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Gesammelte Werke

Chapter 20

Section 20

biejem Berufe gefommen und durch leinerlei innere Kraft Keller L 15
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vorher bejtimmt. Was könnte mir nun millfommerner fein, al3 ein junger Menſch, der mit foldher Energie fid) für Papier und Farben erflärt, in jo frühem Alter, ber den ganzen Tag, ohne weitere Anregung, Bäume und Blumengärthen malt? Wir wollen ibm [don Blumen genug verjdaifen, in geord⸗ neten Reihen fol er fie auf die Tücher zaubern, unerſchöpflich, immer neu; er [oll au8 ber reidjem 9tatur die wunderbariten und zierlichiten Gebilde abjtrahieren, meldje meine Konkurrenten zur Verzweiflung bringen! Kurz, gebt mir Euren Sohn in Haus! Ich werde ihn bald fo weit gebradjt Haben, wie bie anderen, und wenn er einige Sahre älter ijt, jo thun wir ibn nad) Paris, mo bie Sade ind Große betrieben wird unb bie ausgezeichnetiten Deffinateurs der verſchiedenſten Induſtriezweige leben wie bie Yürften und von ben Gefchäftsleuten auf Sàn. den getragen werden. Hat er dort fi gehörig emporge ſchwungen und feine Grfahrung bereichert, fo ijt er ein ge madjer Mann und Tann fein Los felbjt bejtimmen. Will e alsdann fid) wieder mit mir verbinden, fo wird daß mir zur Freude unb aum Vorteil gereidjen; findet er aber fein Gläück anderswo, [o habe ich nichts bejto weniger meine Zufriedenheit daran. Bedenket Euch, ich glaube mich nicht zu täufchen!“ Er führte hierauf meine Mutter in feinem Gefdjáfte herum und zeigte ihr bie bunten Herrlicdhkeiten, bie gefchnittenen Holz» mödel und vor allen bie Fühnen Kompofitionen feiner Zeichner. Es leuchtete ihr alles volllommen ein und erfüllte fie wieder mit Hoffnung. Abgeſehen von bem gelicherten und reichlichen Erwerbe, weldhen ein gemanbter Geihäftsnann verbürgte, mar ja diefe ganze Sunjt dem Dienjte der Grauen gewidmet und reinfid) unb [riebjam, daß ein Sohn in ihrem Schoße wohl geborgen ſchien. Auch modjte e8 vielleiht eine Ader verzeih- licher Eitelfeit ermeden, wenn fie fid in einen der beſcheide⸗ neret Stoffe meiner Erfindung gefleidet badjte. Sie mar fo
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mit diefen angenehmen Gebanfen bejchäftigt, daß fie für diese mal ihre Wanderung einjtellie, um fid) ganz in denfelben zu ergeben.
Der folgende Tag jebod) rief fie wieder zur Erfüllung der ſonſt väterlihen Pflicht auf unb führte fie mit neuen Sorgen und Zweifeln auf den Weg. Sie gelangte zu einem dritten Freunde des Baters, einem Scufter, ber im Gerude tiefen Veritandes und eines gewaltigen Politikers lebte. Seit bem Zode meines Vaters war er burd) bie Zeitereignilje in eine itrenger bemofratijde Richtung Hineingetreten. adj mißlau⸗ nifher Anhörung des Berichtes und des Erfolges ber gejtrigen Bemühungen bradj er barſch [o8:
