Chapter 15
Section 15
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unb au[fadjte; bie vorbebadjten Worte perbrebten fih mir auf ber Zunge und anjtatt meine Pflicht zu thun, verriet id) ihn und mein beffereg Selbit, indem ich das geitrige Abenteuer auf eine Weife vortrug, die der gegenwärtigen Stimmung volllommen ent[pradj unb diefelbe erhöhte! |
Nah feiner Entfernung wurde e$ jt[ unter uns; Die gürmbebür[ffigen und Schlimmgelinnten wandten ſich unbehag- fid Hin und ber, zehrten von ber Erinnerung und fonmten fid nicht auredjtfinben. Eines Abends, nah bem Schluffe des — Unterridts, ging id) rubig meiner Wege und näherte mid | meiner Wohnung, als ich rufen hörte: Grüner Heinrih! Dier- ber! Sd) febrie mid) um und erblidte in einer anderen Straße eine anfehnlide Schar Schüler, meld durcheinandertrieben, wie ein Ameifenhaufen, und febr geichäftig jdjienen. Sch er. reichte fie, man teilte mir mit, ba& man in Gefamtheit bem verabfchiedeten Lehrer nod einen Befuh abitatten und ein rechtes Schlußvergrrügen veranftalten wolle, und forderte mid) auf, teil zu nehmen. Der Plan wollte mir gar nidjt ein- leuchten, ic) lehnte fura ab und ging weg. Jedoch bie Neugier drehte mich, daß id) von ferne nadjaog unb fehen wollte, wie e3 abliefe. Der Haufen bewegte fid) vorwärts; andere Schulen, deren 3Bejtanbteile um diefe Zeit alle in den Gaflen wimmelten, wurden angemotben, daß bald ein Zug von Hundert Jungen aller Art fid) fortwälztee Die Bürger ftanden unter ben Thüren unb betrachteten mit SBermunberung das Thun, id hörte einen fagen: „Was mögen bie Teufelsbuben nur wieder vorhaben? Die find bei Gott faft fo munter, ala mi gemejen find!" Diefe Worte Hangen in meinen Ohren mie Kriegsdrommeten, meine Füße wurden lebendiger und ſchon trat id) dem legten Manne be8 Zuges auf bie $yerfem. Es war ein unfägliches Vergnügen in der Menge, hervorgerufen burdj ba8 improvifierte Beifammenfein aus eigener Madhtvoll-
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lommenbeit. Ich wurde immer wärmer, fdjob mich vorwärts unb fab mich plöglich bei der Gpige angelangt, wo bie hohen Hänpter gingen und mid) begrüßten. „Der grüne Heinrich it doch noch gefommen!" Bieb e8, ber Name erfchallte längs de3 ganzen Zuges und vermehrte den Stoff zu Geräuſch unb fpielerifcher Freude. Mir fdjmebten fogleid) gelejene Volksbe⸗ megungen und Revolutionzfcenen por. „Wir müjjen una in gleihmäßigere Glieder abteifen," fagte idj zu den Rädelsfüh- tern, „und in ernjtem Zuge ein Baterlandslied fingen!" Diefer Vorſchlag wurde beliebt und [ogleid) ausgeführt; fo durdhgogen wir mehrere Straßen, die Leute jaben uns mit Staunen nad); if [flug vor, nod) einen Ummeg zu maden und dies Ver- gnügen jo lange als möglich andauern zu laſſen. Auch dies geihah, allein zulegt Iangten wir bodj am Ziele an. „Was wollen mir nun eigentlich beginnen?" fragte ich, „ich büdjte, wir fangen bier ein Lied und zögen dann wieder mit einem Hurra davon!” „Ins Haus, ins Haus!” tönte e8 zur Ant- wort, „wir wollen ibm eine SDanfrebe für fein Wirken ab. ſtatten!“ „So follen wenigſtens alle für einen jteben und feiner davon laufen, damit alle die gleihe Strafe tragen, wenn es etwas abſetzt!“ rief ich, worauf der ganze Schwarm in das Heine enge Haus einftrömte und die Treppen hinan⸗ tobt. Ich blieb an der Hausthüre ftehen, um die vorzeitige Flucht einzelner Mitfchuldiger zu verhindern. G8 tönte ein furdtbarer Lärm im Innern, die Knaben waren ganz beraujdjt von ihrer eigenen Aufregung; der Gefuchte lag Trank in einem verihloffenen Zimmer, die Grauen fuchten erſchrocken die übri- gen Thüren zu verfchließen und fahen ſich aus den Fenſtern nad Hilfe um. Doch jdjümten fie fid) zu rufen; die Nachbarn wußten nicht, mas alles zu bedeuten hätte, und jaben höchſt verwundert zu; id) blieb mit nichts weniger als heiteren Ge: banfen auf meinem Poſten. Das Haus war von unten bis
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oben ange[üllt, bie Lärmenden er[djienen. unter den SDadjlufen, warfen alte Körbe Heraus und ſtiegen fogar auf das Sad, bie Luft mit ihrem Gefchrei erfüllend. Ein altes Weib Drad) endlich beherzt au8 einem Sümmerden bervor und trieb den ganzen Schwarm mit einem Beſen allmáblig aus bem Haufe.
