NOL
Gesammelte Werke

Chapter 16

Section 16

So gelangte ih zu der Wohnung meines Dheims, melde von dem raufdjenben Flüßchen befpült und mit großen Nuß- bäumen und einigen hohen G[djen umgeben mar; bie enter blinkten zwifchen bidjtem Aprilofen- und Weinlaube hervor, und unter einem berfelben ftand mein bider Dheim in grüner Jade, ein filbernes Waldhörnden, in meldem eine Gigarre taudjie, un. Munde unb eine Doppelflinte in der Hand. Ein Flug Zauben flatterte ängftlich über dem Haufe und drängte fid um den Schlag, mein Dheim fah mich und rief [ogleid: „Ha Ba, ba fommt unfer Neffe! das ijt gut, daß bu da bift, ſchnell Berauffpagiert!^ Dann jab er plöglih in die Höhe, ſchoß in die Luft unb ein ſchöner NRaubvogel, welcher über ben Tauben gefreijt hatte, fiel tot zu meinen Yüßen. Ich hob ihn auf unb trug ihn, durch biefen tüchtigen Empfang ange nehm begrüßt, meinem Dheim entgegen.
In der Stube fand ih ihn allein neben einer langen Tafel, die für viele SBerjonemn gebedt war. „Eben kommſt du tef!" rief er, „wir halten heute da8 Erntefeſt, gleich wird das Bolt ba fein!" Dann ſchrie er nad) feiner Frau, fie et» Ihien mit zwei mächtigen Weingefäßen, ftellte fie ab und rief: „Ei ei, was ijt das für ein Bleichſchnabel, für ein Milchge— fifi? Warte, Du follft nit mehr fort, bi& Du fo rote Baden haft, wie Dein feliger Vater! Wie geht's ber Mutter, was ift das, marum kommt fie nicht mit?" Gogleid) richtete fie mir an ber Tafel ein vorläufiges Mahl au und [dob mich,
als id) zögerte, ohne weiteres auf den Stuhl unb befahl mir, gettes 1. 14
— 178 —
ſtracks zu effen und zu trinfen. Indeſſen näherte fid) Geräuſch dem Haufe, ber hohe Garbenwagen [djmanfte unter ben Stu. bäumen beran, daß er bie unterjten Aeſte ftreifte, bie Söhne und Töchter mit einer Menge anderer Schnitter und Schnitte rinnen gingen nebenher unter Gelächter und Geſang; der Obeim, feine Flinte reinigend, [djrie ihnen zu, ich wäre ba, und bald fand ih mich mitten im fröhlichen Getümmel. Erſt fpät in ber Nacht legte ih mid) zu Bette bei offenem eniter; das Safer rau[djte dicht unter demfelben, jenſeits klapperte eine Mühle, ein majejtätifhes Gewitter zog burd) das Thal, der Regen ang wie Mufil unb der Wind in den Yorften der nahen Berge mie Gejang; und bie füble erfrifchende Luft atmend fchlief ih fo au fagen an ber Bruft der gewaltigen Natur ein.
SEEN
Adyzehntes Kapitel. Die Sippſchaft.
Am frühen Morgen, als Sonnenglanz duch das Laub» wert ind Zimmer drang, wurde idj auf eigentümliche Weife gemedt. Gin junger Gbelmarber mit zartem Pelze ſaß auf meiner Bruft, und befehnüffelte mit den feinen haſtigen Atem ftoBen feiner fpigen Fühlen Schnauze meine Naſe und huſchte ala ih bie Augen auffchlug, unter bie Bettdecke, blinzelte ba und bort hervor unb perjtedte fid) wieder. Als ich aus diefer Erſcheinung nicht Klug wurde, bradjen meine jungen Bettern aus ihrer Schlaflammer, in meldjer fie gelaufcht hatten, lachend hervor, veranlaßten das behende Tier zu den anmutigiten und poffierlichften Sprüngen und erfüllten bae Zimmer mit Fröh⸗ hájfeit. Dadurch herangelodt, drang eine Meute fhöner Hunde berein, ein zahmes Reh erjdjien. neugierig unter der Thür, eine pradjtoolle graue Kate folgte und fdjmiegte fid) durch bas Ges tummel, bie [pielenben und zutäppifhen Hunde würdevoll ab» weiſend; Tauben faßen auf dem Fenſter, Menſchen und Tiere, die eriteren faum Halb angezogen, jagten fid) durcheinander. Alle aber hielt der fluge Marder zum beiten unb [dien viel
eher mit ung zu fpielen, al8 wir mit ibm. Nun erfchien aud) 12?
