NOL
Gesammelte Werke

Chapter 17

Section 17

— 190 —
zurück und ftedte bem Kopf binburd) in den beißen Tauben» ſchlag, welcher alfobald in folden Alarm geriet, daß ih mid zurüdziehen mußte. Ferner entdedte ich die Schlafzimmer der Töchter, jtille Gelajfe mit grünen Fenſtergärtchen und überdies von treuen Baummipfeln bemadjt, mit geretteten Stüden blu miger Tapeten befleidet, wo bie Otofofo|piegel des ehemaligen Herrenſitzes eine ehrenvolle Zuflucht im Alter gefunden Hatten; fo aud) die große Kammer der Söhne, melde mit den Spuren einiger nicht zu tiefen Studien und ben Werkzeugen des länd- Iihen Müßigganges, mit Angelzeug und Bogelgarnen pet» ziert war.
Gegen Dften fahen bie tyenjter des Haufes in das Wirrfal von Obſtbäumen und Dacgiebeln des Dorfes, aus meldem der erhöhte Kirchhof mit der weißen Kirche mie eine geijtlidje Feſtung emporragte; nach der Abendſeite ſchaute die hohe lange Tenjterflucht des Gaale8 über ein fattgrünes Wiejenthal, durch welches fih ber Fluß in vielen Armen unb Windungen buchſtäblich filbern fehlängelte, ba er höchſtens zwei Yuß tief war und wie Brunnenivafjer in lebendigen heftigen Wellen über weißes Geſchiebe floß. Jenſeits dieſes Wiefengrundes ſtieg eine waldige Berghalde auf, an welcher alle Laubarten durch⸗ einander wogten, von grauen Felswänden unb Kuppen unter» brochen. Die untergehende Sonne aber hatte einen freien Ausgang über fernere Blauberge und übergoß das Thal alle Abend mit Glut, daß man an den Fenſtern des Saales im Roten ſaß, ja die Röte drang durch dieſen hin, wenn ſeine Thüren geöffnet, ins Innere des Hauſes unb überzog Gänge und Wände — Gemü[e unb Blumengärten, vernadjläffigte Swifdenrüume, Qollunberbü[dje und eingefaßte Duellen, alles von Bäumen überfchattet, bildeten eine reigenbe Wildnis weit herum und bebnten fij nod) mitteljt einer Leinen Brüde über bas Waller hinaus. Die etwas weiter oben liegende Mühle
— 191 —
aber gab fid) nur burd) das Geráujd unb durd das Bliken unb Stäuben be8 Rades funb, melde unter den Bäumen butd)leudjtete. Das Ganze war eine Verfhmelzung von Pfarrei, Bauernhof, Billa und Sägerhaus, und mein Herz jubelte, als id) alles entbedte und über[ab, umgaufelt von ber geflügelten und vierfüßigen Tierwelt. Hier war überall Farbe und Glanz, Bewegung, Leben und Glüd, reidjfid, ungemefjen, dazu Frei⸗ heit unb Ueberfluß, Scherz unb Wohlmollen. Der erite Ge baufe mar eine freie ungebundene Thätigkeit. Ich eilte auf mein Zimmer, welches audj nadj ber Abendfeite lag, und begann meine inbeljen angefommenen Saden auszupaden, meine Schulbücher und abgebrodjenen Hefte, meldje ich fo gut möglich nod) zu pflegen gedachte, vorzüglich aber einen anfehn- lihen Borrat von Papier verfhiedener Art, Federn, Bleiftifte und iyarben, vermittelft deren ich fehreiben, zeichnen, malen wollte, weiß Gott, was alles! In diefem Augenblidle wandelte fi der bisherige Spieltrieb in eine ganz neuartige Quft zu Schaffen und Arbeit, zu bemuftem Geitalten unb Hervorbringen um. Mehr als alles vorhergehende Ungemach medie diefer eine, fo einfadje unb bod) fo reihe Tag ben eríten Schein der Klarheit, bie Morgendämmerung der reiferen Sugend in mir auf. Als id meine bisher übermalten Streifen unb