Dies Attentat war denn bod) zu auffällig gemejen, als daß bie oberen Behörden länger hätten zufehen fünnen. Sie verlangten eine jtrenge Unterfuhung. Wir wurden in einem Saale verfammelt und einzeln aufgerufen, um vor ein Tribunal zu treten, welches in einer Stebenjtube ſaß. Das Berhör dauerte einige Stunden, die Zurückkehrenden gingen jogleid) weg, ohne Bericht zu geben; zwei Dritteile der SBer[ammelten waren [don fort und nod) wurde ich nicht aufgerufen: dagegen bemerkte ih, daß aulegt alle, welde aus der Berbörftube famen, mid) anfahen, ehe fie weggingen. Aulebt hieß e8, der ganze Reit folle hereinfommen mit Ausnahme be8 grünen Heinrid).
Endlih fam die 9teibe an mid); ber legte Zrupp erfchien wieder und hieß midj bineingeben. Ih wollte fragen, was denn vorginge, erhielt aber feine Antwort; vielmehr fputeten fie fid) ängjtlih von binnen. So trat id) in die Nebenſtube, halb von Neugierde vorwärtd gedrängt, halb von jener be flemmenben Furcht zurüdgehalten, meldje bie Jugend vor ben Alten empfindet, menn fie in ihnen an Berjtand überlegene und al[mádjtige Velen porausfept. G8 faßen zwei Herren am oberen Ende eines langen Tiſches, an deilen Fuß idj [tanb, einige Stüde Papier unb ein Schreibzeug vor fid. Der eine war der nüdjie Vorjteher der Schule, der auch ſelbſt Unter» richt erteilte und mich fannte, der andere ein höherer gelehrter Herr, meldjer wenig fagte. Zu jenem jtand id) in einem eigen» timlidjen Verhältniffe; er mar ein gemütlicher Bolton, gem viele Worte madenb und froh, menn ein Schüler durd) bes
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[deibene Widerrede ihm Gelegenheit gab, fid) gründlich über ein Yaltum zu verbreiten. Im Unfange hatte er mir wohl⸗ gewollt, ba id) gerade bei ibm mid) ziemlih gut aufführte; aber meine Eigenfhaft, ben Borwürfen, Ermahnungen und Strafen bei vorfommenden Yällen ein unwandelbares Schweigen entgegenzufeßen, batte mir feine Abneigung zugezogen. Das ängſtliche Leugnen, die Zungengeläufigfeit, Strafe von fid) ab» zuwenden, das hartnädiye Yeillden um diefelbe waren mir unmöglid; glaubte ich eine joldje verdient zu haben, fo nahm ich fie ſchweigend Bin; ſchien fie mir zu ungerecht, fo ſchwieg id ebenfalls, und nit aus Troß, fondern ih lachte innerlid ganz frohmütig darüber unb dachte, ber Richter hätte bas Pulver audj nidjt erfunden. Darum hielt mid) ber Herr für einen unbraudjbaren, bebenfliden Burfhen und fuhr mid nun mit brobenber Miene an: „Haft bu an dem Skandale teil genommen? Schmeig! leugne nicht, e8 wird nichts helfen!“ Sch bradjte ein leifes Ya hervor, der weiteren Dinge gemwärtig. Doch wie um mid) in feinen Augen, da ihm einmal zur Wedung guter Laune durhaus ein grünblidjer Wortwechfel nötig war, nod) zu retten, that er, al8 ob er ein Rein vernommen hätte und fhrie: „Wie, was? Heraus mit der Wahrheit!" „Ja!