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Gesammelte Werke

Chapter 21

Section 21

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ih müßte fie burdjaus am Arme führen, da mir fo feine Stadt» leutchen jeien; ich glaubte die unb ſchob meinen Arm in den ihrigen, fie 3og ihn raſch zurüd und faßte mid) unter ben Arm, fanft, aber entídjeben, indem fie lächelnd nad) dem fpottenden Bolfe zurüdjah; idj merkte meinen fehler unb ſchämte mid) dergeitalt, daß idj ohne zu ſprechen den Berg binanftürmte unb das arme Kind mir beinahe nicht folgen lonnie. Sie ließ fidj dies nicht anfehen, jonbern fchritt tapfer aus, und fobald wir allein waren, fing fie ganz geläufig und fiet an zu plaudern über die Wege, welche fie mir zeigen mußte, über bas Feld, über ben Wald, mem diefe und jene Barzelle gehöre und wie e8 bier und dort vor wenigen Jahren nod) gemejen fei. Ich wußte wenig zu erwidern, während id) aufmerfjam zubörte und jedes Wort mie einen Tropfen Mus» latmein verídjlang; meine Eile hatte ſchon nadjgelajjen, als wir bie Höhe des Berges erreichten unb auf feiner Ebene ge» mächlich babingingen. Der funfelnbe Sternhimmel Ding weit gebreitet über bem Lande, unb bodj mar e8 dunkel auf bem Berge, unb die Dunkelheit band uns näher zufammen, da wir, unfere Geſichter kaum fehend, einander aud) befjer zu hören glaubten, menn wir uns feit gujammenbielten. Das Waffer raufchte vertraulid im fernen Thale, bie unb da fahen wir ein mattes Licht auf der dunklen Erde glimmen, melde fid) maſſenhaft mit ihrem ſchwarzen Schatten vom Himmel [onberte, ber fie am Rande mit einem blaffen Dämmergürtel umgab. Sd) beadjtete dieſes alles, Iaujdjte den Worten meiner Beglei- terin und bebadjte zugleich für mich meine Freude unb meinen Stolz, eine Geliebte am Arme zu führen, ala meldj id) fie en für allemal betradjtete. Wir [pradjen nun ganz munter und aufgeräumt von taujenb Dingen, von gar nichts, dann wieder mit wichtigen Worten von unferen gemeinjamen Ber- wandten unb ıhren Berhäliniffen, wie alte fluge Leute. Se
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näher wir ihrer Wohnung famen, deren Licht bereits im ber Tiefe glühte wie ein Leuchtwurm, bejto ficherer und lauter wurde Anna; ihre. Stimme Tlingelte unaufhörlid und fein, gleih einem fernen Veſperglöckchen; ich ſetzte ihren artigen Einfällen die beiten meiner eigenen Erfindung entgegen, und doch hatten wir uns den ganzen Abend nod) nie unmiltelbar angerebet und das Du mar [feit jenem einen Male nie mehr zwifchen uns gefallen. Wir hüteten e8, wenigjtens ich, im Herzen gleidj einem goldenen Sparpfennige, den man auszus geben gar nicht nötig bat; oder e8 [djmebte mie ein Stern weit vor uns in neutraler Mitte, nad welchem fid) unfere Reden und Beziehungen richteten und fi) dort vereinigten, wie zwei Linien in einem Punkte, obne jid) vorher unzart zu be rühren. Erſt als wir in der Stube waren und ihren fie er martenben Vater begrüßt hatten, nannte fie, bie Greignifje des Abends froh erzählend, beiläufig ganz unbefangen meinen Ramen, fo oft e8 erforderlih mar, unb nahm, unter bem Gdjuge ihres VBaterhaufes, wo fie fid) geborgen fühlte, wie eine Taube im Seite, unbefehens bas Wörthen Du hervor und warf e8 unbefümmert hin, daß idj e$ nur aufzunehmen und ebenfo arglos zurüdgugeben braudjte. Der Gdjulmeiiter madjte mir Vorwürfe über mein langes Ausbleiben, und um fier zu gehen, forderte er mich zu bem SSer[predjen auf, gleidj am nádjten Morgen früh zu kommen und den ganzen Tag an feinem See guaubringen. Anna übergab mir ben Shaml, ben ich mieder zurüdtragen ſollte; dann leuchtete fie mir vor ba8 Haus und fagte abieu mit jenem angenehmen Zone, der ein anderer ijt nad) einer jtilljdjmeigenb gefchloffenen Freund⸗ ſchaft, als vorher. Kaum mar idj aus bem Bereiche bes Haufes, fo ſchlug idj das blumige weidhe Zud, dag mir eine Wolfe des Himmels zu fein bünffe um Kopf und Schultern, und tanzte darin wie ein Beſeſſener über den nüdjilidjen Berg.
