Chapter 34
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fein Gut einftehen Tann, da möchte idj mid) nicht niederlaſſen; denn ba ijt nidjt8 zu erholen, als bie magere Beltelfuppe der Veritellung, der Gnabenjeligfeit und der romantiſchen Verderb⸗ nis; ba entjagen alle, weil allen die Zrauben zu fauer find, und die Fuchsſchwänze [djlagen mit bitterfüßem Wedeln um |
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bie dürren Flanken. Was aber bie Meinung der Fremden betrifft (bier wandte er fidj wieder mehr an mid), jo werdet ihr einjt auf euren Reifen lernen, weniger darauf zu achten!"
Nach biefer Rede fchüttelte und ber Statthalter bie Hände und entfernte fid). Ich mat inbejjem nicht überzeugt worden, jo wenig al$ dem Schulmeifter bie Wendung des Geſpräches zu behagen [djien. Doch famen wir darin überein, daß er ein liebenswürdiger unb Tluger Dann fei, und indem id) ihm, mid) burd) feine Auſprache geehrt fühlend, wohlmollend nad)» blidte, pries ich ihn gegen ben Gdjulmeijter als einen per. dienftvollen und daher gewiß glüdlihen Mann. Der Schul meister fchüttelte aber den Kopf und meinte, e8 wäre nicht alles Gold, was glánge. Er hatte jeit einiger Zeit angefangen, mid) zu duzen, und fuhr daher jebt fort: „Da bu ein nachdenklicher Süngling bijt, fo gebührt e8 bir audj, einen Blid in bas Leben ber Menſchen zu gewinnen; denn ich Halte dafür, baf die Kenntnis recht vieler Fälle und Geftaltungen jungen Leuten mehr nüßt, als alle moralijden Theorieen; bieje kommen erjt bem Manne von Erfahrung au, gemifjermaBen ala eine Ent- ſchädigung für das, was nicht mehr zu ändern ijt. Der Statt balter eifert nur darum fo febr gegen das, was er Entfagung nennt, weil er felbft eine Art Entfagender ijt, b. 5. weil er felbft diejenige Wirkſamkeit geopfert Bat, bie ihn erjt glüdlich machen würde und feinen Gigenfdjaften ent[prüdje. Obgleich diefe Selbftverleugnung in meinen Augen eine Tugend ijt und er in feiner jebigen Wirkfamkeit jo perbienitfid) und nützlich dafteht, aí8 er e8 faum anderswie Tónnte, fo ijt er bod) nidjt biejer Meinung unb er bat manchmal fo büjtere unb prüfungs- reihe Stunden, wie man e8 feiner beiteren und freundlichen Beife nicht zumuten würde. Bon Natur nümlid) ijt er ebenfo feuriger Gemütsart, als von einem großen und flaren Berjtande begabt, und daher mehr dazu geichaffen, im Kampfe ber Grunde
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fäbe beim Sufeimanberplagen ber Geifter einen tapferen Führer abzugeben unb im Großen SRenjdjet zu beitimmen, als in ein unb bemjelben Amte ein jtebenber Verwalter zu fein. Allein er Bat nidjt den Mut, auf einen Tag brotlos zu werden; er bat gar feine Ahnung davon, mie fid) bie Bögel und bie Lilien des Feldes ohne ein fires Einfommen nähren und leiden, und daher Hat er fid der Geltenbmadjung feiner eigenen Meinungen begeben. Schon mehr al8 einmal, wenn durd den Barteienfampf Regierungswechfel herbeigeführt wurden und ber fiegende Teil den unterlegenen durch ungeredjte 3RaBregeln amaden wollte, bat er fidj mie ein Ehrenmann in feinem Amte dagegen geitemmt; aber daß, was er feinem Temperament nad am [iebjten gethan hätte, nämlich der Regierung fein Amt vor bie Füße zu werfen, fih an bie Spige einer Bewegung zu ftellen und mittelft feiner Einfiht unb feiner Energie bie Ge- walthaber wieder dahin zu jagen, von wannen fie gelommen: da8 hat er unterlaffen, und dies Unterlaffen fojtet ihn zehnmal mehr Mühe, als feine ununterbrocdhene arbeitsvolle Amtsfüh- rung. Den Landleuten gegenüber braudjt er nur zu leben, wie er e$ thut, um in feiner Würde [ejt zu ftehen. Bei ben Behörden aber unb in der Hauptſtadt braudjt es mandhes per» binblide Lächeln, mande, wenn audj nod fo unfdjulbige Schnörkelei, too er lieber jagen würde: Herr! Sie find ein großer Narr! ober: Herr! Sie feinen ein Spigbube zu fein! Denn wie gejagt, er Bat ein dunkles Grauen por bem, mas man Brotlofigfeit nennt."
