Chapter 29
Section 29
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Augen unb bie rofenroten Wangen, ber kirſchrothe Mund, alles ent[prad) bem phantafiereihen Sinne ber Leute, melde ihre Augen an den mannigfaltigen Gegenjtänden vergnügten. Das Gefidjt mar faft gar nicht modelliert und ganz licht, und dies gefiel ihnen nur um fo mehr, obgleid) bieler vermeint- lie Vorzug in meinem Richtlönnen feinen einzigen Grund hatte.
Ich mußte bas Werk eigenhändig tragen, al8 wir fort» gingen, und wenn die Sonne fid in dem glänzenden Glaſe fpiegelte, fo erwies e$ fid) recht eigentlich, daß fein Fädelein fo fein gefponnen, ba8 mid endlih an die Sonne lüme. Auch machten die Mädchen reidjlidje 99ige, wenn fie fid) nad) mir im[aben, der den Rahmen forgfältig in adt nehmen mußte unb daher ausſah, als ob ich eine Altartafel im Schmweiße meines Angefihts über den Berg trüge. Über die Freude, welche der Schulmeifter bezeugte, entf hädigte mid) reidjlid) für alles, fowie über den Verluſt des Bildes, zumal idj mir vor» nahm, für mid felbjt nod) ein viel jdjónere8 zu entwerfen. Ich mar der Held des Tages, als das Bild mad) genugfamen Betrachten über bem Gopba im Drgelfaale aufgehängt wurde, wo e$ fid) wie das Bild einer märchenhaften Kirchenheiligen ausnahm.
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Eiftes Kapitel. Die Glaubensmiilyen.
Doch dies alles trug dazu bei, meine Annäherung an Anna zu erſchweren; e8 mar mir unmöglid, bie Gelegenheit zu benugen unb mit ihr [din zu tbun; ich begriff, daß fie jebt eben fidj febr gemeifen benehmen mußte, unb id) erkannte, daß e$ eigenilid) gar Fein Spaß fei, einem Mädchen feine Neigung fo bejtimmt funb zu geben. Deſto beſſer jtanb id) midj mit dem Schulmeifter, mit meldjem id) viel[ud) bisputierte. Sein Bildungskreis umfaßte Hauptfählid das djrijtlid) mora: hide Gebiet in einem Halb aufgeflärten und Halb myſtiſch anbádjtigen Sinne, wo ber Grundfaß der Duldung und Liebe, gegründet auf Selbiterfenntnis unb auf das Studium des Weſens Gottes und ber Welt, zu oberit jtand. Daher war er bewandert in den Senfmürbigleiten und Aufzeichnungen geijireid) anbüdjtiger Leute aus verfhiedenen Nationen, und et bejag und kannte feltene und berühmte Bücher Diefer Art, bie ihm bie lleberlieferung gleicher Bedürfniffe im bie Hände gegeben fatte. Es mar viel Schönes und Grbaulidjes zu lefen in diefen Büchern, unb ich hörte mit Beſcheidenheit und Woblgefallen feinen Vorträgen zu, ba ja das Grübeln
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nad) bem Wahren und Guten mir unerläßlich bünfte. Weine Gin|pradjen beitanden darin, daß idj gegen das ſpecifiſch Gbrijtlidje protejtierte, welches das alleinige Merkzeichen alles Guten fein follte. Ich befand mid) in diefer Hinficht in einem peinlihen Zerwürfniffe. Während id) bie Perfon Ehrijti liebte, wenn fie aud, wie idj glaubte, in der Vollendung, wie fie bajtebt, eine Sage fein follte, war id) bod) gegen alles, was fi chriſtlich nannte, feinblidj gefinnt geworden, ohne redjt zu willen marum, und id) mar fogar [rob, diefe Abneigung zu empfinden; denn wo fidj Gbrijtentum geltend madjte, war für mid) reizlofe und graue Nücdhternheit. Ich ging deswegen [fon [eit ein paar Jahren faſt nie in die Kirche, und bie religöfe Unterweifung beſuchte ich febr jelten, obgleich ich dazu verpflitet