Chapter 22
Section 22
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unb batten nichts mehr zu effen und nichts zu trinfen, und zeigten ſich als zwei Sammergerippe am Eingange und jtatrten auf das Grab ihrer Kinder, aulegt fielen fie vor Schwäche audj herunter, und die ganze Yamilie liegt in diefem tiefen, tiefen Wafler; denn Bier geht e8 fo weit Hinunter, als ber Stein hoch ijt!" | Wir Shauten, im Schatten figenb, in die Höhe, wo der obere Zeil des grauen Felſens im Gonnen[djeine glángte und die feltfame Vertiefung erhellt war. Wie wir ſo hinſchauten, fahen wir einen blauen glänzenden Rauch aus der Heidenjtube ' dringen und längs der Wand Binfteigen, und wie wir länger Dinitarrten, fahen wir ein fremdartiges Weib, lang und bager, in der webenden Rauchwolke fteben, herabbliden aus hohlen Augen und wieder verſchwinden. Sprachlos fahen mir Hin, Anna [djmiegte fidj bid) an midj und id) legte meinen Arm um fie; mir waren erfchredt unb bod) glüdlid, unb das Bild der Höhle fdjmamm verwirrt und verwifcht vor unferen em. porgerichteten Augen, und als e8 wieder flar wurde, jtanben en Mann uud ein Weib in ber Höhe unb fdjauten auf uns berab. Eine ganze Reihe von Snaben und Mädchen, Balb ober ganz nadi, jaB unter bem ode unb Bing die Beine über bie Wand herunter. Alle Augen ftarrten nad) uns, fie lädelten ſchmerzlich unb jtredten die Hände nah uns aus, wie wenn fie um etwas flehten. Es ward uns bange, mit ſtanden eilig auf, Anna flüfterte, indem fie perlende Thränen vergoß: „DO, bie armen, armen Heidenleutel" Denn fie glaubte ft, bie Geijter derfelben zu fehen, befonders ba mande glaubten, daß feim Weg zu jener Stelle führe. „Wir wollen ihnen etwas opfern," fagte das Mädchen leije zu mir, „damit le unfer Mitleid gemahr merben!" Sie zog eine Münze aus ihrem SBeuteldjen, idj ahmte ihr nad) und mir legten unfere Spende auf einen Stein, ber am Ufer lag. Rod einmal
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faben wir hinauf, mo bie feft[ame Grfdjeinung uns fortwäh: | rend beobadjtete und mit banfenben Gebärden nadjidjaute.
Als wir im Dorfe anlangten, hieß e$, man habe eine Bande Heimatlofer in der Gegend gejehen und man mürde dDiefelben nádjiter Tage au[fudjen, um fie über bie Grenze zu bringen. Anna und id fonnten uns nun bie Erfcheinung erflären; e8 mußte bod) ein geheimer Weg dorthin führen, melde nur unter dem unglüdlihen Volke, das [oldje Schlupf: winkel braudjt, befannt fein modjte. Wir gaben uns in einem einfamen Winkel feierlih das Wort, den Aufenthalt ber Armen nicht zu verraten, und hatten nun ein wichtiges Geheimnis zufammen.
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Vtertes Kapitel. Tatentanz.
So lebten wir, unbefangen und glücklich, manche Tage dahin; bald ging ich über den Berg, bald kam Anna zu uns, unb unſere Freundſchaft galt ſchon für eine ausgemachte Sache, an der niemand ein Arges fand, und ich war am Ende der einzige, welcher heimlich ihr den Namen Liebe gab, weil mir einmal alles ſich zum Romane geſtaltete.
