Chapter 31
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und mir fagten, daß dort das Bolt in alten glüubigen Gr. innerungen verfammelt ſaß. In meiner Freiheit ehrte ih bann biefe Erinnerungen, wie diejenigen ber Kindheit, und eben ba- dur, daß id von ihnen gejchieden war, wurden mir bic Gloden, bie [o viele Jahrhunderte in dem alten [donen Lande Hangen, wehmütig ergreifend. Ich empfand, bab man nichts ,maden" Tann, und baf bie Vergänglichkeit, der ewige Wandel alles Irdiſchen ſchon genugíam für poetiſch fehnfüchtigen Reiz forgen.
Der Freiheitzfinn meines Vaters in religiöfer Hinfidt war vorzüglich gegen die Uebergriffe des Ulttamontanismus und gegen bie Unduldfamfeit und Verknöcherung reformierter Drthodoren gerichtet, gegen abſichtliche Verdummung und Heuchelei jeder Art, und das Wort Pfaff mar bei ibm baber öfter zu hören. Würdige Geiftlihe ehrte er aber unb freute fi) ihnen Grgebenbeit zu zeigen, und wenn e$ wo möglid ein erafatboli|djer, aber ehrenmwerter Priefter war, welchem er Ehr⸗ erbietung bemeifen konnte, [o madjte ihm bie8 um fo größeres Vergnügen, gerade weil er ji im Gdjope ber Zwingliſchen Sirdje febr geborgen füblte. Das Bild des humanen und freien Reformators, ber auf dem Schladitfelde gefallen, mar meinem Bater ein geliebter fidjerer Yührer unb Bürge IH aber jtand nun auf einem anderen Boden unb fühlte wohl, daß ich bei aller Verehrung für ben Steformator unb Helden bod) nidj Eines Glaubens mit meinem Vater fein würde, während id) feiner volllommenen Sulbjamfeit und Achtung für die Unabhängigfeit meiner llebergeugung gewiß mar. Diefes friedlide Ausscheiden in Glaubensjadjen zwiſchen Vater und Sohn, welches ich arglos vorausjeóte, feierte ih nun in bem Kichenftuhle, indem ih mir ben Bater nod) lebend vorftellte und ein geiltiges Ge[prüd) mit ihm führte; und als bie Ge meinbe fein ehemaliges Lieblings- unb Weihnadhtslied: „Dies
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iit ber Tag, ben Gott gemacht!“ anftimmte, fang ich es für meinen Bater laut und froh mit, obgleich ich Mühe hatte, den rihtigen Ton zu halten; denn rechts ftand ein alter Kupſer⸗ Ihmied, links ein gebrechlicher Zinngießer, welche mid) mit ben ſeltſamſten Arabesfen von ber rechten Bahn zu loden [udjten und bie8 um fo lauter unb fübner, je ftandhafter ich blieb. Dann börte idj aufmerfjam auf die Predigt, fritifierte fie und fand fie gar nicht übel; je näher das Ende rüdte unb mir bie $yreibeit winkte, deſto trefflicher fand id) die Predigt, unb ih nannte in meinem Herzen ben Pfarrer einen waderen Mann.
Meine Stimmung wurde immer heiterer; endlid) fand das Abendmahl ítatt; aufmerkſam verfolgte ih bie Surüjtungen und beobachtete alles jehr genau, um e8 nicht zu vergeflen; denn idj gedachte nicht mehr dabei zu erfcheinen. Das Brot bejtebt aus weißen Blättern von ber Größe unb Side einer Karte und Sieht feinem glänzendem Papiere ähnlich. Der Küfter badt es unb die Kinder faufen fidj bei ibm die Abfälle ala einen unjdulbigen Lederbifien, unb ich [elbjt Hatte mir mandmal eine Müte voll erworben und mid) gewundert, daß man eigenilid) bod) nichts daran äße. Zahlreiche Kirchendiener teilen es aus, ben Reihen entlang, worauf die Andächtigen eine Ede davon breden unb die Blätter weitergeben, während andere Beamtete den Wein in hölzernen Bechern nadjfolgen laſſen. Manche Leute, befonders die rauen und Mädchen, behalten gern ein Blättchen zurüd, um e$ andädtig in ihr Gejangbud) zu legen. Auf ein folches, das ih im Buche einer meiner Bafen gefunden, Hatte ich einft ein Oſterlämmchen ge: malt mit einem Amor, der darauf reitet, und bei der Ent. bedung ein ftrenges Verhör nebit Verweis zu beitehen gehabt; ala idj jegt mehrere folder Blätter in ber Hand bDielt, er» innerte ih mid) daran unb mußte Iddjen; aud) gelüjtele es
midj einen Augenblid lang, eines zurüdzubehalten, ‚um irgend Keller L
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ein Iuftiges Erinnerungszeihen an meinen Abſchied von ber
..Sirde darauf zu malen. ber ich befann mid, daß ih in dem väterlichen Stuhle jtanb, und gab das Brot weiter, nad) dem id) eine Ede davon in den Mund gejtedt, zum anbüdjtigen aber allerlegten Abſchiede von der SKinderzeit und ber Kinder⸗ jpeife, bie id) beim Küſter gefauft hatte.