war; im Sommer fam id) durdy, weil idj größten- teil auf dem Lande lebte; im Winter ging id) zwei ober brei Mal und man [dien dies nicht zu Demerfen, wie man mir überhaupt Feine Schwierigfeiten madte, aus bem einfahen Grunde, weil id) der grüne Heinrich hieß, b. D. weil ih eine abgefonderte und abgeldjiebene Erjcheinung mar; aud) madjte ih ein fo finiteres Gefidjt dazu, daß bie Geiftlichen mid) gern gehen lieben. So genoB id) einer volljtánbigen freiheit, unb wie ih glaube nur baburd, daß id) mir biejelbe, troß meiner Jugend, entfchloffen angemaßt; denn id) perjtanb durch⸗ aus feinen Spaß hierin. Jedoch ein oder zwei Mal im Jahre mußte ich genugfam bezahlen, wenn nämlid an mid) bie Reihe lam, in der firdje aufzutreten, b. D. in der öffentlichen Kirchen lebre nad) vorhergegangener Ginübung einige auswendig ge- lernte ragen zu beantworten. Dies war vor Jahren jdjon eine Bein für mich geweſen, nun aber geradezu unertrüglid); und bod) unterzog ih mid bem Gebraudje oder mußte es vielmehr, ba, abgefehen von bem Kummer, ben ich meiner Mutter gemadjt hätte, das enblide geſetzliche Loskommen
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daran gefnüpft mar. Auf bie nächſte Weihnacht follte id) nun fonfirmiert werden, was mir ungeadjtet der gänzlichen Freiheit, welche mir nadjber minfte, große Sorgen verurfadhtee Daher äußerte id) mein Antichriftentum jet gegen den Schulmeijter mehr, als ich fonjt getban haben würde, obgleid) e8 in ganz anderer Weiſe geſchah, als wenn idj mit bem Philofophen gu» fammen war; idj mußte nicht nur den Bater Annas, fondern überhaupt ben bejahrten Mann ehren; und befonders feine duldfame unb Tiebevolle Weiſe ſchrieb mir von felber vor, mid) in meinen Ausdrüden mit Maß unb Beſcheidenheit zu bes nehmen und fogar zuzugejtehen, daß ich als ein junger Burſche nod) was au lernen möglih fände Auch mar ber Schul- meifter eher froh über meine abmeidjenben Meinungen, indem fie ibm Beranlaffung zu geiftiger Bewegung gaben und er um fo mehr Urſache befam, midj lieb zu gewinnen, ber Mühe wegen, bie ih ibm madjte. Er fagte, e8 [ei ganz in ber Ordnung, ich fei wieder einmal ein Menſch, bei meldjem das Ehriftentum das Ergebnis des Lebens unb nidj ber Kirche fein würde, unb werde nod) ein rechter Chrift werden, wenn ich erft eias erfahren Babe. Der Schulmeifter jtand fid) nicht gut mit der Kirche unb behauptete, ihre gegenwärtigen Diener wären unmwiflende und rohe Menfhen. Ich babe ihn aber ein wenig im Verdacht, daß bie8 nur darin feinen Grund hatte, daß fie Hebräifh unb Griechiſch verjtanben, was ihm ver. ſchloſſen blieb.
Indeſſen war die Ernte längft vorüber und ich mußte an bie Nüdkehr benfem. Mein Dheim wollte mid) diesmal nad) der Stadt bringen und zugleich feine Töchter mitnehmen, von denen bie zwei jüngeren nod) gar nie bort gemejen. Er ließ eine alte Kutfche befpannen, unb fo fuhren mir davon, die Töchter in ihrem beiten Staate, zum Erftaunen aller Dorf- ſchaften, durch melde wir famen. Der Obeim fuhr am gleichen
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Tage mit Margot zurüd, Lifette unb Gaton blieben eine Woche bei uns, mo bie Reihe an ihnen war, bie Blöden und Schüd- ternen zu fpielen, denn id) zeigte ihnen mit wichtiger SRiene alle Herrlichleiten der Stadt und that, als ob ich dies alles erfunden bätte.
