Chapter 18
Section 18
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freudig, daß feine Sicherheit mich blenbete unb ich mit leichter Mühe feine Geftalt bezwingen zu fónnen wähnt. Schon faß ih vor ibm unb meine Hand lag mit bem Stifte auf bem weißen Papiere, inbefjen eine geraume Weile verging, eb’ id) mid zu bem eriten Gtridj entichließen konnte; denn je mehr ih ben NRiefen an einer bejtinnmten Stelle genauer anjab, defto unnahbarer ſchien mir diefelbe und mit jeder Minute verlor id) mehr meine Unbefangenheit. Endlich wagte id, von unten anfangend, einige Giridje und fudjte den ſchön ge gliederten Fuß des mádjtigen Stammes feitzuhalten; aber was ih madjte, war leben- und bedeutungslos; die Sonnenstrahlen fpielten burd) ba8 Laub auf dem Stamme, beleuchteten bie marfigen Züge und ließen fie wieder verfhwinden, bald lächelte ein grauer Silberfled, bald eine faftige Moosftelle aus bem Helldunkel, bald ſchwankte ein aus den Wurzeln ſproſſendes Zweiglein im Lichte, ein Nefler ließ auf ber bunfeliten Schatten- fete eine neue mit Flechten bezogene Linie entbed'en, bis alles wieder verfhwand und neuen GErfcheinungen Raum gab, während der Baum in feiner Größe immer gleidj ruhig da» ftand nnb in feinem Innern ein geifterhaftes Flüſtern per» nehmen lieb. Aber Haftig unb blindlings zeichnete id) weiter, mich felbjt betrügend, baute Lage auf Lage, mid) ángitlid) nur an die Partie haltend, welche ich gerade zeichnete, und gänzlich unfähig, fie in ein Verhältnis zum Ganzen zu bringen, ab. gefehen von ber Yormlofigfeit der einzelnen Strihe. Die Ge: flat auf meinem Papiere mudjs ins Ungeheuerliche, befonders in bie Breite und als idj an die Krone fam, fand ich feinen Raum mehr für fie und mußte fie, breit gezogen und niedrig, wie bie Stirne eines Qumpen, auf den unfórmliden Klumpen zwingen, daß ber Rand des Bogens dicht am legten Blatte ftand, während ber Fuß unten im Leeren faumelte. Wie id) auffah und endlich das Ganze überflog, grinſte ein lächerliches
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Zerrbild mid) am, mie ein Zwerg aus einem $obljpiegel; bie lebendige Buche aber jtrahlte noch einen Augenblid im nod größerer Majeftät al8 vorher, wie um meine Ohnmacht zu ver [potten; dann trat die Abendfonne Hinter ben Berg unb mit — ihr verihwand der Baum im Schatten feiner Brüder. Ih | fab nichts mehr, als Eine grüne Wirrnis unb das Gpottbib — auf meinen Snieen. Ich zerriß dasfelbe, und fo hochmütig und anſpruchsvoll ih in den Wald gefommen, fo Heinlaut unb gebemütigt war id) nun. Ich fühlte mid) abgewieſen und binausgeworfen aus dem Tempel meiner jugenbliden Hoffnung; ber tröftende Inhalt des Lebens, ben ich gefunden zu Haben mwähnte, entſchwand meinem inneren SBlide und id) fam mir nun vor, wie ein wirklicher Taugenichts, mit meldjem menig angu fangen fei. Ich brad) verzagt und weinerlid) auf, mit ge brodjenem Mute nad) einem andern — Gegenjtanbe fuchenb, welcher fid) barmherziger gegen mich ermieje. Allein Die Statur, mehr und mehr jid) verdunfelnd unb perjdjmelgenb, [lieb mir fein Almoſen ab; in meiner Bedrängnis that [ij mir das Wort funb „aller Anfang ijt ſchwer“, und damit bie Ginfidt, daß ich ja erit jet anfange unb diefe Mühfal eben den Unterſchied von dem früheren Gpielmerfe begründe. Aber die Einfiht ftimmte mid nur trauriger, da mir Mühſeligkeit und faurer Fleiß bisher unbelannte Dinge gewejen waren. Ich nahm meine Zuflucht endlich wieder einmal zu Gott, ber mir im NRaufhen des Waldes und in meinem eingebilbeten Elende wieder nahe getreten, und bat ihn flehentli, mir zu belfen um meiner Mutter willen, deren forgenvoller Ein- famfeit ih nun aud) gebadjte.
