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Gesammelte Werke

Chapter 24

Section 24

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Weſen unb Verſtändnis gänzlich aurüdb[ieb. Haberſaat mar daher ſchon mad) bem erſten halben Jahre in einiger Verlegen- beit, was er mir vorlegen follte, ba er mid) aus Gorge für fij jelbft nicht fchon in feine ganze Sunft einweihen modjte; denn er batte mur nod) feine Behandlung der Waſſerfarben im Hinterhalte, weldhe, mie er fie veritand, ebenfalls feine Hererei war. Weil Nachdenken und geiítige Gewiſſenhaftigkeit im Re feftorium nicht gefannt waren, fo beftanb alles Können in bem. felben aus einer balb erworbenen leeren Aeußerlichkeit. Doch fand ich jelbit einen Ausweg, ala idj erklärte, eine Tleine Sammlung großer Kupferftihe mit meinem QTufchpinfel vornehmen zu wollen. Er bejag in derfelben etwa ſechs ſchöne Blätter, nad) Glaube Lorrain geitoden, zwei große Felſenlandſchaften mit Banditen nad) Salvator Rofa und einige Stihe nad) 3tuisbael und Goerbingen. Diefe Sadjen fopierte id) ber Reihe nad) in meiner geläufigen [redjen Manier. Die Glaube8 und Roſas gerieten nicht fo übel, ba fie, abgefehen davon, baB fie felbit etwas Tonventionell gejtodjen waren, aud) jonít mehr in ſym⸗ bolifyen und breiten Formen fidj barftellten; bie feinen und natürlichen Niederländer Hingegen zerarbeitete id) auf eine greulidje Weife, und niemand (ab biefe Lafterhaftigfeit ein. Doch legte fid) durch biefe Arbeit in mir ein Grund eblerer Anſchauung, unb bie fhönen unb burdjbadjten Formen, bie id) vor mir batte, bielten bem übrigen Treiben ein wohl thätiges Gegengewicht unb ließen die Ahnung bes Beſſeren mie ganz in mir verlöfhen. Auf der anderen Seite aber Beftete fif an bie Errungenfchaft ſogleich wieder ein Sadjteil, indem fh bie alte voreilige Erfindungsluſt regte und id), durch bie dnfadje Größe ber klaſſiſchen Gegenitände verführt, zu Haufe anfing, felber dergleihen Landfchaftsbilder zu entwerfen und diefe Thätigkeit balb in ber eigentlichen Arbeitszeit bei bem
| Weiter fortjegte, meine Entwürfe in an[prudjspollem Format
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mit ber eingelernten Fertigkeit ausführend. Herr Qaberíaat binderte mid in diefem Thun nidi, fondern fab es vielmehr gern, ba es ihn ber weiteren Sorge um zwmedfdienluhe Vor⸗ bilder entbob;. er begleitete die ungebeuertid)en und -wureifen Gedanken, welche ich zu Tage brachte, mit anfehmlichen Redens⸗ arten von Kompoſition, hiſtoriſcher Landfchaft' a. bergL, und ba8 alles brachte ein ‚gelehrtes Element in feine Werkitatt, bag ih bald für einen Teufelsburſchen galt und aud) bie Imftigen Ausfichten ber Zukunft, Reife nad) Stalien, Rom, ‚große Del- bilder und Kartons, was. man. mir alles vormalte, geihmeidhelt hinnahm. Doch überbob id) mich nit in Hiefen Dingen, [onbern lebte in: Einteacht und Schelmerei. mit meinen jungen Genofjen, umb war oft froh, dag ewige. Siten nnterbredjen zu können, indem: ih iren, bie gugleih der. Hausfrau unter thänig waren, einat Saufen Brennholz unter Dach: bringen half. Meberhaupt drängte fij bie Frau, eine zungenfexrtige und ftreitbare Dame, mit Hausweſen und Familiengeſchichten, Kind und Magd, häufig in das Refeltorium imb machte es zum Gdjauplage beifentbrannter Kämpfe, in. welche wicht fetten die ganze Mannſchaft permidelt wurde. Dann and bec Mann an ber Spige einer ihm ergebenew. Gruppe ber Frau gegen» über, melde mit mädhtigem Geräuſche vor: ihrem: Anhange