Bogen auf dem großen Bette ausbreitete, Daß e3 mit wunderlich bunter Dede bezogen war, fühlte ich mid) mit einemmale über diefe Dinge hinausgerüdt und mit dem Bedürfnis aud) den Willen, fogleih einen Fortſchritt aus mir felbjt Derporguamingen. Mein Dheim frat, von einer Aufſichtswanderung zurüd- gefehrt, zu mir herein und [ab mid) mit 3Bermunberung von meinem trame umgeben. Die finblidje Renomifterei und Keckheit meiner Machwerke, die marktfchreieriihen Farben im» ponierten feinem ungeübten Auge und er rief: „Ei, bu bijt ja ein ganzer Maler, Herr Neveun! Das ijf nun red; ba halt
— 192 —
du ja audj eine Menge Papier und Yarben? Gut! Was haft bu bier für Gadjen, mo haft bu fie Dergenommen?" Ich erwibderte, daß ich alles aus bem Kopfe gemadjt hätte „Sch will dir nun andere Aufgaben ſtellen,“ fagte er, „du follit nun unſer Hofmaler fein! Gleidj morgen follit bu verſuchen, unfer Haus zu zeichnen mit Gärten und Bäumen und alles genau nad. bilden! Auch Tann ih bir manchen [djónen Punkt in unjere Gegend zeigen, wo bu interejjante Proſpekte aufnehmen magit; bas wird dich üben unb bir nüglid) fein. Sch wollte felbft, ih hätte dergleichen geübt. Halt, ih kann bir einige hübſche Gadjen zeigen, welde von einem Herrn berrühren, ber vor vielen Jahren oft bei uns zu Gaft war, als wir immer Beſuch aus der Stadt hatten. Er malte zu feinem Bergnügen in Del, in Baflerfarben, und ftah in Supfer oder rabierte, mie er e$ nannte, unb mar geſchickt, troß einem Künftler!“
Er holte eine alte Mappe herbei, meldje mit einer am» fehnliden Schnur ummidelt mar, und indem er fie öffnete, fagte er: „Sch babe bei Gott diefe Dinge längſt vergeſſen, id feh’ fie felbft einmal gern wieder! Der gute Junker Felix Liegt in Rom begraben, ſchon manches lange Jahr; er war ein alter Zunggejell, trug gepuderte Haare und ein Zöpfchen nod anfangs ber zehner Jahre; er male und rabierte den ganzen Tag, ausgenommen im Herbite, wo er mit und jagte. Damals, zu Anfang ber zehner Sabre, famen ein paar junge Herren aus Stalien zurüd, morunter ein SRalergenie. Dieſe Burfche madjen einen Teufelslärm und behaupteten, bie ganze alte Kunst fei verfommen und würde eben jegt in Nom mieberge boren von deutfhen Männern. Alles was vom Ende bes
vorigen Sahrhunderts Ber batiere, dad Geſchwätz des foge -
nannten Goethe von Hadert, Tiſchbein u. dergl. das ſei alles Zumperei, eine neue Seit fei angebrodjen. Dieſe Redensarten ftörten meinen armen Felix urplóglid in feinem bisherigen
— 193 —
Lebensfrieden; umſonſt fuchten ihn feine alten S'ünftlerfreunbe, mit denen er ſchon mandjen Zentner Tabak perraudjt hatte, gelafjien zur Ruhe zu bringen, indem fie fagten, er möge bod) die jungen Fänte fchreien laſſen, bie Zeit werde fo gut über fie hinweggehen, mie über uns! Alles umfonft! Eines Morgens ſchloß er feinen hageſtolzlichen Kunfttempel zu unb rannte wie verrüdt nad) dem St. Gotthard hinüber unb fam nicht wieder. Nachdem ihm die Hallunfen zu Nom den Zopf abgeldnitten bei einer Sauferei, verlor er allen Halt unb alle Ehrbarfeit und ftarb in feinen alten Tagen nidjt an Altersſchwäche, fondern an bem römifchen Wein und an den römifchen Weibs- bildern. Dieſe Mappe ließ er zufällig bei uns zurüd.”
