Chapter 28
Section 28
Sp mutig id an der Seite des Philofophen war, um fo fleinlauter war idj, wenn idj den Mädchen allein gegenüber ftand; denn alsdann war feine Rettung, als alles über fid) ergeben zu lajjen. Der Philoſoph fürchtete fid) vor Diefer Feuertaufe nit und tummelte fidj manchmal furchtlos in einer
— 319 —
Hölle von zwölf jungen unb alten Weibern umher, und er triumpbierte um fo lauter, je übler er von ihren Zungen und Händen zugerichtet wurde, wenn er ihnen weiberfehmähende Ausfprühe aus der Bibel und weltlide Argumente an den Kopf warf. Ich Hingegen räumte das Feld, wenn mir bie Gadje zu arg wurde, ober idj ftellte mich, als ob idj nit un» geneigt wäre, mich belehren unb befehren zu laſſen. Wenn id) vollends mit einem ber Mädchen ganz allein war, fo murbe itet3 ein Waffenftillitand gefchloflen und id) mar immer halb bereit, unfere Gadje zu verraten und mid) unter den Schuß de3 Feindes zu jtellen. Ich münjdjte burdj diefen gemäßigten und freundlichen Verkehr allmählih dahin zu gelangen, aud) mit Anna wieder im einzelnen und allein zu fpredhen, und glaubte dies tboridjter Weife immer am beiten auf weitläufigen Wege zu bemerfitelligen, indem id) midj an die anderen hielt, ftatt Anna einfach einmal bei der Hand zu nehmen und angue reden. Allein dies [egtece [djiet mir eben noch himmelmweit zu liegen und eine reine Unmöglichfeit; lieber häite id) einen Sraden gefüßt, als [o leidjtftnnig die Schranke gebrochen, obs gleich es vielleiht nur an biejem Sradenfup, an biefem erjten Borte hing, bie [djóne Jungfrau Vertraulichkeit aus der Ver- jauberung wieder zu gewinnen.
Mein wer Tonnte willen! Ein Sperling in ber Hand üt befler, als ein Adler auf bem Sade! Lieber mod) dies fumme Nahſein ficher behalten, ala burdj bie beleidigte Ehre genötigt zu fein, auf immer zu [djeiben! Dadurch wurde id) immer mehr und mehr verhärtet und enblidj unfähig, bas gleihgültigfte Wort an Anna zu richten, fo fam e$, als fie auch nichts zu mir fagte, daß nad) einer febr jtillidymeigenben lebereinfunft wir für einander gar nicht da waren, ohne ung deswegen zu meiden. Sie fam ebenfo oft zu uns berüber, wenn ich ba war, wie fonft, und ich befuchte ben Schulmeijter
— 820 —
nah wie vor, mo fie fidj bann zufrieden herumzubewegen fhien, ohne fid) um mid) zu befümmern. Indeſſen fam e$ mir munberlid) vor, daß fein Menſch unfere feltjame Haltung zu bemerken [djien, obgleich e8 bod) gewiß auffallen mußte, baB mir aud) gar nie etwas zu einander fagten. Die alteite Bafe, Margot, batte fid) bielen Sommer mit bem jungen Müller verlobt, welcher ein ftattlicher Reitersmann war; die mittlere duldete offen bie Bewerbungen eines reihen Bauern- fohnes, und bie jüngite, ein Sing von ſechzehn Jahren, mweldhes fid) im Kriege immer am wildeiten und feindfeligiten gebärdet, mar unmittelbar nad) einem ber Digigiten Gefechte überajdjt worden, wie fie in der Laube fidj fchnell von dem Philoſophen füljen ließ; die Wollen ber Zwietracht hatten fij daher verzogen, ber allgemeine Friede war Bergeltellt, nur zwifhen mir und Anna, melde nie im Kriege gelegen mit einander, war Fein Friede ober vielmehr ein [febr ftiller; denn unjer Verhältnis blieb fid) immer gleich. Anna Hatte bie äußerliden Wälſchlandsmanieren ſchon abgelegt und war wieder frifder und freier geworden; allein fie blieb bodj ein feines unb fpröbes Kind, dag überhaupt nicht viel [pradj, Leicht be feibigt und gereizt wurde, was ein jdjnelle8 Erröten immer anzeigte, unb bejonders jtellte fid) ein leichter Stolz heraus, ber fidj mit etwas Gigenfinn verband. Deſto verliebter aber wurde id) mit jedem Tage, fo daß id) mich fortwährend mit ihr befchäftigte, wenn ich allein war, mich unglüdlich fühlte unb einfam Wälder und Höhen burdjítreiffe; denn da id) mun: mehr wieder der einzige mar, meldjet feine Gedanken verbergen mußte, wie id) menigiten8 glaubte, fo ging id) aud) vorzugs⸗ weife wieder allein und auf mid felbjt angemiejen.