Richt lange nadjbem fie fort waren, fam eine8 Morgens ein leichtes Fuhrwerk vor unfer Haus gerollt und herausftiegen ber Gdjulmeijter und fein Töchterchen, lebteres buch einen fliegenden grünen Schleier gegen die fühle Herbitluft gefhügt. Eine lieblidjere Ueberrafhung hätte mir gar nicht miberfabren fönnen, und meine Mutter batte die größte freude an bem guten Rinde Der Schulmeifter wollte fid) umfehen, ob für den Winter eine geeignete Wohnung zu finden wäre, indem er bod) allmählich fein Kind mit der Welt mehr in Berührung bringen mußte, um ihre Anlagen nad) allen Seiten fid) ent- wideln zu lajjen. Es fagte ihm jedoch Feine Gelegenheit zu unb er behielt fij vor, lieber im nächſten Jahre ein fleine$ Haus in der Nähe der Stadt zu laufen unb ganz überzu- fiedeln. Dieſe Ausſicht erfüllte mid) amar mit ploglidjer Freude; aber ich hätte mir Anna doch lieber für immer als das Kleinod jener grünen entlegenen Thäler gebadjt, bie mir einmal jo lieb geworden. Indeſſen hatte ich das heimliche Vergnügen, zu fehen, mie meine Mutter Freundſchaft ſchloß mit Anna, und wie diefe eben fo tiefen Reſpekt als herzliche Zuneigung zu jener bezeigte unb zu meiner allergrößten Ge nugthuung gern zu zeigen [djiem. Wir metteiferten mum form. lij, id, dem Gdjulmeijter meine Achtung darzuthun, unb fie meiner Mutter, unb über bielem angenehmen Streite fanden wir feine Zeit, mit einander felbjt zu verfehren, oder wir per: fehrten vielmehr nur baburd) mit einander. So [djieben fie von ung, ohne daß ich mit ihr einen einzigen befonderen Blick gewechſelt hätte,
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Run rüdte ber Winter heran unb mit ibm dag Weih- nachtsfeſt. Wöchentlich dreimal früh um fünf Uhr mußte id) in bas8 Haus bes Pfarrhelfer8 gehen, wo in einer langen ſchmalen riemenförmigen Stube an vierzig junge Leute zur Konfirmation vorbereitet wurden. Wir waren Jünglinge, wie man und nun nannte, au allen Ständen; am oberen Ende, wo einige trübe Kerzen brannten, bie Bornehmen und Studieren- den, bann fam ber mittlere Bürgeritand, unbefangen und mute willig, unb aulegt, ganz in ber Dunkelheit, arme Schuhmader- lehrlinge, Dienjtboten und $yabrifatbeiter, etwas rob und ſchüchtern, unter benen wohl dann und mann eine plumpe Störung vorfiel, während weiter oben man fid) mit Anſtand einer ruhigen Unaufmerffamfeit hingab. Diefe 9tusjdjeibung war gerade nicht abſichtlich angeordnet, [onbern fie Hatte fid) pom ſelbſt gemadjt. Wir waren nümlid) nad) unferem Ber- halten und nad) unferer Ausdauer geordnet; ba nun die Vor⸗ nehmiten von Haus aus zum äußeren Frieden mit ber Kirche ftreng erzogen wurden und bie meijte Sicherheit im Sprechen befaßen unb dies Verhältnis burdj alle Grade Derunterging, fo war dem Scheine nad) die Nangordnung ganz natürlich, befonder3 ba die Ausnahmen fidj dann von felbft zu ihres» gleihen bielten und durchaus nicht fid) unter bie anderen Stände miſchen wollten.