Bir burdjblátterten nun bie vergilbten Papiere; es waren ein Sugenb Baumftudien in Kreide und Notftift, nicht jebr Iotperíid) und fidjer gezeichnet, bod) von einem eifrigen Dilet- tautijden Streben zeugend, nebjt einigen verblaßten Yarben- ffiggen und einer großen in Del gemalten Eiche. „Dies nannte e Baumſchlag,“ fagte mein Dheim, „und madjte ein großes Velen daraus. Das Geheimnis desfelben hatte er im Jahre 1780 in Dresden erlernt bei feinem verehrten Meiiter Zink, oder wie er ihn nannte. Es giebt, pflegte er zu fagen, zwei Klafien von Bäumen, in weldhe alle zerfallen, in bie mit runden, und bie mit gezadten Blättern. Daher giebt e8 zwei Manieren, bie gezadete Eichenmanier und die gerundete Lindenmanier! Tenn er bejirebt mar, unfern jungen Damen das geläufige Shreiben diefer Manieren beizubringen, fo fagte er, fie müßten fif; vor allem an einen gewilfen Zaft gewöhnen, a. $8. beim Zeichnen dieſer ober jener Blattart zählen: Eins, zwei, drei — vier, fünf ſechs! Das ijt ja ber Walzertaft! fchrieen bie Mädchen und begannen um ihn berumgutangen, bis er wütend aufiprang, daß ihm ber Zopf madelte!"
Sp gewann ich auf bem feltfamen Wege einer Tradition, Reller I. 13
— 194 —
deren Träger felbjt ber Gadje fremd mar, ben eriten Anhalts- punft. Ich beiradjtete die Blätter jtumm und aufmerkfam und bat mir die Mappe zur freien Verfügung aus. Sie enthielt überdies nod) eine Anzahl radierter Landichaften, einige Water- loos, einige idyllifhe Qaine von Geßner mit febr hübfchen Bäumen, deren Poelie mid) frappierte und ſogleich einnahm, bis ich eine 9tabierung von Reinhardt entdedte, gelb und be ſchmutzt, Inapp am Rande beſchnitten, deren Kraft, Schwung und Gejundheit mádjig zu mir jpradj unb aus dem per. zettelten Gitüddjen Papier gewaltig herausleudtetee Während ih ftaunend das Blatt in ber Hand hielt (idj hatte bis jekt nie etwa wahrhaft Künjtlerifches gejehen), fam ber Dheim wieder und rief: „Komm mit, Neveu Maler! ber Herbft wird bald genug da fein und da müflen wir fehen, wie e8 vor» läufig um die Häslein und Yüchslein, um Hühner und berlei Bolt jtebt! Es ijt ein ſchöner Abend, mir wollen ohne Gewehr ein bißchen auf den Anſtand geben, da Tann id) bir zugleid) hübſche Proſpekte zeigen.“
Er ergriff aus einem Winkel, wo eine Menge alter ſpaniſcher Rohre verſammelt war, einen tüchtigen Stock, gab mir auch einen ſolchen, puſtete aus ſeinem Waldhörnchen den abgebrannten Cigarrenſtumpf heraus, ſteckte einen friſchen Glimm- ſtengel hinein, pfiff aus dem Fenſter in weithin ſchallenden Tönen, worauf ſogleich die Hunde aus allen Ecken des Dorfes wie der Blitz herbeiſprangen, und wir zogen, umgeben von den bellenden Tieren, bem abendlichen Bergwalde zu.
