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Gesammelte Werke

Chapter 23

Section 23

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eine Pauſe madjte, fo ftanben wir nicht ftill, ſondern ſetzten unfern Weg duch die Dienge fort in rafhem Schritte und fingen mit dem erjten Tone wieder zu tanzen an, wir mochten gerade gehen, wo e$ war.
Mit dem eriten Zone ber Abendglode aber ftand auf einmal ber Tanz [till mitten in einem Walzer, bie Paare ließen ihre Hände fahren, die Mädchen wanden jid) aus den Armen ber Tänzer, und alles eilte, fid) ehrbar begrüßend, bie Treppe Binunter, feßte fid nodj einmal bin, um Kaffee mit Kuchen zu genießen, und dann ruhig nadj Haufe zu gehen. Anna itand, mit glübenbem Geſichte, no immer in meinem Arme und ich fchaute verblüfft umher. Sie lächelte und 30g mid fort; wir fanden ihren Bater nicht mehr im Haufe und gingen meg, ihn beim Dheim aufguíudjem. Es war Dämmerung draußen und bie allerjdjón|te Naht bradh am. Als wir auf den Kirchhof famen, lag das frijde Grab einfam und fchmweigend, vom aufgehenden goldenen Monde bejireift. Wir ftanden vor bem braunen, nad) feuchter Erbe buftenben Hügel und hielten uns umfangen; amet Radıtfalter flatterten durch bie Büſche und Anna atmete erjt jegt ſchnell und jtarl. Wir gingen zwifchen den Gräbern umber, für dasjenige ber Großmutter einen Strauß zu fammeln, und gerieten dabei, tm tiefen Grafe mwandelnd, in bie verworrenen Schatten ber üppigen Grabge- fträude. Da und dort blinfte eine matte goldene Schrift aus dem Dunkel ober leudjtete ein Stein. Wie wir fo in ber Nacht ftanden, flüfterte Anna, fie möchte mir jegt etwas jagen, aber ih müßte fie nicht ausfadjen unb e8 verſchweigen. Sch fragte: Was? unb fie fagte, fie wolle mir jet den Kuß geben, ben fie mir von jenem Abend Ber ſchuldig fei. Ich Hatte mid) fdjon zu ihr geneigt unb wir füßten uns ebenfo feierlich als ungefchidt
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Fünftes Kapitel, Beginn ber Arbeit, Saberfaat uud feine Schule.
Ws Anna mit ihrem $Bater nod) fpät fid) verabfchiedete, mar ich in dem Augenblide nicht zugegen unb fie fonnte mir daher nicht Lebewohl jagen. Obgleich ich fchmerzlich betroffen mar, fie nicht mehr zu finden, überwog bod) mein junges Zeelenglüd; auf meiner Kammer lag id nodj eine volle Stunde unter bem Fenſter und [ab die Geitirne ihren fernen Gang tbun, unb die Wellen unter mir trugen das Mondenfilber auf ihren Haren Schultern haſtig und fidernb zu Thal, als ob fie e3 geitohlen hätten, warfen hier und da einige Schimmerjtüde ans Ufer, als ob fte ihnen zu ſchwer mürben, unb fangen fort unb fort ihr mutwilliges Wanderlid. Auf meinem Munde lag es unlihtbar, aber füß und warm und bod) frijd und taufübl.
als ich fchlafen ging, ſpukte und raufchte e8 bie ganze Nacht auf meinen Lippen, burdj Traum und Wachen, melde oft und beftig wechlelten; ich [anf von Traum zu Traum, farbig und bligend, dunkel unb [djmül, dann wieder fid) er» Deflenb aus dunkelblauer Finſternis zu blumendurdmogter Klarheit; idj träumte nie von Anna, aber ih küßte Baum-
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blätter, Blumen unb bie lautere Luft unb wurde überall wieder gefüßt; fremde rauen gingen über den Kirchhof und mateten duch den Fluß mit filberglängenden Füßen; bie eine trug Annas ſchwarzes Gewand, bie andere ihr blaues, bie Dritte ihr grünes mit ben roten Blümchen, bie vierte ihre Halskrauſe, und wenn mid dies ängjtigte und ih ihnen nadlief und darüber ermadjte, war e8, al8 ob die wirkliche Anna von meinem Lager joeben und leibhaftig wegſchliche, daß idj verwirrt und betäubt auffuhr unb fie laut beim Namen rief, bis mid die itille Glanznacht, melde im Thale lag, au mir felbit bradte und in neue Träume Düllte.
