Chapter 32
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ganzen Länge frei ausgebreitet und dann bie Krone aufgefekt, audj ein breites goldenes Halsband umgethan, auf meinen Nat einige Ringe über die weißen Handſchuhe geitedt, und als fie zum erſtenmal diefen ganzen Anzug probierte, jab fie nit nur aus wie ein Nitterfräulein, fondern mie eine Feenkönigin, und ba8 ganze Haus mar in ihrem lieblichen Anblid verloren. Aber jegt weigerte fie fid) auf3 neue, an dem Spiele teil zu nehmen, weil fie fid) felber [o fremd vorfam, unb menn nidt die ganze Bevölkerung in ihren ehrbariten Familien bei ber Gadje gewejen wäre, fo hätte man fie nit dazu gebradjt. Unterdefien batte ih nicht gerubt unb mit meinen Herren Bettern ein wenig ins Sattlerhandwerk gepfufcht, indem mir bie nidjt febr fauberen Zügelriemen des Oheims mit rotem Geibengeuge umnábten, welches wir von einem Juden billig gefauft; denn Annas Hände follten das alte Lederwerk nidjt unmittelbar berühren.
Meinen eigenen Anzug hatte idj längſt in Drdnung ge bradjt und benjelben grün und jägermäßig gewählt, ba baburd) eine größere Einfachheit möglih war für meine geringen Mittel. Sod) mar er mod) erträglich getreu, eine große zimmetfarbene Dede, ohne Beſchädigung in einen faltenreihen Mantel umges manbelt, verhüllte die Unvollfommenheiten; auf dem Süden trug id eine Armbrujt und auf dem Kopfe einen grauen Yılz. Allein da ber Menſch immer eine [djmadje Seite haben muß, fo fdjnallte ih) den langen Toledodegen aus ber Dachkammer um; id) batte alle anderen zu Hiftorifher Treue ermahnt, zeit gemäße Waffen in Menge felbit aus dem Zeughaufe geholt unb bod) wählte ich diefen ſpaniſchen Bratipieß, ohne daß id) mir Beute Har madjen Tann, was ich mir dabei badjte!
Der wichtige und erjehnte Tag brach an mit dem aller. Ihönften Morgen; ber Himmel glänzte wolkenlos unb e8 mat in biejem Hornung fon fo warn, daß die Bäume anfingen
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auszufhlagen und bie Wiefen grünten. Mit Sonnenaufgang, als eben der Schimmel an dem [unfelnben Flüßchen jtanb unb gema[djen wurde, tönten Alpenhörner unb Herdengeläute durd) da3 Dorf herab und ein Zug von mehr als Hundert prächtigen Kühen, befränzt und mit Gloden verfehen, fam heran, begleitet von einer großen Menge junger Burfche und Mädchen, um das Thal binauf zu ziehen in die anderen Dörfer und fo eine Bergfahrt vorzuftellen. Die Leute hatten nur ihre altherlömm- lide Sonntagstracht anzulegen gebraudt, mit Ausfchluß aller eingedrungenen Neuheiten und Hinzufügung einiger Prachtſtücke ihrer Eltern oder Großeltern, um ganz feitlih und malerijd) auszufehen, und ber jtärfite Anachronismus waren bie Tabafs- pfeifen, melde bie Burfhe unbelümmert im Munde trugen. Die friſchen Hemdärmel ber Zünglinge und Mädchen, ihre roten Weiten und blumigen Mieder leuchteten weithin in frobem Gewimmel, und als fie vor unjerem Haufe und der benady. barten Mühle anhielten und unter den Bäumen plöblid das buntejte Gewühl entitand, von Gejang, Jauchzen und Geládjtex begleitet, als fie mit [autem Grüßen einen Frühtrunk vet. langten, da fuhren wir vom reichlichen Frühſtück, um welches wir, mit Ausnahme Annas, jdon angefleidet verfammelt waren, lujtig auf und bie