NOL
Gesammelte Werke

Chapter 33

Section 33

Als ber Schweizerbund unter donnerndem Zuruf des
— 314 —
lebendigen Berges umber beſchworen war, fepte fid) bie ganze Menge, Zufhauer und Spieler unter einander gemifdt, in Bewegung; ber größte Teil wogte wie eine Böllerwanderung nad) dem Städten, mo ein einfaches Mahl bereitet und fait jedes Haus in eine Herberge umgewandelt war, fei e8 für Freunde und Belannte, jei e8 für Fremde gegen einem billigen Zebrpfennig; denn fo unbefangen, mie mir die Aufzüge bes Stüdes burdjinanber geworfen, hielten mir aud) für gut, fie duch eine Erholungsitunde zu unterbreden, um nachher bie gemaltjamen Schlußereigniffe mit bejto frijdjerem Mute berbei- zuführen. Die Wirte Hatten in Betracht des ungewöhnlich warmen Wetters rajd) ben inneren Raum des Städtchens in einen Speifefaal umgefdjaffen; Lange Tiſchreihen waren errichtet unb gebedt für diejenigen ber ,SBerfleibeten" und fonjtigen Gbrenperjonen, die das gemeinjame Eſſen teilen wollten; die übrigen befeßten bie Häufer und viele einzelne vor biefe ge jtellten Tiſche. So gewann das Städtchen bod) wieder bas Anfehen einer einzigen Yamilie; aus allen Fenſtern blidten bie abgefonderten Geljelljdjaften auf die große Haupttafel, und Diejenigen vor ben Häufern fahen bald mie deren Verzwei⸗ gungen aus. Sen Stoff zu ben lauten Ge[prádjen lieh bie allgemeine Theaterkritif, die fi über alle Tiſche verbreitete, und deren münblidje Artikel die Künſtler felbit verfaßten. Diefe Kritik befaßte fid) weniger mit bem Inhalte des Dramas und ber Daritellung desjelben, al8 mit dem romantijden Ausfehen der Helden unb ber SBergleidjung mit ihrem ge wöhnlihen Behaben. Daraus entitanden Hundert fcherzhafte Beziehungen und Anfpielungen, von denen faum der Tell allein frei gehalten wurde; denn biejer [djien unangreifbar. — [ber der Tyrann Geßler geriet in ein folches Sreugfeuer, daß er in ber Hite be8 Gefechtes einen einen Rauſch tranf und feinen blinden Ingrimm bald auf jebr natürlihe Weiſe darzuitellen
— 015b —
imftande war. Aber dies alles beluftigte mid) nidjt febr, ba ih mid) genug um Anna zu fümmern hatte. Sie jap am Gbrenplatge amijdjen ihrem Vater unb bem Negierungsitatthalter, gegenüber bem Zell unb feiner wirklichen anmejenben Ehefrau. Nachdem fie ſchon ihrer reigenben unb vornehmen Erſcheinung wegen bie allgemeine Aufmerkſamkeit erregt, madjte fid) num auch ber ehrbare Auf ihres Vaters, ihre feine Erziehung und im Qintergrunbe ihr artiges Erbe geltend; id) mußte zu meiner großen Bekümmernis fehen, mie ber Platz, wo fie jab, von allerhand hoffnungsvollen Gefellen belagert wurde, ja wie fait alle vier Fakultäten fi) beftrebten, dem gravitätiihen Schul- meijter zu Gefallen zu leben, da ein junger Landarzt, ein Ge- ridjts[d)reiber, ein Pfarrvikar und ein ftudierter Landwirt fid) herbeigemacht hatten unb jchließlich alle der Anna ihre Ziliten- arten (djenften, bie fie beim Abgang von der Schule hatten ftechen lafjem. Alle waren jtattfidje blühende Burſche mit einer bebagliden Zukunft, während id) einen Beruf gemáblt hatte, ber nady allgemeinen Begriffen mit ewiger Armut verbunden fein follte. Ich entbedte daher zum erjtenmal mit Schreden, meld) einer gejchloffenen Macht idj gegenüberjtand, und id) geriet, Hinter Annas Si ftehend, in eine trübe Verfinfterung unb wollte mid) wegmwenden.