So ging e8 in den hellen Morgen hinein und beim Gv wachen war idj mie von einem beißen Quell der GIüdjeligteit burdjirünft und berau[djt.
Ich ging nodj immer trunfen und trüumenb unter meine Bermandten und fand in ber Wohnitube den Denadjbarten Müller vor, meldjer mit einem leiten Fuhrwerke meiner harrte, um mid mit nad) der Stadt zu nehmen. Meine Rüdfehr mar nümlidj, feit einiger Zeit bejtimmt, an bie Gefchäftsreife bieje8 Mannes gefnüpft und verabredet worden, ba dag Fahren mit ihm einige Bequemlichkeit bot. Ich fragte nad) dieſer ohnehin nicht viel, ber Müller er[djien aubem unerwartet und früher al8 man geglaubt, mein Dheim und feine Sippfchaft forderten mid) auf, ihn fahren zu laljeu unb zu bleiben, in meinem Herzen ſchrie es nad) Anna und nad) dem ftillen See — aber idj verſicherte ernithaft, daß meine Verhältniffe ge böten, bieje Gelegenheit zu benugen, frübjtüdte eilig, nahm meine Saden zujammen und von ben SBermanbten Abſchied und feßte mid) mit dem Müller auf das Wägelchen, welches ohne Aufenthalt zum Dorfe hinaus und bald auf der Land: jtraße dahinrollte.e Dies alles that idj in der Bermirrung, zum Teil, weil idj mübnte, man würde mir auf ber Stelle
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anſehen, daß idj wegen Anna bliebe und baB id) fie wirklich liebe, unb endlih auch aus unerklärlicher Laune.
Sobald ih Hundert Schritte vom Dorfe entfernt war, bereute ich meine Abreife; idj märe gern vom Wagen ge[prungen, drehte den Kopf immerwährend zurüd nad) den Höhen, melde um ben See lagen, unb [djaute fie an, ohne zu gemahren, wie fie unter meinen Augen blau und fein wurben und das Hochgebirge aus größern unb tiefern Seeen emporftieg.
Ich fonnte mid in ben erjten Tagen meiner Rückkehr faum zureshtfinden. Sym Angeſichte ber großartigen Landichaft, meldje die Stadt umgiebt, [djmebte mir nur bie perlajjene Gegend wie ein Paradies vor und id) fühlte erjt jegt jeden Reiz ihrer einfahen und an[prudjfojen, aber fo ruhigen und lieblichen 3Bejtanbteile. Wenn idj auf ber höchſten Höhe über unferer Stadt in das Land Binausjab, fo war mir ber fleine perjtedte Strid blauen Yernegebietes, wo das Dorf und nicht weit davon ded Gdjulmeijter8 See zu vermuten waren, bie fhönfte Stelle des Geſichtskreiſes, bie Luft mebte reiner und glücklider von Port ber, ber mir unfidjbare Aufenthalt Annas in jener entlegenen bläuliden Dämmerung wirkte magrneti|d) über alles dazwiſchen liegende Land ber; ja menn id, in der Tiefe gehend, jenen glüdlihen Horizont nicht jab, fo fuchte und fühlte idj doch bie Himmelsgegend unb fab mit Heimweh und Sehnſucht das dorthin gehende Stüd Himmel von näheren Bergen begrenzt.