„Aber zum Teufel!” fagte ich, „find denn unfere Herren Negenten zu irgend einer Seit etwas anderes, als ein Stüd Bolt, und leben mir nicht in einer Republik?“
„Allerdings, mein lieber Sohn!" ermwiderte der Gdjul- meijter; „allein e8 bleibt eine wunderbare Thatjadhe, mie be» [onber8 in neuerer Zeit ein ſolches Stüd Boll, ein repräfen-
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tativer Körper burdj ben einfachen Prozeß ber Wahl fogleid) etwas ganz merfwürdig Verſchiedenes wird, eines Teils immer nod) Bolt, und andern Teils etwas bem ganz Entgegengefehtes, fait Feindliches wird. Es ijf wie mit einer hemifchen Materie, melde durch das bloße Eintauchen eines Stäbchens, ja fogar durch blope8 Stehen auf geheimnisvolle Weife fid in ihren Verbindungen verändert. Manchmal will e$ faft fdjeinen, als ob bie alten patrizifchen Regierungen mehr den Grunddjarafter ihres Volles zu zeigen unb zu bewahren vermodten. Aber lajje dich ja nicht etwa verführen, unfere repräfentative Demo» fratie nicht für die bejte SBerfafjung zu halten! Befagte Gr. Iheinung dient bei einem gefunden Volle nur zu einer wohl thätigen Heiterkeit, da es fid) mit aller Gemützruhe ben Spaß madjt, bie wunderbar verwandelte Materie manchmal etwas zu rütteln, bie Phiole gegen das Licht zu halten, prüfend Dinburd) zu guden, und fie am Ende bodj zu feinem Ruben zu per. wenden.“
Den Scyulmeifter unterbredjenb, fragte idj, ob denn ber Statthalter als ein Mann von folden Kenniniffen und foldjem Berftande ſich nicht reihliher durd eine Privatthätigfeit er» nähren könnte als durch ein Amt? Worauf er antwortete: „daß ex dies nicht fann oder nicht zu fónnen glaubt, ijf mabr[djeinlid) eben ba8 Geheimnis feiner Lebenslage! Der freie Erwerb ijt eine Sache, für meldje mandjen Menſchen der Sinn febr fpät, manden gat nie aufgeht. Bielen ijt e8 ein einfacher Tid, deſſen Berjtändnis ihnen burd) ein Handumdrehen, burd) Zufall unb Glück gefommen, vielen ijt es eine langfam zu erringende Sunjt Wer nit in feiner Syugenb burdj llebung und Bors bild feiner Umgebung, fozufagen, burd) bie leberlieferung feineg Geburtshaufes, oder fonjt im redten Moment den techten Fleck erwiſcht, wo ber Tid liegt, ber muß manchmal bis im fein vierzigftes ober fünfzigftes Jahr ein umherge⸗
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mworfener und bettelhafter Menſch fein, oft ftirbt er ala ein fo- genannter Lump. Viele Berfonen des Staates, welde zeit» lebens tüdjtige Angeftellte waren, haben feinen Begriff vom Erwerbe; denn alle öffentlich Beſoldeten bilden unter fid ein Phalanjterium, fie teilen bie Wrbeit unter fi und jeder be. giebt au8 den allgemeinen Einkünften feinen Lebensbedarf ohne weitere Sorge um Regen ober Sonnenfchein, Mißwachs, Krieg oder Frieden, Gelingen oder Scheitern. Sie jteben fo als eine ganz perjdjiebene Welt dem Bolfe gegenüber, deflen öffent- lihe Einrichtung fie verwalten. Diefe Welt bat für foldhe, bie von jeher darin lebten, etwas Entnervendes in Bezug auf bie Grmerbs[übiglei. Sie fennen bie