“ wiederholte ich etwas lauter. „Gut, gut, gut!” fagte er, „bu wirft gewiß noch einen finden, ber bir gemadjjen ijt, einen Stein, ber eine Beule in deine eiferne Stirne fchlägt!" Diele orte beleidigten mich und thaten mir weh; denn fie ſchienen nidt nur eine arge Verkennung zu enthalten, fondern aud) eine ungehörige Borausfagung der Zukunft, eine perfönliche Sitter» teit zu fein. Er fuhr fort: „Haft du auf dem Wege vorge fhlagen, einen fürmliden Zug zu ordnen und ein Lied zu fingen?” Diefe Frage machte mid) jtugen; meine Genojjen hatten alfo midj verraten und deshalb ohne Zmeifel fid) rein gewafchen; ich ſchwankte, ob ich nicht leugnen könne, aber es
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lam mieder ein 3a hervor. „Halt bu am Haufe erflärt, ba feiner ſich zurüdziehen dürfe und diefer Erklärung burdj Be wahung der Thür Folge gegeben?" Das bejabte ih unbebenl lid, ba e8 mir weder eine Schande, nod) ein befonderes Ber- gehen zu fein [djien. Dieſe beiden Momente, aus ben erjten Fragen an die Mitfehuldigen [djon zu Tage getreten, [djienen dem Herrn auf ben Haupturheber hinzudeuten; fie ragten aud wohl am faßbarften aus al’ dem mwirren Treiben hervor und er hatte allein auf fie Din verhört. Jeder bejahte regelmäßig bie Frage banadj und war froh, nicht über fid) felbjt ſprechen zu müſſen.
Ich wurde enilajjen und ging etwas bewegt, bod) ge mächlich nah Haufe; das Ganze [djien mir nicht febr würdig zu verlaufen. Zwar fühlte ich eine tiefe Reue, aber nur gegen ben mißhandelten Lehrer. Zu Haufe erzählte ich der Mutter den ganzen Vorgang, worauf fie mir eben eine Strafrede halten wollten, ala ein Amtsdiener hereintrat mit einem großen Briefe. Diefer enthielt bte SRadjridjt, daß id von Stund an und für immer von bem Beſuche ber Schule ausgeſchloſſen fet. Das Gefühl des Unmillens und erlittener Ungerechtigkeit, welches fid fogleih in mir äußerte, war fo überzeugend, daß meine Mutter nicht länger bei meiner Schuld verweilte, fondern fid) ihren eigenen befümmerten Gefühlen überließ, da ber große und allmádjfige Staat einer Hilflofen Witwe das einzige Kind vor bie Thüre geitellt Hatte mit den Worten: Es ijt nicht zu brauchen!
Wenn über die Rechtmäßigkeit der Todesitrafe ein tiefer und anhaltender Streit obmaltet, jo fann man füglid) bie Stage, ob der Staat das 9tedjt hat, ein Kind oder einen jungen Menſchen, die gerade nicht tobjüdjtig find, von feinem Gr. ziehungsſyſteme auszufchließen, zugleich mit in den Kauf nehmen. Gemäß jenem Vorgange wird man mir, wenn id im fpäteren
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Leben in eine ähnliche ernjtere Berwidelung gerate, bei gleichen Berhältnifjen und Richtern mabridjeinlid) den Kopf abfchneiden; denn ein Kind von ber allgemeinen Erziehung ausfchließen, heißt nidjt8 anderes, als feine innere Entwidelung, fein geiltiges Leben fopfen. Sn der That Haben aud häufig die öffentlichen Bewegungen ber Crmadjfenen, von welden [olde Kinderauf- läufe ein Abbild genannt werben Tönnen, mit Enthauptungen geendet.