v
Behntes Kapitel. Das Gericht iu Der Laube.
Ich bradie die Tage im tiefen Walde zu, mit meinem Handwerkszeuge verfehen; allein ich zeichnete nur wenig nad) ber Ratur, fondern wenn id) eine recht geheime Stelle gefunden, wo ich fider war, daß niemand mich überrafchte, zog id) ein ſchönes Stüd englifhes Papier hervor, auf meldjem id Annas Bildnis aus bem Gedähtnis in Waflerfarben malte. Es war für mid) bas allergrößte Glück, wenn idj mid) an einem klaren Spiegelwäfferhen unter bidjtem Blätterdache fo wohnlich einge» richtet Hatte, bas Bild auf den Knieen. Ich fonnte nicht er. Deblid) zeichnen, daher fiel ba8 Ganze etwas byzantiniſch aus, was ihm bei ber iyertigfeit und dem Glanz der Yarben ein eigenes Anſehen gab. Jeden Tag betrachtete id) Anna ver» itoblen oder offen und verbeflerte banadj dag Bild, bis es zulegt ziemlich ähnlih wurde (G8 mar in ganzer Figur und itand in einem Blumenbeete, beffen hohe Stengel und Kronen mit Annas Haupt in den tiefblauen Himmel ragten; ber obere Tel ber Zeihnung war bogenförmig abgerundet und mit Stanfenmer? eingefaßt, in meldjem glänzende Vögel und Schmet-
terlinge faßen, deren Yarben idj nod) mit Goldlichtern erhöhte. Keller L 31
— 32 —
Alles dies, forie Annas Gewand, welches idj phantaſtiſch er- fand unb [djmüdte, war mir bie angenehmjte Arbeit während vieler Tage, bie id) im Walde zubrachte, und id) unterbrad) dieſe Arbeit nur, um auf meiner Flöte zu fpielen, meldje id) be- tändig bei mir führte. Auch des Abends nad) Gonnenunter- gang ging ih oft mit ber Flöte nod) aus, [tri bod) über ben Berg, bis mo ber See in ber Tiefe und des Schulmeifters Haus daran lag, und ließ dann meine milbgemad)jenen Weiſen oder aud) ein ſchönes Liebeslied durch Naht unb Mondichein ertönen.
So gingen die Sommermonate vorüber; id) verbarg bas Bild forgfältig und gedachte e8 noch lange zu verbergen, ba e& von jedermann als ein ziemlich deutliches Geftändnis ber Liebe angefehen werden mußte. An einem jonnigen September- nadhmittage, al8 ber Herbitlihe Schein mild auf dem Garten lag und das Gemüt zur Freundlichkeit jtimmte, wollte ich eben an$geben, al8 ein ganz fleine8 Knäbchen mir bie Botfchaft brachte, id) möchte in bie größere Gartenlaube Tommen. Id wußte, daß fämtlide Mädchen dort mit Margot? Ausſteuer beichäftigt waren und daß Anna ihnen half; das Herz klopfte mir Daher fogleid), weil idj irgend etwas ahnte; doch ging ih erit nad einer Heinen Weile mit gleichgültiger Miene Din. Die Mädchen jagen in einem Halbfreife um das weiße Leinen: zeug herum, unter dem grünen 9tebenbadje, und fie fahen alle Ihön und blühend aus.
