Chapter 3
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Wenn ich bebenfe, wie heiß treue Eltern aud) an ihren ungerateniten Sindern bangen und diefelben nie aus ihrem Herzen verbannen können, fo finde idj e8 höchſt unnatürlich, wenn fogenannte brave Leute ihre Erzeuger verlaſſen und preiögeben, weil biejelben jdjledjt find unb in der Schande leben, unb ih preije die Liebe eines Kindes, welches einen zerlumpten und verachteten Vater nicht verläßt und verleugnet, | unb begreife ba8 unendliche, aber erbabene Weh einer Tochter, - welche ihrer verbrecherifhen Mutter nodj auf bem Schaffotte beijtebt. Ich weiß daher nidjt, ob e$ arijtofratij genannt werden Tann, wenn idj mid) doppelt glüdlih fühle, von ehr | lihen und geachteten Eltern abzuftammen, und mem id vor Freude errötete, als idj, berangemadjjen, zum erktenmale meine bürgerlihen Rechte ausübte in bemegter Seit und in Berfamm- lungen mancher bejahrte Mann zu mir berantrat, mir bie Sand [djüttelte und fagte, er fei ein Freund meines Baters gemejen und er freue fid, mid) audj auf bem Plate erjcheinen zu ſehen; al8 dann nod mehrere famen und jeder den „Mann“ gekannt haben und Hoffen wollte, ich werde ihm würdig nachfolgen. Sch kann mich nicht enthalten, jo jehr id bie Thorheit einjehe, oft Luftichlöffer zu bauen unb zu bered)nen, wie e8 mit mir gelommen wäre, wenn mein Bater gelebt hätte unb wie mir die Welt in ihrer Kraftfülle von frübejter Jugend an zugänglich gemejen wäre; jeden Tag hätte mich ber trefflide Mamı weiter geführt und würde feine zweite Jugend im mir perlebt haben. Wie mir das Zufam- menleben zwiſchen Brüdern eben jo fremd als beneidenswert ijt und ih nicht begreife, mie [olde meiſtens auseinander weihen und ihre Freundſchaft außerwärts fuchen, [o erfcheint mir aud, ungeachtet id) e8 tüglidj ſehe, das Verhältnis zwiſchen einem Vater und einem ermadjfenem Sohn um fo neuer, unbegreifliher und glüdfeliger, al8 idj Mühe babe,
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mir ba$[elbe auszumalen und das nie Grlebte zu vergegen⸗ wärtigen.
So aber muß ich mid, darauf beſchränken, je mehr id) zum Manne werde und meinem Gdjidjale entgegenfchreite, mid) zufammenzufaflen und in ber Ziefe meiner Seele till zu be denken: Wie würde Gr nun an deiner Stelle handeln oder was würde Er von deinem Thun urteilen, wenn er lebte. Er ift vor ber Wittagshöhe feines Lebens zurüdgetreten in bas unerforihlide AU und Hat die überfommene goldene Lebenz- Ihnur, deren Anfang niemand kennt, in meinen [djmadjen Händen zurüd gelaffen und e8 bleibt mir nur übrig, fie mit Ehren an die dunkle Sufunft zu Tnüpfen oder vielleicht für immer zu zerreißen, wenn aud ich fterben werde. — Nach vielen Jahren Bat meine Mutter, nad) langen Zmwifchenräumen, wiederholt geträumt,. ber Vater jei plößlich von einer langen Reife aus weiter Gerne, Giüd und Freude bringend, zurüd» gelehrt, und fie erzählte es jedesmal am Morgen, um darauf in tiefes adjbenfen und in Erinnerungen zu verlinten, wäh- rend idj, von einem heiligen Schauer burdjmebt, mir porgue Wellen fuchte, mit meldjen Blicken mid) der teure Mann ans feben unb wie e8 unmittelbar werden würde, wenn er wirklich eine Tages |o erjdjiene.
«e dunkler bie Ahnung ijt, melde id) von jeiner äußern Erfeinung in mir trage, bejto Heller unb flarer hat fij ein Bild feines innern Weſens vor mir aufgebaut und dies edle Bild ijt für mid) ein Teil des großen Unendlichen geworden, auf welches midj meine lebten Gebanfen zurüdführen und unter befjen Obhut ich zu wandeln glaube.
