Chapter 2
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Aber bieje ganze Herrlichfeit barg bereit8 den Keim ihres Zerfalles in fi felbit. Der Pfarrer Hatte einen Sohn und
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eine Tochter, meldje beide in ihren 9teigungen von denjenigen ihrer Umgebung abmiden. Während der Sohn, ebenfalls ein Geiftliher und dazu beftimmt, feinem Bater im Amte zu folgen, vielfahe Berbindungen mit jungen Bauern anfnüpfte, mit ihnen ganze Tage auf dem Felde [lag oder auf Viehmärkte fuhr und mit Kennerblid die jungen Kühe betajtete, hing bie Tochter, jo oft fie nur immer fonnte, bie griedjijdjen Gewänder an ben Nagel und 3og fid) in Kühe unb Garten zurüd, dafür forgend, daß die unrubige Gejellidja[t etwas Drdentliches zu beißen fand, wenn fie von ihren Yahrten zurückkehrte. Auch mar bieje Küche nicht ber ſchwächſte Anziehungspuntt für bie genü[djigen Städtebemohner, und ber große gutbebaute Garten zeugte für einen ausdauernden Fleiß und trejffidje Ordnungsliebe.
Der Sohn enbigte fein Treiben damit, daß er eine be güterte rüjtige Bauerntochter heiratete, in ihr Haus zog und alle fedj8 Werktage hindurch ihre Aecker und ihr Vieh bejtellte. In Anwartihaft feines höheren Amtes übte er fid, al8 Säe— mann den göttlihen Samen in moblberedjneten Würfen aus. zuftreuen und das Böſe in Gejtalt von wirklichem Unkraut auszujäten. Der Gdjrefen und der Zorn hierüber mwaren groß im Pfarrhaufe, zumal, wenn man bedadte, daß bie junge Bäuerin einſt af8 Hausfrau dort einziehen unb herrſchen jollte, fie, meldje weder mit ber gehörigen Anmut im Grafe zu liegen, nodj einen Hafen ftandesgemäß zu braten und aufzutragen wußte. Deshalb mar e8 der allgemeine Wunſch, daß die Tochter, welche allmählich jchon über ihre erite Jugend hinausgeblüht Hatte, entmeber einen ftandesgetreuen jungen Beiftlidhen ind Haus Ioden ober fonjt nod) lange die zufanı- menhaltende Kraft besfelben bleiben möchte. Über aud) bieje Hoffnungen fchlugen fehl.
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Keller L 2
Bioeites Kapttel. Bater und Mutter.
Denn eines Tages geihah es, daB das ganze Dorf in große Bewegung gelegt wurde durch die Ankunft eines ſchönen, ſchlanken Mannes, ber einen feinen grünen rad trug nad dem neuejtet Schnitte, eng anliegende weiße Beinfleider und glänzende Sumarowitiefeln mit gelben Stulpen. Senn es regneriſch ausſah, fo führte er einen rotfeidenen Schirm mit fi, unb eine große goldene Uhr von feiner Arbeit gab ihm in ben Augen ber Bauern einen ungemein vornehmen Injtrid. Diefer Dann bewegte fidj mit einem edeln Anitande in ben Gaffen des Dorfes umber und „trat freundlih unb leutfelig in bie niederen Zbüren, veridjiebene alte Mütterhen und Ge vattern auffuhend, und war niemand anders als ber weitge- reifte Steinmeßgefelle Lee, welcher feine lange Wanderſchaft rubmpoll beendigt Datte. Dan kann mobi jagen ruhmooll, wenn man bedentt, daß er vor zwölf abren, als ein pier. zehnjähriger Knabe, arm und bloß aus bem Dorfe gemanbert war, bierauf bei feinem WMeifter die Lehrzeit burd lange Arbeit abverbienen mußte, mit einem bürftigen Felleifen und wenig Geld in bie Fremde zog und nun foldergeitalt als ein
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förmlider Hear, wie ihn die Landleute nannten, aurüdtebrte. Denn unter dem niebern Dache feiner Berwandten ftanden zwei mädtige Kijten, von denen die eine ganz mit Kleidern umb feiner 99üjde, die andere mit Modellen, Zeihnungen und Büchern angefült war. Es gab etas Schwungvolles in den ganzen Weſen des etwa [edj8 und zwanzig Jahre alten Mannes; feine Augen glübten wie von einem anhaltenden @lanze innerer Wärme und Begeifterung, er fprad immer Bodjbeutid und fuchte das linbebeutenbjte von feiner ſchönſten und beiten Seite zu faflen. Er hatte ganz Deutihland vom Qüben bis zum Norden durchreift unb in allen großen Städten gearbeitet; die Zeit der Befreiungskriege in ihrem ganzen Umfange fiel mit feinen Wanderjahren zufammen und er hatte bie Bildung und ben Ton jener Tage in fid aufgenommen, infofern fie ihm verftändlid und zugänglich waren; vorzüglich teilte ex das offene und treuherzige Hoffen ber guten Mittelflaffen auf eine beffere, ſchönere Zeit der Wirklichkeit, ohne von den geiíti- gen lleberfeinerungen und Wunderfeligfeiten etwas zu willen, die in mandjen Elementen bagumal duch bie höhere Gefellfchaft mudjerten.
