes, trogig frohes Raturgefühl, unb indem er in bie Geſichter und in bie heißen Ylammen mehte, ging bie Ahnung zurüd vom Yeuer- zeihen bes politifhen Bewußtfeins, über die Ehriftenfeuer des Mittelalterd zu dem Frühlingsfeuer ber Heidenzeit, bas vielleicht
— 400 —
zur felben Stunde, auf berjelben Stelle gebrannt. In ben bunflen Wolkenlagern jchienen Heerzüge verſchwundener Ge fchledhter vorüberzuziehen, mandmal anzubalten über bem nädjt- lid fingenben und tönenden Wollshaufen, ala ob fie Luft hätten berabzufteigen unb fidj unter bie zu milden, welche ihre Spanne Zeit am euer vergaßen. Es mat aber aud) eine föftliche Stelle, diefe Allmende; ber brüunlidje Boden, vom eriten Anflug des ergrünenden wilden Grajes überſchoſſen, dünkte uns weicher unb elaftifher als Sammetpolfter, und vor der frünfijdjen Zeit [don mar er für die Bewohner der Gegend dasjelbe gemefen, ma8 heute.
Die Stimmen ber Weiber waren mit ber Nacht lauter geworden; mährend die älteren ſchon forigegangen unb bie verheirateten Männer fid) zufammenthaten, um vertraute Zech⸗ ftuben aufzufuchen, begannen bie Mädchen ihre Qerridjaft un. befangener auszuüben, erſt in ladjenben Kreiſen, bis zulekt alles bei einander war, was zufammengehörte, und jedes Baar auf [eine Weife fid) zeigte oder perbarg. Doch als das Feuer zufammenfiel, löſten fid) bie verfehlungenen Men- ſchenkränze und begannen in großen und Heinen Gruppen bem Städtchen auguaieben, mo auf bem Rathauſe, ſowie in einigen Gajtbüujern Trompeten und Geigen fie erwarteten. Ic hatte mich in dem Gebrünge unftät herumgetrieben unb ver. gnügte mich nun an ber verlöfchenden Glut, um melde außer einigen Knaben nur noch jene Fratzgeſtalten herumtanzten, weil der Spaß fie nichts lojtete. Sie fahen in ben flatternden Hemden und mit den hoben Papiermügen aus wie Gefpeniter, bie bem grauen Gemáüuer entitiegen. — Ginige zählten aud) bie Münzen, welde fie etwa erhaſcht; andere ſuchten aus bem Feuer nod) ein verkohltes Holzfcheit zu ziehen, und beſonders einen fab id), welcher fid) zu bem tolliten Sprüngen angeftrengt und den ich für einen jungen Taugenichts gehalten, nunmehr nad
— 401] —
ber Entlarvung als ein eisgraues Männchen zum Vorſchein fommen unb fij bajtig mit einem raudjnben Fichtenklotze ab⸗ quälen.
Sd wandte mid) endlich hinweg unb ging Iang[am davon, un|djfü[fg, ob ih nad) Haufe febrem oder bem Städtchen au. fteuern ſolle. Mein Mantel, ber Degen unb bie Armbruft waren mir längſt Dinberlid); idj nahm alles zufammen unter ben Arm, und als id) rajdjex von ber Allmende hinunter [chritt, fühlte id mid) fo munter unb lebenzluftig, mie am frühen Morgen, und je länger id) ging, befto ftärfer erwachte mir bas fühne Berlangen, einmal bie Nacht zu durchſchwärmen, und augleidj ‚die Reue, daß idj Anna [o leichten Kaufes entlaflen. Ich bilkete mir ein, ganz ber Mann dazu zu fein, ein Lieben eine feſtliche Nacht entlang zu führen, unter Zanz, Becherklang und Scherz. Ich madje mir bie bitterjten Vorwürfe, ben einzigen Tag fo ungejdjidi unb ſchwachmütig perpfujdjt zu haben, und jtellte mir zugleich voll Eitelfeit vor, baf es Anna ebenfo ergebe, und fie vielleicht fchlaflos fid) nadj mir fehne; denn e3 modte fdjon neun Uhr vorüber fein.
