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Gesammelte Werke

Chapter 30

Section 30

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er wollte, [o ftellte ber Mann e8 in Mbrede, unb er hatte eine ganz eigene tückiſche Manier, die Treuberzigkeit, mit meldet ibm etwas gejagt wurde, ins Läderlihe zu ziehen, auf bie gleidje Weife, wie er bie Treuherzigfeit derer, welche ihm glaubten, fpöttiih zu mahen wußte Cr aß feine Krume Brote, bie er fid) nicht burd) eine Lüge verſchafft; denn er wäre lieber Qunger8 gejtotben, eh’ er in ein auf gradem Wege erworbene Stüd Brot gebiffen hätte Aß er aber fein Brot, fo fagte er, e8 fei gut, wenn e8 ſchlecht war, und fchledht, menm e8 gut war. Ueberhaupt ging fein ganzes Streben dahin, ih immer für etwas anderes zu geben, al8 er war, was ibm ein fortgefegtes Stubium verurjadjte, fo daß er, der eigentlich nidjt8 that unb nie etwas genüßt hatte, bod) zu jeder Minute in der vermwideltiten Thätigfeit begriffen war. Hierzu bedurfte er eines fortgefeßten Schleihens unb Lauerns, teiló um die günjtigen Momente zu erhafchen, feine Narrheiten vorzubringen, teil3 um andere auf ſchwachen Seiten zu ertappen, ba eine Hauptleidenfhaft von ibm darin bejtanb, bie ganze Welt ber Unwahrbeit und Lüge zu überführen; und es war nichts Quftigeres zu fehen, al$ wenn er, foeben Hinter einer Thür, ro er gelauert hatte, auf den Zehen hervorhüpfend, ploglid) itrad und fteif da ftanb, mit rollenden Augen um fidj jtlerte und mit bombaftifhen Worten feine Geradheit, Ehrlichkeit unb arglofe Derbheit anríüfmie. Da er bei alledem wohl fühlte, daß jedermann beffer daran mar ala er, jo erfüllte ein ums nennbar neidiſches Wefen feine Seele, welches ihn verzehrte wie ein glühendes euer, unb fid) baburd) zu erkennen gab, daß fein drittes Wort immer ba8 Wort „Neid" mar. Er verfidherte, fif in einer ewig glüdfeligen moralifhen Ueber⸗ legenheit zu befinden, unb [ab daher in jedem Blatte, das nicht nad feiner Weiſe fäufelte, einen neidifhen Widerſacher, und die ganze Welt mar nur ein vor Reid zitternder Wald
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für ihn. Widerfprah ibm jemand, fo fdjrieb er jeden Wider ſpruch dem Steibe zu; [djmieg man während feiner Borträge, fo wurde er wütend unb fonnte faum das Weggeben des Schmweigenden abwarten, um benjelben be8 Neides zu be ſchuldigen, fo daß feine ganze Rede burd) das unaufhörlid wiederkehrende Wort Neid recht eigentlich zum tönenden Gejauge des Neides ſelbſt wurde. So war er in allem ber perfönlide Feind ber Wahrheit und atmete nur in Abweſenheit derfelben, wie bie Mäufe auf bem Tifche tanzen, wenn bie Kabe nicht zu Haufe ijt, und die Wahrheit rächte fidj auf bie einfachſte Weife an ibm. Sein Grundübel rar, daß er [don im Mutter: leibe hatte gefcheiter fein wollen al3 feine Mutter, und infolge deifen fonnte er nur leben, menn er nichts zu glauben braudjte, was irgend ein Menſch fagte, alle Menichen aber glaubten, was Gr jagte. Nun fonnte er fid) freilich Hellen, al8 ob bem fo wäre, unb er that e8 audj, was [djon eine enetgildje Zu: fammenfajjung ber einzelnen Berlogenheiten unb feine