Um dieſe Zeit erkrankte meine Großmutter, nach und nach, doch immer ernſtlicher, und nach wenigen Wochen ſah man, daß fie ſterben würde. Sie hatte genug gelebt unb mar müde; fo lange fie nod) bei guten Sinnen war, [a5 fie gern, wenn id eine Stunde oder zwei an ihrem Bette vermeilte, unb id fügte mid) willig diefer Pflicht, obgleich ber Anblid ihres Leidens unb ber Aufenthalt in der Krankenſtube mid) ungewohnt und trübfelig bünlten. Als fie aber in bas eigent- life Sterben fam, welches mehrere Tage dauerte, wurde mir bieje Pflicht zu einer ernften und ffrengen Uebung. Ich hatte nod) nie jemanden jterben fehen unb jab nun bie bemußtlofe, oder wenigitens fo fcheinende Greifin mehrere Tage röchelnd im Todeskampfe liegen, denn ihr Lebensfunfe modjte fait nicht
erlöfhen. Die Sitte verlangte, daß immer minbejten8 bre |
Berfonen in dem Gemade fi aufbielten, um abmedjfelnb zu beten unb den fremden Befuchern, welche unabläffig eintraten, bie Ehren zu ermeifen unb 9tadjridjt zu geben. Run hatten aber bie Leute, bei dem goldenen Wetter, gerade viel zu ar» beiten, und ich, ber ich nichts verfäumte und geläufig las,
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war ihnen daher rmoillfommen und wurde den größten Tel
des Tages am Tobesbette feitgehalten. Auf einem Gdjemd figenb, ein Buch auf ben Snieen, mußte id) mit vernehmlicher Stimme Gebete, Palmen und Sterbelieder leſen und erwarb mir zwar burdj meine Ausdauer bie Gunft der rauen, wofür
ich aber den ſchönen Sonnenſchein nur von ferne und den Tod |
bejtánbig in ber Nähe betrachten durfte.
Sd konnte mid) gar nit mehr nad Anna umfehen, obihon fie mein füßefter Troſt in meiner asfetiffen Lage war; ba erfhien fie, ſchüchtern und manierlih, unverfehens auf der Schwelle der Krankenſtube, um bie ihr febr entfernt Verwandte zu bejudjert. Das junge Mädchen war beliebt und geehrt unter den Bäuerinnen und daher jebt willlommen ge beißen, und als fie fidj, nad) einigem jtillen Aufenthalte, an. bot, mid) im Gebete abzulöjen, wurde ihr dies gern geftattet, und fo blieb fie bie nod) übrige Sterbenzzeit an meiner Seite und [ab mit mir bie ringende Flamme verlöſchen. Wir ipradjen felten mit einander, nur wenn mir uns bie geiftlichen Bücher übergaben, flüfterten wir einige Worte, ober wenn mir beide frei waren, rubten wir behaglich neben einander aus and nedten uns im ftillen, ba bie Jugend einmal ihr Recht geltend machte. Ws der Tod eingetreten und bie rauen laut fdj[udjaten, ba zerfloß aud) Anna in Thränen unb fonnte fid nidjt zufrieden geben, ba fie bod) ber Todesfall weniger berührte al8 mid), ber ich al8 Enkel ber Toten, obgleid) ernſt und nadjbenfíidj, trodenen Auges blieb. Ich wurde beforgt
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für das arme Kind, meldje8 immer beftiger meinte, und füblte mic) fehr nieberge[d)jlagen und betreten. Ich führte fie in den Garten, ftreihelte ihr die Wangen und bat fie inftändigit, bod) nicht fo ſehr zu weinen. Da erheiterte fih ihr Gefidjt, mie bie Sonne burd) 9tegen, fie trodnete die Augen und [ab mid) urplötzlich lächelnd an.
Bir genoffen nun wieder freie Tage unb ich begleitete Anna zur Erholung jogleih nad) Haufe, um dort zu weilen bis zum Leichenbegängnis. Ich blieb die Zeit über ziemlich enit, ba ber ganze Verlauf midj angegriffen unb mir über- dies bie Großmutter febr lieb und verehrungswürdig gemefen, ungeachtet id) fie feit furgem lannte. Diefe Stimmung war mum wiederum meiner freundin unbehaglich, und fie [udjte mid mit taufend Liften aufzuheitern und gli Hierin ben übrigen rauen, welche alle wieder plaubernb und [djmagenb vor ihren Häufern ftanden.