— 180 —
ber Dheim mit dem raudjenben Waldhörndhen, uns eher mod) zu Unfug anfpornend, als abmebrenb; feine frifd) blühenden Töchter folgten ihm, um nad) der Urſache des Geräufches zu feben und uns zu Frühſtück und Drdnung zu rufen, mußten fi aber bald ihrer Haut wehren, da ein Krieg allgemeiner Nederei fid) gegen fie entipann, an bem fogar die Hunde teil nahmen, weldhe fi die Parole der erlaubten Ausgelafjenheit am frühen Morgen nicht zweimal geben ließen, [onbern fid) tapfer an bie Starken Sleiderfäume der jcheltenden Mädchen Dingen. Ich faß an bem offenen iyeniter und atmete die bal; famif he Morgenluft; bie gligernben Wellen des rajdjen Flüß—⸗ djen8 flimmerten wider an ber weißen Zimmerdede und ihr Nefler überjtrahlte das Angeficht jenes feltjamen Kindes Meret, deſſen altertümliches Bild an der Wand Ding. Es [djien unter bem Wechſeln des [pielenben Silberfcheines zu leben und pere mehrte den Eindrud, den alles auf midj madjte. Dicht unter bem Fenſter wurde Vieh geträntt, Kühe, Dchſen, junge Rinder, Pferde und Ziegen gingen in ber Mitte des Haren Waſſers, tranfen in bebüdjtigen Zügen und [prangen mutwillig bavon; das ganze Thal war lebendig und glänzte vor Friſche unb fein Rauſchen vermi[djte fid mit dem Gelächter in meinem Zimmer; id) fühlte mich glüdlicher als ein junger $yürjt, bei welchem glänzendes Lever gehalten wird. Endlich er[djien bie Muhme und befahl uns ohne Widerjtand zum Frühſtück.
Ich [ab mich wieder an ben langen Tiſch ver[egt, um toeldjen die zahlreihe Yamilie mit ihren Schüglingen und Tage werlern verfammelt war. Lebtere Tamen [don von mehrftün« .biger Arbeit und erholten fid) von ber eriten leichten Müde, von ber erjtatften Sonne als Morgengruß gejenbet. Alles af kräftige Haferfuppe, in welche reihlih Milch gegoflen murbe; nur am obern Ende, zwilchen Vater, Mutter unb der älteften Tochter, herrſchte die Kaffeetaffe, und ih, als Gaſt dielem
— 181 —
vornehmen Anhängfel beigefügt, jab mit Neid im bie frifche Guppenregion hinüber, wo [roblide Späße getaufcht wurden. Doh bald brad) bie Gefellídjaft wieder auf, um aur Arbeit auf bem fernen heißen Selbe ober in Scheunen und Stall fid) zu zeritreuen. Die Auszüge des Zijde8 murben in ein. ander geſchoben, daß er, eine ſchwere Maſſe glänzenden Nußbaumholzes, fill in ber geleerten Stube jtanb, bis Die Hausfrau einen mächtigen Korb Qülfenfrüdjte darauf [djüttete, um fie für bas Mittagsmahl vorzubereiten und dem heim laum für feine Hefte Raum Tieß, in welchen er ben diesjäh- rigen Ertrag feiner Felder auffchrieb, mit den früheren Jahr⸗ gängen und überdies nod) das Berhalten ber einzelnen Weder unter einander perglid. Der jüngite Sohn, etwa im meinem Alter, mußte ibm, Hinter feinem Stuhle jtehend, Bericht er- ftatten, und als er feiner Pflicht genügt hatte, forderte er mid) auf, mit ihm Binauszuftreifen und etwa mit zu arbeiten, mo e und am beiten gefiele, vorzüglich aber uns bei bem Zwifchen⸗ imbiß einzufinden, ber auf bem Felde gehalten würde und mo e$ an Scherz nicht fehle. Indeſſen erſchien aber ein Sendbote der Großmutter, bie von meiner Ankunft gehört hatte und mid) einlud, fogleid) au ihr zu fommen. Dein Vetter bot fid) mir zur Begleitung an; ich pubte mid, nicht ohne Fiererei, halb einfah ländlich, Halb Tomödiantifh