Freude überrafchte uns in ihrer Wirklichkeit viel gewaltiger und feuriger, al8 wir bei aller Erwartung darauf gefaßt waren. Schnell begaben wir uns mit den bereit gehaltenen Weingefäßen unb einer Menge Gläfer in das Gewimmel, ber Dheim und feine Frau mit großen Körben voll ländlihen Backwerkes. Dieſer erjte Jubel, meit entfernt eine frühe Erſchöpfung zu bedeuten, war nur ber fidere Vorbote eines langen Freudentages und nod) größerer Dinge. Die Muhme prüfte unb pries das ſchöne Bieh, ftreihelte und fraute berühmte Kühe, melde ihr wohlbefannt waren, unb madjte taufend Späße mit bem jungen Bolfe; ber
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Dheim fdjenfte unaufhörlich ein, feine Töchter boten bie Glá[er berum und ſuchten bie Mädchen gum Trinken zu überreden, während fie mobi mußten, bap ihr ehrfanes Geſchlecht am frühen Morgen feinen Wein trinkt. Deſto munterer ſprachen die Hirtinnen den Shmadhaften Kuchen zu und verjorgten mit denfelben die vielen Sinder, welche nebjt ihren Ziegen den Zug vergrößerten. In der Mitte des Gedränges ftießen wir auf bie Müllersleute, weldhe den Feind von ber anderen Seite ber angegriffen hatten, angeführt vom jungen Müller, der als gebarni[d)ter Reiter [djmer einherflirrte und fein verjährtes Gifengewand andädtig verehren und betaften ließ. Auf einmal zeigte fid) Anna, ſchüchtern und verihämt; bod) ihre Zaghaftig- feit ward von ber Gewalt der allgemeinen Freude fogleich vet» nichtet und fie mar in einem Augenblide wie umgewandelt. Sie lächelte fiher unb mohlgemut, ihre Silberkrone bligte in der Sonne, ihr Haar mebte und flatterte ſchön im Morgen- wind und fie ging fo anmutig und fier in ihrem aufge ſchürzten Neitfleide, das fie mit den ringgefhmüdten Händen hielt, als ob fie ihr Lebenlang ein folches getragen hätte. Sie mußte überall herumgehen und wurde mit ftaunender Be- munberung begrüßt. Endlich aber bewegte fid) der Zug weiter und mit feinem Aufbruche teilte fid aud) unfer $ausitanb. Die zwei jüngeren Bafen und zwei ihrer Brüder fchlofjen fid) demfelben an, die verlobte Gdjmejter und der Schulmeilter legten fi in ein leichtes Fuhrwerk, um als Sufdjauer ihren eigenen Weg zu fahren und uns gelegentlich zu treffen, aud um Anna aufzunehmen, im Yale ihr die Sache nicht zufagen würde. Der beim und die Frau blieben zu Haufe, um andere Herumfhwärmer zu bemirten und abmedjjelnb etwa fid) in ber Nähe umzufehen. Anna, Rudolf der Harras und idj aber fegten uns nun zu Pferde, esfortiert von dem Plirrenden Müller. Diefer batte für mid) unter feinen Pferden einen
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ehrlihen Braunen ausgefudjt unb über den Sattel zu mehrerer Sicherheit einen Schafpelz gefd)nallt. Doch kümmerte ih mid) im mindeiten nidjt um die Reitlunft, und da aud) fein Menſch fi um dergleichen befümmerte, fo ſchwang id) mid) ganz un- befangen auf den Braunen und tummelte denfelben mit großer Sedbeit herum. Auf dem Lande fann jedermann reiten, ber von einem dreffierten Pferde berunterfallen würde. So ritten wir jtattlih das Dorf hinauf und gaben nun felbft ein Schau⸗ [piel für bie Leute, bie aurüdblieben, und für eine Menge finber, meldje uns nadliefen, bis eine andere Gruppe ihre Aufmerkſamkeit erregte.
