Chapter 19
Section 19
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„Sch habe mir e8 doch gleich gebadjt," perfebte er, „daß bie Sadje ein Häflein babe; denn id) jebe unb mill eg gem glauben, daß ber Vettermann ein junger 9Renjd) ift, mit bem fid ein vernünftiges Wort reden läßt! Doc erzählt mir nun ben Verlauf biejer ſchlimmen Geſchichte recht getreulid, es nimmt mich fehr wunder, wie fid) darin die Schuld unb das Unrecht verteilen!”
Nachdem ih dem freundliden Schulmeifter den ganzen Hergang aufridjtig und weitläufig, zuletzt etwas leidenſchaftlich berichtet, ba id) zum eritenmal feither mein Herz leeren fonnte, befann er fid) eine Weile, indem er ver[djiebene hm! und fo fo! bervoritieß, und fuhr dann fort:
„Das ijt ein ganz eigenes Gejdjid! Zuerſt müfjet Ihr nun Gud) nicht überheben und etwa einen hochmütigen Groll auf das Grlittene begründen, welcher Euch für bas ganze Leben [djáblid fein könnte! Ihr müflet bedenken, daß Ihr bodj das Unrecht unb ben Mutwillen ber übrigen geteilt Habt, unb Gud) hiernach glüdlih preifen, baB Shr in fo frühem Alter ſchon von Gott felbjt eine ernite Strafe und Belehrung empfangen; denn baó, was Gud) wibderfahren, ijt nit bie Gerechtigkeit ber Menſchen, jonbetn ein unmittelbares Eingreifen des Herrn der Welt, womit er Gud) frühzeitig gewürdigt und gezeigt hat, bab er mit Gud) nit zu ſpaßen gedentt, fondern Gud) feine eigenen ftrengen Wege führen mill. Nachdem Ihr aljo dieſes jcheinbare linglüd banfbar und reuevoll ange: nommen und ba8 vermeintlidde Unrecht vergeben unb vergeffen, müßt Ihr allein darauf bebadjt fein, dem Grnjte diefes Gr» lebniffes ent[predjenb fortzuleben, und gemürtig, daß jede Ab- meidung von der Bahn der Tugend fid) an Euch empfind- Iiher rächen werde, aí8 an anderen, auf daß Ihr baburdj in ber llebung be8 Guten gerade fleißiger und ftärfer werbet, ala viele, denen nicht foldhes gejdjiebt. Nur auf diefe Weife
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vermag das Ereignis etwas Heilbringendes zu fein; ohne Dies aber würde e8 nur eine fatale und ärgerliche Geſchichte bleiben, mtt meldher ein fo junges Leben zu beladen nicht die Abficht unb bas Bergnügen Gotted fein fann. Freilich ijf nun bie Wahl eines Berufes das Nächſte und Wichtigfte, und mer weiß, ob nit Guere SSejtimmung ijt, gerade durch bieje plößliche Bedrängnis Gud) [rüber zu entfheiden, als fonit geſchehen müre! Gewiß habt Ihr [dj bie Luft zu irgend einem bes fonderen Berufe in Gud) verſpürt?“ \
Diefe Reden gefielen mir ausnehmend wohl; obgleid) id) den erniten moralijden Sinn derfelben nidjt fonberlid) fate, jo ergriff id doch den Gedanken an eine höhere Beitimmung und Leitung Gottes bodjjt lebendig unb dünkte mich glücklich, mid) unter dem bejonberen Gdjuge Gottes in meinen Neigungen zu willen; e3 ging mir ein heller Stern auf unb id) fagte umumrmunben: „Sa, id) módjte ein Maler werben!“
Bei biejer Antwort jtupte mein neuer (yreunb fait mod) mehr, ala bei bem früheren Geſtändniſſe, weil er in feiner Ab⸗ geihiedenheit von allem Berfehre ber Welt am menigjten an bie8 Wort gebadjt batte. Doch bejann er fidj ebenfalla ſchnell und ſprach:
„Ein Maler? Eifieh, das ift feltjam! Doch laſſet ſehen! Es mar allerdings eine Zeit, wo e8 Maler gegeben bat, meídje von göttlichem Geijte erfüllt waren, meldje den dürftenden Bölkern einen Zrunf Bimmlijdjen Lebens reichten in Ermange- lung des lebendigen Wortes, das wir jebt haben. Allein fo mie ion dazumal diefe Kunft nur zu bald ein eitler Flitter⸗ tram der hochmütigen Kirche geworden, [o fdjeint fie mir Deut» zutage vollends ohne inneren Kern und ein bloßes Gebaren ber menjdjfidjen Eitelfeit und Fratzenhaftigkeit zu fein. Ich babe zwar burdjaus feine Kenntnis von ben Künften, wie fie jepo in ber Welt praktiziert werden, Tann mir aber beito
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weniger vorftellen, wie fidj ein ernſthaftes unb geijtige8 Leben babei führen läßt! Habt Ihr denn fo große Luft und Geſchick, allerlei unnützes Bildwerk zu verfertigen oder wohl gar Menſchen⸗ gefichter für Bezahlung abzubilden?“
„Zuvörderſt will ich ein Landſchaftsmaler werden,” er. miderte ih, „und babe dazu allerdings große Luft und Hoffe, ber liebe Gott werde mir auch bas Gefdjid geben!”