De Mann der toten Großmutter that nun, während er fi bequem fühlte, ala ob er febr viel verloren und feine grau im Leben wert gehalten hätte. Er orönete eine pompe bafte Qeidjenfeier an, woran über [edjjig Perfonen teilnehmen follten, unb ließ es an nichts fehlen, alle alten Gebräude in ihrem vollen Umfange zu beobadjten.
Am bezeichneten Tage begab ih mid) mit dem Schul» meifter unb mit Anna auf den Weg; er trug einen feierlichen ſchwarzen trad mit fehr breiten Schößen und eine geítidte weiße Halsbinde, Anna ebenfalls ihr ſchwarzes Kirchengewand unb eine ihrer eigentümlichen Kraufen, worin fie ausſah wie eine Art Stiftsfräulein.. Den Strohhut Hingegen ließ fie zu Haufe unb trug ihre Haare befonders Tunftreih gefíodjten, dazu burdjbrang fie heut eine tiefe Frömmigkeit und Andacht, fie war til und ihre Bewegungen voll Sitte, und dieſes alles ließ fie in meinen Augen in neuem, unenblidjem Neize erſchei⸗
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nen. In meine traurig feſtliche Stimmung mijdje fid) ein [über Stolz, mit bie[em Tiebenswürdigen und jeltenen Weſen fo vertraut zu fein, und zu diefem Stolze gefellte fid) eine innige Verehrung, daß ich meine Bewegungen ebenfalls mag und zurüdhielt unb mit eigentlicher Ehrerbietung neben ihr ber ging und ihr dienitbar war, wo e8 ber unebene Weg erforderte.
Wir mad)ten vorerjt im Haufe meines Dheims balt, deſſen gyamilie [djon gerüfte war und fij, als bie Zotenglode Täutete, uns anſchloß. Sm Sterbehaufe wurde ih von meinen fänt- Iihen Begleitern getrennt, ba meine Stellung als Enkel bie Begenwart unter den nüdjten Leidtragenden mit fid) bradte, und als ber jüngfte und unmittelbarjte Nachkomme befand idj mid) in meinem grünen Habit an ber GCpige ber ganzen Trauergefellidaft und mar den umjtändlihen und langwierigen Geremonien zuerjt ausgejept. Die nähere Berwandtihaft war in der geräumten großen Wohnftube verfammelt und harrte auf das weiblihe Geſchlecht, welches erſcheinen follte, um Bier feine Beileidsbezeugungen abzujtatten. Nachdem wir eine ge raume Weile ftumm unb aufredjt längs ben Wänden geftan- den, traten nad und nad viele bejahrte Bäuerinnen berein, in ſchwarzer Tracht, fingen bei mir an, eine um bie andere, indem fie mir bie Hand boten, ihren Gprud) fagten und zum nächſten fortfchritten auf gleiche Weife. Dieſe Matronen gingen größtenteild gebüdt und zitternd und [pradjen ihre Worte mit Rührung als alte Freundinnen und Belannte der Seligen und als ſolche, welde die Nähe des Todes doppelt empfanden. Sie faben mid alle feit unb bedeutungsvoll an, id) mußte jeder einzelnen banken und fie ebenfalls anjeben, mas id) ohnehin gethan hätte. Manchmal mar eine nodj hohe unb fraftvolle alte Frau darunter, melde aufrecht beranfchritt und mit Seelenruhe auf mid fab; dann folgte aber gleich wieder
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eın gebeugtes 3Rütterdjen, welches an feinen eigenen Leiden dasjenige ber Gejdjebenen zu fennen und zu ſchätzen fdien. Sod) wurden die rauen immer jünger und in gleihem Ber- baltnifje mehrte fi die Zahl; die Stube war nun vollitändig mit Dunklen Geitalten gngefüllt, die fidj Derbeibrüngten, Weiber von vierzig und dreißig Jahren, voll Beweglichkeit und eu gierbe, Die verjhiedenen Seibenjdjaften und Eigentümlichkeiten, waren faum durd bie gleidjmadjenbe