Auf einmal Tehrte fih Anna um und bat mid, ihr bie Karten aufzubewahren, fie bemerkte lächelnd, ih möchte ja recht Sorge bags tragen, und als id) fie einſteckte, war mir, als ob id) alle vier Helden in ber Za[dje trüge.
LS
£iiiiiiiiiiiiiiiitdA!
Fünfzehntes Rapttel. Tiſchgeſpräche.
Während man nun von allen Seiten aufbrach, Hatte fid) in unferer Nähe, mo ber Statthalter, Wilhelm Tell, ber Wirt, und andere Männer von Gewicht ſaßen, eine bebád)tige Unter⸗ haltung entjponnen. Es Banbelte fih um die Richtung einer neuen Landftraße, meldje von ber Hauptitadt ber burd) dieſe Gegend an bie Grenze geführt werden jollte. Zwei verfchiedene Pläne ftanden jid) in Bezug auf unjer engeres Gebiet entgegen, welhe mit gleidjmiegenben Vorteilen und Schwierigkeiten ver- bunden waren; bie eine Richtung ging über eine gebebnte Anhöhe, faft zufammenfallend mit einer älteren Straße zweiten Ranges, mußte aber im Zickzack geführt werden und jtellte be beutenbe Kojten in Ausficht; die andere ging mehr gerab und eben über den Yluß, allein bier war das anzufaufende Land teurer und überdies ein Brüdenbau notwendig, fo daß bie Koſten fi alfo gleidj famen, während bie Berfehrsverhältniffe fi) ebenfalls ziemlih glei ftellten. Wber an der älteren Straße auf der Anhöhe lag das Gaſthaus des Tell, weit Dine fhauend und viel beſucht von Gefhäftsmännern unb Yubr- leuten; duch bie große Straße in ber Niederung würde fid
— 911 —
ber Verkehr dort hingezogen haben unb das alte berühmte Haus vereinfamt worden fein; daher fprad) ſich ber mwadere Zell, an ber Gpige eine Anhanges anderer Bewohner ber Anhöhe, energifh für bie Notwendigkeit aus, daß bie neue Straße über Diefelbe gezogen werde. In der Tiefe Hingegen hatte ein reicher Holzhändler, die Schiffahrt abwärts benutzend, jene weitläufigen Räume angelegt, bem nun bie Straße zum Zransport aufwärts unentbebrlid) jdjien. Er mar feit einer Reihe non Jahren Mitglied des großen Rates unb einer jener Männer, bie weniger ibeellem Stoff in eine gejeßgebende Be börde bringen, ala burd) gefchäftlihde Gadj« unb Lokalkenntnis ebenfo ſchlichte als unentbehrlide und darum ftehende Erfchei- nungen im bdenfelben und allen Parteien gleihmäßig von 9tugen find. Er war radikal und ftimmte in den politiſchen ragen im Sinne des ortfchrittes, aber ohne viel Umftände, indem er mehr durd fein Beifpiel, ala dur Reden wirkte Nur wenn eine Frage in bem Geldbeutel eingriff, pflegte er bie De» batte mit genauen Grörterungen und Bedenklichkeiten aufzu- halten; denn aud) der Freiſinn war ihm ein Gefdü[t unb er ber Meinung, mit den Erfparniffen, die man an ben Kojten von fedj$ Unternehmungen erzielt, könne man eine fiebente obendrein ermöglihen. Er wollte bie Gadje ber freiheit und Aufflärung nad) ber Weife eines klugen Yabrifanten betrieben miffem, weldher nit darauf audgeht, mit ungebeuren Koften auf Ein Mal ein folofjales Prachtgebäude Herzuftellen, in melhen er die Arbeiter zur Not befhäftigen könnte, fondern ber e$ vorzieht, unjdjeinbare räuderige Gebäude, Werkſtatt an Werkſtatt, Schuppen an Schuppen zu reihen, wie e8 Bedürfnis und Gewinn erlauben, bald proviſoriſch, bald folid, nad) und nad, aber immer ra[djer mit ber Zeit, daß e$ raudt und bampft, podjt und hämmert an allen Eden, während jeder Beihäftigte in dem Iuftigen Wirrfal feinen Griff unb rit