Schon das pünktlihe Aufitehen und Hingehen am falten dunklen Wintermorgen, an regelmäßigen Tagen, unb das fitt fiber an einen bejtimmten Pla mar mir unerträglid, da id) feit der Schulzeit dergleichen nicht mehr geübt. Nicht bab id) gánglid) unfügfam war für irgend eine Disciplin, wenn id) einen notwendigen und vernünftigen Zweck einjab; denn als id) zwei Jahre fpäter meiner Militärpfliht genügen und als Rekrut mid) an beftimmten Tagen auf die Minute am Sammel- plage einfinden mußte, um mid) nad) dem Willen eines vers
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witterten Grerciermeifter8 fed Stunden Iang auf bem Abſatze herumzubrehen, ba that ich dies mit bem größten Eifer unb war ängſtlich bejtrebt, mir das Lob des alten Kommißbruders zu erwerben. Allein bier galt es, fidj zur Verteidigung des Baterlandes und feiner Freiheit fähig zu machen; das Land war fihtbar, ih ftaub darauf und nährte mid von feiner Frucht. — Dort aber mußte ih mid) gemalt[am aus Schlaf und Traum reißen, um in ber büfteren Stube zwiſchen langen Reihen einer Schar anderer [djfaftrunfener Syünglinge das aller» fabelhaftefte Traumleben zu führen unter dem eintönigen Befehl eines geiftlihen Minifters, mit bem ich fonjt auf ber Welt nidji8 zu fchaffen hatte.
Was unter fernen öftlihen Palmen vor Sahrtaufenden teils fid) begeben, teil von heiligen Zrüumern geträumt und niebergeid)rieben worden mar, ein Buch ber Sage, daß wurde bier al8 das höchſte und ernfthafteite Qebenserfordernis, als bie erjte Bedingung, Bürger zu fein, Wort für Wort burd gefproden und der Glaube daran auf das genauefte reguliert. Die mwunderbariten Ausgeburten menſchlicher Phantaſie, bald heiter unb reigenb, bald finfter, brennend und blutig, aber immer burd) den Duft einer entlegenen Ferne gleihmäßig um- f&hleiert, mußten als das gegenwärtigſte und feitejte Yundament unjere8 ganzen Dafeins angefehen werden und murden uns nun zum legten Male und ohne allen Spaß beitimmt erflärt unb erläutert, zu dem Zwecke, im Sinne jener Phantafieen ein wenig Wein und ein wenig Brot am ridjtigiten genießen zu fónnen; unb wenn Dies nidjt gefhah, wenn wir uns bie[er fremden wunderbaren Disciplin nit mit ober ohne Ueber zeugung unterwarfen, fo waren mir ungültig im Staate, und e8 durfte Feiner nur eine Yrau nehmen. Bon Sahrhundert zu Sahrhundert war dies fo geübt unb bie verſchiedene Auslegung ber [pmbolijdjen SSorjtellung Hatte fon ein Meer von Blut
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gefoftet; ber jebige Umfang und Beitand unjere8 Staates war größtenteils eine Yolge jener Kämpfe, fo daß für uns bie Welt des Traumes auf das engíte mit der gegenmwärtigen und greif- bariten Wirklichkeit verbunden war. Wenn idj den widerſpruch⸗ [ofer Ernjt fab, mit meldjem ohne Mienenverzug das Yabel- Bafte behandelt wurde, fo ſchien e8 mir, al8 ob von alten Leuten ein Kinderſpiel mit Blumen getrieben würde, bei weldhem jeder Fehler und jedes Lächeln Todesſtrafe nad fid) zieht.
