NOL
Gesammelte Werke

Chapter 27

Section 27

Wir zogen- alfo aus und gingen bem Flüßchen nad) burd) den Wald. Ach blieb ftill, und als wir burdj bie Enge des Beges getrennt Hinter einander geben mußten, mar[djierte id) al3 der legte Hinten drein, dicht nad Anna, aber immer in tifem Schweigen. Meine Augen Dingen mit Andadht und
20°
— 808 —
Liebe an ihrer Gejtalt, immer bereit, fid) abzuwenden, ſobald fie aurüd[djauen würde Doch that fie dies nicht ein einziges Mal; hingegen bildete id mir mit innerlihem Bergnügen ein, bap fie Die und da mit einer kaum fihtbaren Abſicht zu ge fallen, fid) über ſchwierige Stellen hinbewegte. Ich madjte ein paarmal jdjüdjterne Anjtalten, ihr bebilffif zu fein, allein immer fam fie meinen Händen zuvor. Da jtanb an einer erhöhten Stelle des Weges bie ſchöne Judith unter einer bunflen Zanne, deren Stamm wie eine Säule von grauem Marmor emporitieg. Ich Hatte fie lange nicht mehr gefeben; fie (djiet mit ber Zeit nodj immer fehöner zu werden und hatte bie Arme über einander gefchlagen, eine 9tojenfno[pe im Munde, mit melder ihre Lippen nadjläffig [pielten. Sie grüßte eines um das andere, ohne fid) in ein Geſpräch einzulafien, unb als ih ſchließlich auch an die Reihe fam, nidte fie mir leicht zu mit einem etwas tronifchen Lächeln.
Der Schulmeifter begrüßte uns mit Freuden und vor allen feine Tochter, bie er jebnlid) zurüd erwarte. Denn fie war nun die Erfüllung feines Ideales geworden, fchön, fein, gebildet unb von anbüdjigem, edlem Gemüte, unb mit bem be[djeibenen Rauſchen ihres Geibenf[eibe8 war, nicht in ſchlimmem Sinne, eine neue ſchöne Welt für ihn aufgegangen. Er hatte zu feinem bisherigen Vermögen mod) eine gute Erbſchaft ge madj und benuóte diefe, ohne Vornehmthuerei, fid) mit aller- band anftändigen Bequemlichkeiten zu umgeben. Was feine Tochter nad) den aus Wälfchland mitgebradjten Bedürfnifien irgend wünſchen fonnte, ſchaffte er augenblidíid) an und über: dies eine Anzahl ſchöner Bücher für feine eigenen Wünfche. Auch Hatte er feinen grauen Frack mit einem feinen ſchwarzen Qeibrod vertaujdjt, menn er aus$ging, und im Haufe trug er einen ehrbahren talarartigen Schlafrod, um mehr dag Anſehen eines würdigen, Dalbgeijtfiden Privatgelehrten zu gewinnen.