Zrauerhaltung vers fchleiert. Der Andrang [djien fein Ende nehmen zu wollen; denn nicht nur das ganze Dorf, fondern audj viele rauen au3 Der limgegenb waren er[djienen, weil bie Berjtorbene eines großen Ruhmes unter ihnen genoß, der, zum Teil per» jäbhrt, jeßt nod einmal in vollem Glanze fij geltend made. Endlich murben die Hände glätter nnd weicher, unb das jüngite Geſchlecht zog vorüber und idj mar jdjon ganz mürbe und müde, als meine Baſen berzutraten, mir aufmunternd unb freundlich die Hand reichten, und gleich Hinter ihnen, wie ein £immel3bote, bie allerliebjte Anna, weldhe, blaß und aufgeregt, mir flüchtig das Händchen reichte unb fehimmernde Thränen Darüber fallen ließ. Weil ich feltfamerweife gar nid an fie gebadbt unb auf fie gehofft batte, [djmebte fie mir jet um fo überrafchender vorüber.
Zulegt erihöpfte fid) bod) bie Frauenwelt und wir traten vor das Haus, mo eine unabjebbare Schar bebüdjtiger Männer barrte, um mit uns, bie wieder eine Meihe bildeten, ben gleichen Gebraud) vorzunehmen. Sie machten es zwar bedeu- tennd kürzer und rajder, als ihre Weiber, Töchter unb Schweſtern, allein dafür gebraudten fie ihre jdjmieligen harten Hänbe wie Schmiedegangen und Schraubitöde, und aus mandjer Fauſt brauner Adermänner glaubte idj meine Hand nidjt mehr Heil zurüdzuziehen.
Gnblidj ſchwankte ber Sarg vor uns Ber, bie Weiber
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ſchluchzten und bie Männer fahen bebenflid) und verlegen vor fid nieder; ber Geiltlihe er[djien aud) unb machte feine Würde geltend, und ohne viel zu mijjen, wie e8 zugegangen, jab id) mid) endlih an ber Gpige be8 langen Zuges auf bem Lird;- hofe und dann in bie füble Kirche perjept, meldje von ber Gemeinde ganz angefüllt wurde. Ich hörte num mit Bermun- derung unb Aufmerkſamkeit den ur[prünglidjen Yamiliennamen, bie Abftammung, das Alter, den Lebenslauf und das Lob ber Großmutter von der Kanzel verkünden, und ftimmte von Herzen in bas Berföhnungs- und Nuhelied, welches zum Schlufie gefungen wurde. Als ich aber bie Schaufeln Klingen hörte vor der Kirchenthür, drängte id) mid) hinaus, um in ba8 Grab zu ſchauen. Der einfade Sarg lag ſchon darin, viele SRen[djen ftanden umber und meinten, die Schollen fielen Bart auf ben Dedel und verbargen ihn allmählich; ich jab erjtaunt Dinem und fam mir fremd unb verwundert vor, unb die Tote in ber Erde erſchien mir aud) fremd und ich fand feine Thränen. Erit als es mir durch den Sinn fuhr, daß es bie leiblihe Mutter meines Baterd geweſen, und an meine Mutter dachte, welde einft aud) aljo in die Erde gelegt werde, ba vergegenwärtigte fid mir wieder mein Zufammenhang mit diefem Grabe und dag Wort: „Ein Geflecht vergeht und das andere entiteht!“
Der eingeladene Teil der Berfammlung begab fih nun wieder nad) bem Trauerhaufe, deſſen Räume alle von den Bor» ridtungen des Leihenmahles belebt waren. Als man zu Tifche faß, verjepte mid) die Sitte wieder an bie Seite des finftern Witwers, wo ich zwei volle Stunden aushalten mußte, obne mit jemanden [predjen zu Tönnen, fo lange bie erite herkömm⸗ lide Eſſenszeit mit allen ihren unvermeibliden Gerichten dauerte. Ich jab die lange Tafel hinunter und fudjte ben Schulmeiſter und fein Kind, melde aud) ammejenb waren; fie mußten aber im anjtoßenden Zimmer fein, denn id) fand fte nicht.