Das Erite, was uns der Lehrer als chriftliches Erfordernis bezeichnete und worauf er eine weitläufige Wiſſenſchaft gründete, war das Erkennen und Bekennen der Sündhaftigkeit. Nun war die Aufrichtigkeit gegen ſich ſelbſt, die Kenntnis der eigenen Fehler und Untugenden mir keineswegs fremd, das Andenken an bie kindlichen Uebelthaten unb moraliſchen Schul⸗ abenteuer noch [o friſch, daß ich auf bem Grunde meines Bes wußtſeins ſogar deutlich ein angehendes Sünderlein herumgehen ſah, welches mir demütige Reue verurſachte. Dennoch wollte mir das Wort nicht gefallen; es hatte einen zu handwerks⸗ mäßigen Anſtrich, einen widerlich techniſchen Geruch wie von einer Leimſiederei oder von bem ſäuerlich verdorbenen Schlichte— brei eines Leinewebers. Daß die göttliche Manipulation mit dem Sündenfall in dem muffigen Weſen fortmüffelte, kam mir damals nicht recht aum Verſtändnis, weil und bie letzten Fein⸗ heiten der theologiſchen Gemütlichkeit noch nicht zugänglich waren. So ließ ich die Sache ohne Hochmut und in dem Gefühle auf ſich beruhen, daß es jedenfalls ſich um einen ſchwierigen Punkt handle und es bedenklich wäre, gelegentlich etwa aus dem Kreiſe der Rechtſchaffenen und Braven wegzu⸗ fallen. Auch dämmerte mir wohl die Ahnung auf, daß ſelbſt der Gerechte manchen Unordentlichkeiten ausgeſetzt ſei und jede
derſelben ihr eigenes Maß der Verantwortung in ns babe. Keller L
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Nach ber Lehre von ber Sünde fam gleid) bie Lehre vom Glauben, als ber Erlöfung von jener, unb auf fie wurde eigentli) ba8 Qauptgemidjt des ganzen linterridjte8 gelegt; troß aller Beifügungen, wie daß aud) gute Werke von nöten feien, blieb ber Schlußgefang bod) immer und allein: Der Glaube madjt fefig! und dies uns einleuchtend zu madjen ala herangewachſenen jungen Leuten, wandte der geijtlie Mann bie móglidjit annehmlidhe und vernünftig ſcheinende Beredſam⸗ feit auf. Wenn ih auf den höditen Berg laufe und ben Himmel abzähle, Stern für Stern, al8 ob fie ein Wochenlohn wären, fo kann ih darunter Fein Verdienſt des Glaubens ent- deden, unb wenn idj mid) auf den Kopf Stelle und den Mai- blümden unter den Kelch binaufgude, fo kann ich nichts Ver⸗ dienitliches am Glauben ausfindig madjen. Wer an eine Sadje glaubt, kann ein guter Mann fein, mer nicht, ein ebenfo guter. Wenn id) ameiffe, ob zwei mal zwei vier feien, [o find es darum nicht minder vier, und wenn id) glaube, daß zwei mal zwei vier feien, fo babe idj mir darauf gar nicht? einzubilden unb fein Menſch wird mid barum loben. Wenn Gott eine Welt geichaffen und mit benfenben Weſen bevölkert hätte, als» dann fid in einen unburdjbringlidjen Schleier gehüllt, da3 ges ſchaffene Gefdjledjt aber in Elend und Sünde verkommen laſſen, Hierauf einzelnen Menſchen auf außerordentlide und wunder⸗ bare Weije fidj offenbart, aud) einen Erlöfer gefendet unter Umftänden, melde nadjber mit bem Berftande nicht mehr be» griffen werden Tonnten, von bem Glauben baram aber bie Rettung und Glüdfeligkeit aller Kreatur abhängig gemacht hätte, alles diefes nur, um da3 Vergnügen zu genießen, daß an ihn geglaubt würde, Gr, ber feiner bod) ziemlich ficher fein dürfte: fo würde bieje ganze Procedur eine gemachte Komödie fein, meldje für mid) dem Dafein Gottes, der Welt und meiner [elbjt alles Zröjtlide unb Gr[reulidje benähme.