As id) eintrat und fragte, was fie begehrten, lächelten und kicherten fie eine Zeit lang verlegen, daß ich trogig ſchon wieder umfebren unb mweggehen wollte. Jedoch Margot ergriff ba8 Wort und rief: „So bleib bod) Bier, wir werben bid) nicht effen!” und nachdem fie fid) geräufpert, fuhr fie fort:
„Es find mannigfaltige Klagen über bid) angejammelt und wir Baben daher ung al3 eine Art Gerichtshof Hierher -
— 820 —
gefeßt, um bid) zu ridjien unb in8 Verhör zu nehmen, lieber Better! unb wir fordern dich Diermit auf, uns auf alle ragen treu, mabr und bejcheiden zu antworten! Erjtlih wünſchen mir zu willen — je, was wollten wir denn zuerit fragen, Gaton?"
„Ob er gern 9prifofen effe," erwiderte biefe unb Lifette rief: „Rein, wie alt er fei, müflen mir auerjt fragen, und wie er heiße!“
„Bitte, madjt euch nidt gar zu unnütz,“ fagte ih, „und rüdt heraus mit eurem Anliegen!”
Sod) Margot fagte: „Kurz unb gut, bu follit einmal fagen, was du gegen bie Anna Haft, daß du bid fo gegen fie benimmit?"
„Wie fo?" antwortete id) verlegen, und Anna murbe ganz rot und fah auf ihre Leinwand.
Margot fuhr fort: „Wie fo? das möchte id) aud) nod) fragen! Mit einem Wort, was haſt du für einen Grund, feit deiner Ankunft bei uns Fein Sterbenswörthen zur Anna zu [agen und zu thun, als ob fie gar nicht in ber Welt wäre? Dies ift nit nur eine Beleidigung für fie, fondern für uns alle, unb [don des öffentlihen Anftandes megen muß e8 gehoben werden auf irgend eine Weife, wenn Anna bid) beleidigt hat, ohne e8 zu willen, fo erfläre es, damit fie dir bemütige Ab⸗ bitte tbun fann. Uebrigens braudjjt du hierauf nicht [tola au fein oder zu glauben, e8 [ei auf deine fojtbare Gunſt abge- fehen! Einzig unb allein muß durd) gegenwärtige Verhandlung bie Gdjidlidjfeit und das gute Recht gewahrt werden!“
Sd erwiderte, daß ich die Gründe für mein Benehmen gegen Anna angeben könne, fobald fie mir Diejenigen für ihr eigenes erhalten mitteilen wolle, indem id) mid) ebenfo- wenig eines an mic, gerichteten Wortes rühmen dürfe. Auf
diefe Rede ward mir vorgehalten: ein Frauenzimmer fónne 21*
— 824 —
immer nod) thun, mas fie wolle; jedenfalls müßte id) den Anfang madjen, morauf dann Anna fidj verpflichten würde, in einem gejelfhaftlih freunblidjen und auvorfommenben Ber- febr mit mir au leben, mie mit anderen.
Dies lieb fid) Hören und [dien mir ganz in dem Sinne gefagt zu fein, in welchem id) die rauen als eine ver[djmorene Einheit betrachtet Hatte; e8 Yang mir wie ein angenehmer Beweis davon, daß e8 gut jei, menn fie eine Gadje mohl- mwollend an die Hand nähmen. Ihre Bodjtrabenben Worte beirrten mid) nicht und idj bildete mir gleidj ein, daß man mi febr nötig habe. Lächelnd erwiderte ih, daß id) mid einem vernünftigen Wort gern füge und daß ich nichts Beſſeres verlange, al8 mit aller Welt in Frieden zu leben. Nun ftand ih aber wieder ba, ohne Anna weiter anzufehen, meldje emfig nübte. Lifette ergriff nun das Wort und fagte: „Um einen Anfang zu maden, gieb nun der Anna bie Hand unb ver fprih ihr mit deutlichen Worten, jedesmal, wo bu mit ihr au. fanmentriffit, fie mit ihrem Namen zu grüßen und fie zu fragen, wie e8 ihr geht; hierbei [oll feitgefeßt fein, daß alle Tage, wo und mann ihr euch zuerit begegnet, bie Hand gereicht werde, wie e3 unter Chriſten gebräudjlich ijt!"