Unverfehens war ich in bem Flecken angelangt, welcher von Muſik ertönte, und als ih in einen übervollen Saal trat, in meldem die blühenden Baare fid) drehten, ba flopfte mein Blut immer unmwilliger und heißer; ich bebadjte nicht, daß wir bie einzigen felhzehnjährigen Leutchen geweſen wären, bie fid) im offenfunbigen Bereine zeigten, noch weniger, daß unfere heutigen Erlebniſſe zehnmal fchöner waren, als alles, was Diele lärmende Jugend bier genießen fonnte und daß id mid) in der Erinnerung berfelben reich und glüdfid genug hätte fühlen ſollen. Ich fab nur die Freude ber Volljährigen, ber Ver⸗ Iobten und Selbitändigen, unb maßte mir ihr 9tedjt an, ohne im minbeften zu merfen, daß mein prablerijdje8 Blut, [obalb ih Anna wirklich zur Seite gehabt hätte, augenblichich wieder
Keller L
— 402 —
zahm geworden wäre Es gereiht mir aud) nidjt zur Ehre, daß e3 ihrer leibhaften Gegenwart bedurfte, mid) zur Beſchei⸗ denheit zurüdzuführen. Doc als ich von meinen Vettern und Bekannten als ein verloren Geglaubter tapfer begrüßt und in den Strudel gezogen murde, blenbete mid) bas Licht ber Freude, dab ih mid) und meinen Aerger vergaß und der Reihe nad) mit den drei Bafen tanate. Sch erhigte mid) immer mebr, ohne zufrieden zu fein; bie Luft, meldje im ganzen fo viel Gerüujd) madjte, ging mir im einzelnen viel zu langfam und nüdtern vor fid. So freudeftrahlend alle bie jungen Leute brein blidten, [dien e8 mir bod) nur ein matter Schimmer zu fein gegen ben Glanz, ber in meiner Phantafie mad) ge worden. Unruhig jtreifte idj durch einige Zrinfituben, bie neben dem Saale waren, und wurde von einer Geſellſchaft junger Burſchen angehalten, welche purpurroten Wein tranfen und dazu fangen. Hier [djien meine Sehnſucht endlich ein Ziel zu finden; ich fran? von dem Fühlen Wein, beljen [done Farbe meinen Augen fehr wohl gefiel, und fing leidenfhaftlih an zu fingen. Saum batte ein Lied geendet, jo begann id ein anderes, ſchlug ein rafchere® Tempo an unb erhob bei aus- drudsvollen Stellen die Stimme, daß fie bald bie anderen übertönte. Verwundert, daß der Dudmäufer aus ber Stadt nod) befjer trinfen und lärmen Yonne, als fie, wollten bie Burſchen nicht zurüdbleiben; wir feuerten uns gegenfeitig an, id fang und fang immer zu und bemerkte erjt bei einem Aundgefange, wo ich eine Weile ſchweigen mußte, daß ſämtliche Bäschen burdj die Thüre gudten und mid mit Erftaunen im meiner Herrlichkeit figen fahen. Sie fadjten mir zu, winkten brobenb, weil id) ihr Panier verlafien, und forderten mich auf, wieder zu tanzen. Aber ich mar nun ein gemadjter unb an. gejehener Mann unter meinen Gefellen, ganz wie einft als Knabe, wo ih eine Zeit lang den Renommiften gefpielt, und
— 408 —
als einige davon fid) wieder nadj Mädchen umfahen, brad) ich mit zwei wilden Jünglingen auf, das Städtchen zu durch⸗ ziehen. Arm in Arm ftürmte id) mit den gefunden Bauers⸗ ſöhnen über die Straße; wir gaben uns die Iuftigiten Redens⸗ arten zum beiten, fangen und empfanden das gefällige Be— Bagen, welches entiteht, wenn Ungleiches fid) eint und zufammen freut.