heraus, unb wir gingen auf den Weg, welcher zuerjt über den Kirchhof führte, ber auf einer Heinen Höhe gelegen ijt. Dort buffele es gewaltig von taufend Blumen, eine flimmernde, ſummende Welt von Licht, $ájem und Schmetterlingen, Bienen und namenlofen Glanz- tierhen webte über den Gräbern bin unb ber. Es mar ein feines Konzert bei beleudjtetem Haufe, mogte auf und nieder, erlöfchte bis auf das gehaltene Singen eines einzelnen Infeltes, belebte fid) wieber unb fehmellte mutmillig und volltönig an; dann aog es fid) in die Dunkelheiten zurück, welche bie Jasmin
— 182 —
und Hollunderbüfche über den Grabzeichen bildeten, bis eine brummenbe Hummel den Reigen wieder ans Licht führte; bie Blumenkelche nidten. im Rhythmus vom fortmährenden Abfiten unb Auffliegen der Mufifanten. Und unter diefem zarten Ge mwebe lag das Schweigen ber Gräber unb der Jahrhunderte [eit den Tagen, mo dieſer Zweig alemannijdjen Volkes fid) Hier feftgefeßt und bie erjte Grube gegraben. Ihr Wort, Spuren ihrer Sitte und ihrer Gejege leben nod) im grünen Gau, auf den Berghöfen, in den fleinen grauen Gtein|tábten, die am den Flüſſen bangen oder an Halden lehnen. Ich empfand eine Art von Scheu, vor bie ergraute Frau zu treten, bie id) nod nie gejeben unb mir eher als eine geltorbene Borfahrin, denn als eine lebendige Großmutter er[dien. Auf engen Pfaden, unter fruchtbefchwerten Bäumen bin, um jtille Gehöfte herum gelangten wir enbfid) vor ihr Haus, welches in tief grünem [djmeigenbem Schatten lag: fie jtand unter der braunen Thür und dien, die Hand über den Augen, fid) nad) mir umaujefen. Sogleih führte fie midj in die Stube hinein und hieß mid mit fanfter Stimme mwilllommen, ging au einem blanfen zinnernen GieB[affe, welches in gebohnter Eichenholz- nijdje über einer ſchweren zinnernen Schale Ding, drehte den Hahn und lief fid) das flare Waffer über die Heinen gebräunten Hände ftrömen. Dann [jebte fie Wein und Brot auf den Tiſch, ſtand lächelnd, bi8 id) gefrunfen und gegeflen Hatte, und fegte — fid bierauf ganz nahe zu mir, da ihre Augen ſchwach waren, betrachtete mich unverwandt, während fie mad) der Mutter und unferem Grgehen fragte und bod) zuglei in Erinnerung früherer Zeit verfunfen ſchien. Auch idj fab fie aufmerfjam unb eberbietig an und behelligte fie nicht mit feinen Berichten, melde mir nicht hierher zu gehören [djienen. Sie war [djfant und fein gewachſen, frog ihres hohen Alters bemweglih unb au[merfjam, feine Städterin unb feine Bäuerin, jonbern eine
— 183 —
wohlmollende Frau; jedes Wort, das fte. ſprach, war voll Güte unb Anftand, Duldung und Liebe, von aller Schlade übler Gewohnheit gereinigt, gleihmäßig und tief. Es mar nod) ein ®eib, bei dem man begreifen fonnte, mie die Alten das verdoppelte Wergeld be8 Mannes forderten, menn e8 erjdjlagen ober beihimpft wurde.
Ihr Mann erjdien, ein diplomatifcher und gemejjener Bauer; er begrüßte mid) mit freundlicher Teilnahmlofigkeit, und nahdem er mit Einem 3Blide gefehen, daß ich eine ähnliche „Phantaftifche" Natur wie mein Vater und deshalb in ber Zufunft weder Anſprüche nod) Streitigkeiten zu befürchten feien, hieß er feine rau in ihrer Freude gewähren, gab ihr fogar gelafien zu verftehen, daß fie mich nach Gefallen bewirten dürfe, unb ging mieber feine Wege.
