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Gesammelte Werke

Chapter 26

Section 26

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Zungfrauen mit euren Lampen! Obgleich jede nur gu bald ihren irbifdjen Bräutigam haben wird, fürdjte ich bod), das Del eurer Geduld reihe nicht aus für bie kürzeſte Friſt; löſcht eure Lichter unb ſchämt eud im Dunklen, [o jpart ihr bas bischen Del, ihr verliebten Singer!"
Eine Magd trug gerade ein Becken mit Waſſer Dineim; fie taudjten ihre Finger in das Waſſer und [prigten mir das» felbe ins Geſicht, während fie mit ihren brennenden Lämpdhen mir um Haar und Naje berumzündeten und mich Bart be» drängten. „Mit Feuer und Waſſer,“ fagten fie, „weihen mir bid zu ewigen Frauenhaſſe! Nie [oll eine münfdjen, biefen Haß [djminben zu feben und das Licht der Liebe fol dir für immerbar erlöfhen! Schlafen Sie recht wohl, geitrenger Herr, und träumen Sie von feinem Mädchen!” Hiermit bliefen fie meine Kerze aus und huſchten auseinander, daß ihre Lichtchen in dem dunklen Haufe verſchwanden und id) im Finſtern Stand. Wd tappte in das Zimmer, ftieß an alle Gegenitände und jtreute in der Dunkelheit mißmutig meine Kleider auf bem Boden umher. Und als idj endlich das Kopfende des Bettes gefunden und midj rajd) unter bie Dede ſchwingen mollte, fubr id mit den Füßen in einen verwünſchten Sad, daß id) fie nicht ausftreden Tonnte, fondern in meiner gewaltfamen Bewegung auf das unangenehmfte gehemmt und zufammen- gebogen wurde. Die Seintüdjer waren, infolge einer ländlich⸗ fittlihen Neckerei, fo künſtlich in einander gefchürzt und gefaltet, daß e8 allen meinen ungebulbigen Bemühungen nidj gelang, fie zu entwirren, und idj mußte midj in ber unbequemjten und [üdjerlid)iten Lage von der Welt zum Schlafe zufammen- fauern. Allein biejer wollte frog meiner Müdigkeit fid) nicht einfinden; ein ürgerlidje8 unb beſchämendes Gefühl, daß id) mid) in eine [defe Stellung geworfen, bie Beſorgnis, wie Anna fih zu all biefem verhalten würde, unb das verherte
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Bett ließen mid) bie Augen nur auf Augenblide fchließen, mo dann bie verworrenften Traumbilder mid) verfolgten. Die Naht im Thale war unruhig und geräufchooll, denn e8 mar diejenige be8 Sonnabends auf den Sonntag, in welcher die ledigen Burſche bis zum Morgen zu jdjmürmen und ihren Lie beswegen nachzugehen pflegen. Ein Teil berjelben durchzog in Haufen fingend und jaudjgenb die nädhtlide Gegend, bald fern, bald nah hörbar merbenb; ein anderer Teil ſchlich einzeln um bie Wohnungen ber, mit verbaltner Stimme SRábdjen- namen rufend, Leitern anlegend, Steinden an Tyenfterladen werfend. Ich jtand auf und öffnete das Fenſter; baljamijdje Mailuft firómte mir entgegen, bie Sterne zwinkerten verliebt hernieder, ein Käbchen budte fid) um bie eine Hausede, um die andere bog ein [djlanfer Schatten mit einer langen Leiter und lehnte fie an das Haus, drei ober pier Yenjter von mir. Rüſtig flomm er bie Sproffen entlang und rief halblaut ben Namen der älteiten Bafe, worauf das Fenſter leije aufging und ein traulidhes Geflüfter begann, von einem Geräuſche unterbrochen, welches von demjenigen feuriger Küſſe nid im geringften zu unterfheiden mar. „Oho!“ badte id, „das find feine Gefdjidjten!" und indem ich fo dachte, fab ich einen anderen Schatten von bem Fenſter ber mittleren Bafe, melde eine Treppe tiefer fchlief, fid) auf den Wit eines nahen Baumes ſchwingen und ffinf zur Erde gleiten; faum war er aber fünfzig Schritte entfernt, fo brad) er, den fernen Nachtſchwärmern antwortend, in ein mörderlides Jauchzen aus, weldes weit⸗ bin mwiderhallte.