Ich näherte mid Anna, hielt meine Hand bin und fprad) eine permorrene f[eine Rede; ohne aufzufehen, gab fie mir bie Hand, wobei fie bie Rafe ein bißchen rümpfte und ein wenig lächelte.
As ih Hierauf mid) aus der Laube entfernen wollte, begann Margot wieder: „Geduld, Herr Vetter! Es fommt nun ber zweite Punkt, weldher zu erledigen ijt." Sie fdjlug die Tücher, meldje den Zijd) bedeckten, außeinander und enthüllte mein Bild Annas.
„Wir wollen,” fuhr fie fort, „nicht lange erörtern, mie wir zu bielem geheimnisvollen Werke gelangt find; es ijt ent-
— 892b —
bedt und wir wünſchen nun zu willen, mit mefdjem Recht und zu meldem Zweck Barmloje Mädchen ohne ihr Willen abkonter⸗ feit. werben?“
Anna hatte einen flüchtigen Blick auf das bunte Wefen geworfen und faß ebenfo verlegen und unrubig da, als id) bejdümt und troßig war. Ich erflärte, bap das Blatt mein Eigentum und ich Feiner fterblichen Seele eine Verantwortung Darüber ſchuldig wäre, gleichviel ob e8 ans Tageslicht getreten oder nod) im Berborgenen liege, wo id) fün[tig meine Sadjen zu lajfen bitte. Damit wollte id) meine Zeichnung ergreifen; allein die Mädchen bedien fie ſchleunig mit Leinwand zu und türmten bie ganze Ausfteuer darauf.
Es könne ihnen nidjt gleidhgültig fein, fagten fie, ob ihre SBilbnijje heimlich unb zu unbefanntem Zwecke angefertigt würden. Sdj müßte al[o bejttmmt erflären, für men id) befagtes Wert angefertgt babe ober mas ich bamit zu machen gebenfe; denn daß id e3 für mid) behalten molle, fei nad) meinem bisherigen Ver» halten nicht wohl anzunehmen; aud) wäre dies nicht zu ge ftatten.
„Die Gadje ijt febr einfadj," ermiberte ich endlich, „ich babe bem Gdjulmeijter, Annas Vater, eine Kleine Freude zu feinem Ramenstage maden wollen und gedachte dies am beiten burd) ein Porträt feiner Jungfrau Tochter zu erreichen; Habe ih damit unredjt getban, fo ijt e8 mir leid, ich werde e8 nicht wieder thun! Ich Tann vielleicht burdj eine Abbildung feines Haufe und Gartens am Gee bem Herrn Better den gleichen Dienit leiften, mir verſchlägt e8 nichts!“
Durch bieje Ausflucht beraubte ih midj zwar felbit bes Bildes, das mir aud) der Mühe und Arbeit wegen lieb ge worden war; zugleih aber [djnitt id) ber unbequemen Ver— handlung ben Faden ab, indem bie Mädchen Diegegem nichts mehr einzumenden mupten und meine aufmerffame Gefinnung
— 0260 —
für den Schulmeifter nod) zu loben veranlapt wurden. Sod) bejdjloffen fie, bie Malerei aufzubewahren bis zum bejtimmten Tage, wo wir es fämtlih bem Schulmeifter feierlich überbringen würden.
So fam ih um meinen Gdjag, verbeblte aber meinen Verdruß, inbefjen die Heine Caton, nod) nicht zufrieden, wieder anfing: „Ihm verfchlägt es nichts!‘ ob er das Haus zeichne oder Anna, fagte er! Was foll das wohl heißen?"