— 918 —
fennt. Deswegen eiferte er immer gegen bie ſchönen großen Schulhäufer, gegen die erhöhten Befoldungen der Lehrer u. dal, weil ein Land, welches mit einer Menge bejcheidener, mit wenigen guten Mitteln verfehener Schulituben gefpidt fei, in bequemer Nähe überall, wo ein paar Finder wohnen, unb mo an allen Eden und Enden tapfer und emfig gelernt würde in aller Unſcheinbarkeit, erft die wahre Kultur aufzeige Ber prablerijdje Aufwand, behauptete der Holzhändler, bebinbere nur bie tüdjfige Bewegung; nicht ein goldenes Schwert thue Not, bejjen mit Edeliteinen bejeßter Griff die Hand brüde, fondern eine [djarfe leichte Art, deren Hölzerner Stiel, vom rüftigen Gebraudje geglättet, ber Hand volllommen geredjt [ei zur Verteidigung wie zur Wrbeit, unb bie ehrwürdige Politur an einem foldhen Artitiele fei ein viel ſchönerer Glanz, als Gold und Steine jenes Schwertgriffes darböten. Ein Boll, welches Paläſte baue, bejtelle fid) nur zierlide Grabfteine, unb ber Wandelbarfeit fónne nod) am beiten widerſtanden werden, wenn man fid) unter ihrem Panier ſchlau durch bie Zeit bugfiere, leidjt unb behende; erjt ein Volk, das Dies begriffen, immer bewaffnet und marfchfertig, ohne unnützes Gepüd, aber mit ge füllter Kriegskaſſe verfehen, bejjen Tempel, SBalajt, Feſtung und Wohnhaus in Einem Stüd bas leichte, Iuftige unb bod) unzer- jtörbare Wanderzelt feiner geiftigen Erfahrung und Grunbjápe fei, überall mitzuführen unb aufzuſchlagen, könne fid) Hoffnung auf wahre Dauer machen, und felbit feinen geographiſchen Wohnſitz vermöge ein ſolches länger zu behaupten. Beſonders von ben Schweizern wäre e8 ein Unfinn, wenn fie ihre Berge mit [d)onen Gebäuden befleben wollten; bodjiten8 am Eingange wären allen» falls ein paar anfehnlide Städte zu dulden, jon[t aber müßten tir es ganz der Natur überlaffen, bie Honneurs zu maden; dies [ei nidjt mur das 3Billigite, fondern aud das Klügite. Bon den Künften ließ er einzig Beredfamleit unb Gefang
— 9810 —
gelten, weil fie jeinem „Wanderzelte“ ent(pradjen, nichts fojten unb feinen Pla einnehmen. Sein eigenes Beſitztum fab ganz nad) feinen Grundfähen aus; Brenn» und Bauholz, Kohlen, Eifen und Steine bildeten in mächtigen Borräten eine große Zageritatt; dazwiſchen grünten fleine und große Gärten, denn wenn ein Platz für einen Sommer frei mat, fo wurde [djnell Gemiüje darauf gepflanzt; bie und ba bejdjatteten große Tannen, bie er nod) hatte ftehen Laffen, eine Sägemühle oder Schmiede. Sein Wohnhaus lag mehr mie eine Arbeiterhütte, ala wie ein Herrenhaus dazwifchen Bingeworfen, unb feine Frauensleute mußten für ein be[djeibene8 Ziergärthen einen fortwährenden Krieg führen unb mit bemjelben ftet3 um das Haus herum flüchten; bald wurde e8 an diefe, bald an jene Ede gejchoben, von Heden oder Geländern mar auf dem ganzen Grunbjtüd nift$ zu [eben. Es lag ein großer Reichtum darin, aber diefer änderte täglid feine äußere Geftalt; jefbjt die Dächer von ben Gebäuden verfaufte der Mann manchmal, menn fid) günftige Gelegenheit bot, und bodj jaß er jeit langer Zeit auf biefem Beſitze unb bie [raglidje Straße [djien ihm bie Krone aufzufegen; denn eine gute Straße dünkte ihn das beite Ding von der Welt, nur mülfe fie ohne fojtipielige Meilenzeiger und ohne Alazienbäumden und derlei Wirlefanz fein. Auch mar er fajt immer auf der Straße