fid) aufftellte und nicht ıcher abzog, als bis fie alles niedergeſprochen hatte, was fij ihr. entgegenfehte, mandymal befand ſich auch bas Ehepaar zuſammen "gegen daB ganze übrige Haus im Gtteite, oft auch begann der Kupferſtecher ober der Lithograph eine ‚drohende Bewegung als. Vaſall, indejlen die gemeinen Sklavenempärungen dee Koloriſten mit Macht niedergeſchlagen wurden. Ich ſelbſt fam mehr als. einmal in gefährliche Lage, indem mid bie ‚heftigen Scenen beluſtigten und ich dies zu. nnsorfdjtig. kund gab unb z. B. einſt eine ſolche thentraliſch nachbildete und in bem Halb verfalleuen Mreuggange des anie
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mit den jungen Malern zur Aufführung Dbradjte. Denn ob. glei) ish um biefe Zeit empfünglid) und geneigt gemelen wäre, ein feines und reinſtrebendes Geben. zu führen, ba während ber ſchönen Tage auf bem Lande eim Harles Ahnen in mir erwacht war, [o (ab id mid) bod, von entipsechendem Verkehr enthlößt, an das derbe Treiben des Refeltoriums gewiejen und machte allen Unfag getrenli und lebhaft mit, weil ih des Umganges inb ber Mitteilung. bedurfte und am menigiten mid auf weife Aurlidhaltung und halbe Teilnahme veritaub.
Daß aber das Heulen mit den Wölfen mir nicht Schaden that, wie. ic; glaube, verhütete ber freunblidge Stern Anna, ber immer im meiner Seele aufging, jobalb id in dem Haufe meiner Mutter ober auf einfamen Gängen wieder allein war. An. fie Inüp[te ih alles, weiten ih über den Tag hinaus bes durfte, und fie war das jtille Licht, welches das verbuntelte Herz jeden Abend erleuchtete, wenn die Sonne nieberging und in ber erhellten Bruft wurde mir dann immer aud) unfer guter Freund, ber liebe Gott, ſichtbar, ber um bieje Zeit mit erhöhter Klarheit begann, ſeine ewigen Rechte aud) an mir geltend zu madıen.
Ich hatte, nad) Büchern herumfpürend, einen Roman des Sean Baul in die Hände befommen. Sin bemjelben jdjien mir ploglid) alles tröftend unb erfüllend entgegenzutreten, was id bisher gewollt und gefudht, oder unruhig unb dunkel em. pfunden. Diefe Herrlichkeit madjte mid) ſtutzen, Dies fchien mir bas Wahre unb Rechte! Und inmitten ber Abendröten und Regenbogen, ber Lilienwälder und Sternenfaaten, ber raufdjenben und bligenben Gewitter, inmitten al’ des Feuer⸗ werles ber Höhe und Tiefe, in dieſen faumlofen jdjllernben Beltmantel gehüllt ber Unendliche, groß, aber voll Liebe, Heilig, aber ein Gott bes Lächelns und des Scherzes, furchtbar von Gewalt, bod) fij fchmiegend und bergend id eine Kinderbruft,
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bervorgudend aus einem Kindesauge, wie dad lOjterbásdgen aus Blumen! Das war ein anderer Herr und Gönner, ala ber filbenitecherifhe Patron im Katehismus!
Früher Hatte idj dergleichen etwas geträumt, bie Ohren hatten mir geläutet, num ging mir ein Morgen auf in ben langen 99internádjten, meldje hindurch idj an drei mal zwölf Bände des Propheten las. Und als der Frühling Pam und bie Nächte Fürzer wurden, [a8 id) von neuem in ben köſtlichen Morgen hinein und gemöhnte mir darüber an, lange im Bette zu liegen unb am bellen Tage, die Wange auf bem geliebten Buche, ben Schlaf des Geredjten zu ſchlafen. Wenn id) dann eradjte und enblidj bodj an bie Arbeit ging, war idj von einem Geiſte träumerifcher Willkür und Schranfenlofigfeit bes feflen, der noch bedenflicher war, als die früheren Auflehnungen.
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Sechſtes Kapitel. Fchwindelhaber.