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, Drittes Bepitel.
Kindheit. Grſte Theologie. Sıhulkänklein.
Die erite Zeit nad) bem Tode meines Bater8 mar für feine Wittwe eine fehwere Zeit der Trauer und Gorge. Seine ganze Berlaffenihaft befand fid) im Zuftande des vollen lim ſchwunges und erforderte weitläufige Verhandlungen, um fie in3 reine zu bringen. Gingegangene Berträge waren mitten in ihrer Erfüllung abgebrodjen, Unternehmungen gehemmt, große laufende Rechnungen zu bezahlen und [olde einzuziehen an allen Eden und Enden; Borräte von Bauftoffen mußten mit Verluſt verfauft werden, und e8 war zweifelhaft, ob bei ber augenblidTidjen Lage der Verhältniſſe aud) nur ein Pfennig übrig bleiben würde, wovon bie befümmerte Yrau leben ſollte Geridtemánner famen, legten Siegel an und löften fie wieder; bie Freunde des Berftorbenen und zahlreihe Geſchäftsleute gingen ab unb zu, halfen unb orbneten; e$ wurde durchge fehen, gerechnet, abgefondert, geiteigert. Käufer unb Neue Un—⸗ ternehmer meldeten fi, ſuchten bie Summen herunterzudrücken oder mehr in Beſchlag zu nehmen als ihnen gebübrte, es mar ein Geräuſch unb eine Spannung, daß meine Mutter, welche immer mit wachſamen Augen dabei jtand, zulegt nit mehr
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mußte, wie fie ſich belfen [olite. Allmählich Härte fid) bie Berwirrung auf, ein Geſchäft um bas andere war abgetban, alle Berbindlichkeiten gelöft und die Forderungen geftdjert, und e8 zeigte fid) nun, daB bas Haus, in weldem mir zuleßt wohnten, als einziges Vermögen übrig blieb. Es mar ein altes hohes Gebäude, mit vielen Räumen unb von unten bis oben bewohnt, mie ein Bienenkorb. Der Bater hatte e8 ge- fauft in der Abfiht, ein neues an beljen Stelle zu fegen; ba ed aber von altertümliher Bauart war unb an Thüren und Fenſtern werwolle lleberbleibjel künſtlicher Arbeit trug, fo Lounte er fid ſchwer ent|djliepen, e8 einzureißen und bewohnte e3 indeflen nebjt einer Anzahl von Mietsleuten. Auf biejem Haufe blieben zwar noch einige fremde Kapitalien haften, je bod) Hatte e8 ber rührige Mann in der Schnelligkeit fo gut eingerihtet unb vermietet, dab ein jährlicher Ueberfhuß am Mieigeldern den Hinterlaffenen ein beicheibenes Auskommen ficherte.