Es maren nur wenige gleichgefinnte Arbeitsgenoflen, welche bie erjten, feltenen und verborgenen Keime bildeten zu der Selbftveredelung und Aufklärung, fo den manbernben - Handwerkerftand zwanzig Jahre fpäter durchdrangen, und weile einen Stolz darauf [egten, bie beiten und gefuchteiten Arbeiter zu fein, und dadurch, verbunden mit Fleiß unb Mäßig- let, bie Mittel erlangten, audj ihren Geijt zu bilden und GuBerlid) wie innerlih fdon in ihren Wanderjahren als adj tungswerte, tüchtige Männer bazuftehen. —lleberbie8 war: dem Steinhauer in den großen Werken altdeutſcher Baukunſt ein Licht aufgegangen, welches feinen Pfad nod) mehr erleuchtete, indem es ihn mit heitern Künftlerahnungen erfüllte und den
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Dunkeln Trieb jegt exit zu rechtfertigen fchien, welcher ihn von ber grünen Weide Dinmeg dem geitaltenden Leben der Städte zugeführt batte. Gr lernte zeichnen mit eijernem Fleiße, brachte ganze Nächte und Feiertage damit zu, Werke und Muſter aller Art burdjgupaujen, und nachdem er den Meißel zu bem kunſtreichſten Gebilden und Verzierungen führen gelernt unb ein volllommener Qanbarbeiter geworden war, rubte er nit, fondern ftudierte den Steinfchnitt und fogar folde Willenfhaften, melde andern Zweigen des Bauweſens ange- hören. Er [udjte überall an großen öffentlichen Bauten unter- zulommen, wo e8 viel zu feben und zu lernen gab, und brachte es durch feine Aufmerkſamkeit bald dahin, daß ihn bie Baumeifter eben[opiel auf ihren Arbeitszimmern am Zeichnen⸗ oder Schreibtifhe verwendeten, al$ auf bem SBauplage. Daß er bort nicht feierte, fondern mandje Mittagsjtunde damit gu- brachte, alles Mögliche durchzuzeichnen und alle Berechnungen zu fopieren, meldje er erhafchen Konnte, verfteht fi) von felbit. So murbe er zwar Fein afabemifdjer Künftler mit einer allfei- tigen Durdbildung, aber bod) ein Mann, elder wohl ben fübnen Vorſatz fafjen durfte, in der Hauptitadt feiner Heimat ein waderer Bau- unb Maurermeifter zu werden. Mit biefer ausge|prodjenen Abficht trat ec nun audj tm Dorfe zur großen Bewunderung feiner Sippfhaft auf, und das Gritaunen tourbe nod) größer, a[8 er, mit einem zierliden Manſchettenhemde befleidet und fein reinftes Hochdeutſch fpredenb, fid mitten unter die franzöfifh-griehifchen Gejtalten des Bfarrhaufes mijdte und um bie Pfarrerstochter warb. Der ländlich ge. finnte Bruder mochte hierzu eine SBermittelung, menigíten ein aufmunterndes Beifpiel darbieten; bie Jungfrau [djenfte bem blühenden Freier bald ihr Herz, unb bie Verwirrungs welche
baburd) zu entitehen drohte, löſte fid) fchnell, als die Eltern .
der Braut Furz Hinter einander ftarben.
