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Gesammelte Werke

Chapter 13

Section 13

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Gteindjen eine bezeichnete Stelle an einer Mauer treffen, alles burd) langfame und anhaltende Hebung; feine Schulhefte waren forreft unb in bejter Ordnung, feine Schrift Hein und zierlich, bejonber8 feine Zahlen wußte er ausnehmend angenehm und runblidj in Reihen zu feßen. Seine vorzüglichſte Gabe aber war eine gemijje Fähigkeit mit verftändiger Beiprehung alles zu überfpinnen, Berhältniffe auszuflügeln und mit vielfagender Miene Aufihlüffe und Vermutungen aufzuftellen, welche über unfer Alter hinausgingen. Dabei ſtets ein zuverläffiger unb Iurgmeiliger Geſell, gejudt und nüglid, fing er wenig Streit an, fodjt aber einen ſolchen höchſt Hartnädig aus, und er blieb um fo re|peftierter, aí8 er immer wohlbedächtig auf ber Seite ftand, wo bas mirflidje ober erlogene Recht fid) behauptete. Gr war anderthalb Jahre älter als ich, Hatte fich indeſſen enger an mid) geſchloſſen, als alle Uebrigen, fo daß wir eine bejonbere Freundſchaft pflagen und jeden freien 9fugenblid zu⸗ fammen jtedten. Er ergänzte mid) vortrefflih und fagte mir Daher fehr zu. Meine Unternehmungen gingen immer auf das Phantaftifche, Bunte unb Wirkſame aus, während er bird) Genauigkeit und Sorgfalt der medjanijden Arbeit meinen flüchtigen und rohen Entwürfen Zwed und Drbnung verlieh. Meierlein ließ mein Geheimnis ebenfo vorfichtig befteben, wie die anderen, obwohl e$ für feine verftändige Aufmerkſamkeit nod) weniger eine8 fein Tonnte; bod) ließ er nicht ebenfo zwiſchendurch feine Einfiht ahnen, ſondern beſtrebte fid) viel» mehr, mid) von den zu leihtfinnigen Ausgaben abzuhalten und meine Wünſche auf [deinbar nüglide und gute Dinge zu richten mit gejegten Worten, was bem Verkehr mit ihm einen foliden Anftrih gab. Nur für fi felbjt war er mit nod) größerem Eifer bebadjt, als bie übrigen, und fidj nicht be gnügenb mit meiner unmittelbaren $yteigebigfeit, errichtete er mit großer Einfiht ein Schuldverhältnis zwifchen mir und ihm,
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inbem er jid Haushälterifh aus meinem Gelbe eine feine Kaſſe anfammelte, aus welcher er mir, menn idj augenblidlid nicht über mein Käjtchen fonnte, mäßige Vorſchüſſe machte, bie wir gemeinjam verbraudten und die er in ein nieblid) an- gefertigtes Büchelchen eintrug, deilen Seiten mit Soll unb Haben anſehnlich überfchrieben waren. MUeberdies mußte er mir eine Menge Tindifher Gegenftände zu verkaufen, Deren Betrag er fleißig in fein Buch fepte. Seine Gewandtheit in den verſchiedenſten Uebungen permertete er ebenfalls; er war mein bienjtbarer Dämon, der alles konnte und alles in Angriff nahm, was wir wünfchten, aber jede Dienftleijtung durch Kleine Münzforten in meinem Schuldregifter bezeichnete. Auf Spazier- gängen reigte er mid) jtet8, feine Geſchicklichkeit auf die Probe zu jtellen. „Sol idj mit diefem Gteindjen jenes dürre Blatt treffen?” fagte er, unb ich erwiderte: „das fannft du nicht!” „Willſt du mir einen Bagen [djulbig fein, menn ich e8 thue?“ „Ja!“ und er traf e8 unb erfchwerte unter ben gleichen Bes dingungen die Aufgabe mandjmal dreimal Hinter einander, ohne fie je zu verfehlen. Dann fchrieb er die Summe genau in fein Bud mit allerliebiten wohlgeitalteten Zahlen, mag mir ſolches Bergnügen gewährte, daß id) laut auflachte. Cr aber fagte ernithaft, da fei gar nidjt$ zu lachen, id) follte bedenken, ba& ich alles einmal berichtigen müßte unb daß fein Büchlein eine ordentlihe Bedeutung und Gültigfeit hätte vor jedem Ges ſchäftsmann! Dann veranlaßte er mid) wieder zu zahlreichen Betten, ob 3. 