Da traf idj auf eine junge Efche, welche mitten in einer Waldlücke auf einem niedrigen Grbmalle empormudj8, von einer fidernben Quelle geträntt. Das Bäumchen hatte einen ſchwanken Stamm von nur zwei Zoll Dide unb trug oben eine zierliche
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faubfrone, deren regelmäßig gereibte Blätter zu zählen maren unb fi, ſowie der Stamm, einfadj, beutlid) und anmutig auf ba$ flare Gold des Abendhimmels zeichneten. Weil das Licht hinter ber Pflanze war, fab man nur den [djarfen Umriß des Schattenbildes; es ſchien wie ab[idjtfid) zur llebung eines Schülers Dbingejtellt.
Ich febte mid) modj einmal Hin und mollte ffug8 das kindliche Stämmden mit zwei parallelen Linien auf mein Papier ftehlen; aber nod) einmal wurde id) gehöhnt, indem der einfache, grünende Stab im ſelben Augenblide, wo id) ihn zu zeichnen und genauer anzufehen begann, eine unendliche wenbei ber Bewegung annahm. Die beiden aufjtrebenben Linien [djmiegten fi) in allen faum merfliden Biegungen, [o itreng an einander, fie verjüngten fid) nad) oben fo fein und bie jungen Aeſte gingen endlih in fo gemeijenen Winkeln daraus hervor, daß um Fein Haar abgemidjen werden durfte, wenn das Bäumchen feine ſchöne Geſtalt behalten folltee Doch nahm idj mid) zufammen und klammerte mid) ángitlid) unb auf- merfjam an jede Bewegung meines Borbildes, moraus endlich nicht eine fidjere und elegante Skizze, fondern ein zaghaftes, aber ziemlich treue Gebilde hervorging. Ich fügte, einmal im Zuge, mit Andacht die nüdjjten Gräfer unb Würzelchen be8 Bodens Hinzu und jab nun auf meinem Blatte eines jener frommen nazarenifhen Stengelbäumden, weldhe auf den Bildern ber alten Kirchenmaler und ihrer heutigen Epigonen ben Horis zont jo anmutig und naw durchſchneiden. Ich mar zufrieden mit meiner bejcheidenen Arbeit und betrachtete fie nod) [ange abmedjjelnb mit der fdjlanfen Eiche, bie fid) im leijen Abend. hauche miegte und mir mie ein freundlicher Himmelsbote er» (dien. Als ob idj wunder was verrichtet hätte, zog idj Bod) vergnügt dem Dorfe zu, ro meine Verwandten begierig waren, bie Früchte meiner mit fo piel Anfprud) unternommenen Wald»
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fahrt zu feben. Nachdem ich aber mein Bäumlein mit feinen bodjten8 vier Dutzend Blättern bervorgezogen, löſte fid) bit Erwartung in ein allgemeines Lächeln auf, welches bei den unbefangenften zum Gelächter wurde; nur dem Dheim gehe e3, daß man bod) glei ein junges Eſchchen erfannte, und er
munterte mic) auf, unverdroffen fortzufahren und die 9Salb. -
bäume redjt zu jtudieren, wozu er mir als Forſtmann be hilffih fein wolle. Er befaß nod) fo viel ftädtifhe Grinne rung, daß ihm dergleihen nicht lächerlich vorfam; auch mochten leibenjdjaftlidje Jäger von jeher die Malerei wohl leiden, im fofern fie den Schauplaß ihrer Freuden und ihre Thaten felbit verherrliht. Daher begann er nad) bem Abendeſſen nod) fogleid einen Surjus mit mir und fprad von ben Eigentümlichkeiten ber Bäume und von den Stellen, mo id) bie Iehrreidjiten Gremplare finden würde. Zuvörderſt aber empfahl er mir, die Studien des Junkers Felix zu fopierem, ma8 ih an bem folgenden Tagen mit großem Eifer that, inbe[jem wir an den ſchönen Abenden unfere Spürgänge für die nüdjíte Jagdzeit fortfegten und dabei die reizendjten Gründe und Höhen burd ftreiften, umgeben und begleitet von der reihen Baummelt.