„Maler, Landlartenmadjer, Blümchenzeichner, Stubenfiker, Herrenknecht! Handlanger der Geldariftofraten, Gehilfe des Luxus unb der Berweihlihung, al8 9anbfartemmadjer fogar diretter SBorfdjubleijter des beſtialiſchen Kriegsweſens! Hand⸗ wert, ehrliche und ſchwere Handarbeit ijf und von nöten, gute Frau! Wenn Euer Mann lebte, jo würde er den Jungen [o geviß duch ſchwere Handarbeit ins Leben führen, als zwei mal zwei vier find! Zudem ijf ber Junge fehon ein bißchen ſchwächlich und verwöhnt burdj Eure Weiberwirtfchaft; Laßt ihn Maurer oder Steinmeß werben, ober bejjer, gebt ihn mir, jo mirb er bie gehörige Demut unb damit ben reiten Stolz eines Mannes aus bem Volle gewinnen, und bis er imjtanbe üt, einen guten Schub fir und fertig zu arbeiten, foll er geleent haben, mas ein Bürger ijt, wenn er anders feinem Bater nadjfolgt, ben wir febr vermiffen, wir andere Hand- mwerföleute! Befinnt Euch, Frau Lee! von ber Pike auf dienen, das madjt den Mann! Waren die neuen Schuhe bod) nicht zu eng, bie ich letzthin ſchickte?“
Die Grau Lee ging aber nidjt ſonderlich erbaut fort und murmelte vor fidj Ber: „Schlag bu mur beine hölzernen Zwecke
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ein, bei mir erreidjit bu Deinen Zweck nidi, Herr Gduiter, ungebobelter Mann! Bleib nur bei deinem Qeijten und marte, bis mein Sind fommt, bir Gefelljdjaft zu leijten! Draht iit nidi Rat! Wenn bu Gott fürchten würdeft, fo brauditeft du nidt vor bem Gerber zu fliehen! Wer Pech angreift, bejubelt fig!" Unter folden Sarlasmen, melde fie nachher wiederholte, fo oft fie auf bieje Unterredung zu fpreden fam, aog fie bie Klingel an einem hoben und ſchönen Haufe, welches der Bater einjt für einen vornehmen Herrn gebaut hatte. Es war ein feiner und ernfter Mann, der in ben Staatsgeſchäften ftanb, nit viele Worte machte, jedoch für uns einige Geneigtbeit zeigte und [don mehrmals mit ent(djeibenbem Rat an bie Hand gegangen war. Als er vernommen, marum e$ fid handelte, ermiberte er mit höflich ablehnenden Worten:
„Es thut mir leid, gerade in diefer Angelegenheit nidjt dienen zu fonnen! Ich veritehe [o viel wie nichts von ber Kunſt! Nur weiß id, daß aud) für das ausgezeichneifte Talent lange Gtubienjabre und bedeutende Mittel erforderlih find. Wir haben wohl große Genies, melde fid) durch befondere Widerwärtigfeiten endlich emporgeldjmungen; allen um zu - beurteilen, ob Ihr Sohn Hierzu nur bie geringiten Hoffnungen — biete, dazu befigen wir in unferer Stadt gar feine bereditigte Perſon! Was Bier an Künftlern und dergleichen lebt, it ziemlich entfernt von bem, was ich mir unter wirklicher Kunſt porjtelle, und ich fónnte nie raten, einem ähnlichen verfehlten Ziele entgegenzugehen." Dann befann er fidj eine Weile unb fuhr fort: „Betrachten Sie mit Ihrem Sohne die ganze Sadıe al$ eine finbilde Träumerei; Tann er fid) entidjlieben, fd von mir im einer unjeret Stanzleien unterbringen zu laſſen, fo will id) hierzu gern bie Hand bieten unb ibn im Auge behalten. Ich habe gehört, daß er nicht ohne Zalent fei, be fonders in jchriftlihen Arbeiten. Würde er fid gut balten,
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jo könnte er fid) mit ber Zeit ebenfo gut au einem Bermwal- tungämanne emporarbeiten, als mandjer andere wadere Mann, meldjer ebenfo von unten angefangen unb al8 armer Schreiber- junge in unfere Kanzleien getreten ift. Lebtere Bemerkung made ich übrigens nidt, um irgend große Hoffnungen zu erregen, fondern nur um Ihnen zu zeigen, daß ber Snabe aud auf diefem Wege nicht unbedingt an ein dunkles unb dürffige8 Los gebunden ijt."