Sd blieb einige Stunden bei ihr, ohne baß wir viel fpraden; fie [af ftillvergnügt neben mir unb fchlief endlich lähelnd ein. Ueber ihre gefchloffenen Augen ging eine leife Bewegung wie das Wallen eine8 Borhanges, hinter welchem etwas vorgeht, man ahnte, daß fid) dort Bilder in zartem, verjährtem Sonnenſcheine zeigten und die freundlichen Lippen verfündeten e8 in [djmadjen Otegungen. Als ich mid) erhob, um bebutjam fortzugehen, ermadjte fie fogleih, hielt midj an und betrachtete mich fremd; wie in ihrer Perfon ba8 meinem Dajein Borhergegangene groß und unvermittelt vor mir jtanb, modte ich ala bie Fortſetzung ihres Lebens, als ihre Zukunft dunkel und rätfelhaft vor ihr ſtehen, ba meine Tracht wie meine Sprade von allem abmidj, worin fie fid) leben8lang bemegt batte. Sie ſchritt gebanfenpoll in bie Nebenfammer, mo fie in einem hohen Schranke einen Borrat neuer Sleinig- feiten aufbewahrte, die fie von fahrenden Krämern zu Taufen pflegte, um fie gelegentfid an das junge Volk zu verſchenken. Statt eines mächtigen Tafchentuches ergriff fie, ihres blöden
— 184 —
Geſichts wegen, eim feines. rotjeibene8 Halstuch, wie e8 Sanb- mübdjen tragen, und gab mir e8, mod) in das gleidje Papier gewidelt, in bem fie e8 gefauft. Ich mußte ihr verfpredhen, jeden Tag zu fonmen und näditens einmal dort zu fpeifen.
Mein Better hatte fid) längſt entfernt und ich fudjte allein meinen Heimweg, das rote Tüchelden in ber Zajde. Bei einem Haufe porbeigebenb, bemerkte ich einige derbe Kinder, welche wie der Blitz Hineinliefen und dort lärmend etwas riefen. Eine rau fam heraus, holte mid) ein, fündigte fi) als Baſe an und fragte, ob id) denn nichts von ihr und ihrer Familie mijje? Ih bejabte die Frage, indem id) mid) ent[djulbigte, fie nidt gefannt zu haben. Sie nötigte mid) nun in das Haus, mo e$ von frifhhgebadenem Brote buftete und eine lange Treppe von unten bi8 oben mit großen vieredigen und runden Kuchen Bebedt mar, auf jeder Staffel einer, um zu verfühlen. Während diefe Bafe, ein ríüjfige8 Weib im voller Blüte ber Arbeitsluft und Kraft, Tchnell ihre Haare zurüditrid und eine Schürze umband, hockten die Kinder alle Hinter bem beißen Dfen und gudten (deu, bod) fidjernb hervor. Weine neue Gönnerin verfündigte, daß id) gerade zu einer guten Stunde gefommen fei, da fie Beute gebaden hätte; zerfchnitt fogleih einen großen Kuchen in vier Stüde unb jegte Wein dazu, um bann ben Tiih für bas Mittagsmahl zu beden. Diefes Haus Hatte nicht den patriardhalifhen Anftrih, wie dasjenige der Großmutter; man jab feime Geräte von tuf. baum, fondern nur von Zannenbol; die Wände marem mod von frifcher Holgfarbe, bie Ziegel auf dem Dache bellrot, wie da8 zu Tage tretende Gebälfe, und vor dem Haufe menig ober fein Baumfchatten; bie Sonne lag heiß auf bem meiten Gemüfegarten, in weldem nur ein beſcheidenes Blumenrevier verfündete, daß bieje Haushaltung einen jungen Wohlitand zu begründen im Begriffe und vor der Hand an ben projaijdjen
— 185 —
Augen gewiejen fe. Run fam ber Mann vom ($yelbe mit dem älteften Knaben, beforgte, pbgleid) er vernabm, baf id) in ber Stube fei, erit feine Dchſen und Kühe, mujdj fid am Brunnen gemüdjid) die Hände und trat bann, diefelben mir reihend, feft und rubig herein, ſogleich nadjjebenb, ob feine Sram mid) gehörig bewirte. Dabei zeigten bie Leute Feinerlei Sieretei, als ob ihre Gaben zu gering wären; denn ber Bauer üt der einzige, toeldjer nur fein Brot als das beite erachtet und e8 als folches jedermann anbietet. Seine Lederbifien find bie Erftlinge jeder Frucht; bie neue Kartoffel, bie