2. ein Vogel ſich auf diefen ober jenen Pfahl fegen, ob ein vom Winde bemegter Baum fid) das nádjite Mal fo ober jo tief niederbeugen, ob am Gejtabe des Sees mit dem fünften ober fechiten Wellenſchlage eine große Welle ankommen würde. Wenn bei diefem Spiele der Zufall mid) mandmal gewinnen ließ, fo fegte er in feinem Buche auf die Seite des
Soll mit midjtiger Miene ein knappes Zählchen, welches ſich Keller L
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in feiner Einſamkeit höchſt wunderlich ausnahm unb mir neuen Stoff zum Laden, ihm Hingegen zu ernithaften Redensarten gab. Er fudjte mid) eifrigft zu überzeugen, daß Schulden eine wichtige Gbrenjadje feiern, und eined Tages, al8 ber Sommer ftd) feinem Ende nahte, überra[djte mid) Meierlein rait. ber $tadjridjt, daß er nun ,abgeredjnet" Habe, und zeigte mir eine runde Zahl von mehreren Gulden nebit einigen Kreuzern und Pfennigen und bemerkte dabei, daß e8 nun fehidlid wäre, wenn id) darauf bádjte, ihm den Betrag einzuhändigen, indem er münjdje, aus feinen Grjparnijjen fid) ein ſchönes Buch zu laufen. Doch erwähnte er Dierüber bie nächſten zwei Wochen nidjt8 mehr und legte ingmijdn eine neue Rechnung an, welches er mit vermehrtem Ernte that unb mobei er ein jelt- fames Betragen annahm. Er wurde nicht unfreunblidj, aber die alte Fröhlichkeit und Unbefangenheit unſeres Verkehres war verſchwunden. Eine große Niedergeſchlagenheit beſchlich mich, welche Meierlein durchaus nicht zu ſtören ſchien; vielmehr verfiel er ſelber in einen elegiſchen Ton, ungefähr wie er Abraham überfommen haben mode, al8 ex mit feinem Sohne Saat den vermeintlidh legten Gang that. Nach einiger Zeit wiederholte er feine Mahnung, diesmal mit Gntjdjiebenbeit, doch nicht unfreunblid), fondern mit einer gewiffen Wehmut unb väterlihdem Ernſte. Run erjdjraf id) und fühlte eine heftige Bellemmung, inbejjen id) verſprach, die Gadje abzumaden. Jedoch konnte idj mid) nicht ermannen, die Summe zu nehmen, und verlor felbjt den Mut, meine gewöhnlichen Eingriffe fort aufegen. Das Gefühl meiner Lage hatte fid) jeBt ganz aus gebildet; ich [dj[id) trübfelig umher und wagte nicht zu benfen, was mun fommen follte Ich empfand eine beängjtigende Abhängigkeit gegen meinen Yreund; feine Gegenwart mar mir drüdend, feine Abweſenheit aber peinfid), ba e8 mid) immer zu ihm DBintrieb, um nidj allein zu fein und vielleiht eine
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Gelegenheit zu finden, ihm alles zu gejtehen und bei feiner Bernunft unb Einfiht Nat und Troſt zu finden. Aber er bütete fid) wohl, mir bieje Gelegenheit zu bieten, wurde immer gemejlener im Umgange und 3og fid) zuletzt ganz zurüd, mid) nur aufjudenb, um feine Forderung nun mit furgen, [ait feindlichen Worten zu wiederholen. Er modjte ahnen, daß eine Krıfis für mid) nahe bevorftehe; daher mar er beforgt, nod) vor bem Ausbruche derjelben fein jo lang und [orglid) ge» pilegtes Schäfchen ind Trodene zu bringen. Und er hatte redjt. Um bieje Zeit war meine Mutter burdj bie verfpätete Mitteilung eine8 Belannten aufmerffam gemadjt worden; fie erfuhr enblidj mein bisheriges Treiben außer bem Haufe, moran bauptjádjlid) die übrigen Kumpane [djulb fein mochten, bie fid) (don früher von mir gewendet hatten, als meine Kiedergefchlagenheit begonnen.