Bald war die Meute weit voraus und im Gehölze per» ſchwunden; aber faum begannen mir bie Höhe Dinangujteigen, fo börten wir fie über uns an[dj[agen unb in voller Jagd am Berge binziehen, daß die Schluchten roieberballten. — SReinem Dheim lachte ba8 Herz, er zog mid) vorwärts und behauptete, rit müßten raſch nad) einer Heinen Waldwieſe eilen, um bas
— 195 —
Zier zu ſehen; bodj auf bem Wege Dordjte er auf unb änderte bie Richtung, indem er rief: „ES ijt bei Gott ein Fuchs! dorthin müflen wir gehen, ſchnell, pit!" Kaum hatten mir einen jchmalen Pfad betreten, welcher neben einem trodenen Waldbache Hinlief, zwifchen zwei bemadjfenen Abhängen, als et mid) plóglid) anbielt und lautlos vorwärts wies, ein röt⸗ lider Streif ſchoß till über Weg und Schlucht, herab, hinauf, und eine Minute nachher Beulten bie ſechs Hunde Hinterbdrein. „Haft bu ihn gefeben?" fagte der Dheim, fo vergnügt, als ob er am Borabend feiner Hochzeit ftände; dann fuhr er fort: „Sie haben ihn verloren, bodj in jenem Schlag míüljen fie notwendig ein Häschen auffbun! Wir wollen vollends Bier hinauſgehen!“ Wir gelangten auf eine Kleine Hochebene, melde en von ber finfenden Sonne gerötetes Haferfeld mar, um. fäumt von ftillglühenden Yöhren. Hier bielten wir an und ftellten uns am Rande auf, in mobligem Schweigen, unfern eines permadjjenen Weges, ber ins Dunkle führte. Wir mochten fo eine Biertelitunde gewartet haben, ala das Gebell in großer Nähe plögli wieder begann unb mein beim mid) anftieß. Zugleich bewegte fid) der Hafer vor ung, er flülterte: „Bas Teufel ijt denn da 108?" und es erſchien eine riejen- bafte S3anernfage, welche uns anſah und bavonjdjid. In großem Zorne rief der geiftliche Herr: „Du vermalebeite Beitie, was haft denn du hier zu [djaffen? Da fiebt man, wo bie jungen Hafen hinkommen! Wart, idj mill bir jagen helfen!” und er ſchleuderte ihr einen mächtigen Stein nad. Sie |prang wieder mitten in den Hafer hinein, indeflen die Hunde an uns vorüberbrauften und mein aorniger Oheim ganz verblüfft fagte: „Da! nun haben mir den Hafen nicht gefeben!" „Genug für heute," fagte er, „nun laß uns nod) ba vomenhin gehen, mo du das Hochgebirge [eben Tannit, bem bu
jebt ein bißchen ferner gerüdt bijt." u⸗
— 196 —
Am entgegengefehten Rande des hohen tyelbe8, wo bie Föhren fid) lidjteten, jab man über zuerjt grüne, dann immer blauer werdende Bergrüden hin nad) dem Gebirge im Süden, welches in feiner ganzen Ausdehnung von Dit nad Weit vor una lag, von den Appenzeller Suppen bis zu den Berner Ulpen, aber jo fern wie ein Traum.
Dadurch wurde ich aud) auf den Charakter ber mich um⸗ gebenden Landfhaft au[merfjamer. BDiefelbe war fon mehr in ber Art, wie idj mir deutſches Gebirge voritelle, grün, felfig und bebaut. Eine Menge Thäler und Einſchnitte, von Gewäſſern burdjgogen, perípradjen eine reiche Zuflucht für fort- währende Streifereien; vorzüglid) mar e8 ein rechtes Waldland.
Sndellen wir auf einem anderen Wege nad) Haufe kehrten, wechfelten die reigenben Bilder vor meinen Augen bis im bie Schatten der 9tadjt hinein und ſchloſſen mit dem helliten Mond« feine, ber auf Mühle, Pfarrhaus und auf bem Waſſer flimmerte, al$ mir anlangten. Die jungen Leute jagten fid) auf dem Plage unter den Gjdjen umher und drängten einander in das Hlüßchen, bie Töchter fangen im Garten und bie Muhme rief aus dem iyenjter, id) fei ein Landftreicher, den man den ganzen Tag nie gejehen babe.
b rd
4A
IIIIIIIIIIIIIIII
Bwamigſtes Kapitel, Bernfsahunngen.