„Ein Sanb[djaftemaler? das heißt, merfwürdige Städte, Gebirge und Weltgegenden abbilden? Hm! Diefes fcheint mir nicht fo übel zu fein, ba lernt man mwenigjtens bie Welt Fennen und fommt weit umber; Länder, Meere und allenfall8 aud bie SRenjden dazu; aber dazu gehört bejonberer Mut und eigened Glüd, wie mid) bünft, unb vor allem foll, meines Gradjtena, ein junger Menfch darauf denken, wie er im Lande bleiben und fi redlih nähren, aud) feinen Mitbürgern [fid nügíidj und feinen Eltern dienftbar erweifen kann!“
„Die Landſchaftsmalerei, bie id) im Sinne babe, ijt nidt ſowohl, was Ihr hiermit darunter verfteht, Here Better! als etwas ganz anderes!”
„Run, und das wäre?"
„Sie bejtebt nicht darin, daß man merkwürdige unb be rühmte rte auffudt und nadjmadjt, fondern darin, daß man die ftille Herrlichkeit und Schönheit der Natur betrad)tet unb abzubilden [udjt, mandjmal eine ganze Ausficht, mie biejen See mit ben Wäldern und Bergen, manchmal einen einzigen Baum, ja nur ein Stüdlein Waſſer und Himmel!"
Da der Better hierauf nichts entgegnete, fondern auf eine Hortfegung au marten ſchien, fuhr idj aud) fort und geriet nun meinerfeit3 in eine ordentlihe Begeifterung und Bered- famteit hinein. Der zwiſchen Sonnenglanz unb Waldesſchatten ſchwebende See ruhte majeitátijd) vor den Klaren Fenſtern; von ferrem Bergrüden [djienen einige [djlanfe Eichen, bie im bie
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himmelhohe Sonntagsluft ftiegen, mir zuzuwinken, fern, Ieife, aber einbringlid); ich blidte unverwandt nad) ihnen, mie auf eine höhere Erfheinung, indem ich ſprach:
„Barum follte dies nidjt ein edler und fchöner Beruf fein, immer und allein vor den Werfen Gottes zu fipen, bie fif nod am heutigen Zag in ihrer Unfhuld und ganzen Schönheit erhalten haben, fie zu erkennen und zu verehren und ihn dadurch anzubeten, daß man fie in ihrem Frieden wieder zu geben verfuht? Wenn man nur ein einfältiges Sträudjlein abzeichnet, jo empfindet man eine Ehrfurdht vor jedem Zweige, weil berfelbe [o gewachſen ijt und nicht anders nad) den Ge. jegen des Schöpfers; wenn man aber erft fähig ijt, einen ganzen Wald oder ein meite8 Yeld mit feinem Himmel wahr unb treu zu malen, und wenn man enblid) dergleihen aus feinem Innern jelbft bervorbringen Tann, ohne Xorbild, Wälder, Thäler und Gebirgszüge, ober nur fleine Erdwinkel, fret und neu, unb bod) nidi anders, als ob fie irgendwo entitanden und fidjtbar fein müßten, fo bünft mid) dieje Kunjt eine Art wahren Nachgenuſſes der Schöpfung zu fein. Da làjjet man die Bäume in ben Himmel madjen und darüber die ſchönſten Wolken ziehen und beides fid) in Flaren Gemäfjern jpiegeln! Man [pridjt, e8 werde Licht! und ftreut ben Sonnen ihein beliebig über Kräuter und Steine und läßt ihn unter fHattigen Bäumen erlöfhen. Dan redt bie Hand aus unb e$ itebt ein Unwetter da, welches bie braune Erde beängftigt und läßt naher die Sonne in Purpur untergehen! Und dies alles, ohne fid) mit [djfedjten Menſchen vertragen zu müljen; es ijt fein. SRiBton im ganzen Thun!”