Der Staat Bat nicht danach zu fragen, ob die Bedingungen zu einer weiteren Brivatausbildung vorhanden feien, oder ob iro feines Aufgebens das Leben den Aufgegebenen bod) nicht fallen Iajfe, fondern mandmal nod) etwas Rechtes aus ihm made: er bat fih nur an feine Pflicht zu erinnern, bie Er- ziehung jedes feiner Kinder zu überwachen und weiter zu führen. Auch iff am Ende diefe Erfcheinung weniger wichtig in Bezug auf dad Schidfal folder Ausgeſchloſſenen, als daß fie ben munben $yfed audj der beiten unferer Einrichtungen bezeichnet, die Zrägheit nämlid und Bequemlichkeit der mit diejen Dingen Beauftragten, welche fid) für Erzieher aus⸗ geben.
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7 a) (ya Y J v Ale RE SON hd Jor E A IMS
Stebzehntes Kapitel. Elucht me Mutter Matur.
Der Summer unb bie Niedergefchlagenheit meinerfeits waren nicht allzugroß; id) batte bem Lehrer des Franzöſiſchen einige Bücher zurüdguitellen, da er mir mit Wohlwollen ehr- würdige Sranzbände franzöfifher Klaffiter zu leihen pflegte. Auch führte er mid einigemale in einer großen Bibliothel umher, mir refpeftvolle Vorbegriffe vom Bücherweſen bei» bringend. Als ih zu ihm lam, drüdte er mir fein Bedauern über da8 Geichehene aus und gab mir zu verjtehen, wie id) e8 nicht allzuhoch aufzunehmen hätte, da feines Wiſſens Die Mehrzahl der Lehrer, gleih ibm, nicht unzufrieden mit mir wären. Ferner [ub er mid) ein, ihn zu befudhen und feinen Nat zu holen, wenn ich Luft hätte, das Franzöſiſche meiter zu betreiben. Ich fab ihn zwar nicht wieder im Wechſel der Zeit, aber feine Worte gaben mir eine gemwilfe Genugthuung, daß ih mid) nun frei fühlte, mie der Vogel in ber Quft, zumal ich die Bedeutung des Augenblides und die Wichtigkeit der Sufunft nicht zu überleben vermochte.
Meine Mutter hingegen befand fid) in großer Bedrängnis; fie fonnte beitimmt annehmen, daß ber Vater meine Schulbil-
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dung jebt noch nicht abgefchlofien haben würde, wenn er nod) lebte, und bod) jab fie bei ihren beſchränkten Mitteln feine Möglichkeit, mir Privatlehrer zu Halten oder mid auf eine auswärtige Schule zu fdjiden, nod) fonnte fie fid) den Beruf benfen, meldjen id) nun am beften ergriffe, da gerade für eine einſichtsvollere Selbjtbeitimmung der ermeiterte Gefichtöfreis ber num verfchloffenen höheren Klaſſen hätte Gelegenheit bieten folen. Meine häusliche Beichäftigung Hatte in letzter Zeit beinahe ausjdjfieBlid) im Zeichnen und Malen beftanden, und qud in biefer Hinficht befand ich mid) in einem fonderbaren Verhältnis zur Schule. Dort galt idj für nichts weniger, al8 für einen talentvollen Zeichner. Monate lang Flebte ber gleiche Bogen auf meinem Reißbrette; ich quälte mich verdrofien ab, einen Tolofjalen Kopf ober ein Drnament mit dem mageren Dleiltifte zu fopieren; Dubende von Linien wurben ausgelöfcht, bi3 die richtige ftehen blieb, bas Papier wurde