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Als ber Frühling kam, welchen id) voll Ungeduld erwartet hatte, begab ich mich in den erſten warmen Tagen ins Freie, ausgerüſtet -mit ber erworbenen Fertigkeit, um an bie Stelle ber papiernen Vorbilder bie Natur ſelbſt zu ſetzen. Das Re— fektorium ſah voll Achtung und mit geheimem Neide auf meine umſtändlichen Zurüſtungen; denn es war das erſtemal, daß eines ſeiner Mitglieder die Sache ſo großartig betrieb, und das Zeichnen „nach ber Natur" war bisher eim wunderbarer Mythus geweſen. Ich ſelbſt ging nicht mehr mit ber unver- ſchämten, aber gut gemeinten Zutraulichkeit des letzten Sommers vor die runden, körperlichen und ſonnebeleuchteten Gegenſtände ber Natur, ſondern mit einer weit gefährlicheren unb ſelbſtge⸗ ſälligen Borniertheit. Denn was mir nicht klar war oder zu ſchwierig erſchien, das warf ich, mich ſelbſt betrügend, durch⸗ einander unb verhüllte es mit meiner unſeligen Pinſelgewandt⸗ heit, da ich, anſtatt beſcheiden mit dem Stifte anzufangen, ſogleich mit den angewöhnten Tuſchſchalen, Waſſerglas und Pinſel hinausging unb beſtrebt war, ganze Blätter im allen vier Ecken bildartig anzufüllen. Ich ergriff entweder ganze
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Ausſichten mit See und Gebirgen, ober ging im Walde ben Bergbächen nad, mo id) eine Menge Meiner unb hübſcher Waſſerfälle fand, melde fidj anfebnlid) zwiſchen vier Striche einrahmen ließen. Das lebendige unb zarte Spiel des Waffers im allen, Schäumen und eiligen WWeiterfließen, feine Durch⸗ ſichtigkeit und taufendfältige Widerfpiegelung ergößte mid, aber ich bannte e8 in bie plumpen Formeln meiner Birtuofität, daß Leben und Glanz verloren gingen, während meine Mittel nicht hinreichten, das bewegliche Weſen wiederzugeben. Leichter hätte id) bie mannigfaltigen Steine und $yel8trümmer ber Bäche, in reicher Unorbnung fiber einander geworfen, beherr⸗ fhen Tonnen, wenn nicht mein fünfilerijdje8 Gewiſſen per. bunfeft gemejen wäre. Wohl regte fid) diefes oft mahnend, wenn ich perfpeltivifhe Weinheiten und Verkürzungen ber Steine, irogbem daß id) fie fah und fühlte, überging und verhudelte, Ttatt den bedeutenden Yormen nachzugehen, mit ber Selbitentihuldigung, DaB es auf diefe ober jene Fläche nicht ankomme und die zufällige Natur ja aud) fo ausjeben könnte, wie idj fie barfiellte; allein bie ganze Weile wieines Arbeitens ließ foldje Gewifjensbilfe nid) zur Geltung kommen, und ber Meifter, wenn ih ihm meine Machwerke vorzeigte, war nicht darauf eingerichtet, der fehlenden Naturwahrheit nacdhzufpüren, bie fid) gerade in ben vernadjläffiigten Zügen hätte zeigen follen; fondern er beurteilte bie Sachen immer von ſeiner Stubenkunſt aus.