Diefe Rede, indem fie meiner Mutter eine ganz neue Ausficht eröffnete, warf fie gänzlich in Ungewißheit aurüd, ob fie nicht ernjtfid midj zur Aenderung meines Sinnes beitim- men fole. Denn bier war nod) mehr, ala beim $yabrifanten, bie Bürgihaft eines angefehenen und feiner Worte ficheren Mannes zur Hand, meldjer einen großen Zeil unferer Berhält- nijje eben fo Har durchſchaute als mit beherrſchte und imitanbe war, Diejenigen über bem Waſſer zu balten, bie fidj feinem Rate anvertrauten.
Sie ſchloß bier ihren beſchwerlichen Gang unb bejdjrieb mir in einem großen Briefe fämtlidhen Erfolg desfelben, jebod) bie Borfchläge des tyabrifanten und des Staatsmannes befonders beroorbebenb, unb ermahnte mid), meinen bejtimmten Entſchluß nod) binauszufchieben und eher darauf zu denken, auf melde Beife id) am füglichiten im Lande bleiben, mich redlich nähren, ihr felbft ein Troft und eine Stübe be8 Alters unb bod meinen natürlihen Anlagen gerecht werden könne; denn bab fie je dazu helfen würde, mid) gemaltjam zu einem mir mwider- itrebenden Lebensberufe zu beitimmen, davon fei keine 9tebe, da fie Dierüber bie Grundfähe des Vaters genugfam Penne unb e$ ihre einzige Aufgabe wäre, annähernd fo zu verfahren, wie er gethan haben mürbe.
Diefer Brief war überfchrieben „mein lieber Sohn!” unb das Wort Sohn, bas id) zum eritenmale hörte von ihr, rührte
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mid) unb ſchmeichelte mir aufs einbringlidjite, daß id) für ben übrigen Inhalt febr empfánglid) unb baburdj am mir felbit - irre und in Zweifel gefet wurde. Ich fühlte mid) ganz allein unb wehrlos mit meinen grünen Bäumen gegenüber dem ernften Falten Weltleben und feinen Lenkern. Aber während id [don begann, mid) mit bem Gedanken vertraut zu machen, auf immer vom geliebten Walde zu [djeiben, gab idj mid) nur um fo inniger ber Ratur bin unb [djmei[te den ganzen Tag in den Bergen, unb bie drohende Trennung ließ mid) mandhes angehende Berjtändnis fidjerer ergreifen, als e$ ſonſt geſchehen wäre. Ich Hatte Schon viele Studien des Junker Felix nad | gezeichnet und baburd) einige Ausdrudsweife gewonnen, fo dag meine Blätter wenigſtens ordentlid weiß und ſchwartz wurden von Stift und Tuſche.
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Bwettes Kapitel. 3ubith und Aune,
DH, am Morgen oder am Abend, jtand ich auf ber Höhe über dem tiefen See, wo unten der Schulmeifter mit feinem Töchterchen wohnte, ober ich hielt mid) aud) einen ganzen Tag an einer Stelle des Abhanges auf, unter einer Buche oder Eiche, und fab bas Haus abmedjelnb im Gonnenjdeine oder im Schatten liegen; aber je länger idj zauderte, bejto weniger fonnte id) e$ über mid) gewinnen, binabzugehen, ba mir das Mädchen fortwährend im Sinne lag unb id) deshalb glaubte, man würde mir auf ber Stelle anjehen, daß id) ſeinetwegen láme. Weine Gedanken hatten von der feinen Erfcheinung Annas ploglid) fo vollitändigen Beſitz ergriffen, daß ich alle Unbefangenheit ihr gegenüber im gleichen Augenblide verlor unb mit vormwibiger Fiererei von ihrer Seite fofort dag Gleiche vorausſetzte. Indem ih jebod) mid) nad bem Wiederfehen fehnte, mar mir die Zwifchenzeit und meine Unentſchloſſenheit gar nicht peinlich und unerträglich, vielmehr gefiel id) mir in diefem gedanken. unb ermartungsvollen Zuftande unb [ab einem zweiten VBegegnen eher mit Unruhe entgegen. Wenn meine Bafen von ihr [pradjen, that ich, als hörte ich e8 nicht, im.