Go ging bie erite Woche meines Tünblidjen Aufenthaltes angenehm zu Ende, unb um diefe Zeit wußte idj ſchon etwelde Bäume von einander zu unterfcheiden und freute mich, bie grünen Gejellen mit ihren Namen begrüßen zu lónnen; nur Binfidjili ber früuterbede des feuchten ober trodenen Bodens bedauerte id) erjt jebt wieder lebhaft bie lInterbredjung der botanifchen Anfänge in der Schule, da ich wohl fühlte, bab für bie Kenntnis biejer Meinen, aber weit mannigfaltigeren Welt einige grobe Umriffe nicht genügten; unb bod) hätte ich fo gern die Namen und Eigenſchaften aller ber blübenden Dinge gefannt, melde den Boden bebedien.
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diiiiiiiiiiiiiiiiiiit!
Erunmdwamignes Kapitel, Sountagsibylie. Der Schulmeifter und [ein Mind.
Auf den eriten Sonntag meiner Anmwejenheit war idjon ein Beſuch verabredet worden, meldjen mir jungen Leute Hinter dem Walde abitatten wollten. Dort wohnte auf einem eine famen unb abgelegenen Hofe ein Bruder meiner Tante mit ener jungen Tochter, melde mit meinen Baſen eine eifrige Nädchenfreundichaft pfíag. Ihr Vater war früher Dorfihul« meifter gemwejen, batte aber nad) dem Tode feiner Frau fid) in jmen beſchaulichen Waldhof aurüdgegogen, ba er ein hinläng⸗ les Vermögen befaß unb das gerade Gegenteil meines Dheims barftellte. Während biejer, von jtädtifcher Abkunft und in einigen geiftlihen Studien aufgemadjfen, diefes alles Hinter fh geworfen unb vergeflen hatte, um fidj.gana ber braunen Adererde und dem wilden tyoríte hinzugeben, ftrebte jener, von báurijdem $erfommen unb befcheidener Bildung, allein nad) milden und feinen Sitten, nad) bem Leben unb Ruhme eines Veiſen unb Gerechten und vertiefte fij in befchauliche geilt- lie und philofophifche Spekulationen, betrachtete bie Natur nadj Anleitung einiger Bücher unb freute fij, vernünftige Ges Iprähe anzufnüpfen, fo oft fid) Hierzu die Gelegenheit bot,
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wobei er eine große Artigfeit zu entfalten bejtrebt war. Sein Töchterchen, ungefähr von vierzehn Jahren, lebte ſtill und fein in dem milden Lichte folder Gefinnungsmeife, und ftellte nad) ben Wünfchen ihres Vaters eher ein zarte Pfarrersfind vor, denn eine Qandmannstochter, inbejjen bie weiblide Nachkommen⸗ fhaft meines Oheims, zur berben Arbeit gehalten, einen ſtarken Anhauch von Regen und Sonnenſchein zeigte, meldjer fie aber viel eher zierte als entitellte und dem Glanze ihrer frifchen Augen entiprad).
Meine drei Bafen, von zwanzig, fechzehn und vierzehn - Sabren, mit ftädtifch verwälfchten Namen: Margot, Lifette und Gaton, bielten am Sonntag Nachmittag lange Konferenz in ihren Kämmerchen, einander medjfelfeitig bejudjenb und bie Thüren Hinter jid) abſchließend. Wir Burfchen, deren Toilette längjt beenbigt war, barrten ungeduldig und Tonnten nur burd) Schlüffellödher und Thürfpalten bemerken, daß die Kleiderfchränfe weit geöffnet und die Mädchen mit wichtigen Gebärden rat. Ihlagend davor jtanben. Um uns die Zeit zu vertreiben, be gannen wir bie anbüdjtigen Töchter zu neden und drangen endlich mit hellem Haufen in ihre Mitte, über einen mächtigen Schrank Berfallenb, um die Naſen in bie hundert Schädhteldhen, Bühschen und Heimlichkeiten zu jteden. Aber mit bem Mute wilder Lömwinnen, denen man die Zungen rauben mill, wurden wir binausgeworfen und führten vor ben Thüren einen per. gebliden Kampf, biejelben wieder aufgubredjem. Da gingen fie mit einemmale nad) einer furzen Stille von felber auf und beraustraten, verſchämt und unmwillig und bod) fiegberupt, bie drei armen Kinder, bunt und prádjig, nad) ber vorjährigen Mode gefleibet, mit pormeltfiden Paraſols und mwunderbar geformten Ridiküls, ber eine einem Sterne gleich, der andere einem Qalbmonbe, der dritte ein Ditieling zwiſchen Huſaren⸗ taſche und Lyra.