Eines Tages, ala idj am Feniter jtanb und für meine Blicke auf den befonnten Dächern, im Gebirge und am Himmel ſtille Ruhepunkte unb die vorwurfsuolle Stube Hinter mir zu vergefjen fuchte, rief mid) die Mutter mit ungemohnter Stimme beim Namen; idj wandte mid) um, da jtanb fie neben dem Zijdj und auf demfelben das geöffnete Käftchen, auf bejjen Boden zwei oder drei Silberjtüde lagen.
Sie ridjtete einen ftrengen und befümmerten Blid auf ni und jagte Bann: „Schau einmal in dies Käftchen!" Ich that e8 mit einem halben Blicke, der mid jeit langer Zeit zum erftenmale wieder den mohlbefannten inneren Raum der geplünderten Lade jeben ließ. Er gähnte mir vormurfsvoll entgegen. „Es ijt alfo wahr,” fuhr die Mutter fort, „was id Babe hören müffen, und mas fi) nun bejtütigt, daß fid) mein guter unb forglojer Glaube, ein braves und gutartiges Kind zu befigen, jo graufam getäufcht fiebt?" Ich ſtand [pradj. [o8 da unb jab in eine Ede; bas Gefühl des Unglüdes und
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ber Bernichtung freijte in meinem Inneren jo jtatf umb ge- waltig, al3 e8 nur immer im langen und vielfältigen Menjchen- leben. vorkommen Tann; aber burd) bie dunkle Wolfe blitzte bereit8 ein lieblidjer $yunfe ber Verſöhnung und Befreiung. Der offene Blick meiner Mutter auf meine unverhüllte Lage fing an den Alp zu bannen, der mid) bisher gebrüdt Hatte; ihr firenge8 Auge war mir wohlthätig und löſte meine Dual und id) fühlte in diefem Augenblide eine unjáglidje Liebe zu ihr, meldje meine Zerknirſchung burdjjtrablte und fait in einen glüdjeligen Sieg verwandelte, während meine Mutter tief in ihrem Summer und in ihrer Strenge beharrte.e Denn bie Art meines Bergehens hatte ihre empfinblidjite Seite, [o zu fagen ihren Lebensnerv getroffen: einesteild das finblidje blinde Bertrauen ihrer religiöfen Rechtlichfeit, anbernteil8 ihre ebenjo religiöfe Gparjamfeit und unmandelbare Lebenzfrage. Sie hatte feine freude beim Anblid des Geldes; nie überſah fie unnötiger Weife ihre Barſchaft; aber jedes Guldenjtüd war ihr beinahe ein heiliges Symbolum des Gdjidjal8, wenn ite e8 in bie Hand nahm, um e8 gegen Lebensbedürfniffe aua. autaujdjen. Deshalb mar fie nun weit jdjmerer mit Gorge er- füllt, ald wenn id) irgend etwas Anderes begangen hätte. Wie um fid) gemaltíam vom Gegenteile zu überzeugen, bielt fie mir alle deutlih und gemeſſen vor und fragte dann wieder- holt: „Sit e8 denn wirflih wahr? Geſtehe!“ Worauf id) ein furge8 Sa bervorbradte und mid) meinen Thränen überließ, ohne indeſſen viel Geräuſch zu madjen; denn id) mar nun völlig befreit und fajt vergrügt.
Sie ging tief bewegt auf unb nieder und [prad: „So weiß id) nun nicht, was werden fol, wenn bu bid) nicht feit unb für immer beffern willit!" Damit legte fie das Käftchen wieder in ihren Gdjreibtijd) unb lie ben Schlüffel deſſelben an dem gewohnten Drt.
