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Gesammelte Werke

Chapter 14

Section 14

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Unfreundlichfeit fühlen, jo daß ich mehr als einem herzlich augetban wurde, den ich vorher faum beadjtet hatte. Zuletzt blieb Meierlein ziemlih allein mit feinem Grolle, ber aber baburd) nur Beffiger und wilder wurde, fo mie audj in mir jedes Borgefühl einer Verföhnung erftard. Wenn mir ung begegneten, fo ſuchte id) wegzubliden unb ging ftumm vorüber; er aber rief mir laut ein giftiges und töbliches Wort zu, wenn wir allein in der Gegend ober nur fremde Menfchen zugegen; waren mir aber nicht allein, fo murmelte er basjelbe Ieije vor fid) bin, daß nur idj es Hören fonnte. Ich Haßte ihn num wohl [o bitter, al8 er mid) haſſen konnte; aber id) mid) ibm aus unb fürdjtele ben Augenblid, mo es einmal zur Ab- redjnung käme. Go ging e8 ein volles Jahr lang und ber Herbit war wieder gefommen, mo eine große militärifhe Schlußübung ftattfinden follte.e Wir freuten uns immer auf diefen Tag, weil mir ba nad Herzensluft jchießen durften. Aber für mid) waren alle gemeinjamen Freuden trüb und falt geworden, ba mein Yeind zugleid teil nahm und öfter in meine Nähe ge rie. Diesmal wurde unfere Schar in zwei Hälften geteilt, von denen bie eine den waldigen und fteilen Gipfel einer An- höhe beſetzen, die andere aber ben Fluß überfchreiten, den Hügel umgeben und einnehmen folltee Ich gehörte zu diefer, mein Feind zu jener Abteilung. Wir hatten jdjon bie ganze Woche vorher einen Heinen Brüdentopf gebaut und Teichte Palifaden auge[pigt und eingerammelt, während einige Jim. merleute eine Brüde über das feihte Waller geſchlagen. Run erzwangen wir mit unjerem Gejdjüge höherer Berabredung gemäß den llebergang und trieben rüftig den Feind berghinan. Die Qauptmafje zog auf einem ſchneckenförmigen Fahrweg aufs wärts, inbefjen eine meitgedehnte Plänklerkette das Gebüſch fäuberte und über Stod und Stein vorwärts drang. Bei biefer war das größte Vergnügen und aud) bie ſtärkſte Aufs
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regung; bie einzelnen Leute rüdten fid auf den Leib, die zum Rückzuge bejtimmten mollten durchaus nit meiden, man brannte fid) die Schüffe fait in Gefiht, und mehr als ein
Ladſtock [djmirrte, im Eifer vergefjen, burdj die Bäume, unb |
nur da8 Glüd der Jugend verhütete ernitlide Unfälle; aud) war ber alte Feldwebel, welcher die Plänkler beaufſichtigte, ge nötigt, mit feinem Stode bagmijdjenguid)lagen und reichlich zu fluhen, um bie Disciplin einigermaßen zu wahren. Sch befand
mid) auf einem äußerſten Flügel diefer Kette, teilte aber bie
Aufregung meiner Kameraden nidjt, fondern ging gebanfenlos
vorwärts, ruhig unb melandjolijd) meine Schüffe abgebend und
mein Gemebr wieder ladend. Bald hatte ih mid) von ben übrigen verloren und befand mid mitten am Abhange einer wilden, mir unbefannten Schludht, in deren Ziefe ein Bädhlein riefelte unb bie mit altem Tannenwalde erfüllt war. Der
Himmel hatte fid) bededt, e8 rubte eine düftere und bod) toeid)e
Stimmung auf der Landichaft; das Schießen und Trommeln aus ber Ferne bob mod) die tiefe Stille der unmittelbaren Nähe, ich ftand ftill und lehnte mid) ausruhend auf das Ge mehr, indem ich einer halb meinerlidjen, halb troßigen Laune anheimfiel, meld mid öfter bejdjlidjem Hat gegenüber ber großen Natur und melde ber Bedrängten Yrage nah Glüd it. Da hörte idj Schritte in der Nähe und auf bem [djmalen Felspfade, in ber tiefen Ginjamfeit, fam mein Yeind daher; ba8 Herz klopfte mir Heftig, er (jab mid) ftedjenb an und fandte mir gleih darauf einen Schuß entgegen, [o nah, daB mir einige Pulverkörner ins Gefiht fuhren. Sch ftand unbe weglich und ftarrte ihn an; Bajtig lub er fein Gewehr wieder, id (ab ihm immer zu; dies verwirrte ihn unb made ibn wütend, und in unjüglidjer Berblendung ber GejdjeitDeit, ber vermeintlihen Dummheit und Gutmütigfeit mitten ins Geſicht zu fchießen, wollte er in dichter Nähe eben wieder anlegen,