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deffen id) bod) nid von der Stelle wid fo lange das Gefprád) dauerte, und wenn fie mid) fragten, ob e8 denn nidjt ein aller» Liebftes Kind fei, ermiberte ich ganz troden: „Sa, gewiß!” Auf meinen Wegen war idj häufig am Haufe der [djonen Subitb vorübergefommen, und ba id) eben deswegen, weil fie ein ſchönes Weib mar, aud einige Befangenbeit fühlte und Anftand nahm einzutreten, von ihr gebieterijd) hereingerufen und feitgehalten worden. Nach der Weiſe ber aufopfernden und nimmermüden alten rauen und aud) aus unentbehrlicdher Gewohnheit befand fid) ihre Mutter beinahe immer auf bem warmen Felde, während die Träftige Tochter das leichtere Teil erwählte und im fühlen Haus unb Garten gemächlich mallete. Deswegen mat bieje bei gutem Wetter regelmäßig allein zu Haufe und fah e8 gern, wenn jemand, ben fie leiden mochte, bei ihr vorfehrte unb mit ihr plauberte. Als fie meine Maler- fünfte entbedt hatte, trug fie mir [ogleid) auf, ihr ein Blumen» firduBdjen zu malen, welches fie mit Zufriedenheit in ihr Ge ſangbuch legte. Sie bejag ein Meines Stammbüdelden von ber Stadt ber, ba8 nur zwei oder drei Inſchriften und eine Menge leerer Blätter mit Golb[d)nitt enthielt; von diefen gab fie mir bei jedem Beſuche einige, daß ich eine Blume ober ein Kränzchen darauf male (Farben und Pinfel hatte id) ſchon bei ihr zurücdgelaffen und fie vermabrte diefelben forgfältig); dann wurde ein Vers ober mipiger Spruch darunter geldjrieben unb ihr Kirchenbuch mit foldden Bildchen, bie id) in wenigen Minuten anfertigte, gefüllt. Die Verſe wurden einer großen Sammlung bedruckter Bapierftreifchen entnommen, meldje fie als Ueberbleibjel früher genojjenen Zuderzeuges aufbewahrt. Durch diefen Ber- febr mar ich beimijd) unb vertraut bei ihr gemorden, umb, indem idj immer an bie junge Anna dachte, hielt id) mich gern bei ber ſchönen Syubitb auf, weil ich in jener unbemwußten Zeit ein Weib für das andere nahm und nidt im mindeiten eine
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Untreue zu begehen glaubte, wenn ih im Anblide ber ent falteten vollen tyrauengeitalt bebaglider an die abmefenbe zarte Knoſpe dachte, ala anderswo, ja als in Gegenwart dieſer ſelbſt. Manchmal traf id) fie am Morgen, mie fie ihr üppiges Haar lammie, welches geöffnet bis auf ihre Hüften fiel. Mit biefer mallenben Seidenflut fing idj nedend an zu fpielen unb Syubitb pflegte bald, ihre Hände in den Schoß legend, ben meinigen ihr [dones Haupt zu überlaffen und lächelnd bie Lieblofungen zu erbulben, in meldje das Spiel allmählih überging. Das ſtille Glũck, welches ih dabei empfand, nicht fragend, wie e$ entitanden und wohin es eführen könne, wurde mir Gewohnheit und Bedürfnis, daß ich bald táglidj in das Haus huſchte, um eine halbe Stunde dort zuzubringen, eine Schale Mil zu trinfen und ber ladhenden rau bie Haare aufzulöfen, felbit wenn fte fchon geflochten waren. Dies that ich aber nur, wenn fie ganz allein und feine Störung zu befürdten war, ſowie fie auh nur dann e$ fid) gefalleu fieB, und bieje ſtillſchweigende llebereinfunft der Heimlichkeit Lieb bem ganzen Verfehre einen füßen Neiz.