Aſo hielten fie eine ſtille Hochzeit unb zogen im bie Stadt, fidj weiter nidjt nad) ber glanzuollen Bergangenheit des Pfarrhaufes umfehend, in welches alfobald ber junge Pfarrer mit ganzen Wagen voll Senfen, Gidjn, Dreichflegeln, Rechen, Heugabeln, mit gewaltigen Himmelbetten, Spinnrädern und Flachshecheln und mit feiner feden, friſchen Frau einzog, weldye mit ihrem geráudjrten Gped unb mit ihren berben Mehlklößen ſchnell fämtlide SRujfelingemánber, Fächer und Sonnenfhirmden aus Haus und Garten vertrieben hatte. Kur eine Band voll vorireffliher Sagdgewehre, bie aud) der Nachfolger zu führen mußte, lodte im Qerbit einzelne Jäger auf das Dorf und unterfhied das Pfarrhaus einigermaßen von einem Bauernhaufe.
Sn der Stadt fing jener junge Baumeijter damit an, daß er einige Arbeiter anitellte, und, felbjt arbeitend vom Morgen bis zum Abend, Tleinere Aufträge aller Art annahm und darin [o viel Gefdjid und Zuverläffigfeit zeigte, daß nod) vor Ablauf eined Sahres fein Gefchäft fid) erweiterte und jein Kredit fij begründete Er mar jo ewinberijd) und einfichts- voll, gewandt und fchnell beraten, daß bald viele Bürger feinen Rat und feine Arbeit judjten, wenn fie im Zweifel waren, wie fle etwas verändern ober neu bauen laffen follten. Dabei war er immer Dejirebt, bas Schöne mit dem SRügliden zu verbinden, und war [rob, menn ihn feine Runden nur ge währen ließen, fo daß fie mandje Zierde, mandes $yeniter und Geims von reineren Verhältniſſen erhielten, ohne daß fie deswegen ben Geſchmack ihres Baumeijterd teurer bezahlen mußten.
Seine Frau aber führte mit wahrem Fanatismus das Hausmwefen, welches burd) verjchiebene Arbeiter und Dienftboten ſchnell erweitert wurde. Sie beberr[djte mit Kraft und Meijter- ihaft bas Füllen und Leeren einer Anzahl großer Speijelörbe
unb mar ber Gdjreden ber Markimeiber unb bie Verzweiflung der Schlächter, weldhe alle Gewalt ihrer alten Rechte aufbieten mußten, einen Snochenfplitter mit auf die Wage zu bringen, menn das Fleiſch für bie Frau Lee gewogen wurde. Obgleich Meiſter Lee fait feine perfönlichen Bedürfniſſe hatte und unter feinen zahlreichen Grundjägen derjenige der Gparjamfeit in der eriten 9teibe ftand, fo war er bod) fo gemeinnügig und
großherzig, daß das Geld für ihn nur Wert hatte, wenn etwas !