Haupts lüge war; allein der Beweis vom wahren Sachverhalte madte fi $od zu offenbar im Gelächter jeiner Nebenmenſchen. Daber fand er fury und gut feinen beiten Stützpunkt in der» jenigen Lehre, welde ben unbedingten Glauben aum Panier erhebt. Schon daß bie allgemeine 9tidjtung der Zeit fid) vom Glauben abmanbte und die Mehrzahl ber benfenben Menfchen, menn fie fidj aud) nicht dagegen aus[pradjen, bod) benjelben gut fein ließen und nur auf das Begreiflide unb Grfennbare bauten, war ibm Grund genug, fid) diefer Richtung fchnur: ſtracks entgegenzuftellen und babei zu behaupten, der Hang und Drang ber Zeit ginge unverfennbar auf ben erneuten Glauben los; denn er fonnte das Lügen nirgends laſſen. Diejenigen, welche wirflih glaubten, waren ibm höchſt [ang- weilig unb er befümmerte fid) nidj um fie, daher er aud nie in einer Kirche oder religiöjen Gemeinfhaft gefehen wurde
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Dagegen batte er es um fo mehr mit denen zu thun, melde nid glaubten. Nicht baB er fid um das Geelenbeil derfelben viel gefümmert hätte, obgleidj er bie Sade mil üngitlider Haft verfolgte; feine Angſt mar bie: Hatte er ein. mal gejagt, daß Er glaube, fo mußten für ihn alle, toeldje nicht glaubten, Efel fein, unb menn dies auf fein Wort Hin nicht angenommen mwurbe, fo glaubte er felbit ala etwas Der- artige3 dazuftehen. Sn der That fónnte man ben unfeligen Streit bie Ejelfrage nennen, da gewiß von taufend tyanatifern, meldje für ihre religiöfe Meinung im Blute mateten, neun Hundert neun und neunzig nur aus dem Grunde bem (yrieben verrieten und Scheiterhaufen anzündeten, weil ihnen aus bem Trotze ber Berfolgten das Wort Ejel entgegen zu tönen jd)ien. Nichts haßte der Mann mehr, als bie gewiſſenhafte reblidje Forſchung und bie Entdedungen ber Wiſſenſchaft; wenn irgend ein Ergebnis berjelben befannt wurde, [o zappelte er mit Händen und Füßen dagegen unb judjte e8 lächerlich zu machen, unb wenn e$ fid) als richtig erwies und feine bedeutenden Folgen auf allen Gaffen zu fehen unb zu greifen waren, fo tobte er erjt redj unb nannte es ins Angeſicht eine Lüge. Das Einmaleins und eine chemiſche Schale waren ibm iners tráglider, al8 dem Teufel Baterunfer und Weihkeſſel; aber auch bie Natur rüdjie fidj [ádjelnb an ihm. Denn während er die fünf Sinne nidjt gelten ließ, war er ſtets bemüht, die felben burd) einige erfundene Sinne zu vermehren, durch deren poffierlidje Ausmalung er die chriſtliche Wunderwelt erklären wollte. Wenn er Bieburdj vielfady gegen ben chriſtlichen Geift verjtieß unb man ihm dies durch das neue Teitament bewies, fo fagte er, er pfeife auf das neue Teſtament, er Babe feinen eigenen Kopf, im gleidjen Augenblide, wo er e8 das Bud) des Lebens genannt hatte. Trotz alledem glaubte er aujridjtig, denn nad) irgend einer Seite hin muß jeder Menſch fij et»
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geben, und er glaubte um fo aufridjtiger, als eineBteil8 ber Gegenjtanb des Glaubens wunermiejen, unbegreijfid) und über: irbijd) war, anbernteils ihn das innere Gefühl feines peru» glüdten Wibes Hilflos und meinerlid) madjte.