Mit fehr ungewohnten Empfindungen machte idj por. fihtig das Fenſter zu und fuchte in meinem boshaften Sein: manblabyrintb Mädchen, Liebe, SRainadjt und Verdruß zu ver» geilen.
Rod) gemifdjtere Gefühle jedoch Tehrten zurüd, als id)
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am Morgen meine nádjfidjen Erfahrungen bebadjte. Zuerſt befiel mich eine befümmerte Entrüftung gegen meine Bafen und ihre Liebhaber. Es madjte mir den Ginbrud, mie menn in einem verfchloffenen Garten allerlei Freimaurerei getrieben würde und ih ala ein Berhöhnter vor bem Thore jtünbe. Indeſſen befchloß ich, al8 e$ darauf anfam, in bie große Wohnſtube zu gehen und mein nächſtes Benehmen zu ordnen, potberbanb gänzlihe SSer|djmiegenbeit zu üben, und Diefer Entſchluß fam mir fo edel und großmütig vor, daß id, ganz aufgebläht davon, wähnte, bie Mädchen müßten mir meine GroBmut auf der Stelle anfehen, al8 idj in die Stube trat. Qd) erregte jebod) nicht die mindeite Aufmerkſamkeit; wohl aber fab id) an einem der enter eine ſchlank aufgemadjjene jung. früulidje Gejtalt jtehen, umgeben von meinen drei Bafen. An ihren eigentümliden Zügen unb ber veränderten und bod) gleich lieblich gebliebenen Stimme erfannte ich jogleid) Anna; fie fab fein und nobel aus und idj blieb ganz ratlos und verblüfft jtehen. Still und befcheiden fdjaute fie in die Landfchaft hin⸗ aus unb bie Bafen jpradjen gedämpft, zierlich und vertraulich mit ihr, wie e8 die Weiber zu thun pflegen, wenn fie einen Beſuch haben, der ihrer Gefelihaft zum Schmude gereidjt. Es ging jo freunblidj andädtig zu, ala ob bie vier hübfchen Kinder geraden Weges aus einer Kloſterſchule kämen, unb be: ſonders die Töchter des Haufes [dienen nicht bie leifeite Er» innerung an den Ton des gejtrigem Abends zu begen. Un⸗ befangen grüßten fie mich, al8 ich endlich bemerkt murbe, und itellten mich der Anna vor. Wir fahen auf ben Boden unb boten und bie $yinger[pigen, die fi) faum berührten, wobei fie, wie ih glaube, einen Heinen höflichen Knix madjte. Sd fagte ganz verlegen: „Sie find al[o mieber aurüdgelebrt?" worauf fie ermiberte: „Ia” — mit bem Tone eines Glöckchens, welches nicht redjt weiß, ob e8 anfangen fol, Mittag ober
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Vesper zu lüuten. Hierauf [jab idj mid) wieder au8 bem Mädchenkreife Derausperjegt, ohne au wilfen auf melde Beife, und machte mir eifrig mit einer Kate zu fchaffen, indeſſen id) Anna verjtohlen betrachtete. Sie mar eine ganz andere Ge (tait geworden, von einem ſchwarzen Geibenf[eibe ummallt, ihr Goldhaar lag ídjlidt und vornehm gebunden nnb ließ eine forgfältige Behandlung ahnen, während früher mandje Löckchen fid auf eigne Hand gefräufelt und zwiſchen den Flechten Der: vorgegudt Hatten. Die Gefihtszüge waren in ihrer Eigen- tümlidjfeit ganz gleich geblieben, nur hielten fie fid) viel ruhiger, und bie armen, [fdjónen blauen Augen Hatten ihre Freiheit verloren unb lagen in den Banden bemußter Sitte. Dies alles unterfchied ich im Augenblid nicht genau, allein e8 madte zufammen einen folden Ginbrud auf mid, daß ich erichraf, ala idj mid) zum $yrübftüd, welches inzwifchen aufgetragen war, neben fie fegen mußte; denn der Oheim hatte, da Anna aus Wälſchland fam, feine franzöfifhen Künfte aus ber ele ganten Seit des Pfarrhaufes wieder zufammengelefen und zu mir gejagt: „Eh bien! monsieur le neveu! prenez place auprés de Mademoiselle votre cousine, s'il vous platt, parbleu! est-ce que vous n'avez pas bien dormi? Parait que vous