,Giebt es denn eine folde Art der Sunjt und wird fie anerkannt?“ fragte der gute Schulmeijter ganz verblüfft.
„Sa wohl,“ ermwiderte ih, „in den Städten, in ben Häufern ber Bornehmen, da hängen [done glänzende Ge
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mälde, welche meiftens jtille grüne Wildniffe voritellen, i» rteigenb und trefflid gemalt, als jábe man in Gottes freie Ratur, unb bie eingefchloffenen gefangenen Menſchen erfrifchen ihre Augen an ben unfchuldigen Bildern und nähren diejenige reichlich, welche fie zuftande bringen!”
Der Gdjulmeijter trat an das tyeniter unb fchaute eimes überrajdt hinaus.
„Aljo biejer fleine Gee 3. B., diefe meine Bolb[elige Em- ſamkeit würde ein genugfamer Gegenitand fein für die Surft, obgleich) niemand den Namen Tennte, bloß wegen ber Miüde und Macht Gottes, bie fidj audj Bier offenbart?"
„Sa gewiß! idj hoffe nod, Gud) bielen Gee mit feinem bunflen Ufer, mit diefer Abendfonne fo zu malen, daß Ihr mit Vergnügen diefen Nachmittag darin erkennen jollt und felhh fagen müßt, e8 jei weiter bierzu nidjt8 nötig, um bedeutend zu fein, b. D. wenn id) ein Maler werden kann und etwas Nechtes lerne!“ fegte ich Hinzu.
„Jetzt habe ich alter Menſch wieder etwas Neues gelernt,” fagte mein Better gerührt, „es iff bod) höchſt merkwürdig, im wie vielen Weifen der men[djidje Geijt fih äußern fann. Bir ſcheint, Ihr feib auf einem guten und frommen Wege, und wenn Ihr ein ſolches Stüd aujtanbe bringen könnt, jo möchte e8 leicht⸗ lid) [o verbienjtooll fein, als ein gutes geiftliches Frühlings⸗- ober Erntelied. „He, ihr Knaben!” rief er den jungen Fiſchkennern zu, welde immer nodj an ihrem Gejdjü[te waren, „holt eiu Gefäß unb fucht ein tüchtiges Gericht Fiſche aus, Wale, Forellen ober Qedjte, daß die Weiber fie baden können!“
Sndeffen marem die Mädchen wieder in bie Stube ge fommen und hatten teilmeife unjer Ge|prád) angehört, jo baj ber redfelige Mann nicht verlegen mar, auf einen neuen Stoif überzugehen und alle für denfelben pflichtig zu machen. Id jelbft wurde wieder ftill und ziemlich) befangen, ba die zierliche
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Anna ungebort wieder ba mar und leije mit einer Bafe flüjterte. Der Alte fprad) nun von der Ernte, von den Wein⸗ boffnungen, von ben Baumfrühten mit den Mädchen, aber alles in einer feinen und falbungspollen Weife, mir nebenbei mande Aufklärung gebend, menn er meine Unbekanntſchaft mit diefen Dingen vorausſetzte. Sch aber fagte fürder nichts, jondern befand mid glüdlih unb mwohlgemut in ber Rähe des ltebliden Mädchens, ohne fie jebod) anzufehen, unb nur am. genehm berührt, wenn fie einmal ihr Stimmchen erhob.