erjte Birne, bie Kirfhen und die Pflaumen gehen ihm über alles unb er fdjágt fie fo hoch, daß er wunder glaubt was zu ge winnen, wenn er von fremden Bäumen im Borübergehen eine Handvoll erhaſchen fann, während er an ben bunten Sedereien der Städte gleihgültig vorübergebt. Diefe llebergeugung, daß er ba8 befte unb gefundeite biete, geht auf ben Gaft über, welcher fij alsbald einer früftigen Eßluſt Dingiebt, ohne fie zu bereuen. Darum ſaß ich ſchmächtiges „Vetterlein“ wieder tapfer ſchmauſend Hinter dem Tiſche, obgleih ich heute ſchon ein Erfledliches gethan Hatte. Mit Wohlwollen überhäuften mid bie Verwandten und betrachteten mich, mie jeden Städter, der nicht eim Zinsherr ijf, als einen Hungerfähluder. Sie führten ein Iebhaftes Geſpräch über unfer Gdjidjal und bes fragten mich des Genaueften nach allen unferen Umftänden. Sadbem idj nod) den Stall befehen und in der Scheune jeder Kuh eine Gabel voll Klee hinübergeſchoben, perab[djiebete ih mid; bie Safe ließ es fid) aber nicht nehmen, mid) ein Otüd Weges zu begleiten, um mich [djnell noch einer anderen Safe vorzuftellen, wo idj mid) nicht lange aufzuhalten brauche für bieje8 Mal. IH fand eine freunblide Matrone, nicht ganz von bem edlen unb feinen Wefen meiner Großmutter, aber bod anftändig und wohlwollend. Sie wohnte allein mit
— 186 —
einer Tochter, welche früher, einer häufigen Sitte gemäß, zwei Sabre in der Stadt gedient, dann einen vermögliden Bauern geheiratet hatte und nad) defien baldigem Tode nun als Witwe lebte. Kaum zwei und zwanzig Sabre alt, war fie von hohem unb feſtem Wuchfe, ihr Gefidjt Hatte den ausgeprägten Typus unſeres Gefchlechtes, aber burd) eine ungewöhnlide Schönheit verflärt; befonders bie großen braunen Augen und ber Mund mit dem vollen runden Kinn machten augenblidlidhen Eindrud. Dazu ſchmückte fie ein ſchweres dunkles, faft nicht zu bewälti⸗ gendes Haar. Sie galt für eine Art Lorelei, ob[djon fie Sudith hieß, aud) niemand etwas Beitimmtes oder SRadjteiliges von ihr wußte Dies Weib trat nun herein, vom Garten fommenb, etwas zurüdgebogen, ba fie in ber Schürze eine Sajt friih gepflüdter Ernteäpfel und darüber eine Maſſe ge brodjner Blumen trug. Dies [djüttete fie alles auf ben Tiſch, wie eine reigende Bomona, daß ein Gerirre von Yorm, Yarbe und Duft fid auf der blanfen Tafel verbreitete. Dann grüßte fie mich mit ſtädtiſchem Accente, indeifen fie aus dem Schatten eines breiten Strohhutes neugierig auf mid) herabſah, fagte, fie hätte Durſt, holte ein Beden mit Milch herbei, füllte eine Schale davon und bot fie mir an; ich wollte fie ausfchlagen, ba id ſchon genug genoffen hatte, allein fie fagte I[adjenb: „Trinkt doch!" unb machte Anftalt, mir bas Gefäß am den Mund zu halten. Daher nahm idj e8 und fchlürfte nun ben marmorweißen und Fühlen Trank mit Einem Zuge Dimunter unb mit demfelben ein unbefchreibliches SBebagen, wobei ich fie ganz ruhevoll anſah und fo ihrer jto[gen Ruhe das leid; gemidjt biet. Wäre fie ein Mädchen von meinem Alter ge weſen, fo hätte id) ohne Zweifel meine Unbefangenheit nidt bewahrt. Doch war dies alles nur ein Augenblid und als ih mir darauf mit den Blumen zu ſchaffen madjte, zwang fie fogleih einen großen Strauß von Stojen, SRelfen und ftark
— 1801 —
duftenden Kräutern zufammen und (tedte mir denjelben mie ein Almofen in die Hand; das alte Mütterhen füllte meine Zajdjen mit Aepfeln, daß ich nun, mit Gaben förmlich beladen, ohne Widerrede gedemütigt von dannen zog, von fämtlidhen Orauen zu fleißigem Beſuche bei ihnen, wie bei den mod) übrigen Berwandten, aufgefordert.