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als id, meine Waffe wegmwerfend, auf ibn losfuhr unb ibm bie feinige entwand. Gogleid) marem mir in einander per. fchlungen unb nur rangen mir eine volle Piertelitunde mit einander, jtumm und erbittert, mit abmedjjelnbem Glüde Gr war bebenb, wie eine Kate, wandte Hundert Mittel an, um mid) zu alle zu bringen, jtellte mir das Bein, brüdte mid) mit dem Daum hinter den Ohren, ſchlug mir an die Schläfe unb bip mid in die Hand, unb id) wäre zehnmal unterlegen, menm mid nicht eine jtille Wut befeelt Hätte, daß ich aushielt. Mit tödlicher Ruhe flammerte ih mid) an ihn, idlug ibm ge legentlid bie Yauft ins Geliht, Thränen in den Augen, und empfand dabei ein wildes Weh, welches id) fidjer bin, niemals tiefer zu empfinden, ih mag nod) fo alt werden und das Schlimmſte erleben. Endlih glitten mir aus auf ben glatten Radeln, welche den Boden bededten, er fiel unter mich und ſchlug das Hinterhaupt dermaßen wieder eine Fichtenwurzel, Daß er für einen Augenblick gelähmt wurde unb feine Hände fij öffneten. Sogleich ſprang id unmillfürlih auf, er that bas QGleide; ohne uns anzufehen, ergriff jeder fein Gewehr und verließ den unbeimlihen Drt. Ich fühlte mich an allen Gliebern er[djopit, erniedrigt unb meinen Leib entweiht burd) bieje8 feindlihe Ringen mit einem ehemaligen $yreunbe.
Bon biejer Zeit an trafen mir nie wieder zufammen; er modje aus meiner verzweifelten Entſchloſſenheit herausgefühlt haben, daß er im ganzen bod) an den Unrechten gerate, und vermied jebt jede Reibung. Aber ber Streit war unentidjieben geblieben und unjere Feindſchaft dauerte fort; ja fie nahm zu an innerer Kraft, während wir uns in ben Jahren, bie ver» gingen, nur felten ſahen. Jedesmal aber reichte Din, ben be grabenen Haß aufs neue zu reden. Wenn id) ihn jab, fo war mir feine Crjdjeinung, abgefehen von ber Urſache unferer Entzweiung, an fid) jelbit unerträglich, vertilgungsmwürdig; id)
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empfand feine Spur von ber milden Wehmut, meldje ftd) fonft beim Anblicke eines verfeindeten Freundes mit dem Ummwillen vermifcht; ich fühlte den reinen Widermillen unb bap, wie [orit Sugenbfreunbe für das ganze Leben eine Zuneigung bewahren, diefer für bie gleide Dauer mein Augendfeind jeim würde. Aehnlihe Empfindungen mode er bei meinem Anblid erfahren, wozu noch ber Umftand lam, daß bie anfünglide Urfadhe unferer Qyeinb[djaft, die Geſchichte des Gdjulbbudjes, für ibn an ftd) felbjt unpergeBlidj fein mußte (Gr mar unterbefjen in eim Comptoir getreten, hatte feine eigentümlidjen Fähigkeiten fort unb fort ausgebildet, erwies fid) als febr braudbar, Hug unb pielper[predjenb, und erwarb jid) die Neigung feines Bor: gejegten, eines ſchlauen und gewandten Gejhäftsmannes; fur; er fühlte fid glüdlih unb jab voll Hoffnung auf fein gu. fünftiges Selbſtwirken. So lanm id) mir gar wohl denken, daß bie arge Enttäufhung, meldje fein erfter jugendlicher Ber- fud, ein Ge[djáft zu madjen, erfuhr, für ihn ebenfo nadjbalttg ſchmerzlich fein mußte, ala einer Tinblid)en Dichter- ober Künjtler- natur ber evjte verneinende Hohn, welcher ihren naiven und harmlofen Verſuchen zu teil wird.