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„Sieh,” fagte fie, „ich weiß nicht, ob bu, menn bu deine paar Geldſtücke noch verbraudt hätteſt, alsdann aud nad) meinem Gelde, welches idj fo [paret muß, gegriffen haben mwürdeit; e8 wäre nicht unmöglich gemejen; aber mir ijt e$ unmóglid, dasfelbe vor bir zu verjdjfieBen. Ich lajje daher den Schlüſſel fteden, mie bisher, unb muß e8 darauf an.» fommen lafien, ob du freiwillig bid) gum Beſſern menbelt; denn jonít würde doch alles nichts helfen und es wäre gleidh- gültig, ob wir beide ein bißchen früher oder fpäter unglüdlid) würden!“
Es begannen gerade acht Tage Serien; id) blieb von [elbit im Haufe und judjte alle Winkel auf, in denen ich den Frieden unb bie Ruhe der früheren Tage wieder fand. Ich mar gründlich (till und traurig, zumal die Mutter ihren Grnjt bei: behielt, abs und zuging, ohne vertraulih mit mir zu jpredjen. Am traurigiten war das Gjjen, wenn mir an unjerm Meinen Eßtiſchchen faßen und ich nichts zu fagen wagte oder wünſchte, well ih das Bedürfnis diefer Trauer jelbjt fühlte unb mir fogar darin gefiel, während meine Mutter in tiefen Gedanken faß und mandmal einen Seufzer unterbrüdte.
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Fünfjehmtes Kapitel.
Srieden in ber Hille. Der evite Miderſacher and fein Untergang.
So verharrte ih im Haufe und gelüftete nidjt im min- deiten ins Freie und zu meinen Genofjen. Höchſtens betrachtete id einmal aus dem Yenjter, was auf der Straße vorfiel, unb sog mid) fogleid wieder zurüd, als ob die unheimliche Ber- gangenbeit zu mir Beranftiege. Unter ben Trümmern und Er- innerungen meines verflogenen Wohlitandes befand fid) ein großer Farbenkaſten, rmeldjer gute Yarbentafeln enthielt, ftatt der harten Gteindjen, bie man fonit den Knaben für Farben giebt. Ich Hatte ſchon burdj Meierlein erfahren, daß man nit unmittelbar mit dem Binfel diefe Täfelchen aushöhlen, fondern diefelben in Schalen mit Wafler anreiben müjje. Sie gaben reidjlife, geláttigte Tinten, idj fing an, mit biejen Ber- fude anzuftellen, und lernte fie mifchen. Beſonders entbedte id, daß gelb und blau das per(djiebenite Grün Deritellten, was mid febr freute; daneben fand ich die violetten und braunen Zone. «yd Hatte ſchon längjt mit Verwunderung eine alte in Del gemalte Landſchaft belradjtet, die an unferer Wand Ding; e8 war ein Abend; der Himmel, bejonber8 der unbe- areiffide Uebergang des Gelben in8 Blaue, die Gleihmäßig-
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let und Sanftheit desfelben reigte mid) ſtark an, eben fo febr der Baumſchlag, der mid) unpergleidjlid) dünkte. Obgleich das Bild unter dem Wittelmäßigen jtanb, jdjien e8 mir ein bes wundernswertes Wert zu fein, denn ih jab bie mir befannte Ratur um ihrer felbft willen mit einer gewilfen Technik nad» gebildet. Stundenlang ftand idj auf einem Gtuble davor und perjenlte den Blick im die anbaltlofe Fläche des Himmels unb in das unendlihe Blatigewirre der Bäume, und es zeugte eben nicht von größter Beſcheidenheit, daß ich ploglid) unternahm, das Bild mit meinen WBaflerfarben zu Topieren. Sch ftellte e8 auf ben Zijd, jpaunte einen Bogen Papier auf ein Brett und umgab mid) mit alten Untertaffen und Zellern; denn Scherben waren bei uns nicht zu finden. So rang id) mehrere Tage lang auf das miübjeligite mit meiner Aufgabe; aber ich fühlte mid) glüdlidj, eine fo wichtige und andauernde Arbeit vor mir zu haben; vom