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Dies alles mußte um fo größeren Eindrud! madjen, wenn man bedadte, daß bie guten Mädchen Autodidaktinnen waren unb in Sachen des Putzes ganz allein und ratlos in der Welt bajtanben; denn ihre Mutter batte einen Abſcheu vor aller Stadtfleidung unb rif jedesmal, wenn fie aus der Kirche fam, bie Spitenhaube, meldje fie als Pfarrfrau trug, (ogleid) Ber» unter. Die Damen des neuen Pfarrers, außerdem die ein. zigen im Dorfe, waren ftolz, unzugänglid und bezogen ihren fug fertig aus der Stadt. So waren meine Bafen ganz auf fi ſelbſt, auf eine Dorfnähterin und auf einige Traditionen bes Haufes gemiejen, welche fie als eifrige Forſcherinnen der dunklen Vergangenheit entlodten. Deswegen waren ihre Gr. folge doppelt adjtungsrmoert, und wenn mir fie mit einem fpöttifhen Ah! empfingen bei ihrer heutigen Erfheinung, fo war diefer Spott nur ein perjtellter und bie Maske einer auf- rdjigen Bewunderung.
Indeſſen entiprad) unjere Zradjt an kühner unb eleganter Miſchung volllommen derjenigen ber Jungfrauen. Die Bettern trugen Jacken von ziemlid grobem Zudje, weldjen aber der Dorfihneider einen feden, ja höchſt gemagten Zufchnitt ge» geben hatte. Dieſe Saden waren mit einer Unzahl blanfer Knöpfe bejegt, auf melden die Tiere des Waldes gepreßt in jagdgeredhten Sprüngen erjdjienen, unb welche der Oheim eint bei guter Gelegenheit im großen eingehandelt und fid) jo für Kind und Kindeskind perjeben hatte. Die abgefallenen Stüde biejer Zierat gingen unter der Dorfjugend als gangbare Münze und mogen beim Spiele jedj8 Horn- ober Bleifnöpfe auf. Sch felber trug zu meinem grünen SKadettenrod mit roten Gdjnürdjen weiße Beinfleider, feine Weite über bem burſchikoſen Hemde, hingegen das rote Geibentud) der GroB. mutter malerijdj umgeſchlungen, unb überdies bing die goldene libr meines Vaters, bie ich ererbt, aber nie in Ordnung zu
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Balten verjtand, an einem blauen Bande mit gejticten Blumen, das ich ben Gdjadjteln meiner Mutter entnommen hatte. Bon ber Mübe batte ich längſt den phililtröfen Schirm abgetrennt, daß fie die Stirn frei Tieß, und ich mochte wie ein vollendeter Sabrmarktöburfche ausfehen. Menſchen, welche etwas Beſſeres und Tieferes ahnen unb wünſchen, werden fid), wie ich glaube, mehr und mehr aller lächerlihen Aeußerlichkeiten enthalten, je mehr fie dem geahnten Weſen burdj Erfahrung und That nahe treten; je weiter fie aber nod) davon entfernt find, befto mehr Hammern fie fid an ſolche Schnörkeleien. Allein gerade dieſe Heußerlichfeit verhindert oft das Innere, (td) rajd) zu ent» wideln, wenn nidjt ein Mann und Bater vorhanden ijt, meldjer fie mit geſundem Spotte bejchneidet und unterdrüdt, inbefjen er dem aufjtrebenden Sohne bas Wahre mit fejter Hand por. zeichnet.