Wir waren fdjon Tonfirmiert, er etwa achtzehn, id) ſechzehn Sahr alt; wir begannen uns felbitändiger zu bewegen und lernten nun Berhältnifje unb Menſchen kennen. Wenn mir an öffentlichen Orten zufammentrafen, fo vermieden wir, und an zufehen, aber jeder weihte feine Freunde in feinen Haß eim, welcher mandmal um fo gefährlicher zu wirken und auszu⸗ bredjen drohte, al8 nun ein jeder mit foldhen jungen Leuten umging, bie feiner Beihäftigung und feinem Weſen entſprachen und aljo einen empfünglidjen Boden für eine mweiterzündende Feindſchaft bildeten. Deswegen dachte ich mit Gorge am bie Zufunft und mie ba8 denn nun das ganze Qeben Dinburd) m ber fo engen Stadt gehen follte! Allein biele Sorge war
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unnüß, indem ein trauriger (yall ein frühes Ende herbeiführte. Der 3Bater meines Widerfachers hatte ein altes wunderlihes Ge bãude gefauft, welches früher eine ftädtifche Rittermohnung ges weſen und mit einem ſtarken Turme verfehen war. Dies Ge baude wurde nun wohnlich eingerid)tet und in allen Winkeln mit Beränderungen heimgeſucht. Yür ben Sohn mar Dies eine goldene Zeit, da nicht nur das Unternehmen überhaupt ene Spekulation vorjtellte, fondern aud) eine Menge Geſchick— lichkeiten an den Mann gebradjt werden fonnten. Jede Minute, bie er frei hatte, jtedte er unter ben Bauleuten, ging ihnen an bie Hand und übernahm viele Arbeiten ganz, um fie zu er» fegen und au fparen. Mein Weg zur Arbeit führte mid) all» . táglidj an diefem Haufe vorüber und immer [ab idj ihn zwifchen zwölf und ein Uhr, wenn alle Arbeiter rubten, und am Abend wieder, mit einem arbentopfe ober mit einem Hammer unter Yenftern oder auf Gerüjten ftehen. Er mar feit ber Kinderzeit faft gar nidyt mehr gewachſen und jab in feiner Emſigkeit, an den ungeheuerlihen Mauern bängend, höchſt feltfam aus; ih mußte ummwillfürlih laden und hätte fait einem freundlicheren Gefühle Raum gegeben, da er in diefem Wefen bod) liebenswürdig und tüdjtig erjd)iem, wenn er nicht einjt bie Gelegenheit wahrgenommen hätte, einen anfehnlidhen Binfel voll Kalkwaſſer auf mich berunterzufprigen.
Eines Tages, als ich des Haufes bereit8 anſichtig war, führte mid) mein milder Stern burd) eine Seitenjtraße einen andern ®eg; ala id) einige Minuten fpäter wieder im bie Hauptftraße einbog, ſah ih viele erſchreckte Leute aus ber Gegend jenes Haufes herkommen, welche eifrig ipradjen und lamentierten. Um die Wegnahme einer alten Windfahne auf dem gZurme zu bewerfitelligen, hatten die Bauleute erflärt, ein erhebliches Gerüfte anbringen zu mülfen. Der Unglüdlicde, ber fidj alles zutraute, wollte die Koſten [paren und während
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ber Mittagsftunde bie Fahne in aller Stille abnehmen, Hatte fid auf bas fteile hohe Dad hinausbegeben, ftürzte herab und lag in bielem Augenblide zerfchmettert und tot auf bem Pflaſter.