So war id eines Abends, vom Berge fommend, bet ihr dngelebrt: fie faß Hinter dem Haufe am Brunnen und hatte foeben einen Korb grünen Galat gereinigt; id) hielt ihre Hände unter den Haren Wafferftrahl, wuſch und rieb Diefelben, mie einem Kinde, ließ ihr falte Waffertropfen in den Naden träu- fen und fprigte ibr [olde endlih mit unbeholfenem Scherze ins Gefiht, big fie mid) beim Kopfe nahm und ihn auf ihren €djoB preßte, wo fie ihn ziemlich berb zerarbeitete und waltte, baB mir bie Ohren fauften. Obgleich ich diefe Strafe halb unb Halb beamedt Hatte, wurde fie mir bod) zu arg; id) rib mid [o8 und faBte meine Feindin, nad) Rache bürjtenb, nun meinerfeit3 beim Kopfe. Doc leijtete fie, indem fie immer fiten blieb, fo Träftigen Widerſtand, daß mit beide zulett heftig
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atınend und erhigt den Kampf aufgaben und id, beide Arme um ihren weißen Hals gejdlungen, ausrubend an ihr bangen blieb; ihre Bruſt mogte auf unb nieber, indeflen fie, die Hände erſchöpft auf ihre Kniee gelegt, vor fid) bin fah. Deine Augen gingen ben ihrigen nad in den roten Abend hinaus, deſſen Stille ung umfädelte; Judith faß in tiefen Gedanken verfunten und verſchloß, bie Wallung ihres aufgejagten Blutes bünbigenb, in ihrer Bruft innere Wünfhe und 9tegungen feft vor meine Sugend, während id), unbemuBt des brennenden Abgrundes, an bem ich rubte, mid) arglos ber jtillen &eligfeit bingab und in ber burdjfidjtigen Rofenglut des Hemmels das feine, fchlante Bild Annas au[taudjet (ab. Denn nur an fie badjte idj in biejem Augenblide; ich ahnte das Leben und Weben ber Liebe, und e8 war mir, a8 müßte ih nun das gute Mädchen alo glei feben. Plötzlich rip ich mid) [o8 und eilte nah Haufe, von wo mir ber [djrille Ton einer Dorfgeige entgegenklang. Sämtlide Jugend mar in dem geräumigen Saale verfammelt und benüßte den fühlen, müßigen Abend, nad) den Weifen des herbeigerufenen Geiger3 fid) gegenfeitig im Tanze gu unter ridten unb zu üben; denn die älteren Glieder der Sippſchaft befanden für gut, auf bie $yelte des nahenden Qerbite8 ben jüngeren Nachwuchs vorzubereiten und dadurch fid) felbit ein vorläufige® Tanzvergnügen zu verfhaffen. Ws id im ben Saal trat, wurde ich aufgefordert, fogleich teil zu nehmen, unb indem idj mid) fügte und unter die lachenden Reihen mijchte, erfah ich plóglid) bie errötende Anna, welche fid Hinter den» felben verftedt Batte, Da war ich febr zufrieden und innerlich body vergnügt; aber obgleid) ſchon Wochen vergangen, feit ich fie zum erfitenmale gejehen, ließ id) meine Zufriedenheit nicht merken und entfernte mich, nachdem id) fie fura begrüßt, wieder von ihr, und al8 meine Bafen mid) aufforderten, mit ihr, bie gleidjfall8 anfıng, einen Tanz zu tun, fuchte ih ungefällig
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und unter faujenb Ausflüchten auszumeihen. Diefes balf nidis; mwiderjtrebend fügten wir uns enblid) unb tanzten, eire ander nicht anjebenb und uns faum berührend, etwas unge: ffidt und befhämt einmal durh den Saal. Ungeachtet e$ mir ſchien, al8 ob id) einen jungen Engel an ber Hand führte und im Paradiefe Berummalate, trennten wir uns doch nad) der Zour fo ſchleunig wie Yeuer unb Wafler unb waren in ſelbem Augenblide an den entgegengefeßten Enden des Saales zu feben. Ic, ber fura vorher unbefangen und mutmillig die Wangen ber großen unb fchönen Judith ami|den meine Hände gepreßt, hatte jeBt gezittert, bie ſchmale, fait weſenloſe Gejtalt des Kindes au umfangen unb diefelbe fahren laſſen, wie ein glühendes Gijen. Sie verbarg fid) iDrerjeit8 wieder hinter die fröhlichen Mädchen und lie& fid) [o wenig mehr in bie Reihen bringen als ich; Hingegen beitrebte ich mid), meine orte an die Gejamtheit zu richten unb fo au ftellen, daß fie von Anna aud hingenommen werben mußten, und bildete mir ein, fie meine es mit ben wenigen Wörtchen, bie fie hören lie, ebenfalls fo.