Indeſſen erneuerte fi) die Frage über meine Berufswahl unb made fidj täglich dringender geltend, ba man mid) nicht länger müßig und planlos fehen konnte Ich mar einmal an den Thüren des iyabrifgebüube8 vorbeigejtrihen, mo der eine Gönner Baujte. Ein häßlicher Säuregerud) drang mir in bie Safe und bleihe Kinder arbeiteten innerhalb und lachten mit rohen Srimaffen. Ich verwarf die Hoffnungen, bie fid) hier
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ein foldjes! ſo würde er bie Beſtellung unbedenklich ange nommen unb fid, nadjbem jener bie Hälfte bes Preifes zum voraus bezahlt, unpermeilt an die Arbeit gemadjt haben. Bei diefem Treiben unterftüßte ihn ein tapferes Häuflein Geredjter, und ber Schauplah ihrer Thaten war das ehemalige Refel- torium ber frommen Klofterfrauen. Deſſen beide Langfeiten waren jede mit einem halben Dutzend hoher iyeniter verfehen mit runden Sceibdhen, die dag Licht wohl eim», aber bei ihrer wellenförmigen Oberfläche feinen Blick hinausließen, was auf den Fleiß der hier mwaltenden Kunſtſchule mwohlthätigen Einfluß übte. Jedes diefer Fenſter war mit einem Kunſtbe⸗ fliffenen befeßt, elder, bem Hintermanne den Rüden zufehrend, dem Bordermanne ins Genid jab. Das Haupttreffen diefer Armee bildeten vier bis fechs junge Leute, teils Knaben, welche die Schweizerlandichaften blühend folorierten; bann fam ein tränflicher, Huftender Burfche, ber mit Harz unb Scheidewafler auf Heinen Supferplatten herumfchmierte und bedenkliche Löcher hineinfreffen lieb, audj mobI mit ber NRadternadel dazwiſchen ſtach unb ber Supferftedjer genannt wurde. Auf biejem folgte ber Lithograph, ein frober unb unbefangener Geijt, ber per. hältnismäßig das toeitejte Gebiet umfaßte, nádjit bem Meiſter, ba er ftet8 gem ürtig unb bereit fein mußte, das Bildnis eines Staatsmannes oder eine Weinkarte, ben Plan einer Dreich- majdjue, wie das Titelblatt für eine Erbauungsichrift junger Töchter auf den Stein zu bringen mit Sreide, Feder, graviert oder getufht. Im Hintergrunde des Nefeltoriums arbeiteten mit breiten Bewegungen zwei ſchwärzliche Gejellen, ber Kupfer» und der Steindrudergehilfe, jeder an feiner Preffe, indem fie die Werke jener Künſtler auf feuchtes Papier abzogen. Endlich, im Rüden der ganzen Schar unb alle überfehend, faß ber Meifter, Herr Kunjtmaler und Kunjthändler Haberfaat, Beſitzer einer Kupfer⸗ und Steindruderei und fi zu allen gefälligen
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Aufträgen empfeblenb, an feinem Zijde mit ben feinſten unb ſchwierigſten Aufgaben, meiftens jebod) mit feinem Buche, mit Briefihreiben und bem Verpaden ber fertigen Gadjen bes ſchãftigt.
Es herrſchte ein ſtreng ausgeſchiedener Geiſt in den Ans ſprüchen unb Hoffnungen des Refektoriums. Der Kupfer ftecher unb ber Lithograph waren fertige Leute, die felbitändig in die Welt fdjauten, bei Meifter Haberfaat um einen Gulden taglidj ihre adjt Stunden arbeiteten und fi) weiter weder um ihn was befümmerten, nod große Hoffnungen nährten. Mit ben jungen Koloriſten hingegen verhielt e8 fid) anders. Diele Iuftigen Geifter gingen mit wirklichen, leichten und durchſichtigen Farben um, fie handhabten ben Binfel in Blau, Rot unb Gelb, und Das um fo fröhlicher, als fie fidj um Zeihnung und An- ordnung nichts zu befümmern hatten und mit ihrem bunt» flüffigen &lemente obenhin über bie düſtern Schwarzkünſte des Supferftedjer8 