Vor dem Dorfe ſahen wir es bunt und ſchimmernd von allen Seiten her ſich bewegen, und als wir eine Viertelſtunde weit geritten waren, kamen wir an eine Schenke an einer Kreuzſtraße, vor welcher die ſechs barmherzigen Brüder ſaßen, bie ben Geßler wegtragen ſollten. Dies waren bie Iuftigften Burſche ber Umgegend; fie hatten ſich unter ben Kutten unge heure Bäuche gemacht unb ſchreckliche Bärte von Werg umge bunden, auch die Naſen rot gefärbt; ſie gedachten den ganzen Tag ſich auf eigene Fauſt herumzutreiben und fpielten gegen- wärtig Karten mit großem $allob, wobei fie andere Spielfarten aus ben Kapuzen zogen und ftatt der Heiligen an bie Leute ver[denften. Auch führten fie große Proviantfäde mit fid unb [dienen [don ziemlih angeglübt, fo daß mir für bie Teierlichkeit ihrer SBerridjtung bei Geßlers Tod etmas be[orgt tourben.
Sm nächſten Dorf fahen wir den Arnold pon Melchthal ruhig einem Stadtmebger einen Ochſen verfaufen, wozu er ihon feine alte Zradjt trug; bann fam ein Zug mit Trommel und Pfeife und mit dem Hut auf der Stange, um in ber Umgegend das höhniſche Gejeg zu verfünben. Denn dies mar das Schönfte, daß man fid) nicht an bie theatralifde Einfchrän-
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fung bielt, daß man es nicht auf Ueberraſchung abfah, fondern ih frei herum bewegte unb wie aus der Wirklichfeit heraus und wie von felbit an ben Orten zufammentraf, vo die Hands lung vor jid ging. Hundert Heine Schaufpiele entitanden dazwiſchen unb überall gab e8 was zu feben unb zu laden, während bod) bei den wichtigen Vorgängen die ganze Menge anbüdtig und gejammelt er[djien.
Schon mar unjer Zug anfehnlih geradjjen, um mehrere Berittene und aud) burdj Fußvolk veritärkt, was alles zu dem Ritterzuge gehörte; mir famen an eine neue Brüde, die über den großen Yluß führt; von der anderen Seite näherte fid) ein ftarfer Teil der Bergfahrt, um das Vieh nad) Haufe zu bringen und nachher wieder ald Volk zu erjdjeinen. Nun mat ein Tnauferiger Zolleinnehmer auf der Brüde, meldjer burdjaus von Kühen unb Pferden ben Zoll erheben wollte, gemäß dem Geſetze, weil die Tiere nad) feiner Behauptung auf dem Trans port begriffen feien; er hatte den Schlagbaum beruntergelafjen unb ließ fid burdjau$ nicht bereden, diesmal von feiner Forde⸗ rung abzuftehen, indem man jet nicht eingerichtet und aufge [egt fei, diefe Umftändlichfeiten zu befolgen. Es entitand ein großes Gedränge, ohne daß man jebod) wagte, mit Gewalt burdgutommen. .
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Dterzehntes Kapitel, Der Quei.