Doch [fon im nádjten Tanzhaufe, in das wir traten, verlor id) einen um ben anderen meiner neuen freunde, indem fie Bier fanden, was fie waährſcheinlich geſucht Hatten, unb id) fette allein, aber raji[os, ben Streifzug fort. Hie unb ba ichaute ih einen Augenblid zu, erwiderte ungefäumt bie Späße, bie man an mid) richtete, bis ih in eine Stube fam, mo an einem großen runden Tiſche noch vier von ben barmberzigen Brüdern jaBen. Zwei waren [djon abgefallen und verſchwunden; die bier meilten, hatten bereit einen zweiten 9tau[d) hinter fid und befanden fid nun in jenem lájfigen Zuftande, in meldem erfahrene Zechbrüder einen Iuftigen Tag austönen laſſen, fragmürbige Wige madjen und ihren Wein fo trinken, als ob fie nicht mehr viel darum gäben, fi aber wohl hüten, fchließlih einen Tropfen zu verlieren.
Etwas entfernt von ihnen fag am gleiden Tiſche bie Aubith, weldder bie Brüder der Sitte gemäß ein Glas geboten. Sie [dien fidj ganz allein bei dem Feſte umgefehen und nun ein Gefallen daran zu haben, bie Wite und Verfänglichkeiten diefer Herren [djlagfertig zurüdzugeben unb fie in 3tejpelt zu halten, wozu es Feiner geringen Gemanbtfeit und Kraft be= durfte. Sie faß eben (o läſſig ba, aurüdgelebnt und Balb ab. gewandt unb warf ihre Erwiderungen gleihmütig bin. Die Mönche Hatten bie Flachsbärte abgelegt und bie gefärbten Rafen gewaſchen; nur ber ältefte, welcher einen angehenden Kahlkopf und eine natürliche tyeuernaje befaß, prangte nod) mit
2.
— 404 —
bem hoben Rot derfelben. Dies mar ber unniügeite und rief mir zu, als ich vorübergehen wollte: „Heda, Grünſpecht! mo hinaus?" Ich ftand (til und ermiberte: „Guter Freund! ihr habt vergefien, den Zinnober von eurer Rafe zu wiſchen, mie bie anderen Brüder bod) getban! Ich made eud) hiermit auf: merfíam, damit ihr nicht etma euer Kopfkiffen rot macht.“
Das Gelächter ber übrigen nahm mid) fogleih in ben bolden Bund auf; ih mußte mich feßen und ein Glas an- nehmen, worauf fie fagten: „Und dennoch, fónnt ihr glauben, daß diefer Kerl e8 noch für nötig befunden Bat, heut feine Rafe zu ſchminken?“ — „Das mar freilih," erwiderte id, „ebenfo thöriht, als wenn man eine Roſe ſchminken wollte!"
„Und dazu viel gefährlicher,” verjepte ein anderer, „denn eine Rofe ſchminken, heißt ein Wert Gottes verbefiern wollen, und ber liebe Gott verzeiht! Aber eine rote Rafe ſchminken, heißt den Teufel verhöhnen, unb ber verzeiht nicht!”
So ging e8 fort; fie verhandelten nun feinen Sabltopi, wobei id) aber bald meit zurüdblieb, indem fie über biejen Gegenjtanb allein wohl zwanzig verfchiedene Wie machten, melde in der Phantafie die Lächerlichiten Vorſtellungen er- regten, und von denen einer den andern an Neuheit und Kühn- heit der Bilder überbot. Judith [adjte, als bie Taugenichtſe über fid) jelbjt herfubren, und als ber Angegriffene dies fah, ſuchte er fi aus dem Teuer zu retten, indem er fid) gegen fie wendete. Sie fag ba in einem fchlichten braunen Kleide, bie Bruft mit einem weißen Halstudhe bebedt, meldje8 ein wenig ihren prädtigen Hals [eben ließ; um biejen lag eine feine Golbfelte und verlor fid im Halstuche; ſonſt trug fie feinen Bub, als ihr [djóne8 braunes Haar. Der Kahlkopf blinzelte mit den Augen und fang:
- 405 —
„Mein Schab, um beinen weißen Hals Geht eine Schnur von fatgengolb, Die führt an deinem Bufam
Zeuf in dein falfches Herz!“
Zudith ermiberte ſchnell: „Damit ihr meinen weißen Hals einmal vergeßt, mill ih eudj aud) ein Lied von etwas Weißem beridjten!" unb fie fang nicht, fondern fagte einfad) wohl flingenb:
„Es tft eine üble Beit! una, bie weiland Teufche Maid, Liebäugelt auf ben Köpfen alter Sünder
Am bellen Tag und höhnt ung arme finber. Schäm’ bid, Mondichein!