Eine Tages ging er mit einer Iuftigen Geſellſchaft über eine Yelfenhöhe am QGeeufer. Er war ur[prünglifj gut ge wachſen; bod) die andauernde Verdrehtheit feiner Seele hatte feinen Körper ganz windſchief gemadjt, daß er auzfah mie ein verbogener Wetterhahn. Sein jdjoner Wuchs war aber eim Lieblingsthema feiner Rede, und jeden Augenblick war er bereit, fid) auszufleiden und ihn zu zeigen, während er am allen Gterblidjen etwas auszufeßen Hatte, ungefragt biejem einen Höder anbidjlete, jenem frumme Beine Als er nun etwas veritimmt vor den übrigen Gefellen Berging, bie ihn ſchon verſchiedentlich aufgezogen Hatten, rief ploglid) einer, meldjer ihn zum eritenmal genauer ins Auge faßte: „Sie, Herr Wurmlinger! Sie find eigentlih verteufelt frumm!" Eritaunt febrte er fid) um und [agte: „Sie träumen wohl, ober fol das eim 99ig fein?" Der andere wandte fid) aber zur Gefellihaft und forderte fie auf, ihn ebenfallá näher zu betradjten; man bieß ihn einige Schritte vorwärts gehen; er ibat e8, und jedermann beftätigte nun: Sa, er [fei fhief! Aufgebracht ftellte er fid) fogleid) neben den Angreifer unb wollte ihm bemeifen, daß biejer felbft ber Mißgewachſene iei. Der war aber [djanf mie eine Tanne und bie Geſellſchaft fing an zu laden. Spradlos unb haſtig feibete er fid) aus unb ging fplitternadt vor den übrigen her; die redjte Schulter war vom unaufhörliden fpöttifhen Achſelzucken höher als bie linfe, die Ellbogen von feiner eitlen Geſpreiztheit nad aus. wärts gedreht unb die Hüften ver[djoben; dazu wurde er burd) das Beitreben, gerade zu fcheinen, nur nod) Trummer; er madjte in feiner Nacktheit die wunderlichſten Beine, als er fo dahin
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(dritt und fid) dann und mann ängftlih umſah, ob ihm nod) niht Beifall und Achtung ber Gefelfjdaft nachfolge. Als diefe aber im ein maßlofes Gelächter ausbrach, geriet er in großen Zorn und begann, um fid Achtung zu erzwingen, ungebeuetfide Sprünge und Kunftitüde zu machen, um bie Stärke feines Körpers zu zeigen. Das Gelächter wurde immer größer und bie Sadenben mußten fidj bie Seite halten. Wie nun der nadt umher Tanzende fah, baf bte Iadjenben Menſchen fif) zur Bequemlichkeit niederfegten, fprang er plóglid) in einem Anfall von unfägliher Wut und irgend etwas Wunderbares erzwingen rmollenb, mit einem mädtigen Sat über den Rand Binaus, Bod) hinunter in ben See. Glücklicher Weife fiel er in den Bereich eines weitläufigen Fiſchernetzes, daB bie in zwei Kähnen arbeitenden Fiſcher in eben biefem Augenblide zufammenzogen und den Mann bucdjtäblich ala einen zappeln- den Fiſch einheimften und retteten. Sclotternd mußte er in jeinem nadten Zuftande bann eine Strede am Ufer Bintraben, bis er in ein Haus flüdten und dort feine Kleider erwarten lonnte. Gleich darauf verfhwand er aus ber Gegend.
Die dritte Hauptlehre, weld der Geiltlihe un8 als chriſtlich vortrug, handelte von der Liebe. Hierüber weiß id) nidjt viel Worte zu machen; id) habe nod) Feine Liebe bethätigen lonnen und bod) fühle ich, daß fold in mir ijt, daß ich aber auf Befehl und theoretifh nicht lieben famn. Schon bie utt» mittelbare Rüdfiht auf ben lieben Gott ijt mir gemiflermaßen binderlih und unbequem, wenn fid) die natürliche Liebe in mir geltend madjen mill. Es ijt mir begegnet, daß id) einen armen Mann auf der Straße abmwies, weil id), während id) ibm eben etwas geben wollte, zugleid an das Wohlgefallen Gottes badjte und nicht aus Eigennug handeln mochte. Dann dauerte mid) aber ber Arme, ich lief gurüd; allein während des Zurüdlaufens bünlte mich gerade dieſes SBebauern wieder
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zu geziert, id) kehrte nochmals um, bis ich endlich auf den vernünftigen Gebanfen fam: Möge dem fein, wie ibm wolle, ber arme Menſch miüjje jedenfalls zu feiner Sache kommen, das [ei bie erjte Frage! Manchmal kommt diefer Gebanfe aber zu ſpät unb bie Gabe bleibt ungegeben. Daher freue id mid) immer, wenn e8 gefdieht, daß ich unbedacht meine Pflicht erfüllt babe unb e8 mir erjt nadjtráglid) einfällt, bag das etwas Verdienſtliches fein dürfte; id) pflege dann hödhit vergnügt ein Schnippchen gegen den Himmel zu [djlagen und zu rufen: Giebjt du alter Papa! nun bin ih dir bod) durd)- gewifht! Das höchſte Vergnügen erreihe id) aber, menn id) mir in folden Augenbliden benfe, mie id ibm mun [febr fomijd) vorfommen müjje; denn ba der liebe Gott alles per. iteht, fo muß er aud) Spaß veríteben, obgleid) man aud wieder mit Recht jagen kann, ber liebe Gott veritebe Teinen Spaß!