megeilen durften. Sie waren bie eigentlichen Maler in ber Verſammlung; ihnen ftand mod) bas Leben offen, und jeder hoffte, wenn er nur erjt aus biejem Tyeges feuer bes Meiſters $Qaberjaat entronnen, noch ein großer Künftler zu werden. In biefer Gruppe erbte fid) burdj alle Generationen, welche [don im Dienste des Meifters durch das Refektorium gegangen, die große Künitlertradition' von Samt» tod und Barett fort, aber nur felten erreichte einer dies Ziel, indem immer der Flug vorher ermübete und die Mehrzahl der Getäufchten nad) ihrem Austritte nodj ein gutes Handwerk erlernte. Es waren immer Söhne blutarmer Leute, melde, im ber Wahl eines Unterkommens verlegen, von dem rührigen Manne in fein Refeltorium gelockt worden mit der Ausſicht, eine Art Maler und Herren zu werben, die ihr Auskommen finden unb immer nod) etwas über bem Schneider und Schuſter fiehen würden. Da fie gewöhnlich feine Gelder beibringen
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fonnten, fo mußten fie fid) verbindlih madjen, den Unterridt in der „Malerkunſt“ abzuverdienen unb vier Sabre für ben Meifter zu arbeiten. Er richtete fie dann vom eriten Tage an zum Färben feiner Landfchaften ab und Dradjte fie, ungeachtet ihrer günglidjen Unberufenheit, burd) Strenge fo weit, daß fie ihre Arbeit bald reinlid und nett unb nad) ben überlieferten Gebráudjen verrichteten. Nebenbei durften fie, wenn fie wollten, an eiertagen ein verlommenes oder zwedlojes Blatt nad) zeichnen zur weiteren Ausbildung, und fie wählten meijtens folde Gegenſtände, melde nichts zu lernen barboten, aber für den Augenblid am meijten Effelt machten, und die ihnen ber Meifter forrigierte, wenn er nicht allzu be[djáftigt war. Er fab e8 aber nicht einmal gern, menn fie diefen Privatfleiß zu weit trieben; denn er hatte [djon einigemal erfahren, daß foldhe, melde Gefhmad daran fanden unb eine Fünftlerifche Ader in fidj entdedten, beim Solorieren feiner Profpelte unreinlid) unb verwirrt geworden. Sie mußten ftreng und anhaltend arbeiten und ftedien um [o mehr poll Poſſen unb Schwänfe, bie fid in jedem freien Augenblide Quft machten, unb erjt gegen bas vierte Jahr Hin, wenn die [hönfte Zeit znr Erlernung von etwas Beflerem verfloffen mar, wurden fie gebeugt und gedrüdt, von den Eltern mit Borwürfen geplagt, daß fie immer nod) von ihrem Brote äßen, und badten ernjtlih darauf, während fie nod) pinjelten, bei guter Zeit nod) etwas Einträglicheres zu ergreifen. Die Jugendjahre von wohl breipigen folder Knaben und Sünglinge batte Haberfaat fon in blauen Sonntags bimmeln und gradgrünen Bäumen auf fein Papier gehaudt, unb ber Düjtelube Kupferjteher mar fein infernalifcher Helfers- helfer, indem er mit feinem Scheidewafler die ſchwarze Unter» lage dazu äbte, wobei die melandolifhen Druder, an das fnarrenbe Rad gefeflelt, füglidj eine Art gebrüdter Unterteufel vorjtellten, nimmermübe Dämonen, bie unter der Walze ihrer
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Preſſen die zu fürbenben Blätter unerſchöpflich, endlos hervor⸗ zogen. So begriff er vollitändig das Wefen heutiger Synbujtrie, deren Erzeugniffe um fo mertvoller und begehrenswerter zu fein fcheinen für die Käufer, je mehr ſchlau entmendetes f'inbere leben darin aufgegangen ijt. Er madjte audj ganz ordentliche Gejdjáfte und galt daher für einen Mann, bei bem fid) was lernen ließe, wenn man nur molle.