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Ws ih auf feiner Höhe war unter ben Sternen, fdjlug e3 unten im Dorfe Mitternadt; die Stille war nun nah und fern fo tief geworden, daß fie in ein geifterhaftes Getöfe über» zugeben [djien, unb nur, wenn fid) diefe Täuſchung zeritreute unb man gejammelt Bordjte, raufchte und 3og unten ber Fluß. Ein feliger Schauer [dien, als ih einen Augenblid jtanb wie feitgebannt, rings vom Geſichtskreiſe beranzuzittern an den Berg, in immer engeren Zirkeln bis dicht an mein Herz. Id enilebigte mid) andächtig meiner närrifhen Umhüllung, legte fie zufammen, ſtieg träumend den Abhang binunter unb fand den Weg nad Haufe, ohne auf ihn adjt zu geben.
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Drittes Kapitel. Bohnenromange.
Am nächſten Morgen legte ich denſelben Weg, der von Tau unb Sonne funkelte unb blitzte, mit meinem Geräte bo laden, zurück und ſah bald den See unter dem Morgendufte hervorleuchten. Haus und Garten waren pom jungen Tag übergoldet unb warfen ihr frpjtallene$ Gegenbild in die Flut; zwifchen ben Beeten bewegte jid) eine blaue Gejtalt, fo fern und fleim, wie in einem Nürnberger Spielzeuge; das Bild verſchwand wieder hinter den Bäumen, um bald defto größe und näher bervorzutreten und mid) in feinen Rahmen mit aufzunehmen. Schulmeiſters hatten mit dem Frühſtücke auf mid) gewartet; idj war fehr eßluſtig gemorben burd) ben weiten Weg unb jab mid) daher mit großer Zufriedenheit hinter dem Z'ildje, während Anna die Tugenden eines fausmütterdjens auf3 lieblidjjte fpielen ließ und fid) endlich) neben mid) [ebte und fo gierfidj und mäßig an dem Elfen nippte wie eine Elfe, und als ob fie Feine irbifdjen Bedürfniffe Hätte Sch jab fie indes faum eine Stunde nadjBer mit einem mádjtigen Stud Brot in ber Hand und mir aud) ein foldhes bringend, unbe fangen und tüchtig dreinbeißen mit ihren Heinen weißen Zähnen,
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und Dies begierige Gjjen im Gehen unb Blaudern ftand ihr ebenfo wohl an, wie vorher ber befcheidene Anftand am Tiſche.