Der nüdjte junge Tag ließ mich von allen Seiten mit dem 9tufe: Maler! begrüßen. Guten Morgen, Maler! Haben ber Herr Maler wohl gerubt? Maler, zum Yrühftüd! hieß es, und das Völklein handhabte diefen Titel mit derjenigen gut» mütig fpottenden $yreude, welche es immer empfindet, mern e8 für einen neuen 9fnfómmling, ben e8 nicht recht anzugreifen mußte, endlich eine geläufige Bezeichnung gefunden bat. Ich ließ mir jebod) ben angemwiefenen Rang gern gefallen und nahm mir im ftillen vor, benfelben nie mehr aufzugeben. Ich bradjte aus Pflichtgefühl die erite Morgenftunde nod) über meinen Schulbüchern zu, mid) felbjt unterridjtenb; aber mit dem grauen Löſchpapier diefer melandjolijdjen Werke fam die Dede und die Bellemmung ber Vergangenheit wieder heran; jenfeits des Thales lag der Wald in filbergrauem Duft, bie Terrafien hoben fif merklich von.einander 108; ihre laubigen Umriffe, von der Morgenfonne beitreift, waren hellgrün, jede bedeutende Baum- gruppe zeichnete fid) groß und ſchön in dem zufammenhaltenden Dufte und fdjien ein Spielwerk für bie nadjabmenbe Hand zu fein; meine Schulftunde wollte aber nicht vorübergehen, obſchon ih längft nicht mehr aufmerkte.
— 198 —
Ungeduldig ging ich, ein Lehrbuch ber Phyfik in ber Hand, Bin und ber und burdj mehrere Zimmer, bis ih in einem derjelben die meltlihe Bibliothet des Haufes entbedte; ein breiter alter Strohhut, wie ihn die Mädchen zur Feldarbeit braudjen, Ding darüber und verbarg fie beinahe ganz. Wie id denfelben aber wegnahm, fah ich eine Heine Schar guter Sranzbände mit goldenem Rüden, id) zog einen Duartband ber» vor, blies den dichten Staub davon und (dug bie GeBner[d)en Werke auf, in bidem Belinpapier, mit einer Menge Bignetten und Bildern gefhmüdt. Ueberall wo ich blätterte, war von Natur, 2anbjdjaft, Wald und Flur die Rede; die Radierungen, von Gebuer8 Hand mit Liebe und Begeifterung gemadjt, ent ſprachen diefem Inhalte; ih [ab meine Neigung bier ben Gegenjtanb eines großen, ſchönen und ehrwürdigen Buches bilden. Mg ih aber auf den Brief über bie Landidhaft- malerei geriet, worin der Berfafler einem jungen Manne guten Rat erteilt, las ich denfelben überrafht vom Anfang bis zum Ende burdj. Die unfchuldige 9taivetát diefer Abhandlung war mir ganz faplid; bie Stelle, wo geraten wird, mannigfaltig gebrochene Feld- unb SSadjteine auf ba8 Zimmer zu tragen und banad) Qyelfenjtubier zu madjen, ent[pradj meinem nod halbkindiſchen Weſen und leudjtete mir ungemein in ben Kopf. Sch liebte fogleih diefen Mann und madje ihn zu meinem Propheten. Rah mehr Büchern von ihm fudenb, fand id ein Kleines Bändchen, nicht von ibm, aber feine Biographie enthaltend. Auch biefe8 las ich auf der Stelle ganz durch. Er mar ebenfalls ein Hoffnungslofer Schüler gemejen, inbejjen er auf eigene Yauft fehrieb und Fünftleriihen Beſchäftigungen nadjjing. (G8 war in dem Werflein viel von Genie unb eigener Bahn und ſolchen Dingen die Rede, von Leidhtlinn, Drangfal und enblidjer Verklärung, Ruhm und Glüd. Id ſchlug e8 (till und gebanfenpoll zu, badjte zwar nicht febr
— 19 —
tief, war jebodj, menn audj nidjt klar bewußt, für die Bande geworben.