Man fonnte auf zwei Wegen zu der Wohnung des altem Schulmeifter gelangen; entweder mußten mir einen langge dehnten Berg Dinter bem Dorfe eriteigen und längs auf bem- felben fortgehend, endlich jenjeit8 niederjteigen, mo wieder ein Thal fag, ábníid) bem unferigen, nur Heiner und runder und beinahe ganz mit einem tiefen bunflen Gee erfüllt; ober mir fonnten längs des Fluſſes unfer Thal durchwandern unb mit bem in Gehölzen fid) verlierenden Waſſer um den Berg herum an den Gee gelangen, in meldjen jenes mündete unb bas be freundete Haus fid) [piegelte.
Wir zogen e8 vor, mit bem furgmeiligen Flüßchen bem Hinweg zurüdzulegen und erſt in ber Abendlühle über den Berg heimzufehren, und unjere bunte, weithin glänzende Ge fellidjaft bewegte fid) bald burdj das grüne Thal bin, bis wir in eine reigenbe Wildnis gelangten, mo der Wald pom beiden Seiten an das Gewäſſer niederjtieg und dasfelbe kühl und dunkel über[djattete. Bald faßte er e8 mit unburdjbringlidjen
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faubmünben ein, daß mir bie überbangenben Zweige zurüd- biegen mußten; bald weitete er fid) aus und ließ eine Schar Iter, hoher Tannen auf jonnigem Boden porrüden; dann lagen berabgejtürate Yelsblöde am Rande und im Waffer und verurfadhten Waſſerfälle, indeſſen gurüdgebliebene Trümmer aus bem Gebüfche der Abhänge hervorragten; Tleine Seitenmege Iodten ins Dunkel und überall enthüllten fi) bie lieblichſten Geheimniffe. Die roten, blauen und meißen Gemänder ber Mädchen leudjteten Berrlid in dem dunflen Grün, die Bettern fprangen von Stein zu Stein, bag ihre Golbfnópfe aufblibten unb mit den Silberfringeln der Wellen wetteiferten. Allerhand Getier madjte fid) fihtbar, Hier fahen wir bie $yebern einer wilden Taube, die unzweifelhaft von einem Raubvogel zerriffen worden; dort ſchoß eine Schlange durch bie Uferwellen über die glatten $iejd Hin, unb in einer abgetrennten Untiefe hatte fid) eine ihimmernde %orelle gefangen, welche mit ihrer Schnauze ängſtlich an ben abfchließenden Steinen berumtaftete, bei unferer An- nüberung aber einen Sprung madte und im ftrömenden Elemente verſchwand.
Sp waren wir unbemerft um den Berg berumgelommen, die holde Wildnis erweiterte fid) unb ließ mit einemmale ben ſtillen, dunkelblauen, mit Silber be[prengten See fehen, ber mit feiner friedbevollen Umgebung im lautlofen Glanze eines Sonntagnad)mittage8 rubte. Ein [djmaler Streifen bebauter Erde zog fid um den See herum, hinter demfelben febhte fid) überall ber anfteigende Wald fort, meldjer aber ba und dort wieder ein ftilles Aderfeld bergen mußte, ba Bie unb da ein tote Dach oder eine blaue Rauchſäule aus dem SDididjt empor» ftieg. Sur auf der Sonnenfeite lag ein anfehnlicher Weinberg unb zu Füßen besfelben das Haus des Schulmeifters, Dicht am See; unmittelbar über den oberiten Pfahlreihen aber Bing
bet reine tiefe Himmel, und biefer [piegelte fi in bem glatten Reller I. 14