ER
Wenn;ebntes Kapitel.
Menes. Leben.
Es war {don tiefer Nachmittag, als id) enblid) das Haus meıned Dheims wieder fand und zwar verihloffen, weil alle Bewohner ins Freie gegangen; bod) wußte ich, bap id) burd Scheune und Stall ein Schlupflohd finden würde. In ber Scheune |prang mir das Reh entgegen und [djoB fid mir unverweilt an; im Stalle fahen fid) bie Kühe nad mir um, und ein lediges Rind tappte halbwegs auf mid) zu und machte Anftalt, einen vertrauliden Sat gegen mid) zu nehmen, daß id mid furdtfam in den nüádjten Raum jaloierte, der ganz mit Ackergerätſchaften und Holzgerümpel angefüllt mar. Aus dem dunklen Wirrfal hervor ſchoß mit vergnüglidjem Murren der Marder, meídjer fid) bier einjam gelangweilt batte, und faB mir im Augenblide auf bem Kopfe, mir mit dem Schwanz um bie Baden ſchlagend und vor Freude tollen Unfinn freie bend, daß ih laut lachen mußte So gelangte idj mit meiner Gejelljdjaft in den helleren, bewohnten Theil des Haufes unb fand endlich die Wohnſtube, mo ih meine Bürde von Blumen, Srühten und Tieren abmarf. Auf dem Tiſche ftand mit Kreide geichrieben, mo ich zu eifen finden würde, im alle id)
— 19 —
Luft hätte, nebſt allerlei beigefügten Wien des jungen Volles; aber id) 309 vor, mir das Geburtshaus meiner Mutter nun gemádjlid) anzufehen.
Der Dheim hatte [don [feit einigen Jahren dem geijt- [jen Stande entjagt, um fid) ganz feinen Neigungen hinzu⸗ geben. Da die Gemeinde ohnehin willens war ein neues Pfarrhaus zu bauen, faufte ber Dheim dazumal das alte Pfarrhaus von ihr, welches ur[prünglid) eigentlich der Landfit eine Herren gewejen war und daher fteinerne Treppen mit Gijengelánbern, in Gips gearbeitete Plafonds, einen Saal mit einem Kamine, viele Zimmer und Räume und überall eine Unzahl fajt [djmarger Delgemälde enthielt. In biejes Weſen binein batte ber Dheim, unter ba8 gleihe Dad), feine Land» wirtihaft gejdjoben, indem er einen Zeil der Wohnung her» ausgebrohen, daß fid) beide Elemente, das junferbafte unb ba$ bäuerlihe, verihmolzen unb durch wunderlihe Thüren und Durchgänge verbanden. Aus einem mit Jagden bemalten unb mit alten tbeologijden Werken verfehenen Zimmer [af man fij, wenn man eine Tapetenthür öffnete, plöblih auf den Heuboden verfegi. Inter dem Sad fand ich eine Kleine SRan(arbe, deren Wände mit alten Hirſchfängern und Galan⸗ teriedegen, fowie mit unbraudbarem Schießgewehr bebedit waren; eine lange fpanifche Klinge mit trefflid). gearbeitetem ftähleruen Griffe war ein Prachtſtück und mochte (don feltfame Zage gefeben haben. Ein paar Folianten lagen beitäubt in ber Ede; in ber Mitte des Zimmers jtand ein mit Leder bes zogener zerfehter Lehnſtuhl, fo daß nur der Don Duirote fehlte, um das Ganze zu einem Bilde zu madjen. Uebrigens feßte ich mich behaglich Dineim und badjte an ben guten Herrn, befien Geſchichte ich einft aus dem Franzöſiſchen bes Mr. Florian überjegt hatte. Sch hörte ein feltfames Geräufh, Gurren und Krabbeln an der Wand, ſchlug einen bölgernen Schieber