Bon irgend einer Seite Der war meiner Mutter angeraten worden, fid mit ihm zu beſprechen und fein Geſchäft einmal anzufehen, ba e$ wenigſtens für den Anfang eine Suffudjt zu mweiterem Borfchreiten böte, zumal wenn man mit ihm überein- füme, daß er midj nicht zu feinem Nutzen verwende, fondern gegen genügende Entihädigung nad feinem beiten Wiſſen unterridjte. Gr zeigte fid) gern bereit und erfreut, einen jungen Menfhen einmal als eigentlichen Künftler heranzubilden, und belobte meine Mutter höchlich für ihren funbgegebenen Ent« ſchluß, bie nötigen Summen hieran wenden zu wollen; denn jegt fchien ihr der Zeitpunkt gefommen zu fein, mo bie Frucht ihrer unabläffigen Sparfamfeit geopfert und auf den Altar meiner Beitimmung gelegt werben müjje. Es wurde aljo ein Bertrag geſchloſſen auf zwei Jahre, welche id) gegen regel- mäßige Quartalzahlungen im Refeltorium zubringen follte unter den gmedbienlidjten llebungen. Nach gegenfeitiger Unterfchrei» bung desfelben verfügte id) mich eines Montagmorgens in das alte Kloſter und trug meine fämtlichen bisherigen Verſuche unb Arbeiten in bunter Mifhung bei mir, um fie auf Verlangen de3 neuen Meiſters vorzuzeigen. Cr bezeugte, indem meine munberlidjen Blätter herumgingen, nachträglich feine Zufrieden» heit mit meinem Eifer unb meinen Abfihten, und ftellte mid) bem Berfonale, das fid) erhoben hatte und neugierig berum. ftand, als einen wahren Beitrebten vor, mie er beſchaffen jein müffe (don vor bem Eintritte in eine funjtballe. Sodann
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erflärte er, daß e8 ihm recht zum Vergnügen gereichen werde, einmal eine orbentlidje Schule an einem Schüler durchzuführen, und [prad) feine Erwartungen Hinfichtlid meines Fleißes und meiner Ausdauer feierlid) aus.
Einer ber Solorijtet mußte nun feinen Pla am Fenſter räumen und fi) neben einen andern jeßen, indeſſen id) bort eingerichtet wurde; und hierauf, als ich erwartungsvoll ber Dinge, bie ba fommen follten, vor bem leeren Zijdje jtamb, bradte Herr Haberfaat eine landſchaftliche Borlage aus feinen Mappen hervor, den Umriß eines einfachen Motives aus einem lithograpdierten Werke, mie idj e8 fon in den Schulen viel» fad gefehen hatte. Dies Blatt follte ich vorerft aufmerkſam unb jtreng fopieren. Doch bevor id) mid) binjegte, fdjidte mid) ber Steijter wieder fort, Papier und Bleiftift zu Holen, au melde id) nicht gedacht, ba ich überhaupt feinen Begriff von dem eriten Beginnen gehabt batte. Gr beſchri mir das Nötige, unb ba ich kein Geld bei mir. zug, mußte ich erſt beu weiten Weg nad Haufe madjen und bani in einen Qaben gehen, um es gut unb neu einzufaufen, und als ich wieder hinkam, war e3 eine halbe Stunde vor Mittag. Diefes Alles, dat man mir für diefen Anfang midjt einmal ein Blatt Papier und einen Stift gab, fondern mid) [ortidjidte e8 zu holen, ferner das Her- umfchlendern in den Straßen, das Geldfordern bei ber Mutter und enb[id) das Beginnen kurz vor der Stunde, mo alles zum Eſſen auseinander ging, erfhien mir fo nüdjtern und kleinlich und im Gegenjage zu dem Treiben, daß ih mir bunlfel in einer Künftlerbehaufung vorgeitellt hatte, daß e8 mir das Herz beengte.
Jedoch murbe e8 bald von biejem Eindrude abgezogen, als bie unfdjeinbaren Aufgaben, bie mir gejtelt wurden, mir mehr zu thun gaben, als id mir an[ünglid) eingebildet; denn Qaberíaat jah vor allem darauf, daß jeder Zug, ben id) machte,
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genau bie gleidje Größe des Vorbildes maß und das Ganze weder größer nod) fleiner erſchien. Nuu famen aber meine Rahbildungen immer größer heraus, als das Driginal, ob. gleih in richtigem Berhältniffe, und ber Meijter nahm bieran Gelegenheit, feine Genauigkeit und Strenge zu üben, Die Schwierigkeit ber Kunſt zu entmideln und mid) behaglich fühlen zu lafien, daß es body nicht fo ra[d) ginge, als id) wohl ge glaubt hätte.