Abgeſehen von feinem Grundſahe der Reinlichkeit und Durchſichtigkeit des Vortrages, hegte er nur noch eine einzige Tradition, die er mir zu üÜberliefern für angemeſſen hielt, nämlich bie des Somderbaren und Krankhaften, mas mit bem Malerifhen verwechſelt wurde. Er ermunterte mi, Boble, zerriſſene Weidenſtrünke, vermwitterte Bäume und abenteuerlicht Telsgeipenfter aufzufucdhen mit den bunten $yatben der Fäulnis
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unb bes Zerfalles, und pries mir biefe Dinge als: intereffante Gegenitünbe an. Das fagte mir fehr zu, indem e8 meine SBbantajie teigle, und ich begab mid) eifrig auf die Jagd nad) ſolchen Erſcheinungen. Doch die Natur bot fie mir nur fpär- Id, fd einer volleren Gejunbbeit exfreuend, ala mit meinen Wünſchen verttáglid) war, und mas id aw unglüdlidem Ge. wächſe por[aub, bas murbe meinen überceiaten Augen bald zu blöde und harmlos, mie einem Trinker, ber nad) immer für» terem Gdjnapje verlangt. Das blühende Leben in Berg und Bald fing daher an, mir gleidjgültig zu werden im einzelnen, und id) ſtreifte vom Morgen bis zum Abend in ber Wülbnis umher. Ich drang immer tiefer in bisher nicht gelebene Winkel und Gründe, fand id) eine recht abgelegene und ge heimmisuolle Stelle, fo lieb ich mich dort nieder und fertigte raſch eine Zeichnung eigener Erfindung an, um ein Produkt nad) Haufe zu bringen. In derſelben häufte id) bie jeltfam- fen Gebilde aujawunen, bie meine Phantafie Hervorzutreiben vermochte, indem id die bisher wahrgenommenen Eigentüm- Ischleiten ber Natur mit meiner erlangten Fertigkeit verſchmolz und fo Dinge Derporbradjte, bie ich Herrn Haberfaat als in ber Natur beitehenb vorlegte und aus denen er nicht Flug werden konnte. Er gratulierte mir zu meinen Entdedungen und faub feine Ausfpräche über meinen Gifer unb mein Talent beitätigt, da ih Hiermit bemeife, daß id) unverlennbar ein fharfes und glüdliches Auge für bas Maleriſche Hätte und Dinge auffände, an welden taufend andere vorübergingen. Diefe gutmütige Täuſchung ermedie mir eine üble Qujt, ber gleichen fortzufegen und es förmlich darauf anzulegen, ben guten. Mann zu Dintergeben. Ich erfand, irgendwo im Dunkel bes Waldes figend, immer tollere und mutmilligere Graben von Felſen und Bäumen und freute mid) im voraus, daß fie mein Lehrer für wahr unb in nächfter Umgegend vorbanben.
erachten würde. Doch mag e$ mir zu einiger Entfhuldigung gereihen, daß id in alten Supferblättern, 3. B. von Swane- feldt, bie abenteuerfidjjten Yormationen als löbliche Meifterwerfe vorgebilbet [ab, und felbjt ber guten Meinung lebte, diefes fei das Wahre und immerhin eine trefflide llebung. Denn fdjon waren die edlen und gejunden Formen Claude Lorrains im flüchtigen Jugendgemüte wieder unter die Oberfläche getreten. Während ber Winterabende war im Nefeltorium etwas Yigu- renzeichnen getrieben worden, und ich batte mir, als ich eine Menge radierter, befleideter Staffagefiguren Topierte, einige oberflählihe llebung im Entwerfen foldjer erworben. So erfand ih nun zu meinen wunderliden Landſchaftsſtudien nod) viel wunderlichere Menſchen, zerlumpte Kerle, bie ich bem Re— feftorium zuirug, um ein tüchtiges Gelächter einzubeimfen. C$ mar ein nichtsnutziges und verrüdtes Geflecht, welches in Verbindung mit ber feltiamen Lofalität eine Welt bildete, bie nur in meinem Gehirne vorhanden war und endlich bod) meinem Borgejeßten verdächtig wurde. Doch bemerkte er nicht viel hierüber, fondern [teb mid) meine Wege gehen, ba ihm einerjeit8 bas frifche Gemüt mangelte, um ben Ränken meines Zreibend nadzufpüren und mid) darüber zu ertappen, und anberjeit$ Die Ueberlegenheit bes eigenen Wiſſens. Diele beiden Vermögen bilden ja ba8 Geheimnis aller Erziehung: unverwijchte lebendige Jugendlichkeit, meldje allein bie Jugend Tennt und burdjbringt, unb bie fichere Ueberlegenheit der Berfon in allen $yállen. Eines fann oft das andere zur Rotdurft erjepet, mo aber beide fehlen, ba ift die Jugend eine per. ſchloſſene Mufchel in ber Hand be8 Lehrers, bie er nur durd) Zertrümmerung öffnen Tann. Beide Eigenjchaften geben aber nur au$ einem und bemjelben letzten Grunde hervor: aus unbedingter Ehrlichkeit, Reinheit und Unbefangenheit des Be- Wußtſeins.