Rad bem Frühſtücke war der Vater mit der alten Magd in feinen Weinberg geitiegen, um von ben reifenden Trauben bas Laub zu Dredjen, welches ben Sonnenftrahlen den Zugang verfperrte. Die Belorgung des Weinberges war, nebjt bem Schlagen und Kleinmachen des Holzes, feine Hauptarbeit in feinem bejdjaulidjen Leben. Ich aber fah mid nad einem Gegenitanbe meiner Thätigfeit um. Anna hatte eine mächtige Banne voll grüner Bohnen der Schwänzchen au entledigen unb an lange Fäden zu reihen, um fie zum Dörren vorzube⸗ zeiten. Damit idj in ihrer Nähe bleiben Konnte, gab ich vor, ij müßte nun zur Abwechſelung einmal Blumen nad) ber Ratur malen, und bat fie, mir einen Strauß berfelben zu bredien. Der Zufammenjtellung wegen begleitete ich fie in ben Garten, und nad) einer guten halben Stunde hatten wir endlich eine hübfche Menge beifammen unb fegten fie in ein alte mobijdes Prunkglas unb biefe8 auf einen Tiſch, ber in einer- Beinlaube hinter dem Haufe ftand; Anna fdjüttete ihre Bohnen rings barum Ber unb wir ſetzten und einander gegenüber, bis zur Mittagsitunde arbeitend und von unferen beiderjeitigen Lebensläufen erzählend. Ih mar mun ganz erwärmt unb heimiſch geworden unb begann bald mit ber Weberlegenheit eines Brubers bem guten Kinde mit wichtigen Urteilen, einge» itreuten Bemerkungen und Belehrungen zu imponieren, indeljen ih meine Blumen mit vermwegenen bunten Farben anlegte und fie mir erſtaunt unb pergnügt zufchante, über den Tiſch ge beugt und einen Büfchel Bohnen im der einen, daß fleine Zafhenmeflerhen in ber anderen Hand. Ich brachte ben Strauß in natürlicher Größe auf einen Bogen und gebadje damit ein rechtes Brunkftüd im Haufe zurückzulaſſen. Inzwiſchen lam die SRagb vom Berge und forderte meine Gelpielin auf,
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ihr zum Bereiten des Eſſens beBilffid) zu fein. Diefe fure Trennung, dann bas Wiederfehen am Tiſche, bie Ruheſtunde nad bemjelben, das Billigen meiner porge[d)rittenen Arbeit von feiten des Schulmeifters, gewürzt mit meijen Gpridjen, unb endlih die Ausfiht auf ein abermaliges Zufammenjein bis zum Abend in der Laube veranlaßten ebenfoviele ange- nehme Bewegungen und Zwiſchenſpiele. Anna [diem aud meined Ginne8 zu fein, ba fie eben wieder einen anfehnlichen Haufen Bohnen auf ben Tifch [d)üttete, welcher bis zum Abend auszureihen ſchien. Allein die Haushälterin erſchien plötzlich und erklärte, daß Anna mit in den Weinberg müßte, damit man heute mit demſelben noch fertig würde und eines kleinen Ueberbleibſels wegen nicht am anderen Tage hinzugehen brauche. Dieſe Erklärung betrübte mid) unb ich warb ſehr ärgerlich über die alte Frau; Anna hingegen brach ſogleich willig und freundlich auf und bezeigte weder Freude nod) Verdruß über bie Aende rung ihres Planes. Die Alte, als ſie mich bleiben ſah, ſagte, ob ich nicht auch mit komme, ich werde doch nicht allein hier ſein wollen und es ſei recht ſchön im Weinberge. Allein ich war nun ſchon zu tief betrübt und unwillig und erklärte, ich müßte meine Zeichnung zu Ende führen. Bald ſaß ich allein in der einſamen Gegend und der Nachmittagsſtille und fühlte mich nun doch wieder zufrieden. Auch kam dieſes Alleinſein meinem Machwerke zu gut, indem ich mir mehr Mühe gab, die natürlichen Blumen vor mir wirklich zu benützen und an ihnen zu lernen, während ich am Vormittage mehr nach meiner früheren Kindermanier drauf losgepinſelt hatte. Ich miſchte bie Farben genauer unb verfuhr reinlicher unb auf merkſamer mit den Formen und Schattierungen, und dadurch entſtand ein Bild, welches an der Wand unſchuldiger Land⸗ bewohner etwas vorſtellen konnte.
Darüber verfloß die Zeit ſchnell und leicht und brachte
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den Abend, inbefjen id mit Liebe bie Zeichnung nad) meiner Ginfidt vervolllommnete und überall ein Blatt oder einen Stiel ausbefjerte und einen Schatten verſtärkte. Die Steigung für das Mädchen lebrte mid) dies gemijjenDafte Fertigmachen unb SOurdjgeben der Arbeit, meídje8 ich bis dahin noch nicht gefannt; und als ih gar nidji$ mehr anzubringen fah, fchrieb ih in eine Ede des Blattes „Heinrich Lee fecit." und unter den Strauß mit gotbijder Schrift den Stamen der Tünftigen Gigentimerin.