Es ijt bei der beiten Erziehung nicht zu verhüten, Daß diefer folgenreidje und gefährlihe Augenblid nidjt über em. pfánglide junge Häupter Yomme, unbemerkt von aller Um- gebung, unb wohl nur wenigen ijf e8 vergönnt, daß fie erjt das leidige Wort Genie Tennen lernen, nachdem fie unbefangen und arglos bereits ein gefundes Stüd Leben, Lernen, Schaffen unb Gelingen binter fidj haben. Sa, es ijt überhaupt Die Frage, ob nicht zu bem bejcheideniten Gelingen eine dichte - Unterlage von bewußten Borfähen und allem Apparate ber Geniefucht gehöre, unb der Unterſchied mag oft nur darin be: ftehen, daß das wirkliche Genie diefen Apparat nicht fehen läßt, fondern vorweg verbrennt, während das bloß vermeintliche ihn mit großem Aufwande hervorkehrt und wie ein verwitterndes Baugerüſt fteben laßt am unfertigen Tempel.
Den berüdenden Trank fdjopfte ich jedoch nicht aus einem anjprudjspo[fen und blendenden Zauberbecher, fordern aus einer befcheidenen lieblidjen Hirtenſchale; denn bei allen Redens⸗ arten war bie8 Geßnerſche Weſen durchaus einfacher und un ffulbiger Ratur und führte mid) für einmal nur mit etwas mehr Bewußtſein unter grüne Baumfcdhatten und am ftille Waldquellen.
An ber Biographie machte ich aud bie Bekanntſchaft mit bem alten Sulzer, welcher in Berlin des jungen Geßner Gönner geweſen; wie ich nun unter den Büchern einige Bände der „Zheorie ber ſchönen Künſte“ bemerkte, nahm ich fie als in mein neuentdedtes Gebiet gehörig in Beſchlag. Dies Bud) muß feiner Zeit eine gewaltige Verbreitung gefunden haben, ba man e$ fait in allen alten Bücherfchränfen findet und es auf allen Auktionen [puft und für wenig Geld erjtanben werden kann. Gleich einer jungen Katz im Grasgarten fuhr id) in
— 900 —
ber encyklopädifchen Ginridjtung des lángit obfolet gemorbenen Buches herum, alles für bare Münze nehmend und Hundert vorläufige und unverjtandene Geſichtspunkte ergreifend, und al3 der Mittag Derannabte, war mein Kopf von Gelebríamteit vollgepfropft; idj fühlte beinahe felbjt den gravitätifchen Stolz in meinen gefrüujelten. Lippen und aufgelpannten Augen unt ſchleppte ſämtliche Kunftliteratur in mein Zimmer binüber zu ber Mappe des Junker iyeliy.
Kaum nahm id) mir nad Zijdje nod) Zeit, bei ber Groß» mutter einen furzen Beſuch abzuftatten, ein Kleines Teſtamentchen mit Goldſchnitt und filbernem Schlößchen, daß fie für mid) be. ftimmt Hatte, einzuftedlen, und eilte wieder davon. Die GroB. mutter [ab mir, jo weit ihre jdjmadjen Augen reichten, etmas wehmütig nad); denn fie hatte mir die heilige Gabe mit be fonderer Liebe und Feierlichkeit einhändigen wollen. Aber id ſchwand ihr eilig aus dem Gefichte, allein begierig, meine angefadhte Kunfteinfiht an den Mann ober vielmehr an bie Bäume zu bringen.
Mit einer Mappe und Zubehör verfehen, lief id) bereits unter den grünen Hallen des Bergmaldes Din, jeden Baum betradjtenb, aber nirgends eigentlich einen Gegenftand fehend, weil ber jtolge Wald eng verihhlungen, Arm in Arm ſtand unb mir feinen feiner Söhne einzeln prei8gab; bie Sträuder und Steine, die Kräuter und Blumen, die Formen des Bodens fhmiegten und budten fi) unter den Schuß der Bäume unb verbanden fi) überall mit dem großen Ganzen, melde mir lächelnd nachſah und meiner Natlofigfeit zu fpotten ſchien. Gublid) trat ein gewaltiger Buchbaum mit reihem Stamme und prädtigem Mantel und Krone herausfordernd vor bie per» ſchränkten Reihen, wie ein König aus alter Zeit, ber den $yeinb zum Einzellampfe aufruft. Diefer Rede war in jedem Xite und jeder Laubmaffe fo feit und far, jo lebens». und gottes&