damit ausgerichtet ober geholfen murbe, fei e8 burd) ihn ober durch andere; baber verbanfte er e8 nur [einer Frau, welch feinen Pfennig unnüg ausgab unb ben größten Ruhm darein febte, jedermann meder um ein Haar zu wenig nod) zu viel zulommen zu lafjen, daß er nad) Berfluß von zwei ober drei Jahren ſchon Erfparniffe vorfand, meldje feinem unternehmenden Geijte nebjt dem Kredite, ben er bereits genoß, eine reicjlichere Stabrung darboten. Er Taufte alte Häufer an für eigene Rechnung, ri& fie nieder und baute an der Stelle ftattliche Bürgerhäufer, in welchen er eine Menge Einridtungen fremder oder eigener Erfindung anbradite. - Diefe verkaufte er mehr oder weniger vorteilhaft, fogleid) zu neuen Unternehmungen ſchreitend, und alle feine Gebäude trugen ba8 Gepräge eines bejtändigen Strebens mad) Formen⸗ und — Gebanfenreid)tum. Wenn ein gelehrter Architekt auch oft nicht wußte, wohin er alle angebradjten Ideen zählen follte und vieles der Unklar⸗ heit oder Unharmonie zeihen mußte, fo geftand er bod) immer, daß e8 Gedanken jeien, und belobte, menn er unbefangen mar, ben fchönen Eifer bieje8 Mannes mitten in ber geiltesarmen und nüchternen Zeit des Bauweſens, wie fie wenigſtens in den abgelegenen Provinzen des Kunitgebietes beitand. ’ Dies tbütige Leben verfehte den unermübliden Dann in ben Mittelpunkt eines weiten Kreifes von Bürgern, melde alle zu ibm in Wechſelwirkung traten, unb unter Diefen bildete jid)
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ein engerer Ausſchuß gleichgefinnter und empfánglidjer Männer, denen er fein raftlofes Suchen nad dem Guten und Schönen mitteilte... Es mar nun um die Mitte der zwanziger Jahre, mo in ber Schweiz eine droBe Anzahl gebilbeter Männer aus dem Schoße ber herrſchenden Klaſſen jelbit, bie abgeflärten Feen der großen Revolution wieder aufnehmend, einen frucht- und banfbaren Boden für bie Sulitage vorbereiteten unb die eben Güter der Bildung und Menjhemwürde forgíam pflegten. Zu diefen bildete Zee mit feinen Genoffen, an feinem Orte, eine füdjtige Fortſetzung im arbeitenden Mittelftande, welcher von jeher aus der Tiefe des Volles auf ben Landichaften umber feine Wurzeln trieb und fi erneuerte. Während jene Bornehmen und Gelehrten die künftige tyorm des Staates, philofopbifhe unb Rechtswahrheiten bejpradjen unb im allge meinen die ragen fchönerer Menfchlichleit zu ihrem Gebiete mcdjten, wirkten die rührigen Handwerker mehr unter fid) und nad) unten Bin, indem fie einftweilen ganz praftijd) jo gut alà möglich ſich einzurichten ſuchten. Eine Menge Vereine, öfter bie erjtem in ihrer Art, wurden gejtiftet, welche meiſtens irgend eine SBerfidjerung zum Wohle der Mitglieder und ihrer Angehörigen zum Zwecke hatten. Schulen wurden gefellidaft3- weile gegründet, um ben Kindern des gemeinen Mannes eine beſſere Erziehung zu fichern; fura, eine Menge Unternehmungen biejer Art, zu jener Zeit noch neu und verdienſtlich, gab ben braven Leuten zu ſchaffen unb Gelegenheit, fi) daran empor zu bilden. Denn in zahlreihen Zufammenkünften mußten Statuten aller Art entworfen, beraten, durchgefehen und ange nommen, ®Borfteher gewählt und nad außen mie nad) innen Rechte und Formen erflärt und gewahrt werden. |
Zu diefen verjdjiebentr Elementen fam und berührte fie gemeinfchaftlich ber griedji[d)e tyreiBettefampf, welcher aud) Bier, mie überall, zum eritenmal in der allgemeinen Ermattung bie