Der Weinberg mußte inzwifhen nod) ein großes Stüd Arbeit gegeben haben, denn [djon [djmebte die Sonne dicht über bem Waldrande und warf ein feuerfarbenes Band über bas dunkelnde Gewäſſer ber unb nod) börte id) nichts von meinen Gaftfreunden. Ic fegte mich auf bie Stufen vor bem Haufe; die Sonne ging binab und ließ eine tiefe Golbglut zurüd, melde auf alles einen 9tadjglana verbreitete und das Bild auf meinen Knieen munberbar verflärte und etwas Rechten gleidjjeben Tieg. Da ich febr früh aufgeitanben war unb in biejem Augenblide aud) fonjt nichts Beſſeres zu thun mußte, ſchlief id) allmählich ein, und als id) ermadjte, ftanden .bie Zurüdgelehrten in der vorgerüdten Dämmerung bei mir unb am dunfelblauen Himmel wieder die Sterne. Meine Malerei wurde nun in der Stube bei Licht bejehen, bie Magd flug die Hände über dem Kopf zufammen unb hatte nod) nie etwas Webnlidjes erblidt; ber Schulmeijter fand mein Wert gut unb belobte meine Artigfeit gegen fein Töchterchen mit ſchönen Worten und freute fid) darüber; Anna lächelte ver» gnügt auf bas Geſchenk, wagte aber nicht, e8 anzurühren, fondern lie& e8 auf dem ffaden Tiſche liegen und gudte nur hinter den anderen hervor darüber Bin. Wir nahmen nun bas Nachtmahl ein, nad) welchem id) aufbrechen wollte; aber ber Schulmeifter verhinderte mid) daran unb gab Befehl, mir
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ein Lager zu bereiten, ba id) mid auf bem bunflen Berge unfeblbar verirren würde. Obgleich ich einwandte, daß id) den nádjliden Weg ja ſchon einmal zurüdgelegt Hätte, Tieß ich mid bod) leicht bereden, aus bloßer Freundſchaft ba zu bleiben, worauf wir in den Heinen Saal mit der Orgel gingen. Da Schulmeiſter fpielte und Anna und ich fangen dazu einige Abendlieder, und der Magd zu Gefallen, melde gern mitjang, einen Pſalm, ben fie mit heller Stimme beherrihte.e Dann ging ber Alte zu Bette. Doch jet begann erjt bie Herrichaft ber alten Katherine, welche unten in ber Stube einen unge heuren Vorrat von Bohnen aufgetürmt Hatte, weldhe heute Naht noch jämtlid bearbeitet werden follten. Denn ba fie nachts nicht viel [djlafen fonnte, bebarrte fie hartnädig auf ber ländlichen Sitte, dergleihen Dinge bis tief in bie Nacht hinein vorzunehmen. So faßen mir bi8 um ein Uhr um ben grünen Bohnenberg berum unb trugen ihn allmählich ab, indem jedes einen tiefen Gdjadjt vor fid) Hineingrub und bie Alte den ganzen Borrat ihrer Sagen und Schwänke heraufbeſchwor und uns beide in madjer Munterfeit erhielt. Unna, welche mir gegenüber faß, baute ihren Qoblmeg in bie Bohnen Dinein mit vieler Kunft, eine Bohne nad) der andern herausnehmen), unb grub unvermerft einen unterirdifhen Stollen, fo daß plöglid ihr Kleines Händchen in meiner Höhle zu Tage irat, al$ ein Bergmännchen, und von meinen Bohnen megichleppte in bie graulide Finſternis hinein. Katherine belebrte mid, | daß Anna der Sitte gemäß verpflichtet fei, mid) zu küſſen, menn ih ihre Singer erwiſchen könne, jebod) dürfe der Berg darüber nicht zufammenfallen, und id) legte mich deshalb auf bie Laer. Nun grub fie fid) nod) ver[djiebene Wege unb begann mid) auf bie lijtigite Weife zu neden; bie Hand in ber Tiefe bes Bohnengebirges verjtedt, jab fie mid) über basjelbe her mit ihren blauen Augen nedijd) an, indeſſen fie hier eine Yinger-
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{pie bervorguden ließ, dort bie Bohnen bewegte, mie ein uns fidjtbarer Maulwurf, bann ploglid mit der ganzen Hand ber» vorfhoß und wieder zurüdichlüpfte, wie ein Mäuschen ins Zoch, ohne daß eS mir je gelang, fie Si Hafen. Sie trieb e3 jo weit, mir immer auf die Augen fehend, daß fie ploglid) eine Bohne, bie ich eben ergreifen wollte, meinen Fingern entzog, ohne daß ich wußte, wo diefelbe Dingefommen. Katherine bog fid zu mir berüber und flüjterte mir ins Ohr: „Laßt fie nur maden, wenn ihr ber Bau endlih aujammenbridjt über ben vielen Löchern, fo muß fie Euch auf jeden Hall füffen!" Anna wußte jebod) jogleih, was die Alte zu mir fagte; fie fprang auf, tanzte dreimal um fi felbit herum, klatſchte in die Hände unb rief: „Er Dridjt nicht, er bridjt nit, er bricht nidjt!^ Beim brittenmale gab Katherine mit ihrem Fuße dem Tifhe ſchnell einen Stoß und der unterhöhlte Berg jtürzte jammervoll zufammen.. „Gilt nicht, gilt nicht!" rief Anna fo laut und fprang fo audgelaffen im Zimmer umber, mie man es gar nidj hinter ihr vermutet hätte. „Ihr habt an ben Tiſch geitoßen, ih hab’ e8 wohl geliehen!”