— 809 —
Was irgend mit einer Stiderei geziert werben fonnte an feiner Berfon oder an feinem Geräte, das zeigte diefen Schmud in allen Manieren unb Yarben, da ihm foldher ausnehmend gefiel und Anna reichlich dafür [orgte. In bem feinem Orgelſaale fand nun ein prädtiges Sofa mit bunt geftichten Kiſſen unb por demfelben lag ein großblumiger Teppid) von Annas Hand. Diefe reiche $yarbenpradjt an einer Stelle zufammen- gehäuft, nahm fi) vortrefflih und eigentümlid) aus im Gegen- (tpe zu dem einfachen weiß getündjten Saale. Nur die Orgel bot noch einigen Schmud in glänzenden Pfeifen und mit ihren bemalten Thürflügeln. Anna erfhien nun in einem weißen Kleide und fegte fih an die Orgel. Sie hatte in der Ben- fion Klavier [pielen müfjen, lehnte e8 aber ab, ein Klavier zu baben, als ihr Vater fogleich ein ſolches anſchaffen wollte; denn fie war zu klug und zu Stolz, die gewöhnliche Klimperei fortzufegen.. Dagegen wandte fie das Erlernte dazu am, jid) für einfache Lieder auf ber Orgel einzuüben; fie begleitete al[o jet unferen Gefang unb ber Schulmeifter weilte dafür ſingend in unferm Kreiſe. Er ſchaute fortwährend feine Tochter an und idj ebenfalls, ba mir ihr im Nüden ftanden; fie [ab wirflih aus wie eine heilige Gücilie, während die Stellung ihrer weißen Finger auf den Taſten nod) etma8 Kindliches ausdrüdte. 9([8 mir des mufilalifchen Bergnügens [att waren, gingen mir vor das Haus; dort mar aud) vieles verändert. Auf dem Zreppdjen ſtanden Granat»s unb Dleanderbäumden, ba8 Gürtdjen war nit mehr ein Fraufes Roſen⸗ und Gelb. veigeleingärtchen, fondern Annas jegiger Erſcheinung mehr an» gemeffen mit fremden Gewächſen und einem grünen Tiſche nebft einigen Gartenftühlen verfehen. Nachdem mir hier eine Heine Abendmahlzeit eingenommen, gingen wir an das Ufer, mo ein neuer ftabn lag; Anna hatte auf dem Genferfee fahren gelernt unb ber Schulmeifter deswegen das Yahrzeug machen
— 310 —
laſſen, das erfte, weldhes auf bem Heinen See feit Menſchen⸗ gebenfen zu feben mar. Außer dem Gdjulmei|ter fliegen wir alle hinein und fuhren auf das ruhige glänzende Waſſer hinaus; idj ruderte, da idj als Anmohner eines größeren Sees aud meine Künſte zeigen wollte, unb die Mädchen faßen bidt bet fammen, die Burſche aber hielten fih unruhig und ſuchten Scherz und Händel. Endlich gelang es ihnen, ba8 Gefedt wieder zu eröffnen, zumal fid ihre Schweitern aus ber ge.
meffenen Haltung heraus nad) freier Bewegung fehnten. Sie batten fid) nun genug darin gefallen, mit Anna die Keinen — und Geftrengen zu madjen, und wünſchten vorzüglid die Früchte
be8 Spukes, meldjen fie fid) mit meinem Bette erlaubt hatten, mit Glanz einzuernten. Deshalb wurde ih bald ber Gegen- itand des Gefprädhes; Margot, bie ültejte, berichtete Unna, daß ich mich als einen jtrengen Feind der Mädchen bargeitellt Hätte und wohl nicht zu hoffen wäre, daß ich jemals mid eines ſchmachtenden Herzens erbarmen würde; fie warne daher Anna zum voraus, fid) nicht ema früher oder [püter in mid) zu pet» lieben, da idj fonft ein artiger junger Menfh [ei. Darauf bemerite LQifette, e8 wäre dem Schein nicht zu trauen; fie glaube vielmehr, daß ich innerhalb Lichterloh brenne vor Ber- liebtheit, in men, wiſſe fie freili