Es durchfuhr mich, als ich die Kunde vernommen und ſchnell meines Weges weiter ging, wohl ein Grauen, verurſacht burd) ben Yall, mie er mar; aber id) mag mid durchwühlen, wie ich mill, ih Tann mid auf feine Spur von Erbarmen oder Reue entjinnen, bie mich burdjaudt Hätte Meine Ges banfen waren und blieben ernit und dunkel; aber das innerite Herz, das fid) nicht gebieten läßt, ladjte auf und mar froh. Wenn ich ihn leiden gejehen ober feinen Leihnam geldjaut, fo glaube id) zuverfihtlih, daß mid) Mitleid und Neue er. griffen hätten; doch bas unjidjtbare Wort, mein Feind fei mit Einem Schlage nicht mehr, gab mir nur Verfühnung, aber bie Verſöhnung der Befriedigung und nicht des Schmerzes, der 9tadje und nicht der Liebe. Ich fonitruierte zwar, als id) mid) bejonnen, rajdj ein fünitfidje8 und verworrenes Gebet, worin ih Gott um Verzeihung, um Mitleid, um Bergeljenheit bat; mein Inneres lächelte dazu, und nod) heute, nachdem wieber Sabre vorübergegangen, [fürdjte id, da meine nad) irüglide Teilnahme an jenem Unglüde mehr eine Blüte des Beritandes, als des Herzens fei, jo tief hatte der Haß gewurzelt!
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Sechzehntes Kapitel, Augeſchicate Lchrer, ſchlimme Schüler.
Um wieder zu jener Schulzeit zurüdzufehren, fo fann id) nit bekennen, daß diefelbe Hell und glüdlich gemefen fei. Der Kreis be8 zu Erfahrenden hatte fid nun ermeitert, bie Anfprühe waren ernfter geworden, ich batte ein dunkles Ge- fühl, baB es fid um Wichtiges und Schönes handle, und audj einen gemijjen Drang, diefem Gefühle zu genügen. ber bie llebergüánge von einer Stufe zur anderen waren mir nie far und gingen mir öfter verloren. Das Uebel lag aber hauptfähhlich in ben Uebergangszuftänden der Schule felbjt, ba bie Lehrerſchaft nod) aus alten Zeilen, nümlidj unbeſchäftigten Theologen ber Landeskirche, bie aus Liebhaberei ober Bedürfnis alle möglihen Lehrfäher zu übernehmen gewöhnt waren, und aus neuen burdjgebilbeten Fachlehrern bejtanb unb daher feine gleihmäßige unb in einander greifende Lehrweiſe hervorbrachte. Jene Theologen vetfuhren nad alten Gewohnheiten und pete ſönlichen Launen, (prangen von ben Gegenftänden ab, wenn es ihnen beliebte, und behandelten alles mehr als Dilettanten, während die weltlihen Berufslehrer wiederum ganz verſchie⸗
dene Manieren und Methoden handhabten, bie ihrerjeit3 aud) Keller L 11
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nod) nicht erprobt waren. Hieraus ergab fidj ala Hauptübel überdies eine ungleidje und unfichere Behandlung ber Zugend und die Möglichkeit jener wunderliden Satajiropben und Abenteuer, deren Dpfer bald ber Lehrer, bald der Schüler wurde.
Es lehrte an unferer Schule ein Mann, melder mit gutem Willen und ebrfifjem Sinn eine große Unerfahrenheit, mit ber Jugend umzugehen, und ein ſchwächliches unb felt fames Aeußeres verband. Er hatte in dem Kampfe, welcher ben Umſchwung der Dinge unb bejonber8 das erneute Schul- weſen berbeiführte, tapfer mitgewirft unb war in der altge finnten Stadt als ein leidenfhaftlicher Liberaler verfchrieen. Wir Knaben waren alfaumal gute Ariftofraten, mit Ausnahme derer, bie vom Lande famen. Auch ich, obgleich meines Ur» fprunges halber audj ein Landmann, aber in der Stadt ge boren, Heulte mit den Wölfen unb dünkte mid) in finbijdem Unverftande glüdlih, aud ein ſtädtiſcher Ariftofrat zu beißen. Meine Mutter politifierte nicht und jonit batte ih fein nahe ftehendes Vorbild, welches meine unmaßgebliden Meinungen hätte beitimmen fönnen. Ich wußte nut, daß bie neue radi- fale Regierung einige alte Türme und Mauerlöcher vertilgt hatte, welche Gegenftand unferer befonderen Zuneigung ge mwejen, unb daß fie aus verhaßten Landleuten und Empor kömmlingen bejtanb. Hätte mein Vater, der zu diefen gehörte, nod) gelebt, jo wäre ich ohne Zweifel ein ganz liberales Männ- lein geweſen.