in einem leichten, einfachen, aber vortrefflihen Fuhrwerke, deſſen Stemije ebenfall auf iteter Wanderung begriffen war und lebigíid) aus Iofen Bau- bölzern bejtanb. Der Holzhändler meinte nun, der Wirt müffe oben feine Hütte zuſchließen unb einen Gajtbof unten an bie neue Straße unb Brüde bauen, mo ein bedeutenderer Berfehr zu erwarten wäre, ba bier nod) die Schiffleute hinzufämen. Allein der Wirt mar der entgegengefeßten Gefinnung. Er jab in dem Haufe feiner Bäter, welches [eit alten Zeiten immer an Gaſthaus gemejen; von feiner fonnigen Höhe pflegte er
— 380 —
weit über das Land Hinzubliden, und daB Haus Battle er mit Ihönen Schweizergeihichten bemalen laſſen. Bon der Ber- teidigung mit einer ſchlechten Art wollte er nidjt8 hören, bie felbe fei höchſtens zum gelegentliden Grjdjlagen eines Wolfen» hießen gut; fonft bedurfte er einer treffliden und fein gearbeiteten Büchſe, ihre Handhabung war ibm dir edelite Zeitvertreib. Er war audj der Meinung, ein freier Bürger müffe arbeiten und forgen, fid) ein unabhängiges Auskommen zu ſchaffen und zu erhalten, aber nicht mehr als nötig [ei; und menn die Gadje in fiderem Gange, [o zieme bem Mann eine anjtánbige Ruhe, ein vernünftiges Wort beim Glaſe Wein, eine erbaulidje Betrachtung der Vergangenheit des Landes und feiner Sufunft. Er betrieb einen bejhräntten Weinhandel, nur mit gutem und wertvollem Wein, mehr gelegentlih als ge ihäftsmäßig, und in feinem Haufe ging alles feinen Weg, ohne daß er viel umberfprang. Aud er war ein Mann des Rates unb der That, aber mehr in ber moralijdjen Welt, und in politifden Dingen ein einffuBreidjer Volksmann, obgleich er nicht im Großen Rate (aB. Bei den Wahlen hörten viele auf ihn; daher mochte die Regierung ihn fo wenig gegen fid) auf» bringen als den Holzhändler. Der Statthalter hatte jego bie Gelegenheit ergriffen, zmifchen den beiden Männern über frag. lihen Straßenbau eine Berftändigung herbeizuführen. Als ein freundliher und mohlbeleibter Mann mit einem hübſchen Ge. fite und vornehm grauen Haaren, meldje an Puder erinnerten, trug er feine Wäſche und einen feinen Rod, an ber rmeiBen Hand goldene Ringe, und lachte gern. Immer war er gelajjen, führte feine Gefchäfte mit Feſtigkeit durch, ohne fidj auf bie Gewalt zu berufen und als NRegierungsperfon zu brüften. Staatswiſſenſchaftlich gebildet, zeigte er davon jederzeit nur fo viel nötig mar und that dies auf eine Weife, als ob er den Bauern mur etwas erzählte, daß er zufällig erfahren und fie
— 881 —
eben [o gut willen fonnten, wenn es fid juít gefügt hätte. Mit feinem feinen Rod und feinen Manfchetten ging er überall Dim, wo ein Sauer$mann Binging, nahm feinen Bug nicht in adjt dabei unb verdarb ihn bodj nit. Zu den Leuten pets. hielt er fi nidjt mie ein Vogt au feinen Untergebenen, ober wie ein Dffizier zu feinen Soldaten, auch nicht mie ein Vater zu den Sindern oder ein Patriarch zu feinen Hirten, fondern unbefangen wie ein Mann, ber mit dem andern ein Geſchäft zu verrichten und eine Pfliht zu erfüllen bat. Er ftrebte weder herablaffend nod) leutfelig zu fein, am wenigſten fudjte er ben befoldeten Diener des Volles zu aífeflieten. Seine Feſtigkeit gründete er nidjt auf bie Amtsehre, fondern auf bas Pflichtgefühl; bod) wenn er nicht mehr fein wollte als ein anderer, jo wollte er aud) nicht weniger fein.