Ein [ieblider Speifeduft verbreitete fidj, 309g bie Knaben herbei und veranlaßte den Schulmeilter, auf ein Zeichen ber alten Köchin, zum Aufbruch in das obere Stockwerk aufzufor- den. Dort mar ein Zleiner, heller unb Fühler Saal, mwelder zwijchen feinen ganz geweißten Wänden nichts enthielt, ala einen längliden Tiſch, Stühle und eine alte Hausorgel. Der Tiſch war gededt, wir feßten uns zu einem fröhlichen Abendefjen, weiches aus den Fiſchen bejtanb, fo bie Bettern mit menig Beiheidenheit ausgewählt Hatten. Ländlihes Backwerk und Früchte unb ein milder heller Wein, an ber. Höhe Hinter bem Haufe gemahlen, bereicherten das einfadje und in feiner Art bod) feſtliche Mahl; ber Alte würzte e8 mit finnigen Reden, bie Jungen ſcherzten und gaben fid) naive Nätfel und Wort fpiele auf, und dies alles übergolbete ein gehobener fonntäg- lider Zon, anders, ala ob man zu Haufe, und anders, als ob man im einer gewöhnlichen SBauernfamilie wäre. Als mir und genugfam erfrijcht, ſchritt der Schulmeifter zu der Orgel bin und öffnete biefelbe, baf die glänzende Pfeifenreihe zu Zage trat unb bas innere ber beiden Flügelthürchen das ge» malte Paradies zeigte mit Adam und Eva, Blumen und Tieren. Er fete fid davor, mir mußten uns in einen Kreis um ihn berumjtellen, Anna teilte einige alte SRujifbüdjer aus, umb nadbem ihr Vater etwas präludiert, fangen mir zu [einem
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Spiele unb Vorſang einige ſchöne firdjfidge Sommerlieder unb Bernad) einen fünjtliden Kanon. Wir fangen in beiterer Freude und aus voller Bruft und bod) mit Maß und Haltung; die Dankbarkeit gegen ben Augenblid bradjte beffere Mufif ber. vor, als die jtrengite Schulprobe, und id) felbjt ließ mein inneres Glüd unbefangen und frei in den Gejang jtrömen; denn biejer Zag mar für mid) wieder neuer unb fchöner, als alle früheren. Wenn mir einen Ber geendigt hatten, erflang über den See ber, von einer Wand im Walde, ein harmoniſch verhallendes Echo, die Drgeltöne und Menihenftimmen ver⸗ fchmelzend zu einem neuen wunderbaren Zone, und zitterte eben aus, indem wir [elbjt den Gejang wieder anhoben. An verfhhiedenen Stellen, in der Höhe und Tiefe, murden freudige Menſchenſtimmen wach, welche ihre Luſt in die ſtill webenden Lüfte ſangen und jauchzten, ſo daß unſer Kanon, mit welchem wir ſchloſſen, ſozuſagen fid) über das ganze Thal verbreitete.