Gleidj beim Beginne ber neuen Schulen, al8 der unge ſchickte Lehrer feine Thätigfeit mit vieler Gemütlichleit antrat, bradjte ein Schüler, der Sohn eines fanatijdjen Stadtbürgers, mit wichtigen Worten bie Nachricht unter ung, wie der Lehrer geihmoren hätte, un8 Ariftofratenfinder mit eiferner Rute au bünbigen. Er war nämlih in einer Geſellſchaft aufmerkſam gemadjt worden, wie er e$ teilmeife mit einer burdj altes
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Herlommen übermütigen unb ausgelaffenen Stadtjugend au thun baben würde, worauf er antwortete, er werbe mit den Bürfch- lem fon fertig zu werden willen. Auf obige Weife darges ftellt, wurde bieje Rede nun, mabr[djeinfid) nicht ohne Zuthun ber Alten, unter unfere veritandlofe Mafje geworfen unb fie begann fogleidj zu wirken. Wir nahmen den Handſchuh auf; bie SBermegeniten eröffneten einen geordneten Wiberftand unb ein leichtes Geplänkel be8 Unfuges. Schon dies vermirrte ihn, und anjtatt mit Sarfasmen und ruhiger, überlegener Entidiedenheit die Angreifer zurüdgumwerfen, rüdte er ſogleich mit feiner Hauptmacht und bem [deren Gefchüge vor, indem er jeden Leinen Mutwillen, audj jede unabfihtlihe That blind» lings mit ben [djmeríten und einflußreichiten Strafen belegte, die ihm au Gebote ftanden unb welche ſonſt nur in feltenen Hallen angewandt wurden. Dadurch entzog er fid in unfern Augen den guten 9tedjtaboben, ba mir im ber 9(bjdjügung des Berhältniffes zwifchen Strafe unb Vergehen eine große Uebung bejaBen. Seine Strafen wurden bald wertlos und aulegt eine Cbrenjadje, ein Martyrium. Es entitand offener Lärm in den Stunden, meldjer fid) audj in die anderen Säle verbreitete, wo ber Gehegte zu ericheinen hatte. Nun beging er einen neuen Fehlgriff; jtatt bie Bewegung in fi) jelbit zerfallen zu laſſen und eine Zeit lang ihr zu iteben, fing er an, jeden Schüler aus der Stube zu jagen, der das Geringite verübte. Eine unjdjulbig geitellte trage an ihn, das abfichtliche ober unabſichtliche $yallenlajfen eines Gegenitandes reichte hin, ins tele befördert zu werden. Wir merftem uns dies und bald hielt er regelmäßig nur mit zwei ober drei Yrommen feinen Unterricht, während ber helle Haufen vor ber Thüre fidj auf feine Koften beluftigtee Das Einfchreiten oberer Behörden oder aud) feine eigene Energie, wenn er, trop be8 Berbotes, die Schüler zu fcdhlagen, einige ein einziges Mal bei beu
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Köpfen genommen und tüchtig burdjgebláut hätte, würden Din gereicht Haben, die Ruhe berzuftellen. Zu legterem befaß er nicht bie geeignete Perſönlichkeit; das erjtere unterblieb, ba die unmittelbar folgende Inſtanz aus Pflegern beitand, welche dem Berfolgten abgeneigt waren, und fo lang als móglidj die Bor- fälle nidt zu bemerken [djienen. Die Schüler erzählten in ihren Yamilien mit Ruhmredigkeit ihre Thaten, wobei fie nidjt unterliegen, den Lehrer al8 den fchredbarften Popanz darzu⸗ ftelen. Die behäbigen Bürger, fid) mit Wohlgefallen ihrer eigenen Stnabenftreihe erinnernb und in der Erfahrung der alten Zeit au[gemadjjen, daß die Schule nur eine Art Unter- fommen bilde, bis das