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Glaube! D wie un[áglid) blöde flingt mid) dies Wort an! Es ijt die allerverzwidteite Erfindung, meldje ber Menfchengeift maden fonnte in einer zugefpigten Lammslaune! Wenn id) des Dafeins Gottes und feiner Vorſehung bedürftig und gemiß bin, mie entfernt ijf dies Gefühl von dem, was man Glauben nennt! Wie fidjer weiß id, bab bie Vorfehung über mir geht gleidj einem Stern am Himmel, der feinen Gang thut, ob id) nad ibm ſehe oder nicht nad ihm ſehe. Gott weiß, denn er ijt allwiffend, jeden Gedanken, der in meinem Inneren aufiteigt, er fennt ben vorigen, aus rmeldjem er hervorging, und fieht den folgenden, im melden er übergeht; er Dat allen meinen Gebanfen ihre Bahn gegeben, bie ebenfo unausmeidjid) ijt, wie bie Bahn der Sterne und ber Weg be8 Blutes; ich fann aljo wohl jagen: id) will dies thun oder jenes laffen, idj mill gut fein ober mid) darüber Binmegiegen, und ih kann burd) Treue und llebung e$ vollführen; id) fanm aber nie fagen: ih will glauben oder nicht glauben; id) will mid) einer Wahr: heit per[djlieBen ober ih will mich ihr öffnen! Syd Tann nicht einmal bitten um Glauben, weil, ma8 ich nicht einjebe, mir niemals wünſchbar fein Tann, weil ein flare8 Unglüd, das id) begreife, nodj immer eine lebendige Luft zum Atmen für mid) ijt, während eine Geligfeit, bie id) nicht begriffe, Stickluft für meine Seele wäre.
SDennod) liegt in bem Worte: ber Glaube macht felig! etwas Tiefes und Wahres, infofern e$ das Gefühl unfchuldiger und naiver Zufriedenheit bezeichnet, welches alle Menſchen um. fängt, wenn fie gern und leid an ba8 Gute, Schöne und Merkwürdige glauben, gegenüber denjenigen, melde aus Düntel unb Berbiffenheit ober aus Selbitjuht alles in Frage ftellen und bemüfeln, was ihnen als gut, ſchön ober merkwürdig er» zahlt wird. Wo das religiöfe Glauben bei mangelnder Leber» legungsfraft feinen Grund in jener liebenswürdigen und gut»
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mütigen Leidhtgläubigfeit hat, ba fagt man mit Net, es mache jelig, und denjenigen Unglauben, welcher aus ber anderen Quelle berrührt, Tann man billig unfelig nennen. Wllein mit ber eigentlihen dogmatifhen Lehre vom Glauben haben beide rein nichts zu thun; denn während es chriſtlich Gläubige giebt, melde in allen anderen Dingen die unangenehmften Be zweiflee und Bemäller find, giebt e8 ebenfo viele Ungläubige, fogar Atheiften, melde font an alles Hoffnungsvolle unb Gr. freufidje mit allbereiter Leichtigfeit glauben, unb e8 ijt ein be liebtes Argument der firdjiden Polemiker, daß fie foldhen höhniſch vorhalten, wie fie jeden auffallenden Quark als bare Münze annehmen und fidj von Sllufionen nähren, während fie nur da8 Große und Eine nicht glauben wollen. So haben wir das komiſche Schaufpiel, wie Menfchen fid) der abitrakteften Ideologie Dingeben, um nachher jeden, ber an etwas erreichbar Butes und Schönes glaubt, einen Ideologen zu nennen. Bil man die Bedeutung des Glaubens fennuen, fo muß man nidt ſowohl die ortboboren Kirchenleute betrachten, bei denen alles über Einen Kamm geſchoren ijt und das Gigentümlidje baber zurüdtritt, ala vielmehr die undigciplinierten Wildlinge des Glaubens, melde außerhalb der Kirdhenmauern frei umber- ſchwirren, ſei e8 in entitehenden Selten, fei e8 in einzelnen Berfonen. Hier treten die rechten Beweggründe und das llt. ſprüngliche in Schidfal und Charakter hervor und werfen Licht in ba$ permadjjene und feit gewordene Gebilde der großen ge ſchichtlichen Maſſe.
C$ lebte in unſerer Stadt ein fremder Mann, Namens Wurmlinger, meldjer fidj ein Vergnügen daraus madjte, ben Leuten, meldje fid) mit ihm abgaben, allerlei Erfindungen unb Auffchneidereien vorzutragen, um fie nadjBer ihrer Leichtgläubig- feit wegen au verhöhnen, indem er erflärte, die Ge[djidjte [ei gar nicht wahr. Jemand anders aber mochte erzählen was