Arbeit, die Gemiljen: baftigfeit, bie Sparſamkeit, aber fie wiſſen nidjt, wie bie runde Summe, melde fie ala Lohn erhalten, im Wind unb Wetter der Konkurrenz zufammengelommen ijt. Mancher ijt fein Leben lang ein fleißiger Richter und Grecutor in Gelbjadjen geweſen, ber ed nie dazu brächte, einen Wechfel auszuftellen und recht⸗ zeitig einzulöfen. Wer efjen milf, der foll audj arbeiten; ob aber der verdiente Lohn ber Arbeit fiher und ohne Sorgen fein, oder ob er außer der einfadjen Arbeit nod) ein Ergebnis der Gorge, des Gejdjide8 und baburd) zum Gemwinnft werden fol, welches von beiden das Bernünftige und von höherer Abfiht bem Menfchen Beitimmte fei: ba8 zu entfcheiben mage id) nicht, vielleicht wird e8 die Zukunft thun. Aber wir haben beide Arten in unferen Zuftänden und baburd) ein permorrenes$ Gemijd) von Abhängigkeit und Freiheit und von verfdhiedenen Anfhauungen. Der Statthalter glaubt fidj abhängig unb ent hält fi) während jeder Krije verjchloffenen Sinnes gleihmäßig aller eigenen Kundgebung unb weiß dabei nicht einmal, wie viele fid) bemühen, Hinter feinem Rüden feine innerften Ge— banfen zu erfahren, um fid) danach zu richten.“
Xd) empfand eine große Teilnahme für den Statthalter
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und ehrte ibn, ohne mir darüber Rechenſchaft geben zu können; denn idj mißbilligte höchlich ſeine Scheu vor der Armut, und erit fpäter wurde e8 mir Har, daß er ba8 Schwerſte gelöft habe: eine gezwungene Stellung ganz fo auszufüllen, al8 ob er dazu allein gemadjt wäre, ohne mürrifh oder gat gemein zu werden. Indeſſen waren mir die Reden des Schulmeijters über dad Erwerben unb über ben rechten Tick feine [ieblidje Muſik; es wurde mir fraglih, ob ich diefen aud) ermi|djen würde, ba id) einzufehen begann, daß für alles dies rüjtige Volk bie Freiheit erft ein Gut mar, wenn e8 fid) feines Brotes perfidjert hatte, und ich fühlte vor den langen nun leeren Zifchreihen, daß felbit dieſes Feſt bei Dungrigem Magen unb leerem Beutel ein febr trübfeliges geweſen wäre.
Sch war froh, daß wir enblid) aufbradjen. Annas Vater fchlug vor, mir beide follten uns zu ihm ins Fuhrwerk fegen, damit mir zufammen bem Schaufpiele nadjfübren; doch gab fie den Wunſch zu erfennen, lieber den au8gerubten Schimmel zu befteigen unb nod) ein wenig umher zu reiten, da e8 [püter unter feinem Vorwande mehr gejdjeben würde. Hiermit war ber Gdjulmeijter audj zufrieden und erflärte: fo molle er menigilens mit uns fahren, bis er etwa Gelegenheit finde, einer bejahrten Perſon ben Qeimmeg zu erleichtern, da ihn bie Zungen alle im Stiche ließen. Sch aber lief mit frohen Ges banfen nad dem Haufe, mo unfere Pferde ftanden, Tieß die felben auf die Straße bringen, und als ih Anna in ben Sattel half, flopfte mir ba8 Herz vor heftigem Vergnügen und ftanb wieder ftill vor angenehmem Schred, meil id) vorausſah, bald allein neben ihr burdj bie Landſchaft zu reiten.
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Sechzehntes Aapitel. Abendlandſchaft. Bertha von Brunch.