faites la triste figure!" unb zu Anna, mit einem komiſchen SxagfuBe, indem er mit feinem Waldhörnchen falu- tierte: „Veuillez accepter les services de ce pauvre jeune homme de la triste figure, Mademoiselle! souffrez, s'il vous platt, qu'il fasse votre galant, pour que notre maison ilustre revisse les beaux jours d'autrefois! allons parler frangaise toute la compagnie!" Nun begann eine drollige Unterhaltung in franzöfifhen Brocken, welche fidj auf bie Iuftigfte Weife freugten, weil niemand fid) fchämte, feine Schmerfälligfeit und Unkunde zu verraten, und der Scherz als eine Art Huldigung der Anna Gelegenheit geben follte, ihre
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erworbene Bildung zu zeigen. Auch nahm fie be[djeiben aber fier an dem [eltjamen Gefpräde teil und bradjte ihre Reden mit artigem Accente vor, geziert mit den Wendungen wälfcher Konverfation, ald: En vérité! tenez! voyez! nu. j. f., wo» zwiichen ber Dheim, feine Geijtlidjfeit vergefjenb, einige diables! enfügte. Mir maren diefe Formen keineswegs geläufig unb ih fonnte meine Meinungen nur in firifter und nadter Ueber⸗ tragung vorbringen, dazu nit in bem lieblichſten Accente; daher fagte id) nur dann und warn oui und non oder je ne sais pas! Die einzige Redensart, meldje mir zu Gebote ftand, war: Que voulez-vous, que je fasse! und ich bradjte bie[e Dlüte mehrere Male an, ohne daß fie gerade paßte Als hierüber geladjt wurde, madjte mich dies trüßfelig und pers ſtimmt; denn mit jedem Augenblide, feit id) an das [eibene Kleid Annas ftreifte, wurde e8 mir bänger, daß id) als gänz- lid) wertlos und unbedeutend zum Vorſchein Täme, während id) bod) bisher überzeugt war, das Beſte und Höchſte fdjügen unb erjtreber zu wollen und gerade baburd) felber einen nicht unerheblichen Wert in mir zu fragen. Sn ber Theorie hatte id (don bie Welt erobert und audj verdient unb befonders über Anna burdjaus verfügt; ba nun aber bie Praris begann, jo beſchlich mid) gleich im Anfange eine vergagte Demut, meldje id ungefähr in folgende troßige und gewaltige Rebe zufammen- feßte: ,Moi, j'aime assez la bonne et vénérable langue de mon pays, qui est heureusement la langue allemande, pour ne pas plaindre mon ignorance du frangais. Mais Mademoiselle ma cousine ayant le goüt francais et comme elle doit fréquenter l'église de notre village, c'est beaucoup à plaindre, qu'elle n'y trouvera point de ses orateurs vaudois, qui sont si élevés, savants et devöts. Aussi, que son déplaisir ne soit trop grand, je vous propose, Monsieur mon oncle, de remonter en chaire, nous ferons
un petit auditoire et vous nous ferez de beaux sermons francais! Que voulez-vous que je fasse," fügte ich eimas verlegen Hinzu, als ich diefe 9tebe jo baftig und fließend als möglich gehalten hatte. Die Geſellſchaft mar febr verwundert über diefe langatmige Phrafe und betrachtete mi als einen unvermuteten Teufelöferl von Franzoſen, befonders da fie wegen ber Schnelligleit, mit der ich jpradj, nichts davon veritanden hatten, außer bem Dheim, welcher vergnüglid) ladjte. Man abnte freilich nicht, daß ich bie 9tebe im ftillen fórmlid aus gebadjt und daß ich keineswegs mit dieſer Geläufigkeit fortzu- fahren imftanbe wäre. Anna war bie einzige Perfon, welche alles veritanben, und fie fagte Fein Wort hierauf unb ſchien innerlid) beleidigt zu fein; denn fie ward rot und fab verlegen por fid) nieder. Sie verftand nämlich feinen Spaß in Bezug auf die waadtländifchen Geiftlichen, weil fie nebjt bem tyran. zöſiſchen