Und Margot erwiderte: „Das [oll heißen, daß er ein hochmütiger Gejell ift, welchem ein Haus und ein [djones Mädchen gleich unbedeutend find! Hauptſächlich aber foll es beißen: Glaubt ja nicht etwa, daß id das mindeite befondere Sntereffe an diefem Gefichtchen Hatte, als ich es malte! Dies ijt eine neue Beleidigung und der armen Anna gebührt eine glänzende Genugthuung!” '
Margot z0g nun ein zufamengelegtes Blatt au8 dem Bufen, entfaltete e8 und beauftragte Lifette, es laut und feierlich) vorzulefen. Sch mar fehr begierig, was es fein mödte,; Anna wußte ebenfalls nicht, ma8 bas bedeute und jab ein wenig auf; nad) den eriten Worten aber erkannte id), bab e8 meine Qiebeserflärung aus bem Bienenhaufe war. Es wurde mir falt und Heiß während des Leſens; Anna fam, fo viel ih in meiner Verwirrung bemerken fonnte, erit nadj und nad) auf bie Spur; bie übrigen Mädchen, weldje anfangs übermütige unb ladjende Gefidjter zeigten, wurden durch bie Stille während des Leſens und burdj bie ehrliche Kraft jener Worte überrafht und befhämt, und fie erröteten ber Reihe nad, wie wenn die Erflärung fie felber betroffen hätte. In⸗ befjen gab mir bie Angſt [don eine neue Lift ein, bie Angſt, melde ih vor dem erklingen des legten Wortes empfand. Als die Leferin ſchwieg, ſelbſt in nicht geringer Berlegenbeit, fagte ih [o troden als móglid: „Teufel! das fommt mir ganz
— 327 —
bekannt vor, zeigt einmal Ber! — Richtig! das ijt ein altes Blatt Bapier, von mir befchrieben!”
„Kun! meiter?" fagte Margot etwas verblüfft, denn fie wußte nun ihrerfeit3 nicht, wo es hinaus follte.
„Wo Habt ihr das gefunden?” fuhr idj fort, „das ijt ein Stüd lleberfegung aus dem Franzöfifchen, das ich ſchon vor zwei Jahren hier im Haufe gemadt babe. Die ganze Geſchichte fteht in dem alten vergoldeten Schäferroman, ber im Dachſtübchen liegt bei ben alten Degen und tyolianten; ich habe damals jtatt des Namens Melinde ben Ramen Anna Dinge: lebt zum Spaße. Hole einmal bas Bud) Derunter, feine Gaton! id) will euch bie Stelle franzöfifch porlefen."
„Hof einmal felbit, Feiner Qeinrid), wir find gerade gleidj alt!” perfegte bie Kleine unb bie übrigen machten ganz enttäufchte Geſichter, da meine Erfindung zu natürlid und wahrhaft ausfah. Nur Anna mußte willen, daß bie Er- Härung bod) ausſchließlich an fie gerichtet war, weil fie allein an der Berufung auf das Grab der Großmutter erfennen fonnte daß Stoff und Datum neu waren. Gie rührte fid) nidt. So war nun ber Inhalt des fliegenden Blattes bod) nod) an feine rechte Beitimmung gelangt, und ich fonnte feine Wirkung fid) felbit überlaſſen, ohne mit meiner Perſon unmittel- bar dazu zu jftben und ohne baf bie Mädchen einen Triumph davon hatten. Ich wurde fo fiher und lübn, daß id das Papier nahm, zufammenfaltete unb e$ der Anna mit einer komiſchen Verbeugung unb den Worten überreichte:
„Da man diefer Stilübung einmal einen höheren Zweck zugefchrieben Bat, fo geruBen Sie, perebrie8 Fräulein! bem irrenben Blatte ein ſchützendes Obdach zu geben und basjelbe als eine Erinnerung an diefen benlmürbigen Stadjmittag von mir anzunehmen!”
Sie ließ mich erft eine Weile ftehen und wollte das Papier
— 828 —
nicht nehmen; erit ala ich eben links abſchwenken wollte, nahn fie e8 raſch unb warf e8 neben fi auf den Tiſch.