Als idj den Becher in der Hand bielt, blidte ich fejt in ben Wein, ehe ih tranf; aber e$ rührte mid) nicht, ih nahm einen Schlud, gab die Schale weiter und indem id, mit ben Gedanken ſchon weit auf dem Wege nad) Haufe, den Bein hinabſchluckte, drehte id) ungeduldig mein Sammelbarett in ber Hand unb mochte faum das Ende des Gottesdienftes abwarten, ba e8 anfing, mich gewaltig an den Füßen zu frieren und das Stillftehen [d)mierig wurde.
Als die Kirhenthüren fid) aufthaten, drängte id) mid) ge fhmeidig durch bie vielen Leute, ohne bie Freude meiner Frei- heit fihtbar werden zu lafjen und ohne jemanden anzuftoßen, unb war bei aller Gelafjenheit bod) ber erjte, ber fih in einiger Entfernung von der Kirche befand. Dort erwartete ich meine Mutter, weldhe fid) enblid) in ihrem ſchwarzen Gemanbe bemütig aus ber Menge Berootfpann, unb ging mit ihr nad Haufe, gänzlich unbefümmert um meine geiftlichen lInterridjt8genoffen. Es war fein einziger darunter, mit meldem idj in näherer Berührung ftand, und viele berjelben find mir bis jeßt nod gar nicht wieder begegnet. In unferer warmen Stube ange fommen, warf id) vergnügt mein Gefangbud Bin, indeflen die Mutter nad) bem Eſſen fab, weldes fie am Morgen in ben Dfen gelegt batte. Es follte heute fo reihlih und feftlich fein, wie unfer Tiſch feit den Tagen des Vaters nie mehr gejehen, unb eine arme Witwe war dazu eingeladen, bie ber Mutter mandje Feine Dienfte leijtete und fidj jept pünktlich einfand. Am Weihnachtstage wird immer das erite Sauerkraut genoffen,
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unb fo wurde e8 aud) bier aufgeitellt unb mit ſchmackhaften Schweinsrippchen. Die Beurteilung besfelben gab ben Frauen einen guten Anfang zum Geſpräche. Die Witme mar von ebenfo gutmütiger als polternder Gemütsart; als hierauf eine Heine Paftete fam, ſchlug fie bie Hände über dem Kopfe au. fanmen und verficherte, fie ejfe gewiß nichts davon, e8 wäre Idade dafür. Den Schluß machte ein gebratener Hafe, den ber Dheim gefenbet hatte. Diefen, ermabnte bie Frau, follten wir unangelaftet Iafjen und auf den zweiten Feiertag verfparen, e$ jei nun ſchon mehr ala genug; trogbem afen wir alle und faBen lange bei Tiſch, aufs befte unterhalten von ber armen Frau, melde bie Tifchreden mit ber Erzählung ihres Schidfales burdjflodt und bie Schleufen ihres Herzens meit öffnete. Sie hatte vor langer Zeit einmal ein Jahr lang einen nichtsnußigen Mann gehabt, der in alle Welt gegangen mit Hinterlafjung eines Sohnes, welden fie mit großer Not fo weit gebradjt, daß er als Gefelle bei Dorffchneidern fid) Fümmerlich umber- treiben fonnte, während fie in ber Stadt ihr Brot mit Waffer- tragen, Waſchen und folden Dingen verdienen mußte. Schon die Beſchreibung ihres Mannes, des Qumpenhundes, wie [ie ihn nannte, madjte uns höchlich lachen, bod) nod) mehr das Berbältnis, in meldjem fie zu ihrem Sohne jtand. Während Re ihn als eine Frucht des Lumpenhundes mit der größten Beratung bezeichnete, war derfelbe bod) der einzige Gegen- itand ihrer Liebe unb ihrer Gorge, fo daß fie fortwährend von ibm [pradj Sie gab ihm alles, was fie irgend Tonnte, und gerade bie Kleinheit diefer Gaben, bie für fie fo viel waren, mußte uns rühren und zugleih zum Laden reizen, wenn fie bie „Dpfer”, meldje fie fortwährend bringe, mit gute mütiger Prahlerei aufzählte. Lebte Dftern, erzählte fie, babe er ein rot und gelbes Kattunfoulard von ihr erhalten, auf Pfingften ein paar Schuh’ unb zu Neujahr Hätte fie ihm ein 93%