einen Anflug ortbobor kirchlichen Wefend davon ge tragen batte. Da ich bemerkte, daß die verkehrte Art, meine innere Mutlofigfeit zu äußern, fajt einen üblen Ginbrud ge macht, fo flüchtete id) mid) ſobald möglid vom Tiſche hinweg. Es läutete nun ba8 legte Zeichen zur Kirche unb bie ganze Familie rüjtete fid) zum Kirchgange. Anna zog belle glänzende Seberbanb[djube an und die drei Mädchen des Haufes, melde bisher, obgleich ſtädtiſch gefleidet, mie bie Lanbmädchen ohne Handſchuhe zur Kirche gegangen, bradjten nun ebenfalls beren geitridte aus Seide oder Baummolle zum Borfchein und pußten fi damit aus. Anna zeigte, ald man aum Geben bereit war ein gejammeltes und andächtiges Weſen, ſprach nicht mehr viel unb fab vor fid) nieder; unb bie übrigen Bäschen, welche von jeher Iadjenb und fröhlich zur Kirche gegangen, gaben fid) nun auch ein feierliches Anfehen, daß id) ganz aus ber Berfaffung fam und nidjt wußte, wie id) mid) gebürben follte. Ich ftanb aus SBerfegenbeit am Dfen, obſchon bie junge Sommerfonur
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auf bem Garten fid) lagerte; man fragte mid), ob id) denn nicht mitginge? worauf id, um endlih mir wieder etwas Geltung zu verfhaffen, mit Wichtigkeit jprad); nein, ich hätte nicht Zeit, ih müßte jchreiben!
Heute ging das ganze Haus aur Kirche, wohl Anna zu Ehren, und nur id allein blieb zurüd. Durch das Tyenfter fab ih dem Zuge nad, welder fid burd) bie Wiefen unter ben Bäumen bin bewegte unb bann auf ber Höhe des frd. hofes aum Vorſchein fam, um enblid in ber Kirchenthür zu . verſchwinden. Diefe wurde bald darauf gefchloffen, das Ge. läute ſchwieg, der Gejang begann und Dallte deutlich und ſchön berüber. Auch biejer ſchwieg, und nun verbreitete fid) ein Meer von Stille über das Dorf, nur bie und ba, wie von Möven- ſchrei, burd) einen Träftigeren Auf des Prediger unterbrochen. Das Laub unb die Millionen Gräſer waren mäuschenftill, trieben aber nichts deito minder mit Hin» und Herwadeln allerlei lautloſen Unfug, wie mutwillige Sinder während einer feierlihen Verhandlung. Die abgebrodjenen Zone ber Predigt, welche durch einem offenen Fenſterflügel fih in bie Gegend verloren, Hangen feltfam und manchmal wie hollaho! mandhmal wie judjbe ober hopſa! bald in hohen Syilteltönen, bald tief grollenb, jet wie ein nádjtlider Yeuerruf und dann wieder wie ba8 Gelächter einer Qadjtaube. Während der Pfarrer predigte und ich Anna in Gedanken aufmerffam und fl dafiten fab, nahm id) Papier und Feder und fchrieb meine Gefühle für fie in feurigen Worten nieder. Ich erinnerte fie an bie zärtliche Begebenheit auf dem Grabe der Großmutter, nannte [ie mit ihrem amen und brachte [o häufig ala möglid) bas Du an, welches ehedem zwiſchen uns gebräuchlich gemejen. Ich warb ganz beglüdt über diefem Schreiben, hielt mandymal inne und fuhr bann in um fo fhöneren Worten wieder fort. Das Beſte, was in meiner zufälligen und zerftreuten Bildung
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angefammelt lag, befreite fid) Hier unb vermifchte fih mit ber Empfindung meiner augenblidlihen Lage. Ueberdies wob ſich eine jchmermütige Stimmung burdj ba8 Ganze, und als bas Blatt vollgejd)rieben war, burdjlas ich e8 mehrere Male, als ob id damit jedes Wort der Anna ind Herz rufen könnte. Dann reigte e8 mich, ba8 Blatt offen auf bem Zifche Liegen zu laffen und in den Garten zu geben, bamit e8 ber Himmel ober fonft mer durch das offene Fenſter lefen könne; aber nur die völlige Sicherheit, daß jegt