Das erſte, was meine Mutter begann, war eine gänzliche Einſchränkung und Abſchaffung alles Leberflüffigen, wozu voraus jede Art von dienftbaren Händen gehörte. In der Stille biejes Wittwentumes fand ih mein erites beulfidjes Bewußtſein, welches feinen Inhaber zur Uebung treppauf und ab im Innern des Haufes umberfübrte. Die untern Stockwerke find dunkel, fowohl in ben Gemächern wegen bet Enge ber Gaflen, als auf den Treppenräumen unb (yluren, weil alle Fenſter für bie Zimmer benußt wurden. Ginige Vertiefungen und Geitengünge gaben bem Raume ein büfteres und verworrenes Anjehen und blieben nodj au entbedenbe Geheimniſſe für mid; je höher man aber fteigt, befto freundlicher und heller wird e8, indem ber oberfte Gtod, ben wir bewohnten, bie Nachbarhänſer über- ragt. Ein hohes enter wirft reichliches Licht auf bie mannig- faltig gebrodjenen Treppen unb wunderlichen Holggalerien des
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Iuftigen Eſtrichs, melde einen bellern Gegenfa au den fühlen Finſterniſſen der Tiefe bildet. Die Fenſter unferer Wohnftube gingen auf eine Menge Feiner Höfe hinaus, wie fie oft von einem Häuferviertel umjdjlofjen werden, und ein verborgenes behagliches Gefumme enthalten, welches man auf der Straße nicht ahnt. Den Tag über betrachtete ich jtunbenlang das innere häugliche Qeben in diefen Höfen; die grünen Gürtdjen in denfelben ſchienen mir kleine Paradiefe zu fein, wenn bie Nachmittagsſonne fie beleuchtete und die weiße Wäſche darin fanft flatterte, und munderfremd und bod) befannt famen mir die Leute vor, welche ich fern gejehen Hatte, wenn fte ploglid einmal in unfrer Stube jtanden und mit der Mutter plauderten. Unjer eigenes Höfchen enthielt zwiſchen hohen Mauern ein ganz fleineg Gtüddjen Stajen mit zwei Bogelbeerbäumden; ein nimmermüdes Brünnden ergoß fid) in ein ganz grün gemor: bene8 Sandfteinbeden, und ber enge Winkel ijt fühl und fait fhauerli, ausgenommen im Sommer, wo die Sonne táglidj einige Stunden lang darin ruht. Alsdann ſchimmert das ver borgene Grün burd) den dunkeln Hausflur fo fofett auf die Gajje, menn die Hausthür aufgeht, bab den Borübergehenben immer eine Art Gartenbeimmeb befüllt. Im Herbite werden bieje Sonnenblide lürger und milder, und menm dann bie Blätter an den zwei Bäumchen gelb und die Beeren brennend rot werden, bie alten Mauern [o wehmütig vergoldet find und das Wäſſerchen einigen Silberglanz dazu giebt, [o Bat biefer Heine abgeidjiebene Raum einen jo wunderbar melandholifchen Reiz, daß er dem Gemüte ein Genüge thut wie die meitelte Sanb[djajt. Gegen Sonnenuntergang jebod) jtieg meine Auf: merkſamkeit an den Häufern im die Höhe und immer höher, je mehr fi die Welt von Dächern, bie id) von unferm Yeniter aus überjab, rötete und vom ſchönſten Yarbenglanze belcbt murbe. Hinter biejen Dächern mar für einmal meine Welt
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zu Ende; denn ben duftigen Kranz von Schneegebirgen, welcher hinter ben legten Sjadjfirjten Halb fidjtbar ift, hielt ich, ba ich ibn nicht mit ber feiten Erde verbunden fah, lange Zeit für eins mit ben Wollen. Als ich fpäter zum erjtenmale rittlings auf bem oberjten Grate unferes hohen, ungeheuerlihen Daches ſaß und Die ganze ausgebreitete Pracht des Sees überjab, aus meldjem bie Berge in feiten Geitalten, mit grünen Yüßen auf- itiegen, ba fannte ih freilih ihre Natur ſchon von ausge dehnteren Streifzügen im freien; für jet aber fonnte mir bie Mutter lange jagen, das feien große Berge und mächtige Zeugen von Gottes Allmacht, id