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paar mollene Strümpfe unb eine Pelztappe bereit, bem mife- rablen Kerl, bem Knirps, dem Mildhfuppengeliht! Seit drei Sahren bätte er an zwei Louiddor nad) unb nad) von ihr empfangen, ber Säuberling, bie efenbe Srautjtorge. Aber für alles müſſe er ihr eine Beſcheinigung zuftellen, denn jo wahr fie lebe, müjje ibr Mann, ber Landitreicher, ihr jeden Liard er. fegen, wenn er fid) nur einmal (eben ließe. Die Befcheinigungen ihres Sohnes, des Stuhlbeines, feien febr ſchön, denn derſelbe könne bejjer fchreiben al8 der eidgenöffifche Staatsfanzler; aud) blaje er die Klarinette gleich einer Nachtigall, daß man meinen müfle, wenn man ihm aubore. Allein er [ei ein ganz mife rabler Burſche, benn nichts gebeibe bei ihm, und [o piel Sped und Kartoffeln er aud) verfhlinge, wenn er mit feinem Meiſter bei den Bauern auf Kundfchaft gehe, nichts helfe e8 und er bleibe mager, grün und bleid, mie eine Rübe. Gimmal babe er die Idee au$gebedt zu heiraten, da er nun bod) dreißig Sahr alt fei. Weil aber gerade ein paar Strümpfe für ihn fertig geworden, babe fie felbige unter den Arm genommen, audj eine Wurſt gefauft, unb fei auf das Dorf hinaus ge rannt, um ibm bie faubere dee auszutreiben. Bis er die Wurſt fertig gegeſſen, babe er aud) fid) endlich in fein Schidfal ergeben, und nachher habe er nod) auf das ſchönſte bie Klari⸗ nette geblafen. Er könne nähen wie ber Teufel, fo wie aud) fein Bater nidjt auf den Kopf gefallen fei, unb bie beiten Garnhäfpel zu madjen verjtehe weit und breit; allein e$ wäre einmal ein böfes Blut in dieſen verteufelten Burfchen unb daher müfje ber junge Säuberling im Zaume gehalten und mit dem Heiraten vorfihtig verfahren werden. Sie lobte das Eſſen unaufhörlih unb pries jeden Biffen mit ben überſchweng⸗ lihiten Worten, nur bedauernd, daß fie ihrem Galgenftrid nichts davon geben könne, obſchon er e8 nicht verdiene. Das zwiſchen bradte fie bie Ge[djidjte von drei ober vier Meifter-
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familien an, bei denen ihr Söhnchen gearbeitet, bie unfdjul» digen Sermür[nijje mit benjelben und Iuftige Vorfälle, welde ih im den Dörfern ereignet, wo 9Reijter und Gefelle geſchneidert hatten, fo daß bie Gdjidjale einer großen Menge unjer Mahl würzten, ohne daß diefe etwas davon abnte. Nach dem Eifen nahm bie Yrau, burdj ein paar Gläſer Wein [ujtig geworden, meine Ylöte und [udje darauf zu blafen, gab fie bann mir und bat mid, einen Tanz aufzujpielen. Als ich dies that, faßte fie ihre Sonntagsihürze, und tanzte einmal zierlid) burd) die Stube herum; wir famen aus dem Lachen nicht heraus und waren alle höchſt