frühen Morgen bis zur Dämmes rung fag id daran und nahm mir laum Zeit zum Efien. Der Frieden, meldjer in dem gutgemeinten Bilde atmete, ftieg aud) in meine Seele und modjte von meinem Geſichte auf die Mutter Hinüberfcheinen, welhe am Fenſter jaB und nübte. Roc weniger, al8 id ben Abſtand des Driginales von ber Satur fühlte, ftörte mi bie unenblidje luft zwiſchen meinem Werke und feinem Vorbilde. Es mar ein formlofes, mwolliges Gefledjel, in welchem der günglide Mangel jeder Zeichnung fi) innig mit dem unbeherrſchten Materiale vermählte; wenn man jebodj ba8 Ganze aus einer tüchtigen Entfernung mit dem Delbilde vergleicht, fo Tann man nod) Beute darin einen niji ganz zu perfennenben Gefamteindrud finden. Sturz, id) wurde zufrieden über meinem Thun, vergaß mid) und fing manchmal an zu fingen, wie früher, erjd)raf jedoch darüber unb verftummte wieder. Doch vergaß ich mid) immer mehr unb fummte anhaltender vor midj Din; mie Schneeglödihen im
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Frühjahr taudjte ein und das andere freunblidje Wort meiner Mutter hervor, und aí8 die Qanbjdjajt fertig war, fand id) mid) wieder zu Ehren gezogen unb ba8 Bertrauen der Mutter Dergejtellt. 908 ich eben den Bogen vom Brette Iöfte, klopfte e8 an die Thür und Meierlein trat feierlich herein, legte feine Müte auf einen Stuhl, zog fein Büdjlein hervor, ráujperte fid und hielt einen fürmliden Vortrag an meine Mutter, indem er in höflihen Worten Klage gegen mid) einlegte und bie Frau Qee wollte gebeten haben, meine Berbindlidhkeiten zu erfüllen; denn e8 würde ihm leid thun, wenn e8 zu Unanehm- lichkeiten fommen follte! Damit überreichte der Feine Knirps fein unvermeidliches Buch und bat gefällige Ginjidjt zu nehmen. Meine Mutter [ab ihn mit großen Augen an, dann auf mid, dann in das Büchelchen und fagte: „Was ijt das num wieder?” Sie burdjging die reinlihen Rechnungen und fagte: „Alſo aud) nodj Schulden? Immer beifer, ihr habt das Ding wenigftens großartig betrieben!" mährend Meierlein immer rief: „Es ijt alles in befter Ordnung, Yrau Lee! Diefen lebten Poſten nad) der Hauptredinung bin idj jebod) erbötig nadjgulajjen, wenn Sie mir jene berichtigen wollten.” Sie ladjte ärgerlih unb rief: „Ei ei! So fo? Wir wollen die Gadje einmal mit Deinen Eltern beipredhen, Herr Schuldenvogt! Wie find denn biefe artigen Schulden eigentlid) entitanben?" Da redte jid) der Burſche empor und jagie: „SH muß mir ausbitten, ganz in der Ordnung!" Die Mutter aber fragte mid) ftreng, da id ganz verblüfft unb in neuer Bellemmung dageitanden: „Biſt bu dem Jungen diefes jdjulbig und auf melde Weiſe? Gprid!" Ich ftotterte verlegen Ja und einige Thatſachen über die Natur der Schulden. Da hatte fie ſchon genug und jagte den Meierlein mit feinem Buche aus der Stube, daß er fid mit frechen Gebärden davon madjte, nadjbem er nod) einen drohenden Blid auf mid) geworfen. Nachher befragte fie mid)
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weitläufiig über den ganzen Qergang und geriet in großen Zorn; denn e8 war vorzüglid das ehrbare Ausſehen dieſes Knaben gemwefen, weldjes in ihr von meinen Vergehungen feine Ahnung aufkommen ließ. Sodann nahm fie Gelegenheit, gründ⸗ lier auf alles Gejdjebene einzutreten und mir einbringlidje Boritellungen zu madjen, aber nicht mehr im Tone der ftrengen und jtrafenden Richterin, fondern ber mütterlihen Freundin, bie bereit3 verziehen hat. Und nun mar alles gut.