Und bod) war er fein unabhängiger Mann; einer reichen, aber verfchwenderifchen Familie entfproffen unb in feiner Jugend jelbft ein Iuftiger Vogel, febrte er mit erlangter Befonnenheit gerade in das väterlihe Haus zurüd, als dasfelbe in Verfall geriet; fo [ab fid) ber junge Mann genötigt, gleid) ein Amt zu juden, und war endlih unter vielen Wechſeln und Gr. fahrungen einer von denen geworben, bie ohne ihr Amt Bettler unb aljo Regierungsperfonen von Profeſſion find. Er fonnte aber als eine Ehrentettung und Berflärung biefer verrufenen Lebensart gelten; den eriten Schritt hatte er in der Jugend und in ber Rot gethan, und als e8 nachher nicht mehr zu ändern war, aog er fi) wenigitens mit Ehre und mwahrer Klugheit aus ber Gade. Der Schulmeifter pflegte von ihm zu jagen, er fei einer von ben wenigen, bie burd) dad Res gieren meife werben.
Sod) alle Weisheit half ibm jegt nicht, ben Holzhändler und den Wirt zu einer Berjtändigung zu bringen, damit er ber Regierung berichten könne, meldjr Zug ber Straße in ber
— 882 —
Gegend allgemein gemün[djt werde. Seder der beiden Männer verteidigte hartnädig feinen Vorteil; ber Holzbändler Dielt fid) ſchlechtweg an ben Vernunftgrund, daß bie Wahl zwifchen einer ebenen und geraden Linie und zmwifchen einem Berge heutzu⸗ tage unzweifelhaft fein müfle, und barg fo feinen eigenen Borteil hinter die Vernunft; audj ließ er merken, daß er als Mitglied der Behörde jener zum Siege zu verhelfen Hoffe. Der Wirt dagegen fagte geradezu, er wolle feBen, ob er e8 um den Staat verdient habe, daß man ihm das Haus feiner Bäter in eine Einöde fepe! Herabzufteigen und an dem feuchten Wafler fif angunijten, wie ein Yilchotter, dazu werde man ihn nidt überreden; oben, mo ed troden und fonnig, jei er geboren, und dort werde er aud) bleiben! Hierauf verjegte fein Gegner lähelnd: Das möge er unbehindert thun und pon der Freiheit träumen, während er ein Untertban feiner Borurteile fei; ans bere zögen e8 vor, in der That frei zu fein und fid) munter umberzutreiben.
Schon fing die Gelaffenheit an zu meiden und bei ben beiderfeitigen Anhängern Worte wie: Starrfinn und Gigennug! [aut zu werden, als ein fröhlicher Haufe ben Tell zur Yortfegung feiner Thaten abbolte, denn er follte nod) auf bie Platte fpringen und den Vogt erfchießen. Etwas zornig brad) er auf, indes aud) bie übrigen fid) zerjtreuten und nur Anna mit ihrem Pater und ich figen blieben. Die lInterrebung batte einen peinfiden Ginbrud auf mid) gemadjt; befonders am Wirt verlegte mich dies unverhohlene Verfechten des eigenen Bor» teile3, an diefem Tage und in fo bedeutungsvollem Gewande; folde Brivatanfprüde an ein öffentliches Wert, von vorleud)» tenden Männern mit Heftigfeit unter fid) behauptet, daS Der. vorfehren des perfönlichen Verdienftes und Anſehens wider- ſprachen durdaus dem Bilde, meldje8 von dem unparteiifchen Weſen des Staates in mir lebte und das id) mir aud) von
— 383 —