Dies traf aud) ein, obgleih nod) auf andere Weife, als id e$ gehofft hatte Wir waren nod) nicht weit aus bem Thore, al8 der gaftlihe Schulmeifter fein Wägelchen [don mit drei alten Qeutchen beladen hatte unb in Iuftigem Trabe voraus» fuhr, ber angenommenen hohlen Gafle zu. Still ritten wir nun im Schritte dahin unb grüßten febr befliffen bie fröhlichen Leute, denen wir begegneten, linf8 und rechts, bi8 wir in bie Nähe der wogenden und fummenben Menge famen. und diefelbe beinahe erreihten. Da ftießen wir auf ben Bbilofophen, deſſen ſchönes Geſichtchen vor Mutwillen glühte und ben tollen Gpuf verfündete, melden er [djom ausgeübt. Er war in ge wöhnlicher Kleidung und trug ein Sud) in der Hand, ba er nebjt einem anderen Lehrer bag Amt eines’ Ginblajers über- nommen, um überall zur Hand zu fein, wenn «inet Helden bie Erinnerung verlaffen ſollte. Doc erzählte er jebt, wie die Leute gar nichts mehr hören wollten und alles von felber feinen ziemlih milden Gang ginge; er habe daher, rief er, nun bie ſchönſte Muße, uns beiden zu der Sagdfcene zu foufflieren, bie wir ohne Zweifel aufzuführen fo einfam aus.
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gezogen wären; e$ fei aud) bie höchſte Zeit dazu unb mir wollten uns ungefaumt ans Wert madjen!
Sch murbe rot und trieb bie Pferde an; aber der Bhilofoph fd uns in die Zügel; Anna fragte, was denn das wäre mit ber Sagdfcene, worauf er lachend ausrief: er werde uns bod) nit fagen müflen, was alle Welt beluftige und uns ohne Zweifel mehr, als alle Welt! Anna wurde nun aud) rot und verlangte ftandhaft zu willen, was er meine. Da reidte er ihr das aufgejdjlagene Buch, und während mein Brauner und ihr Schimmel bebaglidj ftd bejchnupperten, ich aber wie auf Koblen faß, las fie, das Buch auf dem rechten Knie haltend, aufmerffam bie Scene, wo Rudenz und Bertha ihr Bündnis fchließen von Anfang bis zu Ende, mehr unb mehr errótenb. Die Schlinge fam nun an den Tag, meldje ih ihr jo harmlos gelegt, der Philoſoph rüftete fid) fichtbar zu endlofem Unfuge, ala Anna plöglih das Bud zufchlug, e8 hinwarf, und höchſt entſchieden erklärte, fie wolle fogleih nadj Haufe. Zugleich mwanbte fie ihr Pferd und begann feldein zu reiten auf einem ſchmalen Yahrwege, ungefähr in ber Richtung nad) unferem Dorfe. Verlegen und unentſchloſſen [ab ich ihr eine Weile nad; doch faßte ich mir ein Herz unb trabte bald Hinter ihr ber, ba fie bod) einen Begleiter haben mußte; während ich fie erreichte, fang und ber Bhilofoph ein Iofes Lied nad, welches jedoch immer ſchwächer hinter uns verflang, und aulegt hörten wir nidis mehr als bie muntere, aber ferne Hochzeitsmuſik ans ber hohlen Bafle und vereinzelte tyreubenrufe und Jauchzer an per[diebenen Punkten der Landſchaft. Diefe erfchien aber durch bie Unterbrejungen nur um [o ftiller und lag mit Feldern unb Wäldern friedevoll im Gange der Nachmittagsſonne, mie. im reinften Golde. Wir ritten nun auf einer geltredten Höhe, id hielt mein Pferd immer noch um eine Kopflänge hinter bem ihrigen zurüd, unb wagte nicht, ein Wort zu jagen, Da gab