vermochte fie darum nicht beer von den Wolken gu unterfcheiden, deren Ziehen und Wechſeln mid am Abend fait ausfchließlih befchäftigte, deren. Name aber ebenfo ein leerer Schall für mid) mar, mie das Bort Berg. Da die fernen Schneefuppen bald verhüllt, bald beller oder bunfler, weiß ober rot fidjtbar waren, fo bielt id) fie wohl für etwas Lebendiges, Wunderbares und Mächtiges, mie bie Wolken, unb pflegte aud) andere Dinge mit bem Namen Wolke oder Berg zu belegen, wenn fie mir Achtung und Reu- gierde einfíobten. So nannte i, id höre das Wort nod) ſchwach in meinen Ohren flinget und man hat es mir nachher oft erzählt, bie erjte weiblihe Gejtalt, welche mir mohlgefiel unb ein Mädchen aus der Nachbarſchaft war, die weiße Wolke, von dem erjten Ginbrude, den fie in einem meißen Kleide auf mid gemadjt hatte. Mit mehr Richtigkeit nannte td) vorzugs⸗ weile ein langes hohes Kirchendach, das mächtig über alle Giebel emporragte, ben Berg. Seine gegen Weiten gelehrte große Fläche mar für meine Augen ein unermeßliches Feld, auf meldjem fie mit immer neuer Luft rubten, wenn bie lebten Etrablen ber Sonne e8 befdjienen, unb diefe [djiefe, rotglühende Ebene über der dunfeln Stadt mar für mid) redjt eigentlich
das, was bie Phantaſie fonjt unter feeligen Auen ober Gefilden Keller L 3
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verfteht. Auf diefem Dade jtand ein ſchlankes, nabelipiges Türmden, in meldjem eine Heine Glode hing und auf deſſen Spite fid) ein glänzender goldener Hahn drehte Wenn in der Dämmerung das Gloddjen lüutete, jo fprad) meine Mutier von Gott unb lehrte mich beten; id) fragte: Was ijt Gott‘ ilt e. ein Mann? und fie antwortete: Nein, Gott ijt ein Geift! Das Kirhendah verjanf nah und nad in grauen Schatten, bas Licht flomm an dem Türmdhen Dinauf, bis e8 zulegt nur nodj auf dem goldenen Wetterhahne funfelte, und eines Abends fand id) mid) ploglid) des beitimmten Glaubens, daß diefer Hahn Gott fei. Er fpielte aud) eine unbeitimmte Rolle ber Anweſenheit in ben Heinen Stindergebeten, welche id) mit vielem Vergnügen berzufagen mußte. Als ich aber einſt ein Bilderbuch bekam, in bem ein prächtig gefärbter Tiger anſehnlich bafigenb abge- bildet war, ging meine Vorſtellung von Gott allmählih aui biejen über, ohne daß id) jebodj, fo wenig mie vom Hahne, je eine Meinung darüber äußerte. Es waren ganz innerliche Anfhauungen, und nur wenn ber Name Gottes genannt wurde, fo ſchwebte mir erjt der glänzende Vogel und nachher ber ſchöne Tiger por. Allmählich mijdje fid) zwar nicht ein fíareres Bild, aber ein eblerer Begriff in meine Gebanfen. Ich betete mein Unfervater, deſſen Einteilung unb Abrundung mir das Einprägen leidjt und das Wiederholen zu einer angenehmen Uebung gemadjt hatte, mit großer Meifterfchaft unb vielen Varia: tionen, indem ich diefen ober jenen Teil doppelt und dreifad ausfprad) oder nad) raſchem und leifem Herfagen eine8 Sabes den folgenden langíam und laut betonte und dann: rückwärts betete und mit den Anfangsmorten Vater unfer ſchloß. Aus diefem Gebete hatte fid) eine Ahnung in mir niedergefhhlagen, bas Gott ein Velen fein müjje, mit welchem fidj allenfalls ein vernünftiges Wort ſprechen liebe, eher, als mit jenen Zierge italten.
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So lebte id) in einem unjdjulbig pergnüglidjen Berhäft- niffe mit bem höchſten Wefen, ich fannte feine Bedürfniffe unb feine Dankbarkeit, fein Recht und Fein Unrecht, und ließ Gott berglid) einen guten Mann fein, wenn meine Aufmerkfamkeit von ibm abgezogen wurde.