Das Heiterfte und Schönfte war mir bie Lehre vom Geijte, al$ mwelder ewig ijt und alles burd)bringt. Freilich fürdjte id, daß ich bie Lehre ein wenig mifperitanb unb nidi von bem rechten, geiſtlichen Geijte ergriffen mar. Denn Gott ſchien mir nicht geiftlih, fondern ein mweltlidder Geijt, weil er die Welt ijt und bie Welt in ihm; Gott ftrablt von Welt⸗ lichkeit.
Alles in allem genommen, glaube ich doch, daß ich unter Menſchen, welche in einem geiſtigen Chriſtentum lebten, zu be ſtehen vermöchte, unb menm id) dies Annas Vater, bem Schul⸗ meiſter einräumen mußte, forderte er, das Wunderbare unb die Glaubensfragen einjtweilen freifinnig beifeite fegend, mid; auf, ba8 Chrijtentum wenigſtens diefer geijtigen Bedeutung nad) anzuerkennen und darauf zu Hoffen, daß e8 in feiner wahren Reinheit erjt nod) ericheinen und feinen amen be baupten werde; etwas Beſſeres [ei einmal nicht ba, noch ab.
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au[eben. Hierauf erwiderte ih aber: ber Geiſt fonne wohl duch einen Menſchen leidlih ſchön geäußert, niemal8 aber erfunden merben, da er von jeher und unendlich jei; daher die Bezeichnung ber Wahrheit mit einem Menſchennamen einem Raub am unendlihen Gemeingute gleidjfomme, aus meldjem ber fortgefehte Raub des Autoritätsweſens aller Art ent[pringe. Sm einer Republif, fagte ih, fordere man das Größte und Beite von jedem Bürger, ohne ihm burd) den Untergang der Nepublif zu vergelten, indem man feinen Namen an bie Spibe pflanze und ihn zum Fürſten erbebe; ebenjo betradjte id) bie Welt ber Geijter als eine 9tepublif, bie nur Gott ala Protektor über fi) babe, bejjem SRajejtát in vollfommener Freiheit dag Gejeg Heilig Diete, das er gegeben, unb dieſe freiheit fei aud) unjere freiheit, und unfere bie feinige! Und wenn mir jede Abendwolke eine Sahne ber Unfterblichkeit, fo fei mir aud) jede Morgenwolke die goldene Yahne der Weltrepublik! „In welcher jeder Fähndrich werden Tann!“ fagte freundlid ladjenb ber Gdjulmeijter; id) aber behauptete: die moralijdje Wichtigkeit diefes Unabhängigkeitzfinnes [deine mir fehr groß und größer zu fein, al8 wir e8 uns vielleicht denken könnten.
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Bmwölftes Kapitel. Das Konſtrinations⸗feſt.