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Anfänglid wurde mäßig und bebüdjfig geiproden unb bie Speifen in großer Ehrbarkeit eingenommen. Die Bauern faßen aufredt an ihre Stühle ober an die Wand gelehnt, in beträchtlicdem Mbftand vom Tifche, und jtadjen bie Fleiſchbiſſen mit feierlich ausgeitredtem Arme an, die Gabel am äußeriten Ende Daltenb. So führten fie ihre Beute auf dem meiteiten Bege zum Munde und iranfen den Wein in feinen, aüdjtigen, aber häufigen Zügen. Die Aufmwärterinnen trugen bie breiten Sinn[djüffeln in erhobenen Händen in ber Höhe ihres Gefichtes beran, mit gemejjenem Paradeſchritt, die Hüften gemaltig bin und ber wiegend. Wo fie die Zradjt anf den Tiſch ſetzten, mußten die beiden Zunächſtſitzenden einen Wettſtreit beginnen, indem fie ihnen ihre Gläfer zum Zrinten boten und jeder wenigsten zwei gute Witze flüfterte; diefer Heine Kampf wurde dann baburd) gejdjfidjtet, daß bie Aufwärterin aus jedem Glafe nippte und mehr oder weniger zufrieden mit der Ausführung diefer Etikette fid) zurückzog.
Nach Berfluß zweier langen Stunden näherten fidj bie Noheren unter den Gäften immer mehr dem Tifche, legten bie Arme darauf, und begannen num erjt ein fleißiges Eſſen, wozu fie den Wein in tiefen Zügen jdudten. Die Gefehteren aber wurden lauter im Gelpräde, rüdten ihre Stühle mehr gu. fammen, und liegen bie Unterhaltung allmählidy in eine mäßige wroblidjfeit übergeben. Diefe mar wohl zu unter[djeiben von einer gewöhnlichen luftigen Stimmung und eine ſymboliſche Abſicht, welche eine heitere Ergebung in ben Lauf der Dinge unb das Recht bes Lebens gegen ben Tod bedeuten jollte.
Ich fand mun endlih Raum, meinen Pla zu verlafjen unb umberzugehen. Im nüdjten Zimmer fand id) am einer fleineren Tafel Anna neben ihrem Vater ſitzen, melder im Kreife einiger Klugen unb Frommen bie meije und fröhliche
Crgebung in das linpermeiblide mit ausgezeichneter unit Keller I, 17
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übte. Gr made einigen bejahrten Grauen den Hof und wußte -
jeder nodj zu fagen, was fie vor breipig Jahren gern gehört; dafür jchmeichelten fie ber Kleinen Anna, lobten ihre Manieren und priejen ben Alten glüdlid. Zu bieler Gruppe febte id) mid und Dordje neben Anna auf bie bejdjauliden Neben der Alten. Dabei hielten mir zwei, denen nun erjt vergnüglid zu Mute wurde, nodj eine feine Mahlzeit aus der gleichen Gdjüjjel und tranfen zufammen ein Glas Wein.