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Geifter wieder erede unb erinnerte, daß die Sache ber Freiheit diejenige ber ganzen Menjchheit (ei. Die Teilnahme an ben hellenifhen Bethätigungen verlieh aud) den nicht philologifchen Genoſſen zu ihrer übrigen Begeilterung einen edeln Tosıno- politiiden Schwung und benabm den bellgefinnten Gewerbs⸗ leuten ben legten Anflug von Spieße und Pfahlbürgertum. Lee war überall mit voran, ein zuverläffiger, bingebender Freund für alle, feines reinen Charakter und feiner gehobenen Gelinnung wegen allgemein geadjtet, ja geehrt. Er war um jo glüdlider zu nennen, als er dabei nid von Eitelfeit be- fangen war; und erit jebt fing er von neuem an zu lernen und naczuholen, was ˖ihm erreihbar war. Er trieb aud feine Freunde dazu an, und es gab .bald feinen berfelben mehr, der nicht eine Kleine Sammlung gefchichtliher und naturwiſſen⸗ ſchaftlicher Werke aufzumeifen Hatte. Da fait allen in ihrer Jugend bie gleidje bür[tige Erziehung zu teil gemotben, fo ging ihnen nun be[onber8 bei ihrem Eindringen in bie Ge- (dichte ein reidje8 und ergiebiges Selb auf, meldes fie mit immer größerer Freude burdjmanbelten. Ganze Stuben voll waren fie an Sonntagsmorgen beifammen, disputierten und teilten fid) bie immer neuen Cntbedungen mit, wie allezeit die gleiden Urfachen die gleidjen Wirkungen Bervorgebradjt hätten und bergleidjen. Wenn fie aud) Schiller auf bie Höhen feiner pbilo[opbijdjen Arbeiten nicht zu folgen vermochten, fo erbauten fie fi um fo mehr an feinen gefhichtlicden Werken, unb von diefem Standpunkte aus ergriffen fie auch feine Dichtungen, welche fie auf bieje Weife ganz praltifdj nadjfüblten und ge- nofjen, ohne auf bie Fünftlerifhe Nechenfchaft, bie jener Große fid) felber gab, weiter eingehen zu können. Sie hatten lj
größte Freude an feinen Geitalten unb mußten nichts Aehn lihes aufzufinden, das fie fo befriedigt hätte Seine gleich mäßige Glut und Reinheit des Gedankens unb ber Gpradjew
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mar mehr der Ausdrud für ihr fchlichtes, beſcheidenes Treiben, als für das Wefen mander Schillerverehrer der gelehrten heutigen ®elt. Aber einfach und durchaus praftifh, wie fie waren, fanden fie nicht volles Genügen an ber dramatifcdhen Lektüre im Schlafrod; fie münjdjten bieje bedeutfamen Be- gebenheiten leibhaftig und farbig vor fid) zu fehen, und weil von einem jtebenben Theater in den damaligen Schmweizerftädten nidj bie 9tebe mar, fo entichloffen fie fi), wiederum ange: feuert von Lee, fura und fpielten felbjt Kömödie, fo gut fie fonnten. Die Bühne und die Mafhinen waren freilich fchneller unb gründlicher hergeitellt, ala die Rollen erlernt wurden, unb mancher judjte fi) über den Umfang feiner Aufgabe jelbjt zu täufchen, indem er mit vergrößerter Kraft Nägel einfdjlug unb $atten entzwei fägte; bod) ijt e8 nicht zu leugnen, daß ein großer Zeil der Gewandtheit im Ausdrud und des äußeren Anftandes, welche faft allen jenen Freunden eigen geblieben ijt, auf Rechnung folder Uebungen gefegt werden darf. Wie fie älter wurden, ließen fie dergleichen Dinge wieder bleiben, aber fie behielten den Sinn für das Erbaulidhe in jeder Be— ziehung getreulid) bei. Würde man heutzutage fragen, wo fie denn bie Zeit zu alledem hergenommen haben, ohne ihre Arbeit und ihr Haus zu vernadjlájfigen: fo wäre zu antworten, daß e& eritens nodj gefunde unb naipe Männer unb Feine Grübler waren, welde zu jeder That unb jeder außerordentlichen Arbeit einen Schatz von Zeit verfhwenden mußten, indem fie alles zerfaferten nnb breit quetfchten, ehe e8 geniepbar mar, und daß zweitens bie táglidjen Stunden von fieben bis zehn libr abends, gleihmäßig benußgt, eine viel anfehnlichere Maſſe von Seit ausmahen, als der Bürger Beute glaubt, welcher diefelben Hinter dem Weinglafe im Tabaksqualm verbrütet. Pan war damals mod) nicht einer Notte von GdjenImirten tributpflichtig, ſondern 30g e8 vor, im Herbite ba8 edle Gewächs
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felbft etnaufellern, unb e8 mar feiner biejer Handwerker, ver- möglich ober arm, der fid nicht geſchämt hätte, am Schluſſe ber abendlihen Zuſammenkünfte ein Glas derben Tiſchweines mangeln zu lajjen ober denfelben aus ber Schenke holen zu müjen. Während des Tages fab man feinen, oder höchſtens flüchtig unb Beimlid, vor den Gefellen e8 verbergend, ein Buch - oder eine Papierrolle in die Werfitatt eines anderen bringen, unb fie jaben alddann aus, wie Schullnaben, weldhe unter bem A&ijde den Plan zu einer rühmliden Kriegsunternehmung zirkulieren laſſen.