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Anna bem Schimmel einen Teden Schlag mit der Gerte nnb fegte ihn in Galopp, ich that das gleidje; ein lauer Wind wehte und entgegen und als ich auf einmal fah, daß fie, ganz gerötet bie baljami[dje Quft einatmend, vergnügt vor fid Hin lächelte, den Kopf hoch aufgehalten mit dem funfelnben Krön⸗ hen, während ihr Haar magredjt fdjmebte, ſchloß ich mich Dicht an ihre Seite, und fo jagten wir mobi fünf Minuten lang über bie einjame Höhe dahin. Der Weg war nod) halb feucht unb bod) feit; redji8 unter uns zog ber Yluß, wir blidten feine glänzende Bahn entlang; jenfeits erhob fid) das [teile "Ufer mit bunflem Walde und darüber Bim fahen wir über viele Höhenzüge meg im Nordoſten ein paar ſchwäbiſche Berge, einjame Pyramiden, in unendliher Stile unb Ferne. Im Südweſten lagen die Alpen meit herum, nod) tief herunter mit Schnee bebedt, und über ihnen lagerte ein munderjchönes mächtiges Wollengebirge im gleidjen Gange, Liht und Schalten ganz von gleicher Yarbe, wie die Berge, ein Meer von leudj- tendem Weiß und tiefem Blau, aber in taufend Formen ge- goflen, von denen eine die andere übertürmte. Das Ganze war eine fenfredjt aufgerichtete glänzende und wunderbare Wildnis, gewaltig und nah an bas Gemüt rüdenb unb bod) fo lautlos, unbeweglid unb fern. Wir [aen alles zugleich, ohne daß wir befonders Dbinblidten; mie ein unendlicher Kranz (dien fi bie weite Welt um uns zu drehen, bis fie fid) ver- engte, als mir allmählich bergab jagten, bem Fluſſe zu. Aber e8 war uus nur, als ob mir im Traume in einen geträumten Traum träten, a[8 wir auf einer Fähre über den Fluß fuhren bie burdjfidjtig grünen Wellen fid) raufhend am Schiffe brachen und unter und wegzogen, während mir bod) auf Pferden japen und uns in einem Halbbogen über die Strömung weg be mwegten. Und wieder glaubten wir uns in einen andern Traum perjept, al8 mir, am andern Ufer angefommen, lang[am einen
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buntlen Hohlweg emporflonunen, in welchem ſchmelzender Schnee lag. Hier war e8 falt, feucht unb ſchauerlich; von ben dunklen Büſchen tropfte e8 unb fielen zahlreihe Schneeflumpen, mir befanden uns ganz in einer früffig braunen Dunkelheit, in deren Schatten der alte Schnee traurig [djimmerte, nur bod) über und glänzte der goldene Himmel. Auch hatten wir ben Weg nun verloren und wußten nicht recht, mo wir waren, als e$ mit einemmale grün unb iroden um uns wurde. Wir lamen auf bie Höhe und befanden ung in einem hoben Tannen» wald, deilen Stämme drei bis vier Schritte aus einander ftanden, auf einem dicht mit trodenem Moofe bedediten Boden unb bie Aeſte hoch oben in ein dunfelgrünes Dach vermadjjen, jo daß wir vom Himmel faft nichts mehr fehen fonnten. Ein warmer Hauch empfing uns bier, goldene Lichter ftreiften da und dort über ba8 Moos unb an ben Stämmen, ber Tritt ber Pferde war unhörbar, mir ritten gemádjlid) zwifchen burdj, um bie Tannen herum, bald trennten wir uns und bald drängten mit uns nahe zufammen zwifchen zwei Säulen burdj, mie burd) eine Himmelspforte. Eine foldje Pforte fanden mir aber ge= [pert durch ben quergezogenen Faden einer frühen Spinne; er ſchimmerte in einem GStreiflihte mit allen Farben, blau, grün unb rot, wie eim Diamantſtrahl. Wir büdten uns einmütig darunter weg unb in dieſem Augenblide famen fid) unfere Geſichter fo nah, baB mir uns unmillfürlid) fübten. Im Hohlweg batten wir [don zu [preden angefangen und plauberten nun eine Weile ganz glüdjelig, bi8 mir ung darauf befannen, baf mir uns geküßt, nnb fahen, daß mir rot wurden, wenn wir uns anblidten. Da wurden wir wieder (till. Der Bald fente fih nun auf bie andere Seite Bin und ftand wieder im Schatten. In der Tiefe fahen wir ein Waller glänzen und bie gegenüberjtehende Berghalde, ganz nah, leudjtete mit Felſen und Fichten im hellen Gonnen[djeine burd) die dunklen
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Stämme, unter denen mir zogen, und warf ein gebeimmispolles