Mein Wig mar indeffen zu Ende und id judjte mit gukr Manier au$ der Laube zu fommen. Mit einer zweiten [dag haften Berbeugung empfahl ich mi; ſämtliche Mädchen ftanden zierlih auf und entließen mid) unter [pöttifh-höflichen Vemei⸗ gungen. Der Spott fam von ihrem meibliden Grolle, bat fie mid) nidt gedemütigt und untergelriegt hatten, bie Höflich- feit von ber Achtung, melde ihnen mein Benehmen eirflößte; denn während das Bild ſowohl mie das befchriebene Blatt von bem Vorhandenſein einer beitimmten Neigung zeugten, Datte id troß ber Deffentlichfeit der Verhandlung das Geheimnis jo zu hüten gewußt, bag unter dem Mantel des Scherzes nicht nur i, fondern aud) Anna bie volle Freiheit behalten batte, anguerfennen, was ihr beliebte.
Höchſt zufrieden zog idj mi in das Dachſtübchen zurüd, wo id meinen Gig aufgeidjlagen Hatte, und verträumte dort eine Heine Stunde in der größten Geliglei. Anna fam mir [o liebenswert und Löftlich vor, wie nod) niemals, und indem mein eigen|üdjtiger Sinn fie fih nun unentrinnbar verfallen dachte, bedauerte idj fie in ihrer Feinheit beinahe und fühlte eine Art zärtlihen Mitleidens mit ihr. Doch madjte ich mid) bald wieder auf die Beine und [djlid, ba bie Septemberfonne fid (don zu neigen begann, bem Garten zu, um bem Tage die Krone au[gujegen und zu fehen, ob ih Anna mad) Haufe geleiten könnte, zum erjtenmale wieder feit den ſchönen Kinder: tagen. Sie aber war [djom fort und allein über ben Berg gegangen; die Bafen räumten ihre Arbeit zufammen und tbaten febr gleihmütig und ruhig; ich überblidte ben leeren Tiſch, hütete mich aber wohl zu fragen, ob Anna das Papier wirt: lid mitgenommen babe, und [dlenberte unmutig das Thal hinauf in den Schatten Hinein.
— 820 —
Die nádjiten Tage Jam fie nidjt zu und unb id) getraute mir aud nidt zum Gdjulmeijter au geben; fie hatte jet ein ſchriftliches Geſtändnis von mir in den Händen, weswegen mir nun unfer beider Freiheit verloren unb deshalb unfer Benehmen ſchwieriger ſchien, weil idj bie Gewaltſamkeit einer folden Er» flarung wohl fühlte. Wie nun ein Zag nad) bem andern vorüberging, verſchwand meine vergnügte Sicherheit wieder, befonder ba id) gar feinerlei Erwähnung und Spuren von dem Borgange in der Laube erfuhr, unb id) mar eben wieder auf bem Punkte, in meinem Herzen troßig zu verjtoden, als der Namenstag des Schulmeilters, meldjen id) in der Not an» gerufen hatte, wirfli ba war unb bie Bäschen erklärten, wir würden auf ben Mbend alle Dingeben, um ihn zu beglüd- münjden. Grjt jegt befam idj mein Bild wieder zu fehen, meldje$ ganz fein eingerahmt war. An einem verborbenen Kupferitihe Hatten die Mädchen einen fchmalen, in Holz auf das zierlichſte geld)nittenen Rahmen gefunden, welcher wohl fiebzig Jahre alt fein modjte und eine auf einen fdjmalen Stab gelegte Reihe von Müſchelchen vorftellte, von denen eins das andere Balb bedeckte. An ber inneren Sante lief eine feine Kette mit vieredigen Gelenken herum, bie äußere Kante war mit einer Perlenſchuur umzogen. Der BDorfglafer, welcher allerlei Künfte trieb unb befonber8 in verjährten Lackierar⸗ beiten auf altmobi[dem Schadhtelmerf tar! war, batte ben Muſcheln einen röthlihen Glanz gegeben, bie Seite vergoldet und die Perlen weiß gemadjt und ein neues klares Glas ges nommen, fo daß ich bodjit erjtaunt mar, meine Zeihnung in diefem Aufputze wieder zu finden. Sie erregte bie Bewunde- rung aller ländlichen Beichauer, und bejonders meine Blumen und Vögel, fomie bie Golb[pangen und Edeliteine, womit id) Anna geídjmüdt, aud) bie fromme und forgfältige Ausarbeis tung ihrer Haare und ihrer weißen Qalsfrauje, bie ſchönblauen