nicht; allein ein ficheres Seidjen davon wäre mein unrubiger Schlaf, man babe am Morgen mein Bett im allerfonderbarften Zuſtande gefunden, bie Qeimtüdjer ganz vermidelt, fo daß zu vermuten, id) babe mid) die ganze Nacht um mich felbjt gedreht wie eine Spindel. Scheinbar beforgt fragte Margot, ob idj in ber That nidt gut gefchlafen? Wenn bem fo wäre, [o wüßte fie allerdings nicht, was fie von mir halten müßte Sie molle inzwiſchen hoffen, daß id) nicht ein [older Heuchler fei unb ben Mädchen⸗ feind fpiele, während ich vor Liebe nicht wüßte, mo hinaus! Ueberdies wäre idj bod) nod) zu jung für joldje Gebanter
— 911 —
Lifette ermiberle, eben das fei das Unglüd, daß eiu Grün ihnabel mie ich [don fo heftig verliebt jei, daß er nidjt ein» mal mehr fchlafen könne. Dieſe legte Rede brachte mid) endlich auf und ih rief: „Wenn ich nicht ſchlafen fonnte, fo geſchah das, weil idj durch euere eigene Verliebtheit bie ganze Nacht geitórt wurde, und ich babe menigftens nicht allein gemadjt!" „D gewiß find mir aud) verliebt, bis über bie Ohren!” fagten fie etwas betroffeu, faßten fi) aber jogleid) und bie ältere fuhr fort: „Weißt bu was, SBetterdjen, wir wollen gemeinfam zu Werke geben; vertraue uns einmal deine Leiden und gum Dante dafür follft bu unfer Vertrauter merben und unjer Rettungsengel in unjeren Liebesnöten!” „Es bünft mich, bu baft feinen Rettungsengel notwendig,“ antwortete idj, „denn an deinem Fenſter fteigen bie Engel fdjon ganz lujtig bie Leiter auf und nieder!" — „Hört, nun redet er irre, e8 muß (don arg mit ihm jtehen!” rief Margot, rof merbenb, und &ifelte, weldhe noch bei Zeiten fid) verfhanzen wollte, fette Hinzu: „Ab, laßt ben armen Jungen in Ruh, er ijt mir redjt lieb unb dauert mid!" „Schweig bul" fagte id) nod) mehr erboft, „dir fallen bie Liebhaber von ben Bäumen in bie Kammer!“
Die Burſche Hopften in die Hände und riefen: „bo, fteht e$ fo? Ser Maler bat gewiß etwas gefehen, freilich), freilich, freilich! Wir haben’s [djon lange gemerkt!" und nun nannten [ie bie begünftigten Liebhaber ber beiden Dämchen, welhe uns den Stüden wandten mit den Worten: Larifari! ihr feit alle verlogene Schelme uud ber Maler ein recht bojer Oauptlügner!" Lachend und flüfternd unterhielten fie fid) bierauf mit ben anderen beiden Mädchen, die nicht recht wußten woran fie waren, unb alle würdigten uns feines Blickes mehr. So Hatte ih bas Geheimnis, das ih am Morgen großmütig zu verſchweigen gelobt, nod) vor Untergang der Sonne aus; Geplaubert. Dadurch mar der Krieg zwifhen mir und ben
— 312 —
Schönen erflärt und ich fah mich plößlich hHimmelmeit von bem Ziele meiner Hoffnungen gerüdt; denn id) badjte mir all: Mädchen ala eng verbündet und gleihfam Eine Berfon, mit mwelder man im ganzen gut jtehen müfle, wenn man ein Zeilen gewinnen wolle.
GENDER EE ÉD ———H84ÍWRREENNND sonou 9991u95n0991011950050101091019109001(101009100109010010191590719900100191091000001094000:109010 50009
be rM PPP DQWEMHOPEMuM - um I Jr mg ung — —— IPTE UI EU E UU — — ———— UAI AUR —— ——— — — 359u91010u01404u09109u040u010491000919091900091090095n000949001009190914000910u9094000910094 ———————————————————Á—————————u— —— —————— áÓÁd(——————Á—
Meuntes Kapitel. Der Bhilsfophen- uud Madchenkrieg.