Zwielicht in bie [djattigen Hallen unferes Tannenwaldes. Der Boden wurde jett [o ab[djü[fig, baB mir abfteigen mußten. As ih Anna vom Pferde bob, fübBten wir uns zum zweiten
Male, fie fprang aber [ogleid) weg und wandelte vor mir über
ben weichen grünen Teppich hinunter, während ich bie beiden
Tiere führte Wie idj bie reigenbe, faft märchenhafte Geftalt
fo burdj die Tannen geben jab, glaubte id) wieber zu träumen unb batte die größte Mühe, die Pferde nicht fahren zu laſſen, um mid) von der Wirklichkeit zu überzeugen, indem ich ihr nachſtürzte unb fie in die Arme ſchloß. So famen wir enblid) an ba8 Wafler unb fahen nun, daß wir uns bei der Heiden- ftube befanden, in einem mohlbefannten Bezirke. Hier war e$ womöglich nod) ftiller, ala in bem Tannenwalde, unb am aller» heimlichften; die befonnte Felswand fpiegelte fid) in bem reinen Waſſer, über ihr Freiften drei große Habichte in ber Luft, fi unaufbörlich begegnenb, und das Braun auf ihren Schwingen und das Weiß an ber inneren Seite toedjjelten unb bligten mit dem Ylügelihlage und den Schwentungen im Gonnenjdjeine, während wir unten im Schatten waren. Ich faf dies alles in meinem Glüde, indeifen id) ben guten Gäulen, weldhe nad) bem Wafler begehrten, bie Zäume abnahm. Anna erblidte ein weißes Blümchen, ih weiß nicht was für eines, brad) e8 und trat auf mid) zu, es auf meinen Hut zu fteden; ich fab und Hörte jegt nichts mehr, ald wir uns zum dritten Male küßten. Zu- gleich umſchlang id) fie mit den Armen, drüdte fie mit Heftig- feit an mid unb fing an, fie mit Küffen zu bebeden. — Grit hielt fie zitternd einen Augenblick ſtill, dann legte fie ihre Arme um meinen Hals und fübte mich wieder; aber bei dem fünften ober fechiten Kuffe murbe fie totenbleid) unb fuchte fid) loszu⸗ machen, indeffen ich ebenfalls eine fonderbare Verwandlung fühlte. Die Küffe erlofd)en wie von ſelbſt, e8 war mir, als
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ob ich einen urfremden, wefenlojen Gegenítanb tm Arme Dielte, wir ſahen ung fremd unb erfchredt ins Geſicht, unentſchloſſen hielt ih meine Arme immer nod) um fie gefhlungen und wagte fie weder loszulaſſen, noch feiter au mich zu ziehen. Mich büntte, ij müßte fie in eine grundlofe Tiefe fallen laffen, wenn id) fie 108 ließe, und töten, menm idj fie ferner. gefangen hielt; eine große Angjt und Traurigkeit fenfte fidj auf unfere Findi- (fen Herzen. Endlih wurden mir die Arme Ioder und fielen auseinander, befhämt unb niedergefchlagen itanben mir da und blidten auf den Boden. Dann fepte fid) Unna auf einen Stein, diht an dem Haren tiefen Wafler unb fing bitterlih an zu meinen. Erit als ich dies fab, fonnte ich mich wieder mit ihr beiäftigen, fo febr mar id in meine eigene Verwirrung und in die eifige Kälte verjunfen, bie uns überfallen Datte. Ich näherte mich dem fdjónen, trauernden Mädchen und fuchte eine Hand zu faflen, indem ich zaghaft ihren Namen nannte. ber fie büllte ihr Geficht feit in die Falten des langen grünen Kleides, fortwährend reihlihe Thränen vergießend. Endlich erholte fie fidj ein wenig unb fagte bloß: „D! mir waren fo froh bis jegt!^ Ich glaubte fie zu verftehen, meil ich ziemlich das gleiche fühlte, mur nicht [o tief wie fie; daher ermiberte id) nichts, fondern fegie mich ftill etwas von ihr entfernt halb gegenüber, und fo blidten wir mit büjterm Schweigen in das feudjte Element. Bon befjen Grunde fab ich ihr Spiegelbild mit bem Krönchen Derau[feudjten wie aus einer andern Welt, mie eine fremde Waflerfei, bie nad) einem Bertrauensbrud in bie Tiefe zu fliehen droht.