Da erihien unverjehbens ber Tell, melder mit feinem Knaben einjam be8 Weges ging. Es war ein berufener feiter Wirt unb Gdjüpe, ein angefehener und zuverläffiger Mann von etwa vierzig Jahren, auf meldjen die Wahl zum Tell unmill- fürlih und einjtimmig gefallen mar. Er Hatte jid) im bie Tracht gefleibet, in welcher fi ba8 Volk bie alten Schmeizer ein für allemal vorjtellt, rot und weiß mit vielen Puffen und Ligen, rot und weiße Federn auf dem eingelerbten rot und weißen Hütchen. Ueberdies trug er nod) eine feibene Schärpe über ber Bruft, und menn dies alles nidji8 weniger als bem einfahen Weidmann angemejjen mar, fo zeigte bod) der Grnit des Mannes, wie febr er das Bild des Helden in feinem Sinn duch diefen Pomp ehrte; denn in diefem Sinne war ber Tell nit nur ein [djlidjter Jäger, fondern aud) ein politiſcher Schußpatron und Heiliger, ber nur in den Yarben des Landes, in Sammet und Seide, mit wallenden Federn benfbar war. Aber in feiner braven Einfalt ahnte unfer Zell die Ironie feines prächtigen Anzuges nicht; er trat mit feinem eigenen $naben, der mie eine Art Genius aufgepußt war, befonnen
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auf die Brücke unb fragte nadj ber Berwirrung. Als man ibm die Gründe angab, [ete er bem Zöllner auseinander, daß er gar Fein Recht habe, den Zoll zu erheben, indem fümtlidje Tiere nicht aus der Ferne kämen oder dahin gingen, jonbern als im gewöhnlihen Verkehr zu betrachten jeien. Der Zoll» mann aber, erpidjt auf bie vielen Kreuzer, bebarrte fpikfindig darauf, daß die Tiere in einem großen Zuge los und ledig auf der Straße getrieben würden und gar nid vom Felde fümen, alfo er den Zoll zu fordern berechtigt [ei. Hierauf faßte ber wadere Tell den Schlagbaum, drüdte ihn wie eine leichte Feder in die Höhe und ließ alles durdhpaffieren, Die Verantwortung auf ſich nebmenb. Die Bauern ermahnte er, fid zeitig wieder einzufinden, um feinen Thaten zugufehen; uns Nitterdleute aber grüßte er falt unb ftolz, unb er [djien uns auf unferen Pferden für wirkliches Tyrannengefindel angue feben, fo febr war er in feine Würde vertieft.
Endlich gelangten wir in den Marfifleden, welcher für heute unfer Altorf war. Als wir burdj das alte Thor ritten, fanden wir bie Kleine Stadt, welde nur einen mäßig großen Platz bildete, ſchon ganz belebt, vol Mufif unb Yahnen, unb Zannenreijer an allen Häufern. Eben ritt Herr Geßler hinaus, um in ber Umgegend einige Unthaten zu begehen, und nahm den Müller und den Harras mit; ich jtieg mit Anna vor dem Rathauſe ab, wo die übrigen Herrſchaften verfammelt waren, und begleitete fie in den Saal, wo fie von bem Ausſchuſſe unb ben ammejenben Gemeinderatsfrauen bewunderungsvoll bes grüßt wurde. Ich war bier nur wenig befannt und lebte nur in dem Glanze, welden Anna auf mid) warf. Seht fam aud) ber Schulmeilter angefahren mit feiner Begleiterin; fie gefellten fi zu uns, nadjbem das Gefährt notbürftig untergebradjt, und erzählten, wie [oeben auf ber Landihaft bem jungen Melchthal bie Dchſen vom Pfluge genommen, er ndtig ges
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worden und fein Bater gefangen fei; wie bie Tyrannen überhaupt ihren Spuf trieben und vor dem Stauffacherſchen Haufe merfwürdige Scenen ftattgefunden hätten vor vielen Zu» Ihauern. Diefe jtrömten audj bald zum Thore herein; denn obgleih nicht alle überall fein wollten, fo begehrte bod) Die größere Zahl die ebrmürbigen und bedeutungsvollen Haupt» begebenbeiten zu [eben und vor allem ben Tellenſchuß. Schon ſahen wir audj aus dem Fenſter des Nathaufes bie Spieh- fnedjte mit ber verhaßten Stange anfommen, diefelbe mitten auf bem Plate aufpflanzen und unter Zrommelídjíag bas Geſetz verfünden. Der Pla wurde jet geräumt, bas ſämtliche Bolt mit und ohne Koftüm, an die Seiten vermiejen und vor allen Fenſtern, auf Treppen, Holagalerieen und Dächern wimmelte bie Menge. Bei der Stange [dritten die beiden Wachen auf und ab; jebt fam der Zell mit feinem Knaben über ben Plat gegangen, von raujdjenbem Beifall begrüßt; er hielt das Ge|prád) mit dem Kinde nicht, fondern wurde bald in ben Ihlimmen Handel mit den Schergen vermidelt, dem das Boll mit gefpannter Aufmerkſamkeit zuſah, indefien Anna und id nebjt anderm zwingherrliden Gelichter uns zur Hinterthür hinausbegaben und zu Pferde ftiegen, ba e8 Zeit war, uns mit dem Geßlerſchen Jagdzuge zu vereinigen, der [djon vor dem Thore hielt. Wir ritten nun unter Trompetenflang berein und fanden die Handlung in vollem Gange, den Tell in großen Nöten und das Volk in lebhafter Bewegung unb nur zu geneigt, den Helden feinen Drängern zu entreißen. Doch als der Landvogt feine Rede begann, wurde es ftil. Die Rollen wurden nicht theatraliih und mit Gebärdenfpiel geiproden, fondern mehr wie die 9teben in einer Bollsverfammlung, laut, ein. tönig und etwas fingenb, da e$ bod) Verſe waren; man Tonnte fie auf dem ganzen Plage vernehmen, und wenn jemand, ein: geihüchtert, nicht veritanden wurde, fo rief das Bolt: „lauter,
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lauter!" unb mar höchſt zufrieden, bie Stelle nod) einmal zu bören, ohne fid) bie Illuſion ftören zu lajjen.