zufrieden. Sie fagte, feit ihrer Hochzeit babe fie nicht mehr getanzt; e8 jei bod) ber ſchönſte Tag ihres Lebens, menn ſchon ber Hodhzeiter ein Lumpenhund gemwefen; und am Ende müfle fie dankbar bekennen, daß der liebe Gott es immer gut mit ihr gemeint und für ihr Brot geforgt, aud) ihr nod) jederzeit eine fröhliche Stunde gegönnt habe; jo hätte fie nod) geitern nicht gebadjt, daß fie einen fo vergnügten Weihnachtstag erleben würde. Dadurch murben die beiden Grauen veranlaßt, ernfthaftere und zufriedene Betrachtungen anzuftellen, inbejjen ich Gelegenheit fand, einen 3Blid in das Leben einer Witwe zu werfen, melde aus ihrem Gobne einen Mann maden möchte und Diergu nichts thun fann, af8 bem. felben Strümpfe ftriden. Auch mußte ich gejteben, daß meine Lebensverhältniffe, melde mir off arm und verlajjen jchienen, mabrbafte8 Gold waren im Vergleich zu der bür[tigen Bers lajjenBeit und Getrenntbeit, in rmelder bie Witwe und ihr armer magerer Sohn lebten. Ä
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Dreigehntes Kapitel. Das Faſtnachtsſpiel.
Einige Wochen nad) Neujahr, als ich eben den Frühling herbei wünfchte, erhielt ih vom Dorfe aus die Kunde, daß mehrere Drtfchaften jener Gegend ſich verbunden hätten, Diefes Mal zufammen die Yaltnachtsbeluftigungen dur eine grop- artige bramati[dje Schauftellung au verherrliden. Die einftige katholiſche Faſchingsluſt hat fid) als allgemeine Yrüblingsfeier bei uns erhalten nnb feit einer Reihe von Syabren die derbe Bollamummerei nah und nad in vaterländifhe Aufführungen unter freiem Himmel verwandelt, an melden erjt nur bie Sugend, bann aber aud) fröhlide Männer teil nahmen; bald wurde eine Schweizerſchlacht dargeitellt, bald eine Handlung aus bem Leben berühmter Helden, und nad dem Maßſtabe der Bildung und des Wohlitandes einer Gegend wurden [olde Aufzüge mit mehr ober weniger Ernft und Aufwand porbe. reitet und ausgeführt. Einige Drijdjaften waren jdjon befannt durch diefelben, andere fuchten e8 zu werden. Mein Heimat- dorf mar nebjt ein paar anderen Dörfern von einem benad)- barten Marktflecken eingeladen worden zu einer großen Dar- ftellung bes Wilhelm Zell, und infolge bejjer mar ich wieder
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burdj meine Verwandten aufgefordert worden, hinaus zu fommen und an ben Vorbereitungen teil zu nehmen, ba man mir einige Erfahrung und Fertigkeit befonders al8 Maler zutraute, um fo mehr, als unfer Dorf in einer fat ausſchließlichen Bauern- gegend lag und in folden Dingen wenig Gemwandtheit beja. 3d mar vollitändig Herr meiner Zeit, aud). eine Unterbredjung zu foldem Smede zu febr im Geilte meines Waters, als daß die Mutter dagegen Bedenken erhoben hätte; alfo lie ich e8 mir nicht zweimal jagen und ging jede Woche für einige Tage hinaus, wobei mir [djon ba8 (tete Wandern zu Diefer Jahres» zeit, manchmal durch bie fchneebededten Telder und Wälder, die größte freude madjte. Ich (ab nun das Land aud) im Binter, bie Winterbefhäftigungen und Winterfreuden der Qand- leute und wie biejefben bem ermadjenben Yrühling entgegengehn.