Auf einmal fing e8 über unferen Köpfen an zu brummen und zu pfeifen. Geige, Baß und Klarinette wurde angeftimmt und ein Waldhorn erging fi in ſchwülen Tönen. Während ber rüftige Teil ber Berfammlung aufbrah und nad) bem ge räumigen Boden binaufitieg, fagte ber Schulmeilter: „So muß e8 aljo doch getanzt fein? Ich glaubte, diefer Gebraud) müre enblid) abgeihafft, und gewiß ijf dies Dorf das einzige weit und breit, wo er noch mandjmal geübt wird! ch eDre das Alte, aber alles, was [o Heißt, iit doch nicht ebrmürbig und tauglih! Indeſſen mögt Ihr einmal zuſehen, Kinder, damit Shr [püter nod) davon fagen könnt; denn hoffentlich wird das Tanzen an Leihenbegängniffen endlich bod) ver[djminben!^
Wir huſchten fogleih hinaus, wo auf bem Flur und der Zreppe, bie nad) oben führte, bie Menge fid) zu einem Zuge ordnete und paarte, denn ungepaart durfte niemand Hinauf- geben. IH nahm daher Anna bei ber Hand unb ftellte mid in bie Reihe, meldje fid, von den Mufifanten angeführt, in Bewegung ſetzte. Man fpielte einen efenbiglidjen Trauer marſch, 30g nad feinem Takte dreimal auf dem oben herum, der zum Tanzſaal umgewandelt war, unb ftellte fid dann in einen großen Kreis. Hierauf traten fieben Baare in die Mitte und führten einen [djmerjülligen alten Tanz auf von fieben Higuren mit [djmierigen Sprüngen, Stniefällen und Verſchlin⸗ gungen, wozu ſchallend im die Hände geflatiht wurde. Nadh-
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bem dies Schaufpiel feine gehörige Zeit gedauert hatte, erſchien ber Wirt, ging einmal duch bie Reihen, dankte den Gäſten für ihre Teilnahme an feinem Leid und flüjterte Hier und bort einem jungen Burfchen, daß es alle jahen, in bie Obren, er möchte ſich bie Trauer nicht allzufehr zu Herzen gehen und ihn in feinem Schmerze jet nur allein und einjam lafien, er empföhle ibm vielmehr, fid) nun wieder be8 Lebens zu freuen. Hierauf fchritt er wieder gejenften. Hauptes von dannen unb ftieg die Treppe hinunter, al8 ob e$ direlt in den Zartaru8 ginge. Die Muſik aber ging plópli in einen Injtigen Hopfer über, die Aelteren zogen fidj zurüd und bie Jugend braufte jaudjgenb und ftampfend über den dröhnenden Boden Hin. Unna und ih ftanden, mod) immer Hand in Hand, verwundert an einem Yenfter und fchauten dem dämo⸗ nijden Wirbel zu. Auf der Straße fahen mir bie übrige Jugend bes Dorfes bem Geigenflange nadjgieben; die Mädchen itellten fih vor die Hausthür, wurden von den Smaben 5er. aufgebolt, und menn fie einen Tanz gethan, hatten fie das Recht erworben, aus den tyenjtern die Burfchen, bie noch unten waren, heraufzurufen. Es wurde Wein gebradjt und in aller- band Dachwinkeln Heine Zrinfitätten hergeitellt, und bald per» ſchmolz alles in Einen raufchenden und tobenben Wirbel ber Luft, melde fidj in ihrem Lärm um fo fonberbarer ausnahm, ald e8 Werktag war unb das Feld weit herum in gewöhn⸗ lider ftiller Arbeit begriffen.
Stadjem wir lange Zeit zugefchaut, fortgegangen und mieber gelommen waren, fagte Unna errötend, fie möchte einmal probieren, ob fie in ber großen Menge tanzen Tonne. Diefes lam mir febr gelegen und wir drehten uns im jelben Augen- blile in ben SKreifen eines Walzer8 dahin. Bon nun an tanzten wir eine gute Weile ununterbroden, ohne müde zu werben, die Welt unb uns felbft pergejjenb. Wenn die SRufif