Ich fand aber bald Beranlaffung, in ein bemußteres Ber- hältnis zu ihm zu treten unb zum erjtemmal meine menſch⸗ lichen Anſprüche zu ihm zu erheben, als ich, fedj8 Sabre alt, mid eines fchönen Morgens in einen melandjolifdjen Saal verjegt (aD, in meldjem etwa fünfzig bis jechzig Meine Knaben und Mädchen unterrichtet wurden. In einem Halbkreife mit tieben andern Kindern um eine Tafel herum ftehend, auf welcher große Buchſtaben prangten, laujdjte id) febr itill und gefpannt auf bie Dinge, die da fommen follten. Da wir fämtlid) Reulinge waren, fo wollte ber Oberſchulmeiſter, ein ältlider Mann mit einem großen groben Kopfe, die erjte Leitung felbit für eine Stunde bejorgen und forderte uns auf, abwechſelnd die fonderbaren Figuren zu benennen. Ich Hatte jdjon [eit geraumer Zeit einmal das Wort Bumpernidel gehört, und es gefiel mir ungemein, nur wußte ich durchaus feine leibliche Form dafür zu finden und niemand fonnte mir eine Austunft geben, weil die Sade, meld diefen Namen führt, einige hundert Stunden weit zu Haufe war. Nun’follte id) plötzlich das große P. benennen, welches mir in feinem ganzen Wejen äußerft wunderlih und bumoriftifh vorfam, unb es ward in meiner Seele flat und idj fpradj mit Cnt[djiebenDeit: Dieſes ijt ber PBumpernidel! Ich hegte feinen Zweifel, weder an ber Welt, nodj an mir, nod) am Pumpernidel, und war froh in meinem Herzen, aber je ernítBafter und felbftzufriedener mein Geſicht in biefem Augenblide mar, defto mehr. hielt mid ber Schulmeifter für einen: burdjtriebenen und freden Schalt, befjen Bosheit fofort gebrochen werben müßte, unb er fiel über mid)
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ber unb ſchüttelte midj eine SRinute lang fo wild am ben Haaren, daß mir Hören unb Geben verging. Dieſer Ueber: fall Jam mir feiner yremdbeit und Neuheit wegen wie ein böfer Traum vor unb id) madjte augenblidlih nichts daraus, als baB ich, ftumm und thränenlos, aber voll innerer Seflemmung den Mann anjah. Die Kinder haben mid) von jeher geärgert, mweldhe, wenn fie gefehlt haben oder fonjt in Konflili geraten, bei der leijejten Berührung ober [don bei deren Annäherung in ein ab(djeufidjes Zetergeſchrei ausbredjem, bas einem bit Obren zerreißt; und wenn joldje Kinder gerade diejes Geſchreies wegen oft doppelte Schläge befommen, fo litt id am entgegen- . gefegten Grirem und verfchlimmerte meine Händel ftet8 dadurch, daß ih nicht imftande mar, eine einzige Thräne zu vergießen vor meinen Richtern. Als daher ber Schulmeilter jab, bab id nur erítaunt nad) meinem SKopfe langte, ohne zu meinen, fiel er noch einmal über mich ber, um mir ben vermeintlichen dro und die Veritodiheit gründlich ausautreiben. Ich litt nun wirklich; anftatt aber in ein Geheul auszubrechen, rief id flehentlih in meiner Angit: Sondern erlöfe uns von bem Böfen! unb Hatte dabei Gott vor Augen, von bem man mir fo oft gefagt hatte, dak er dem Bedrängten ein hilfreicher Bater fi. Für ben guten Lehrer aber mar dies zu ſtark; ber Fall war nun zum außerordentlihen Greignijje gebieDen, und er lies mid) baber ſtraks los, mit aufrichtiger Belümmernis darüber nadjbenfenb, melde Behandlungsart bier angemejjen fi. Wir wurden für den PBormittag entlaffen, der Mann führte mid) fefbjt nah Haufe. Exit dort brad ich heimlich in Thränen aus, indem ich abgemanbt am Yeniter ſtand und bie ausgeriffenen Haare aus der Stirn wiſchte, während id anbörte, mie der Mann, ber mir im Heiligtum unferer Stube Doppelt fremd und feindlich er[djieu, eine ernfthafte Unterredung mit ber Mutter führte und verfihern wollte, daß ih yon
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dur irgend ein böfes Element verdorben fein müßte Sie mar nicht minder erflaunt, als wir beiden andern, indem id, wie fie fagte, ein burdjaus jtilles Kind wäre, welches bisher nodj mie aus ihren Augen gelommen [ei und Teine groben Unarten gezeigt bütte. Allerlei feltfame Einfälle hätte id) allerdings bisweilen; aber fie [djienen nicht aus einem fchlimmen Gemüte zu fommen, und ich müßte mid) wohl erit ein menig an die Schule und ihre Bedeutung gewöhnen. Der Lehrer gab fid) zufrieden, bod) mit SopffdjütteIn, unb mar innerlid überzeugt, wie fidj aus wiederholten Yällen ergab, dab ich ge fährlihe Anlagen zeige. Er fagte audj [efr bedeutfam beim Abſchiede, da ſtille Waſſer gewöhnlich tief wären. Dieles Bort babe id) feither in meinem Leben öfters hören müffen und e$ bat mid) immer gefrünft, weil e8 feinen größeren Plauderer giebt, als mich, wenn id) zutraulih bim. Ich babe aber bemerkt, daß viele Menfhen, welche immer das große Bort führen, aus denen nie Flug werben, welche ihretwegen nie zu Worte fommen; fie faffen dann ein ungünjtiges Bor- urteil, fobalb fie mit Schwatzen fertig find unb e$ jtill ge worden ijt. Sprechen jene aber einmal unerwarteter Weife, io kommt e8 ihnen nod) verdädtiger vor. Im Umgange mit ſtillen Kindern aber kann e8 ein wahres Unglüd werden, went die großen Schwätzer fid nicht anders zu Helfen willen, als mit dem Giemeinplage: Stille Waſſer find tief!