Um biefe Zeit wurde ber zweite Lehrer des Dorfes ver- fegt und an feine Stelle fam ein blutjunges Schulmeilterlein von faum fiebzehn Jahren, welches bald ein Auffehen in der Gegend madjte. ES mar ein wunderhübfhes Bürſchchen mit rofenroten Wänglein, einem Heinen lieblihen Munde, mit einem Heinen Stupfnäschen, blauen Augen und blonden gelodten Haaren. Er nannte fid) ſelbſt einen Philofophen, weshalb ibm biefer Rame allgemein zu teil wurde, denn fein Weſen und Treiben war in allen Stüden abfonderlid. Mit einem vor» trefflihen Gebüdjtnilje begabt, Hatte er bie zu feinem Berufe gehörigen Kenntniffe bald erworben unb fid im Seminare daher mit dem Studium von allen möglichen Philofophieen ab» gegeben, welche er den Worten nad) auswendig lernte; denn et behauptete, der beite Volksſchulmeiſter fei nur derjenige, welcher auf dem bodjiten unb Hariten Gipfel menſchlichen Willens ftände, mit dem umfaffenden 3Blide über alle Dinge, daß 3Be- wußtſein bereichert mit allen Ideen ber Welt, zugleich aber in Demut und Einfalt, in emiger Kindlichkeit wandelnd unter ben Kleinen, wo möglichſt mit den Heinften. Demgemäß lebte er
— 314 —
wirklich; aber dies Leben war feiner großen Jugend wegen eine allerliebfte Zraveitie in Miniatur. Gleich einem Stare mußte er alle Syiteme von Thales bi$ auf Beute herzufagen; allein er veritand fie immer im wörtlichſten unb finnlidjiten Sinn, wobei beſonders feine Auffafjung der Gleichniſſe und Bilder einen komiſchen Unfug Berporbradjte. Wenn er von Spinoza ſprach, fo war ibm nidjt etwa die Sbee aller möglichen Stühle der Welt, als ein Stüd zweckmäßig gebrauchter Materie, ber Modus, fondern der einzelne Stuhl, der gerade vor ibm jtanb, war ihm ber fertige und vollftändige Modus, in toeldjem bie göttlihe Gubjtang in wirklichſter Gegenwart jtedte, und ber Stuhl wurde baburd) geheiligt. Bei Qeibnig fiel ihm nid, etwa die Welt in einem greulidjen Monadenftaub auseinander, fondern die SKaffefanne auf dem Zijd, mit meldjer er gerade eremplierte, drohte auseinander zu gehen und der Kaffee, weldher im Gleihnis nicht mitbegriffen, auf ben Tiih zu fließen, fo baB ber Philoſoph fich beeilen mußte, burdj bie prüjtabilierte Harmonie bie fanne zufammenzuhalten, wenn mir den er» quidenben Trank genießen wollten. Bei Kant hörte man das göttlihe Poſtulat jo leibhaftig und zierlid erklingen, mie em Poſthörnchen, aus ber tiefen Ferne der inneriten Bruſt; bei Fichte verfhwand wieder alle Wirklichkeit gleih den Trauben in Auerbachs Keller, nur daß wir nicht einmal an unfere 8ajen glauben durften, welche wir in den Händen bielten; wenn Feuerbach fagte: Gott ijt nichts anderes, al8 was der Menſch aus feinem eigenen Weſen und nad) feinen Bedürfniffen ab. gezogen und zu Gott gemadjt Hat, folglich ijt niemand als der Menſch diefer Gott felbit, fo verfegte fid) ber Philoſoph [ogleid) in einen myſtiſchen Nimbus unb betrachtete ſich felbit mit an- betender Berehrung, fo daß bei ihm, indem er bie religiöle Bedeutung des Wortes immer beibebielt, zu einer Tomifchen Blasphbemie wurde, was im Buche bie’ ftrengite Entfagung und
— 315 —