beſchmutzt und durchgerieben und verkündete einen faulen und verdrießlichen Zeihner. Sobald ih aber nah Haufe fam, warf id) biefe Schulkunſt beifeite unb machte mid) mit eifrigem Fleiße Hinter meine Hausfunft. Nah jenem erften Verfuche, eine gemalte flanb[djaft zu Topieren, hatte ich fortgefahren, dergleichen Gebilde in Bafferfarben hervorzubringen; ba idj nun aber meiter feine Vorbilder befaß, mußte ich fie auf eigene Fauſt ins Leben rufen und that biefe8 mit anhaltendem Fleiße. Der gemalte Dfen unferer Stube enthielt eine Menge Kleiner Landſchafts⸗ motive, eine Burg, eine Brüde, einige Säulen an einem Gee und joldje8 mehr; ein altes Stammbudh ber Mutter, [omie eine Heine Bibliothek verjährter Samenfalenber aus ihrer Jugend bargen einen Schak fentimentaler Landſchaftsbilder, dem Igrifchen Zerte ent[predjenb, mit Tempeln, Altären und Schmänen auf Zeihen, mit Liebespaaren in Kähnen fiend und dunklen Dainen, deren Bäume mir unpergleidjlid) geitod)en idjienem. Aus allem
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biefem zufammen bildete fid) eine höchſt unjdjulbige unb fozu- jagen elementare Poeſie, welche meinem eifrigen Machen zu Grunde lag unb mid) während bdesfelben beglüdte. Ich erfand eigene Landihaften, worin ich alle poetiſchen Motive reichlich zufammenhäufte, und ging von diefen auf foldde über, in denen ein einzelnes vorherrfchte, zu welchem ich immer den gleihen Wanderer in Beziehung bradjte, mit welchem ich Halb bewußt mein eigenes Weſen ausdrüdte. Denn nad) bem immer: mwährenden Mißlingen meines Zufammentreffens mit ber übrigen Welt Hatte eine ungebührlihe Selbitbefhauung und Eigenliebe angefangen, mich zu befchleihen; ich fühlte ein weichliches Mitleid mit mir felbjt und liebte es, meine Berfon ſymboliſch in die intereffanten ‚Scenen zu perjegen, welde idj erfand. Diefe Yigur, in einem grünen romantifch gefchnittenen Kleide, eine Neifetafhe auf dem Rüden, ftarrte in Mbendröten und Regenbogen, ging auf Kirhhöfen ober im Walde, oder wandelte aud) wohl in glüdjefigen Gärten voll Blumen unb bunter Bögel. Das Machwerk an der betrádjtlidjen Sammlung foldher Bilder, welche fid) bereit angehäuft Hatte, blieb immer auf bem nümliden Standpunkte günglider Erfahrungs- und Unter rihtslofigkeit; nur eine gewiſſe Kedheit und Fertigkeit im tuf; tragen ber grellen Farben, melde ih durd die unabläffige Uebung erwarb, verbunden mit ber füfnen Abfiht meiner Unternehmungen überhaupt, unterjdjieb mein Treiben einiger- maßen von fonjtigen Inabenhaften Spielen mit Bleiftift unb Farbe unb mode meinen vorläufigen Ausſpruch, daß ich ein Maler werden wolle, veranlaffen. Doc wurde jet nicht näher Darauf eingegangen, fondern bejtimmt, daß id) einige Zeit in dem ländlihen Pfarrhaufe bei dem Bruder der Mutter au. bringen follte, um über die nüdjjten Monate meines Ungemades auf gute Weiſe Dintoegaufommen, indeffen eine tauglide Zukunft für mid) ermittelt würde.