würdige Bürgerfind, ohne fich den Kopf aerbredjen zu müffen, in das befaglidje Privilegien- und Zunftwejen der guten alten Stadt aufgenommen würde, be ftärkten ihre Söhnlein burdj unverhohlenes Lächeln, mo nicht burdj direkte Aufreizung, in ihrem Treiben. Obgleich bie Gadje Iángit Auffehen gemacht hatte, wurde fie nad) oben bin ſtets fo geſchildert, als ob alle Schuld an bem Berfolgten läge; e8 lam etwa ein Herr in die Stunde, um jelbit zu fehen; dann Düteter wir uns aber wohl, etwas zu beginnen, fo wie wir aud) in den Stunden der übrigen Lehrer uns doppelt ruhig verhielten. Der Unglüdlide war ein Ableiter für allen böfen Stoff, welcher in ber Schule jtedte. So fchleppte er fid) beinahe ein Jahr lang Din, bis er endlich für eine Zeit lang fufpendirt wurde. Er wäre fo gerne ganz weggeblieben, indem er Schaden an feiner Geſundheit litt und ganz abmagerte; aber eine zahlreihe Yamilie ſchrie nad) Brot unb er war auf diefen Beruf angermiejer. So trat er eines Zages jeinen Leidensweg wieder an, [o verföhnlihd unb be ſcheiden als móglid); allein er fand feine Barmherzigkeit; ein wilder Jubel brad) los, das alte Unmefen wiederholte fih und er mußte nad) wenigen Tagen gänzlich entlaffen werden.
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Xd) batte mid) lange Zeit ziemlih ruhig verhalten unb mur bem zahlreihen Auftritten behaglich zugelehen. Gegen den Mann ſelbſt verging ih midj nicht ein einziges Mal, ba e mir miberitrebte, einem Grmadjjenen gegenüber aufzutreten. Grit als das $inaus[djieben ber ganzen Klaffe begann, fuchte ih qud) teil zu nehmen und bewerfitelligte dies durch Tleine Etreihe oder wifhte aud) [o mit hinaus; denn eriten8 ging es ſehr lujtig Ber draußen und zweitens hätte ich um feinen Preis bei den wenigen verpönten Gerechten bleiben mögen, melde in der Stube faßen. Deſto lauter wurde ih, wenn ih einmal draußen war, half Aufzüge und Umgänge anordnen und überließ mid), nad) langer Surüdgegogenbeit, einer fo wilden Freude, daß mir das Herz heftig flopfte und mein Blut ganz in Wallung war, wenn mir bei bem folgenden Lehrer wieder an unferen Plätzen faßen. Sd kann mir feit geitehen, daß ih mid) damals über die Freude felbit freute und Teinerlei Boshett in mir trug. Vielmehr empfand id) ein heimliche Mitleid mit dem Armen, welches ich zu äußern aber unterließ, um nicht lächerlich zu werden. Einſt traf id) ijm ganz allein auf einem $yelbmege; er [dien einen Grbos lungsgang zu machen; unmillfürfid zog ich ehrerbietig meine Müte, was ihn [o freute, daß er mir zuvorfommend dankte und mich dabei fo märterlich anfah, al8 ob er um Barmher- zigleit flehte.e Ich murbe gerührt und dachte, daß e8 anders werden müſſe. Gleid am müdjtet Tage trat ich zu einer Gruppe der wildeſten SRitjdjüler, um geradezu am rechten Flecke anzugreifen und ein Wort bes Mitgefühls, des Nach» denkens unter fie zu werfen; ich hatte den richtigen Inſtinkt, daß biefe8 gewiß, wenn aud) nicht augenblidlich, weiter wirken und bie Laune der Menge anziehen würde. Sie jpradjen eben von dem Lehrer, Hatten eben einen neuen Gpignamen erfunden, ber fo komiſch flang, daß alles beiter Laune war