bod) feine menfchliche Seele in der Nähe fei, gab mir bieje Verwegenheit, mit welcher idj zwijchen den Beeten auf und nieder fpazierte, nad) bem Fenſter hinauf ſchauend, Hinter meldem meine fchöne Liebeserklärung lag. Ich glaubte etwas Nechtes gethan zu haben unb fühlte mich zufrieden und befreit, verfügte mich aber bald wieder in die Stube, da ih dem Frieden bod) nicht recht traute, und fam gerade dort an, al8 das Blatt, burdj den Quftzug ge tragen, zum Fenſter Dinau2[üujelte. Es ſetzte fih auf einem Apfelbaume nieder; ich lief wieder in den Garten; bort jab ich e8 fid) erheben und mit einem gewaltigen Schuffe auf das Bienenhaus zufliegen, wo e8 Hinter einem vollen funmenben SBienenforbe fih feſt flemmte und verſchwand. Ich näherte mid) bem Korbe; allein die Bienen waren, in betradjt der furzen Sommerzeit, poligeilid von ber Gonntags[eier dispen- fleri, ihre Arbeit als Notwerk erflärt; es fummte und kreuzte fid vor dem Haufe, ba& an fein Durchkommen zu benfen mar. Unſchlüſſig und ängſtlich blieb ich ſtehen; doc ein empfind- Iiher Stih auf bie Wange bedeutete mir, daß meine Liebes⸗ erflärung für einmal der bewaffneten Obhut bieje8 Bienen- ſtaates anheimgegeben fei. . Für einige Monate lag fie allerdings fier Hinter dem Korbe; menn aber der Honig ausgenommen wurde, fo fam ficher aud) mein Blatt zu Tage, und was dann? Indeſſen betrachtete ich biefen Vorfall als eine höhere Yügung
unb mar halb und halb froh, meine Erflärung aus bem $e. reihe meines Willens einer allfälligen Entdeckung ausgefekt zu willen. Meine geitochene Wange reibend verließ id) endlich die Bienen, nicht ohne genau nachzuſehen, ob nirgends ein Zipfeldden des weißen Blattes hervorgude. Der Gefang in ber Sirdje ertönte wieder, bie Gloden läuteten und die Geſellſchaft fam im einzelnen Gruppen zerftreut nad) Haufe. Ich jtanb wieder oben am Fenſter und fab Annas Geftalt burdj das Grüne allmáblid) herannahen. Ihren weißen Hut abnehmend, ftand fie vor bem Bienenhaufe einige Zeit ftill und fehien bie fleißigen Zierdjen mit Wohlgefallen zu betradjten; mit nod) größerem Wohlgefallen betrachtete ich jebod) fie, welche fo ruhig vor meinem verborgenen Geheimnifle jtand, und idj bildete mir eim, daß die Ahnung desfelben fie an der blühenden und lieblicden Stelle feſthalte. MS fie herauf fam, zeigte fie jene zufriedene Fröhlichkeit Andächtiger, melde aus der Kirche fommen, unb made fid nun ein wenig lauter und zugäng⸗ licher, al8 vorher. Beim Mittageffen, wo id) wieder neben fie zu fiten fam, begann jebod) meine herbe füße Schule wieder. An Sonn und Feittagen gli ber Tiſch meines Oheims ganz feinem Haufe und zeigte deifen merkwürdige und malertfhe Sufammenjegung in allen Stüden. Drei Bierteile desfelben, von der Syugenb und den Dienftleuten befegt, trugen große ländlide Gdjüjjeln mit den ent[predenben Speifen: mädtige Stüde Rindfleifh und gewaltige Gdjinfen. — Steuer Bein au8 einem großen fruge wurde in einfache grünlidhe Gláfer geichentt, SRefjer unb Gabeln waren aufs billigjte be» ídaffen und die Löffel von Zinn. ad) ber Spike der Tafel zu, wo ber Dheim unb die allfälligen Gájte faßen, veränderte fi die Geftalt biefet Dinge. Dort waren die Grgebnilje ber Sagb ober bes Fiſchfanges nebft anderen guten Dingen in
Heinen Portionen aufgeltellt; denn da bie Muhme dem Zu—⸗ Keller L 30