Allein bod) nicht alles. Denn als idj nun wieder in bie Schule trat, bemerkte ih, daß mehrere Schüler, um Meierlein verjammelt, die Köpfe zufammenjtedten unb mid) bonijd) an⸗ faben. Ich ahnte nichts Gutes, und als bie erfte Stunde zu Ende war, melde der Rektor der Schule felbjt gegeben, trat mein Gläubiger re|peftooll vor in Hin, fein Büchlein in ber Hand, und erhob in geläufiger Rede feine Anflage wider mid). Alles war geipannt und horchte auf, idj ſaß wie auf Kohlen. Der Rektor ftußte, burdjjab das Heft und begann das Verhör, welches Meierlein zu beherrſchen [udjte. Aber ber Boriteher gebot ibm Stille und forderte mid zum Gpreden auf. Ich gab einige Tümmerlihe 9tadjridjt und hätte gern alles per. ſchwiegen; bod) ber Mann rief plöglih: „Genug, ihr ſeid Taugenichtfe und werdet bejtraft!" Damit trat er zu ben auf- [iegenben Zabellen und bebadjte jeden von uns mit einer fharfen Rote. Meierlein fagte betreten: „Aber, Herr Pro» , feſſor —“ „Still,“ rief diefer und nahm das verhängnisvolle Buch, meldjes er in taufend Stüde zerriß, „wenn nod) ein Wort darüber verlautet oder fid) dergleichen wiederholt, fo werdet ihr eingefperrt und als ein paar redjt bedenkliche Ge. jellen abgeitraft! Pal Dich!“
Während der übrigen Unterridtsftunden fchrieb id) ein Briefhen meinem Widerſacher, worin id) ibn verficherte, daß ih ihm nad) unb nad meine Schuld abtragen und ihm jeden
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Kreuzer zuftellen molle, ben id) von nun an eriparen könnte. Sch rolíte bas Papier zufammen, lieb e8 unter ben Zifchen
zu ihm bin befördern und erhielt bie Antwort zurüd: Gogleid) | alles ober nidjtà! Nach Beendigung der Schule, als der Lehrer fort mar, ftellte fid) der Damon an der Thür auf, um- geben von einer (djaulujtigen Menge, unb wie ich hinausgehen wollte, vertrat er mir den Weg und rief: „Seht den Schelm! Er bat den ganzen Sommer Binburd) Geld gejtohlen und mid um fünf Gulden dreißig Kreuzer betrogen! Wißt e8 alle und ſeht ihn an!" „Ein artiger Schelm, ber grüne Qeinrid!^ er. tönte e8 nun von mehreren Seiten, id) rief ganz glühend: „Du bijt felbit ein Schelm und Lügner!" Allein id) wurde überfchrien, fünf oder ſechs boshafte Burfchen, melde ftets einen Gegenitand ber Mißhandlung fuchten, ſcharten fid) um Meierlein, folgten mir nad) und ließen Schimpfworte ertönen, bis ich in meinem Haufe war. Bon jekt an wiederholten fid) folde Borgänge beinahe täglih; Meierlein warb fi eine fórmlidje Verbindung zufammen unb wo id) ging, hörte id) irgend einen Ruf hinter mir. Ich Hatte mein renomijtijdje3 Benehmen fchon verloren und war wieder ungefdidt und blöde geworden; das reizte den Mutwillen und bie Spottſucht meiner Verfolger, bis fie endlich müde wurden. Es waren alles foldje Kumpane, melde jelbit ſchon irgend einen Streich verübt ober nur auf Gelegenheit warteten, Werg an die Kunfel zu be fommen. Es mar auffallend, daß Meierlein troß feines alt» Mugen und fleißigen Weſens jid) nicht zu ähnlich be[djaffenen Naturen hielt, fondern immer in Geſellſchaft ber Leichtfinnigen, ber Mutwilligen und Thörichten zu fehen mar, mie mit mir und den übrigen. Indeffen nahmen nun bie Ruhigen und Unbeſcholtenen unjere8 Alters teil gegen das verfolgungsfüchtige Weſen jener, befhügten mid) zu wiederholten Malen vor ihren Anfällen und ließen mid) überhaupt weder Verachtung mod