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Das Heimatdorf lag in einem äußerftien Winkel des Landes; id) war nod) nie dort geweien, jo mie aud) bie Mutter jet manden Jahren e8 nicht mehr beſucht Hatte und bie dortigen Verwandten, mit feltenen Ausnahmen, nie in ber Stadt er[djienen. Nur ber Dheim Pfarrer fam jedes Jahr einmal auf feinem Slepper geritten, um an einer Slirchenver- fammlung teil zu nehmen, und fdjieb immer mit corbialen Einladungen, enblidj einmal Dinausaumanbern. Er erfreute fió eines halben Dutzends Söhne und Töchter, welche mir nodj fo unbefannt waren, mie ihre Mutter, meine rüftige Muhme und geitlihe Bäuerin. Außerdem lebten dort zahl- reihe Verwandte des Vaters, vor allen audj feine leibliche Mutter, eine Bodjbejabrte Grau, welche, ſchon längit an einen zweiten, reichen und finitern Mann verheiratet, unter bejjen harter Herrihaft in tiefer Surüdgegogenbeit Iebte und nur ſelten mit ben Hinterlaffenen ihres frühgeltorbenen Sohnes einen jebn[üdjtigen Gruß aus ber Ferne medj[elte. Das Voll lebte nodj in ber ftillen Einſchränkung und Entſagung per. gangener Zahrhunderte, wo Dejonber8 bie Frauen, menn fie einmal durch einige Meilen getrennt marem, einander nidjt wieder, ober nur bei feltenen, hochwichtigen Greignijjen fahen, bei weldhen e3 alsdann wahrhaft epijdj herging und Thränen ber Rührung unb [djmerglider ober froher Erinnerung ihren Augen entfloffen, während die Männer wohl fif vom Drte be. wegten, aber in ernftem Gefchäftsfinne an ben. Thüren Balb. verſchollener Berwandter vorübergingen, wenn fie feinen Nat zu bringen ober zu holen Hatten. Set ijf das Volk wieder lebendiger geworden; burd) bie erleichterten Verkehrsmittel, duch das wieder erjtanbene öffentlihe Leben und zahlreiche Bollafeite veranlaßt, bewegt es fid) fróblid von ber Stelle und macht damit zugleich feinen Geijt wieder jung und [rudj- bar, unb nur beſchränkte Eiferer predigen noch gegen bie
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feftlihe Wanderluft berer, bie ben Pflug führen, und ihrer Kinder.
Meine Mutter befahl mir, insbefondere der einfamen überlebenden Großmutter fo viele Zeit al8 möglid zu widmen und in Gbrerbietung und Liebe bei ihr auszubarren, fo lange e8 ihr gefiele, mid) um fid zu haben und von meinem Vater, ihrem Sohne, zu reden.
So madjte id) mid) eines Morgen? vor Sonnenaufgang auf die Füße und trat bem weiteiten Weg an, den id) bis dahin unternommen Hatte. Sch genoB zum erjtenmale das Morgengrauen im Freien und fab die Sonne über nadjtfeudjten Waldkämmen aufgehen. Ich wanderte den ganzen Tag, ohne müde zu werden, fam burdj viele Dörfer und war mieber ftundenlang allein in gedehnten Waldungen oder auf freien heißen Höhen, mid) oft perirrenb, aber die verlorene Zeit nicht bereuenb, weil ich fortwährend in meinen Gedanken be[djajtigt war und zum erjtenmal, durdy mein jtilles Wandern bemest, von der ernten Betrachtung des Schickſals und der Zukunft erfült wurde Kornblumen und roter Mohn und in den Wäldern bunte Pilze begleiteten mid) längs der ganzen Straße; mwunderfhöne Wolken bildeten fidj unabläffig und zogen am tiefen ftillen Himmel dahin; ich ging immer zu, indeilen mid) das felbitgefällige Mitleid mit mir felbjt, welches mir die Welt au[gebrüngt Hatte, wieber überfam, bis id) gegen alle Ge wohnheit bitterlid) mweinte Ich mußte mid vor Betrübnis nicht zu lajjen unb faß am einer fchattigen Quelle nieder, immer ſchluchzend, bis id) mid) ſchämte, mein Geſicht mujd unb über mid) felbit erbojt den 9Siejt des Weges gurüdlegte. €nblid fah ih das Dorf zu meinen Füßen liegen in einem grünen Wiejenthale, meldes von ben Srümmungen eines leuchtenden Kleinen $ylujje8 durchzogen und von belaubten Bergen umgeben war. Die Abendfonne lag warm auf dem
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Thale, bie Kamine raudten freundlich, einzelne Rufe flangen berüber. Bald befand ich mich bei den erjten Häufern, id fragte nach dem Pfarrhofe, und die Leute, melde an meinen Augen und meiner Rafe erkannten, daß ich zu dem Gefchlechte ber Lee gehöre, fragten mich, ob ich vielleicht ein Sohn des veritorbenen Baumeiſters fei?