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bereiten und Effen folder Gadjen nicht grün mar, fo behan⸗ belte fie diefelben apotheferhaft und fpißfingerig, gleich einem Grob[djmieb, der eine Uhr zufammenfegen will. Auf einem bunten alten Porzellanteller fag bier ein gebratener Bogel, dort ein Fiſch, einige rote Krebſe oder ein feines Salätchen. Alter ſtarker Wein ftand in Pleineren $yla[djen, uralte Ziergläfer ber per[djiebenjten Yorm dabei; die Löffel waren von Silber und das übrige Beſteck beitand aus den Trümmern früherer. Herrlichkeit, bier ein Meſſer mit einem Elfenbeinhefte, dort eine furz gezadte Gabel mit Emailgriff. Aus bem Gewimmel biejex Sierlidjfeiten ragte da8 ungeheure Brot wie ein Berg empor, als ein mächtiger Ausläufer des unteren Speijengebirges, befjen Anwohner fih an ber Ausfchließlichkeit ber oberen Feinſchmecker baburdj rádjten, daß fie eine [djarfe Kritit über deren Gefchid- Itdjfeit im Effen ausübten. Wer nicht ra|dj unb reinlidj einen Fiſch zu verzehren oder bie Knöchelchen eines Vogels zu zer legen mußte, batte für den Spott nicht zu forgen. Bei ber Mutter an bie einfachite Lebensweile gewöhnt, war meine Ge manbtbeit in Fiſch⸗ und Bogeleilen nur gering unb id [ab mid) daher am meijten den Wien ber Tiſchgenoſſen ausgefekt. Go hielt mir audj heute ein Knecht einen Schinken Ber unb bat midj, ibm bie[en Taubenflügel zu zerlegen, ba ich fo ge: íidjidt Hierin fei; ein anderer hielt mid) für vortrefflich geeignet, ben 9tüdgrat einer Bratwurft zu benagen. Dazu follte id) als angeblider Galan meine Schöne bedienen, was mir durchaus unbequem mar; denn außer daß e8 mir lächerlich porfam, ihr ein Gericht vorzubalten, ba8 ihr vor der Nafe ftand, unb id) ihr lieber mit dem Herzen, al8 mit den Händen dienen wollte, wo e8 nicht nötig war, reichte rıeine Kenntnis hierfür nicht aus, fondern idj prüjentierte mandymal den Schwanz eines Fiſches wo der Kopf gut war, und umgekehrt. Ich ließ fie aud) bald unbebient figen und freute mid) unbeſchwert ihrer Nähe; aber
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der Dbeim weckte mid) aus diefem Vergnügen, als er mid) aufforderte, Anna einen Hechtkopf auseinander zu legen unb ihr die Symbole des Leidens Chrifti zu zeigen, welche darin enthalten fein follten. Allein id) Batte bielen Kopf unbefehens gegellen, obfhon man früher davon geſprochen, unb jtellte mid) nun zugleich als einen unmiffenden Heiden bar; darüber ärger» lij, ergriff ih mit der $yaujt den mittlerweile entblößten Schinkenknochen, bielt ihn der Anna unter die Augen und jagte, Diet wäre mod) ein Heiliger Nagel vom Kreuze. Ich behielt nun freilich wieder recht in den Augen ber Spötter, bodj Anna hatte gerade [oldje Grobbeit nicht verdient, da fie mich nicht verfpottet und ganz [till neben mir gefeifen hatte. Sie wurde über unb über rot, ich fühlte augenblidlidj mein Unrecht und hätte aus Reue gern den Knochen verſchlungen. Das er, [parte mir aber nicht einen kleinen Verweis be8 Dheims, melder mid) erjudjt haben mollte, dergleichen Mitteilungen zu unterlajjen. Das Rotwerden war mun an mir und id) fagte niht3 mehr während ber übrigen Zeit, bie man am Tiſche au» Dradjte. Ich zog mich zurüd in bitterem Unmute und gedachte midj nicht mehr fehen zu laffem, bis meine Bafen mid) auf. fuhten und mid aufforderten, mit ihnen und ihren Brüdern Anna nach Haufe zu begleiten und den Gdjulmeijter zu bes [ufen. Da id in eine befdjümenbe Lage geraten, jo fanden fie e8 angemeffen, mid) burdj bieje Freundlichkeit daraus zu ziehen; denn fie mußten wohl, daß idj fonjt nad der Sitte jenes Alters nicht mitfommen fonnte wo ba8 Schmollen eine Ehrenſache unb an bejtimmte Gefehe gebunden ijt.