Man legte ber Aufführung Schiller Zell zu Grunde, weldher in einer Volksſchulausgabe pielfadj vorhanden mar, darin nur bie Liebesepifode zwiſchen Bertha von Brunel und Urih von Rudenz fehlte Das Buch iit den Leuten fehr geläufig, denn es brüdt auf eine wunderbare 99eije ihre Ge. finnung und alles aus, mas fie burdjaus für wahr halten; wie denn felten ein Sterblider e8 übel aufnehmen wird, menn man ibn bidjterijd) ein wenig ober gar ſtark ibealifiert.
Weitaus ber größere Teil ber fpielenden Schar follte als Hirten, Bauern, Fiſcher, Jäger da8 Volk barjtellem unb in feiner Maſſe von Gdjauplag zu Gdjauplag ziehen, mo bie Handlung vor fi) ging, getragen burdj foldhe, meldje fid) zu einem fübnen Auftreten für berufen hielten. — Syn den Reihen des Volks nabmen aud) junge Mädchen teil, fid) höchſtens in den gemein[dja[tfidjen Gefängen äußernd, während die handelnden Srauenrollen Zünglingen udertragen waren. Der Schauplatz der eigentlihen Handlung war auf alle Ortſchaften verteilt, je nadj ihrer Gigentümlidjfeit, fo daß baburd) ein feitliches
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Sine unb Qermogen der fojtümierten Menge unb der Zufchauer- maſſen bedingt wurde.
Sch ermie8 mid) als braudbar bei den Vorbereitungen unb murde mit manden Geſchäften betraut, welche in ber Stadt zu beforgen waren. Id) jtöberte alle Magazine burdj, mo fid) etwa Flitter- und Maskenwerk vorfinden modte, und fudjte bas Zauglidjte vorzufchlagen, befonders da andere Be auftragte geneigt waren, zuerjt nad) dem Grellen und Auf fallenden zu greifen. Sa ih fam fogar mit den Beamten ber Republit in Berührung und fand Gelegenheit, mid als einen tapferen Vertreter meiner Landesgegend zu zeigen, ba mir die Auswahl und Uebernahme der alten Waffen übergeben murde, welche die Behörde unter der Bedingung treuer Sorgfalt bemilligte. Weil aber gerade diesmal mehrere ähnliche Feſte ftattfanden, fo mußten beinahe alle Vorräte geräumt werden, unb nur die wertvolliten Trophäen, an melde fid) bejtimmte Erinnerungen fnüpften, blieben zurüd. Ueberdies jtritten fid) die Abgeordneten der Gemeinden um die Waffen; alle wollten basfelbe Haben, obſchon e8 nit für alle fih [djidte; eine Anzahl großer Schlachtſchwerter unb Morgenfterne, melde ich für meine Eidgenofjen ausgejudht, wollte mir von einem Gegner durchaus abgerungen werden, ungeachtet id) ibm vorftellte, bag er für bie Zeit, aus welcher feine Leute eine Handlung dar= jtellen wollten, ganz anderer Gegenjtüánbe bedürfe. Ich berief mich enblidj auf den Zeugwart, welcher mir redit gab, und der anfehnlide ſtarke Wirt aus den Dörfern, weldyer Dinter mir ftand, um bie Gadjen wegzuführen, triumpbierte und bes lobte mid) freunblid. Allein die Gegner Sielten mid) nun für einen gefährlichen Burſchen, ber das Beſte vorwegnähme, unb gingen mir auf Schritt und Zritt nad) in bem alten Zeughaufe, gerade das auserjehend, was idj ins Auge faßte, fo daß id nur mit ber üuBeriten Beharrlichkeit nod) einen
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Bagen voll Gifenbüte unb Halmbarten für meine reifigen Zyrannentnedhte zur Geite bradjt. So fam ih mir febr wichtig vor, als idj mit ben Auffehern das Verzeichnis ber verabfolgten Gadjen fetitellte, obgleich ber Wirt der eigentliche Gewährsmann mar und dazfelbe unterfchrieb.