Selbftbeihräntung war. Am brolligiten nahm er fid) jebodj aus in feiner Anwendung ber alten Schulen, deren Lebens» zegeln er in feinem äußeren Behaben vereinigte. Als Cyniker ſchnitt er alle überflüffigen Knöpfe von feinem 9tode, warf die Schuhriemen weg unb riß das Band von feinem Hute, trug einen derben Brügel in der Hand, welder zu feinem zarten Gelichtchen feltíam fontrajtierte, und legte fein Bett auf den bloßen Boden; bald trug er fein [djone8 Goldhaar in langen tauſendfach geringelten Locken, weil die Schere überflüflig fei, bald jdjnitt er e8 fo bid am Kopfe weg, daß man mit bem feinften Zängelden faum ein Härden bätte faſſen Zönnen, indem er bie Loden als ſchnöden Qurus erflärte, und er jab bann mit feinem kahlen Roſenköpfchen nod) viel Iuftiger aus. Sm Gjjen war er binwieder Gpifurder, und die gewöhnliche Dorfloft verſchmähend, ſchmorte er fid) ein faures Eihhörndhen, briet ein Fiſchchen oder eine Wachtel, bie er gefangen hatte, und aß ausgefuchte Heine Böhnchen, junge früutdjen u. dgl., wozu er ein halbes Gläschen alten Wein tranf. Als Stoifer bingegen richtete er allerhand [paßhafte Händel an und bradjte die Leute in Harniſch, um in dem entitandenen Lärm dann einen falten Gleihmut au behaupten unb fi nichts anfedjten zu laffen; insbefondere aber erklärte ex fid) als einen Verächter ber rauen und führte einen bejtändigen Krieg mit ihnen, melde mit ihren finnlihen Neizen und ihrem eitlen Wefen bie Männer ihrer Tugend und Ernſthaftigkeit berauben wollten. Als Cyniker verfolgte er die Frauen und Mädchen überall mit Ratürlichfeiten, ala Gpifurüer mit erotifchen Witzen, und als Stoiker jagte er ihnen Grobheiten, war aber immer zu finden, mo drei bei einander ftanden. Sie wehrten fid) mit geräufchnollem Entſetzen gegen ihn, fo daß überall, mo er er. Idien, ein Iuftiger Spektakel losging; nidjt8 deito weniger fab man ihn ziemlich gern; die Männer adjteten. nicht auf ihn und
— 316 —
die Kinder Bingen mit großer Liebe an ibm; denn mit biejen rar er auf einmal wie ein Lamm und ftand in dem beiten Berhältniffe zu ihnen. Er hatte bie Allerkleinften zu beforgen und er that dies fo vortrefflih, daß man nod) nie einen jo mohlgearteten Schlag Meiner Züngeldhens und Dirndens im Dorfe gefehen Hatte Deshalb überjab man feine übrigen Gejídjidjten, bie er anrid)tete und bie man feiner tollen Jugend zuſchrieb; und felbit, daß er fid für einen Atheiſten ausgab, lonnte ihn der Gunjt des weiblihen Dorfes nidjt berauben.
Er fand fidj audj im Haufe meines Oheims ein, wo eine gute Anzahl Mädchen unb junger Burfche, bie durch vielfältigen Beſuch nod) verjtärkt wurde, für feine Aufführungen empfánglid) tar. Ich gefellte mich bem Philoſophen bei, eine8teil8 von feinem Philofophieren angezogen, anberntet[8 von feinem Weiber- friege, da biejer gerade mit meiner [defen Lage gu ben Mädchen zufammentrf. Wir madten große Spaziergänge, auf melden er mir die Gpiteme der Reihe nad) vortrug, mie er fie im Kopfe Hatte und wie ich fie periteben fonnte. G8 fam mir alles äußerjt midjtig und erbaulid) vor, und id) ebrte bald, gleidj ibm, jede Lehre unb jeden Denker, gleidjviel, ob wir fie billigten oder nicht. Ueber den dhriftlichen Glauben waren mir bald einig und madjten in bie Wette unfern Krieg gegen Pfaffen und Autoritätsleute jeder Art; als ich aber den lieben Gott und bie Unfterblifeit aufgeben ſollte und ber Philoſoph diefes mit höchſt unbefangenen Auseinanderfegungen verlangte, da [adjte ich ebenfo unbefangen, und e8 fam mir nicht einmal in den Sinn, bie Gadje ernjtlih zu unterhudjen. Ich fagte, am Ende wäre bie Hauptformel einer jeden Philo- [opbie, unb fei dieſe nod) fo Togijd), eine ebenfo große und greulidje Myſtik, wie die Lehre von ber Dreieinigfeit, unb ich wollte von gar nichts wiſſen, al8 von meiner perfönlichen an; gebornen llebergeugung, ohne mir von irgend einem Gterbliden
— 311 —