Go erging e8 aud) mir, al8 id) einiges zu [predjen hatte; ih wurde aber glüdlidjer Weife burdj einen komiſchen Vor⸗ gang unterbrodjen. Es trieben fi) nämlidy ein SDugenb Ver⸗ mummte der alten Sorte herum, arme Teufel, welche weiße Hemden über ihre ärmlichen Kleider gezogen hatten, ganz mit bunten Qüppdjen befept; auf dem.SKopfe trugen fie hohe fegelförmige Papiermüßen, mit ragen bemalt, und vor dem Gefidjt ein durchlöchertes Tuch. Diefer Anzug war jonit die allgemeine Vermummung geweſen zur Faſtnachtszeit und in berjelben allerlei Spaß getrieben worden; aud) Tiebten bie armen Buben die neueren Spiele nicht, ba fie in diefer jelt- famen SRasfierung fid) Gaben zu fammeln gewohnt und babet für deren Erhaltung begeiftert waren. Sie ftellten gemiller- maßen ben Rückſchritt und die Verkommenheit vor und tanzten jebt munberlid) genug mit Pritſchen und Beſen umber. Be— fonders zwei berfelben ftörten ba8 Schaufpiel als idj eben reden jollte, indem fie einander am Rückteile des Hemdes here umzerrten, welches mit Senf bejtridjem war. Jeder hielt eine Wurſt in ber Hand und rieb fie, eh’ er einen Biß that, an dem Hemde des andern, während fie fortwährend fid im Kreife drehten, wie zwei Hunde, bie einander nad) bem Schmwanze Ídjnappen. Auf biefe Weife tanzten fie zwiſchen Gebler und Tell vorbei und glaubten wunder was zu thun in ihrer Unmifjenheit; aud) erfolgte ein fchallendes Gelächter, weil das Volk im erjten Augenblide feinen alten Rüden nicht widerftehen fonnte. Doch aljobald erfolgten aud) derbe Püffe unb Stöße mit Schwertfnäufen und Partifanen; bie erſchrockenen CpaBmadjer fuchten fid) unter bie Zufchauer zu retten, wurden aber überall mit Gelächter zurüdgejtoßen, |o daß fie längs der
fröhlichen Reihen fein Unterfommen fanden und ängjtlid um» 24*
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Derircten, mit zerzauften Müben, unb furdjtjam ihre S8erbüllung an ba8 Geſicht brüdenb, damit fie nicht erfannt würden. Anna empfand Mitleiden mit ihnen und beauftragte Rudolf ben Harrad unb mid, ben mißhandelten Fratzen einen Aus meg zu verjdjaffen, und fo murbe ich meiner Rede enthoben. Dies [torte übrigens nicht, ba man gar nicht bie Worte zählte und mandmal fogar die Gdjilleriden Jamben mit eigenen Kraftausdrüden verzierte, [o wie e8 die Bewegung eben mit fid brachte. Doch made fidj ber Vollshumor im Schoße des Schauſpieles jelbit geltend, ala es zum Schluſſe fam.