Doch nun mußten wir aufbrechen, da die Sonne ſich ſchon ben Bergen näherte; der Schulmeiſter entließ uns mit Zufrie denheit und verabſchiedete mich mit entſchiedenen Zeichen ſeines Wohlwollens. Ich mußte ibm verſprechen, auf meinen Streif⸗ zügen ſo oft als möglich in ſein Thal zu kommen und in feinem Haufe meinen Gig aufzuſchlagen, ala ob er ebenfalls mein Oheim wäre. Anna wollte uns nodj bis auf die Berg. höhe begleiten, und fo machten wir uns viel aufgeregter und lauter auf den Weg, ala mir gefommen waren. Die Mädchen, [o ſchon burdj ein Nichts, burdj bie bloße freie Gelegenheit in die höchſte Stimmung reiner mutwilliger Luſt verjegt, fangen fort und fort mit glänzenden Augen und verlodten uns mit zu fingen, indem fie Welt- und Baterlandslieder anjtimmten. Dazwiſchen machte fid) eine gegenfeitige Nederei mit Herzens» angelegenheiten unter den Geſchwiſtern geltend, ba8 ganze füße Geplauder jenes Hoffnungsreihen Alters befreite fid) aus ben
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offenen Gemütern und umjpann alle mit gern gehörten An jpielungen, veritellten Widerſtande und ſchelmiſcher Rüdant- wort. Nur Anna ſchien vor den Angriffen ficher zu fein, während fie bie und ba einen fchüdhternen Scherz hinwarf, und ih jagte gar nichts dazu, weil mein Herz voll war von den Begebniffen be8 Tages. Wir ftanden nun auf der Höbe, medje im Glanze der untergehenden Sonne ſchimmerte; vor mir ſchwebte die feberleidjte, verflärte Geitalt des jungen Mädchens, unb neben ihr glaubte ich den lieben Gott lächeln zu fehen, den Freund unb Schußpatron der Landfchaftsmaler, als melden ich ibn heute in dem Geſpräche mit dem Schul meter entbedt batte. Das [djeibenbe Mädchen errötete nod) ſtärler im bie Abendröte hinein, als fie zulegt aud) mir bie Hand bot Wir berührten uns faum mit ben $yingeripigen und nannten uns böflih Sie; aber bie Bettern lachten unà aus und die Bafen verlangten ernfthaft, daß mir uns mit Du an. reden follten, da bier zu Lande nichts anderes geduldet würde unter jungen Leuten.
So wechſelten mir unjere Taufnamen, verzagt und [próbe; aber ber meinige idjlüp[te mie ein Flötenton in mein br, und als Anna jdjnell und ängitlih im Schatten ihrer Berg⸗ ſeite verſchwand unb wir auf der unferigen nieberítiegen, hatte id) zwei Dinge erworben: einen großen unb mädtigen Kunft- gönner, ber unfichtbar über ber dämmernden Welt haufte, und an zartes Frauenbildchen, welches ich unverweilt in meinem Hazen aufzujtellen wagte.
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Zweiter Band, |
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Erſtes flapitel, Berufswahl, Die Mutter unb bie Ratgeber.
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Ich konnte den unbeſtimmten Zwiſchenzuſtand nun nicht länger ertragen, ſondern ſuchte unter meinen Sachen nad feinem Papier, um einen Brief an meine Mutter zu ſchreiben, ben erjten in meinem Leben. Ws id) ganz zu oberit am Rande das „Liebe Mutter!" hinſetzte, fchwebte fie mir in enem neuen Lichte vor; ich empfand dieſen Fortſchritt und Emmft des Leben? wohl, und meine Schreibgeläufigfeit ließ mid anfänglid im Gtidje unb laum bie eriten Cáge finden. Doh führten mid) bie Schilderungen meiner Reife unb ber jonjtigen Grlebnijje bald vorwärts, und meine Beſchreibung Rd nur allau gefhmüdt unb prablerifh aus. Ich trug ein großes Behagen zur Schau und ein gewiſſes, fonderbares Be- ſtteben, welches fid) nachher mehrmals wiederholte, auf meine Mutter mit einem glüdlihen Befinden unb mit meinen per ſchiedenen Zhaten unb Abenteuern eine Art Eindrud zu bes wirken, eine fürmlide Sudt, auf brollige Weife fie zu untere halten und zugleich baburdj mich ‚geltend zu madjen. Alsdann ging id auf ben Smed meines Schreibens über und erklärte unperboblen, baf id nun burdaus glaubte, ein Maler werden
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zu müflen; und infolge bejjem bat ich fie, fid) vorläufig um zufehen unb mit den verfchiedenen Erfahrenen unferer Befannt- ſchaft fid zu beraten. Die tyamilienberidjte und Grüße, ſowie einige wichtige Aufträge über Heine Gegenftände bildeten den Schluß des Briefes; id) faltete ihn eng und Fünftlih zufammen und verihloß ihn mit meinem ZLeibfiegel, einem Hoffnung3- anter, welchen idj längit in ein weiches Gtüddjen MWlabajter gegraben Hatte und nun zum eritenmal gebraudjte.