Sie mar, ba fie mit den Töchtern meines Oheims einen lebhaften Taubenverkehr führte, mit einem Körbchen voll junger Täubchen angefommen, was DBauptjádjfid) das Heraufrufen des vorbeiziehenden Geiger veranlaßt batte. Run wurde verab- tei, daß bie Tanzübungen mehrere Male wiederholt werden follten. Für jebt aber mar e& notwendig, ba e8 Dunkel ge= worden, daß jemand die Anna nad) Haufe begleite, und dazu wurde ich auserjeben. Diefe Kunde Klang mir zwar mie Muſik; bod drängte ich mich nicht fonberlih vor; denn e8 ermadjte ein Stolz in mir, ber eg mir fajt unmöglich madjte, gegen das junge Ding freundlich zu thun, unb je lieber id es in meinem Herzen gewann, bejto mürrifher und unbeholfener wurde mein Aeußeres. Das Mädchen aber blieb immer gleich,
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ruhig, beſcheiden und fein, und band gelaffen feinen breiten Strohhut um, auf meldem eine Roſe lag; der Nachtkühle wegen Dradjte die Muhme einen prachtvollen weißen Staat? ſhawl aus alter Zeit mit Altern und Nofen bejäet, den man um ihr blaues, halb Iünblidje$ Kleid idjlug, bab fie mit ihren Goldhaaren und bem feinen Gefihtchen ausſah, wie eine junge Engländerin aus den neunziger Jahren. So wandte fie fid) nun an[deinenb ganz ruhig zum Gehen, gemärtig, wer [ie begleiten würde, aber fi) deswegen nicht unentihloffen auf. Baltend. Sie lächelte, burdj ben Mutwillen der Baſen belebt und gebedt, über meine Ungefchidlichkeit, ohne fid) nad) mir . umzubliden, und vermehrte jo meine Verlegenheit, ba ich gegen» über ben zufammenhaltenden und verſchworenen Mädchen allein bajtanb und fait rmillet$ mar, im Saale zurüdzubleiben. Doch erbarmte fid) bie ältefte Bafe meiner und rief midj nod) einmal entfchieden heran, jo daß e8 mit meiner Ehre verträg- lih mar, mich mwenigjtens dem Zuge anzuſchließen, der fidj vor das Haus bemegte. Wir gingen gemeinjhaftlid bis an bas Ende des Dorfes, wo der Berg anDub, über melden Anna zu gehen hatte Dort wurde Abſchied genommen: id) jtand im Hintergrunde und jab, wie fie ihr Tuch zufammenfaßte und fagte: „Ad, mer will nun eigentfid) mit mir fommen? Syn deſſen die Mädchen [djalten und fagten: „Nun, menn ber Herr Maler fo unartig ijt, fo muß eben jemand anders dich be gleiten!” unb ein Bruber rief: „Ei, wenn e8 fein muß, fo gebe ih ſchon mit, obgleich der Maler ganz recht bat, daß er nicht den Jungfernknecht [pielt, wie ihr e8 immer gern ein. führen mödtet!" Ich trat aber hervor unb fagte bar: „I Babe gar nicht behauptet, daß idj e8 nicht thun molle, und wenn e8 ber Anna recht iit, fo begleite id) fie fhon.” „Warum follte e8 mir nicht redjt fein?" ermiberte fie, unb ich ſchickte mid) an, neben ihr herzugehen. Allein die übrigen riefen,