Der geiítfidje Unterriht ging nun zu Ende; wir mußten auf unfere Austattung denken, um würdig bei ber Feſtlichkeit zu erjdeinen. Es mar unabänderlidhe Sitte, daß bie jungen Leute auf diefe Tage den eriten Frack machen ließen, den Hemde- fragen in bie Höhe richteten und eine jteife Halsbinde barum banben, aud) bie erfte Hutröhre auf den Kopf fegten; zudem ſchnitt jeder, wer jugenblid) lange Haare getragen, biejelben nun furg und f[ein, gleich ben engli[djen Rundköpfen. Dies waren mir alles unjäglidde Greuel unb ih ſchwur, diefelben nun und nimmermehr nadjgumadjen. Die grüne $yarbe war mir einmal eigen geworden und id mün|dte nid eimmal meinen Uebernamen abzujhaffen, ber mir nod) immer gegeben wurde, menn man von mir [pradj Leicht mußte id) meine Mutter zu überreden, grünes Tuch zu wählen und ftatt eines Frackes einen kurzen Rod mit einigen Schnüren machen zu lajjen, dazu jtatt des gefürditeten Hutes ein Schwarzes Sammel» barett; da Hut unb Grad bod) felten getragen und wegen meined Wachstums alſo eine unnüße Ausgabe fein würden. Es leudjtete ihr um fo mehr ein, al8 bie armen Lehrlinge unb
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Tagelöhnerföhne aud) feinen Schwarzen Habit zu tragen pflegten, fondern in ihren gewöhnlichen Sonntagskleidern erjdjienen, unb ih ecfldrte, e8 fei mir vollfommen gleichgültig, ob man mid) zu den ehrbaren Bürgersfindern zähle oder nit. So breit ih fonnte, ſchlug id) ben Halskragen zurüd, firid) mein langes $aar fübn Hinter bie Ohren und erfchien fo, ba8 Barelt in der Hand, am Heiligen Abend in ber Stube des Geiftlichen, mo nod) eine vertraulidhe Vorbereitung ftattfinden [ollte. Als ih mid) unter bie feierliche fteif gepußte Jugend jtellte, wurde ih mit einiger Verwunderung betradjtet; denn ich ftand aller bing8 in meinem Aufzuge als ein vollendeter Proteitant ba; weil id) aber ohne Troß unb Unbefcheidenheit midj eher zu verbergen fuchte, fo verlor id) mich wieder und wurde nicht meer beachtet. Die Anſprache des Geiſtlichen gefiel mir fehr mob; ihr Hauptinhalt war, daß von nun an ein neues Leben für und beginne, daß alle bisherigen Vergehungen vergeben und vergeflen fein follten, Hingegen die künftigen mit einem frengeren Maße gemeffen würden. Ich fühlte wohl, daß ein folder Übergang notwendig unb die Zeit dazu gekommen fei; darum ſchloß id) mich mit meinen erniten Vorſätzen, meldje id) insbefondere faßte, gern und aufridjtig biefem öffentlichen Bor- gange an und mar aud) dem Manne gut, al8 er angelegentfid) und ermahnte, nie das Bertrauen zum Beljeren in uns felbjt zu verlieren. Aus feiner Behaufung zogen wir im bie ftirdje vor bie ganze Gemeinde, wo die eigentliche Feier vor ſich ging. Dort war der Geijtfidje plöglih ein ganz anderer; er trat gewaltig und hoch auf, Bolte feine SBerebjamteit aus der 9tüjte lammer der bejtehenden Kirche unb führte in tönenden Worten Himmel und Hölle an und vorüber. Seine Rede war funit voll gebaut unb mit fteigender Spannung auf Einen Moment bingerichtet, weldher die ganze Gemeinde erfhüttern follte, als mit, bie in einem weiten Sreife um ihn Berumitanben, ein lautes
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unb feierfidje8 Ja aus[predjen mußten. Ich hörte nicht auf den Sinn feiner Worte und flüfterte ein Sa mit, ohne bie Frage deutlich verftanden zu Haben; jebod) burdjfubr midj ein Schauer und id) zitterte einen Augenblid lang, ohne daß id) biejer Bervegung Herr werden fonnte. Sie war eine dunfle Miſchung von unmwillfürlider Hingabe an die allgemeine Rüh— rung unb von einem tiefen Schreden, welcher mich über bem Gedanken ergriff, daß id, [o jung nod) und unerfahren, bod) einer fo uralten Meinung und einer gewalligen Gemeinfchaft, von ber id) ein unbedeutendes Teildhen war, abgefallen gegen- überftand.