Rah bem Empfange diejes Briefes begab jid) meine Mutter in ihre Staatsfleidung, ſchlicht und einfarbig, baufchte ein frifches Taſchentuch zufammen, das fie in bie Hand nahm, und begann feierlich ihren Rundgang bei den ihr zugänglichen Autoritäten.
Zuerſt [pradj fie bei einem angefehenen Schreinermeifter pot, welder viel in guten Häufern verkehrte und Weltlenntmis befaß. Als Freund meines feligen Baterd Dielt er in Freund⸗ [daft au uns, fo wie er aud) bie Bildungsverſuche jenes Kreiſes eifrig fortjegte. Nachdem er Vortrag unb Bericht ber Mutter ernftlih angehört, erwiderte er kurzweg, das fei nichts und Diebe fo viel, a8 das Kind einer liederlihen unb unge wiffen Zukunft anheimftellen. Hingegen mußte ber Schreiner befferen Rat, wenn einmal etwas Künftlerifches ergriffen werben müffe Ein junger Better von ihm hatte fid) in einer entfern- teren Stadt al8 Landlartenftecher ausgebildet unb genoß eines guten Austommens, fo daß er in ben Augen feiner Gippidjaft als etwas Rechtes bajtanb. Daher erbot fid) ber Ratgeber, mic) aus befonderer Freundſchaft im der Nähe biefe8 Mannes unterzubringen, wo id dann, menn wirklid etwas Tüchtiges in mir ſtäke, e8 nid nur bis zum Stehen, fondern zum Selbitentwerfen ber Qanbfarten bringen könne, indem idj meine Zeit wohl anmwende zur Grmerbung der nötigen fenntnijje. Dies wäre dann ein feiner, ebrenpoller unb augleid) ein nie lider und in ba8 große Leben paljenber Beruf.
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Mit vermehrten Sorgen und Zweifeln gelangte meine Mutter zum zweiten Gönner und aud) einem Freunde ihres Mannes. Serjelbe mar ein Yabrilant von farbigen und bes brudten Züdjrn, melder fein urfprünglih geringes Geſchäft nach und nad) erweitert hatte und fid) eines wachſenden Wohl—⸗ jtandes erfreut. Er ermiberte den Bericht meiner Mutter folgendermaßen: |
„Diefes Ereignis, baB der junge Heinrih, der Sohn unferes unvergeßlidjen Freundes, [jid für eine künſtleriſche Laufbahn erflärt und die Nachricht, bap er ſchon lange fid) vore zugsweiſe mit Stift und Yarben beichäftigt, fommt fehr er- freulich einer dee entgegen, bie id) [djon einige Zeit in Bezug auf ben Knaben hege. Es ent[pridt ganz bem Geiſte feines mad'ern Baterd, daß er feine Neigung einer feineren Thätigfeit zumendet, zu weldher Talente und ein höherer Schwung erfor» berlid) find; allein dieſe Steigung muß auf eine folide unb vernünftige Bahn gelenkt werden. Run ift Gud), mertejte Yrau unb Freundin, bie Art meines nicht unbedeutenden Geſchäftes befannt; idj fabriziere bunte Stoffe, und wenn id) einen leid» lichen SBerbienjt erzmede, fo gejdjiebt e$ hauptſächlich baburd, bag ih mit Aufmerffamkeit und Nafchheit allezeit die neueiten inb gangbarften Deffins zu bringen und ſelbſt ben herrſchen⸗ den Gejdmad burdj ganz Neues und Driginelles zu überbieten (udje. Hierzu find eigene Zeichner vorhanden, deren Aufgabe e3 ijt, lebiglid) neue Deſſins zu erfinden und, in ber behag- lien Stube figenb, nad) Herzensluft Blumen, Sterne, 9tanfen, Zupfen unb Linien durcheinander zu werfen. In meiner Anstalt habe ich drei folder Leute, denen ich ein läfterliches Geld bezahlen unb fie obenhinein nod) jebr glimpfli behan- deln muß. Sie find, obgleich fie ziemlidy gefhidt den Gang bes Geſchäftes begreifen und verfolgen, bod) nur zufällig zu