„Es ift nicht wahr,” behauptete Katherine, „Heinrich be fommt einen Kuß von bir, bu Here!”
„Ei ſchäme bid) bodj, fo zu lügen, Katherine,” fagte bas verlegene Kind, unb bie unerbittlihe Magd erwiberte: „Sei bem mie ihm molle, der Berg ijt gefallen, ehe du bid) dreimal gedreht haft, unb bu bijt dem Herren Heinrih einen Kuß ſchuldig!“
„Den will ich auch ſchuldig bleiben,“ rief ſie lachend, und ich, ſelbſt froh der feierlichen Ceremonie entflohen zu ſein und doch die Sache zu meinem Vorteile lenkend, ſagte: „Gut, ſo verſprich mir, daß du mir immer und jederzeit einen Kuß ſchuldig fein willſt!“
„Ja, das will ich!“ rief ſie und ſchlug leichtſinnig und
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mutwillig auf meine bargebotene Hand, daß es fdjallte. Sie mar jett überhaupt fo lebendig, laut und beweglich wie Dued- filber unb [dien ein ganz anderes Weſen zu fein, als am Tage. Die SRitternadjt. [djien fie zu verwandeln, ihr Gefichtchen mar ganz gerbtet und ihre Augen glänzten vor Freude. Sie tanzte um die unbehilflihe Katherine herum, medie fie und wurde von ihr verfolgt, e8 entitand eine Sagd in ber Stube umber, in welche ich aud) verwidelt wurde. Die alte Katherine verlor einen Schuh und zog fid) feudjenb zurüd, aber Anna ward immer wilder und bebenber. Endlih haſchte ich fie und bielt fie feit, fie legte ohne weiteres ihre Arme um meinen Hals, näherte ihren Mund dem meinigen und fagte leife, vom Baftigen Atem unterbrochen:
„Es wohnt ein weiße! Mäuschen
Im grünen Berge&haus;
Der Berg, ber will zerfallen,
Das Mäuslein flieht barau$;" worauf id) in gleiher Weife fortfuhr:
Man Bat e8 nod) gefangen,
Um Fußchen angebunden
Und um bie Vordertaͤtzchen
Ein rote8 Band gewunden;“ . bann fagten wir beide im gleidjen. Rhythmus und indem wir uns geruhig bin unb Der miegten:
„Es zappelte und fchrie:
Was hab’ ich denn perbrodjen?
Da bat man ihm ind Herzlein
Ein’ goldnen Pfeil geftod)en.*
Und als das Liedhen zu Ende war, lagen unfere Lippen bidjt auf einander, aber ohne jid) zu regen; wir küßten uns nidj und dachten gar nicht daran, nur unjer Hauch vermifchte fid auf ber neuen, nod) ungebraudten Brüde und das Herz blieb froh und ruhig.