Am Rahmittage wurde ich wieder in die Schule geldjidt und id trat mit großem Mißtrauen in bie gefährlichen Hallen, welche bie Verwirklichung feltfamer und beängjtigender Träume zu fein fchienen. Ich befam aber den böſen Schulmann nidjt zu Gefidjt; er Bielt fi) in einem Verſchlage auf, meldjer eine Art Geheimzimmer vorftellie und ihm aur Einnahme von feinen Kollationen diente. An ber Thüre diefes Verſchlages befand fid) ein rundes Fenſterchen, durch welches ber Tyrann
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öfters ben Kopf au iteden pflegte, "enu draußen ein Geráu[d eRijtanb. Die Glasſcheibe dieſes Fenſterchens fehlte feit ge raumer Zeit, fo daß er burdj ben leeren Rahmen fein Haupt weit in bie Sdjuljtube hineinstreden konnte zur fattfamen Um- fit. An biejem verhängnisvollen Tage nun hatte der Haus- meijter gerade während der Mittagszeit die fehlende Scheibe erfegen laſſen und ich fchielte eben ängſtlich nad) derjelben, als fie mit hellem Klirren zeriprang und ber umfangreihe Kopf meine Widerſachers hindurch fuhr. Die erjte Bewegung in mir war ein Aufjauchzen der berzlidjiten Freude, und erit, als ich fab, daß er übel zugerichtet war und *b[utete, da wurde id) betreten unb e$ ward zum drittenmale flar in meiner Seele unb id) veritand die Worte: Und vergieb ung unfere Schulden, wie aud wir vergeben unjerm Gdjulbigern! Go Hatte id) an diefem eriten Tage ſchon viel gelernt; amar nift, was der Bumpernidel fei, wohl aber, daß man in ber Not einen Gott anrufen müffe, daß derfelbe geredjt jei und uns zu gleicher Seit lehre, feinen Haß und feine Nahe in uns zu tragen. Aus dem Gebote, feinen Beleidigern zu vergeben, entiteht, wenn e8 befolgt wird, von felbjt bie Kraft, aud) feine Feinde zu lieben; denn für die Mühe, melde ung jene lleberminbung lojtet, fordern wir einen Lohn, und diefer Tiegt zunädft unb am natürlihiten in bem Wohlwollen, welches wir dem Feinde ſchenken, ba er und einmal nidt gleichgültig bleiben Tann. Wohlwollen und Liebe können nicht gehegt werden, ohne ben Träger felbjt zu veredeln, und fie thun bieje8 am glüngenbjten, wenn fie bem gelten, mag man einen Feind oder Widerjacher nennt. Dieſe eigentümlidjite Hauptlehre des Gbrijtentums fand eine große Gmpfünglidjfeit in mir vor, da id), leicht verlekt und aufgebracht, immer ebenfo fchnell bereit war, zu vergeljen und zu vergeben, unb e8 hat mid) fpäter, als mein Sinn fid) ber Offenbarungslehre zu verſchließen anfıng, lebhaft beihäftigt,