etwas dazwiſchen reden zu lafjem. Außerdem, daß ich nicht mußte, was ich anfangen follte ohne Gott, und der Meinung war, baB ich einer Vorſehung im Leben nod) febr benötigt fein würde, band mid) eine Art künſtleriſchen Fühlens an biefe Ueberzeugung. Ich glaubte, daß alles, was SRen[djen zumege bringen, feine Bedeutung nur daburd) babe, daß fie e8 zumege zu bringen permodjten und daß e8 ein Wer! der Vernunft und be8 freien Willens fei; deshalb fonnte mir bie Natur, an bie ih gewiefen war, aud) nur einen Wert haben, menn id) fie als das Werk eines mir gleichfühlenden unb vorausfehenden Geiſtes betrachten durfte. Ein ſonnedurchſchoſſener Buchengrund lonnte nur dann ein Gegenjtand der Bewunderung fein, wenn ih ihn mir duch ein ähnlihes Gefühl ber Freude unb der Schönheit ge[djaffen badjte. „Sehen Sie dieſe Blume," fagte id zum Philoſophen, „es ijt gar nit möglich, daß biele Symmetrie mit diefen abgezählten Punkten und Zaden, Diele weiß unb roten Streifchen, Died goldene fróndjen in der Mitte nicht vorher gedacht feien! Und wie jdjon und lieblid) ijt fie, ein Gedicht, ein Kunſtwerk, ein Witz, ein bunter und duftender Scherz! So was madt fi nicht ſelbſt!“ — „Auf jeden Fall ift fie ſchön,“ fagte ber Philofoph, „fei fie gemadjt oder nid)t gemadjt! Fragen Sie einmal! Sie fagt nichts, fie Hat aud) nit Zeit dazu, denn fie muß blühen und kann fid nicht um Ihre Zweifel kümmern! Denn das find alles Zweifel, was Sie vorbringen, Zweifel an Gott und fchnöde Zweifel an ber Satur, und e8 wird mir übel, wenn ih nur einen Zweifler höre, einen empfindfamen Zweifler! D weh!" Er Hatte biejen Trumpf beim Disputieren älterer Leute gehört und brachte benfelben wie ähnliche Fechterkünſte, bie er fid) angeeignet, gegen mif vor, fo daß ich fdjlieplid) geſchlagen wurde; befonders fagte er zulegt immer, ich verftehe eben bie Gadje nod) nidt und wüßte nicht richtig zu benfen, was mid) dann gewaltig
— 318 —
erbofte, unb mir gerieten mandjmal in grimmigen Sanf. Doch vereinigten wir und immer wieder, wenn mir mit ben Mädchen zufammentrafen, wo mir einen gemeinfamen Kampf zu be= jtehen hatten, von allen Seiten angegriffen. Wir fchlugen unjere Yeinde eine Zeit lang mit unferen Sarfasmen fiegreid) zurüd; menm fie aber nidjt mehr weiter fonnten unb zu febr gereizt waren, jo ging der Krieg in Thätlichkeiten über; eine einzelne begann damit, einem von uns unper[eben8 ein Glas Waſſer über den Kopf zu gießen, und alfobald war ein hitziges Sagen und Verfolgen durch Haus und Gärten im Gange. Andere Burſche madjten fid) ſchnell herbei, denn fünf bis ſechs zomige Mädchen waren eine zu reizende Gelegenheit für fie. Man warf fid mit Früchten, ſchlug fid mif ausgeriffenen Steijeljtauben, fuchte fid) gegenfeitig ins 9Sajjer zu drängen, wobei man ins allerengite Handgemenge fam, und id war febr verwundert, die tollen Kinder fo rührig unb mebrbar zu finden. Wenn idj eine junge Wilde mit aller Kraft umfaßt hielt, um fie zu bändigen, während fie mid) böslich zu [djübigen begehrte, fo ftritt id) ganz ehrlich und tapfer, ohne irgend einen Rebenvorteil zu juden, und idj wußte gar nicht, daß ih ein Mädchen in den Arm preBte. Solche Gefechte geldjafen immer in Annas Abweſenheit; einit aber entzündete fif) der Streit in ihrer Gegenwart, ohne daß man e8 gemollt Hatte, unb fie wollte fid) fchleunigft falvieren; idj aber, ber eben Dipig einer anderen nadjitellte, um fie für eine meudjerijdje Bosheit zu betrafen, kriegte plöglih Anna zu faffen und ließ erjchroden meine Hände finten.