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Am andern Morgen war Anna wieder wie gewöhnlich), ftf und freundlid; der Schulmeifter begehrte die Zeichnung bei Zage zu bejeben, und ba ergab e3 fid, daß fie von Anna {don in den unzugänglidjiten Gelafjen ihres Kämmerchens ver» wahrt unb begraben worden. Sie mußte diefelbe aber wieder beroorholen, was fie ungern that; der Bater nahm einen Rahmen von der Wand, in weldem eine vergilbte und vers borbene Gebüdjtnistafel der Teuerung von 1817 Bing, nahm fie heraus und jtedte den frifchen bunten Bogen hinter das Glas. „Es ijt endli Zeit, bab mit die traurige Denkmal von ber Wand nehmen,” fagte er, „ba es felber nidjt länger vorhalten mill. Wir wollen e$ zu anderen perjdjollenen. und verborgenen Denkzeichen legen und dafür diefes blühende Bild des Lebens aufpflanzen, das uns unfer junger freund ges ſchaffen. Da er bir bie Ehre ermiejen Bat, Liebes Aennchen, deinen Ramen unter die Blumen zu fegen, [o mag bie Tafel zugleich deine Ehren- und Denktafel in unferem Haufe fein unb ein Borbild, immer heiter, mit gefhmüdter Seele und ſchuldlos zu leben, wie diefe zierlihen und ehrbaren Were Gottes!“
Rah Tiſch madjte id) mich endlich bereit zur Rückkehr; Anna. erinnerte fi, daß heute wieder Tanzübung ftattfinde, unb erbat fid) die Erlaubnis, gleid) mit mir geben zu dürfen. Zugleih verkündete fie, daß fie bei ihren Bafen übernadjten würde, um nicht wieder [o fpät über ben Berg au miüljem. Bir wählten den Weg längs des Flüßchens, um im Schatten zu geben; und ba diefer Pfad öfter feucht war und von Baflerpflanzen und Geſträuchen beengt, ſchürzte fie bas bell. grüne, mit roten Punkten bejegte Kleid, nahm ben Strohhut ber überbüngenben Zweige wegen in die Hand und [ditt neben mir her burdj das Helldunkel, durch welches die heimlich leudjtenben Wellen über rofenrote, weiße und blaue Steine
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riejelten. Ihre Goldzöpfe Dingen tief über den Naden Dinab, ihr Gefiht war von einer weißen Srauje von eigener Erfin- bung eingefaßt und diefelbe bebedte nod) bie jungen [djmalen Schultern. Sie fagte nicht viel und fdjen fid) ein wenig ber vergangenen Nacht zu ſchämen; überall, mo ich nichts gemahrte, fab fie fpäte Blüten und brad) diefelben, daß fie bald alle Hände voll zu tragen hatte. An einer Stelle, mo das Waſſer fid in einer Erweiterung des Bettes fammelte und ftille ftand, warf fie ihre fäntlihe 9ajt zu Boden und fagte: „Hier ruht man aus!” Wir fegten und an ben Rand bes Zeidjes; Anna flocht einen Kranz aus den Kleinen vornehmen Waldblumen und feßte ibn auf. Nun [ab fie ganz aus wie ein Dolbjelige? Märchen; aus der Flut fhaute ihr Bild lächelnd herauf, das weiß unb rote Gefiht mie burdj ein dunkles Glas fabelbaft überjd)attet. Aus ber gegenüberliegenben Geite des Waflers, nur zwanzig Schritte von uns, ſtieg eine Felswand empor, beinahe fenfredjt unb nur mit menigem Gejtrüudje bebangen. Sbre Steile verkündete, wie tief hier ba8 Keine Gewäſſer fein müſſe, und ihre Höhe betrug diejenige einer großen Kirche. An der Mitte derjelben war eine Vertiefung fidjtbar, bie in den Stein hineinging und zu mwelder man durdaus feinen Zugang entbedte. Es jab aus mie ein recht breites Fenſter am einem Turme. Anna erzählte, daß diefe Höhle bie fev denftube genannt würde. „Als das Chritentum in das Land drang,“ fagte fie, „da mußten fid) bie Heiden verbergen, melde nicht getauft fein wollten. Eine ganze Haushaltung mit vielen Kindern flüchtete fid) in das Loc dort oben, man weiß gar nidt auf melde Weiſe. Und man fonnte nicht zu ihnen ge langen, aber fie fanden den Weg audj nicht mehr Deraus. Sie Baujteu und fodjen eine Zeitlang und ein Kindlein nad) dem andern fiel über die Wand herunter in8 Waffer Bier unb ertrant. Zulegt maren nur nod) Vater unb Mutter übrig