Doch follte Dies aufgeregte Leben auf andere Weile Unheil bringen. Lee hatte fi), bei feinen gehäuften Arbeiten in jteter Anftrengung, eines Tages jtarf erhigt und achtlos nachher er. fültet, was ben Keim gefábrlider Krankheit in ihn legte. Anftatt fij nun zu fchonen unb auf jede Weife in adt au nehmen, konnte er e$ nicht laſſen, fein Treiben fortzuſetzen und überall mit Hand anzulegen, wo etwas zu tbum war. Schon feine vielfältigen Berufsgefchäfte nahmen feine volle Thätigfeit im Anſpruch, melde er nidj ploglid ſchwächen zu dürfen glaubte. Gr rechnete, [pefulierte, ſchloß Verträge, ging weit über Land, um Einkäufe zu beforgen, war im gleihen Augen- blid zu oberjt auf den Gerüiten unb zu unterjt in den Ge wölben, riß einem Arbeiter die Schaufel aus der Hand und that einige gewichtige Würfe damit, ergriff ungeduldig ben Hebebaum, um eine mádjtige Steinlaft herumwälzen zu helfen, bob, wenn e8 ihm zu lange ging, bis Leute herbei famen, jelbft einen Balken auf die Schultern und trug ibm feudjeub an Drt und Gtelle, und jtatt dann zu ruben, hielt er am Abend in irgend einem Berein einen lebhaften Vortrag oder war in fpäter Nacht ganz umgewandelt auf den Brettern, leibenjdjaftlidg erregt, mit hohen Sybealen in einem mühſamen Ringen begriffen, welches ihn nodj weit mehr anftrengen mußte,
als bie Tagesarbeit. Das Ende mar, daß er plóplid) babin ftarb, als ein junger, blübenber Mann, in einem Alter, mo andere ihre Lebensarbeit exit beginnen, mitten in feinen Ent- mwürfen und Hoffnungen und obne bie neue Seit aufgehen zu fehen, welder er mit feinen Freunden zuverfichtlich entgegen- blidte. Er ließ feine Yrau mit einem fünfjährigen Kinde allein zurüd und bies Sind bin id.
Der Menſch rechnet immer das, was ibm fehlt, dem Schickſale doppelt fo hoch an, als das, was er wirklich be, fib; fo haben mid) aud) die langen Erzählungen ber. Mutter immer mehr mit Sehnfuht nadj meinem Bater erfüllt, welchen id nicht mehr gelannt habe. Meine deutlidjite Erinnerung an ibn fällt fonberbarer Weife um ein volles Jahr vor feinen Zod zurüd, auf einen einzelnen [djónen 9fugenblid, mo er an einem Sonntag Abend auf bem Felde mich auf den Armen trug, eine Kartoffelitaude aus der Erde z0g und mir bie an» ſchwellenden Knollen zeigte, ſchon bejtrebt, Erkenntnis und Dankbarkeit gegen den Schöpfer in mir zu erwecken Sch jehe nod) jegt das grüne Kleid und bie fhimmernden Metalllnöpfe zunähft meinen Wangen und feine glänzenden Augen, in melde ich verwundert jab von ber grünen Staude meg, bie er bod) in bie Quft hielt. Meine Mutter rühmte mir nadjber oft, wie [febr fie unb bie begleitende Magd erbaut gemwefen feien von feinen [djónen Reden. Aus nod früheren Tagen ift mir feine Gr[djeinung ebenfalls geblieben durch bie befremd- lie Ueberraſchung ber vollen Waffenrüftung, in meldjr er eines Morgens Abſchied nahm, um mehrtägigen Mebungen beizumohnen, ba er ein Schütze war, fo ift aud) dies Bild mit ber lieben grünen Farbe unb mit heiterem Metallglanze für mid) eim und dasfelbe geworden. Aus feiner legten Zeit aber habe ich mur mod) einen verworrenen Eindrud behalten und bejonders feine Geſichtszüge find mir nidjt mehr erinnerlid.