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Der Sommer mar mut auf feine volle Höhe gefchritten, als id) meinem geheimen Verlangen nad) der andern Heimat, bem entlegenen Dorflande, nadjgab unb mit meinen Sieben- fahen hinauszog. Die Mutter blieb wieder zurüd in entja- gender Unbeweglichkeit und Selbſtbeſchränkung, ungeadjtet aller freundlichen Aufforderungen, bie Wohnung bod) ganz zu fchließen und wieder einmal an den Orten ihrer Jugend fid) zu ergeben. Ich aber führte bie umfangreihen Früchte meiner zwifchen- meiligen Thätigfett mit mir, da ich mittelft derfelben ein gün⸗ ſtiges Auffehen zu erregen gedachte.
Die zahlreihen, Träftig geld)müraten Blätter verurfachten im Haufe meines Dheims allerdings einige Verwunderung, unb im allgemeinen ſah man bie Sache mit ziemlichem Reſpekt an; als jedod ber Dheim bie Zeichnungen betrachtete, welche id) nad ber Natur gefertigt haben wollte, (denn ich glaubte als eine Art Münchhauſen nadjgerabe felbjt daran, vorzüglich meil die Sahen dod unter freiem Himmel entitanden waren), ba jhüttelte er bedenflich ben Kopf unb wunderte fi), mo ich denn meine Augen gehabt hätte. In feinem realiftiichen Sinne, als Land» und Forſtmann, fand er trot aller Unkunde in Kunſt⸗ dingen ben Fehler fchnell und leicht heraus.
„Diefe Bäume,” fagte er „jehen ja einer dem andern ähnlich und alle zufammen gar feinem mwirflihen! Diefe Telfen und Steine fonnten feinen Augenblid fo aufeinander- liegen, ohne zufammenzufallen! Hier iff ein Wafferfall, beifen Maſſe einen der größeren Fälle verkündet, bie aber über Flein- ide Bachſteine ftürzt, al8 ob ein Regiment Soldaten über einen Span ftolperte; hierzu wäre eine tüdjtige Felswand et» fotberfid); inbeffen nimmt e8 mich eigentli wunder, wo zum Zeufel in ber Nähe der Stadt ein folder Yal zu finden ijt! Dann möchte ich aud) willen, was an joldjen perfaulten Weiden-
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fióden Zeichnenswertes ft, ba dünkte mich $odj eine gejunbe Gidje oder Buche erbaulicher u. ſ. f.“
Die Frauensleute Hingegen ärgerten ftf) über meine Baga- bunden, SKeffelflider uud Fratzengeſichter, unb begriffen wicht, warum id im Felde nicht: Fieber ein artiges vorlibergehendes Landmädchen oder einen anftändbigen Ackersmann abgebildet habe, ala mich fortwährend mit ſolchen Unholden zu beichäf- tigen; bie Söhne beladjten meine ungeheuerlichen Berghöhlen, bie unmöglichen und lächerlichen Bräden, bie menfhenähnlichen Steinföpfe und Saumfrüppel, und gaben jeder (oldjen Tollheit einen Iuftigen Ramen, deffen Lächerlichkeit auf mich zu fallen ſchien. Ich ftaub befhämt $a als ein Menſch, ber voll när- rifher und eiller Dinge iff, unb bie mitgebradjte künſtliche Kranfhaftigfeit verfrod) jid) vor ber einfachen Geſundheit dieſes Hauſes und ber ländlichen Luft.
Gleich am eften Tage mad) meiner Ankunft ſtellte mir der Dheim, um mich wieder auf eine reale Bahn zu leiten, bie Aufgabe, feine Beſitzung, Haus, Garten unb Bäume, genau und bedächtig zu zeichnen und ein getreneb Bild Davon zu ent- werfen. Er madjte mid aufmerffam auf alle Eigentümlid) feiten unb auf das, was er befonders hervorgehoben wünfdhte, unb wenn feine Andeutungen audj eher bem Bebürfniffe eines rüftigen Beſitzers, als demjenigen eines Sunftverjtändigen ent fpradjen, fo ward ih bodj baburd) genötigt, bie Gegenftánbe wieder einmal genau anzuſehen und in allen ihren eigentüm⸗ [iden Oberflächen zu verfolgen. Die allereinfadhiten Dinge am Haufe fefbjt, fogar die Ziegel auf dem Dache, gaben mir nun wieder mehr zu [djaffen, als ich je gebadjt Hatte, umb veran- laßten mid), audj bie umftchenden Sume in gleicher Weile gewilfenhafter zu zeichnen; ich lernte bie aufrichtige Arbeit und Mühe wieber fennen, und indem darüber ete Arbeit entitand, bie mid) in ihrer anſpruchloſen Durchgeführtheit jelbft unendlich
mehr befriedigte, ala bie marktichreierifchen Produkte ber jůngſten Seit, erwarb idj mir mit faurec Mühe den Sint des Schlichten, - aber Wahren.