Sod) fand idj mich wohl und geborgen an meinem Tifche (die Abwefenheit von Staffeleien, bie ih mir als befondere Sierbe einer Werkſtatt gedacht, empfand id) freilih) und ars beitete mich tapfer burdj bieje fleinlidjen Anfänge hindurch. Sé kopierte getreulih bie ländlichen Schweinitälle, Holz- Iduppen und derlei Dinge, aus melden, in Verbindungen mit allerlei magerem Strauchwerk, meine Vorbilder bejtanben, und bie mir um fo mühjeliger murben, je verächtlicher fie meinen Augen erfhienen. Denn bei dem Gintritte in den Saal des Meiſters hatte fid) mit ber Pfliht und bem Gehorfame zugleich dee Schein der 9tüdjternbeit unb Leerheit über bieje Dinge er» goffen für meinen ungebunbenen und mwilllürlihen Geift. Auch lam e$ mir fremd vor, den ganzen Tag, an meinen jag gefeflelt, über meinem Papiere zu jigen, zumal man nicht im Zimmer umbergehen und unaufgefordert nicht ſprechen durfte. Kur der Kupferfteher unb ber Lithograph führten einen be ſcheidenen S3erfebr unter fid unb den betreffenden Druderge- fellen und richteten das Wort aud) an den Meifter, menn e8 ihnen guibünfte, ein bischen zu plaudern. Diefer aber, menm e guter Laune war, erzählte allerlei Gejdjidjten und geläufige Kunftfagen, audj Schwänke aus feinem früheren Leben und Züge von ber Qerrlidjfeit ber Maler. Sowie er aber bemerfte, bab einer zu eifrig anfhordhte unb die Arbeit darüber vergaß, brach er ab unb beobachtete eine geraume Zeit weile Zurüdhaltung.
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Ich erhielt nach einiger Zeit das Recht, meine Vorlagen felbft hervorzuholen und bie vorhandenen Schätze burdjaugeben. Sie beitanden aus einer großen Menge zufällig zufammenge raffter Gegenftände, aus leidlihen alten Kupferftihen, einzelnen — Heben und Blältern ohne Bedeutung, mie fie bie Zeit anhäuft, Zeichnungen von einer gewilfen Routine, ohne Raturwahrheit, unb einem übrigen Miſchmaſch. Handzeihnungen nad) der Ratur, Blätter, bie um ihrer felbjt willen da waren und benen man angejehen hätte, ba& fie freie Quft und Sonne getrunken, fanden fid) nit ein einziges Stüd vor; denn der Meter batte feine Sunjt und feinen Schlendrian innerhalb vier Wänden erworben und begab fid) nur hinaus, um fo ſchnell als moglid) eine gangbare Anſicht zu entwerfen. Eine gemanbte, objdjon falſche Technit war das eigentlihe Wiffen meines Meiſters, unb er legte alles Gewicht feines lInterridjte8 auf biejen Punkt.
Anfänglich hielt er mid eine Weile in Abhängigkeit, indem ich ben Unterſchied zwifchen einem transparenten fcharfen und einem rußigen ftumpfen Bortrage nicht recht begriff und mehr auf Yorm und Charakter jab; bod) enblid, durch bas fortwährende Pinfeln, geriet ich Hinter bas Geheimnis, und nun fertigte idj in einem firen Jargon eine Menge Tufchzeid- nungen an, ein Blatt ums andere. Schon (jab id nur auf die Zahl des Gemadjten und hatte meine Freude an ber am» ſchwellenden Mappe; faum daß bei meiner Wahl die wirkung volliten unb auffallendften Gegenstände mir nod) eine weitere Teilnahme abgemannen. So rar, nod) ehe ber erjte Winter ganz zu Ende, meines Lehrers Vorrat an Vorlagen von mir beinahe burdjgemadjt, unb amar auf eine Weiſe, wie er e8 felbit ungefähr fonnte; denn nadjbem idj einmal bie Handgriffe unb Mittel einer forgfältigen und reinlichen Behandlung gemerkt, eritieg id) bald ben Grab geläufiger Pinfelei, melden der Meifter felbft inne hatte, um fo fdjneller, als idj in bem wahren