Dann Hatte idj wieder auf dem Lande vollauf zu thun und begab mid) mit einigen Paketen Yarbftoff und mächtigen Pinfeln hinaus, um ein neue Bauernhaus an der Straße noch völlig in Gtauffadjers Wohnung umzuwandeln mittelft bunter Sieraten und Sprüde; denn nit nur follte ba bie Unterredung zwiſchen Stauffadher und feinem Weibe ftattfinden, jondern der Zwingherr vorher felbjt heranreiten und feine böfe Harangue loslaſſen. j
Sm Haufe des Dheims war id ein eigentfidjes Faktotum und eifrig bejtrebt, bie Kleidung der Söhne fo Dijtori[d) als möglih zu maden und bie Töchter, meldje fid) febr modern aufpugen mollten, von foldem Beginnen abzuhalten. Mit Ausnahme der Braut wollten fidj alle ftinber des Dheims bes teiligen, unb fie fudjten aud) Anna zu überreden, welche über. dies von dem leitenden 9[usjdjulje dringend eingeladen mar. Mein fie wollte fid) durchaus nicht Dazu verftehen, id) glaube nit nur aus 3agbaftigfeit, fondern aud) ein wenig aus Stolz, bi8 ber Gdjulmeijter, für diefe Veredelung der alten roberen Spiele langher begeiltert, fie entfchieden aufforderte, aud) das Sbrige beizutragen. Nun war aber die große Frage, was fie vorftellen follte; ihre Yeinheit und Bildung follte dem Feſte zur Zierde gexeidjen, während bod) alle hervorragenden Frauen» rollen jungen Männern zu teil geworben. ch Hatte mir aber längft etwas für fie ausgedadht und überzeugte bald meine Bafen und den Schulmeilter von ber Trefflichleit meines Vor⸗ fhlages. Obgleich bie Rolle der Bertha von Brunel gänzlich) wegfiel, fo fonnte fie bod) als jtumme Perfon das ritterlihe
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Gefolge Geßlers perberrlidjen. Diefes mar jonjt vom Volks⸗ humor aiemlid) [djofel: und milb, unb bejonber8 ber Tyrann febr fragenbaft und lächerlich dargeftellt worden; dagegen hatte ih nun durchgeſetzt, daß der Aufzug des Landvogts redt glänzend und Berrijd fein müjfe, weil der Sieg über einen elenden Widerſacher nichts Abfonderlihes ſei. Ich felbft Hatte den Audenz übernommen; audj fein Verhältnis zum Atting⸗ haufen fiel weg und erjt am Schluffe hatte er zum Volle über- zugehen, jo daß mir viel Freiheit und Zeit zu mander Yus- bilfe und vor allem wenig zu [predjen blieb. Einer der Beitern madjte Rudolf den Harras und Anna konnte alfo fih im Schuße von zwei Verwandten befinden. Zufällig war bie Driginalaus- gabe von Schilfer gar nicht befannt im Haufe, und felbft der Schulmeiſter Ia8 diefen Dichter nicht, weil feine Bildung nad) anderen Seiten binjtrebte; alfo ahnte fein Menſch bie Bezie— hungen, meldje ih in meinen Plan legte, und Anna ging arglos in die ihr gejtellte Falle. Das Gd)merjte war, fie zum Reiten zu bringen; ein fugelrunber gemütlidjer Schimmel jtanb im Stalle meines Dheims, meldjer nie jemandem ein Haar gekrümmt batte und auf welchem der Oheim über Land zu reiten pflegte. Auf dem Boden befand fi) ein vergeilener Damenfattel aus der alten Zeit; biejer wurde mit rotem Plüſch neu bezogen, ben man einem ehrwürdigen Lehnſtuhle entnahm, und als Anna zum erjtenmal fid) darauf ſetzte, ging e$ ganz trefflich, beſonders ba ber teitfunbige Nachbar Müller einige Anleitung gab, und Anna fand aulegt großes Vergnügen an bem guten Schimmel. Eine mädtige hellgrüne Damajtgardine, meldje etnjt ein Himmel- beit umgeben batte, wurde zerichnitten und in ein Neitkleid umgewandelt; aud) beſaß ber Gdjulmeijter als ein altes Erb- jtüd eine Krone von filbernem Flechtwerke, wie fie ehemals bie Bräute getragen; Annas goldglänzendes Haar wurde nur zu» nüdjjt ber Schläfe zierlih geflochten, unterhalb aber im feiner