Sch that das Fenfter auf
In bunfler Nacht und fudjte €una$ Lauf;
Da glänzt fie fred) an meine Haufes Schwelle, Bild goß id) Wafler auf die weiße Stelle. &€düm bid, Mondichein!“
Ihre Mutter war geitorben, aud) hatte fie feither in einer ausländifchen Lotterie mehrere taufend Gulden gewonnen, da fie aus langer Weile fid) mit dergleichen Dingen befaßte. So [dien fie nun mehr als je für ſchwere und leichte Schnapp⸗ hähne ein guter Yang, und der fable glaubte fie, nadjbem er verjdjiebene Anleihen bei ihr gemadjt, melde fie ihm lachend gewährte, im Sturme nehmen zu Tonnen, ward aber ebenfo lachend abgewiefen. Das obige Liedchen aber ſchien fogar auf ein ſchlimmes Abenteuer zu deuten, welches er auf feiner %reite beitanden. Denn mit einer ganz beillofen Diskretion fahen fif bie drei übrigen an, mit funfelnben Augen und mühſam verhaltenem Munde, indem fie anfingen, balblaut zu fummen:
bm! hm! — Bin! Bm! hm! hm! bm! bm! — hm hm! hm! Der Rhythmus diefes Gefummes mar fo verführerifch,
— 406 —
daß ich mit einitimmte unb eine ftolze Glückſeligkeit empfand, mit den Spöttern fingen zu dürfen: bm hm hm! 5m 5m hm! — e$ war Still und feierlich in der nur nod) ſchwach erleuchteten Stube, und mit feierfidjer Behaglichkeit ſetzten wir bie felt- famen Tate fort. Judith lachte Bell auf und rief: „D ihr Kindsköpfe!“ Da brachen wir laut aus: Ha ba ba! Ba Ba Ba!
Der Gehöhnte aber fpähte umher, zog unverfehens bem lauteften Spötter ein hervorgudendes Blatt aus der Kutte und [a8 beffem Ueberſchrift: „Shriftlide Wochenbötin, ein fonfer- vatives Bolksblättlein.” Der Spott entfub fi nun auf ben Ueberraften, deffen ſchwache Seite fein Konfervatismus mar, den er weder genugfam zu erflären nod) zu verteidigen ver» mochte. Diefe Benennung mar erft feit. einiger Zeit im Umlauf und fing einige Qeute, welche vorher im Nebelhaften gefchwebt. Der fable forderte den SKonjervativen auf, er folle einmal fagen, was er fid) eigentfid) darunter denke, menn er behaupte, fonfervativ zu fein. Diefer wollte tbun, als ob er bierin feinen Spaß verftehe, und wünſchte mit midjfigem Geficht nicht au politifieren! Doch ein anderer rief: „Die Erflärung iit ſchon im Paradies zu [udjn! Als Adam den Tieren ihren Kamen gab, war eines darunter, das mebelte gar bebüdjtig mit den Ohren unb fagte, e8 [ei fonfervatin; e8 Tonnte aber feinen Grund hierfür angeben unb Adam jagte: Du jolIjt Efel heißen!“ Erboſt rückte diefer num mit feinem innerften und eigentlichen Grunde, ber feine fire Idee war, heraus und warf dem Radilalismus vor, daß er den Wein verfäuert und per. teuert hätte. Wenn man nod) ein füßes und billiges Glas trinfen wolle, fo fei diefes einzig in den abgelegenen alt. püterijden Wirtſchaften zu finden, mo die alten Sopfe Din; kröchen, fidj vor ber Welt zu verbergen. „Sauft,“ [die er, „den rabifalen 9tadjenpuger eurer berühmten politiihen Wirte! Qd halt’ es mit den Zöpfen!” Da allerdings etras Wahres