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Waſſer, bi8 mo er burd) ben gelben Stornitreifen, bie Kleefelder unb den dahinter Tiegenden Wald, meldje alle fid) gänzlidy un: verändert in ber Ylut auf den Kopf ftellten, begrenzt wurde. Das Haus war weiß getündt, das Fachwerk rot angeſtrichen und bie eniterladen mit großen Mufcheln bemalt; aus den Fenſtern mebten weiße Vorhänge und aus der Hausthüre trat, ein zierliches Treppchen herunter, ba8 junge Bäschen, ſchlank unb zart mie eine Rarcifje, in einem mweißen leide, mit goldbraunen Haaren, blauen Aeuglein, einer etwas eigenfinnigen Stirne und einem läcelnden Munde. Auf den fhmalen Wangen mwallte ein Erröten über das andere hin, das feine &loden- ſtimmchen flang faust vernehmbar und perballte alle Augen- blide wieder. Durch ein duftendes 9tojens und Nellengärtchen führte ung Anna, nadjbem fie fid) mit meinen Bafen [o zärtlich und feierlich begrüßt hatte, al8 ob fie einander ein Jahrzehnt nicht gejeben, in das vor Steinlidfeit und Aufgeräumtbeit mieberballenbe Haus, wo uns ihr Vater, in einem faubern grauen Yrade und weißer Halsbinde, in geitidten Bantoffeln einhergehend, berzlih und zufrieden millfommen bie. Gr batte den bejchauliden Sonntag über Büchern zugebradt, welche nodj auf dem Tiſche lagen, unb mochte nun froh fein, unverhofft eine jo hübſche Anzahl Zuhörer für feine SBereb. jamfeit vor fid) zu fehen. Als ih ibm vorgeitellt wurde, ſchien er fid) befonders zu freuen, feine Manieren und gelehrten Neden mit Anerfennung an den Dann bringen zu fonnen, ba er mich mitten aus bem blühenditen höheren Schulmefen Der. fommend vermutete. Er hatte audj alle Urſache, fidj an mid) zu halten; denn ſchon waren meine Vettern wieder verſchwunden, nod) ehe der Schulmeijter einen Stoff ergriffen, und ich fab, wie fie draußen am Ufer alle drei ihre Köpfe tief in bie Def» nung eines Fiſchkaſtens ftedien, daß man nichts von ihnen fehen konnte als ihre ſechs Beine Sie unterſuchten auf-
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mertjam ben Fiſchbeſtand ihres Dheims, inbelfen bie Schmeitern feinem Töchterchen unb einer alten Magd in Kühe und Garten gefolgt waren.
Der Gdjulmeijter merkte bald, daß id) ein williger Zu- börer und auf feine fragen nad; Vermögen einzugehen bereit fe. Nachdem er mid) über bie neuen €djuleinridjtungen an⸗ gelegentlich befragt, fuhr er fort: „Aber etwas bunt muß c8 bodj nod) zugehen! Da babe ich eben in der Zeitung gelefen, dag in einer Abteilung unferer fantons[djule bie befannten Störungen endlih baburdj gehoben worden, daß man ben untaugliden Lehrer und den unnüfeiten Schüler, einen wahren Heinen Revolutionär, zugleich entfernt und dadurch die Ruhe gründlich hergeitellt babe. Daß man nun den Lehrer entlajjem bat, ſcheint mir ganz vernünftig, wenn man ihn nur ander- meitig verforgt; Hingegen mit dem Schüler will e8 mir nicht redjt einleudjten; e8 will mich bebünlen, al8 ob man demfelben damit verbeutet habe: Du bift nun außer unfere Gemetnidjaft geitellt unb magjt zufehen, was du aus dir madjit! Dies ijt nicht djrifilid) gehandelt unb unſer Herr und Meiſter würde ba$ verirrte Schaf gewiß gunüdjf unter bie Falten jeines Mantel genommen haben. Kennt ihr, liebes Bettermannqhen, den verſtoßenen Knaben?“
Der Mann weckte durch dieſe Frage die peinvollen Erinnerungen und durch ihre Faſſung zugleich eine tiefe Weh⸗ mut in mir auf, und ich antwortete kleinlaut, ich wäre es ſelbſt.
Ganz erſtaunt trat er einen Schritt zurück und betrachtete mich mit großen Augen; er war verlegen, einen angehenden Teufel in ſo harmloſer Geſtalt ſo nahe vor ſich zu ſehen. Doch hatte ich ihn ſchon ein wenig für mich eingenommen und mein ſtilles Verhalten mochte ihn belehren, daß er mit ſeiner vorher ausgeſprochenen milden Anſicht nicht das Unrechte getroffen.