Am Weihnachtsmorgen mußten mir wieder im vereinten Zuge zur Kirche geben, um nun das Abendmahl zu nehmen. 3d war [don in ber Frühe guter Laune; mod) ein paar Stunden und id) follte frei fein von allem geiftigen Zwange, frei wie ber Vogel in der Luft! Syd) fühlte mid) daher mild unb verjöhnlih gefinnt und ging zur Kirche, mie man zum legten Mal in eine Gefellihaft geht, mit welcher man nichts gemein bat, daher ber Abſchied aufgeräumt und höflich ijt. In der Kirche angefommen, durften wir uns unter die älteren Leute milden und jeder feinen Bla nehmen, mo ibm beliebte. Qd) nahm zum erfíten unb legten Mal ben Männerftuhl in Beidjlag, meldjer zu unferem Haufe gehörte und deffen Rummer mir die Mutter in ihrem häuslichen Sinne [orglid) eingeprägt batte.
Gr mar feit dem Tode des Vaters, alfo viele Jahre, leer geblieben, ober vielmehr Datte fih ein armes Männdhen, bas fid Feines Grundbeſitzes erfreute darin angejiedelt. — Als er heran fam und mid in dem Gehäufe vorfand, erjuchte er mid mit firdjfidjer Freundlichkeit, „feinen Jt" räumen zu wollen, und fügte belebrenb hinzu, in diefem Reviere jeien alles eigengehörige Plätze. ch bätte als ein grüner Junge
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figlid) bem bejahrten Männchen Platz maden und mir eine andere Stelle ſuchen fónnen; allein biejer Geift des Eigentums und des Wegdrängend mitten im Herzen dhriftlicher Kirche teigte meine kritiſche Laune; aud) mollte ich den frommen $udgünger für feine gemütlide Anmaßung bejtrafen, und endlich that id) bieje8 nur im bem Bewußtſein, daß der Abge⸗ miejene alfobald wieder unb für immer feinen gewohnten Platz einnehmen könne, unb biejer Gebanfe madjte mir das größte Vergnügen. MS ich ibm meinerjeit8 aud) belehrt unb ihn ganz verblüfft und traurig eine entfernte Stelle unter den unftät herumwandernden Befiglofen auffuden fab, nahm id) mir vor, ibm am anderen Tage angubeuten, daß er fid) immerhin meines Ctuble8 bedienen folle, indem ich denfelben nicht brauche. Gin Mal aber wollte id) darin figen und jtehen, wie e8 mein Vater gethan. Derfelbe befuchte an allen Yeittagen bie Kirche, denn alle hoben Feſte erfüllten ibn mit heiterer Freude unb tapferem Mute, indem er den großen und guten Geijt, welchen er in aller Welt und Natur jid) erfüllen fab, alsdann befon- ber8 fühlte und verehrte. Weihnachten, Dftern, Himmelfahrt unb Pfingſten waren ibm die Berrlidjiten tyreubentage, an meldjen e8 mit Betrachtungen, Kirchenbeſuch und froben Spazier- gängen auf grüne Berge Dod) Ber ging. Diele Vorliebe für Feſttage Hatte fid auf mich vererbt, und menn id an einem Pingitmorgen auf einem Berge jtehe in ber kryſtallklaren Luft, jo ift mir das Glodengeläute in ber fernen Tiefe bie aller. ſchönſte Muſik, und ich babe fdjon oft darüber fpintifiert, durch melden Gebrauch bei einer allfälligen Abſchaffung des Kirchen⸗ tume3 das ſchöne Geläute wohl erhalten werden dürfte. Es wollte mir jedoch nichts einfallen, was nicht tboridjt unb ges madt ansgefehen hätte, unb idj fand aulegt immer, bab ber fehnfüchtige Reiz ber Glodentöne gerade in bem jebigen 3u- ftande bejtebe, wo fie fern aus der blauen Tiefe herüberflangen