ben berühmten Volksmännern gemadjt hatte. Ich äußerte diefen Eindrud in vorlauten Worten gegen Annas Vater, bins zufügend, daß mir der Vorwurf ber füeinlidjfeit, des Eigen- nuges und ber Engberzigleit, meldjer den Schweizern zumeilen gemadjt würde, mum bald geredjt erſchiene. Der Schulmeiiter milderte in etwas meinen Tadel und forderte mid) zur Duld⸗ famfeit auf mit der menjdjliden Unvollkommenheit, welche aud) diefe font wackeren Männer überídjaite. Uebrigens, meinte er, ftt nidt zu leugnen, bab unfere Freiheitsliebe nod) zu fehr ein Gewächs der Scholle fei und bap unjeren Yortichrittsmännern die wahre Religiofität fehle, welche in das ſchwere politijdje Leben jenen beiteren, frommen, liebevollen Leichtfinn bringe, der aus warmem Gottvertrauen entipringe und erjt die rechte Opferfreudigfeit, die allerfreieite Beweglichkeit von Leib und Seele möglih made. Wenn unfere fleißigen Männer einmal einfähen, daß im Goangefio nod) eine viel au[gemedtere und hönere Beweglichkeit gelehrt würde, al8 diejenige fei, welche der Holzhändler prebige, jo werde das Politifieren nodj viel erfledlicher von ftatten gehen und erſt bie reifen Früchte bringen. Ich wollte eben hiegegen mein rundes Veto einlegen, al3 jemand mir auf die Achfel flopfte; als id) mid) ummandte, jtanb ber Statthalter hinter und, welcher freundlid) fagte: „Obgleich id) nit der Anſicht bin, bap man in einer guten Republik ftarf auf die Meinungen ber Yugend achte, fo lange die Alten das Cal3 nicht verloren haben und Thoren geworden find, fo will ih doch verfuchen, junger Herr! eueren Summer zu lindern, damit eudj über vermeintlichen trüben Erfahrungen nicht diefer ſchöne Tag zu ſchanden gebe; aubem habt ihr nod) nicht ein» mal jenes Jugendalter erreicht, welches ich eigentlich meine, und da ihr ſchon fo kräftig zu tabelm wißt, [o veriteht ihr gewiß noch eben fo gut zu lernen. Bor allem freut e8 mid, euch im beireff der beiden Männer, welche ſoeben meggingen,
— 39884 —
euren Mut wieder aufauridjten; e8 mögen allerdings nidjt alle gleich fein in unferem Schweizerlande; bod) vom Herrn San. tonsrat, wie vom Leuenwirt mögt ihr fidjr glauben, daß iie Hab unb Gut ſowohl bem Lande in Gefahr Bingeben, als es einer für den andern opfern würden, wenn er ind Unglüd geriete, und das vielleicht gerade bejto unbedenflicher, als Diefer andere fid) beute Träftiger um die Straße gewehrt hat. So— bann merit euch für eure fünftigen Tage: wer feinen Vorteil nit mit unverhohlener Hand zu erringen und zu wahren veriteht, der wird audj nie imjtanbe fein, feinem Nächſten aus freier That einen Vorteil zu verfchaffen! Denn es ijt (Hier ſchien fid) der Statthalter mehr an den Schulmeilter zu wenden) ein großer Unterjchied zwifchen bem freien Preisgeben oder Mitteilen eine8 erworbenen, errungenen Gutes, und zwiſchen bem trägen Fahrenlaſſen beffen, was man nie befeflen hat ober zu verteidigen zu blöd ift. Jenes gleidjt dem großmütigen Ge braudje eines wohlerworbenen Vermögens, bieje8 aber der Ber» ſchleuderung ererbter oder gefunbener Reichtümer. Einer, ber immer und ewig entfagt, überall fanftmütig bintenanfteht, mag ein guter barmlojer Menſch fein; aber niemand wird e8 ibm Dank willen und von ibm fagen: Diefer bat mir einen Vorteil verihafft! Denn [o etwas Tann, mie fdjon gefagt, nur ber thun, ber den Vorteil erſt zu erwerben unb zu behaupten weiß. Wo man das aber mit frijdjem Mute und ohne Heuchelei thut, ba ſcheint mir Gefundheit zu Derrfdjen, und gelegentlidh ein tüchtiger Zank um den Vorteil ein Zeichen von Gejundheit zu fein. Wo man nidt frei heraus für feinen NRußen unb für