Inzwiſchen erfreute ich mich des Wiederfindens alles deſſen, was ich im letzten Jahre hier verlaſſen, beobachtete alle Ver⸗ änderungen, welche etwa vorgefallen, und harrte im ſtillen auf den Augenblick, wo ich Anna wieberſehen oder wenigſtens zuerſt ihren Namen hören würde. Aber ſchon waren einige Tage verflofſen, ohne daß bie geringſte Erwähnung fiel; und je länger dies anbauerte, deſto minder bradjte ih bie Frage nah ihr hervor. Man ſchien fie völlig vergeifen zu haben, als wäre fie niemal3 ba gemefen, unb, mas mid innerlich frünfie, niemand jchien im geringften zu ahnen, daß idj irgend eine Berechtigung oder ein Bedürfnis befiben könnte, von ifr zu börn. Wohl ging ich halbwegs über ben Berg, oder in ben Schatten bes Flußthales, allein jedesmal Lehrte id) plötzlich um ans unerklärlicher Yurcht, ihr zu begegnen. Ich ging auf den Kichhof und ftand an dem Grabe ber Großmutter, melde "vun fhon feit einem Sabre in ber Erde lag; aber bie Qujt war windfiill vom Gedächtniſſe Annas, die Gräfer begehrten mijf8 von ibt zu wifſen, die Blumen flüfterten nicht ihren Kamen, Berg unb Thal fähwiegen von ihr, nur mein Herz tónte ihn laut hinaus in bie unbanfbare Stille.
Endlich tuutbe id gefragt, matum id den Schulmeifter nicht beſuche? unb ba ergab e$ fid zufällig, ba& Anna [dou frt einem halben Sabre nicht mehr im Lande fei und baf man meine Kunde hierüber vorausgefeht babe. Ihr Vater hatte, in feiner teten Sehnſucht nad Bildung und Feinheit der Selle und in Betracht, ba& nach feinem Tode fein Kind, ba$ einmal für eine Bäuerin zu zart fei, perlaffen in ber rauhen dörflien Umgebung bleiben würde, fid) plöglid ent» ſchloſſen, Anna in eine Bildungsanitalt ber franzöfiſchen Schweiz
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zu bringen, mo fie fid) beifere Kenntniffe und Selbſtändigkeit des Geiltes erwerben ſollte. Er lieb fi, als fie ıhre Ab- neigung dagegen au$|pradj, burd) ihre Tränen nidjt erweidhen, allein auf die Befriedigung feiner Wünſche bebadjt, und be gleitete da8 ungern jcheidende Kind in das Haus des fernen, vornehmreligiöfen Erziehers, wo fie nun mod) menigitens ein volles Jahr zu bleiben hatte. Diefe Nachricht traf mid) mie ein Schlag aus blauem Himmel.
Ich ging nun alle Tage zu ihrem Pater, begleitete ihn auf feinen Wegen und hörte von ihr [predjem; oft blieb id mehrere Tage dort, alsdann wohnte id) in ihrem Kämmerdhen, wagte mid) jebod) fait nicht zu rühren darin und betrachtete die wenigen einfadjen Gegenjtände, melde es enthielt, mit Beiliger Schen. Es mar flein und enge; die Abendfonne und ber Mondfchein füllten e8 immer ganz aus, daß fein Dunkler Punkt darin blieb und e8 bei jener wie ein rotgoldenes, bei diefem mie ein filberne8 Juwelenkäſtchen au$[ab, deifen Kleinod ich nicht verfehlte mir Dineingubenfen.