Hier mar feit unbenffidjen Zeiten, wenn bei Aufzügen die That be8 Zell auf alte Weife vorgeführt wurde, der Scherz üblih gemejen, daß der Knabe während des Hin- unb jer. reden? ben Apfel vom Kopfe nahm und zum großen Syubel des Volkes gemütlich per|peijte. Dies Vergnügen mar aud) hier wieder eingefhmuggelt worden, und als GeBler ben ungen grimmig anfuhr, was das zu bedeuten hätte, ermiberte diefer fed: „Herr! Mein Vater ijt ein fo guter Schüb, baf er ſich ſchämen würde, auf einen jo großen Apfel zu [djieBen! Legt mir einen auf, der nicht größer ijt, al8 Euere Barm- berzigfeit unb der Vater wird ibn um [o beſſer treffen!“
As der Tell ſchoß, ſchien es ihm faft leid zu thun, baf er nicht feine Sugelbüdjfe zur Hand Hatte und nur einen blinden Theaterſchuß abfenden fonnte Doc zitterte er wirflih und unmillfürlih, indem er anlegte, fo febr mar er von der Ehre burdjbrungen, diefe gebeiligte Handlung darftellen zu Dürfen. Und al$ er bem Tyrannen den zweiten Pfeil brobenb unter die Augen bielt, während alles Volt in atemlojer Bellemmung zufah, da zitterte feine Hand wieder mit dem Pfeile, er durch⸗ bobrte ben Geßler mit ben Augen und feine Stimme erhob fid einen Augenblid lang mit fofdjer Gewalt ber Leidenfchaft, daß GeBler erblaBte und ein Gdjreden über den ganzen Markt
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fuhr. Dann verbreitete fid) ein frohes Gemurmel, tief tönend, man [djüttelte fid) die Hände und fagte, ber Wirt wäre ein ganzer Mann und fo [ange wir foldhe Bätten, thue e$ nicht not!
Doch wurde ber madere Dann einftweilen gefünglid) ab. geführt, und die Menge ftrömte aus bem Thore nad per. fhiedenen Seiten, um anderen Auftritten beizumohnen, oder fid fonft nad) Belieben umher zu treiben. Biele blieben aud) im Brie, um dem lange ber Geigen nadjgugeben, meldje ba und dort fid) hören ließen. |
Um die Mittagsftunde machte fidj aber alles bereit, auf bem Rütli einzutreffen, wo der Bund beſchworen wurde, mit Weglaſſung der Schillerſchen Stellen, die fih auf die Nacht bezogen. Eine fhöne Wiefe an dem breiten Yluß, von arm. fteigendem Gehölz wmidjojjen, mar dazu bejtimmt, wie der Fluß aud) überhaupt ben See erjeßen mußte und den Fildern und Sciffleuten zum Gdjauplag diente. Anna febte fid) zu ihrem Pater in ba8 Gefährt, idj ritt neben ber, unb fo be» gaben wir uns gemádjid) auf den Weg dahin, um als Zu- fhauer auszuruhen und ausruhend zu genießen. Auf bem Rütli ging e8 fehr ernjt und feierlich her; während das bunte Bolt auf den Abhängen unter den Bäumen umberjaß, tagten bie Eidgenoffen in der Tief. Man fab dort die eigentlichen wehrbaren Männer mit den großen Schwertern und Bärten, kräftige Zünglinge mit Morgenfternen und die drei Yührer in ber Mitte. Alles begab fid) auf das befte und mit vielem Bewußtfein, der Fluß wogte breit glänzend und zufrieden vorüber; nur tadelte der Schulmeifter, daß bie Jungen und bie Alten bei ber feierlihen Handlung kaum die Pfeifen aus dem Munde thäten, unb ber Pfarrer Röffelmann unaufhörlich ſchnupfte.
